Kinderjahre, Knabenjahre, Jünglingsjahre. —

Heisa, was seid ihr fortgesprungen wie wilde, russische Steppenpferde,

ihr jungen, mutigen Jahre!

Mutig mit euch, durch euch bin ich gewesen. Wild bin ich mit euch

gesprungen wie russische Pferdleins in weiter, wildfroher Steppe!

Die weite, wildfrohe Steppe, das war das Leben, die Zukunft. Was sag’

ich: ~Die Gegenwart~ ist’s gewesen, der Tag, die Stunde war’s, nichts

andres! Was Zukunft!? .... Unsinn! Die Jugend ~lebt~, nichts weiter! —

Ein Griesgram bin ich geworden, ein Waldkauz, ein Kauz. Der Jugend

gedenke ich heute, und ~euch~, ihr Kornblumen aus heimatlicher Erde,

verdanke ich dieses Gedenken. Nein ~dir~, du treueste aller Mütter!

So runzlich ist dein Gesicht, so grau dein Haar, und dennoch, dennoch:

schaust du mich ~an~, gleich bin ich der frohe Knabe von einst!

Weshalb nur, weshalb?

Still, still, ich weiß es: es sind dieselben Augen, die einst das

Kind, den Knaben betrauten, — dieselben Augen betrauen noch heute den

Mann. Sie möchten noch heute so gern in des Mannes Herz blicken, wie

sie ehmals in des Knaben Herz hineinschaun konnten.

Für die Mutter bleibt man der Knabe.

Schon gut, Mutter, schon gut. Komm’ ich zurück in die Heimat und zum

Besuch in dein trautes Heim: der ~Knabe~ will ich sein, solange ich

bei dir bin. Bist du nun zufrieden? Du fragst mich gar viel in deinem

Briefe. Und manches muß ich verschweigen.

Von allem und allem schreibe ich dir, Mutter, und ~hab’~ dir soeben

geschrieben, nur eins behalte ich zurück — wozu davon schreiben?

Ich mag nicht davon schreiben .... weshalb sollte ich von Marianne

schreiben? Ich wüßte nicht, warum.

[Illustration]

»Es geht um in der Nacht«, behauptet meine Wirtin. »Was Tausend, es

geht ~um~? In meiner Kauzburg sollten Geister hausen? Im nächtlichen

Reigentanz ihr Klappergebein und Totengerippe schwingen?«

Ganz ärgerlich wurde ich gegen sie. »Schlafen Sie lieber und horchen

Sie nicht auf Geisterstimmen und Geistergeräusche, mein Fräulein. In

meiner Kauzburg geht’s nicht um!«

Ich war aber doch betroffen.

Leise, schleichende Schritte wollte sie gehört haben, ein Klirren

des Fensters, ein unheimliches Lachen, .... darüber war sie wieder

eingeschlafen.

»Du Tor!« sagte ich zu mir. Weil Fräulein Bartel das gehört haben

will, fällt dir auf einmal ein, daß auch ~du~ es in einer Mondnacht

gehört haben willst? Schon lange war’s her. Da wachte ich in der Nacht

auf, halb noch im Schlaf: Es kam geschlichen, leise, ganz leise, es

klinkte die Tür auf, es klirrte schwach, ganz schwach, ein Lachen,

hatte ich wirklich ein Lachen gehört? Am nächsten Morgen erschien mir

alles als Traum. Vergessen hätte ich’s, nie wieder daran gedacht — bis

heute. Ich verbot Fräulein Bartel aufs strengste, zu den andern im

Hause von dem, was sie gehört haben wollte, zu sprechen. Wozu Marianne

ängstigen? Wozu erst solch Gerede aufkommen lassen? Übrigens hörte ich

ein paar Tage später ganz zufällig, daß die Kauzburg schon von jeher

in dem Rufe stand, »es gehe in ihr um«. Nun gut, mag es umgehn in

ihr! Ich fürchte mich nicht. Freuen würde ich mich, mit den Geistern

der früheren Bewohner in Verkehr zu kommen. Geister von Rittern und

Mönchen sind es — würde es nicht interessant sein, mit Rittern und

Mönchen früherer Jahrhunderte sich zu unterhalten?

[Illustration]

Noch einen neuen Bewohner soll meine Kauzburg bekommen.

Es war mit erst gar nicht recht.

Was soll man aber tun!

Es ist ein Unglück, daß ich Bitten gegenüber so wenig standhaft bin.

Fräulein Bartel hat mein Herz erweicht.

Meinetwegen, mag sie ihren Willen haben. Die Kauzburg ist groß; mich

wird der neue Bewohner nicht stören.

