Denn Hans im Schnakenloch, le grand désabusé, weiß was sie taugt. Der Krieg
bricht aus. Franzosen erobern das Dorf. »Dies ist eine Staatsaktion,« sagt
Hans, »von deren Ausgang das eine zum andernmal gerechnet, schließlich das
Schicksal der Völker abhängt. Es mag dumm sein, daß so viel vom Ausgang
einer Rauferei abhängt, aber ich kann es nicht ändern.«
Nicht lange, und das Dorf wird von den Deutschen zurückerobert. Der Kampf
tobt in den Gassen. »Arme Jungen!« sagt er von den gefallenen Deutschen.
»Da liegen sie wahrhaftig in Reih und Glied. Und die Franzosen davor
hingeschleudert, wie Pfeile, die ihr Ziel nicht ganz erreichten.« -- Wer da
siegt, ihm ist's nicht wichtig. Für ihn hat der Besiegte die höhere Glorie.
Wer von beiden die Erde verliert, die er beiden zuerkennt, bei dem will er
liegen. »Mich hat die Wildheit dieser Toten angesteckt,« schreit er
plötzlich auf. »So will ich auch liegen. Hingeschleudert, und mit
krampfhaften Händen, die ihr Ziel nicht erreichten. So und nicht anders
will ich sterben. So.«
Aber so hat auch Goethe den Elsässer gesehen. Elsaß war noch nicht lange
genug mit Frankreich verbunden, schreibt er in Dichtung und Wahrheit, (als
die Dinge umgekehrt lagen,) als daß nicht noch bei alt und jung eine
liebevolle Anhänglichkeit an alte Verfassung, Sitte, Sprache und Tracht
sollte übrig geblieben sein. Wenn der Überwundene die Hälfte seines Daseins
notgedrungen verliert, so rechnet er sich's zur Schmach, die andere
freiwillig aufzugeben. Er hält daher an allem fest, was ihm die vergangene
gute Zeit zurückrufen und die Hoffnung der Wiederkehr einer glücklichen
Epoche nähren kann.«
»Immer der Deserteur, immer aus Treue,« so hat ihn Goethe noch im Alter
gesehen.
Hans im Schnakenloch, der Elsässer von heute, sieht die Seinen nurmehr wie
von ferne; seiner Liebe kaum mehr bewußt, nimmt er nur kargen Abschied von
der Frau, »Du hörst nicht mehr, was ich sage,« herrschte er sie an.
»Begreife doch, auch ich gehorche der Pflicht . . . Meinesgleichen fährt
jetzt zur Hölle. Da muß ich dabei sein. Die Wage der Weltgeschichte
schwebt.« Der Gram dieser Erde ist _sein_ Gram. Im Schein dieses Himmels,
der schon überfloß in jenen der Douce France, fing sich auch das Echo
deutscher Innerlichkeit. Hier lächelt der Sommer, und immerzu deutet hier
der Zeiger auf die Stunde der Erfüllung. Aber statt ihrer erdröhnt immer
verstärkt die Stunde des Unheils. Liebe ist schwerer wie Haß, meint der
Abbé Schmitt, der die Gefallenen begräbt. »Ich wiederhole,« sagt er, »es
ist leichter gut zu schießen als gut zu denken. Das Schießen ist an der
Reihe. Sprechen wir weiter, wenn die Tage des Denkens wiederkommen.« Werden
sie kommen?
Auch die Nebenfiguren sind hier von zwingender Lebendigkeit und über die
Hauptrolle und ihre Modulationen werden sich wohl, je länger je bestimmter
allerorts die namhaften Mimen ereifern. Vorausgesetzt, daß noch welche da
sind, und daß der eiserne Vorhang, der sich zwischen den Ländern senkte,
nicht auch noch vor den Theatern herabfällt.
Was dieses mutige, von so wahrhaft dichterischem Geiste getragene, so
wundervolle Stück vor allem auslöst, ist eine ungeheure Bangigkeit, das
Bewußtsein einer entsetzlichen Gefahr. Man fühlt: die Gegenwart schlägt
hier voll an: Tolstoi und Dostojewski haben schon gelebt, der zwischen
anständigen Menschen längst herrschenden Moralbegriffe enträt nur noch die
Politik. Dort als eigentlicher Point d'honneur, Uneigennützigkeit, Großmut
und Würde; hier noch immer die vorchristliche Kunst des Übervorteilens im
Bereich des Möglichen oder des Unmöglichen: ein Zeiger, der unentwegt
voranläuft, der andere, der wie irrsinnig gegen die Räder anrennt; ein
sausendes Uhrwerk, das am Zerspringen ist; eine groteske, lächerlich
unerlöste Welt; das Wirrsal.
Immer ist es Sommer in Schickeles Stück; alle Holdheit der Erde, eine
blumige Au am Rande des Abgrunds: Elsaß! Und immer wird uns dieses Wort,
wie mit Traumhänden, so dringend hingereicht, bis es wie eine Glocke tönt,
die sich in Bewegung setzen möchte, Vernunft und Frieden einzuläuten, und
den Starrsinn in Zerknirschung zu lösen.
September 1916
Neue Zürcher Zeitung.