einsamer Freund.
_N. B._ Ich habe meine Versetzung nach Schlesien erbeten. Wenn es mir
doch glückte. Ich bin ein solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat
wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer hängt.
Mich stören hier auch die Erinnerungen und ... die Menschen. Kürzlich
rief ein Kuckuck statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika. Ich
hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen, wenn Sie das lesen. O,
Sie böses, süßes Heidekind, Sie!
[Illustration]
Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter!
Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr des verlorenen
Sohnes? Liebe Mutter, du lächelst. Ich sehe in deinem lieben
Muttergesicht die kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht
so schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen tausend liebe
Mutterlächeln strahlen. Du schreibst mir: »Ich will Dich bei Deiner
Rückkehr ins liebe schlesische Heimatland feiern, wie man den
verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du mir
in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener Sohn‹: Nur weil Du fern
warst, viel zu fern von einer so alten Frau, als ich eine bin, nur
darum mir verloren, Du lieber Sohn.«
Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe daran ich war, der
biblische verlorene Sohn zu sein. Was wirst du sagen, wenn du alles
weißt? Und wissen mußt du es! Wie werden deine Augen ratlos in
Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen werde: »Ich bin Vater eines
Kindes!« Wirst du dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen
gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten Grundsätzen?
Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht ersparen zu können.
Bereite noch ~keine~ Feste vor für den »verlorenen Sohn«, liebe Mutter!
Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er wirklich der verlorene
Sohn war, dann, ja dann nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort
die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten wollte.
[Illustration]
Man verwächst mit einem Ort, an dem man längere Zeit geweilt hat, ohne
daß man es merkt.
Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt. Als ich meinen Wunsch
erfüllt sah und nach Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten
Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich manches, was ich
bis jetzt nicht gesehn hatte.
Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick über den alten
Kirchhof hinüber weit in das Flußtal hinein. Wie eigenartig doch die
Kauzburg selbst!
Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich mich erst so ungemütlich
fühlte!
Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten sein werden wie hier?
Ob dort wohl auch im Frühling die Nachtigall ihr einsam schönes
Nachtlied im Garten singen wird? —
Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens. Auch hier ein Abschied. Von
vielem.
Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den Domherrn am Fenster
stehend. Krank sah er aus, schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an
dem ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf ihn fielen,
machte er eine Bewegung, als wollte er rasch ins Dunkle des Zimmers
zurücktreten. Dann aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte
er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter Stimme zu mir:
»Ich werde über diesem Grabe wachen und es pflegen. Ist es nicht
schön gepflegt? Daneben ... daneben ...«
Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer über den Kirchhof.
Ich grüßte hinauf, als ich ging.
Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die Pforte hinter mir
schloß.
Also ~doch~ ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid.
»Daneben ... daneben ...«
Ich wußte, was er meinte.
Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes sein. Dann ist auch ~er~
tot. Mich wird’s nicht stören, komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem
Grab. Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre Sünde. Die
Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was ungleich war. Ein bißchen Erde
~mehr~, nichts anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen, die
für uns alle der gleiche Schoß ist?
[Illustration]
Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme ich nicht mit nach
Schlesien. Ich traue diesem Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse
Geister daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins Haus
getragen mit ihm.
Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den Eingang des
unterirdischen Ganges gestellt. Dort mag es stehen und den Gang in das
stille Tal verschließen wie früher. —
[Illustration]
Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern flammte das Abendrot
über dem Himmel, als ich das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken!
An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir ~jene~ gebracht, was wird
mir ~diese~ bringen? Wie mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen
entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag uns bringt. Was sag’
ich, ... Tag! ... Die nächste Stunde, der nächste Augenblick. In
Kleinigkeiten können wir das blinde Schicksal meistern, in großen
Dingen nicht.
[Illustration]
So bin ich denn in meinem Schlesien wieder!
Daheim! In der alten Heimat!
Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt, ihr Bäume legtet ~mir~ den
Traum der Jugend in mein Herz. ~Dich~, du mein grüner, heimatlicher
Wald!
Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist es noch und wirst es
bleiben allezeit.
O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will ich mich an den
Waldbach, der aus dem hellen Felde zum dunklen Walde fließt, hinknien,
wo einst des Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der
Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn jagte und die
Krähennester ausnahm, da will ich heute knien.
Und dankbar sein für meine Rückkehr in die Heimat.
Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses eine einzige Wort!
Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt. Umragt von hohen Mauern
gegen alles Fremde, gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden
Händedruck.
Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt, voll Licht, das durch die
Adern strömt wie goldner Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt
auch von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr lieben Toten, die
ihr nicht mehr seid. — — Dort diese Kiefer kenne ich so gut!
Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich als stärkster aus
dem Wipfel in die Breite streckt, gesessen und aufgepaßt aufs Wild,
das in die Felder trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer im
Versinken, da trat der starke Rehbock aus der jungen Dickung und warf
mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten Kopf hoch auf.
Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen Böckchen. Kaum zeigte
sich’s, hui, war der Starke wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil
hinter ihm her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht!
Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig, Männchen machend,
mit den Löffeln wackelnd, bald hierhin, dorthin schnuppernd, endlich
ganz beruhigt in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar
Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie uns ein Gläschen
guter Wein. —
Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes ist meine schlesische
Oberförsterei.
Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das Wasser des Stromes sehen.
Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im Schilfe. Und schwirren
pfeifenden Fluges hoch, umkreisen mein Forsthaus und lassen sich
brausend im Schilfe wieder ins Wasser hinab.
In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen Räume, in denen
Ritter und Mönche hausten. Aber auch keinen unterirdischen Gang mit
Steinkäuzchen und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar wie die Sonne
am lichten Sonntag ist alles in meinem Haus.
Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt, der Wald ringsum,
der stille, hohe Wald, — ja, von Ruhe.
Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus in schlesischer
Heimat.
Nun ist die Heimat wieder mein.
Mein erster Brief aus der Heimat soll in den Heidhof eilen zu dir,
Heidkönigstochter.
Liebe Erika!
Mein erster Brief aus Schlesien, meiner Heimatprovinz, soll zur
Heidkönigtochter eilen! Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist
der Sommer hin, bald flattert das Laub von den Bäumen, bald, bald
wird’s schneien, und dann kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich
doch ~selbst~ in die Heide! Meinst du, mein Brieflein, daß ich dann
~schreibe~?! O nein, dann eile ich selbst, so wie du heute eilen
sollst! Dann zieh’ ich dem Frühling entgegen, der in der Heide für
mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein, dein König sendet
dir seinen ersten Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger
Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen Segelschiffe gleiten
auf und nieder.
Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an ihr Ziel. Wie eine
Mutter die Schar der Kinder.
Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom. Wenn die Schiffe
lautlos herangleiten, die weißen Segel vom silbernen Mondglanz
umflossen, dann ist’s mir, als ob sie mir aus der stillen, fernen
Heide das Heidkind bringen sollten.
Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren! Wie werde ich aufpassen,
wenn die erste Schwalbe am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde
ich auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am Waldrand drüben.
Wenn der Frühling im Lande sein, wenn sein strahlendes, holdes Antlitz
uns anlächeln wird, dann werde ich rüsten zur Fahrt in die Heide.
~Aus~ der Heimat werde ich ~in~ die Heimat fahren. So lockt mich die
Heide. Ich kam so froh hierher und bin so ernst und still, seitdem ich
hier bin.
Warum wohl, Heidekind, warum?
Ach, weil mir immer mehr und mehr die Heidkönigtochter fehlt! Weil
immer mehr mein Herz sich nach ihr sehnt. Doch still davon. Was man so
ganz im Herzen hat, das duldet keine Worte. Das liegt verschlossen wie
in einer Kammer. Wie Gold in einem goldenen Schrein.
Grüßen Sie mir mein Kind, liebe Erika. Mein Kindchen, bist Du Dir
denn auch bewußt, daß Du mein Fürbitter sein sollst?
[Illustration]
Als ich in die Fremde zog, sah ich, bevor ich um die Ecke bog, das
liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Ich sah, wie es sich an die
Scheiben preßte und dem Sohn nachsah. Die guten, alten Mutteraugen.
Die so treu wie es nur Mutteraugen können, auf das Kind herabsehn.
Und heute, als ich aus der Fremde wiederkam, zurückkehrte in die
alte Heimat, sah ich, wie damals, das liebe, alte Muttergesicht am
Erkerfenster. Wie ein Sonnenschein flog es über dieses liebe, alte
Gesicht, als ich um die Ecke bog. Und doch stand eine Wolke über der
Sonne oben am Himmel. Ach, eine Wolke stand auch über mir. Über dem
heimkehrenden Sohne.
Noch ahnst du nichts, liebe Mutter. Noch ist für dich der
heimkehrende Sohn derselbe Sohn, der er war, als er in die Fremde
ging. Wie ein verlorener Sohn wurde ich empfangen. »Du bist mir doch
wiedergeschenkt, richtig wiedergeschenkt, mein Junge, jetzt, wo Deine
Oberförsterei so nah von hier liegt«, meinte sie lächelnd, als sie
mich immer und immer wieder mit ihrer runzligen Hand streichelte.
Diese alte, zitternde Hand. Ich hatte ihr nun schon so viel erzählt
von meiner jetzigen Oberförsterei und der früheren. Kein Wort bis
jetzt von dem Schweren, das ich erlebt hatte, nichts bis jetzt von
Marianne, nichts von dem Kinde, nichts von Erika.
»Du verschweigst mir die ganze Zeit, seit du bei mir bist, etwas, mein
Junge. Darf es deine alte Mutter nicht wissen?« Ich erschrak, als sie
in ihrer mütterlich besorgten Weise diese Frage tat. Wie scharf sieht
doch eine Mutter ins Herz des Kindes!
»Ich verschweige dir etwas, Mutter?«
»Ja, du verschweigst mir etwas, Sohn. Dich bedrückt etwas, sage es mir
doch, vielleicht kann ich dir helfen.«
Da zog ich behutsam das Bild des kleinen Mariannchens, meines
Töchterleins, aus meiner Brusttasche.
Sie folgte aufmerksam meinen Bewegungen. »Was hast du denn da, lieber
Sohn?« fragte sie mit einer sie so gut kleidenden Neugierde. »Was ich
hier habe, Mutter? Ei, hier ist das, was ich dir verschwiegen habe.«
»Also hatte ich recht, ja, ja, eine alte Mutter fühlt es, wenn das
Kind, und wenn das Kind auch so ein großer Sohn ist, Kummer hat.«
»~Kummer~, Mutter?«
»Ja, Kummer, lieber Sohn«, sagte sie.
»Ich fühl’s, fühl’s ganz deutlich.«
»So sieh dir doch einmal dieses Bild an, Mutter«, bat ich.
»Ei, was für ein liebes, liebes Kindchen ist es! Wer ist denn das
Geschöpfchen? Und wie es lacht und seine Ärmchen vorstreckt, ach wie
allerliebst, gewiß das Kind von einem deiner Freunde, lieber Sohn!«
rief sie und sah voll Freude auf das Bild.
»Sieh’ es dir recht genau an, Mutter«, bat ich. Sie sah auf.
»Nanun, du tust ja ganz merkwürdig, Junge. Was machst du denn für ein
Gesicht? Ist wohl tot, gestorben, das herzige Kind?«
»Nein, Mutter, es lebt. Das Kind lebt, Mutter«, sagte ich leise.
Da blickte sie noch einmal scharf auf das Kindergesicht. »Es lebt, das
Kindchen«, sprach sie mir langsam nach und sah von dem Bilde wieder
auf mich.
»Mutter,« sagte ich, »ahnst du denn nicht, wem das Kind gehört?«
Wie eine große Angst kam’s in ihre Augen. Wie eine große, ratlose
Angst.
»Ja, wie soll ich denn das ahnen, lieber Sohn«, sprach sie, und ihre
Stimme zitterte.
»Sag’, Mutter, wenn dieses unschuldige Kind nun mir, deinem Sohn
gehörte?«
»Fritz!« rief sie und starrte mich an.
»Mutter, es ist ~mein~ Kind. Ich bin der Vater des kleinen,
herzigen Mariannchens, dessen Bild du in der Hand hältst«, sagte ich
ruhig. »Muß ich dich und dein Dasein, du armes Kind, denn sogar vor
meiner ~Mutter~ entschuldigen?« dachte ich bitter, als ich sah, wie
fassungslos, wie entgeistert die alte Frau dasaß.
Unwillig wandte ich mich fort.
Da hörte ich, wie sie leise in ihr Taschentuch hineinschluchzte.
»Mutter!«
Und ich kniete vor ihr, sie nahm die alten Hände, die mich vor vielen
Jahren getragen hatten, von ihren weinenden Augen und streichelte
immer und immer wieder mein Haar. »Du armer Sohn, du armer Sohn«,
sagte sie, nichts anderes. Da erhellte ein Licht meine Seele: »Diese
alte Frau fühlt in diesem Augenblick alles Leid nach, was ich heimlich
vor den Augen aller anderen nur mit mir selbst durchgekämpft habe,
bevor ich zu dieser Ruhe gekommen bin.« Und während ich vor ihr kniete
und sie abwechselnd auf das Bild der kleinen Marianne blickte und mir
das Haar aus der Stirn strich, erzählte ich ihr.
Erzählte ihr von der Mutter des Kindes, von ihrem goldenen,
schimmernden, schönen Haar, ihrem lilienweißen, feinen Gesicht und
ihrem sanften Sterben an diesem Kinde.