Für ein halbes Jahr soll’s nur sein. Der Vater verreist ins Ausland,

die Mutter starb im vorigen Jahr, wohin mit dem Mädchen! Da wandte

sich der Mann an Fräulein Bartel, die jahrelang bei ihm und seiner

Frau in Stellung gewesen war. »Nehmen Sie sich meiner Tochter an,

solange ich reisen muß«, bat er dringend. »In einem halben Jahre bin

ich zurück, dann ist die Erbschaft geregelt, bitte, bitte, nehmen Sie

sich meiner Tochter so lange an.«

Fräulein Bartel brachte mir diesen, ich möchte sagen »händeringenden«

Brief des Gutsbesitzers. Dieser Gutsbesitzer ist übrigens eine

interessante Persönlichkeit. Sein Gut, sein Heidhof liegt in der

Lüneburger Heide. Er selbst heißt der Heidkönig, weil sein Heidebesitz

die größte Ausdehnung hat. Wohl auch, weil sein Geschlecht so alt und

bieder ist. Also des Heidkönigs, — eines Königs Tochter — kommt in

meine Kauzburg! Bin neugierig auf diese Heidkönigtochter. »Ein Kind

der Heide« — — — ein Kind der ~Straße~ habe ich schon!

»Also meinetwegen, meinetwegen, nehmen Sie das Mädchen unter Ihre

Fittiche«, sagte ich schließlich, um sie los zu werden. Fräulein

Bartels Fittiche sind ja ehrwürdig, alt und genügend ausgemausert.

Aber nun hab’ ich meine Bedenken bekommen.

Was sagt Marianne dazu?

Ich rief sie. In der ihr eigenen anmutig-scheuen Weise trat sie in

meine Stube.

»Sie wissen es schon, daß wir im Herbst oder Winter einen neuen Gast

bekommen?« fragte ich.

»Ich weiß es«, antwortete sie.

»Na ... und ... Sie freuen sich doch, daß Sie nun in die einsame

Kauzburg etwas Gesellschaft kriegen ... nicht?« Sie gab keine Antwort,

hob nur langsam den Kopf. Ihr rotes Haar flimmerte, ihre roten Lippen

waren halb geöffnet und stachen seltsam gegen ihr blasses Gesicht ab,

in dem die blauen Adern wie kleine Schlangen zu sehn waren, die Leben

hatten und sich zu bewegen schienen; schwer lagen die Augenlider mit

den langen seidigen Wimpern noch über ihren Augen. Aber nun warf sie

mit plötzlicher, zuckender Bewegung den Kopf in den Nacken, daß die

rotgolden leuchtende Haarpracht wie ein Feuer, in welches ein Windstoß

fährt, aufwirbelte, und sah mich an. »Marianne«, stieß ich zitternd

hervor und umfaßte mit beiden Händen fest die eichene Kante meines

Schreibtisches.

Da verzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ehe ich zur Besinnung kam, hatte

sie lautlos das Zimmer verlassen!

Ich aber warf mich erschöpft auf den nächstbesten Stuhl und bedeckte

meine heißen Augen, meine heiße Stirn mit meinen zwei heißen Händen.

»Wie soll das werden, wie soll das enden«, dachte ich immerfort.

Hast du recht gesehn, hast du dich nicht getäuscht? Sah sie dich

wirklich mit liebedurstigen, liebeglühenden, liebeverlangenden Augen

an? Hast du in diesem seltsamen rätselhaften Augenpaar auch noch einen

anderen Ausdruck gesehen? Den Ausdruck von Haß? Gegen das Mädchen, das

noch gar nicht hier ist? Das erst kommen soll?

Was ~sagten~ denn diese Augen? Warum bist du erschrocken vor ihnen?

Ein seltsam schauderndes Gefühl beschlich mich.

Und daneben die Gier nach diesem Mädchen, in dessen Augen ich soeben

geschaut hatte.

»Hüte dich, hüte dich vor ihr!« flüsterte die eine innere Stimme,

»Greif ~zu~, greif ~zu~«, stachelte mich die andere auf. —

Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir meine Arbeit vor.

Erst tanzten die Buchstaben vor meinen Augen. Dann wurde ich wieder

Herr über mich. Die Arbeit lenkte mich ab, gab mich der nüchternen

Wirklichkeit zurück. Zwei Förster ließen sich melden. Ich besprach

Dienstliches mit ihnen, ich sagte mich für morgen zur Reviertour bei

ihnen an, die Kulturen sollten besichtigt werden, Pflanzen waren

infolge der Sommerhitze vertrocknet, Gegenmittel mußten bedacht,

Ersatz mußte geschafft werden, ja du, mein Wald, du mein Bergwald

wirst mich heilen, wirst mir die Ruhe wiedergeben, die ich verlieren

will!

