Da ich nun von alle dem vorher erzählten und von seinen Grundsätzen
nichts wußte, indem ich nie besondern Umgang mit ihm gehabt -- so hatte
ich nicht den mindesten Anstand ihm die Pistolen sogleich zu schicken.
Nun hatte der Bediente in dem _Billet_ gelesen, daß sein Herr
verreisen wollte, und dieser ihm solches selbst gesagt, auch alles
auf den anderen Morgen um 6 Uhr zur Reise bestellt, sogar den
_Friseur_, ohne daß der Bediente wußte wohin, noch mit wem, noch
auf was Art? Weil Jerusalem aber allezeit seine Unternehmungen vor ihm
geheim tractiret, so schöpfte dieser keinen Argwohn. Er dachte jedoch
bey sich: »Sollte mein Herr etwa heimlich nach Braunschweig reisen
wollen, und dich hier sitzen lassen? &c.« Er mußte die Pistolen zum
Büchsenschäfter tragen und sie mit Kugeln laden lassen.
Den ganzen Nachmittag war Jerusalem für sich allein beschäftiget,
kramte in seinen Papieren, schrieb, ging, wie die Leute unten im
Hause gehört, oft im Zimmer heftig auf und nieder. Er ist auch
verschiedene Mal ausgegangen, hat seine kleinen Schulden, und wo er
nicht auf Rechnung ausgenommen, bezahlt; er hatte ein Paar Manschetten
ausgenommen, er sagt zum Bedienter, sie gefielen ihm nicht, er sollte
sie wieder zum Kaufmann bringen; wenn dieser sie aber nicht gern wieder
nehmen wollte, so wäre da das Geld dafür, welches der Kaufmann auch
lieber genommen.
Etwa um 7 Uhr kam der Italiänische Sprachmeister zu ihm. Dieser fand
ihn unruhig und verdrießlich. Er klagte, daß er seine Hypochondrie
wieder stark habe, und über mancherley; erwähnt auch, daß das Beste
sey, sich aus der Welt zu schicken. Der Italiäner redet ihm sehr zu,
man müsse dergleichen Passionen durch die Philosophie zu unterdrücken
suchen &c. Jerusalem: das ließe sich nicht so thun; er wäre heute
lieber allein, er möchte ihn verlassen. Der Italiäner: er müsse in
Gesellschaft gehen, sich zerstreuen &c. Jerusalem: er gienge auch
noch aus. -- Der Italiener, der auch die Pistolen auf dem Tische
liegen gesehen, besorgt den Erfolg, geht um halb acht Uhr weg und zu
Kielmansegge, da er denn von nichts als von Jerusalem, dessen Unruhe
und Unmuth spricht, ohne jedoch von seiner Besorgniß zu erwähnen, indem
er geglaubt, man möchte ihn deswegen auslachen.
Der Bediente ist zu Jerusalem gekommen, um ihm die Stiefel auszuziehen.
Dieser hat aber gesagt, er gienge noch aus; wie er auch wirklich gethan
hat, vor das Silberthor auf die Starke Weide, und sonst auf die Gasse,
wo er bey Verschiedenen, den Hut tief in die Augen gedrückt, vorbey
gerauscht ist, mit schnellen Schritten, ohne jemand anzusehen. Man hat
ihn auch um diese Zeit eine ganze Weile an dem Fluß stehen sehen, in
einer Stellung, als wenn er sich hineinstürzen wolle (so sagt man).
Vor 9 Uhr kommt er zu Haus, sagt dem Bedienten, es müsse im Ofen noch
etwas nachgelegt werden, weil er so bald nicht zu Bette ginge, auch
solle er auf Morgen früh 6 Uhr alles zurecht machen, läßt sich auch
noch einen Schoppen Wein geben. Der Bediente, um recht früh bey der
Hand zu seyn, da sein Herr immer sehr accurat gewesen, legt sich mit
den Kleidern ins Bette.
Da nun Jerusalem allein war, scheint er alles zu der schrecklichen
Handlung vorbereitet zu haben. Er hat seine Briefschaften alle
zerrissen und unter den Schreibtisch geworfen, wie ich selbst gesehen.
Er hat zwey Briefe, einen an seine Verwandte, den Andern an H...
geschrieben; man meint auch einen an den Gesandten Höffler, den dieser
vielleicht unterdrückt. Sie haben auf dem Schreibtisch gelegen. Erster,
den der Medicus andern Morgens gesehen, hat überhaupt nur folgendes
enthalten, wie _Dr._ Held, der ihn gelesen, mir erzählt:
Lieber Vater, liebe Mutter, liebe Schwestern und Schwager, verzeihen
Sie Ihrem unglücklichen Sohn und Bruder; Gott, Gott, segne euch!
