Im Laufe jenes selben Herbstes fuhr ich mit einem Politiker von Vendôme
nach Paris. Schlösser und Hütten, Riesenwälder, lichte Pappelgruppen an
langweiligen kleinen Flüssen waren an uns vorüber geflogen, und ich dachte
zurück an den verflossenen Abend, an eine Fahrt nach einem wundervollen
mittelalterlichen Schloß, und an ein vollendetes, und wenn ich so sagen
darf: erhebendes Diner, denn Götter hätten hier tafeln können, ohne sich zu
schämen.
Nur die Konversation war nicht auf der entsprechenden Höhe gewesen. Die
üblichen Gespräche in der Provinz: die Jagd, das Automobil und die
religiösen Zustände waren ergiebig und einmütig verhandelt worden; von dem
damals eben erfolgten Besuch des italienischen Königspaares in Paris
gelangten dafür nur einzelne Verstöße beim Empfang in Versailles zu
ausführlicher und höhnischer Erörterung, und der Rest war Schweigen. Nun
hatte ich Paris während der Festlichkeiten gesehen, und nach meinem
Empfinden nahm es sich gerade in diesen Tagen, in der verhältnismäßig etwas
naiven Schmückung der Häuser und Straßen, am wenigsten zu seinen Gunsten
aus. Was sollen auch Fähnchen und provinziale Jubeltransparente auf einer
Place Vendôme viel ausrichten? Vollends am Gala-Abend, im Lichtmeer der
erleuchteten Kugel-Girlanden und Triumphbögen schien es, als zöge sich für
den Abend das stolze Paris hinter ein riesengroßes funkelndes
Kasperltheater zurück.
Ich erzählte meinem Tischnachbarn, daß ich der Einfahrt des Königs von
einem Hause der Champs Elysées aus zugesehen und mich über die
verhältnismäßige Stille in der Avenue gewundert hatte. Er belehrte mich
jedoch: das Demonstrative läge nicht in der Natur des Franzosen. Ein Zufall
hatte aber gewollt, daß mir noch an jenem selben Abend das Paris der
Revolution auf das grellste und lebhafteste veranschaulicht wurde.
Einige Stunden nach dem Einzug war ich durch eine jener schmalen Gassen
gegangen, die das Elysée umgrenzen, und ich dachte für den Augenblick nicht
an die Anwesenheit des italienischen Königspaares, als ich auf die
peinlichste Weise daran erinnert wurde. Von einem Strom von Menschen
plötzlich fortgerissen und umringt, gab es für mich kein Vorwärts noch
Zurück. In der Angst zu fallen und von dem schrecklichen Dunst bedrängt,
sah ich ratlos umher und erblickte da zu meiner Verwunderung und Freude in
nächster Nähe, friedlich an einen Baum gelehnt -- einen unbesetzten Stuhl.
Rasch daraufspringend und so dem Haufen einigermaßen entzogen, wollte ich
hier ruhig warten, bis er sich zerstieb.
Wer die Franzosen nicht für demonstrativ hielt, der wurde nämlich hier
eines anderen belehrt. Weder nach rechts noch nach links sehend, schrien
sie da gerade hinaus, halb betäubt, halb wie die Wilden, nach der Königin.
»Kommen sie bald?« fragte ich beklommen einen wenig anziehenden beschürzten
Vertreter des stärkeren Geschlechts. -- »Sie sind schon vorüber«, gab er
mir zur Antwort.
Dies erklärte nun zwar den disponiblen Stuhl. Warum aber beharrte diese
Menge nach wie vor an der Stelle, belagerte alle Ausgänge und schrie mit
heiserer Stimme: »La reine! nous voulons voir la reine!« Und von meinem
erhöhten Posten auf sie herabsehend, erkannte ich sie genau wieder als
jenes selbe kopfscheue, schnell überschäumende Volk, das unfähig sich zu
besinnen, die Köpfe so mancher harmloser, zur Unzeit geborener Opfer zu
höllischen Bildsäulen erhob und in diesen Straßen wütete, erkannte den
furchtbarsten Pöbel innerhalb der kultiviertesten und feinsten Nation.