Geht’s denn ~wirklich~ um in der Kauzburg? Wollen mich die

abgeschiedenen Geister dieser hohen, geheimnisvoll dunklen und kühlen

Räume in ihren unheimlichen Bann nehmen?

Ich möchte das Mädchen mit dem Feuerhaar fortschicken.

Ja, ich werde sie fortschicken! ...

Nein! niemals! ... Von dem Staube der Straße habe ich sie aufgelesen,

nun muß ich sorgen, daß sie nicht verkommt im Straßenschmutz. Hatte

nicht der Domherr mir durch Fräulein Bartel sagen lassen, ich täte ein

gutes Werk, wenn ich dieses Mädchen behielte?

Ich muß mit dem Manne sprechen! Ja, ich will bald mit ihm sprechen.

Wer waren ihre Eltern? Wo war sie, bis sie zu mir kam? Zu mir in die

Kauzburg? Auf der Schwelle des katholischen Waisenhauses hat man

dich gefunden, armes Kind? Aber du bist doch nun ein großes Mädchen,

schon längst mußt du das schützende Dach des Waisenhauses verlassen

gehabt haben, bevor du zu mir kamst ... wo hast du gesteckt in der

Zwischenzeit? Ich will alles, alles von dir und über dich wissen,

Marianne, du verstoßenes Kind der Straße. Du verstoßenes Kind des

Lebens.

Was kannst du dafür, daß dich das Leben verstieß schon beim Eintritt

ins Leben? Daß es dich auf die Schwelle eines Waisenhauses legte? Dort

lagst du, armes, verlassenes Kind, dort lagst du und klagtest Gott im

Himmel an mit deinen großen, dunklen Kinderaugen. Armes Kind. Nun hast

du ein Dach über deinem rotgoldenen Haar!

Es ist nur das alte Dach meiner uralten Kauzburg, aber es ist doch ein

Dach.

Das schützt vor Staub und Regen.

Die Sonne läßt es freilich herein an der vermorschten Stelle

links, wo das Türmlein einst ragte, es ist die ~Sonne~ aber! Die

lachende, heitere, helle Sonne. Die Tauben gurren dort oben, wenn der

leuchtende Sonnenstrahl hineinblitzt in das dunkle Kauzgeschoß des

Kauzburgdaches, drum laß ich nichts dichten, nichts flicken. Ich habe

Angst, daß die Tauben dann nicht mehr dort gurren. Sie sind so wild,

meine Kauzburgtauben! Ganz heimlich muß man sie füttern, sonst sausen

sie fort in alle Winde und kommen erst heim, wenn alles still ist und

abendlich. Nur wenn Marianne sie füttert, bleiben sie sitzen, flattern

ihr nach und entgegen.

Aufs goldene Haar ist ihr kürzlich eine geflogen. Dort hat sie nach

Körnern gepickt. Hat sie geglaubt, dort goldene Weizenkörner zu

finden? —

Der Schalk von einem Mädchen!

Sie lachte, als ich sie fragte.

Sie hatte sich wirklich Körner ins goldene Haar gestreut. Die pickte

der Täuber auf. —

[Illustration]

Nun ist es da, das Gewitter!

War ~das~ ein Rumoren und Rollen den ganzen Nachmittag über am Himmel!

Erst zogen die dunklen Wetterwolken von Westen auf, dann ballte sich’s

drohend im Osten. Dann flammte es auf, mal hier, mal dort. Fahlgelb

das Leuchten, dumpfgrollend der Donner, schwül war die Luft und

totenstill zuletzt!

Kein Blatt am Baum bewegte sich.

Wie Bleiguß lag es totenstarr ringsum. Dann kam es näher und näher.

Kein Vogel zu sehn, kein Schmetterling. Es hatte sich alles

verkrochen. —

Hoch ragt die Kauzburg über die anderen Häuser empor. Ins Dunkle

hinauf, das über ihr so drohend murrt und zuckt.

Huhu, huhu, hör’ ich den Waldkauz kreischen. Nacht sei es, mag er

denken. So dunkel dräut das Gewitter.

Waldkauz, was schreist du so?

Huhu, nun ist es da, das Gewitter!

