Alte Leute schütteln die Köpfe über unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit
unseren immer schleunigeren Schnellzügen nicht zufriedener sind, als unsere
Väter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei's gesagt: wir sind
um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die Zufriedenheit, je
mehr wir den Fortschritt erstreben. Ein steigernder Drang, eine Hast und
Ungeduld, wachsenden Flügeln vergleichbar, ist heute in uns rege; wir
durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch große Städte mit
Windeseile, und größte Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur
entsprechendsten Äußerung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten
des Glücks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige
Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren
verträgt sie nicht mehr. Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage,
aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere,
denn sie ist so müde und überreizt zugleich, weil ihr der Frühling in den
Gliedern sitzt.
Es stehen uns zwar noch zu viel trübe, regnerische Tage bevor, als daß wir
merken könnten, daß sie länger werden. Aber wenn es stürmischere Zeiten
gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch
unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegensätze sich zu versöhnen, alte
Vorurteile zu zerfallen strebten.
Kürzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la
Paix zur Place Vendôme; den weltberühmten Modeläden entstiegen elegante
Frauen mit blassen Zügen und großen sicheren Augen. Die reiche, fast edel
zu nennende Vollendung ihrer ganzen äußerlichen Haltung lieh ihnen einen
Glanz von Schönheit und Überlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis
ihr Wagen aus dem Gedränge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre
stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer
begründet, als jenes Gefühl unendlichen Entrücktseins von der Not des
Lebens und die satten, fast melancholisch strengen Mienen der Besitzenden.
In jenen Pariser Straßen geht es sich so leicht. Was das Auge dort
fortwährend fesselt, trägt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin.
Geschmeide blitzten mir entgegen, große träumerische Perlen, ein köstlich
strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele, zärtlich
funkelnde Smaragde.
Allein zärtlicher noch und schimmernder, ein Triumph für die ersten
Kürschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer schönen Frau
mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem Laden ins
Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der
bekanntesten jungen Männer von Paris, morbid und unverschämt, den Hut vom
Winde etwas zurückgeschoben, aber frei wie ein Marmorbild, ihr
entgegenfuhr.
»Es geht sich heute so schön,« sagte da plötzlich dicht neben mir ein
Pariser Freund, »haben Sie Zeit?«
»Aber bleiben wir in diesen Straßen,« sagte ich, »man wird da von dem Leben
ringsumher wie von Wellen so schön fortgerissen.«
Zwar hörte man vor dem Getöse und Gebrause ringsumher seine eignen Worte
nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang,
unnachahmliche Mäntel, in die man im Vorübergehen sich hineindachte; dann
wieder unter den vorübereilenden Wagen so manches glänzende, bewegte Bild.
»Ach,« seufzte ich, »mir ist hier oft, als müßte mein Herz brechen vor
Sehnsucht nach Geld!«
»Nach Geld?« rief er erstaunt.
»Ja,« sagte ich, »ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende
Leidenschaft für die Güter dieser Erde, und wie sehr sich unsere
Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen Fähigkeiten steigern.«
»Diese lehren uns vielmehr, das Glück in uns zu suchen.«
»Sie scherzen!« rief ich.
Aber hier erlitt unser Gespräch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam
kamen uns zwei hinreißende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem
eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. Göttliche Schultern
trugen ihr leichtsinniges Haupt, und goldene Haare verklärten es. Es lag
etwas halb Zärtliches, halb Spöttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas
Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flüchtigkeit
selbst. Und es war, als zöge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer
Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener
Hoffnungen, vergeblicher Wünsche entrückte.
»Folgen wir ihnen!« schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im Ritz
verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten die Galerie, in welcher der Tee
genommen wird, der -- wie allerorts in Paris -- zu wünschen übrig läßt; sie
glich um diese Stunde einem Turnierplatz geschmackvollster und zugleich
kühnster Hüte. Man sah die diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten
Teints. Allein weit entfernt, frivol zu sein, war für mein Empfinden der
äußere Eindruck dieser hergerichteten Pariserinnen der eines sehr strengen,
sehr erstrebenswerten Formensinns. Übrigens waren sie nicht in der Mehrzahl
vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier durcheinander. Auch
unenthusiastische Jünglinge mit fallenden Schultern hatten sich eingefunden
und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem den amerikanischen
Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender Gewöhnlichkeit.
