Jeder Glaube ist schön. Sobald er aus einem wirklich gläubigen Herzen
kommt, ist er erträglich. Bewußter Aberglaube ist unschön. Man soll
nicht glauben um irgendeines Vorteils willen, man soll nur dann
glauben, wenn man wirklich glaubt. So will ich mich denn auf die Mauer
stellen, dort, wo die Stufen in ihr Gestein gehauen sind.
Dort bergen mich die dichten Büsche des abgeblühten Flieders,
Goldregens und Ginsters. Von dort aus kann ich die Prozession von
weitem schon sehn, kann sie vorbeiziehn lassen dicht unter mir an der
Mauer, kann zusehn, ohne selbst gesehn zu werden. Über mir schlagen
die laubgefüllten Zweige eines Ahorns und einer Platane zusammen. Und
bilden ein schützendes Dach gegen die allzu sommerliche Sonne, den
allzu sommerlich heißen Tag.
Ihr armen Prozessionierenden! — schon höre ich Euren Gesang, schon die
sechs städtischen Musikanten mit ihren Trompeten, Pauken und Trommeln!
— — Bei dieser Hitze in langsamer Prozession! ... Im dicksten
Straßenstaube!
Das muß doch ein göttliches Herz erweichen.
Hinauf zum Himmel dringt mit dem Straßenstaube der Gesang, wie in
Wolken gehüllt wird er höher und höher getragen. Halt da! ... schon
biegen sie um die Ecke! Schon sehe ich die weißgekleideten Jungfern,
mit blühenden Kränzen im freigelösten braunen und blonden Haar,
sie streuen Blumen, ein anmutig Bild, und hinter ihnen die hellauf
singende Knabenschar in roten Chorröckchen mit brennenden Kerzen in
den reingewaschenen, sonst so schmutzigen Jungenhänden, ... nun der
goldbestickte, blausamtne Thronhimmel, an vier Säulen getragen von
vier ehrwürdig, von der Heiligkeit ihrer Handlung durchdrungenen
Männern, in langen, schwarzen Röcken, und unter dem Himmel der
Domherr mit der in seinen Händen hoch emporgehobenen, goldstrahlenden
Monstranz. Sie ist schwer, die Monstranz, drum werden seine Arme von
zwei jungen Pfarrern, die dicht neben ihm schreiten, gestützt.
Noch kenne ich den Domherrn nicht. Ich sehe ihn heute zum erstenmal.
Doch der Thronhimmel und die Monstranz verdecken sein Gesicht. Ich
sehe aber, daß ein rötlicher, mit Grau gemischter Haarkranz unter
seiner gestickten Bischofsmütze hervorquillt. Sonderbar, ist es die
Sonne, die seine Haare so rötlich erschimmern macht, just wie dieselbe
Sonne das Haar Mariannens so rötlich leuchten läßt?
Zwei Menschen mit solcher Haarfarbe in ein und demselben Städtchen?
Ei, Marianne, ich habe gedacht, daß deine Haarfarbe nicht zum
zweitenmal zu finden sei auf dieser schönen, im Sommerstaat prangenden
Erde.
Ein stolzer Mann, der Domherr. Wie schreitet er fürstlich fast unter
dem Himmel dahin. Wie schlank sieht er aus, wie vornehm in seiner
priesterlich-bischöflichen Pracht. Ja, ja, ~die~ Herren verstehn es
gar gut, auf ein harmlos gläubiges Menschenherz zu wirken.
Langsam schwankte die heilige Monstranz unter dem Thronhimmel an mir
vorüber.
Noch freute sich mein Auge an den in den blauen Samt gestickten
Goldsternen des Thronhimmels, dieses hübschen Himmelchens unter dem
großen Himmel, von dem die Sonne herablachte in ihrer goldflutenden,
ewigen Schönheit, da zuckte ich jählings zusammen.
