Jerusalem ist die ganze Zeit seines hiesigen Aufenthalts mißvergnügt
gewesen, es sey nun überhaupt wegen der Stelle die er hier bekleidete,
und daß ihm gleich Anfangs (bey Graf Bassenheim) der Zutritt in den
großen Gesellschaften auf eine unangenehme Art versagt worden, oder
insbesondere wegen des Braunschweigischen Gesandten, mit dem er bald
nach seiner Ankunft kundbar heftige Streitigkeiten hatte, die ihm
Verweise vom Hofe zuzogen und noch weitere verdrießliche Folgen für
ihn gehabt haben. Er wünschte längst, und arbeitete daran, von hier
wieder wegzukommen; sein hiesiger Aufenthalt war ihm verhaßt, wie er
oft gegen seine Bekannte geäußert hat, und durch meinen Bedienten,
dem es der seinige oft gesagt, wußte ich dieses längst. Bisher hoffte
er, das hiesige Geschäft sollte sich zerschlagen; da nun seit einiger
Zeit mehrerer Anschein zur Wiedervereinigung war, und man im Publiko
solches schon nahe und gewiß glaubte, ist er, etwa vor 8 Tagen, bey
dem Gesandten Falke (dem er bekannt und von dem Vater empfohlen war)
gewesen, und hat diesen darüber auszuforschen gesucht, der denn,
obgleich keine völlige Gewißheit, doch den Anschein und Hoffnung
bezeuget.
Neben dieser Unzufriedenheit war er auch in des pfältz. Sekret. H...
Frau verliebt. Ich glaube nicht, daß diese zu dergleichen Galanterien
aufgelegt ist, mithin, da der Mann noch dazu sehr eifersüchtig war,
mußte diese Liebe vollends seiner Zufriedenheit und Ruhe den Stoß geben.
Er entzog sich allezeit der menschlichen Gesellschaft und den übrigen
Zeitvertreiben und Zerstreuungen, liebte einsame Spaziergänge im
Mondenscheine, gieng oft viele Meilen weit und hieng da seinem Verdruß
und seiner Liebe ohne Hoffnung nach. Jedes ist schon im Stande die
erfolgte Würkung hervorzubringen. Er hatte sich einst Nachts in einem
Walde verirrt, fand endlich noch Bauern, die ihn zurechtwiesen, und kam
um 2 Uhr zu Haus.
Dabey behielt er seinen ganzen Kummer bey sich, und entdeckte solchen,
oder vielmehr die Ursachen davon, nicht einmahl seinen Freunden. Selbst
dem Kielmansegge hat er nie von der H.... gesagt, wovon ich aber
zuverläßig unterrichtet bin.
Er las viel Romane, und hat selbst gesagt, daß kaum ein Roman seyn
würde, den er nicht gelesen hätte. Die fürchterlichsten Trauerspiele
waren ihm die liebsten. Er las ferner philosophische Schriftsteller
mit großem Eyfer und grübelte darüber. Er hat auch verschiedene
philosophische Aufsäze gemacht, die Kielmansegge gelesen und sehr
von anderen Meinungen abweichend gefunden hat; unter andern auch
einen besondern Aufsatz, worin er den Selbstmord vertheidigte. Oft
beklagte er sich gegen Kielmansegge über die engen Gränzen, welche
dem menschlichen Verstande gesetzt wären, wenigstens dem Seinigen;
er konnte äußerst betrübt werden, wenn er davon sprach, was er wißen
möchte, was er nicht ergründen könne &c. (Diesen Umstand habe ich erst
kürzlich erfahren und ist, deucht mir, der Schlüssel eines großen
Theils seines Verdrusses, und seiner Melancholie, die man beyde aus
seinen Mienen lesen konnte; ein Umstand der ihm Ehre macht und seine
letzte Handlung bei mir zu veredlen scheint.) Mendelsohns Phädon war
seine liebste Lectüre; in der Materie vom Selbstmorde war er aber immer
mit ihm unzufrieden; wobey zu bemerken ist, daß er denselben auch
bey der Gewißheit von der Unsterblichkeit der Seele, die er glaubte,
erlaubt hielt. Leibnitzen's Werke las er mit großem Fleiße.
[Illustration: Durchgezeichnet.]
Als letzthin das Gerücht vom Goué sich verbreitete, glaubte er diesen
zwar nicht zum Selbstmorde fähig, stritt aber _in Thesi_ eifrig
für diesen, wie mir Kielmansegge, und viele, die um ihn gewesen,
versichert haben. Ein paar Tage vor dem unglücklichen, da die Rede vom
Selbstmorde war, sagte er zu Schleunitz, es müße aber doch eine dumme
Sache seyn, wenn das Erschiessen mißriethe.
Auch einige Tage zuvor sprachen Brandten mit ihm von seinen weiten
einsamen Spaziergängen, daß ihm da leicht einmal ein Unglück zustossen
könnte, wie zum Ex. vor einiger Zeit, da einer beym entstandenen
Gewitter sich unter ein Gemäuer retiriret, und dieses über ihm
eingestürzt wäre. Er antwortete: das würde mir eben recht seyn. Dorthel
verspricht ihm ein Kränzchen zu machen, wenn er hier stürbe. Er hat in
Brandten Hause sehr über N... geklagt, daß dieser gar nicht schriebe,
er schäme sich zu ihnen zu kommen, da er immer nichts von ihm sagen
könne. Mit einiger Hitze zu Annchen: Ja, ich versichere Sie, die Sünden
meiner Freunde schmerzen mich. (N... war Anbeter der Annchen.) Zu
Kielmansegge hat er von N. gesagt, dieser hätte eine Dreckseele; was
man noch in der Welt machen solle, wo man einen abwesenden Freund nicht
einmal conserviren könne.