»Wo ist das Kind?« fragte sie, und es war rührend für mich, wie
schamhaft die alte Frau das fragte.
Da erzählte ich ihr von der anderen, die ich nun liebte. Anders
liebte, als ich die erste geliebt hatte. Und ~diese~ Liebe verstand
meine alte Mutter. Ich fühlte ordentlich, wie es immer mehr und mehr
von ihrer Seele wich. Diese Bergeslast um den Sohn. Den verlorenen
Sohn.
Ich erzählte ihr von Erika, dem Heidkönigstöchterlein, von der Heide
und dem einsamen Heidhofe in der Heide. Auch vom Heidkönig warf ich
nebenbei einiges dazwischen.
Aber, wer kann ein Mutterherz täuschen!
»Er will sie dir nicht geben und wird sie dir nicht geben, wegen
diesem hier«, sagte sie betrübt und zeigte auf das Bild der kleinen
Marianne.
»Nein, er gibt sie dir nicht. Und das wird schlimm sein für dich, mein
armer Sohn.«
»Ach, Mutter, ich denke, er wird nachgeben«, meinte ich und legte in
meine Worte viel Zuversicht.
»Nein, er gibt ~nicht~ nach«, sprach sie still vor sich hin. »Nach
allem, was du mir erzählt hast, gibt er seine Tochter nicht. Und ...
du darfst ihm deshalb nicht zürnen, lieber Sohn«, setzte sie zaghaft
hinzu.
»Sieh mal, es ist doch nun einmal eine große Sünde. Aber habe keine
Angst, ich werde dich losbeten, ja, das werde ich. Einer so alten
Mutter zuliebe wird dir der liebe Gott schon verzeihn.«
Ich lächelte vor mich hin.
»Lache ~nicht~ darüber, mein Junge. Ich weiß ja, Ihr jungen Männer von
heute seid nicht mehr so gottesfürchtig, wie ihr sein solltet. Da muß
halt die Mutter für den Sohn ~mit~beten.«
»Tu es, du liebe, alte Mutter«, sagte ich und gab ihr einen Kuß auf
die Stirn. »Es kann mir nur nützen, wenn du es tust.«
Und schon, als ich am selben Nachmittage von einigen Gängen in der
Stadt nach Hause kam, fand ich meine Mutter eifrig im Gebetbuche
betend am Fenster sitzen.
Sie hatte sich offenbar nun schon mit dem Gedanken vertrauter gemacht,
daß ihr Sohn der Vater der kleinen Marianne war, die so vergnügt aus
dem Bilderrahmen die betende Großmama anlächelte.
»Wie wirst du es denn nun machen mit der Erika und dem Kindchen?«
fragte sie.
»Hinfahren werde ich und mir beide holen«, sagte ich.
Sie seufzte.
»Du gibst dich so bestimmten Hoffnungen hin«, warnte sie ängstlich.
»Mutter, ~laß~ mir diese Hoffnungen! Die muß ich behalten, weil sie
mich aufrecht halten. Ich klammere mich an die Hoffnung, daß Erika
meine Frau werden wird, wie der Schiffbrüchige an die letzte Planke.«
»Und wenn sie ~nicht~ deine Frau wird und der Vater sie dir
verweigert? Würdest du’s verwinden?«
Ich schwieg lange, ehe ich antwortete. Erst voll ausdenken mußte ich
diesen Gedanken. »Verwinden nicht, aber ich habe ein Kind, und die
Sorge um dieses Kind legt mir die schwere Pflicht auf, weiter zu leben
und weiter zu arbeiten, Mutter.«
Da stand die alte Frau auf, langte nach dem Bildchen meiner kleinen
Marianne und sagte leise:
»Sei gesegnet, du liebes, du mein liebes Enkelkind, du.«
»So darf ich dir das Kind bringen, wenn ich es wieder habe, Mutter?«
»Ja, mein Sohn, bringe es der Großmutter.«
— — — — Mariannchen, seit heute hast du eine Großmutter! Eine
Großmutter hast du, mein kleines Mariannchen, und deine Großmutter
wird Strümpfe stricken für deine strampelnden Füße, und Jäckchen und
Kleidchen für dein kleines Menschenkörperlein.
[Illustration]
So fahre ich also in die Heide. Am Heidbahnhof erwartete mich ein
hochbeiniger, einfacher Heidewagen.
Zwei wohlgenährte Schimmel davor. Es dauerte gar nicht lange, so war
ich mitten drin in der weiten Heide.
Ringsum ein Blühen und Duften im Flimmerglanz der Abendsonne.
An stillen Teichen kam ich vorüber. An weißen Birken, deren zarte
Zweige mit ihrem hellgrünen Blattschmuck leise schaukelten.
An dunklen Wacholderstauden, die ernst wie Schildwachen standen. Und
weit in der Ferne sah ich den Schäfer auf der Heide und vor ihm die
Heidschnucken grasen.
Scharf hob sich seine Gestalt in dem langen, dunklen Rock vom Glanz
des Abendhimmels ab.
Süß duftete das Lupinenfeld, an dem mich der kleine Wagen im mahlenden
Sande langsam vorüber brachte, vorbei an der alten, zerzausten Kiefer
mit dem aufwuchernden Baumgezweig um ihren Stamm; so kam ich näher und
näher dem Heidhofe, wo meine Heideblume blüht. Immer purpurner wurde
das Abendrot, immer schöner der Blütenreichtum. Und hier, ganz dicht
am Wagen das Edelweiß der Heide, die liebliche Immortelle!
Also, das ist deine Heimat, Heidkönigstochter! Hier bist du als Kind
durch die Blüten gesprungen, hier hast du geträumt und gesonnen, hier
bist du zur Jungfrau geworden. Um dich allein die Keuschheit dieser
unendlichen Heide. Unberührt von dem Branden der Welt. Deine Welt, du
stille Tochter der Heide, ist das Haus, in dem du mit fleißigen Händen
waltest. Mit treuem Herzen, mit ewig gleichem Pflichtgefühl still und
fromm und mit der Fröhlichkeit im Busen, die sich nie laut verkündet,
die aber wärmt und reinen Glanz um sich verbreitet.
Wie diese Heide hier.
Von weitem sah ich inmitten der braunen Heide eine weiße Gestalt stehn.
Klar hob sie sich ab in dem vergoldenden Glanz der Abendsonne.
Wie Purpurglut lag es um sie und um das Kind auf ihrem Arm.
»Ich will aussteigen, halt, steht, ihr Rößlein des Heidkönigs!« — — — —
»So, nun fahrt zu, ich gehe zu Fuß bis zum Heidhof, dort den Fußweg
quer durch die Heide.« Und so ging ich ihr entgegen, nach der ich
mich heiß gesehnt hatte Tag und Nacht und wieder Nacht und Tag. Und
die Tage und Nächte dieses langen Jahres sind langsam geschlichen,
so unendlich langsam —. Sie kommt mir entgegen, bringt mein Kind
mir zu! Klopf’ nicht so heftig, mein Herz! — Wer weiß, ob sie dir
entgegengehen wollte. Ob es nicht ein bloßer Zufall ist, daß sie
diesen Fußsteg geht.
