Unser Dichter ist dahingegangen; wir betrachten sein mächtiges Leben;
wir erforschen seine Spuren; wir sammeln was ihn betrifft, um der
Geschichte die verklungenen Töne zu überweisen, aus denen sie die
unvergängliche Sprache bildet, zur Erhebung und Belehrung der Menschen.
Solchen Schätzen fügen wir hiemit eine Reihe eigenhändiger Briefe
~Goethe's~ hinzu, vorzüglich aus der Periode des ~Werther~,
und begleiten sie mit einigen erläuternden Documenten.
In einer lieblichen Erscheinung der Wirklichkeit, in der wir die
Elemente seines großen Gedichtes erkennen, erblicken wir Ihn, der
seitdem ein halbes Jahrhundert die Ideen seiner Nation beherrscht hat,
einem jungen Adler gleich, der seine Flügel zu schwingen beginnt,
kaum ahnend, daß sie Ihn einst zur höchsten Sonne tragen werden, sehen
Ihn, den Jüngling, den Freund, den Liebenden, mit unsern eigenen Augen
im Leben wandelnd. Denn wenn Er uns später das Bild seines Lebens als
»Wahrheit und Dichtung«[2] gab, so bekannte Er selbst seinen Zweifel,
ob im Nebel der Vergangenheit Ihm das Geschehene oder die Idee des
Dichters erscheine, ob seine bejahrten Augen an dem Jünglinge die
Farben der Jugend noch zu erkennen vermöchten.
Goethe's Verehrung einer wirklichen Lotte in Wetzlar war Vielen
bekannt; denn schon als ein glänzender Jüngling war er vielfach von
den Zeitgenossen besprochen und hochgeschätzt. Kurze Zeit, nachdem
er die Stadt auf immer verlassen hatte, erschoß sich daselbst ein
interessanter junger Mann, Wilhelm Jerusalem, Sohn des berühmten
Theologen, des Abts Jerusalem in Braunschweig. Zwei Jahre darauf
erschien der Roman: »Die Leiden des jungen Werther.« Der erdichtete
Selbstmord des erdichteten Werther, und die noch in frischem Andenken
stehende Schreckensthat Jerusalems, die ebenfalls einer unglücklichen
Liebe zugeschrieben und mit Goethe's Aufenthalt in derselben Stadt
fast gleichzeitig war, wirkten zusammen, um die vom Dichter durch
den Roman so heftig bewegten Gemüther aufzuregen, und trieben zur
Erforschung der Thatsachen, in denen man den Gegenstand so lebendiger
Schilderung zu entdecken begierig war. Ein Gewirre von Erzählungen
und Auslegungen überschwemmte Deutschland, in denen bald der todte
Jerusalem, bald der lebende Goethe mit dem Werther vermengt und
verflochten wurde. Solche Beziehungen konnten, wie wir sehen werden,
größtentheils nur Goethe's Seelenzustand treffen, das Faktische
derselben aber war, zumal in so fern es die Katastrophe des Romans
betrifft, schon deßwegen seiner Person fremd, weil er die Lotte schon
in ihrem Brautstande auf immer verlassen hat, und niemals als junge
Frau, sondern erst, als er 70, und sie 60 Jahre alt war, in Weimar,
wo sie ihre Schwester besuchte, wieder gesehen hat, als sie die
ehrwürdige Mutter von zwölf Kindern war, von denen der Verfasser dieser
Einleitung der vierte Sohn ist. Unsere Briefe setzen dieses Alles ins
Licht. Um jedoch das Bild jener Zeit vollständig aufzufassen, ist
es wesentlich, die Personen der Freunde kennen zu lernen, mit denen
Goethe gleichsam aus dem Leben in die Dichtung überging; und hiezu
sind die nachstehenden Seiten bestimmt. Wenn in diesen historischen
Erläuterungen der Sohn über seine Eltern so ausführlich redet, so
glaubt er solches in Beziehung auf Goethe selbst nicht unterlassen zu
dürfen, weil dadurch dessen innige Freundschaft für die Eltern erklärt
und nur dadurch sein ganzes Verhältniß zu ihnen erklärlich wird.
Der nachmalige Hofrath Johann Christian Kestner in Hannover,
in Goethe's »Wahrheit und Dichtung« (_pag._ 114 des 22.
Bandes von Goethe's sämmtl. Werken) mit dem Beinamen: »der
Bräutigam,« bezeichnet, kam, sechs und zwanzig Jahre alt, als
Legationssecretär der kurfürstlich hannöverschen Gesandtschaft bei der
Kammergerichtsvisitation, im Jahre 1767, nach Wetzlar. In Hannover (am
28. Aug. -- auch Goethe's Geburtstage, -- 1741) geboren, hatte er in
einem glücklichen Familienkreise und an der Hand eines Hauslehrers von
ausgebreitetem Wissen und edlem Character eine auserlesene Erziehung
gehabt. (S. Nr. 139 der Documente.) Viele Ehrenmänner, bekannte wie
unbekannte, haben in vieljähriger Freundschaft mit ihm bezeugt, daß er
ein ausgezeichneter Jüngling, später ein trefflicher Mann war: tüchtig,
gerecht und menschenliebend, mit einem Verstande durch das Herz, einem
Herzen durch den Verstand bereichert. Goethe, einer dieser Zeugen,
sagt in einem seiner Briefe: »Ihr wart mir eine Art Ideal eines durch
Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen, und euer musterhaftes Leben mit
Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild.« (S. Nr.
127.)
Um einen Blick auch unmittelbar auf seine Person, als eine der
Haupterscheinungen auf dem Boden, den Goethe in Wetzlar betrat,
zu eröffnen, haben wir die Goethe'schen Briefe ebenfalls mit
einigen Briefen Kestners an andere Freunde, insonderheit an seine
Jugendfreunde, die bekannten Gebrüder v. Hennings, begleitet, welche
zugleich Thatsachen von Erheblichkeit enthalten. Es wird in der
Familie noch ein fernerer, gar liebenswürdiger Briefwechsel aus der
Schulzeit und den Universitätsjahren dieser Freunde aufbewahrt.
Alles darin ist gediegen und rein. Warm, gleich Liebenden, wahr und
arglos wie Kinder, kaum ahnend, daß Schlechtes oder Unschönes in der
Welt sei, durchdrungen von sittlichem Ernst, führen die Jünglinge in
diesen Briefen alles was sie denken auf ihre Freundschaft zurück,
und stärken ihren jugendlichen Sinn für das Gute und Schöne, durch
Wissenschaft, Natur und Dichtkunst. Wenn gleich diese Briefe, einige
wenige ausgenommen, die wir unsern Urkunden anschließen, den Umfang
dieses Buches nicht erweitern sollen, so durfte der Inhalt derselben
nicht unberührt bleiben, da die Seelenschönheit, welche aus denselben
hervorleuchtet, zur Auffassung einer so reinen und hohen Freundschaft
leitet, welche Kestner mit dem Vollgehalt seines dafür empfänglichen
Herzens dem jungen Goethe entgegentrug, von diesem in seinem großen
Seelenvermögen erwiedert wurde, und in beiden einen so seltenen
Edelmuth entwickelte.
Kestner, an reichhaltigen Umgang gewöhnt, litt anfangs an dem Mangel
desselben in der fremden Stadt, und tröstete seine Einsamkeit durch die
Schönheiten des Lahnthales, das er, Inhalts seiner Tagebücher, zu Fuß
und zu Pferde durchstrich. Doch gar bald fand er Ersatz für das, was
er zu Hause verlassen, in der Familie des Deutschordens-Amtmanns Buff,
die von manchen Zeugen als eine der auserlesensten jener Stadt, als ein
Bild heiterer und unschuldiger Häuslichkeit geschildert ist. Der Vater,
ein kräftiger Biedermann, die Mutter von höchster Vortrefflichkeit. Sie
war in der Stadt die Mutter der schönen Kinder genannt.
Nicht lange hatte er diesen reichen Umgang genossen, als die
Zweitgeborne der Töchter, Charlotte, das höchste Ziel seiner Wünsche
wurde. Mit ihrer Liebe zugleich gewann er die besondere Gunst der
Mutter. Die von solcher Mutter erzogene Lotte, verstand, auch voll
Lebhaftigkeit und Muthwillen, wie sie war, ihren sanftmüthigen Bewerber
in der Unschuld seines Gemüths und der Redlichkeit seines Charakters.
In dem Briefe an seinen Jugendlehrer (Nr. 139) und einigen an seinen
Freund (Nr. 140 u. f.) lernen wir Mutter und Tochter näher kennen, und
zugleich ihn selbst, der in seiner Freude an denen, die er schildert,
vor uns steht. Im Werther, im letzten Briefe des ersten Buchs, hat
Goethe dieser seltenen Frau, indem er die Tochter reden läßt, ein
Denkmal der Verehrung gesetzt, eine Scene schildernd, die aus dem Leben
genommen ist.
Im Jahr 1770 ward diese glückliche Familie der edlen Mutter beraubt,
und Lotte, gleich als hätte eine Familienwahl es entschieden, erbte die
mütterlichen Sorgen für zehn Kinder.
Vom Jahr 1768 bis 1772 hatte Kestner, als glücklicher Verlobter, den
Frühling seines Lebens genossen, als er, durch Goethe's Bekanntschaft,
den Werth seiner Geliebten noch höher erkennen mußte. Goethe, der
in Wetzlar den Proceß des Reichskammergerichts studiren sollte, und
Kestner, der bei reichlichen Amtsgeschäften seine Welt in einem
einzigen Hause gefunden, waren einander noch nicht begegnet, als
Gotter, einer seiner Freunde, sie eines Tages in dem Dorfe Garbenheim,
(im Werther Wahlheim genannt,) einem Vergnügungsorte unweit Wetzlar,
zusammenführte. Dieser Begegnung verdanken wir die von Kestner
hingeworfene Charakteristik Goethe's (Nr. 1 unserer Documente).
Kurze Zeit darauf machte Goethe mit Lotten Bekanntschaft auf einem
Ball, (welcher im Werther zur Schilderung der ersten Begegnung Werthers
mit Lotten, im Briefe vom 16. Jun. _pag._ 21 des ersten Buches,
den Stoff gegeben) und schon am andern Tage erfolgte sein erster
Besuch ihrer Familie im deutschen Hause.[3]
In dieser reinen, durch den Segen der unlängst verstorbenen Mutter
geheiligten Atmosphäre, fand Goethe vier Monate lang seine Lebensluft.
Um Lottens willen hatte er zuerst Aufnahme in der Familie gesucht.
Aber hier kamen die blühenden Kinder, eins schöner als das andere,
um ihn her gesprungen, und nahmen ihn mit zwanzig Händen in Besitz,
jubelnd über den schönen neuen Vetter oder Onkel, ihn, der nicht
lieber die Odyssee lesen mochte, als ihnen Märchen erzählen, und
auf dem Boden unter ihnen, von den wilden Buben sich zerzausen
lassen. Von dem Amtmann wie ein Sohn, von den mehr herangewachsenen
Geschwistern wie ein älterer Bruder geliebt, wurde er in kurzer Zeit
Kestnern und Lotten innigst befreundet. Kestner stellte ihn in seinem
Herzen seinem Jugendgefährten v. Hennings zunächst; -- Goethen, dem
Dichter, dessen Beruf das Schöne war, war es natürlich, hier wieder zu
lieben, und beide junge Männer, während sie in jedem Augenblicke die
größten Gefahren, denen die Freundschaft begegnen kann, überwanden,
legten sich gegenseitig das Zeugniß der hohen Eigenschaften ab, die
allein es möglich machten, einer so schweren Stellung sich würdig zu
verhalten. Und hatte wohl Kestner Goethen zunächst nur seinen klaren
Verstand, seine Wärme für das Gute und Schöne, und seine redliche
Liebe zu geben, so waren sie in der glücklichen Jugendzeit, wo selbst
wenigere Seelenbezüge, dafern sie nur wesentlich sind, Freundschaft
und Brüderlichkeit begründen. In Lotten gedieh die jungfräuliche
Würdigkeit, die aus dem Beispiel der Zucht edler Mütter in dem Wesen
der Töchter emporwächst, noch zu höherem Adel durch ihre individuelle
Natur und ihre Lage. Geschaffen für die Wirklichkeit des Lebens, und
zwar dessen heiterste Seite, war durchaus kein sentimentales Element
in ihrem Charakter, und wo die Lotte im Werther mit romanhaften Ideen
beschäftigt, wo sie gar tändelnd dargestellt wird, waren die Züge nicht
aus ihrem Leben genommen. Aber hätte auch, in Empfindungen zu leben, in
ihrem Charakter gelegen, so hätte diese Neigung den mütterlichen Sorgen
weichen müssen, die sie als achtzehnjähriges Mädchen sich auflud; denn
zehn lebhafte Kinder tobten um sie her, den ganzen Tag. Das glückliche
Zusammentreffen ihrer zufälligen Bestimmung mit ihren natürlichen
Anlagen, erhob um so mehr ihre jugendliche Schwungkraft. Die häusliche
Macht einer Mutter handhabend, war sie ein Mädchen an Frohsinn und
Lebendigkeit. Die pflichtmäßige Miene der mütterlichen Strenge hatte
den Schmelz der bräutlichen Heiterkeit. Dieses waren die Eigenschaften
eines weiblichen Wesens, in welchem vom Kopf bis zu den Füßen, Alles
Uebereinstimmung der rechten Maße, Alles Gemüth, Alles arglose Jugend
war; in deren Anschauung Goethe's edle Leidenschaft, zugleich mit
seiner Hochachtung, täglichen Wachsthum erhielt.