Wie es die Bäume packt und niederzwingt! Wie es flammt und züngelt,

zischt und leuchtet, grollt und rollt, schmettert und kracht, und

droht und beißt wie ein wilder Hund! Ist die Kette gesprengt, du

wütender Wolfshund? Wen willst du packen mit deinem Gebiß? Wen willst

du treffen, zerschmettern mit züngelndem Strahl, mit zermalmendem

Zischen, unter drohendem Toben der blitzzersprengten Wolken?

Tobe nur, Wetter! Ich lache deiner! Ich steh’ am Fenster der Kauzburg,

und ~die~ ist fest. Die hat schon manchem Gewitter getrotzt, schon

manchem Sturme standgehalten, schon mancher Blitzstrahl ist durchs

Gebälk gezischt, das alles hat sie überstanden. Zweimal schon hat das

Feuer geprasselt in ihren mächtigen Balken. Gegen die Steinmauern

war es machtlos und biß sich seinen Wolfszahn daran aus. Beiße nur,

Wolfshund! Ich ~lache~ deiner! Am Fenster stand ich und schaute hinaus

in die wilde hochbrandende Natur.

Da fuhr es prasselnd herab. Ein jäher, blendender Blitz. So blendend,

daß ich die Augen schloß. Gleich darauf ein knatternder Donnerschlag.

— Dann Stille, — dann wieder neues Toben.

Hat das der Kauzburg gegolten? Wolltest du beißen mit deinem

Wolfsgebiß, du wilder Wolfshund im stürmenden Wetter?

Du ~hast~ gebissen! — Pfui, schäm’ dich!

Den alten vielhundertjährigen Nußbaum hast du zerbissen. — Pfui,

~schäm’~ dich!

Da liegt seine Krone im Gartengestrüpp. Da fliegen angstvoll die Vögel

auf, die in den Ästen saßen. — Pfui, ~schäm’~ dich, ich sag’s dir das

drittemal!

Hol’ dir doch andere Opfer und laß die Kauzburg mit ihren Insassen

ungeschoren, du wüster, böser Gesell! —

Ich ging hinüber, wo Fräulein Bartel mit Marianne war. »Die werden

erschrocken sein«, dacht’ ich. Ich traf Fräulein Bartel in heller

Angst. Das Rosenkränzlein hielt sie in den zitternden Händen, und auf

dem Tische vor ihr stand ein hübsches, buntes Muttergottesbild.

»Das hat eingeschlagen, das hat gewiß bei uns eingeschlagen«, sagte

sie ängstlich.

»Dem Nußbaum hat es gegolten, Fräulein Bartel«, beruhigte ich sie.

»Draußen im Garten hat es eingeschlagen, nicht ins Forsthaus ......

Aber wo ist denn Marianne?« — — —

Ich sah mich um, sie war nicht da.

Nun sah sich Fräulein Bartel auch nach ihr um.

»Ich weiß nicht«, stotterte sie, denn eben fuhr wieder ein knatternder

Blitzstrahl unweit der Kauzburg ins Erdreich.

»Sie war vorhin noch hier.«

Ich hatte schon die Türklinke in der Hand.

Drüben bei mir in der Stube stülpte ich mir den Hut über, warf mir den

Lodenmantel um und eilte auch schon die Treppe hinab.

Es war so finster, daß ich die kleine Handlaterne gut gebrauchen

konnte.

Unten in der hohen, weiten Steinhalle schallten meine Tritte laut von

den Mauern wieder. »Marianne!« rief ich; keine Antwort. So eilte ich

denn durch den langen, gewölbten Flur nach der kleinen, ehemaligen

Mönchspforte, die am Ende dieses von der Halle nach dem Eingang zum

Keller führenden Ganges lag.

Schon stand ich an der niederen Pforte. Nur ein paar Schritte über den

Burghof hatte ich zu gehn, um an den Kellereingang zu gelangen.

Ich riß die uralte, schwere Eichentür auf. Kraft mußte ich anwenden,

so drückte der Gewittersturm von außen entgegen.

Nun schlug sie schallend zurück.

Ich trat hinaus in die furchtbare Sturmnacht.

Die große Linde im Burghof rauschte ächzend und bog sich fast zur Erde

mit ihrem hohen Wipfel. Über abgerissene Zweige stolperte ich.

Überall flammte und leuchtete es blutrot, fahlgelb und violett,

dauernd wurde das Stockdunkel durch Blitz und Wetterleuchten in

unheimlichem, jäh aufblitzendem, jäh ins Tintenschwarze wieder

vorübergehendem Glanz unterbrochen. Fast schmerzhaft den Augen.

Dumpfdrohend, gellkrachend, prasselnd, knatternd die Donner

dazwischen. Wütend kochte der Regen herab. Wie ein schäumender

Sturzbach fiel er herunter und hatte den Hof zu einem See verwandelt.