In dem zweyten hat er H... um Verzeihung gebeten, daß er die Ruhe
und das Glück seiner Ehe gestört, und unter diesem theuren Paar
Uneinigkeit gestiftet &c. Anfangs sey seine Neigung gegen seine Frau
nur Tugend gewesen &c. In der Ewigkeit aber hoffe er ihr einen Kuß
geben zu dürfen &c. Er soll drey Blätter groß gewesen seyn, und sich
damit geschlossen haben: »Um 1 Uhr. In jenem Leben sehen wir uns
wieder.« (Vermutlich hat er sich sogleich erschossen, da er diesen
Brief geendigt.)
Diesen ungefähren Inhalt habe ich von jemand, dem der Gesandte
Höffler ihn im Vertrauen gesagt, welcher daraus auf einen würklich
strafbaren Umgang mit der Frau schliessen will. Allein bey H... war
nicht viel erforderlich, um seine Ruhe zu stören und eine Uneinigkeit
zu bewürken. Der Gesandte, deucht mich, sucht auch die Aufmerksamkeit
ganz von sich, auf diese Liebesbegebenheit zu lenken, da der Verdruß
von ihm wohl zugleich Jerusalem determinirt hat; zumal da der Gesandte
verschiedentlich auf die Abberufung des Jerusalem angetragen, und ihm
noch kürzlich starke _reprochen_ vom Hofe verursacht haben soll.
Hingegen hat der Erbprinz von Braunschweig, der ihm gewogen gewesen,
vor Kurzem geschrieben, daß er sich hier noch ein wenig gedulden mögte,
und wenn er Geld bedürfe, es ihm nur schreiben sollte, ohne sich an
seinen Vater, den Herzog, zu wenden.
Nach diesen Vorbereitungen, etwa gegen 1 Uhr, hat er sich denn über
das rechte Auge hinein durch den Kopf geschossen. Man findet die
Kugel nirgends. Niemand im Hause hat den Schuß gehört; sondern der
Franciskaner Pater _Guardian_, der auch den Blick vom Pulver
gesehen, weil es aber stille geworden, nicht darauf geachtet hat. Der
Bediente hatte die vorige Nacht wenig geschlafen und hat sein Zimmer
weit hinten hinaus, wie auch die Leute im Haus, welche unten hinten
hinaus schlafen.
Es scheint sitzend im Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch geschehen zu
seyn. Der Stuhl hinten im Sitz war blutig, auch die Armlehnen. Darauf
ist er vom Stuhle heruntergesunken, auf der Erde war noch viel Blut. Er
muß sich auf der Erde in seinem Blute gewälzt haben; erst beym Stuhle
war eine große Stelle von Blut; die Weste vorn ist auch blutig; er
scheint auf dem Gesichte gelegen zu haben; dann ist er weiter, um den
Stuhl herum, nach ~dem~ Fenster hin gekommen, wo wieder viel Blut
gestanden, und er auf dem Rücken entkräftet gelegen hat. (Er war in
völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Rock mit gelber Weste.)
Morgens vor 6 Uhr geht der Bediente zu seinem Herrn ins Zimmer, ihn zu
wecken; das Licht war ausgebrannt, es war dunkel, er sieht Jerusalem
auf der Erde liegen, bemerkt etwas Nasses, und meynt er möge sich
übergeben haben; wird aber die Pistole auf der Erde, und darauf Blut
gewahr, ruft: Mein Gott, Herr Assessor, was haben Sie angefangen;
schüttelt ihn, er giebt keine Antwort, und röchelt nur noch. Er läuft
zu _Medicis_ und Wundärzten. Sie kommen, es war aber keine
Rettung. _Dr._ Held erzählt mir, als er zu ihm gekommen, habe er
auf der Erde gelegen, der Puls noch geschlagen; doch ohne Hülfe. Die
Glieder alle wie gelähmt, weil das Gehirn lädirt, auch herausgetreten
gewesen; Zum Ueberflusse habe er ihm eine Ader am Arm geöffnet, wobey
er ihm den schlaffen Arm halten müssen, das Blut wäre doch noch
gelaufen. Er habe nichts als Athem geholt, weil das Blut in der Lunge
noch circulirt, und diese daher noch in Bewegung gewesen.
Das Gerücht von dieser Begebenheit verbreitete sich schnell; die ganze
Stadt war in Schrecken und Aufruhr. Ich hörte es erst um 9 Uhr, meine
Pistolen fielen mir ein, und ich weiß nicht, daß ich kurzens so sehr
erschrocken bin. Ich zog mich an und gieng hin. Er war auf das Bette
gelegt, die Stirne bedeckt, sein Gesicht schon wie eines Todten,
er rührte kein Glied mehr, nur die Lunge war noch in Bewegung, und
röchelte fürchterlich, bald schwach, bald stärker, man erwartete sein
Ende.