Mit diesen Seelenzuständen der trefflichsten Art, in welche Goethe
sich hineinlebte, übereinstimmend, sahen die Verlobten in seinem stets
offenen Herzen, daß es edel war. In solchem, von ihnen Allen getheilten
Selbstgefühl konnte es unter solchen Menschen geschehen, daß er das
Bekenntniß jeder seiner Empfindungen zum Gegenstand des freiesten
Verkehres mit beiden Verlobten machte. Unter ihnen gab es keine
argwöhnische Eifersucht, die den Nebenbuhler ängstlich bewacht, und ihm
die Thür der Geliebten versperrt; unter ihnen keinen Stolz des Siegers,
keinen Groll des minder Begünstigten, keine Eitelkeit der Angebeteten,
die in ihrem Triumphe sich gefiele. Denn kein Gedanke war von einem
dieser drei redlichen Freunde gedacht, keine Empfindung gefühlt, die
nicht das gemeinschaftliche Eigenthum aller drei war, eine Harmonie,
zuvor von zweien, jetzt von dreien gebildet, ein Verhältniß, wovon
wohl selten ein ähnliches Beispiel in der Geschichte der Menschheit
erscheinen mögte. Was wir hier entwickelten, ist die ~Auslegung~
des in Goethe's »Wahrheit und Dichtung« S. 115 und 117 des 22. Bandes
seiner sämmtl. Werke, mit anmuthiger Ausführlichkeit entworfenen Bildes
von Lotten und von seinen Verhältnissen mit den beiden Verlobten.
»Leicht aufgebaut, nett gebildet« nennt er Lottens Gestalt, »rein und
gesund ihre Natur.« Sein Leben mit ihnen nennt er »eine ächt deutsche
Idylle, wozu das fruchtbare Land die Prosa, und eine reine Neigung die
Poesie gab;« indem alle drei, in wechselseitig inniger Zuneigung und
Großmuth, »sich an einander gewöhnt hatten, ohne es zu wollen, und
nicht wußten, wie sie dazu kamen, sich nicht entbehren zu können.«
War auch jene Zeit, von welcher er hier schrieb, weit zurück, so daß
in seinen Erzählungen von Einzelheiten manche Erinnerung verloschen,
auch das Frühere und Spätere oft vermengt ist; so sehen wir doch
sein Herz liebesjung sich lebhaft der Vergangenheit erinnern, wenn
er, in dem Rückblick darauf, mit dem wehmüthigen Gefühl, sie jetzt
nicht mehr genügend darstellen zu können, sagt: »Es würde der Dichter
jetzt die verdüsterten Seelenkräfte vergebens anrufen, umsonst von
ihnen fordern, daß sie jene lieblichen Verhältnisse vergegenwärtigen
mögten, welche ihm den Aufenthalt im Lahnthale so hoch verschönten«;
sich aber tröstend hinzufügt: »Glücklicherweise hatte der Genius schon
früher dafür gesorgt, und ihn angetrieben, in vermögender Jugendzeit
das nächst Vergangene festzuhalten, zu schildern und kühn genug zur
günstigen Stunde öffentlich aufzustellen. Daß hier das Büchlein Werther
gemeint sei, bedarf wohl keiner nähern Bezeichnung.« -- (S. 114 des
22. Bandes von Goethe's sämmtl. Werken.) Wenn er dann das allbelebende
Jugendvermögen der Geliebten beschreibt, so versichert er kindlich,
daß damals »alle seine Tage Festtage zu sein schienen, und der ganze
Kalender hätte müssen roth gedruckt werden.«
So wie nun seine Leidenschaft, so wuchs der Freunde auf Bewunderung
gegründete Freundschaft für den, der bald wie ein Riese neben ihnen
stand, bald ihr jugendliches Treiben in harmloser Kindlichkeit mit
ihnen theilte, und den sie den größten Theil seines Selbst der
Ehrfurcht vor ihrem Glücke opfern sahen. Auch der Schmerz, der ihn
niederdrückte, wurde, so wie alles unter ihnen gemeinschaftlich war,
ein von drei Freunden gemeinschaftlich getragener Schmerz.
Aber Goethe litt zu sehr, und nachdem er einige Zeit umsonst gekämpft
hatte, faßte er den schweren und schönen Entschluß, von Wetzlar nach
Frankfurt zurückzukehren. Am 11. September 1772 reiste er ab. Wie tief
die Trennung die Freunde betrübte, erscheint mit den lebhaftesten
Farben, in drei zusammentreffenden schriftlichen Denkmälern jener Zeit.
Diese hier zusammenzustellen ist uns ein anziehendes Geschäft, bei
welchem wir einen Augenblick verweilen.
Goethe hat seinen Trennungsschmerz in den Blättern niedergelegt, die
er den beiden Verlobten am 11. September 1772 zurückließ, und die von
den untenstehenden Briefen des abwesenden Goethe den Anfang machen.
Dem Roman »Werther« alsdann, hat er, wie wir sogleich zeigen werden,
von diesem bedeutenden Lebensmoment, ein dauerndes Denkmal in einem
der schönsten Briefe eingedrückt. In welcher Betrübniß er die beiden
Verlobten und das ganze väterliche Haus Lottens zurückließ, sehen wir
endlich aus einem Tagebuchsblatte Kestners, dessen getreuer Inhalt
folgender ist:
September 10. 1772.
.... »Mittags aß _Dr._ Goethe bey mir im Garten; ich wußte nicht,
daß es das letzte Mal war..... Abends kam _Dr._ Goethe nach dem
deutschen Hause. Er, Lottchen und ich hatten ein merkwürdiges Gespräch
von dem Zustande nach diesem Leben, vom Weggehen und Wiederkommen
&c. &c., welches nicht er, sondern Lottchen anfing. Wir machten mit
einander aus, wer zuerst von uns stürbe, sollte, wenn er könnte, den
Lebenden Nachricht von dem Zustande jenes Lebens geben; Goethe wurde
ganz niedergeschlagen, denn er wußte, daß er am andern Morgen weggehen
wollte.«
September 11. 1772.
»Morgens um 7 Uhr ist Goethe weggereiset, ohne Abschied zu nehmen. Er
schickte mir ein Billet nebst Büchern. Er hatte es längst gesagt,
daß er um diese Zeit nach Coblenz, wo der Kriegszahlmeister Merk ihn
erwarte, eine Reise machen, und er keinen Abschied nehmen, sondern
plötzlich abreisen würde. Ich hatte es also erwartet. Aber, daß ich
dennoch nicht darauf vorbereitet war, das habe ich gefühlt, tief in
meiner Seele gefühlt. Ich kam den Morgen von der Dictatur zu Hause.
»»Herr Doctor Goethe hat dieses um 10 Uhr geschickt.«« -- Ich sah
die Bücher und das Billet, und dachte was dieses mir sagte: »»Er ist
fort!«« und war ganz niedergeschlagen. Bald hernach kam Hans zu mir,
mich zu fragen ob er gewiß weg sey? Die Geheime Räthin Langen hatte
bei Gelegenheit durch eine Magd sagen lassen: »»Es wäre doch sehr
ungezogen, daß Doctor Goethe so ohne Abschied zu nehmen, weggereist
sey.«« Lottchen ließ wieder sagen: »»Warum sie ihren Neveu nicht besser
erzogen hätte?«« Lottchen schickte, um gewiß zu seyn, einen Kasten,
den sie von Goethen hatte, nach seinem Hause. Er war nicht mehr da. Um
Mittag hatte die Geheime Räthin Langen wieder sagen lassen: »»Aber sie
wolle es des Doctor Goethe Mutter schreiben, wie er sich aufgeführt
hätte.«« -- Unter den Kindern im deutschen Hause, sagte jedes: »»Doctor
Goethe ist fort!«« -- Mittags sprach ich mit Herrn v. Born, der ihn zu
Pferde bis gegen Braunfels begleitet hatte. Goethe hatte von unserm
gestrigen Abendgespräch ihm erzählt. Goethe war sehr niedergeschlagen
weggereist. Nachmittags brachte ich die Billets von Goethe an Lottchen.
Sie war betrübt über seine Abreise; es kamen ihr die Thränen beim
Lesen in die Augen. Doch war es ihr lieb, daß er fort war, da sie ihm
das nicht geben konnte, was er wünschte. Wir sprachen nur von ihm;
ich konnte auch nichts anders als an ihn denken, vertheidigte die Art
seiner Abreise, welche von einem Unverständigen getadelt wurde; ich
that es mit vieler Heftigkeit. Nachher schrieb ich ihm, was seit seiner
Abreise vorgegangen war.«[4]
Der 10. September also war, wie wir hieraus sehen, der Vorabend dieser
merkwürdigen Trennung. Schlagen wir nun den »Werther« auf, und wir
sehen, daß der 10. September ebenfalls das Datum des Briefes ist,
der am Ende des ersten Buchs dieses Romans den Vorabend eben dieser
Trennung darstellt. Kestners Tagebuch, dessen Thatbestand des verlebten
Tages dieser Brief zu einem Bilde erhebt, erläutert uns, warum aus
jedem Worte desselben die Wärme einer wirklich empfundenen Freundschaft
und die Gluth einer wirklich empfundenen Liebe spricht; denn es war der
von dem Dichter selbst erlebte, entscheidende Moment, den im Gemälde
seiner Liebe zu verewigen, ihm so sehr am Herzen lag, daß er selbst
das Datum dieses in seinem Jugendleben entscheidenden Tages heilig
gehalten hat.
Dieser Moment, womit das erste Buch des »Werther« schließt, ist
denn auch ~der~, wo in dem Roman Wahrheit und Dichtung sich
gänzlich scheiden. Im zweiten Buche borgt Goethe von Jerusalem einige
Begebenheiten, besonders die schließliche Katastrophe; an Lottens und
Kestners Stellen erscheinen neue Personen, jenen eben so fern stehend,
wie ihre erdichteten Erlebnisse. Die Wirklichkeit beschränkt sich
allein auf den nunmehr eintretenden Briefwechsel mit den entfernten
Freunden.
Der Flucht Goethe's, welche ihn an jenem Tage von ihnen, einen kurzen
Besuch ausgenommen,[5] auf immer getrennt hat, verdanken wir diese
Briefe, die wie jugendliche Zeugen zu uns reden, über einen Charakter,
über Gesinnungen, die Goethe -- wir erkennen es in seiner Biographie,
-- später kaum noch an sich gekannt hat.