Ein Zufall? Ein bloßer Zufall? Törichter, furchtsamer Gesell, du weißt
es, und dein Herz weiß es, daß es kein Zufall ist!
Jetzt konnte ich fast ihr Gesicht erkennen. Ach, wie blüht die Heide
so seltsam schön, wie duften die vielen tausend Heideblüten so seltsam
süß an diesem Abend. Wie seltsam schön flimmert und glänzt es um mich
herum. Kein Wunder, wenn die Heidkönigstochter durch ihre Heide geht.
Immer näher kamen wir uns.
Kein Berg, kein Tal lag zwischen uns, nur die weitsichtbare, stille,
summende Heide.
Die Luft war so klar, und dicht über der Ebene lag es so voller
Flimmerglanz, daß wir uns schon ganz deutlich sahen, obwohl wir noch
weit voneinander gingen. Wir dachten, ganz nahe schon beieinander zu
sein, und waren noch weit entfernt.
»Erika!« sagte ich gar nicht laut, und hätte es auch gar nicht laut
rufen können in diesem Augenblick. Sie schritt unentwegt weiter, sie
hatte es nicht gehört und konnte es wegen der Entfernung, die uns
trennte, auch nicht hören.
Ich sah, wie sie das Kind hoch auf ihrem Arm mir entgegenschwenkte,
sah, wie das Kind jubelte und die kleinen Hände aneinanderpatschte,
hörte aber keinen Laut. Mir war, als hätte eine Traumwelt mich
eingesponnen. Wie ein Schlafwandler kam ich mir in dieser weiten Heide
vor.
»Erika!« rief ich nun, so laut ich konnte, und siehe es war
Wirklichkeit, was mir entgegenkam, kein Traum.
Deutlich hörte ich das Jubeln des Kindes. Da hätte ich hinknien können
in die blühende, seltsame Heide und ihr danken, daß sie wirklich
um mich herum blühte, daß ihre Blüten so schön waren, und daß die
Heidkönigstochter wirklich mir, mir ganz allein entgegenkam.
Und nun stand sie vor mir, und ich stand vor ihr. Keins sprach ein
Wort. Aber das Kind lachte und angelte nach mir. Nach seinem Vater,
den es doch gar nicht mehr kannte nach diesem langen Jahr.
Sie reichte mir das Kind, und als es an meinem Halse hing, umfaßte ich
auch sie und sagte leise: »Erika, nun bin ich bei dir in der Heide.«
Da schlang sie ihre Arme um mich, und ich bog mich herab und küßte
erst sie auf den noch unberührten Mädchenmund, und dann das Kind auf
sein rosiges, halboffenes Mündchen. So standen wir beide mit dem Kinde
auf unseren Armen im versinkenden Goldglanz der Sonne.
Und um uns blühte die Heide.
Weit, unendlich weit lag die Welt von uns ab. Wir brauchten keine
Welt. Wir selbst waren uns unsere Welt.
Meine ganze Welt waren nur diese beiden Menschen hier in der einsamen
Heide.
»Erika,« sagte ich zu ihr, die treu und still und voll Liebe zu mir
aufsah, »Erika, bist du nun mein?«
Da ging ein Zucken durch ihren Körper.
Sanft löste sie sich aus meinen Armen, trat etwas auf die Seite und
sah mich prüfend an.
»Ich kann deinen Blick aushalten, Erika,« sprach ich, »immer werde ich
deinem Blick standhalten können bis zum Tode, glaube es mir.«
»Ich sehe es, und ich weiß es und wußte es, ehe du kamst, Lieber,«
erwiderte sie; »aber du weißt, wie mein Vater darüber denkt.«
»Dein Vater? Der Heidkönig?« fragte ich erschrocken; »wird er denn
auch jetzt noch nicht seine Einwilligung geben zu unserer Vereinigung?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Das hatte ich nicht gedacht und nicht erwartet«, sagte ich betrübt.
»Du kennst uns Heidleute nicht,« sprach sie ernst; »sieh, auch ich
hätte noch vor Jahresfrist für unmöglich gehalten, daß ich einst
einwilligen würde, wirklich deine Frau zu werden. Aber dies eine Jahr
der Trennung hat viel umgewandelt in mir. Das Jahr der Trennung und
das Kind hier. Immer mehr fühlte ich von Tag zu Tag, wie meine Liebe
zu dir wuchs, immer mehr fühlte ich, das ich nun gerade zu dir, dem
Einsamen, Unglücklichen — denn du bist nicht glücklich, Lieber, auch
wenn du’s dir nicht merken läßt — gehöre, immer kleiner erschien
mir deine Schuld, immer mehr sah ich nun, wie brav und ehrlich du
die Folgen deiner Verfehlung auf dich nahmst, und wie du dich über
alles Reden hinweg zu deinem Kinde bekanntest, und immer mehr wuchs
auch meine Liebe zu deinem mutterlosen, verlassenen Kinde. Und wenn
ich mit dem kleinen Mariannchen über die Heide ging und um mich der
Frieden und die Ruhe der Heide lagen, um mich die Bienen summten und
die Schmetterlinge flogen, nach denen dein Kind vergnügt mit den
Händchen haschte und glücklich dabei auf meinen Armen krähte, um mich
der Sonnenglanz strahlte, unter dem diese einsame Gotteswelt träumte,
da hielt ich Einkehr in mich, und diese Einkehr hier draußen in der
stillen Heide hat mir viel, recht viel gesagt. Sie sagte mir, daß
niemand, auch der beste Mensch nicht, vor einem Fehler sicher ist, ja,
sie sagte mir, daß gerade oft die besten Menschen einen Fehler tun und
ihn bereuen müssen. Denn bist du nicht der beste Mensch? Und hast du
nicht deinen Fehler bereut und nach bester Kraft gutgemacht?«
»Erika«, sagte ich erschüttert.
»Laß mich noch reden, Lieber, es ist nötig, daß ich alles sage, was
ich dir sagen wollte. Ich bin entschlossen, deine Frau zu werden. Gott
wird verhüten, daß ich ohne den Segen meines Vaters aus dem Heidhof
in das Haus des Mannes ziehen sollte, dem ich mich verpflichtet habe,
in Treuen sein Weib zu werden. Ich weiß, ich würde das nie verwinden
können, und in der Heide würde ich meine frohen Mädchenträume
zurücklassen. In dein Haus brächte ich eine tiefe Trauer des Herzens.