— — Allein — dicht hinter dem Thronhimmel — ging Marianne. — — — Ein
weißes Kleid hatten sie ihr angetan, in das rotgolden leuchtende,
in langen Wellen über die Schultern wallende, seidige, köstliche
Haar hatten sie ihr einen blauen Vergißmeinnichtkranz gelegt, in
ihren Armen hielt sie, wie die Madonna, das Christuskind, ein aus
Wachs geformtes Engelskind, das mit weitoffenen, unveränderlich,
freundlich lächelnden Augen zu seiner Madonna, die es so sorgsam trug,
herauflächelte.
Und so schritt sie dahin! So schritt sie hinter dem bunten,
goldumstickten, hoch über allem schwankenden Thronhimmel, der das
Allerheiligste beschirmte, langsam, wie in holdem Traume träumend,
dahin.
Sie hielt das liebliche, weiße Gesicht gesenkt. Es sah so natürlich,
so selbstverständlich aus; die Mutter sah auf das lächelnde Kind in
ihrem Arme herab.
[Illustration]
Da hab’ ich nun das steinerne Heidenkäuzlein in meinem Hause, auf
heidnischer Stätte der grauen Vorzeit stehe ich, wollte ein Schauspiel
mir ansehn, nichts weiter: aber fromm ward mir im Herzen beim Zusehn
dieses Zuges der zu ihrem Gotte betenden, singenden Menschen, ganz
fromm ward mir ums Herz, als ich das weißgekleidete Mädchen erblickte
mit dem lichtweißen Gesicht, umflutet von dem feuergoldenen Rothaar,
in dem wie kleine Himmelssterne die tausend Vergißmeinnichtblüten
verstreut lagen.
Man greife ans ~Gemüt~ des Menschen, so wird er gläubig! Als Marianne
gerade unter meinem verborgnen Standpunkte auf der Mauer der Kauzburg
vorbeikam, hob sie ihr Gesicht. Ohne zu suchen, zu irren, trafen
mich wie zwei Pfeile die Strahlen ihrer Augen. Sie ~konnte~ mich
doch nicht sehn, aber sie sah mich. Ich fühlte es, daß sie mich sah.
Daß sie direkt in meine Augen sah. Ihre Augen schienen mich zwingen,
mich rufen zu wollen: »Komm von deiner Mauer herab, komm neben mich
und schließe dich diesem Betgang an!« Wende deine Augen von mir ab,
Verführerin! Wende sie fort, fort, fort! schrie ich ihr in ihre
Nachtaugen zurück. ~Wollte~ ich ihr hinabschreien, mitten hinein in
diese fromme Menschenmenge!
Mein Mund blieb stumm, nur ein Zittern in meiner in das Astzeug der
Büsche verkrampften Hand hätte sagen können von dem, was mein Herz
schrie, was mein Mund verschwieg. Ich folgte ihr mit meinen Blicken.
Ich sah ihr langwehendes Haar in den Strahlen der Sonne glühn und
gleißen, — ja, sahen denn die anderen nicht, daß in den roten Haaren
dieser demütig-frommen Heiligen, der man als Sinnbild das Engelskind
in den Arm gelegt hatte, — ja, ~sahen~ denn die andern nicht, daß
kleine Teufel in ihren roten Haaren herumsprangen und teuflische
Grimassen schnitten? — Viel Volk folgte noch nach. Ein schier endloser
Menschenzug. Jeder, selbst der ärmste hatte sein Haus verlassen, um
sich diesem Bittgang anzuschließen.
Der alte Bischofssitz von ehemals thront noch immer hier. — Nun
werdet ihr bald auf der Berghöh’ drüben sein, ihr frommen Sänger und
Bittgänger!
Vor der Kapelle, die dort oben zwischen den alten breitkronigen
Buchen und Eichen steht, werdet ihr singend auf die Knie fallen,
die geistlichen Herren werden vor den Altar treten und ihre
Beschwörungsformeln sagen, und lachen vom Himmel dazu wird die Sonne.
Sie lacht bis zu mir hinein in mein grünes Laubversteck, Goldblitze
tupft sie bald hier auf dieses dunkle Blatt, bald dort auf jene rote
Rosenblüte, bald blitzt zwischen den runden Kieseln zu meinen Füßen
ein Goldkorn auf, vom goldnen Sonnenstrahl getroffen, bald zieht sich
zitternd und flimmernd ein langer Goldstreif über den Gartenweg.