Um so mehr muß uns erfreuen, die Biographie durch diese seine eigenen
Zeugnisse wesentlich ergänzt und von dem Jünglinge wieder gewonnen
zu sehen, was er im Alter bei der Schilderung seiner schönsten
Lebensperiode, obgleich ihr manche Silberblicke nicht fehlen, sich
selbst an Ruhm entzogen hat. Wer aber auch in Goethe's späterer Zeit
den Dichter, den Menschen von dem Weltmanne beeinträchtigt finden
wollte, erkennt doch immer in unsern Eröffnungen den angebornen edlen
Menschenstoff, der durch seine Werke fließt.
Vollständig, so weit die Briefe vorhanden -- denn unverkennbar sind
mehrere Lücken in der Correspondenz -- und, wie sich von selbst
versteht, mit Weglassung des Wenigen, was Lebende verletzen kann, sind
diese Briefe unten abgedruckt. Daß nichts Wesentliches weggelassen,
und bei dem Gegebenen die strengste Wahrhaftigkeit beobachtet sei,
können zahlreiche Freunde und Bekannte bezeugen, denen die Briefe in
ihren Originalen stets bereitwillig vorgelegt sind. So viele Zeichen
der Originalität man aber in einem gedruckten Buche geben mag, ihre
Reliquienanmuth kann nur beim Anblick der Originale empfunden werden:
wie in Goethe's schlanken, oft den Charakter wechselnden Schriftzügen
die ganze Mannigfaltigkeit seiner wechselnden Stimmungen sich
abzuspiegeln scheint. Manche derselben sind unansehnliche Blätter, groß
oder klein, fein oder grob, so wie sie seiner sorglosen Hand auf dem
Schreibtische, unter Entwürfen von Gedichten und Journalartikeln, oder
unter dem Abfall von Briefcouverten begegnen mochten. Mit aller dieser
Nichtachtung des äußerlich Herkömmlichen ermangeln dennoch wenige
dieser Blätter einer gewissen Anmuth der Form, welche seine Hand im
Ebenmaß der Zeilen und Räume unbewußt ihnen mittheilte. Und hatte er
ein herkömmlich regelmäßiges Briefblatt genommen, so war das Couvert
und die Besiegelung stets mit Sorgfalt und Zierlichkeit vollbracht.
Geschlossen waren die meisten der Briefe mit rothem Siegellack. Sein
früheres Siegel war meistens ein _G_ mit Verschlingungen in dem
Style der damaligen Zeit; zuweilen ein offenstehender Käficht, aus
dem ein Vogel entfliegt. Nach seiner Reise in Italien hat er zuweilen
mit Gemmen gesiegelt, mit einem Sokrateskopfe, einer Minerva, einem
Löwen u.a.m. Auffallend sind die Abweichungen von der allgemein
üblichen Orthographie, wie die untenstehenden Briefe, die genau nach
den Originalen abgedruckt sind, uns zeigen. Eigenthümlich, auch in
den geringsten seiner Handlungen, oder, wie er von sich selbst sagte,
»grillenhaft,« gab er nichts darum, den Bau der Worte mit anderen
gemein zu haben. Auch in den grammatischen Formen hat er unbekümmert
sich der im gemeinen Leben üblichen bedient. Manches hierin ist auch
erst nach jener Zeit allgemeine Regel geworden. Nach und nach sehen wir
ihn später dem allgemeinen Gebrauch sich bequemen.
Jene unbefangene Freiheit eines durchlebten Verhältnisses, in welcher
er, nach wechselnder Stimmung des Augenblicks, sich dem wechselnden
Ausdruck hingab, hat auch die Mannigfaltigkeit der Formen erzeugt,
unter denen er in den Briefen sich selbst Kestnern gegenüber stellte;
bald nennt er ihn »Sie,« bald »Du,« bald »Ihr« und den Primaner, Hans,
Lottens jüngeren Bruder, im Style jener Zeit, oft sogar »Er.« Auch hat
Kestner es vollkommen natürlich gefunden, daß Goethe, in den wenigen
an Lotte selbst gerichteten Briefen, sich eine Freiheit erlaubte,
die, nach den damaligen Begriffen der Schicklichkeit, Kestner selbst
sich nicht nehmen konnte, sie zuweilen »Du« zu nennen; daß er, der
ungewöhnlich, seltsam, kühn in allem, was er that und sprach, der Aller
Liebling war, den Namen, der ihm ein Gedicht, den in dem Tone der Natur
zu nennen, er als den einzigen Ersatz für unaussprechlichen Mangel
ergriff, nicht in der absurdesten Form conventionellen Respekts der
Societät aussprach. Und im Schreiben, wissen wir, gibt es kein Erröthen
und keine Verlegenheitsmienen.
So sehr nun Kestner, den Schmerz des Freundes ehrend, sich auch in
seinen überhäuften Geschäften, den Briefwechsel mit ihm aufs eifrigste
angelegen sein ließ, während Lotte, die zum Schreiben damals nicht
Zeit hatte, ihm durch Kestnern erbetene Gedächtnißgaben sandte, waren
diese Mittheilungen doch nie genügend für den Abwesenden. In jedem
Augenblicke wollte er des ununterbrochenen Verkehrs mit der Familie
bewußt sein, und so sehr bedurfte er es zu seiner Ruhe, mit allen
Gliedern der Familie im besten Vernehmen zu bleiben, daß es ihn sogar
drückte, von Lottens jüngerer Schwester, Sophie, einem Kinde, über ein
kleines Mißverständniß, welches eine völlige Kinderei war, noch keine
Verzeihung erhalten zu haben (Nr. 16).
Fast alle diese Briefe würden der Bestimmung des Datums ermangeln,
hätte nicht Kestner, der Geschäftsmann, den Tag des Empfangs meistens
darauf bemerkt. Die Briefe, denen solche Bezeichnungen fehlen, wie
insonderheit die Briefe an Hans, sind nach Wahrscheinlichkeit in die
chronologische Reihe geordnet, und hiezu gab die edle Offenheit des
Schreibenden, nach der Natur einer fortschreitenden Leidenschaft,
den sichersten Maßstab: wie wir ihn anfangs, sich selbst verkennend,
unstät von Ort zu Ort umhergetrieben sehen, so daß er es den Freunden
in Friedberg zum Verdienste anrechnen konnte, ihn, »den Elenden,«
freundlich aufgenommen zu haben; wie ihm das literarische Treiben und
Recensiren nicht hinreichte, und er die Besorgung von Kleinigkeiten
für Freundinnen, zum Ableiter des unabweislich tyrannischen Gedankens,
sich erbittet, und dabei mit kindlicher Sorgsamkeit ins Detail geht;
wie wir den Scherz, der in großen Seelen, um dem Verdrusse Rast zu
geben, nahe dem Unmuth, am nächsten der Verzweiflung ist, in seine
trübste Stimmung zuweilen einen Sonnenstrahl werfen sehen; wie er dann,
erheiternde Zerstreuung suchend, »liebesbedürftig,« wie er es nennt,
nach Träumen hascht, für den, der ihn betrogen hatte, und in jungen
Mädchen seiner Bekanntschaft sich an Aehnlichkeiten mit der Entbehrten
zu erholen sucht; wie ihm endlich, gleich allen tüchtigen Naturen, aus
eigenen Mitteln die Arznei seiner Krankheit wird, und sein Genie nicht
litt, daß die Leidenschaft, wenn gleich seine Existenz bedrohend, ihm
zerstörend werden konnte, da er stets von neuen Schöpfungen von Innen
sich bestürmt sah, bis er in dem großen Gedichte von seiner schönen
Last sich vollends befreite.
In diesem allgemeinen, wie es uns scheint nothwendigen Gange seiner
Stimmungen, haben wir die Briefe geordnet. In den gegen den Sommer 1773
geschriebenen begegnen wir einem wieder wachsenden Unmuth, so daß er,
unter anderen, sich vorwirft »seine Zeit zu verderben,« und hatte doch
den Götz von Berlichingen schon geschrieben, und ging ohne Zweifel
mit Plänen zum Werther um! Denn die Hochzeit der Freunde nahte heran,
und ihre Abreise in die weite Ferne, die letzte Entwickelung dieser
wichtigen Epoche seines Lebens. Doppelt reizbar in dieser Aufregung,
glaubt er zum erstenmale Eifersucht in einem Briefe Kestners zu
erblicken, und antwortet in einem Zorn, welcher die schönen Eindrücke
unserer Briefe einen Augenblick unterbrechen könnte, wenn nicht die
Beweise wechselseitig treuer Gesinnungen, die wir bei diesen Anlässen
hervorgerufen sehen, uns sogleich wieder beruhigten. Der Zornbrief
(Nr. 68), so feindlich einige Worte desselben lauten, reicht allein
hin, um sowohl Goethe's Verhältniß zu dem Brautpaar, als seine durch
einen vorübergehenden Ausbruch von Unmuth, den die Umstände wohl
entschuldigen konnten, durchscheinenden wahren Gesinnungen zu erkennen.
Er, der dem jungen Gatten mit Bitterkeit vorwarf, nach der Heirath
von der Freundschaft abgefallen zu seyn, zeigt ihm, mitten unter den
heftigsten Ausdrücken des Unwillens, im Tone der Erkenntlichkeit an,
daß er durch Annchen, die Freundin, Lottens Brautstrauß erhalten, und
sich damit geschmückt habe. Tief betrübt bei der letzten Entscheidung,
trägt er so das Pfand seines Verlustes am Hute, für ihn eine Zier
heroischer Tugend, und erläutert diesen Akt durch die noch edleren
Worte: »Ich höre, Lotte soll noch schöner, lieber und besser seyn,
als sonst.« So sehr also erfüllt ihn die reinste Freundschaft, daß er
seinen Schmerz vergißt über die Freude an ihrer Vortrefflichkeit, daß
er ohne Haß seine Augen weidet an ihrem hohen Werthe, in demselben
Moment, wo es zur Gewißheit wird, daß er sie entbehren soll. Gerührt
hierdurch, eilte Kestner in zwei Briefen die Wunden des tobenden
Freundes zu heilen. Diese Freunde konnten ihr gegenseitiges Wohlwollen
nicht entbehren, und Goethe's Erwiederung zeigt, daß das Mißverständniß
nur sechs Tage gewährt hat.
Liebenswürdiger waren zwei andere Momente seines Unwillens (Nr. 59
und 67), welche in diese Zeit fallen: das einemal betrübt es ihn,
daß die Brautleute einen Anderen als ihn mit der Besorgung der
Trauringe beauftragt, das anderemal, daß die Neuvermählten nicht auf
seine Einladung nach Frankfurt kamen. Er traute sich zu, den Freund
im Vollgenusse des Glücks sehen zu können, das er bitter entbehrte,
während diesem sein Triumph, der den Freund schmerzte, nicht lieb war.
Am Palmsonntage 1773 ist die Hochzeit gewesen, und von dem Briefe
Nr. 76, und weiter, gehen die Briefe an Kestner nach Hannover. Die
Schlußzeilen dieses Briefes scheinen die psychologische Erfahrung zu
bestätigen, daß die Einbildungskraft von dem geliebtesten Abwesenden
nur vereinzelte Theile gibt, während sie von weniger theuren Menschen,
und besonders von den Gleichgültigen, freigebig das ganze Bild
vollendet vor die Augen führt.