Darum, Lieber, bitte ich dich, überlege es dir ernst und prüfe alles,
bevor du ein Weib nimmst, dem des Vaters Segen fehlt. Ich ~muß~, wenn
du mir winkst, mit dir gehn. Meine Liebe zu dir, dem Manne, dem das
Weib folgen und alles andere verlassen soll, treibt mich dazu und mein
Wort, das ich Mariannen gab. Wie sollte ich denn anders diesem Kinde
eine treue Mutter sein? Und nun komm. Der Heidhof erwartet dich.«
»Wenn doch ein Wunder geschähe, daß deinem Vater seinen Sinn
wandelte«, sagte ich traurig und schritt mit schwerem Schritt neben
ihr.
»Eine tiefe Trauer des Herzens,« hatte sie gesagt; ja, durfte ich sie
denn gegen ihres Vaters Willen, ohne seinen Segen, gewaltsam lösen aus
dem Heidhofe? —
So standen wir bald vor der Tür des Heidhofes. Der Abendsonne letztes,
versprühendes Leuchten zitterte über dem Gehöft, ach, alles Schöne
vergeht und läßt uns nur ein letztes Leuchten zurück. Da tat sich die
Tür auf, und der Heidkönig stand auf der Schwelle.
Ich trat auf ihn zu und reichte ihm meine Hand. Ich konnte ihm noch
keinen Gruß sagen, so bewegt hatten mich Erikas Worte.
»Seien Sie willkommen!« sprach er nicht unfreundlich, und seine Augen,
diese treuen und doch so klugen, forschenden Augen bohrten sich auf
mein Gesicht.
~Der~ Mann sah in die Herzen!
Aber daß ich nicht bloß kam, um mein Kind mir nach Ablauf des Jahres
aus dem Heidhofe zu holen, sagte er sich wohl selbst.
Also galt sein forschender Blick ~mir~. Er wollte prüfen, was dieses
Jahr aus mir gemacht hatte. Nun, diese Prüfung mußte ihn zufrieden
stellen. Aber daß er diese Prüfung vornahm, legte ich mir günstig aus.
Wozu denn erst solche Prüfung, wenn er doch fest entschlossen war, mir
Erika nicht zu geben?!
Zum erstenmal trat ich über die Schwelle des Heidhofes. Des Hauses,
in dem Erika geboren und zur Jungfrau herangeblüht war. Ja, dieser
Heidhof! In solchem Hause, solchen Räumen, solcher Umgebung mußte ja
ganz von selbst ein Heidkönigstöchterlein heranblühen. An diesem Abend
sprachen wir nur Alltägliches und für mich doch auch wieder ~nicht~
Alltägliches zusammen.
Wie in stillschweigender Verabredung sprachen wir noch nichts von dem
Zweck meines Kommens.
Freundlich, doch mit Zurückhaltung behandelte mich der Heidkönig als
seinen Gast.
Er zeigte mir den ganzen Heidhof.
Diesen kleinen, in der Heide großen Fürstensitz, auf dem seit
fünfhundert Jahren dasselbe Geschlecht saß.
Zum alten Schäfer, der seine Heidschnucken schon hereingetrieben hatte
aus der Heide, führte er mich zuerst. Die Heidschnuckenherde stand
Tier an Tier, Wolle an Wolle um den uralten Steinbrunnen, der rechts
im Hofe neben der ebenso uralten Eiche tief in die Erde gebohrt war.
Ich fand alles so, wie’s mir Erika an dem einen Abend geschildert
hatte. Den mächtigen Brunnenschwengel hoch an dem Eichenast verhakt;
durch die Eichenblätter spülte von der Heide ein warmer Wind, der
süßen Duft führte; der Schäfer stand an den rissigen, mächtigen Stamm
gelehnt und strickte.
Ab und zu blökte eines der Schafe, oder ein anderes brachte eine
kleine Unruhe in die gesättigte Herde, indem es sich unartig zwischen
den anderen durchdrängeln wollte.
»Na, Peter?« sagte der Heidkönig.
»All gut«, erwiderte der Alte und strickte kopfnickend weiter. Mich
sah er kurz und scharf an. Ich merkte aber, nicht unfreundlich.
Vielleicht weil ich ihm gleich meine Hand hingestreckt hatte, die er,
einen Augenblick das Stricken unterbrechend, fest und derb mit der
seinen ergriff.
Dann flogen etwas schelmisch seine alten und doch scharfen Augen von
mir auf Erika, die uns nachgekommen war. Er nickte ihr zu. Das schien
sie zu freuen. Dann nickte sie ihm rasch wieder zu und zeigte mit
einem verschämten Lächeln auf mich, während uns gerade der Heidkönig
den Rücken zukehrte.
Befriedigt nickte er, der Erika auf den Armen getragen hatte und ihren
Vater hatte groß werden sehn.
Gott sei Dank! Der Alte war mir gewogen. Ich hatte nur zu gut bemerkt,
wie die Augen des Heidkönigs das Gesicht seines alten Schäfers
musterten.
Dem Alten gefiel nicht jeder. Erika hatte mir erzählt, daß er sein
Mißfallen an jemanden recht drastisch zum Ausdruck zu bringen pflegte.
Er ging dann mit bedächtigem Schritt auf die andere Seite der Eiche
und ließ den Fremden stehn. Aber heute blieb er und nickte befriedigt
vor sich hin. Ich hätte ihm um den Hals fallen können.
Von dem Brunnen aus gingen wir nach der langen, riesigen, ganz aus
Eichenbohlen erbauten Scheune mit der Wagenscheuer und von dort nach
dem Schafstalle.
Mittlerweile war es dunkel geworden.
Nur fern am Saume der Heide, die sich hinter dem Garten weit, weit
ausdehnte, glühte es noch rot. Ich trat an den Zaun heran. Erika
stellte sich neben mich und lehnte sich gleich mir an den Zaun.
Der Heidkönig hatte uns verlassen. Er wollte, wie er sagte, noch in
den Pferdestall gehn und dort zum Rechten sehen.
Erika lachte halblaut vor sich hin.
Ich sah sie fragend an.
»Das ist das einzige Mal, daß Vater lügt«, sagte sie lachend, und ein
fröhliches Lachen war’s, mit dem sie das sagte.
»Wieso?« fragte ich.
Da lehnte sie sich an mich, hob sich ein wenig und flüsterte mir ins
Ohr: »Zu deinem Kinde geht er, Lieber. Ja, wirklich, — freilich erst
geht er in den Pferdestall, aber nur einen Augenblick bleibt er darin,
dann geht der Heidkönig, verstohlen sich umschauend, Abend für Abend
hinauf in meine Stube, wo dein Kind, das Mariannchen schläft, und dort
sitzt er beim Schein der Lampe und guckt Abend für Abend sich das
Kindchen an. Einmal hab’ ich ihn dabei erwischt, er wurde verlegen,
und das hab’ ich ihm seitdem erspart und tue, als merkte ich’s nicht.