Ein goldner Himmel liegt um mich gebreitet. Ich möchte keinen
Zwischenhimmel haben. Durch nichts behindert, nichts entstellt, so
will ich ~meinen~ Himmel haben.
Seit Tausenden von Jahren geht nun das Suchen nach dem Himmel.
Menschen und Völker sind darüber zu Erde geworden, und andere haben
auf ihnen neue Tempel gebaut. Und jeder sprach: »Dies ist ~mein~
Tempel, ist ~mein~ Gott, und Nebengötter dulde ich nicht.«
Und all diese Himmel hat die Erde überdauert! Die Erde, aus der wir
kommen, in die wir gehn. Die schöne, frische, die lebenzeugende und
ewig junge Erde. Oh, Erde, wie lieb ich dich! In dir zu ruhn und
auszuruhn, muß köstlich sein nach Jahren des Lebens, nach Jahren
der Arbeit, nach Jahren der Freude und Trauer, nach Sonnentagen und
Regentagen, nach Sommertagen und Wintertagen, wenn grau das Haar
geworden ist und alt der Mensch. Wir suchen den Schlaf und freuen uns
seiner. Warum haben wir Furcht vor dem Schlaf in dir, Erde? Hatten
wir Furcht vor dem Schlafe, als wir noch schlummerten im Mutterschoß?
Hat uns das Leben feige gemacht? Wollen wir ewig leben? Wir kleinen,
winzigen Menschlein, wir? Wir würden die Ewigkeit stören, ihr ewiges
Weiterbauen und ewiges Neuerzeugen. — — — —
[Illustration]
Ich bin allein in meiner Kauzburg. Als einziger Mensch. Fräulein
Bartel und Marianne sind drüben auf jener schönen, waldverschlungenen
Bergeshöhe bei frommem Gesang und frommem Beten, benutzen will
ich das Alleinsein, hinuntersteigen will ich zu meinem steinernen
Heidenkäuzlein, eine Forschungsreise will ich in den unterirdischen
Gang unternehmen. Es ist Sonntag heute. Der Sonntag soll mich
schützen bei meiner heidnischen Fahrt in die Tiefe hinab! — —
Im spärlich lichtspendenden Schein meiner Laterne stand ich nun wieder
vor dem heidnischen Stein. Diesmal allein. Nicht wie gestern im Banne
von rotem, flutendem Haar. Genau forschte ich jetzt die Steinplatte
ab. Wirklich: unzweifelhaft blieb das Käuzchen im Stein und unter ihm
der betende Mensch. Ganz grob und ohne Kunst hineingeritzt in den
Stein. Aber deutlich erkennbar. Hier des Käuzleins große Rundaugen,
darüber mit zehn kurzen Strichen die gesträubten Federn des fauchenden
Vogels, an den Seiten die Federbüschel der Ohren, sodann die Flügel,
unten die Krallen der Füße, ein Eulenvogel war’s. Darunter der betende
Mensch! Die aufgehobenen Arme sind deutlich zu sehn. Hier dieser Kreis
mit den beiden Löchern übereinander, dem schrägen Strich zwischen
ihnen, dem wagerechten darüber und deutlich der Kopf. Die langen
Striche mit den fünf kurzen Ritzen an jedem Ende: Die Beine — kein
Zweifel: ein betender Mensch!
Hoch hob ich die Laterne und spähte in die Dunkelheit des Ganges
hinein. Er war so hoch gewölbt, daß ich fast aufrecht stehen konnte.
In schräger Steilheit führte er in die Erde hinein.
Nur Mut, ein Jäger kennt keine Furcht!
Langsam tappte ich vor. Schlüpfrig war der steinerne Boden.
Feuchtigkeit klebte an den Steinwänden, feuchtkalt und glitschrig
fühlte sich die Steindecke über mir an.
Holst du mich, Tiefe der Erde?
Willst du mir ein wenig lüften von deinem tiefen Geheimnis?
Was kennen wir denn von dir, du allgewaltiger großer Mutterschoß!
Die Schale von dir, die oberste, dünnste Schicht deiner Schale
durchfurchten wir mit unserer schwachen Kraft. Doch deine Tiefen
öffnest du nicht vor unserem Blick.