Ueber ein Jahr später als diese Periode war es, als ein ernstlicheres
Mißverständniß über den Werther entstand, welches den Gegenstand
mehrerer Briefe ausmacht. Ein wunderbarer Zufall wollte, daß Kestner,
den es drückte, sich und seine Lotte durch einen Anschein ihrer
Personen in dieses Gedicht verflochten zu finden, gleichwohl selbst,
ohne etwas zu ahnen, an dem Roman mit hat schreiben müssen. Jerusalem
hatte bei einem der wenigen Besuche, die er jemals Kestner gemacht,
ein Paar Pistolen an der Wand hängen sehen und diese zu seinem
Selbstmorde von ihm geliehen, wovon die Folge war, daß Kestner, doppelt
bestürzt durch die schreckliche That, als das Gerücht durch die Stadt
lief, zu Jerusalems Hause hineilte, und nicht allein Zeuge der letzten
Qualen des Unglücklichen war, sondern auch angeregt wurde, alle
Thatsachen, die denselben betrafen, zu sammeln, und niedergeschrieben
an Goethe zu schicken, wie die Freunde es wechselseitig gewohnt waren,
seit Goethe's Flucht sich die Vorfälle des Tages in ununterbrochenem
Briefwechsel mitzutheilen. Das Billet Jerusalems, fast wörtlich im
Werther copirt, ist noch eben so urschriftlich vorhanden, wie es bei
Nr. 28 als _Fac simile_ sich in unsern Documenten befindet,
und zwar, wie in der Abschrift durch eine Linie angedeutet, in zwei
Theile gerissen, vermuthlich weil es im Augenblick des Empfangs den
weggeworfenen Papieren hinzugefügt, erst nach dem schrecklichen
Ereigniß, dem Empfänger merkwürdig geworden war. Gleichfalls noch
jetzt in Urschrift vorhanden, sind Kestners »Nachrichten über den Tod
Jerusalems« (Nr. 28), welche er gegen Ende Novembers 1772 Goethen nach
Frankfurt schickte, und von diesem mit dem Briefe Nr. 47 gegen den
20. Januar 1773 zurückgeschickt wurden. Goethe irrt also, wenn er zu
dieser frühen Zeit seines Lebens zurückblickend (Wahrheit und Dichtung,
_pag._ 168 des 22. Bandes seiner sämmtlichen Werke) glaubt, er
habe die Beschreibung von Jerusalems Tode erst später nach seiner
Trennung von den Freunden erhalten. Seine selbstmörderischen Gedanken
kommen auch nur in den früheren unserer Briefe vor, nicht aber in der
Zeit der Herausgabe des Werther.
Wenn wir in unsern Papieren erkennen, wie hoch Lotte, Kestner und
Goethe über den Personen stehen, die im Werther mit ihnen in Vergleich
kommen, so tritt uns auf eine merkwürdige Weise das Verhältniß des
Dichters zum Menschen vor Augen. Goethe fand, durch seine Stellung
unter ihnen, noch höhern Anlaß, als jene, seinen Werth als Mensch
erkennen zu lassen. Denn, daß ein Mädchen von dem glücklichsten
Naturell und gediegener Erziehung, dem würdigsten Mann die seit Jahren
befestigte Treue bewahrt; daß dieser Mann, mit der Unschuld seines
Charakters, in die Redlichkeit seiner Braut sowohl, als eines Freundes,
dessen Freundschaft er sicher war, unbeschränktes Vertrauen setzt,
sind die gewöhnlichsten Dinge, im Vergleich mit einer Liebe, die so
groß, so stark, und so schön ist, daß sie ihm zur redlichsten und
heldenmäßigsten Entsagung die Kraft gab, und ihn, der Verzweiflung
nahe, vom Liebenden in den reinsten Freund verwandelte. Diese schöne
Erscheinung ist fremd dem Romane. Die Welt hat entschieden, das Gedicht
sey das schönste seiner Art. Noch schöner aber, sehen wir, als die
Dichtung war das Leben; ja in so hohem Grade schöner, daß Goethe,
die unwahrscheinliche Wahrheit zurücklassend, ein Anderes erfinden
mußte, damit die Dichtung als Wahrheit erscheine. Wie räthselhaft
können die Grenzen des Guten und Schönen sich in einander verschlingen!
Der Dichter mußte von der moralischen Höhe herabsteigen, um sich auf
dem poetischen Gipfel zu befinden, der ihn zum höchsten Dichterruhme
geführt hat. Der Gegenstand seiner Liebe wurde in seinem Gedichte
durch die Idee verherrlicht, daß ohne den Besitz der Geliebten zu
leben unmöglich sey. Er aber war zu groß, um in der Verzweiflung
unterzugehen; aus seinem Charakter konnte die zügellose Scene nicht
entwickelt werden, die den Entschluß zum Selbstmorde im Werther zur
Reife brachte; daher mußte er die Züge, welche dem Romane, wie er
gedacht war, die Entwickelung verliehen, aus einem minder starken
Manne borgen. Das Faktische hierzu, wie das Studium zu einem Gemälde,
hat Kestner in seiner Skizze von Jerusalems Tode ihm in die Hand
gearbeitet. Manche Stellen dieses Aufsatzes finden wir wörtlich im
Werther. Mit Goethen mußten auch Lotte und ihr Gemahl, in ihren
erborgten Gestalten, dem Roman zu Gunsten tiefer gestellt werden. Hätte
Werthers Lotte nicht in der Entwicklungsscene gegen den Albert gefehlt,
worauf sie Werther von sich wies, das Motiv zum Selbstmorde würde
gefehlt haben. Und hätte das Schicksal, minder grausam, den Werther um
eines Würdigeren willen, als Albert gedacht ist, untergehen lassen, dem
Untergange des Helden würden weniger Thränen geflossen seyn.
Die jungen Eheleute, noch voll von der reichen Zeit, die sie so eben in
steten Bezügen mit Goethen warm durchlebt hatten, mußte es um so mehr
schmerzen, von eben diesem Freunde eben dieses Verhältniß rücksichtslos
angewandt zu sehen, um daraus Bestandtheile eines Romans zu schöpfen,
der Mißdeutungen erregen und sie persönlich in ein falsches Licht
stellen konnte. Kestner mußte, in dem Gefühl, seine Gattin sich
gleichsam zum Theil entrissen zu sehen, seine Lotte durch die Lotte
des Gedichts, da Goethe's Liebe zu ihr bekannt war, beleidigt fühlen,
sich selbst aber durch seine Entstellung in dem gedichteten Albert.
Nach Empfang des Buchs daher schrieb er an Goethe einen Brief voller
Vorwürfe, von welchem ein Fragment, in seinem Nachlasse gefunden,
unsern Documenten unter Nr. 106 hinzugefügt ist.
Goethe, der Freund, verkannte nicht das Gewicht dieser Vorwürfe. Eine
Lotte hatte er offen gepriesen. Eine Lotte erschien in dem Gedichte, in
welchem zwischen Dichtung und Wahrheit keine Grenze sichtbar ist, und
das in allen seinen Theilen, den erfundenen und wahren, die glühenden
Farben einer zwischen Wunsch und Entbehrung erlebten Wirklichkeit an
sich trägt. Im Gefühl seines Fehls hatte er daher auf die Vorwürfe
nichts anderes zu erwiedern, als in den Briefen Nr. 107 und 109 die
rührendsten Bitten um Verzeihung, wobei er im Rausche des Ruhms,
der ihn selbst überraschte, -- denn ganz Deutschland war schon von
Bewunderung des Werthers entflammt -- dem Freunde die verherrlichenden
Ausdrücke entgegen rief, die von allen Seiten ihm entgegen tönten.
In dem Briefe Nr. 107 spricht er beruhigend zu den Herzen der Freunde:
»Und, meine Lieben, wenn Euch der Unmuth übermannt, denkt nur, denkt,
daß der alte, Euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr,
als jemals, der Eurige ist.« Auf ihre Theilnahme an seinem Triumph
vertrauend, sucht er sie in dem Briefe Nr. 109 zu trösten, indem er
schreibt: »Könntet Ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther
tausend Herzen ist, Ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die
Ihr dazu hergebt.« An Kestner besonders richtet er die gewichtigen
Trostesworte: »~Wenn ich noch lebe, so bist Du's, dem ichs danke,
bist also nicht Albert -- Und also --~«. Zwar sprach er in demselben
Briefe unter den Beruhigungsgründen auch die Zusage aus, binnen einem
Jahre alle etwaigen Mißdeutungen des Publikums »auf die lieblichste,
einzigste, innigste Weise auszulöschen.« Allein dieses, wenigstens
in der Maße, wie es in der ersten Aufregung ertheilt war, übereilte
Versprechen, ist, bis auf verschiedene in den folgenden Ausgaben des
Werther vorgenommene Abänderungen, unerfüllt geblieben. Später kamen
beide Freunde, laut der Documente Nr. 121 und 122, noch einmal auf
diesen Gegenstand zurück; aber weiter reichende Aenderungen zeigten
sich als unmöglich, je mehr das bewunderte Gedicht die Gemüther
ergriff, und zuerst von der deutschen, dann von den andern Nationen
Besitz nahm: jeder Gedanke war Eigenthum der Völker geworden, das der
Geber selbst nicht zurückfordern konnte. Auch Kestner wird dieses
erkannt haben und hat sich um so eher dabei beruhigen können, als das
Geheimniß des Romans in dem weiten Kreise seiner Freunde und Bekannten
bald hinreichend aufgeklärt war, und schon die Persönlichkeit der
Ehegatten sie vor jeder falschen Beurtheilung schützte.
Das schöne Verhältniß der Freunde überhaupt, und insbesondere Kestners
zugleich würdige und liebevolle Stellung zu dem minder besonnenen
Jüngling, kann treffender nicht hervortreten, als durch die Lösung
des von Goethe verschuldeten Mißverständnisses selbst. Seine große
Indiscretion würde unverzeihlich gewesen sein, wenn er deren Gewicht
hätte beurtheilen und die Wirkungen auf die davon betroffenen Freunde
voraussehen können. Allein ihm waren die Schranken des gewöhnlichen
Lebens gänzlich unbekannt und eben so unbekannt die Rücksichten
darauf, welche den Freunden gebührt hätten. Weit entfernt daher
von aller Besorgniß deßhalb, hat er vielmehr in den Briefen Nr. 97
bis 100, welche mehr oder weniger dunkle Andeutungen der künftigen
Erscheinung enthalten, so wie noch zuletzt in den das übersandte
Exemplar des Romans begleitenden Zetteln, Nr. 104 und 105, mit
arglosester Unbefangenheit vorausgesetzt, daß die Empfänger ebenfalls
sich daran erfreuen würden. Nur in dem einen Briefe Nr. 98 denkt er an
die Möglichkeit eines Anstoßes und warnt sie scherzend davor. Kestner,
obgleich schwer gekränkt, auch anfänglich nicht ohne Besorgniß vor
den möglichen Nachtheilen für ihn und seine Gattin, spricht seinen
Tadel gegen Goethe offen und kräftig, doch fern von Erbitterung aus
(Nr. 106). Mit welcher Milde und Nachsicht er aber im Innern seines
wohlwollenden Herzens Goethe's, des feurigen Dichters, Verfahren
betrachtet, entschuldigt und verzeiht, sprechen seine Briefe Nr.
108 und 110 an v. Hennings vertraulich auf eine Weise aus, die den
tiefsten Blick in seinen Charakter eröffnet. Diese Briefe, die zugleich
interessante Aufschlüsse über das Verhältniß der Ehegatten zu Goethe
und seinem Roman enthalten, bedürfen keines Commentars.
Damit war denn das Mißverständniß schon sogleich bei seiner Entstehung,
ohne Unterbrechung des gegenseitigen Wohlwollens, gehoben, und der
gewohnte Briefwechsel zwischen Goethe und Kestner dauerte bis zu
des Letzteren am 24. Mai 1800 erfolgten Tode fort. Goethe's letzter
vorhandener Brief an Kestner, Nr. 137, ist vom 16. Juli 1798.
Wahrscheinlich sind einige andere Briefe, durch Kestners in seinen
letzten Lebensjahren eingetretene große Kränklichkeit, verloren
gegangen. Eben diese Kränklichkeit, neben überhäuften Dienstgeschäften,
hat auch die Correspondenz von Kestners Seite in späterer Zeit
beschränkt, wie Goethe in seinen Briefen ihm verschiedentlich
freundlich vorgeworfen hat.
* * * * *
Um die gegenwärtigen Mittheilungen zu vervollständigen, wäre zu
wünschen gewesen, daß ihnen Kestners Briefe an Goethe, worauf mehrere
von Goethe's Briefen sich beziehen, hätten hinzugefügt werden können.