Von dem Wein hatte er nur ein Glas getrunken. Hin und wieder lagen
Bücher und von seinen eignen schriftlichen Aufsätzen. Emilia Galotti
lag auf einem Pult am Fenster aufgeschlagen; daneben ein Manuscript
ohngefähr Fingerdick in Quart, philosophischen Inhalts, der erste Theil
oder Brief war überschrieben: ~Von der Freyheit~, es war darin
von der moralischen Freyheit die Rede. Ich blätterte zwar darin, um zu
sehen, ob der Inhalt auf seine letzte Handlung einen Bezug habe, fand
es aber nicht; ich war aber so bewegt und consternirt, daß ich mich
nichts daraus besinne, noch die Scene, welche von der Emilia Galotti
aufgeschlagen war, weiß, ohngeachtet ich mit Fleiß darnach sah.
Gegen 12 Uhr starb er. Abends 3/4-11 Uhr ward er auf dem gewöhnlichen
Kirchhof begraben, (ohne daß er seciret ist, weil man von dem
Reichs-Marschall-Amte Eingriffe in die gesandtschaftlichen Rechte
fürchtete) in der Stille mit 12 Laternen und einigen Begleitern;
Barbiergesellen haben ihn getragen; das Kreutz ward voraus getragen;
kein Geistlicher hat ihn begleitet.
Es ist ganz ausserordentlich, was diese Begebenheit für einen Eindruck
auf alle Gemüther gemacht. Leute, die ihn kaum einmahl gesehen, können
sich noch nicht beruhigen; viele können seitdem noch nicht wieder
ruhig schlafen; besonders Frauenzimmer nehmen großen Antheil an seinem
Schicksal; er war gefällig gegen das Frauenzimmer, und seine Gestalt
mag gefallen haben &c.
Wetzlar d. 2. Nov. 1772.
29.
Nachtrag zur Geschichte von Jerusalems Tode,
gefunden in Kestners Papieren.
Man will geheime Nachrichten aus dem Munde des _Secret._ H...
haben, daß am Mittewochen vor Jerusalems Tode, da dieser beym H...
und seiner Frau zum Kaffee war, der Mann zum Gesandten gehen müssen.
Nachdem der Mann wieder kömmt, bemerckt er an seiner Frau eine
ausserordentliche Ernsthaftigkeit und bey Jerusalem eine Stille,
welche beyde ihm sonderbar und bedencklich geschienen, zumal da er sie
nach seiner Zurückkunft so sehr verändert findet. -- Jerusalem geht
weg. _Secret._ H... macht über obiges seine Betrachtungen; er
faßt Argwohn, ob etwa in seiner Abwesenheit etwas ihm nachtheiliges
vorgegangen sein möchte, denn er ist sehr argwöhnisch und eyfersüchtig.
Er stellt sich jedoch ruhig und lustig; und will seine Frau auf die
Probe stellen. Er sagt: Jerusalem habe ihn doch oft zum Essen gehabt,
was sie meynte, ob sie Jerusalem nicht auch einmal zum Essen bey sich
haben wollten? -- Sie, die Frau, antwortet:
Nein; und sie müßten den Umgang mit Jerusalem ganz abbrechen; er finge
an sich so zu betragen, daß sie seinen Umgang ganz vermeiden müßte.
Und sie hielte sich verbunden ihm, dem Manne, zu erzählen, was in
seiner Abwesenheit vorgegangen sey. Jerusalem habe sich vor ihr auf
die Knie geworfen und ihr eine förmliche Liebeserklärung thun wollen.
Sie sey natürlicher Weise darüber aufgebracht worden und hätte ihm
viele Vorwürfe gemacht &c. &c. Sie verlange nun, daß ihr Mann ihm, dem
Jerusalem, das Haus verbieten solle, denn sie könne und wolle nichts
weiter von ihm hören noch sehen.
Hierauf habe H... andern Morgens das Billet an Jerusalem geschrieben
&c.
30.
Goethe an Kestner.
_acc._ von Darmstadt zu Wetzl. 30. Nov. 72.
Ich dank euch lieber Kestner für die Nachricht von des armen Jerusalems
Todt, sie hat uns herzlich interessirt. Ihr sollt sie wieder haben wenn
sie abgeschrieben ist.
Merck läßt euch grüssen auch seine Frau, die immer darauf besteht
ihr müsstet ein recht braver Mensch seyn. Henry geht alle Abend in
die Komödie und kümmert sich nichts um die Welt. Euer Grus an die
Flachsland hat mir einen Kuss getragen ich bitte euch grüsst öfter,
so mag ich gern Porteur seyn. Ich soll euch sagen, dass sie euch
tausendfaches Liebesglück wünscht, und alle möchten Lotten kennen. Ich
pflege viel von ihr zu erzählen da denn die Leute lächlen und argwohnen
es möchte meine Geliebte seyn, biss Merck versichert von der Seite sey
ich ganz unschuldig. Grüsse mir Dorteln und Carolinen und alle meine
Bubens. Gestern fiel mir ein an Lotten zu schreiben. Ich dachte aber,
alle ihre Antwort ist doch nur, wir wollens so gut seyn lassen, und
erschiessen mag ich mich vor der Hand noch nicht. An Gottern hab ich
eben geschrieben, und ihm eine Baukunst geschickt.
Goethe.
31.
Goethes's Schwester an Kestner.