Flammendes Feuer, brandendes Brodeln, zischendes Kochen birgt tief
dein tiefstes Inneres. Und schickt ausstrahlende Kraft in den erdigen
Gürtel, damit er Leben hat und Leben hervorbringen kann.
Öffne dich, Erde! Öffne dich, ich dringe in dich hinein. Wie tief mag
ich sein? Kein Laut von außen. — Die tiefste Stille, die stillste Ruhe
um mich herum. Schwach leuchtet mein kleines Laternenlicht. Vorwärts,
Jäger! Ein Jäger kennt keine Furcht! — —
Es benahm mir den Atem.
Doch fühlte ich, daß ein leiser Luftstrom den Gang durchstrich. Also
mußte am unteren Ende eine Öffnung sein. Sonst hätte ich ersticken
müssen auf dieser unterirdischen Forschungsreise.
Immer weiter drang ich vor. Nur einmal hemmten Steine meinen Weg. Ich
räumte sie beiseite, kroch über sie hinweg und strebte vorwärts, nur
immer vorwärts. —
Halt? Hör’ ich nicht ein dumpfes Rauschen? Ist’s unter mir, ist’s über
mir?
Sag’ dein Geheimnis, Erde!
Siehe! Vor mir, weit vor mir in der Ferne malt sich ein schwacher
Lichtschein im finsteren Gange ab!
Das muß des Ganges Ende, das muß die Öffnung nach oben, zum Licht
der Erde sein! Steil ging es aufwärts — steil abwärts war’s bisher
gegangen.
Zum Licht empor, zum Leben jetzt!
Immer deutlicher wurde der erst so schwache Lichtschein. Wie ein
Schimmern drang es mir entgegen. Hoch über mir sah ich Felsenwände
aufwärts streben, sah grünendes Gezweig hoch aus den Steingeröllen
winken, — sei mir gegrüßt du schönes Sonnenlicht!
Ich kletterte dem Lichtspalte zu. Über Geröll und Steintrümmer hinweg
klomm ich aus der Erdtiefe empor.
Die Öffnung am Ende des unterirdischen Ganges, durch den ich wie
ein menschlicher Maulwurf gekrochen, war fast völlig mit Brombeer-
und wilden Himbeerranken zugewachsen. In reifer, schwarzer und roter
Fruchtfülle hingen die Zweige.
So viel als möglich schonte ich das Geranke. Es half aber nichts: mein
Weidmesser mußte mir freie Bahn schaffen. Zerkratzt kam ich endlich
durch die schmale Öffnung ans Tageslicht hervor.
Fast hätte ich einen Jubelruf ausgestoßen, so schön war, was ich sah.
Von allen Seiten strebten Berge in die Höhe; sie waren mit üppig in
hundert bunten Farben blühendem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen.
Hängende Blütengärten schienen sie zu sein. Von allen Seiten
abgeschlossen und geschützt vor spähenden Augen lag dieses kleine
Tal. Ein in den Sonnenstrahlen spiegelnder Teich, in dessen klares
Wasser die Zweige der Buchen am Uferrande tauchten, lag verträumt und
still inmitten des Grüns der Wiese, die dem kleinen Tal als Boden
diente. Haselgesträuch mit reifenden Nüssen buschte hier und dort
und bildete lauschige Inseln im hellen Grün der Wiese. Weißstämmige
Birken mit ihrem lichten, zarten Blättergrün standen zu zwei’n oder
drei’n am Rande der Wiese, wo die Berge anfingen, und streckten ihre
jungfräulichen Wipfel ins dunkle Nadelgrün einer Fichtengruppe hinein.
Bunte Wiesenblumen unterbrachen das Grün der Wiesengräser mit
lebhaften Farben, Schmetterlinge umgaukelten die Blumen, Bienen
summten, Käfer blitzten mit ihren goldglänzenden Flügeldecken
im Sonnenlichte auf, Eichhörnchen hüpften fauchend in den
Haselnußsträuchern umher, ein rotbrustiges Finkenhähnchen schlug froh
und kecklich seinen hellen tönenden Finkenschlag, Goldammern huschten
im Grase, und Lerchen standen wirbelnd, und sich ins ferne Blau des
Himmels, der wie ein Auge in dieses heimliche Wiesental hineinsah,
höher schraubend, in der warmen, klaren Sommerluft.