»Marianne, Marianne!« schrie ich in das Toben hinein. Antwort gab

mir allein die Linde. Sie fing ganz laut zu stöhnen an, in ihrem

Stamme begann ein ächzendes Geprassel, alle Äste von ihr erbebten und

zitterten und schlugen wirr ineinander. Mir war’s in dem blendenden

Wetterleuchten, als ob ich den ganzen hohen, gewaltigen Baum hätte

schwanken sehn, als ob er von seinem Platze, an dem er nun seit

Hunderten von Jahren stand, weitergeschritten wäre, mit wuchtigem,

schwerem, hallendem Schritt. Wie ein Riese tauchte er noch einmal

vor mir auf aus dem tiefen, tiefen, pechschwarzen Dunkel dieser

Teufelsnacht. Wie ein Riese stand er vor mir in dem jäh aufzüngelnden

Blitz, der die Abgrundtiefe dieses Gewitterhimmels zerschnitt, dann

begann das Sterben dieses Riesen.

Ein Krachen und Reißen entstand, das selbst die Stimme des Wetters

überklang. ~Auf~ rauschten wild die Blätter, Zweige schlugen mich ins

Gesicht, wie ein wütender, schriller Schrei tönte es plötzlich, — die

Herzwurzel war geborsten — dann stürzte der Baum zur Erde.

Der Sturm brauste wie ein Sieger über ihn hin.

»Marianne!« keuchte ich angstvoll.

Wo war das Kind der Straße bei diesem vernichtenden Unwetter?

Mit ein paar Sätzen war ich drüben am Tor des Kellers. Das Tor stand

auf. Schwarze Finsternis gähnte mir entgegen. Hoch hob ich die

Laterne, bückte mich und tappte die zehn steinernen Stufen, die unter

die Erde führten, hinunter. »Marianne!« rief ich da unten wieder.

Und siehe: Ein Lichtschein, kurz nur und spärlich, drang mir entgegen.

Sturm kam und warf hinter mir die Tür ins Schloß.

Abgesperrt von der Außenwelt stand ich, kaum konnte ich etwas sehn in

dem winzigen Blinken meiner Laterne.

Aber dort vor mir, dort aus der Tiefe der Lichtschein! Die Angst trieb

mich dorthin; die Angst hatte mich aus meiner Stube getrieben über den

Hof ins Unwetter hinaus, nun hier hinein in diesen dunklen Keller. Die

Angst? Um wen? Ja, um Marianne, das Kind der Straße. Ich mußte sie

sehn, mußte wissen, daß sie geborgen war, daß sie lebte ....

Und nun stand ich ihr gegenüber. Unweit von ihr stand ich. An diesem

seltsam schauerlichen Ort bei diesem seltsam schauerlichen Unwetter.

Bis hier hinein war das Toben und Tosen da draußen zu hören. Dumpf

drang es bis hier hinunter.

»Marianne!« rief ich sie leise an.

Sah sie mich denn? Hört sie mich?

Nach vorn gebeugt, spähend, mit gierig grübelndem Ausdruck in ihren

Augen stand sie im verschwimmenden Schein eines Lichtstumpfes, der

auf einem aus der Mauer hervorragenden Steinkopf aufgeklebt war, und

starrte auf die schwarzgrüne Steinmauer hin.

Ein mächtiger, mehrere Zentner schwerer Stein war dort aus der

Mauer gebrochen, herausgeschleudert worden wohl durch einen

herniedersausenden Blitz. Wie ein Felsblock lag er vor mir. Hinüber

klettern mußte ich, um an Mariannens Seite treten zu können: Jetzt

stand ich dicht neben ihr.

»Marianne, bei diesem Wetter sind Sie hier?« sagte ich voll Mitleid.

Sie wandte sich mir zu.

Ihre Augen brannten in einem triumphierenden Glanze, mit den Händen

zeigte sie nach einer gähnenden Öffnung in der Mauer. Ich folgte

dieser Bewegung und sah mit Erstaunen, fast mit einem Gefühl des

Grauens, in einen unterirdischen Gang hinein, in den der Lichtschimmer

unserer Kerzen zitternde Strahlen warf.

»Ein Gang, ein unterirdischer Gang?« rief ich erregt! »So ist’s kein

Märchen, was die Leute sagen? Ein Gang führt von diesem Keller ans

Ufer des Flusses unter der Stadt hindurch!«

Marianne faßte plötzlich meine linke Hand mit ihrer rechten und bog

sie herab, so daß meine Finger über die glatte Fläche der neben uns

liegenden, von der Gewalt des Blitzes herausgeschleuderten Steinplatte

fuhren, die diese Öffnung bisher vor den Augen der Burginsassen

verborgen hatte. Ich fühlte, daß in der Steinplatte etwas eingraviert

war.