Allein der verstorbene Geheime Rath Kanzler v. Müller in Weimar,
Goethe's Testamentsvollstrecker, hat sie nicht in dessen Nachlaß
gefunden, wahrscheinlich weil Goethe sie mit einer großen Masse
älterer Briefschaften einst cassirt hat. Dagegen hatte der Geheime
Rath die Gefälligkeit einen Brief Lottens an Goethe aus Wetzlar, wohin
sie sich auf Veranlassung der französischen Occupation Hannovers auf
einige Zeit zurückgezogen, von 1803, und einige Billets von ihr an
Goethe, während eines Besuchs ihrer Schwester in Weimar, von 1816,
abschriftlich mitzutheilen. Diese, nebst verschiedenen dazu gehörigen
Briefen Goethe's an Lotte und an einen ihrer Söhne, liegen aber außer
dem Kreise der Documente, welchen der Titel dieser Mittheilungen
bezeichnet. Wir glauben daher nur folgende Zeilen aus einem Schreiben
Goethe's vom 23. November 1803, weil sie dieselben Erinnerungen aus
seiner Jugendzeit mit ähnlichen Worten, wie in »Wahrheit und Dichtung«
aussprechen, anführen zu dürfen: »Wie gern versetze ich mich wieder an
Ihre Seite zur schönen Lahn und wie sehr bedaure ich zugleich, daß Sie
durch eine so harte Nothwendigkeit dahin versetzt worden; doch richtet
mich Ihr eigenes Schreiben wieder auf, aus dem Ihr thätiger Geist
lebhaft hervorblickt.«
Goethe'sche Briefe,
und diese betreffende erläuternde Documente.
1.
Fragment eines Brief-Entwurfs,
aus Kestners Papieren,
geschrieben im Anfang seiner Bekanntschaft mit Goethe.
Im Frühjahr kam hier ein gewisser Goethe aus Franckfurt, seiner
Handthierung nach _Dr. Juris_, 23 Jahr alt, einziger Sohn eines
sehr reichen Vaters, um sich hier -- dieß war seines Vaters Absicht --
in _Praxi_ umzusehen, der seinigen nach aber, den Homer, Pindar
&c. zu studiren, und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz
ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden.
Gleich Anfangs kündigten ihn die hiesigen schönen Geister als einen
ihrer Mitbrüder und als Mitarbeiter an der neuen Franckfurter Gelehrten
Zeitung, beyläufig auch als Philosophen im Publico an, und gaben sich
Mühe mit ihm in Verbindung zu stehen. Da ich unter diese Classe von
Leuten nicht gehöre, oder vielmehr im Publico nicht so gänge bin,
so lernte ich Goethen erst später und ganz von ohngefähr kennen.
Einer der vornehmsten unserer schönen Geister, Legationssecretär
Gotter, beredete mich einst nach Garbenheim, einem Dorf, gewöhnlichem
Spaziergang, mit ihm zu gehen. Daselbst fand ich ihn im Grase
unter einem Baume auf dem Rücken liegen, indem er sich mit einigen
Umstehenden, einem Epicuräischen Philosophen (v. Goué, großes Genie),
einem stoischen Philosophen (v. Kielmansegge) und einem Mitteldinge von
beyden (_Dr._ König) unterhielt, und ihm recht wohl war. Er hat
sich nachher darüber gefreuet, daß ich ihn in einer solchen Stellung
kennen gelernt. Es ward von mancherley, zum Theil interessanten Dingen
gesprochen. Für dieses Mal urtheilte ich aber nichts weiter von ihm,
als: er ist kein unbeträchtlicher Mensch. Sie wissen, daß ich nicht
eilig urtheile. Ich fand schon, daß er Genie hatte und eine lebhafte
Einbildungskraft; aber dieses war mir doch noch nicht genug, ihn
hochzuschätzen.
Ehe ich weiter gehe, muß ich eine Schilderung von ihm versuchen, da ich
ihn nachher genau kennen gelernt habe.
Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie, und ein Mensch von
Charakter; besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft,
daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er pflegt
auch selbst zu sagen, daß er sich immer uneigentlich ausdrücke,
niemals eigentlich ausdrücken könne: wenn er aber älter werde, hoffe er
die Gedanken selbst, wie sie wären, zu denken und zu sagen.
Er ist in allen seinen Affecten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt
über sich. Seine Denkungsart ist edel; von Vorurtheilen so viel frey,
handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es
Andern gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller
Zwang ist ihm verhaßt.
Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschäftigen. Er
ist _bizarre_ und hat in seinem Betragen, seinem Aeußerlichen
verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bey Kindern, bey
Frauenzimmern und vielen Andern ist er doch wohl angeschrieben.
Für das weibliche Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung.
_In principiis_ ist er noch nicht fest, und strebt noch erst nach
einem gewißen System.
Um etwas davon zu sagen, so hält er viel von _Rousseau_, ist
jedoch nicht ein blinder Anbeter von demselben.
Er ist nicht was man orthodox nennt. Jedoch nicht aus Stolz oder
_Caprice_ oder um etwas vorstellen zu wollen. Er äussert sich auch
über gewisse Hauptmaterien gegen Wenige; stört Andere nicht gern in
ihren ruhigen Vorstellungen.
Er haßt zwar den _Scepticismum_, strebt nach Wahrheit und nach
Determinirung über gewisse Hauptmaterien, glaubt auch schon über die
wichtigsten determinirt zu seyn; so viel ich aber gemerckt, ist er es
noch nicht. Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl,
betet auch selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner.
Zuweilen ist er über gewisse Materien ruhig, zuweilen aber nichts
weniger wie das.
Vor der Christlichen Religion hat er Hochachtung, nicht aber in der
Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen.
Er ~glaubt~ ein künftiges Leben, einen bessern Zustand.
Er strebt nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben, als von
ihrer Demonstration.
Er hat schon viel gethan und viele Kenntnisse, viel Lectüre; aber doch
noch mehr gedacht und _raisonnirt_. Aus den schönen Wissenschaften
und Künsten hat er sein Hauptwerck gemacht, oder vielmehr aus allen
Wissenschaften, nur nicht den sogenannten Brodwissenschaften.
* * * * *
Am Rande dieses flüchtig hingeworfenen Brouillons fügt Kestner noch
hinzu:
»Ich wollte ihn schildern, aber es würde zu weitläuftig werden, denn
es läßt sich gar viel von ihm sagen. Er ist ~mit einem Worte ein sehr
merkwürdiger Mensch~.«
Weiter unten ferner:
»Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte.«
2.
Fragment eines Brief-Entwurfs,
aus Kestners Papieren.
~Anfang der Bekanntschaft Goethe's mit Lotte.~
.... d. 9. Juni 1772 fügte es sich, daß Goethe mit bey einem Ball auf
dem Lande war, wo mein Mädchen und ich auch waren. Ich konnte erst
nachkommen und ritt dahin. Mein Mädchen fuhr also in einer andern
Gesellschaft hin; der _Dr._ Goethe war mit im Wagen und lernte
Lottchen hier zuerst kennen. Er hat sehr viele Kenntniße, und die
Natur, im physikalischen und moralischen Verstande genommen, zu seinem
Haupt-Studium gemacht, und von beyden die wahre Schönheit studirt.
Noch kein Frauenzimmer hier hatte ihm ein Genügen geleistet. Lottchen
zog gleich seine ganze Aufmerksamkeit an sich. Sie ist noch jung, sie
hat, wenn sie gleich keine ganz regelmäßige Schönheit ist, (ich rede
hier nach dem gemeinen Sprachgebrauch und weiß wohl, daß die Schönheit
eigentlich keine Regeln hat,) eine sehr vortheilhafte, einnehmende
Gesichtsbildung; ihr Blick ist wie ein heiterer Frühlings-Morgen,
zumal den Tag, weil sie den Tanz liebt; sie war lustig; sie war in ganz
ungekünsteltem Putz. Er bemerkte bey ihr Gefühl für das Schöne der
Natur und einen ungezwungenen Witz, mehr Laune, als Witz.
Er wußte nicht, daß sie nicht mehr frey war; ich kam ein paar
Stunden später; und es ist nie unsere Gewohnheit, an öffentlichen
Orten mehr als Freundschaft gegen einander zu äusern. Er war den Tag
ausgelassen lustig, (dieses ist er manchmal, dagegen zur andern Zeit
melancholisch,) Lottchen eroberte ihn ganz, um destomehr, da sie sich
keine Mühe darum gab, sondern sich nur dem Vergnügen überließ. Andern
Tags konnte es nicht fehlen, daß Goethe sich nach Lottchens Befinden
auf den Ball erkundigte. Vorhin hatte er in ihr ein fröhliches Mädchen
kennen gelernt, das den Tanz und das ungetrübte Vergnügen liebt; nun
lernte er sie auch erst von der Seite, wo sie ihre Stärke hat, von der
Häuslichen Seite, kennen.
3.
Goethe an Kestner.
W. d. 8. Aug. 72.
Morgen nach fünf erwart ich sie, und heute -- sie könnten's vermuthen,
so viel sollten Sie mich schon kennen -- heute war ich in Atspach.
Und morgen gehen wir zusammen, da hoff ich freundlichere Gesichter zu
kriegen. Inzwischen war ich da, hab Ihnen zu sagen dass Lotte heut
Nacht sich am Mondbeschienenen Tahl innig ergötzt, und Ihnen eine gute
Nacht sagen wird. Das wollt ich Ihnen selbst sagen war an ihrem Haus,
in ihrem Zimmer war kein Licht, da wollt ich nicht Lärm machen. Morgen
früh trinken wir Caffee unterm Baum in Garbenheim wo ich heute zu Nacht
im Monschein ass. Allein -- doch nicht allein. Schlafen Sie wohl. Soll
ein schöner Morgen seyn.
4.
Goethe an Kestner.
(v. 6. Sept. 1772.)
Ich habe gestern den ganzen Nachmittag gemurrt dass Lotte nicht nach
Atspach gangen ist, und heute früh hab ichs fortgesetzt. Der Morgen
ist so herrlich und meine Seele so ruhig, daß ich nicht in der Stadt
bleiben kann, ich will nach Garbenheim gehn. Lotte sagte gestern, sie
wollte heut etwas weiter als gewöhnlich spazieren -- Nicht dass ich
euch draußen erwarte, -- aber wünsche? Von ganzem Herzen und hoffe --
zwar etwas weniger, doch just so viel dass es die Ungewissheit des
Wunsches so halb und halb balanzirt. In der Ungewissheit denn will ich
meinen Tag zubringen, und hoffen und hoffen. Und wenn ich den Abend
allein hereingehn muß -- so wissen Sie wies einem Weisen geziemt -- und
wie weise ich binn.
5.
Goethe an Kestner.
(v. 10. Sept. 1772.)
Er ist fort Kestner wenn Sie diesen Zettel kriegen, er ist fort.
Geben Sie Lottchen innliegenden Zettel. Ich war sehr gefasst aber
euer Gespräch hat mich aus einander gerissen. Ich kann Ihnen in
dem Augenblicke nichts sagen, als Leben Sie wohl. Wäre ich einen
Augenblick länger bey euch geblieben, ich hätte nicht gehalten. Nun bin
ich allein, und morgen geh ich. O mein armer Kopf.
[Illustration: Durchgezeichnet.]
6.
Goethe an Lotte.
Einschluß des Vorigen.
Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weis wann. Lotte wie war mirs
bey deinem reden ums Herz, da ich wusste es ist das letztemal dass ich
Sie sehe. Nicht das letztemal, und doch geh ich morgen fort. Fort ist
er. Welcher Geist brachte euch auf den Diskurs. Da ich alles sagen
durfte was ich fühlte, ach mir wars um Hienieden zu thun, um ihre Hand
die ich zum letztenmal küsste. Das Zimmer in das ich nicht wiederkehren
werde, und der liebe Vater der mich zum letztenmal begleitete. Ich binn
nun allein, und darf weinen, ich lasse euch glücklich, und gehe nicht
aus euren Herzen. Und sehe euch wieder, aber nicht morgen ist nimmer.
Sagen Sie meinen Buben er ist fort. Ich mag nicht weiter.
* * * * *
Von diesem Billet ist ein _Fac simile_ beigefügt.
7.
Goethe an Lotte.
Zu dem Vorigen, Einschluß.
(v. 11. Sept. 1772.)