Ach, Lieber, wie wird der stolze, schweigsame Heidkönig die Trennung
von dem Kind überstehn! Ja, dieses Kind, dieses arme, liebe Kind wird
uns das Glück bringen.« —
Am nächsten Morgen saßen wir uns in der großen Wohnstube, die so
heimisch und traut aussah, gegenüber. Der Heidkönig und ich.
Er fing von selbst an.
»Sie wollen heute wieder fort?« fragte er.
»Ja«, sagte ich.
Er schwieg.
»Das Mariannchen ist tüchtig gewachsen und ein fröhliches Kind«,
meinte er dann.
»Ja, ich habe das Kind entbehrt, und nun will ich mir’s heim holen in
mein verwaistes Forsthaus.«
Wieder schwieg er.
»Aber nicht wegen des Kindes allein bin ich hergekommen. Ich bitte
Sie, daß Sie mir Erika zur Frau geben. Wir sind uns gut, Sie wissen
es.«
»Ich weiß es,« sagte er langsam, »und ich dachte mir, daß Sie diese
Bitte heute aussprechen würden. Aber ich kann Ihnen Erika nicht zur
Frau geben. Auch ~das~ habe ich Ihnen schon vor Jahresfrist gesagt.«
»Ja, Sie hatten es mir gesagt, offen und ehrlich,« rief ich und
stand auf; »aber man soll einem Menschen eines Fehlers wegen nicht
unversöhnlich bleiben, sondern zur Versöhnung geneigt sein ...«
»Ich stehe Ihnen nicht unversöhnlich gegenüber, nur meine Tochter kann
ich einem nicht zur Frau geben, der ... der ...«
»Der ein solches Kind sein eigen nennt«, sprach ich den Satz zu Ende,
als er zögerte, und schob ihm die kleine Marianne hin. Er beugte sich
herab, und das Kind legte seine Ärmchen um seinen Hals.
»Ich kann es nicht, nein, ich tue es trotzdem nicht, sie kann seine
Frau nicht werden«, sagte er zu dem Kinde und drückte es an sich. Und
dann legte er seine rechte Hand schwer und wuchtig zur Faust geballt
auf die Tischplatte. Das Mariannchen mochte glauben, daß er mit ihr
wie sonst spielen wollte. Denn es tatschte mit seinen Fingerchen
vergnügt auf dieser Faust herum und krähte laut und froh dabei.
»Ich kann es nicht«, wiederholte er noch einmal und hielt das Kind
fest an sich gepreßt.
Da trat Erika zu ihrem Vater hinter dem großen Tisch und legte ihre
linke Hand auf die silberbeschlagene Bibel, die auf dem Betstuhl am
Tische lag. Die rechte Hand legte sie ihrem Vater auf die noch immer
zusammengeballte Faust, die er eben schwer und wuchtig hatte auf die
Tischplatte fallen lassen, und sagte zu ihm: »Vater, sag’, liebst du
die Bibel und hältst du dich an alles, was in ihr geschrieben steht?«
»Törichtes Kind,« erwiderte er, »was soll die Frage? Hast du jemals
gesehn oder gehört, daß dein Vater auch nur ein einziges Bibelwort für
unwahr hält?«
Als er das gesagt hatte, schlug sie die Bibel auf und blätterte in
ihr. So eifrig, daß sich ihre Wangen röteten. Nun hatte sie wohl
gefunden, was sie suchte, denn sie nahm das schwere Buch und schob es
ihm unter die Augen. »Hier, lies Vater«, bat sie und hielt auf eine
Stelle des Blattes ihren Finger.
Er beugte sich herab. »Lies es laut«, sagte sie sanft.
Er las: »Und so wird es sein, daß das Weib ihren Vater und ihre
Mutter verlassen wird und tut dem folgen, den sie sich hat gewählt zu
ihrem Ehemanne, und tut wohl daran, daß sie ihm folgt, denn es steht
geschrieben: Dein Wille sei mein Wille, und dein Haus sei fürder mein
Haus.«
Laut auf stöhnte der Heidkönig, als er das gelesen hatte.
Er sank auf den Stuhl und schlug sich beide arbeitsfleißigen und
arbeitsrissigen Hände vors Gesicht. Das Mariannchen fing leise zu
weinen an. Er hielt das weinende Kind fest an seiner Brust.
So saß er lange Zeit. Dann nahm er die Hände vom Gesicht und richtete
sich auf. Aber zwei schwere Tränen rollten aus seinen Augen über die
Backen herab.
So hab’ ich einmal, ein einziges Mal den Heidkönig weinen gesehn.
»Ziehe mit ihm und werde sein, meine Tochter«, sprach er ernst. »Aber
nach Jahresfrist erst darfst du mit ihm ziehn und sein Weib werden.
Nach Jahresfrist erst darf er wieder in den Heidhof kommen, keinen
Tag eher. Das leg’ ich ihm auf; prüfen will ich und muß ich ihn, dem
ich mein unberührtes Heidkind geben soll. Still, still, Kind«, sagte
er, als Erika ihn am Arme faßte und zu ihm aufsehend bat: »Vater« —
»still, meine Tochter, anders geb’ ich mein Kind nicht. Also hören
Sie, Herr,« wandte er sich an mich, »Sie sollen heute über ein Jahr
wieder hierher kommen und meine Tochter zur Hausfrau haben. Ein Jahr
ist lang, und bis dahin ohne Sünde und brav und keusch leben, ist
schon etwas. Geben Sie mir die Hand, daß Sie brav und keusch leben
werden.«
Ich gab ihm die Hand und sah ihn gerade und ohne mit der Wimper zu
zucken an.
Ich wußte ja, daß es kein Weib außer Erika mehr für mich gab.
»Ist mir lieb, dieser Handdruck und dieser Blick«, sagte er
freundlicher.
»Noch eins,« unterbrach ich ihn, »es muß gesagt sein, was wird ...
was soll aus meinem Kinde werden bis dahin?« Ich hatte es ganz leise
gefragt. Ach, wer weiß, ob er nicht sagen würde; das müssen Sie
fortgeben, das darf nicht dort sein, wo meine Tochter als Hausfrau
schalten und walten wird? »Nie, nie,« schrie es in mir auf, »lasse ich
mein Kind! Ich habe es ins Leben gesetzt, so muß ich es auch bewahren
im Leben, solange es nötig ist.«
Wie wenig kannte ich doch noch immer diese Menschen der Heide!
»Ihr Kind?« sagte er, »nun das ist eine sonderbare Frage. Das Kind
bleibt hier, bis Sie Erika sich holen. Dann bringt sie das Kind mit.
Von dem Tage ab ist es ~ihr~ Kind, sie ist seine Mutter, und ich bin
sein Großvater.«
»Herr«, sagte ich tief ergriffen und drückte ihm seine harten, lieben
Hände fest, ganz fest.