Mit der Laterne beleuchtete ich die Platte. Was sah ich! Ganz deutlich

war die Figur einer Eule, eines Kauzes in den Stein geschnitten!

Marianne lachte vor sich hin.

»Eine Eule, ein Kauz,« rief ich, »ganz deutlich ein Kauz, ein Waldkauz

in diesen tausendjährigen Stein geschnitten! Ich nannte dich Kauzburg,

dich, mein Forsthaus, nun finde ich hier das Käuzchen in diesem Stein,

der älter ist, als Burg und Mönche und Ritter!

Und wie? .... Was sehe ich unter dir, du steinernes Käuzchen längst

verstorbener Zeit?

Eine Menschenfigur, einen Menschen in kniender Stellung, mit

aufgehobenen Armen, betend zu dir, mein steinernes Käuzlein, anbetend

dich als Gottheit! Ein heidnischer Stein, ein heidnisches Merkmal, ein

heidnischer Gott in meiner Kauzburg!

Was hab’ ich gesehn!

Kauzburg hab’ ich mein Forsthaus getauft! Dem Heidengott hab’ ich mein

Forsthaus wieder ausgeliefert mit meiner Taufe!

Oh, dreht euch nicht in euren Gräbern um, christliche Ordensritter und

mönchisches Kuttenvolk!

Vor euch hat hier der Heidengott, der Kauz des Waldes, der Nachtvogel

mit seinen großen, glühenden Augen gehaust! Ein Heidentempel ist vor

tausend Jahren dieses Ordenshaus gewesen; auf den verschütteten Ruinen

dieses Tempels haben ahnungslose Ritter diese Mauer errichtet.«

Ein Erdstoß ließ das Gewölbe erbeben, in dem ich mit Marianne stand.

»Kommen Sie, kommen Sie, Marianne,« drängte ich, »morgen, wenn

das böse Unwetter vorüber ist, morgen am Tage wollen wir den

unterirdischen Gang und die Steine hier untersuchen.«

»Nein, heute, jetzt«, sagte sie und wollte mich hineinziehn in den

schräg abwärts in die Tiefe führenden Gang.

»Torheit!« rief ich scharf.

»Kommen Sie, und seien Sie nicht wie ein törichtes Kind, Marianne!«

Da umklammerte sie mich plötzlich mit ihren Armen. Ich fühlte

ihre keuchende Brust an der meinen, ihr wogendes Haar spielte und

streichelte mein Gesicht, ihr schlanker Leib drängte sich an den

meinen, einen stechenden Schmerz empfand ich am Halse — schon ließ sie

mich los, schon griff ich ins Leere, als ich sie von mir fortstoßen,

nein, als ich sie an mich reißen wollte. Tiefe, stockdüstere,

sargtiefe Finsternis umgab mich. Mein Licht in der Laterne war

verlöscht. Ein leises Rascheln, ein Lachen vernahm ich, die Kellertür

flog auf, der Donner rollte, und die Blitze flammten, dann war’s um

mich wieder tintenschwarz und still. Dumpf nur hörte ich den Donner

über mir. Ich stand wie betäubt. Aber dann überfiel mich ein Grauen

vor diesem Ort. Ich tappte mich über den heidnischen Stein hinüber,

an der kalten Mauer entlang, bis an die Tür. Als ich sie geöffnet

hatte und die frische Nachtluft mir entgegenschlug, atmete ich tief

auf. Fern hörte man noch den Donner vergrollen, es wetterleuchtete und

flammte noch in den zerfetzten Wolken, aber durch ihre Lücken schien

mild und freundlich der Mond. Der Sturm hatte sich gelegt, der Regen

aufgehört, nur von den Zweigen der Bäume fielen noch einzelne, schwere

Tropfen herab.

Im Burghofe lag die Linde. Sie war vom Sturme geworfen, ich hatte es

nicht geträumt.

In ihren Blättern rieselten Wasserperlen und sickerten an der feuchten

Borke des Stammes, allmählich zu kleinen Wasserbächen sich sammelnd,

bis ins Erdreich, auf dem der Stamm nun lag.

Wie leid tat es mir, daß dieser Baum gefallen war. Und daß der Blitz

dem Nußbaum im Garten seinen Wipfel zerschmettert hatte. Dieses

Unwetter hatte mir die beiden liebsten Bäume geraubt.