Und dieses alles abgeschlossen und still verborgen vor der Außenwelt.
Man fühlte es: nie war die Außenwelt bis hier hinein gedrungen.
Große, behauene Steine fielen mir auf, die am westlichen Uferrande
des stillen Teiches lagen. Über die grüne, blumenbesäte Wiese ging
ich zu den Steinen heran und sah zu meinem Erstaunen, daß auch in
~sie~ wunderliche Figuren und Zeichen eingeritzt waren. Auch war
deutlich eine kreisrunde Anordnung der Steinplatten noch zu erkennen.
Unzweifelhaft stand ich hier an einer in grauer Vorzeit heidnischen
Opferstätte, an der zu den längst als unecht von uns neuen Menschen
abgesetzten Heidengöttern gebetet worden war. Vielleicht auch an einer
Stätte einstiger Menschenopferung.
So hatte ich hier einen sicher noch ganz unbekannten geheimnisvollen
Ort ehemaligen Heidentums entdeckt. Kein Mensch wußte etwas von diesem
allseitig abgeschlossenen kleinen, stillen Tal, das nun zu einem so
wunderschönen Fleckchen unberührter, köstlicher Natur geworden war.
Kein Mensch. Aber erschrocken fuhr ich zusammen.
Hatte es nicht geseufzt in meiner Nähe? Hatte ich nicht den
sehnsüchtig lockenden, leisen Ton einer menschlichen Stimme gehört?
Ich stand still und horchte. Aber mein lauschendes Ohr vernahm nur
den leichten Sommerhauch, der warm und wohlig durch die lichtgrünen
Birkenwipfel strich, nur den fröhlichen, hellen Finkenruf, nur
das Bienensummen, nur das plätschernde Hochschnellen der nach
den tanzenden Mücken schnappenden Fische. Doch nein! Dort klang
es deutlich zum zweiten Male! Dort, wo der Teich die bis unters
grüne Laubgebüsch sich hinziehende Bucht bildet! Geister der alten
Heidenzeit, seid ~ihr’s~, die ihr so sehnsüchtig, so liebeatmend
seufzt?
Seelen geopferter Menschen, seid ~ihr’s~, die ihr an diesem
sonnendurchstrahlten Sommersonntag ins Licht des Tages schwebt und nun
den Reigen Abgeschiedener an dieser stillen, so wonnig-schönen Stätte
tanzt?
Mensch, der du durch finsteren Erdgang in dieses zauberhaft
liebliche, von Sonnenlicht und Sommerwinden erwärmte Tal den Weg
gefunden hast, den keine anderen Menschen fanden, ist es dein
~eigenes~ Atmen, das du nur im Echo hörst? Nein, nein, mein eigenes
Atmen ist es ~nicht~! Ich muß ergründen, was an jener laubverhangenen
Bucht dort Leben atmet, Leben ausseufzt, sehnsuchtsvolles Leben. —
Ich schlich mich von Gebüsch zu Gebüsch. Schmetterlinge jagte ich auf,
die mit geschlossenen Flügeln an den Blütenkelchen der Wiesenblumen
gehangen hatten und, vom süßen Duft ermattet, eingeduselt waren, grüne
Heupferdchen hoppten, gestört aus ihrer Ruhe, im grünen, frischen
Wiesengras mit gewaltigem Satz empor, sobald mein Fuß die Grasrispen
erzittern ließ, Vögel flüchteten aus dem Haselnußgebüsch, an das
ich streifte, ein Eichhörnchen fauchte mich mürrisch an, wickelte
seinen Buschschwanz in die Höhe und wußte nicht recht, was es aus mir
Eindringling in diesem Versteck zwischen den Waldbergen machen sollte;
eine unschuldige Natter wand sich in das Wurzelwerk der Buche hinein,
hinter deren Stamm ich haltmachte, lauschte und spähte, — nichts
hörte ich mehr. Aber was erblickte ich, als ich die Zweige der Erlen
vor mir auseinanderbog? War es ein Spuk? Ein holder, teuflischer,
schöner, schrecklicher Spuk? Ein Spuk der Heidenwelt, in deren
erstorbene, längst vermoderte Vergangenheit ich eingedrungen war? War
etwa alles Spuk? Das kleine tiefe Tal? Der stille, spiegelnde, hier
so dunkeltiefe Waldteich? Die buntbeblumte Wiese? Die Bergeshänge
mit ihrem rankenden Gebüsch? Aus dem es blühte, duftete und Früchte
niederhangen ließ? O holder Spuk, o schreckensschöner Spuk!
