An Goethe abgesandt im November 1772.[13]

Jerusalem ist die ganze Zeit seines hiesigen Aufenthalts mißvergnügt

gewesen, es sey nun überhaupt wegen der Stelle die er hier bekleidete,

und daß ihm gleich Anfangs (bey Graf Bassenheim) der Zutritt in den

großen Gesellschaften auf eine unangenehme Art versagt worden, oder

insbesondere wegen des Braunschweigischen Gesandten, mit dem er bald

nach seiner Ankunft kundbar heftige Streitigkeiten hatte, die ihm

Verweise vom Hofe zuzogen und noch weitere verdrießliche Folgen für

ihn gehabt haben. Er wünschte längst, und arbeitete daran, von hier

wieder wegzukommen; sein hiesiger Aufenthalt war ihm verhaßt, wie er

oft gegen seine Bekannte geäußert hat, und durch meinen Bedienten,

dem es der seinige oft gesagt, wußte ich dieses längst. Bisher hoffte

er, das hiesige Geschäft sollte sich zerschlagen; da nun seit einiger

Zeit mehrerer Anschein zur Wiedervereinigung war, und man im Publiko

solches schon nahe und gewiß glaubte, ist er, etwa vor 8 Tagen, bey

dem Gesandten Falke (dem er bekannt und von dem Vater empfohlen war)

gewesen, und hat diesen darüber auszuforschen gesucht, der denn,

obgleich keine völlige Gewißheit, doch den Anschein und Hoffnung

bezeuget.

Neben dieser Unzufriedenheit war er auch in des pfältz. Sekret. H...

Frau verliebt. Ich glaube nicht, daß diese zu dergleichen Galanterien

aufgelegt ist, mithin, da der Mann noch dazu sehr eifersüchtig war,

mußte diese Liebe vollends seiner Zufriedenheit und Ruhe den Stoß geben.

Er entzog sich allezeit der menschlichen Gesellschaft und den übrigen

Zeitvertreiben und Zerstreuungen, liebte einsame Spaziergänge im

Mondenscheine, gieng oft viele Meilen weit und hieng da seinem Verdruß

und seiner Liebe ohne Hoffnung nach. Jedes ist schon im Stande die

erfolgte Würkung hervorzubringen. Er hatte sich einst Nachts in einem

Walde verirrt, fand endlich noch Bauern, die ihn zurechtwiesen, und kam

um 2 Uhr zu Haus.

Dabey behielt er seinen ganzen Kummer bey sich, und entdeckte solchen,

oder vielmehr die Ursachen davon, nicht einmahl seinen Freunden. Selbst

dem Kielmansegge hat er nie von der H.... gesagt, wovon ich aber

zuverläßig unterrichtet bin.

Er las viel Romane, und hat selbst gesagt, daß kaum ein Roman seyn

würde, den er nicht gelesen hätte. Die fürchterlichsten Trauerspiele

waren ihm die liebsten. Er las ferner philosophische Schriftsteller

mit großem Eyfer und grübelte darüber. Er hat auch verschiedene

philosophische Aufsäze gemacht, die Kielmansegge gelesen und sehr

von anderen Meinungen abweichend gefunden hat; unter andern auch

einen besondern Aufsatz, worin er den Selbstmord vertheidigte. Oft

beklagte er sich gegen Kielmansegge über die engen Gränzen, welche

dem menschlichen Verstande gesetzt wären, wenigstens dem Seinigen;

er konnte äußerst betrübt werden, wenn er davon sprach, was er wißen

möchte, was er nicht ergründen könne &c. (Diesen Umstand habe ich erst

kürzlich erfahren und ist, deucht mir, der Schlüssel eines großen

Theils seines Verdrusses, und seiner Melancholie, die man beyde aus

seinen Mienen lesen konnte; ein Umstand der ihm Ehre macht und seine

letzte Handlung bei mir zu veredlen scheint.) Mendelsohns Phädon war

seine liebste Lectüre; in der Materie vom Selbstmorde war er aber immer

mit ihm unzufrieden; wobey zu bemerken ist, daß er denselben auch

bey der Gewißheit von der Unsterblichkeit der Seele, die er glaubte,

erlaubt hielt. Leibnitzen's Werke las er mit großem Fleiße.

[Illustration: Durchgezeichnet.]

Als letzthin das Gerücht vom Goué sich verbreitete, glaubte er diesen

zwar nicht zum Selbstmorde fähig, stritt aber _in Thesi_ eifrig

für diesen, wie mir Kielmansegge, und viele, die um ihn gewesen,

versichert haben. Ein paar Tage vor dem unglücklichen, da die Rede vom

Selbstmorde war, sagte er zu Schleunitz, es müße aber doch eine dumme

Sache seyn, wenn das Erschiessen mißriethe.

Auch einige Tage zuvor sprachen Brandten mit ihm von seinen weiten

einsamen Spaziergängen, daß ihm da leicht einmal ein Unglück zustossen

könnte, wie zum Ex. vor einiger Zeit, da einer beym entstandenen

Gewitter sich unter ein Gemäuer retiriret, und dieses über ihm

eingestürzt wäre. Er antwortete: das würde mir eben recht seyn. Dorthel

verspricht ihm ein Kränzchen zu machen, wenn er hier stürbe. Er hat in

Brandten Hause sehr über N... geklagt, daß dieser gar nicht schriebe,

er schäme sich zu ihnen zu kommen, da er immer nichts von ihm sagen

könne. Mit einiger Hitze zu Annchen: Ja, ich versichere Sie, die Sünden

meiner Freunde schmerzen mich. (N... war Anbeter der Annchen.) Zu

Kielmansegge hat er von N. gesagt, dieser hätte eine Dreckseele; was

man noch in der Welt machen solle, wo man einen abwesenden Freund nicht

einmal conserviren könne.