»Dieses Unwetter hat mir auch endgültig meine Ruhe geraubt«, dachte

ich, als ich neben der gestürzten Linde stand. Ich wußte: es war nun

nicht mehr zu ändern, diesem Mädchen würde ich nicht länger widerstehn

können. Sie zog mich hinein in ihre goldenen Fesseln, die sie um meine

Schultern, über mein Gesicht geworfen hatte, sie hielt mich fest im

Banne ihrer dunklen, grausamen, nein liebeglühenden Augen.

Hatte ich sie zum Leid der Insassen in meine Kauzburg aufgenommen?

Zu meinem Leid? Zu meiner Wonne, meiner Lust? War’s Wonne, die ich

empfand? Oder war’s nur Gier, wilde Gier, die sie in mir entfacht

hatte?

Immer lichter wurde der Himmel. Immer zerfetzter die Wolken. Als ob

von einem zerrissenen Mantel die letzten Stücke über den Himmel gejagt

würden.

Wer hatte den Mantel zerteilt? Hatte man um ihn und seine Stücke

gewürfelt?

Ja, lächle nur wieder herab, Freund Mond! Scheinheilig und freundlich,

tückisch die Sünde erlaubend unter deinem unsicheren, sanft

einhüllenden Licht. Du buhlst mit der Sünde, du freuest dich, du

lachst, wenn unter dir gesündigt wird.

Eine wunderbare Ruhe war in die Natur getreten. Vor kurzem war alles

noch so wildbewegt, jetzt schien die Ruhe selbst ringsum zu atmen. Als

ich die breiten Steinstufen in meiner Kauzburg hinanstieg, klopfte

mein Herz wild und erregt. Draußen in der Natur war nach dem Unwetter

Ruhe geworden, der Sturm hatte sich austoben können, hatte sich

ausgerast.

Auf Sturm folgt Ruhe, auf Ruhe folgt Sturm. So will’s das große

Naturgefüge, das durch den Wechsel in seinen Lebensbedingungen lebt.

In mir war ein Sturm angefacht worden, ein wilder Sturm. Der wollte

ausbrechen, sich austoben. Drum konnte noch keine Ruhe sein.

Mit klopfenden Pulsen öffnete ich die Tür der Wohnstube, wo Fräulein

Bartel und Marianne sich für gewöhnlich aufhielten. Was würde ich

finden? Wie würde ich’s finden? War Marianne schon da? Hatte sie sich

verraten? Mich verraten?

Als ich eintrat, durchwärmte der trauliche Schein der Tischlampe den

Raum mit gemütlicher Ruhe. Am Tische saß Fräulein Bartel und strickte,

an der anderen Tischseite saß Marianne und las. Auf Fräulein Bartels

Gesicht lag wie eine Erlösung die stille Mondnacht von draußen.

Drum stand auch hübsch im Winkel das liebe, hübsche

Muttergottesbildnis.

Über Mariannens Augen lagen die zartweißen Lider mit ihrem seidigen,

rotgoldenen Wimpernbehang. Rotgolden lag’s auch wie ein Leuchten über

ihrem Köpflein. Der alte Feuerglanz, der alte Feuerzauber. »Ach,

Marianne ist schon lange hier, Herr Oberförster,« sagte Fräulein

Bartel, »sie war nur mal hinübergegangen vor die Tür, um das

Wetterleuchten besser sehen zu können.«

Ein feines, flüchtiges, nur mir verständliches Lächeln huschte über

Mariannens Gesicht.

»So, so«, meinte ich nur und sah auf dieses weiße Mädchengesicht,

diese fein durchaderte, weiße, über das Buch gebeugte Stirn.

Sah’s nicht aus, als ob dort eine junge, kindlich-fromme Heilige saß

und las?

»Herrgott, Sie bluten ja, Herr Oberförster!« schrie Fräulein Bartel

plötzlich und sprang auf.

»Ich blute?« fragte ich und griff unwillkürlich nach meinem Halse.

Hatte ich dort nicht einen stechenden Schmerz gefühlt? Vorhin, als

mich Marianne so heiß umschlungen hatte? Schon hatte Fräulein Bartel

einen Handtuchzipfel feucht gemacht und wischte mir das Blut von der

wunden Halsstelle ab.

»Ja, aber, was ist denn das? Das ist ja eine Bißwunde, man sieht ja

ganz deutlich die Zahnabdrücke, eins ... zwei ... drei ... vier ...,

mein Gott, Herr Oberförster, wer hat sie denn gebissen? Ein Marder?

Eine Katze?« Ich sah forschend nach Marianne hin, während das kleine,

alte Fräulein an mir herumwusch und -tupfte.