Ich hatte die Eckplätze links am Eingang gewählt, die zugleich einen
Ausblick auf die Treppe gewährten, denn die Menschen, die dort
vorüberkamen, waren als Millionärtypen vielleicht noch charakteristischer.
Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und
einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchioness von
A*, eine sehr schön gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem
Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Türe
stand, sah mit theatralischer Unverschämtheit um sich her und verschwand.
In unserer Nähe ließ eine Österreicherin, die Frau eines durchreisenden
Diplomaten, immer lauter ihren wienerisch-französischen Jargon vernehmen.
Sicher fiel diese Frau ihrem Manne durch zu große politische Wißbegierde
niemals lästig, vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige
einer Diplomatenstellung, wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern (wie
Bismarck ihn verhöhnte) noch gänzlich erfüllt. Weder jung noch schön, aber
von ansehnlicher Größe, mit ihren konventionellen Zügen, ihrer kunstvollen
Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der Genius des »High
Life«. Mit groben aber wohlgepflegten Händen schwang sie unaufhörlich ein
Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn auch die Welt in Zeit und Raum
sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas, das für sie nur die Welt des
Salons auffing und spiegelte.
»Rom ist deliciös,« hörten wir sie sagen -- »c'est autre chose que la
Suède! Ganz die große Welt! In der Saison komme ich einfach nicht zu Atem;
die Unmasse von Engagements, déjeuners, dîners und die vielen jours . . .«
sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr nicht.
Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der »großen Welt« erblickt,
der auf sie lossteuerte: »Sie hier, cher Comte?«
Es war alles so ergötzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander
lächelnd an: »Ihre zwei Göttergestalten scheinen sich in die oberen
Stockwerke verloren zu haben,« bemerkte er. Indes kam die Marchioness von
A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer reizvollen,
melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich schönen
Mädchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und gebieterischem
Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anlangte, gehörte er zweifellos
zu den Gebietenden dieser Erde. Sein großes weißes Gesicht trug zugleich
den Stempel der Oberflächlichkeit und einer gewissen Leidenschaft. Aus
seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa eine sehr
machtvolle oder reiche Persönlichkeit, aber deren ungehemmte und machtvolle
Entfaltung.
Plötzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch
eben eine Tasse eingeschenkt hatte, schob ich mit Widerwillen von mir.
Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewußtsein gänzlich entfallen,
war ich mir plötzlich meiner selbst aufs heftigste bewußt. Keine Paläste
mit unschätzbaren Tapisserien und Bildern, keine Reichtümer und keinerlei
Macht war mein eigen! Über das blaue Meer hin, nach Indien oder
Griechenland, wo gerade die Erde am schönsten blühte, unter Menschen, deren
Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte
der Mann dort herrschend seinen Fuß. »Kein Ersatz,« dachte ich, »ist dem
Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere
verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verhaßter, tödlicher Entsagung von sich
schleudern!«
Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und
vornehm ragte die Säule von Vendôme, aber nicht länger zog es mich hin zu
den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.
»Ich begreife Sie nicht,« sagte der Pariser Freund, »ist es denn möglich,
daß Ihnen solche Leute imponieren?!«
»Ich nehme sie ja nicht persönlich,« sagte ich. »Aber wenn ein kunstvoller
Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte
Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeinträchtigen können.
Und weil sich um die gewöhnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen
ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu
verkennen. Das Leben ist zu schön geworden.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von
feindlichen Kugeln umsaust, die Rue de Rivoli an der Mündung der Rue
Castiglione zu überschreiten.
Nach dem Gewoge der Straßen schienen die Tuilerien so weit und still.
Alles lag in jenem entzückend feinen, mattsilbernen Ton der zärtlichen
Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den
kahlen Bäumen ihre Düsterkeit nimmt. In kalter Grazie dem grauen Louvre
zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.
Mit Statuen aber geht es uns häufig wie mit der Musik: was im Museum wohl
zurückstände, im Konzertsaal uns kritisch ließe, kann unter freiem Himmel
hinreißen und rühren. Unwillkürlich waren wir stehen geblieben.
»Wie der menschliche Körper durch die griechische Kunst, so hat sich
seitdem das menschliche Leben selbst zu einem Ideal gestaltet.«
»Zum mindesten ein vorgreifender Glaube«, meinte er.
»Wie jeder Glaube«.