Gepackt ists Lotte, und der Tag bricht an, noch eine Viertelstunde so
binn ich weg. Die Bilder die ich vergessen habe und die Sie den Kindern
austeilen werden, mögen entschuldigung seyn, dass ich schreibe, Lotte
da ich nichts zu schreiben habe. Denn sie wissen alles, wissen wie
glücklich ich diese Tage war. und ich gehe, zu den liebsten besten
Menschen, aber warum von Ihnen. Das ist nun so, und mein Schicksal,
dass ich zu heute, morgen und übermorgen nicht hinzusetzen kann -- Was
ich wohl offt im Scherz dazusetzte. Immer fröliges Muths liebe Lotte,
sie sind glücklicher als hundert, nur nicht gleichgültig, und ich liebe
Lotte, binn glücklich dass ich in Ihren Augen lese, sie glauben ich
werde mich nie verändern. Adieu tausendmal adieu!
Goethe.
8.
Goethe an Kestner.
(Aus Frankfurt.)
Für alle das gute seegne euch Gott, und tausendfache Freude für die
Errinnerung meiner. Grüsst mir die lieben Mädchen.
Ich kam gestern mit Schweizern zusammen und spottete seines Wetzlarer
Wesens. Wo habt Ihr euch denn hingehalten? -- Ins teutsche Haus, sagt
ich. -- Doch nicht zu Brands, sagt er. -- Freylich zu Brands, sagt ich.
-- Warum denn nicht? -- Ihr kennt also auch Amtmanns? -- Ja wohl. --
Die Lotte ist ein sehr angenehmes Mädgen. -- Sie geht so mit sagt ich
&c. &c.
Das war trostreich und mir doch lieb. Wenn ich nur von ihr reden kann
wenns auch das Gegentheil ist was ich denke.
* * * * *
Nach Coblenz hab ich keine Bekanntschafft. Und hüben im Thal wisst Ihr
wies ist.
Ich bedaure euren braven Kerl. Erkundigt Euch ia, ists halbweg nicht
iust so rettet den armen Jungen. Ein Mädgen hat nicht so schweer auf
die Art an einem Kind als ein ehrlicher Kerl an einem Weib. Adieu.
9.
Goethe an Kestner.
Gott segne euch, lieber Kestner, und sagt Lotten, dass ich manch mal
mir einbilde ich könne sie vergessen, daß mir aber dann ein Recitiv
über den Hals kommt und es schlimmer mit mir wird als iemals.
10.
Aus Kestners Tagebuche.
1772 den 21. Sept. begleite ich, nebst Hr. v. Born, die Herrn v.
Hardenberg[6] und Freytag nach Frankfurt.....
d. 22..... Um 4 Uhr ging ich zu Schlosser, und siehe da der Goethe und
Merck waren da. Es war mir eine unbeschreibliche Freude; er fiel mir um
den Hals und erdrückte mich fast..... Wir gingen auf den Römer, wo die
Mercken, nebst der Dlle. Goethe, auch war. Wir gingen vors Thor auf dem
Walle &c. spatzieren. Unvermuthet begegnete uns ein Frauenzimmer. Wie
sie den Goethe sah, leuchtete ihr die Freude aus dem Gesicht, plötzlich
lief sie auf ihn zu, und in seine Arme. Sie küßten sich herzlich; es
war die Schwester der Antoinette. Die Zeit ging unterm Spatzierengehen
und sprechen, bald der Mercken, bald dem Merck, bald dem Goethe,
unvermerckt hin. Wir gingen in Goethe's Haus; die Mutter war nur zu
Haus und empfing uns, auch mich auf das bey ihr alles geltende Wort des
Sohnes. Der Vater bald hernach, damit war es eben so; ich unterhielt
mich mit ihm. Die Frauenzimmer entfernten sich zum Auskleiden. Der
Merck proponirte die Dlle. spielen zu hören. Wir fanden sie oben am
Clavier. Sie spielt vortrefflich; außerordentlich fertig. -- Nach einer
Pause bat sie, die Lottchen doch hieher zu bringen, recht inständig bat
sie und äußerte, daß sie sie schon in der Ferne sehr lieb hätte. -- Um
8 Uhr gingen der Hr. Rath Schlosser und ich nach Haus....
1772 d. 23. früh war Hardenberg bey mir und ich bey ihm. Ich ging um 9
Uhr zu _Dr._ Schlossern. Wir darauf zu Goethe. Ich besah das Haus.
Wir gingen nebst Merck auf die Stadt-Bibliothek; gegen 12 Uhr auf den
Römer. Ich aß bey _Dr._ Dietz. Nachmittags um 3 Uhr zu Goethe.
Wir gingen auf die Messe, vor einige Kaufmanns-Häuser; zur Antoinette,
Tochter des Kaufmann Gerock. Nachher zu Haus nach Goethe. Ich holte
Schlossern in die Comödie, wo Goethe, seine Schwester und die Mercken
auch waren, nachher aß ich bey Goethes's und kam um 11 Uhr zu Haus.
* * * * *
Am 24. Sept. kehrte Kestner nach Wetzlar zurück.
11.
Goethe an Kestner.
(Frft.) Freytag (25. Sept. 72).
Lotte hat nicht von mir geträumt. Das nehm ich sehr übel, und will dass
sie diese Nacht von mir träumen soll, diese Nacht, und solls Ihnen
noch dazu nicht sagen. Die Stelle hat mich in Ihrem Briefe geärgert
als ich ihn wiederlas. Nicht einmal von mir geträumt, eine Ehre die
wir den gleichgültigsten Dingen widerfahren lassen, die des Tags uns
umgeben. Und -- ob ich um sie gewesen binn mit Leib und Seel! und von
ihr geträumt habe Tag und Nacht.
Bey Gott ich binn ein Narr wenn ich am gescheutesten binn, und mein
Genius ein böser Genius der mich nach Wolpertshausen[7] kutschirte.
und doch ein guter Genius. Meine Tage in W. wollt ich nicht besser
zugebracht haben, und doch geben mir die Götter keine solche Tage mehr,
sie verstehen sich aufs strafen und den Tantalus -- Gute Nacht. Das
sagt ich auch eben an Lottens Schattenbild.
Sonnabends nach Tische.
Das war sonst die Zeit, dass ich zu ihr ging, War das Stündgen wo ich
Sie antraff, und ietzt habe ich volle Zeit zu schreiben. Wenn Sie
nur sehen sollten wie fleissig ich binn. So auf einmal das alles zu
verlassen, das alles wo meine Glückseligkeit von vier Monaten lag.
Ich fürchte nicht dass ihr mich vergeßt, und doch sinn ich auf
Wiedersehen. Hier mags denn gehn wie's kann, und ich will Lotten nicht
eher wiedersehen als bis ich ihr _Confidence_ machen kann, daß ich
verliebt binn, recht ernstlich verliebt.
Was machen meine lieben Bubens, was macht der Ernst. Es wäre besser ich
schriebe euch nicht, und liesse meine Imagination in Ruhe, -- doch da
hängt die Silhouette das ist schlimmer als alles. Leben Sie wohl.
12.
Goethe an Kestner.
_prs._ W. d. 4. Oct. 72.
Ich habs ja gesagt, wenn das Zeug Lotten so gut gefällt, als es ihr
steht, so wird unser Geschmack gelobt. Noch schick ichs nicht, denn
gegen den blauen Ausschlag hab ich einzuwenden, dass er zu hart ist
dass er gar nicht steht. Entweder das grüne das hier beyliegt oder
Paille -- und das letzte wäre mir am liebsten weil ich schon geweissagt
habe Lotte wird einmal das gelbe lieben wie sies Rothe ietzt liebt.
und da wär mirs angenehm es introduzirt zu haben. Schreiben Sie mir
die Entschliessung. Nur kein Blau. Wenn sie zwischen zärtlichen
Abschiedsträhnen, auch an mich denken kann so sagen Sie ihr ich
sey noch hundertmal bey ihr. Dorthel Brandt ist fleissig erwähnt
worden, auch Merkens Frau hat davon hören müssen. Sie sollen nur bald
nach Friedberg kommen oder ich komme nach W. Grüßen Sie mir die
schwarz-Augige. Uebrigens ist Wetzlar ganz ausgestorben für mich.
Meinen lieben Bubens viel Grüsse. Viel Glück Hansen, und Ernsten gute
Besserung. Dem Hrn. Amtmann empfelen Sie mich.
Goethe.
13.
Goethe an Kestner.
_prs._ W. 7. Oct. 72. (Frfrt.) Dienstags (6. Oct. 72.)
Morgen früh geht ab Cattun und gelehrte Zeitung, und für die Bubens
Bilder, dass iedes was habe. Unsere Spektakels mit den Pfaffen
werden täglich grösser. Sie prostituiren sich immer mehr und wir
rencheriren drauf. Wollte ich sässe noch zu Lottens Füssen, und die
Jungen krabbelten auf mir herum. Wie stehts im teutschen Haus, ist
noch fried und einigkeit unter den Leuten. Lebt die Dorthel noch
immer so fort. Wär ich jetzt in Wetzlar ich hätte der Lotte was zu
vertrauen, wovon Sie nichts wissen dürfen. Adieu lieber Kestner,
grüßen sie mir die Dorthel -- den braven Kielmannsegg auch. Ists denn
wahr daß ihr noch hundert Jahr in Wetzlar bleibt man sagt im Publiko,
die Vis. (Visitation) ginge wieder bald zusammen endigte mit denen
_Suspensis_, drauf rückte die zweyte Klasse ein, und Hannover
bleibt da! -- Es ist nicht des Reichs dass michs kümmert. Geben Sie die
4 fl. für Zeitung Bornen. Er soll auf Ordre sie bewahren.
Goethe.
14.
Goethe an Lotte.
_prs._ W. 9. Oct. 72.
Dank Ihrem guten Geist goldne Lotte, der sie trieb mir eine unerwartete
Freude zu machen, und wenn er so schwarz wäre wie das Schicksaal, Danck
ihm. heut eh ich zu Tisch ging, grüsst ich ihr bild herzlich, und bey
Tisch -- ich wunderte mich über den seltsamen Brief, brach ihn auf
und steckt ihn weg. O liebe Lotte seit ich sie das erstemal sah, wie
ist das alles so anders, es ist noch eben diese Blütenfarbe am Band,
doch verschossner kommt mirs vor, als im Wagen, ist auch natürlich.
Danck ihrem Herzen dass Sie mir noch so ein Geschenck machen können,
ich wollt aber auch in die finstersten Hölen meines Verdrusses -- Nein
Lotte Sie bleiben mir, dafür geb ihnen der reiche im Himmel seiner
schönsten früchte, und wem er sie auf Erden versagt dem lass er droben
im Paradiese wo kühle Bäche fliessen zwischen Palmbäumen und Früchte
drüber hängen wie Gold -- indessen wollt ich wäre auf eine Stunde bey
Ihnen.
* * * * *
Noch was, eh ich zu Bette gehe, unsre beyden Verliebten,[8] sind auf
dem Gipfel der Glückseeligkeit. Der Vater ist unter höchst billigen
Bedingungen zufrieden, und es hängt nun von Nebenbestimmungen ab.
Gleichfalls liebe Lotte! Gute Nacht.
15.
Goethe an Kestner.
_prs._ W. d. 11. Oct. 72. Sonnabends.
Schreiben sie mir doch gleich wie sich die Nachrichten von Goué
konfirmiren.[9] Ich ehre auch solche Taht, und bejammere die Menschheit
und lass alle --kerle von Philistern Tobacksrauchs Betrachtungen drüber
machen, und sagen: ~Da habt ihr's~. Ich hoffe nie meinen Freunden
mit einer solchen Nachricht beschweerlich zu werden.
Unser Kattun, (sintemal auch der ins große Rad der Dinge gehört) Ist
noch nicht ankommen. das wundert mich. Er ist gestern vor acht Tage,
oder Dienstags vor acht Tage von hier abgangen. Es ist eine Rolle
Cattun, Bilder und Zeitungen. Mein Bedienter ist eben auf die Post zu
fragen ob er etwa hier liegen blieben ist.
Es war noch ein Zufall dabey. In benanndter Rolle sind nur zwey Ellen
-- Die dritte Kriegen Sie durch Bornen.