Allein ich hütete mich wohl (aus Widerspruchsgeist), bei jenem Diner
irgendwelche zustimmende Kommentare zu liefern: sie hätten allzu bereiten
Erfolg gehabt. Denn an die hundertjährigen Hecken, die das Dornröschen von
der Außenwelt trennten, sah man sich in diesen Schlössern gemahnt. Man muß
sie gesehen haben, Frankreichs politische Mumien! Eine Dame äußerte sich,
es sei unbedingt heroisch vom König von Italien, ein so heruntergekommenes
Land wie Frankreich offiziell zu betreten, und fragte mich über den Tisch
herüber, ob wir im Ausland gegenwärtig die Franzosen nicht sehr von oben
herab behandelten?
»Unsere große Majorität ist doch nun einmal republikanisch!« sagte da einer
der Gäste.
»Die ganze erste Gesellschaft Frankreichs würden Sie anderer Meinung
finden,« gab ihm die Dame zur Antwort.
»Ach,« sagte er »es gibt nur erste Menschen und sie können nicht
aristokratisch genug, sie können nicht demokratisch genug sein. England hat
diese Wahrheit auch für seine Gesellschaft praktisch zu verwerten gewußt.
Worin beruht die Macht und Würde des englischen Adels, wenn nicht in seiner
demokratischen Affiliation, und woran ging unser Königstum zugrunde, wenn
nicht an seinem Mangel jeder demokratischen Basis?«
»Es gibt noch Leute, mein Herr,« unterbrach ihn ein vergrämter, früh
verabschiedeter einstiger Diplomat, »welche in der französischen Revolution
den unglücklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen.«
»Doch nur,« rief er, »weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken
nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute unheilvoll tränkte!
Denn während aus jenen Gedanken über das ganze zivilisierte Europa ein
belebender Zug strömte, weilen in seiner Heimat, an seiner Quelle selbst,
unversöhnt, unüberzeugt, die Sühnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch
veränderter Gesichtspunkte halten sie zürnend von ihren Nachkommen ab, und
nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das Königtum, wie es sich
seitdem verjüngte, sondern ein altes verstaubtes, ewig überwundenes
Königtum, möchten sie in vergoldeten Kutschen einholen und begrüßen.«
Einen Augenblick war es still, wie in einem verzauberten Schloß.
»Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!«
sagte der Hausherr, der die Place de la Concorde nie anders als Place Louis
XV nannte.
»Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben. Bedenken Sie,
daß es bei uns zum guten Ton gehört, sich für Politik nicht zu
interessieren! Indes selbst die Herrscherhäuser anderer Länder ein so
weitgehendes Verständnis für die großen Strömungen an den Tag legten,
welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die erste Gesellschaft
Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent hoch einschätze,
erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade verantwortlich für
Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren bitterster Ankläger sie
sich erhebt. Denn ihre Geschichte, -- und er deutete auf die Wände, von
welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder Lockenperücken hernieder
sahen -- ist nicht mehr wie bisher die ihres Landes.« --
* * * * *
Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichmäßig gleitenden
Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit erhöht. Draußen
lag schon Blässe über das Land gebreitet und blässer noch, im langen,
regelmäßigen Viereck, schimmerte da, wie entschlafen, ein künstlicher
Teich, und weiter zurück, fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit
den majestätischen Senkungen seiner Terrassen.
»An was denken Sie?« fragte mich da plötzlich mein Reisegefährte.
»Wie soll ich das der Reihe nach sagen?« erwiderte ich. »Gedanken können
sehr wohl in Schwärmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen.«
»Aber eine Taube in der Hand,« sagte er, »ist besser, als viele auf dem
Dache.«
»Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien und geriet dabei vom
Hundertsten ins Tausendste. Alle Äußerungen, welche die Geistesart, den
Charakter einer Nation am geschlossensten kundgeben, reizen und fesseln
mich, denn unwillkürlich beziehe ich auf Deutschland, was immer im Ausland
mein Interesse erregt. Allein ich staune, wie mächtig innerhalb eines
kleinen Gebietes der Nationalgeist benachbarte, verwandte Völker
auseinanderhält, wie verschieden er sie bildete, und daß in einer Welt, die
überall so gleich, unter Menschen, die sich überall so ähnlich sind, hier
der Schwerpunkt aller Verschiedenheiten liegt.«
»Wußten Sie das nicht?« sagte er.