»Aber was werden die Leute sagen, wenn das Kind hier bleibt, und wenn
es dann mit Erika kommt?« sagte ich zaghaft.
Da richtete er sich hoch auf.
Er sah ordentlich vornehm aus, dieser einfache Mann des Heidhofes.
»~Den~ möcht’ ich sehn, der es wagen würde, an des Heidkönigs Tochter
auch nur in Gedanken sich zu versündigen. Nein, nein, ich sehe,
wir Heidleute verstehn uns nicht mit euch Menschen, die ihr in den
Städten wohnt und die Welt anders kennt, als wir sie kennen. — Erika,
bedenke es wohl, ehe du dein väterliches Heidhaus mit dem Hause dessen
vertauschst, den du dir zum Ehegatten erwählen willst.«
»Ich ~habe~ es mir bedacht, Vater, ich habe ihm versprochen, seine
Hausfrau in Treuen zu werden und diesem Kinde hier eine treue Mutter,
auch der toten Mutter dieses Kindes habe ich’s versprochen, und du
weißt, mein Vater, daß ein Heidkind die Treue, die es versprochen hat,
hält«, antwortete sie, hob das Kind — mein Kind — aus der Wiege und
drückte das schlafende, kleine Geschöpf an ihre Brust.
Der Heidkönig sah prüfenden Auges auf dieses schöne Bild hin.
»Ja, ein Heidkind hält die Treue, möchte meinem Heidkinde auch allzeit
die Treue gehalten werden. Ich denke, er wird die Treue halten, seine
Hand drückte die meine fest und warm«, sagte er wie zu sich selbst
und nickte ernst mit dem Kopfe. »Nun hört Ihr beiden, die Ihr in
Jahresfrist, von heut ab gerechnet, Mann und Weib sein werdet und
untrennbar bis zur Todesstunde, hört jetzt meine ~zweite~ Bedingung.«
Erika sah fragend mit erschrockenen Augen zu ihm auf.
»Noch eine Bedingung nach dieser ersten, schweren?« fragte ich.
»Ja,« gab der Heidkönig ruhig zur Antwort, »noch eine.«
Er setzte sich in den hochlehnigen Stuhl.
»Setzt euch,« gebot er uns, »ich muß weit ausholen, damit es euch klar
wird, daß ich bei der Bedingung bleibe. Damit es Ihnen klar wird,«
wandte er sich an mich, »da Sie uns Heidleute noch nicht kennen, um
zu wissen, daß ein Heidbauer, und nichts anderes bin ich und will ich
sein, seinen vom Vater und Vaters Vater her und Urahn her ererbten
Heidhof so hoch hält wie sein eigen Kind. Der Heidhof ist ihm heilig
und nichts schmerzt den Heidhofbauern mehr, als wenn er stirbt
und er weiß, daß sein Heidhof dereinst in fremde Hände kommt. Wir
Heidhofleute sitzen hier auf diesem Hofe seit fünfhundert Jahren. Eine
hübsche Zeit, was?«
Ich nickte.
»Ja, seit fünfhundert Jahren. Und jeder, der den Heidhof übernahm,
ist hier groß geworden. Hat hier als Kind gespielt im Schatten der
Linden und Eichen, hat vom Vater gelernt, den Heidhof zu verstehn,
denn der Heidhof will verstanden werden. Drum hat es sich auch
fortgeerbt vom Urahn auf Ahn, vom Ahn auf Großvater, vom Großvater auf
Vater, vom Vater auf Sohn, daß der jeweilige Erbe des Heidhofs hier
erzogen wird.
Der Erbe des Heidhofes ist dein erster, dein ältester Sohn, Erika, den
du haben wirst. Darum verlange ich dein und deines Mannes Versprechen
jetzt, in dieser Stunde, daß ihr mir euren erstgeborenen Sohn
überbringt. Ich will ihn zum Heidhoferben erziehn, er soll, mach’ ich
die alten Augen zu, Heidkönig werden.«
Ich blickte heimlich zu Erika hinüber.
Wie? Vor ihm, dem Mädchen, verhandelte der Alte das? Was wird Erika
tun? In meiner Gegenwart vor ihren keuschen Ohren das? Ich erwartete,
daß sie blutrot werden und keine Antwort geben würde. Aber siehe:
ruhig nahm sie das Wort. Es war ja in »Zucht und Ehren«, was hier
besprochen wurde. Ja, ja, ihr Heidemädchen, auch ~euch~ muß man erst
ganz verstehn!
»Ich sehe ein, Vater, daß du recht hast, der Bube muß hier sein, um
den Heidhof liebzugewinnen, es geht nicht anders«, sagte sie.
Klar und ruhig fielen ihre Worte.
»Freut mich, daß du es einsiehst, Kind,« brummte er, »hab’s nicht
anders erwartet. Bis jetzt war der erste stets ein Bub, und es wird
wieder so sein, darauf hat der Hof des Heidkönigs ein Recht.«
Jetzt sah mich der Alte an. »Nun?« fragte er.
Ich zögerte mit der Antwort.
»Überlegen Sie sich’s in Ruhe, nachher sagen Sie mir Bescheid«, sagte
er freundlich und stand auf.
»Hier, meine Hand, mein erster Bub dem Heidkönig!« rief ich fröhlich
lachend. Wirklich, ich lachte ganz herzlich und vergnügt. Sollte ich
meinen ersten Buben um den schönen Heidhof bringen?
»Ich glaube, daß ich in einem Jahre beinahe ohne Sorge meine Erika
Ihnen geben werde«, sagte er.
»Also, unser erster Bub wird Heidkönig?« sagte ich dann scherzend zu
Erika. Da sah sie mich tief errötend und ängstlich an und wandte sich
ohne ein Wort der Erwiderung fort. Ich Tölpel! Werde ich denn nie
diese Heidleute kennenlernen?
»In Zucht und Ehren darf so etwas besprochen werden; das finden diese
Heidmenschen des vorherigen Besprechens wert und notwendig. Es wird
aber unnatürlich und frivol, sobald man darüber außerhalb des Rahmens
der notwendigen Besprechung und Vereinbarung scherzt.
Bei den Menschen der Heide herrscht noch unverfälschte, keusche Natur
und Herzenseinfalt. Und darum Hoheit und Treue und Ernst, sobald
Ernstes besprochen werden muß. So fest und stark wie ein starker,
fester Eichenstamm. Meine Hand würde ich jederzeit für die Treue
meiner Hausfrau Erika vom Wegbergshofe ins Feuer legen.