Wie hundertmal denck ich und Träum ich von vergangenen Scenen. Lotte,
meine Jungens. Wir sind doch nur zwölf Stunden auseinander.
* * * * *
Sie versichern hier auf der fahrenden Post, daß die Rolle gestern als
freytag acht Tage, nach Wetzlar abgegangen. Seyn Sie so gütig sich
gleich zu erkundigen. Sie kommt im Krachbein an.
16.
Goethe an Kestner.
_prs._ W. 22. Oct. 72 von Franckfurt.
Hier ein Paar Blätter Goldeswerth. Kielmannseggen grüsst mir, sie
werden ihn freuen. Der iunge Falck war gestern bey mir, ein muntrer
iunger Mensch, wie ich sie liebe. Heute werd ich mit ihm spazieren
gehn, und ihm Schlossern bekanndt machen.
Und Lotte -- wenn ich ans friedberger Tohr komme ist mirs als müsst ich
zu euch. Mir liegt schweer auf der Seele dass ich im Zank mit Sophien
weggangen binn, ich hoffe sie hats vergessen und vergeben, wo nicht so
bitt ich sie drum. Schreiben Sie doch wie ich ihr stehe. Und Ammalgen
wie lebt das. Von Gottern bitt ich sie nähere deutlichere Nachricht,
Ihre Briefstelle von ihm ist zu mystisch. Diese paar herrliche Tage
haben wir Herbst gemacht. Und mehr an Lotten gedacht als sie an mich in
einem Vierteljahr. Doch hoff ich mit der Zeit auch dieser Plage los zu
werden.
17.
Goethe an Kestner.
_prs._ Wetzl. 28. Oct. 72.
Hier ist abermal Zeitung. Danck Ihnen für alle guten Nachrichten. Und
Lotte oder Sie wer zuerst nach Atspach kommt wird in meinem Nahmen auch
den lieben Leuten Glück wünschen. Wenn ihr wüsstet wie oft ich bey euch
binn und wie noch -- Manchmal steigt mir ein Zweifel auf und ich denke
mir Lotten _en_ Pannier, wie sie all sind -- doch bald fällt sie
mir wieder im blaugestreiften Nachtjack ein, und ihrer _Ingenuen_
Güte die sie allein hat, und dann hoff ich in ihrer Seele nicht unter
der grosen unbedeutenden Anzahl verlohren zu gehn. Falcken hab ich
nicht wieder gesehen. Die Wirbel der Gesellschafftlichkeit hatten
ihn verschlungen. Grüsen Sie mir Kielmannseggen viel. Ich wollte ihn
an seinem Krankenbette besuchen. Der dritte Urteiler ist von denen
Elenden die verdamdt sind in Finsterniss des Eigendünkels ihr leben
zu verschleppen. Adieu Besorgungen sollen gemacht werden. Gotter ist
ein schielender Mensch. Pfuy über die Stelle seines Briefs. Das ist
eckelhafte unbedeutende Zweydeutigkeit. Sein gutes Herz -- Ja die guten
Herzen! Ich kenn das Pack auch.
18.
Goethe an Kestner.
Der unglückliche Jerusalem. Die Nachricht war mir schröcklich und
unerwartet, es war grässlich zum angenehmsten Geschenck der Liebe diese
Nachricht zur Beylage. Der unglückliche. Aber die Teufel, welches
sind die schändlichen Menschen die nichts geniessen denn Spreu der
Eitelkeit, und Götzenlust in ihrem Herzen haben, und Götzendienst
predigen, und hemmen gute Natur, und übertreiben und verderben die
Kräffte, sind schuld an diesem Unglück an unserm Unglück. hohle sie
der Teufel ihr Bruder. Wenn der verfluchte Pfaff.... nicht schuld ist,
so verzeih mirs Gott, dass ich ihm wünsche er möge den Hals brechen
wie Eli. Der arme iunge! wenn ich zurückkam vom Spaziergang und er mir
begegnete hinaus im Mondschein, sagt ich er ist verliebt. Lotte muss
sich noch errinnern daß ich drüber lächelte. Gott weis die Einsamkeit
hat sein Herz untergraben, und -- seit sieben iahren[10] kenn ich die
Gestalt, ich habe wenig mit ihm geredt, bey meiner Abreise nahm ich ihm
ein Buch mit das will ich behalten und sein gedenken so lang ich lebe.
Dank euch ihr Kinder alle, das ist heilsamer herrlicher Trost, wenn ich
euer Andenken seh, und eure Freude. Es war doch gut dass es so zusammen
kam, leben und Todt, Trauer und freud. Wie anders wie anders als wie
sich Goué solte erschossen haben. Lebt wohl Grüsst Lotten tausendmal.
Wie glücklich seyd ihr.
19.
Aus Kestners Tagebuche.
Goethe's Reise nach Wetzlar betr.
d. 6. Nov. 1772. Abends kamen zwey meiner Freunde aus Frankfurt an, der
Rath Schlosser und Doctor Goethe; Ersterer wegen Geschäften, Letzterer
um seine Freunde zu sehen.
d. 10. Nov. 1772. Schlosser und Goethe sind diesen Morgen nach
Frankfurt zurückgereiset. Wir sind fast immer beysammen gewesen,
welches mich etwas in meinen Geschäften zurückgesetzt hat.
20.
Goethe's Schwester an Kestner.
_prst._ 7. Nov. 72.
Küssen Sie Ihr liebes Lottchen von meinetwegen, und sagen Sie ihr dass
ich sie von ganzem Herzen liebe.
S. Goethe.
21.
Goethe an Kestner.
_acc._ 12. Nov. 72. Wetzl. (Friedberg d. 10. Nov. 72.)
Ich binn der rechte. Ausgeschickt auf eine Local Commission, phantasir
ich übers Vergangene und zukünftige. Gestern Abend war ich noch bey
euch und ietzo sitz ich im leidigen Friedberg und harre auf einen
Steindecker, mit dem ich die Reparatur meines verwünschten Schlosses
akkordiren will. Der Weg hierher ward mir sehr kurz, wie ihr denken
könnt, und wie ich heut vom Cronprinzen hinauffuhr, und ich die
Deutschhaus Mauern sah, und den Weeg den ich so hundertmal, und es dann
rechts ein in die Schmidtgasse lenckte. Ich wollte ich hätte gestern
Abend förmlich Abschied genommen, es war eben so viel und ich kam um
einen Kuß zu kurz, den sie mir nicht hätte versagen können. Fast wär
ich heute früh noch hingegangen, S. hielt mich ab, dafür spiel ich ihm
nächstens einen Streich, denn ich will doch nicht allein leiden. Gewiß
Kestner, es war Zeit dass ich gieng. Gestern Abend hatt ich rechte
hängerliche und hängenswerthe Gedanken auf dem Canapee -- --
Der Steindecker war da und ich binn so weit als vorher, und es ist ein
Packet von meinem Vater ankommen darnach ich geschickt habe, das mag
auch erbaulichs Zeug enthalten. Indessen binn ich doch wieder bey euch
gewesen, und meine Seele ist noch bey euch und bey meinen Kleinen. Wenn
der Mensch geboren wäre reine Freuden zu geniessen. --
Der Brief meines Vaters ist da, lieber Gott wenn ich einmal alt werde,
soll ich dann auch so werden. Soll meine Seele nicht mehr hängen an dem
was liebenswerth und gut ist. Sonderbar, dass da man glauben sollte
ie älter der Mensch wird, desto freyer er werden sollte, von dem was
irrdisch und klein ist. Er wird immer irrdischer und kleiner. -- Sie
sehen ich binn schön im Train zu radotiren, aber Gott weis es ist
nichts anders als mich mit Ihnen zu beschäfftigen und zu vergessen,
wer, wo, und was ich binn.
Schlosser kommt eben von einer Ambassade wieder, die Liebe giebt ihm
die Protocolle ein, er _inquirirte_ in die innersten Höllenwinkel,
inzwischen bleibt alles wies ist, und wir richten mit laufen und
treiben grade so viel aus, dass wir einer ansehnlichen Visitations
Deputation nicht den Rang ablaufen.
Und wenn ich wieder denke wie ich von Wetzlar zurückkomme, so ganz
über meine Hoffnung Liebempfangen geworden zu seyn; binn ich viel
ruhig. Ich gestehs Ihnen es war mir halb angst, denn das Unglück ist
mir schon oft wiederfahren. Ich kam mit ganzem, vollem, warmem Herzen,
lieber Kestner da ists ein Höllenschmerz wenn man nicht empfangen wird
wie man kommt. Aber so -- Gott geb euch ein ganzes Leben wie mir die
paar Tage waren.
Das Essen kommt, und Gute Nacht.
Noch einmal gute Nacht. Empfelen sie mich dem alten lieben Papa, und
meinen Buben. Lotten erinnern Sie im Conzert an mich auch Dortelgen.
Noch etwas. Lotte hat ein Meubel das ihr zu gros ist. Ich hab sie
gebeten mir zu erlauben es in ein kleineres zu vertauschen schicken Sie
mirs doch wohl eingepackt auf der fahrenden.[11]
22.
Goethe an Kestner.
_acc._ 14. Nov. 72. Wetzl. von Frankfurt.
Da ist deutsche Baukunst für Kielmannseggen und Sie.
Habt Ihr im Conzert meiner gedacht und wie gehts euch.
Von Friedberg haben Sie doch den erbaulichen Brief kriegt, ich schrieb
ihn um meine Seele zu beschäfftigen, die sonst ungebärdig werden
wollte. Von da binn ich nach Homburg, und habe wieder das Leben Lieb
gewonnen, da das erscheinen solch eines Elenden, so trefflichen
Geschöpfen Freude machen kann.
Adieu, ich ruhe hier aus, auf den Montag nach Darmstadt, den Mittwoch
nach Mannheim. Wo ich die Freude hoffe mit der Frl. Baschle von Lotten
zu schwäzen.
23.
Goethe an Kestner.
_acc._ 15. Nov. 72. Wetzl.
Euren lieben Andenkenvollen Brief hab ich heute kriegt, und muss nur
wenigstens euch dagegen sagen wie viel michs freut, und wie lieb ich
euch habe.
Lotte weis wohl dass sie sagen darf was sie will, ich armer Teufel binn
immer im höchsten desavantage, demohngeachtet ist sie Lotte, und es
bleibt beym alten.
Da ist ein Exempl. Baukunst für Falken. Wie stehts mit meinen
Köpfen.[12] Treiben Sies ia. Wollten Sie wohl Wandrern sagen, ich habe
mich nach Zwiefeln erkundigt, da mich die Liebhaber versichert es seye
zu spät, müsse man im September sich drum umthun, die guten seyen all
ausgelesen. Demohngeachtet hab ich zum Italiäner geschickt der mir aber
sagen lassen, es seyn keine mehr vorhanden. denn um diese Zeit, treiben
sie schon.
24.
Kestner an v. Hennings.
Wetzlar d. 18 November 1772.
Was denken Sie wohl von mir, lieber Hennings, das möchte ich diesen
Augenblick gleich wissen. Ich will zwar keine Entschuldigungen machen,
aber etwas das eben so viel ist, muß ich doch sagen.
Gerade den Abend vorher, als ich Ihren lieben letzten Brief bekam,
sagte mir Lottchen, ich möchte doch wieder einmal an Sie schreiben,
weil ich lange nichts von Ihnen gehört hätte, und ich hatte wirklich
lange vor dieser Erinnerung schon zu einem recht langen Brief
geschritten, und ihn schon angefangen. Da ich Ihnen aber in demselben
einige merkwürdige Begebenheiten, welche seit ein paar Jahren nahe um
mich vorgegangen waren, ausführlich erzählen wollte, und ich darin oft
unterbrochen wurde, so wollte ich nur das Neueste davon erzählen. Dieß
fing ich wiederum so weitläuftig an, daß ich auch damit so bald fertig
zu werden nicht hoffen darf; daher will ich meinen Plan ändern und
Ihnen davon nur das Hauptsächlichste (wie in Summarien) erzählen, um
die Communication zwischen uns einmal wieder zu eröffnen.