In diesen Tagen hat er mich, da er im Brandtischen Hause war, ins
Buffische Haus gehen sehen (oder vielmehr es geglaubt, da es eigentlich
ein anderer war,) und gesagt, mit einem besonderen Ton: wie glücklich
ist Kestner! wie ruhig er dahin geht!
Vergangenen Dienstag kommt er zum kranken Kielmansegge, mit einem
mißvergnügten Gesichte. Dieser frägt ihn, wie er sich befände? Er:
Besser als mir lieb ist. Er hat auch den Tag viel von der Liebe
gesprochen, welches er sonst nie gethan; und dann von der Franckfurter
Zeitung, die ihm seit einiger Zeit mehr als sonst gefalle. Nachmittags
(Dienstag) ist er bey Sekr. H... gewesen. Bis Abends 8 Uhr spielen sie
Tarok zusammen. Annchen Brandt war auch da; Jerusalem begleitet diese
nach Haus. Im Gehen schlägt Jerusalem oft unmuthsvoll vor die Stirn
und sagt wiederholt: Wer doch erst todt, -- wer doch erst im Himmel
wäre! -- Annchen spaßt darüber; er bedingt sich bey ihr im Himmel
einen Platz, und beim Abschiednehmen sagt er: Nun es bleibt dabey, ich
bekomme bey Ihnen im Himmel einen Platz.
Am Mittewochen, da im Kronprinz groß Fest war und jeder jemanden zu
Gaste hatte, gieng er, ob er gleich sonst zu Haus aß, zu Tisch und
brachte den Secr. H... mit sich. Er hat sich da nicht anders als sonst,
vielmehr muntrer betragen. Nach dem Essen nimmt ihn Secret. H... mit
nach Haus zu seiner Frau. Sie trinken Kaffee. Jerusalem sagt zu der
H...: Liebe Frau Secretairin, dieß ist der letzte Kaffee, den ich mit
Ihnen trinke. -- Sie hält es für Spaß und antwortet in diesem Tone.
Diesen Nachmittag (Mittwochs) ist Jerusalem allein bei H...s gewesen,
was da vorgefallen, weiß man nicht; vielleicht liegt hierin der Grund
zum folgenden. -- Abends, als es eben dunkel geworden, kommt Jerusalem
nach Garbenheim, ins gewöhnliche Gasthaus, frägt ob niemand oben im
Zimmer wäre? Auf die Antwort: Nein, geht er hinauf, kommt bald wieder
herunter, geht zum Hofe hinaus, zur linken Hand hin, kehrt nach einer
Weile zurück, geht in den Garten; es wird ganz dunkel, er bleibt da
lange, die Wirthin macht ihre Anmerkungen darüber, er kommt wieder
heraus, geht bei ihr, alles ohne ein Wort zu sagen, und mit heftigen
Schritten, vorbey, zum Hofe hinaus, rechts davon springend.
Inzwischen, oder noch später, ist unter H... und seiner Frau etwas
vorgegangen, wovon H... einer Freundin vertrauet, daß sie sich über
Jerusalem etwas entzweyet und die Frau endlich verlangt, daß er ihm
das Haus verbieten solle, worauf er es auch folgenden Tags in einem
_Billet_ gethan.
Nachts vom Mittewoch auf den Donnerstag ist er um 2 Uhr aufgestanden,
hat den Bedienten geweckt, gesagt, er könne nicht schlafen, es sey ihm
nicht wohl, läßt einheitzen, Thee machen, ist aber doch nachher ganz
wohl, dem Ansehen nach.
Donnerstags Morgens schickt _Secret._ H... an Jerusalem ein
_Billet_. Die Magd will keine Antwort abwarten und geht.
Jerusalem hat sich eben rasiren lassen. Um 11 Uhr schickt Jerusalem
wiederum ein _Billet_ an _Secret._ H..., dieser nimmt es
dem Bedienten nicht ab, und sagt, er brauche keine Antwort, er könne
sich in keine Correspondenz einlassen, und sie sähen sich ja alle
Tage auf der Dictatur. Als der Bediente das _Billet_ unerbrochen
wieder zurückbringt, wirft es Jerusalem auf den Tisch und sagt: es ist
auch gut. (Vielleicht den Bedienten glauben zu machen, daß es etwas
gleichgültiges betreffe.)
Mittags isset er zu Haus, aber wenig, etwas Suppe. Schickt um 1 Uhr ein
_Billet_ an mich und zugleich an seinen Gesandten, worin er diesen
ersucht, ihm auf diesen (oder künftigen) Monat sein Geld zu schicken.
Der Bediente kommt zu mir. Ich bin nicht zu Hause, mein Bedienter auch
nicht. Jerusalem ist inzwischen ausgegangen, kommt um 1/4-4 Uhr zu
Haus, der Bediente giebt ihm das _Billet_ wieder. Dieser sagt:
Warum er es nicht in meinem Hause, etwa an eine Magd, abgegeben? Jener:
Weil es offen und unversiegelt gewesen, hätte er es nicht thun mögen.
-- Jerusalem: Das hätte nichts gemacht, jeder könne es lesen, er sollte
es wieder hinbringen. -- Der Bediente hielt sich hierdurch berechtigt,
es auch zu lesen, ließt es und schickt es mir darauf durch einen Buben,
der im Hause aufwartet. Ich war inzwischen zu Haus gekommen, es mogte
1/2-4 Uhr seyn, als ich das Billet bekam:
»Dürfte ich Ew. Wohlgeb. wohl zu einer vorhabenden Reise um ihre
Pistolen gehorsamst ersuchen?