Ja, solche Frau macht die Ehe zu einem Heiligtum. Solche Frau atmet
den Räumen des Hauses, in dem sie waltet, die Reinheit und Treue ein,
die ihr ganzes Wesen erfüllt. Solche Frau ist ein sicherer Hafen nach
den Stürmen, die der Lebenskampf dem Manne bringt. Ist ein Hafen der
Ruhe für des Mannes eigenes, wildbewegtes Herz.
O, Erika, bist du erst meine Hausfrau, dann wird der goldene Frieden
in meinem Hause sein. Wenn ich dich sehen werde, werde ich die
einsame, unberührte Heide sehn, wenn meine Arme dich umfangen werden,
werde ich wie ein froher Forstbub an dem treuen Busen wie in der in
scheuer Schöne und holder Keuschheit blühenden Heide ruhn.
Du hast nicht Mariannens verzehrende Glut, die mich widerstandslos
gegen ihre flammende Schönheit machte, aber du hast dafür eine Welt
von einfacher Güte und hingebender Treue. Solche Güte, solche Treue
erhalten dem Manne die Kraft, im Leben felsenfest zu stehn und bis
zum Ende auszuharren in dem Kampfe, den Welt und Leben von selbst mit
sich bringen. Wie werde ich zu dir flüchten, bin ich zerzaust worden
draußen! Wie wird mich deine Ruhe, dein Frieden, dein ganzes liebes
Wesen aufrichten und wieder festigen. Wie eine Mutter wirst du mir
sein, in deren Schoß der Forstbub seinen Kopf legen darf zu jeder
Stunde.
Du wirst meiner alten Mutter eine Tochter nach ihrem Herzen sein. Weil
du so vieles mit der alten, treuen Frau, die ich Mutter nennen darf,
gemeinsam hast. Nie hätte sie Marianne verstanden. Aber nun werde ich
nur heimlich noch an Marianne denken dürfen. Ich ~will~ an sie denken,
trotzdem ich Erika gefunden habe. Denn Marianne ist doch die Mutter
meines kleinen, lieben, herzigen Mariandels! Aber Erika soll es nicht
merken, daß ich in stiller Stunde auch an Marianne denken will. Jedes
Jahr will ich heimlich einen Kranz auf ihr Grab legen. Es wird sich
schon machen lassen, daß Erika nichts davon merkt. Es müßte sie doch
verletzen.«
Unter der Linde vor dem Heidhof saß ich, als ich das mit mir besprach.
Da trat Erika mit meinem Mariandel auf dem Arm aus der Tür des
Heidhauses und kam zu mir hin.
Das kleine Mariandel krähte so lustig wie ein junges Hähnchen auf
den Armen seiner ... Mutter. »Armes Hähnchen, deine Mutter ist tot«,
dachte ich und sah sinnend zu meinem Kinde auf.
»Ich wollte dir noch etwas sagen, und ich soll es dir sagen, hat mein
Vater mir befohlen, bevor du fährst«, begann Erika, setzte sich neben
mich und gab mir das Mariandel auf die Knie.
»Wegen dieses Kindes muß ich noch mit dir sprechen, so will es mein
Vater, und so will ich’s.«
»Was denn, Erika?« fragte ich beklommen.
»Sieh Lieber,« sagte sie ruhig und freundlich »ich will diesem Kinde
eine treue Mutter sein, und ich habe es so lieb schon wie ein eigenes
Kind. Wir wollen es großziehn und zu einem guten Menschen machen. Aber
eines müssen wir noch miteinander besprechen. Ich glaube, es wäre
nicht gut, dem Mariandel, solange es ein unverständiges Kind ist, zu
sagen, daß ich nicht seine Mutter bin. Ist es groß und verständig,
dann halte ich’s für recht, daß wir’s ihm sagen. Daß wir ihm sagen:
›Hör’, deine rechte Mutter, die dich geboren hat, ist tot.‹ Und damit
es dann nicht davor erschrickt, so bitte ich dich heute, daß du mit
mir und dem Mariandel jedes Jahr an Mariannens Todestag zu ihrem Grabe
fährst. Dort wollen wir zusammen ihr Grab recht schön schmücken und
dem Kinde von ihr Liebes und Gutes erzählen; wir wollen ihrer immer
in Liebe, nur in Liebe gedenken. Denn ich weiß, sie hatte dich lieb,
und es war doch ~auch~ ein armes, verlassenes Kind der Straße. Du
darfst sie auch nie vergessen um dieses Kindes willen hier. Und das
läßt dir der Heidkönig durch mich sagen.«
»Erika!« schrie ich auf, kniete mich vor sie hin und umschlang sie und
das Kind mit meinen Armen.
»Erika!« sagte ich noch einmal leise und verbarg mein Gesicht in ihrem
Gewand.
»Was hast du denn, Lieber?« fragte sie in ihrer so unbeschreiblich
gütigen Art und fuhr mir sanft mit ihren Fingern übers Haar. Und
das Kind krähte vergnügt und zog mich so derb am Haar, daß ich
unwillkürlich »au« schreien mußte.
Da lachte sie und meinte: »Zupf’ ihn tüchtig, Mariandel, hörst du,
zupf’ ihn tüchtig, denn gleich muß er fort von uns, und dann können
wir ihn nicht mehr zupfen.«
»Erika, ihr Heidleute seid schwer zu verstehn, o du mein liebes,
treues Weib, wenn ich erst an deinem treuen Herzen werde ruhn können.«
Sie verbarg unter einem Lachen ihre Abschiedsstimmung.
»Laß gut sein, Lieber, dann halten wir beiden dich fest, nicht wahr,
Mariandel?«
Und während das Kind vor Lust und Freude krähte und Erika es mir zum
Kuß reichte, und ich sie und das Kind küßte, fuhr der bockbeinige,
steife Heidhofwagen, der einen durcheinanderschüttelt wie einen Sack
voll trockener Pflaumen, vor die Tür unter den alten Lindenbaum,
der Heidkönig trat zu uns und sagte: »Nun, es wird Zeit, und der
Zug wartet nicht«; ich gab dem alten, schlichten Manne die Hand,
stieg unter Lebensgefahr auf die hohe, federlose Kalesche, sagte:
»Adieu also, Herr Heidkönig und auf Wiedersehn übers Jahr!« Der alte,
verwitterte Knecht vorn auf dem Kutschbock ließ die Peitsche knallen
und rief: »Hüdjüß!«, die beiden wohlgenährten Heidkönigschimmel zogen
an, ich sah zurück, da stand Erika und hielt mein Kind an ihrem
Herzen, da stand sie und weinte still in des Kindchens Kleid hinein,
und mein und Mariannens Kind schlenkerte vergnügt mit den Ärmchen in
die Luft, als ob’s fliegen, mir nachfliegen wollte in mein fernes
Heimatland Schlesien hinein.
Wartet nur, ihr beiden, übers Jahr hol’ ich euch, und dann werden zwei
liebe Menschenkinder ~mehr~ im lieben Schlesien sein. —
[Illustration]