Sie wollen mehr von meinem Mädchen hören, und ich schreibe Ihnen nur
gar zu gerne davon, und habe Ihnen so viel davon zu sagen. Mein Mädchen
ist mir von Jahren zu Jahren immer werther geworden. Ich brachte mit
ihr und ihrer Mutter die Stunden, die ich dazu anwenden konnte, bis
vor zwey Jahren recht glücklich und vergnügt zu. Wie und auf was Art,
erzählte ich Ihnen gern, wenn es nicht zu weitläuftig wäre. Diesen
Herbst vor zwey Jahren aber empfing unsere Ruhe einen empfindlichen
Stoß. Die beste Mutter, die je gelebt, und wie sie die Phantasie nur
schildern mag, ward krank und starb. Ich glaube ich habe es Ihnen
noch nicht geschrieben. Aber eines Theils war ich es bisher nicht
im Stande, theils wollte ich es Ihnen mit allen Umständen, die sehr
merkwürdig sind, erzählen. Dießmal bemerke ich nur was dieser Tod auf
Lottchen für einen Einfluß geübt hat. Sie empfand diesen Verlust in
seiner ganzen Schwere. Er milderte auch ihre Munterkeit sehr und mußte
es durch die Folge noch mehr thun; denn auf sie fiel das Loos, ihrer
Mutter Stelle bey den Geschwistern zu ersetzen: natürlicher Weise eine
wichtige Veränderung. Sie war erst 18 Jahre alt, und hat eine ältere
Schwester, die niemals die Rechte der Erstgeburt vergab; allein daß
Lottchen nur ihrer Mutter Stelle vertreten konnte, war so ausgemacht
und so unzweifelhaft, daß nicht nur der Vater, sondern auch die ältere
Schwester, und noch mehr die jüngern Geschwister, auch das Gesinde, ja
die Fremden, stillschweigend und ohne Abrede, durch eine innerliche
Ueberzeugung unbewußt getrieben, darin übereinstimmten. Und sie
selbst fühlte ihre Bestimmung so sehr, daß sie das Amt von dem ersten
Augenblick an übernahm, und mit einer solchen Zuverlässigkeit führte,
als wenn eine förmliche Uebertragung, bey ihr aber ein überlegter
Entschluß vorausgegangen und sie dazu von jeher bestimmt sey. An sie
wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer
Anordnung, ja ihrem Wink; und was das vornehmste war, es schien als
wenn die Weisheit ihrer Mutter ihr zum Erbtheil geworden wäre. Bis
diese Stunde hat sich solches erhalten; Sie ist die Stütze der Familie,
die Liebe, die Achtung derer, die dazu gehören, und das Augenmerk
derer, welche dahin kommen. -- Ich sage Ihnen, es ist ein halbes
Wunderwerk, ohngeachtet weder sie selbst, noch die Familie, es merkt,
und jedes meynt es müßte so seyn.
Sie können denken wie diese Begebenheit bey mir ihren Werth vergrößert
hat; und wenn ich vorher noch ihretwegen unentschlossen gewesen wäre,
so hätte mich dieses, ohne den mindesten Zweifel übrig zu lassen,
völlig entscheiden müssen; denn was vorhin meistens nur Hoffnung, nur
Wahrscheinlichkeit, nur Keim, nur Anlage war, das ist jetzt sichtbare,
unläugbare Gewißheit, das ist jetzt die reife Frucht und vollendete
Vollkommenheit. Sie verstehen mich auch, wenn ich sage, daß diese
Situation ihr nicht nur die Vollendung gegeben, sondern sie auch darin
erhält, und sie vor den Abwegen bewahrt, wohin die Mädchen nur leicht
gerathen, wenn sie Muße genug haben, in dem Putz, in dem zu vielen
Bücherlesen, und in den anderen vermeyntlichen Vollkommenheiten, ihre
Vorzüge zu suchen. Ein Mensch, deßen Urtheil von Erheblichkeit ist,
gestand diesen Sommer, er hätte noch kein Frauenzimmer gefunden, daß so
von den gewöhnlichen weiblichen Schwachheiten frey wäre &c. Wenn ich
vor Ende dieses Briefes die Schilderung bekomme, welche er von Lottchen
gemacht hat, will ich sie noch hersetzen.
Ob nun gleich die Last, welche in dieser Situation auf ihr ruht, wie
leicht zu begreifen ist, leicht hindern könnte, daß ihr Werth dem
nicht scharfsinnigen Auge verborgen bliebe, da sie nicht eigentlich
eine sogenannte glänzende _Beauté_ ist, nach dem gemeinen Sinne;
mir ist sie's; so bleibt sie doch immer das bezaubernde Mädchen, das
Schaaren von Anbetern haben könnte, alte und junge, ernsthafte und
lustige, Kluge und Dumme &c.
Sie weiß aber halb zu überzeugen, daß sie entweder in der Flucht oder
in der Freundschaft ihr einziges Heil suchen müssen. Eines von diesen,
als des merkwürdigsten, will ich doch erwähnen, weil er auf uns einen
Einfluß behalten. Ein junger Mensch an Jahren (23), aber in Kenntnissen
und Entwicklung seiner Seelenkräfte und seines Charakters schon ein
Mann; ein ausserordentliches Genie und ein Mensch von Charakter, war
hier, wie seine Familie glaubte, der Reichs-Praxis wegen, in der That
aber um der Natur und der Wahrheit nachzuschleichen, und den Homer
und Pindar zu studiren. Er hat nicht nöthig des Unterhaltes wegen zu
studiren. Ganz von ohngefähr, nach langer Zeit seines Hierseyns, lernte
er Lottchen kennen, und in ihr sein Ideal von einem vortrefflichen
Mädchen; er sah sie in ihrer fröhlichen Gestalt, ward aber bald
gewahr, daß dieses nicht ihre vorzüglichste Seite war; er lernte sie
auch in ihrer häuslichen Situation kennen, und ward, mit einem Wort,
ihr Verehrer. Es konnte ihm nicht lange unbekannt bleiben, daß sie
ihm nichts als Freundschaft geben konnte, und ihr Betragen gegen ihn
gab wiederum ein Muster ab. Dieser gleiche Geschmack, und da wir uns
näher kennen lernten, knüpfte zwischen ihm und mir das festeste Band
der Freundschaft, so daß er bey mir gleich auf meinen lieben Hennings
folgt. Indessen, ob er gleich in Ansehung Lottchens alle Hoffnung
aufgeben mußte, und auch aufgab, so konnte er, mit aller Philosophie
und seinem natürlichen Stolze, so viel nicht über sich erhalten, daß er
seine Neigung ganz bezwungen hätte. Und hat er solche Eigenschaften,
die ihn einem Frauenzimmer, zumal einem empfindenden und das von
Geschmack ist, gefährlich machen können: Allein Lottchen wußte ihn so
zu behandeln, daß keine Hoffnung bey ihm aufkeimen konnte, und er sie,
in ihrer Art zu verfahren, noch selbst bewundern mußte. Seine Ruhe litt
sehr dabey; es gab mancherley merkwürdige Scenen, wobey Lottchen bey
mir gewann, und er mir als Freund auch werther werden mußte, ich aber
doch manchmal bey mir erstaunen mußte, wie die Liebe so gar wunderliche
Geschöpfe selbst aus den stärcksten und sonst für sich selbstständigen
Menschen machen kann. Meistens dauerte er mich und es entstanden bey
mir innerliche Kämpfe, da ich auf der einen Seite dachte, ich möchte
nicht im Stande seyn, Lottchen so glücklich zu machen, als er, auf
der andern Seite aber den Gedanken nicht ausstehen konnte, sie zu
verlieren. Letzteres gewann die Oberhand, und an Lottchen habe ich
nicht einmal eine Ahndung von dergleichen Betrachtungen bemerken
können. Kurz, er fieng nach einigen Monaten an, einzusehen, daß er zu
seiner Ruhe Gewalt gebrauchen mußte. In einem Augenblicke, da er sich
darüber völlig determinirt hatte, reisete er ohne Abschied davon,
nachdem er schon öfters vergebliche Versuche zur Flucht gemacht hatte.
Er ist zu Franckfurt und wir reden fleissig durch Briefe mit einander.
Bald schrieb er, nunmehr seiner wieder mächtig zu seyn; gleich darauf
fand ich wieder Veränderungen bey ihm. Kürzlich konnte er es doch nicht
lassen, mit einem Freunde, der hier Geschäfte hatte, herüber zu kommen;
er würde vielleicht noch hier seyn, wenn seines Begleiters Geschäfte
nicht in einigen Tagen beendigt worden wären, und dieser gleiche
Bewegungsgründe gehabt hätte, zurückzueilen: denn er folgt seiner
nächsten Idee, und bekümmert sich nicht um die Folgen, und dieses
fließt aus seinem Charakter, der ganz Original ist.
Inzwischen ist auch mein Vater gestorben, welches in seinen Folgen mich
schon mehr mit den traurigen Beschwerden der Menschen bekannt gemacht
hat und vielleicht noch mehr machen wird.
Damit Sie ferner wissen, wie es mit meinen geheimsten Angelegenheiten
steht: Ich bin mit Lottchen in keiner weitern Verbindung, als worin
ein ehrlicher Mann steht, wenn er einem Frauenzimmer den Vorzug vor
allen übrigen giebt, sich mercken lässet, daß er ein gleiches von ihr
wünscht und wenn sie solches thut, dieses nicht nur, sondern auch eine
völlige Resignation von ihr annimmt. Dieses halte ich schon genug, um
einen ehrlichen Mann zu binden, zumal wenn solches einige Jahre durch
dauert. Indessen tritt bey mir noch hinzu, daß Lottchen und ich uns
einander ausdrücklich erklärt haben, und es noch immer mit Vergnügen
thun, ohne jedoch Schwüre oder Betheurungen hinzuzufügen. Auch habe ich
schon längst ihrer seligen Mutter meine Absicht und Wunsch erklärt,
inzwischen nicht verhehlt, daß ich noch Aeltern hätte, und eine
geheime Verbindung nicht meine Absicht sey. Mit dem Vater habe ich
noch nie eine Sylbe darüber gesprochen. Sie verlassen sich auf meine
Ehrlichkeit, desfalls ich in einigem Ruf stehe, und sind ruhig, da
Lottchen bisher noch zu jung und noch zu nöthig war.
Zu Haus habe ich kein Geheimniß aus meinem Umgang, noch aus dem
Vorzuge, den ich Lottchen beylegte, gemacht, und zwar mit solchen
Ausdrücken, daß sie meine Absicht errathen konnten. Man äusserte sich
darüber nicht. Von meinem Vater versprach ich mir keine günstige
Entschliessung und da ohnehin noch nicht Zeit war, ließ ich es dabey
vorerst bewenden. Nachdem ich nun mit der Zeit endlich einmal einen
Ernst daraus machen möchte, und von meiner Mutter mir gutes verspreche,
so habe ich endlich auch meinen Wunsch und Absicht erklärt. Wir stehen
darüber noch in Correspondenz. Es werde mir mancherley Umstände
gemacht, besonders, daß ich zu Hause noch kein bestimmtes _Emploi_
habe, daß Lottchen viele Geschwister und kein Vermögen hat. Ich
habe diese Umstände aber wohl überlegt, und desfalls hinlängliche
Auskunft gegeben; ohnehin wollte ich gegenwärtig nur den Schritt thun,
daß ich Lottchen und ihren Vater wegen meiner Mutter Einwilligung
benachrichtigen könnte. Vor der würklichen Heirath muß ich denn erst
weitere Schritte wegen meines sichern _Emploi_ thun, und was ich
sonst desfalls überlegt habe. Ich hoffe nun bald schriftliche günstige
Erklärung von meiner Mutter; indessen wird sie nicht ganz zufrieden
seyn. Ich habe aber alles wohl überlegt und kann nicht anders. Mit dem
Detail will ich Sie nicht aufhalten. Hätte ich nur erst eine gewisse
Stelle, so sollte sich alles schon geben. Die Visitation scheint noch
einige Zeit fortzudauern, und ich werde aushalten müssen. Man muß
erwarten, was der Himmel fügt.
Leben Sie wohl, mein Bester; Erzählen Sie nur auch bald etwas von Ihnen.