Ein grausames Lächeln, wirklich, ein unheimliches, wunderliches

Lächeln verzog Mariannens Mund. Unsinn! Ich bin erregt, bin einer

ruhigen Beobachtung nicht fähig. Sie lächelt ja gar nicht, ernst

blickt sie in das Buch!

»Eine wilde Katze ist’s gewesen, vielleicht ein Vampyr«, scherzte ich

und sah Marianne scharf dabei an.

»Nein, nein, Scherz beiseite, Fräulein Bartel,« sagte ich schnell,

als sie mit einem unbeschreiblich entsetzten und kindlich-hilflosen

Angstblick zu mir aufsah, »es ist eine Katze gewesen, die ich draußen

von mir abschüttelte, und die mich wütend ansprang, weiter nichts.«

»Weiter nichts, Herr Oberförster,« wiederholte sie ängstlich, »ein

Katzenbiß kann gefährlich werden. Marianne, geben Sie mir doch rasch

das Fläschchen, auf dem Karbol geschrieben steht, ja, ja, das ist

das richtige, so ... rasch ein paar Tropfen ins Wasser! ... aber

Sie müssen stillhalten, Herr Oberförster ... und nun das englische

Pflaster darüber ... nein, ich sag’ ja, was man nicht alles erleben

kann in solcher alten, häßlichen Burg.«

»Nun, nun, es ist ein ritterlich-christlicher Bau, mein liebes

Fräulein; denken Sie doch ... Ordensritter und Mönche!«

»Ja, freilich,« meinte sie erleichtert aufatmend, »fromme, gut

katholische Herren haben hier gelebt ...«

»Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte ich, »wenn du dabei

gewesen wärest, als ich das heidnische Steinkäuzlein entdeckte, als

mich da unten die rothaarige Wildkatze in meinen Hals biß!« Ist es

denn möglich? Ist denn dieses hier in der traulichen Stube dieselbe

Marianne?

Hat diese hier mich wirklich in solch rasender Gier umschlungen

gehalten? Hat diese Marianne, die ruhig und still Fräulein Bartel

hilft, als sei nichts gewesen, als hätte es kein Gewitter, keinen

Sturm, kein Kellergewölbe, keinen gähnenden, in die Tiefe gähnenden

Gang, kein steinernes Käuzlein gegeben, ... hat diese Marianne wie

eine Wildkatze mich in den Hals gebissen?

Sind das nicht Augen, so sanft wie Taubenaugen? Ist’s nicht ein

Lächeln, so sanft wie ein Lächeln der Heiligen? Rätselvoll sind diese

dunklen, fast nachtschwarzen Augen. Genau so rätselhaft wie der See

meiner Heimat im dunklen Walde. Der soll die Menschen, die sich in

seine schöne Flut zum Baden stürzen, in seine Mitte ziehn, sie nicht

mehr von sich lassen ... niemand mag mehr in seinem waldkühlen Wasser

baden, man sagt, daß schon vier Menschen ihr Leben in seiner Flut

haben lassen müssen ...

[Illustration]

Die Katholiken des Städtchens veranstalteten am heutigen Sonntag eine

Prozession.

Eine Bittprozession, daß nie wieder ein so furchtbares Unwetter wie

gestern das kleine Städtchen heimsuchen möge. Fräulein Bartel und

Marianne haben mich gebeten, daran teilnehmen zu dürfen.

Natürlich dürfen sie!

Wenn ich auch nicht glaube, daß es viel helfen wird, so mögen sie

immerhin gehen.

Auf den Berg drüben überm Flusse zur Kapelle hinauf soll

prozessioniert werden. Ganz friedlich, fromm und kirchlich. Mit

Fahnen, Thronhimmel und Gesang. Mit Kränzen, weißen Kleidern und

Jungfrauen vornweg.

Feierlich und schön wird’s werden, ein sehenswertes Schauspiel. Ich

kenne diese Prozessionen aus Schlesien. Schon als Knabe haben sie mir

gewaltig imponiert; stets sah ich voll ehrfürchtiger Spannung zu. —

Es liegt so viel kindlicher Glaube darin, daß sich eine das Weltall

leitende Gottheit durch ein solches Häuflein singender und betender

Menschen, durch ein paar bunte, von Menschenhand verfertigte Fahnen,

durch Thronhimmel und gestickte Gewänder, Weihrauch und Weihwasser

bestimmen lassen wird, gerade diesen Ort aus der Spannung der

Naturereignisse auszuscheiden.

Die Kauzburg · 第 4 / 21 题