In diesen Tagen hat er mich, da er im Brandtischen Hause war, ins

Buffische Haus gehen sehen (oder vielmehr es geglaubt, da es eigentlich

ein anderer war,) und gesagt, mit einem besonderen Ton: wie glücklich

ist Kestner! wie ruhig er dahin geht!

Vergangenen Dienstag kommt er zum kranken Kielmansegge, mit einem

mißvergnügten Gesichte. Dieser frägt ihn, wie er sich befände? Er:

Besser als mir lieb ist. Er hat auch den Tag viel von der Liebe

gesprochen, welches er sonst nie gethan; und dann von der Franckfurter

Zeitung, die ihm seit einiger Zeit mehr als sonst gefalle. Nachmittags

(Dienstag) ist er bey Sekr. H... gewesen. Bis Abends 8 Uhr spielen sie

Tarok zusammen. Annchen Brandt war auch da; Jerusalem begleitet diese

nach Haus. Im Gehen schlägt Jerusalem oft unmuthsvoll vor die Stirn

und sagt wiederholt: Wer doch erst todt, -- wer doch erst im Himmel

wäre! -- Annchen spaßt darüber; er bedingt sich bey ihr im Himmel

einen Platz, und beim Abschiednehmen sagt er: Nun es bleibt dabey, ich

bekomme bey Ihnen im Himmel einen Platz.

Am Mittewochen, da im Kronprinz groß Fest war und jeder jemanden zu

Gaste hatte, gieng er, ob er gleich sonst zu Haus aß, zu Tisch und

brachte den Secr. H... mit sich. Er hat sich da nicht anders als sonst,

vielmehr muntrer betragen. Nach dem Essen nimmt ihn Secret. H... mit

nach Haus zu seiner Frau. Sie trinken Kaffee. Jerusalem sagt zu der

H...: Liebe Frau Secretairin, dieß ist der letzte Kaffee, den ich mit

Ihnen trinke. -- Sie hält es für Spaß und antwortet in diesem Tone.

Diesen Nachmittag (Mittwochs) ist Jerusalem allein bei H...s gewesen,

was da vorgefallen, weiß man nicht; vielleicht liegt hierin der Grund

zum folgenden. -- Abends, als es eben dunkel geworden, kommt Jerusalem

nach Garbenheim, ins gewöhnliche Gasthaus, frägt ob niemand oben im

Zimmer wäre? Auf die Antwort: Nein, geht er hinauf, kommt bald wieder

herunter, geht zum Hofe hinaus, zur linken Hand hin, kehrt nach einer

Weile zurück, geht in den Garten; es wird ganz dunkel, er bleibt da

lange, die Wirthin macht ihre Anmerkungen darüber, er kommt wieder

heraus, geht bei ihr, alles ohne ein Wort zu sagen, und mit heftigen

Schritten, vorbey, zum Hofe hinaus, rechts davon springend.

Inzwischen, oder noch später, ist unter H... und seiner Frau etwas

vorgegangen, wovon H... einer Freundin vertrauet, daß sie sich über

Jerusalem etwas entzweyet und die Frau endlich verlangt, daß er ihm

das Haus verbieten solle, worauf er es auch folgenden Tags in einem

_Billet_ gethan.

Nachts vom Mittewoch auf den Donnerstag ist er um 2 Uhr aufgestanden,

hat den Bedienten geweckt, gesagt, er könne nicht schlafen, es sey ihm

nicht wohl, läßt einheitzen, Thee machen, ist aber doch nachher ganz

wohl, dem Ansehen nach.

Donnerstags Morgens schickt _Secret._ H... an Jerusalem ein

_Billet_. Die Magd will keine Antwort abwarten und geht.

Jerusalem hat sich eben rasiren lassen. Um 11 Uhr schickt Jerusalem

wiederum ein _Billet_ an _Secret._ H..., dieser nimmt es

dem Bedienten nicht ab, und sagt, er brauche keine Antwort, er könne

sich in keine Correspondenz einlassen, und sie sähen sich ja alle

Tage auf der Dictatur. Als der Bediente das _Billet_ unerbrochen

wieder zurückbringt, wirft es Jerusalem auf den Tisch und sagt: es ist

auch gut. (Vielleicht den Bedienten glauben zu machen, daß es etwas

gleichgültiges betreffe.)

Mittags isset er zu Haus, aber wenig, etwas Suppe. Schickt um 1 Uhr ein

_Billet_ an mich und zugleich an seinen Gesandten, worin er diesen

ersucht, ihm auf diesen (oder künftigen) Monat sein Geld zu schicken.

Der Bediente kommt zu mir. Ich bin nicht zu Hause, mein Bedienter auch

nicht. Jerusalem ist inzwischen ausgegangen, kommt um 1/4-4 Uhr zu

Haus, der Bediente giebt ihm das _Billet_ wieder. Dieser sagt:

Warum er es nicht in meinem Hause, etwa an eine Magd, abgegeben? Jener:

Weil es offen und unversiegelt gewesen, hätte er es nicht thun mögen.

-- Jerusalem: Das hätte nichts gemacht, jeder könne es lesen, er sollte

es wieder hinbringen. -- Der Bediente hielt sich hierdurch berechtigt,

es auch zu lesen, ließt es und schickt es mir darauf durch einen Buben,

der im Hause aufwartet. Ich war inzwischen zu Haus gekommen, es mogte

1/2-4 Uhr seyn, als ich das Billet bekam:

»Dürfte ich Ew. Wohlgeb. wohl zu einer vorhabenden Reise um ihre

Pistolen gehorsamst ersuchen?

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 8 / 63 题