Ich möchte fliehn, und fest gebannt steh’ ich und kann nicht fort!
Und ist’s ein Traum, dann halte noch ein wenig aus, du holdes
Traumgebild!
O Marianne, du hast mich ja bezaubert! Was hast du nur aus mir
gemacht! Ich seh’ dich ~vor~ mir, seh’ dein flutend rotes Haar! Bis
hier in dieses stille Tal folgt mir dein Bild. — Ja, Marianne! —
Dicht an dem Ufer des Waldsees lag sie lang ausgestreckt auf dem
Wiesengras.
Dort lag sie und schien im Schlaf. Sonnenschein sprang durch das
leichtbewegte Blattgerank der Erlen wie goldenes Blitzen über ihren
herrlichen, weißen Leib, der wie in Feuersglut getaucht erschien in
all der Fülle rotgoldenen Haares, das ihn umflutete und seine Blöße
verhüllte. Leicht über sie bis an den Busen hochgebreitet lag das
weiße Kleid, das man ihr vorhin beim heiligen Bittgang angetan hatte.
Blumen lagen darüber gestreut in allen Farben des glühenden, blühenden
Sommers. Auch an dem leuchtenden Rot der köstlichen, seidigen,
glänzenden Haarpracht hingen blaue Glockenblumen wie schwere, schöne
Himmelstränen.
Noch rieselten hier und da von ihrem weißen, sanft geschwellten Busen
kleine, glitzernde Wasserperlen ins Gras zu den Seiten herab, noch
lag’s wie ein feuchter Nebelreif über ihrem Haar. Sie mußte soeben
erst der klaren Flut des Waldsees entstiegen sein.
Wie bist du hierher gekommen? Woher, sag’ mir, woher kennst du dieses
stille, heimliche Tal? —
O wär’ ich geflohn in diesem Augenblick! Noch war es Zeit, noch Zeit
zur Flucht, zur Rettung!
Aber da hob sie das Köpfchen, die blendenden Arme, die weißen Hände,
da schob sie die wogende Haarflut zurück, da dreht sie langsam, ganz
langsam ihr holdes Gesicht mir zu, da wölbte ein Lächeln die roten
Lippen, da trafen — zwei sengende Strahlen — ihre Augen mitten hinein
in die meinen.
»Marianne!« schrie ich laut auf, dann leise, ganz leise, noch einmal:
»Marianne!«
Ich weiß es nicht, ob ich zu ihr hingestürzt bin, ob ich langsam, ganz
langsam über das Stückchen grüner Wiese, das mich von ihr trennte,
geschlichen bin. Vielleicht geschlichen wie ein Dieb, der stehlen
wollte. Weil man zum Stehlen ihn aufgefordert hatte. Ich weiß das
alles nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich vor ihr niederkniete, daß
ich ihre nackten Arme, die sich kalt und weiß wie Elfenbein mit
seinem fein getönten, fast nur geahnten Gelb in das rote Haargewoge
verschlungen hatten, an mich riß, daß sie sich selbst wie eine
aufbäumende Schlange gegen mich warf. O Marianne. — — — — — —
[Illustration]
Sonne, schöne Sommersonne, du versinkst hinter den hohen Domtürmen der
kleinen Stadt.
Die beiden Kreuze auf den Turmspitzen gleißen wie pures Gold.
Wohnt Gott in ihnen? Gott, der die Sünde bannt, von Sünde löst und
freispricht?