O, du mein armes Häschen du! —

Freie Liebe! Freie Leidenschaft!

Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in freier Liebe, in

freier Leidenschaft alle Schranken durchbrechen! Und doch auch

wieder: Wie menschlich, wie jammervoll menschlich ist es! Wir

~haben~ doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! ~Warum~ haben wir

sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles, was aus ihr zum Leben

kommt, das Kind der Sünde ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in

stiller Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und immer gleiche

Himmelsbahn! Du wirst von so vielen als schönes, mild lächelndes Licht

gepriesen und besungen.

Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein gefühllos kalter Stern

im großen Weltall. Du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein

Mord geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter deinem

verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen in Leidenschaft sich

befinden und diese Leidenschaft dann lebenslang ein armes Menschenwurm

büßen muß, du lächelst dasselbe Lächeln ~heute~ — und ~morgen~

verlassen die beiden mein Haus!

Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter Stern, und doch kann

man sich dir nicht entziehn.

Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne und in die

glanzumflossene, stille Silbernacht mit dem Schmerz der Trennung

schaue, bist ~du~ es, kalter nichtssagender Gesell dort oben, der in

mein Herz die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt.

Morgen abend um diese Zeit!

Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der fernen Heide. Mein

Kind aber ist bei ihr. Und daß sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie

von Spinnenfleiß gesponnene Fäden von der Heide bis hier in meine

Kauzburg hinein. Dann muß ich dich ~wieder~ bitten, dich, den kalten

Gesellen Mond, der so verträumten Glanz auf unsere Erde ausgießt, —

ich muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese Fäden zu erfüllen,

so werde ich sie sehen. Was unsichtbar von Seele zu Seele sich spinnt,

wird sichtbar werden im weichen Silberglanz des Mondes.

Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen.

Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie einsam ich wieder

bin und wie verlassen. Immer mehr will ich in ihre Seele das Mitleid

mit mir pflanzen. Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind.

So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer, immer fester. Bis es

unzerreißbar sein wird. Dann klettere ich daran hoch, hinein bis ins

kleine Fensterlein ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den

Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs Messer um deine

Heidkönigstochter!

Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf. Und ein

Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber ein Jahr, ein ganzes,

volles, langes Jahr! Ein Jahr, daß dreihundertundfünfundsechzig Tage

hat und ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen lauter zu dem

einsamen Menschen als Tage.

Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur dürstenden

Menschenseele.

Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues, liebes

Königstöchterlein!

Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses Königreich bist du.

In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein Jahr lang

versetzen und aufwachen erst zur Stunde, da ich vor dir stehe und du

vor mir.

Und zwischen uns das Kind.

Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben! Wach muß ich bleiben und

treu im Wachen! —

Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter. Der Frühling

empfängt dich, blühn und duften wird es aus tausend, vielen tausend

Blumen, wenn du, die Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide.

Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub an ihren Beinchen

verschleppen, von Blüte zu Blüte werden sie naschend und nippend

fliegen und heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten.

Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel spannen, im flimmernden

Sonnenschein ihr buntes Farbenspiel entfalten, und in dein braunes

Haar werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter der Heide

bist.

[Illustration]

Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine Tochter zur Bahn

brachte.

So blieb ich denn in der Kauzburg zurück.

Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch auf der Bahn und

kommt morgen früh zurück. Sie wollte mein kleines Mariannchen auf

ihren Arm nehmen, aber Erika ließ es nicht zu.

Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen wird das kleine

Geschöpfchen sein. Viel geborgener, als ich es bin.

Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter ihnen geschlossen, da

riß ich meinen Gaul aus dem Stall. Gesattelt war er. Ich schwang

mich hinauf, und fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die

Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge war ich an Ort und

Stelle. Draußen, gerade dort, wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul

zusammen. Er stand wie eine Mauer dicht an den Bahnschienen.

Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die Kleinbahnzüge es tun,

heran. Mein Waldhorn hatte ich schon am Munde. Klar klang sein

schwermütig-fröhlicher Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen die

ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit hinaus.

Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich des Abends Volkslieder

auf ihm geblasen.

Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte im Winde. Aus ihren

Augen blinkten die Tränen, und mit einem Blick der Liebe sah sie mich

an wie nie zuvor.

»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als sie so nahe an

mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit ihren Fingerspitzen erreichen

konnte, die wie ein Hauch über mein Gesicht glitten.

Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden.

Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden und Meiden, und der

Wald trug lang und bang das Echo zurück.

Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins Gras warf ich mich,

und über mir in den grünen Wipfeln der Bäume klangen die Blätter

aneinander und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf

Wiedersehen!«

[Illustration]

Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein Bartel mit: »Von

Erika, das schickt sie Ihnen.«

[Illustration]

Liebe Erika!

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie hätten mir sicher viel

eher geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag für Tag dem

Briefträger entgegeneilte, wenn er die kleine, steinüberwölbte Pforte,

durch die Sie so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine

rotstreifige Mütze sich zeigte.

Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut, schon hat abgeblüht der

Flieder, das Korn schießt schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist

eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der ersehnte Brief.

Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich war gleich dem Dürstenden

in weiter, öder Wüste. Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen

rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum ist Wüste, doch ~ich~

bin geborgen.

Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie aus Ihrem Brunnen mir

den Krug zum Trinken reichten.

Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser schöpfen, und wie ein

reiner Bergquell ist sein Inhalt.

Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch in ihr herrschen

Einsamkeit und Reinheit.

Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen, dreimal des tiefen

Brunnens silberklares Wasser ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins

Lesen komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal wieder.

Also dem kleinen Mariannchen geht es gut? Wie könnte das anders sein,

wo das Kind in Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und Ihr

Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr ohne das Kind sein? Das

sind zwei schöne Botschaften, die mir die Heide sendet. Die dritte

schöne, schönste Botschaft atme ich aus den Blumen ein, die das

Heidkönigstöchterlein zwischen die Seiten des Briefes legte. Frisch

sind die Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit Wasser, die neben

mir steht. Sie duften den frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs

Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von draußen flimmert sommerliche

Abendsonne durchs offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen,

den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’ ich in stiller Heide?

Kommt dort nicht durch das blühende, schöne Heidekraut die Tochter

der Heide gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu? Glänzt nicht aus

ihren Augen lautere Treue? Streift sie mit sanfter Hand nicht über

meine Stirn?

Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam.

Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner Kauzburg blüht, seitdem

sie mit meinem Kinde, das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume

erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich einsam.

Ich will keines Menschen Mitleid.

Ich verachte das Mitleid der Menschen.

Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten, will es ausdehnen

so weit, daß die ganze Heide um den Heidhof davon träumt und in

stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt, bis Ihr Herz ganz

davon erfüllt wird. Das Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie

ein Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und die Liebe vermag

den unübersteigbaren, winterharten Berg zum stillen, grünen Tale

umzuwandeln.

Wird für mich das stille Tal ergrünen?

Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir mein Kind, es soll seine kleinen

Arme um Ihren Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel sein, der

zwei Herzen mit seinem silbernen Hammer fest zusammenschmiedet für

alle Ewigkeit. Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander,

aber ich kann nicht anders: Ich will ihm grollen und zürnen und vermag

es nicht. Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann: Erst die

Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet uns den Weg zum Himmel.

Meine Buße habe ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein, das

wie eine Madonna mit dem Kinde durch die Blüten der braunen Heide

schreitet.

Die Kauzburg · 第 15 / 21 题