»Ich zweifle, daß wir es alle zur Genüge wissen. Denn diese
Verschiedenheiten sind gegenwärtig so weit gediehen, daß drei
hervorragendste europäische Nationen, die Deutschen, Franzosen und
Engländer, die einander am vollkommensten ergänzen, tatsächlich außerstand
gesetzt sind, einander in ihrer Wesenheit wirklich zu durchdringen und
psychologisch unüberbrückbar fern einander gegenüberstehen. Wir leugnen zum
Beispiel gar nicht, daß es eine bêtise allemande gibt. Inzwischen wurde ich
auch mit der fine fleur der Ihrigen bekannt. Aber Sie glauben nicht, wie
weltverschieden die beiden voneinander sind! Wieviel unbestimmter, breiter,
verschwommener die unsere, wieviel greifbarer, logischer durchgeführt, ich
möchte sagen, >abgeschliffener< die Ihre ist, welches Talent sie hat, sich
zu veräußern. Die beiden bêtises erkennen sich nicht wieder.«
»Daraus folgt nicht, daß sich die Klugen nicht verständigen könnten.«
»Aber auch da ist mir eines zumeist aufgefallen: die Schwierigkeit für den
Ausländer, sich in seiner Beurteilung der Franzosen zurechtzufinden, beruht
darin, daß er den französischen Geist von der französischen Kultur nicht
genügend unterscheidet. Es fiel mir auf, wie sehr der Formensinn in allen
seinen Äußerungen in Kleidung, Möbeln und Gewerbe, auf allen Gebieten des
äußeren Lebens bis hinauf zu den bildenden Künsten in Frankreich seine
eigentliche Heimat hat. Der sichere Instinkt des Schönen ist da von einer
Ära zur anderen Ihr Monopol. Angesichts gewisser Gärten, Lauben und
Fassaden, gewisser Plätze in Paris, war ich von Bewunderung für die
Franzosen hingerissen und verehrte in ihnen die Lehrer der Welt. Aber trotz
jenes großen Stilgefühls, das bei ihnen den Geschmack zur Kunst erhob,
trotz jener Gründlichkeit und Vollendung, jenes strengen Maßes, das ihre
Leistungen krönt, ist es nicht seltsam, daß auf rein ideellem Gebiete,
gerade in ihrem Lande das Extreme und Maßlose sich freier als anderswo
entfalten durfte, während in dem rauhen und vielspältigen Deutschland ein
Mann wie Goethe dessen Geistesleben adelte?«
»Werden Sie mir später auch einige Kritiken gestatten?« begann da mein
Reisegefährte. »Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig
mit unseren Extremen?«
»Ah«, sagte ich, »Frankreich ist doch wie ein Blumengarten, mit Schlössern
und Gütern besät. Unlängst sah ich ein Schloß, in dem die Schlafzimmer
genau aussahen wie Zellen. Das einzige, was den strengen Eindruck etwas
milderte, waren Büchergestelle, die den Wänden entlang liefen, aber wohin
man auch sah, waren es ausschließlich Gebet- und Erbauungsbücher. Ich
lernte dort eine Verwandte Mussets kennen, die mir versicherte, einer
solchen Verwandtschaft könne sie sich nur von ganzem Herzen schämen.
Flaubert zu lesen hatte ihr Gatte ihr zeitlebens untersagt; es hätte jedoch
seines Verbotes nicht bedurft, da sie gottlob den Schmutz nicht liebe.«
»Aber solche Leute,« rief er, »gibt es doch überall!«
»Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich hörte in Frankreich
Sonntagspredigten, die bei uns nicht möglich wären. Eine junge und reizende
laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von den
Volksschullehrern würden sie unterwiesen, nicht darauf achtzugeben, was
ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male der
Gemeinde die Autoritäten des Landes in den fürchterlichsten Farben.
Tatsächlich habe ich nichts betrüblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige
Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafür traf ich
unter den begüterten Familien nicht einen Knaben, dessen Erziehung unter
einer anderen Obhut als der eines Abbés stand. Auch diese Sitte wäre uns zu
extrem. Aber ich fürchte, derartige Auslassungen sind nicht der Brauch. Man
sagt sich von einem Lande zum anderen in den Zeitungen unangenehme Dinge,
zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu kommen.«
»Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzügen und den französischen
Mängeln beschäftigt.«
»Nein,« rief ich, »denn nichts regt ja unseren Eifer so sehr an, wie unsere
Anerkennung für die Vorzüge einer anderen, sei es einer fremden oder
verwandten Nation! Solche Empfindungen erregen in mir der Formensinn, die
Regsamkeit, welche Paris inmitten so gefahrvoller Geschicke stets auf
seiner Höhe zu erhalten wußte. Und mit ebensolchen Empfindungen bewundere
ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich verlierenden Überblick,
das Erziehungssystem, die Ästhetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur
glücklichsten und schönsten Nation der Welt geworden ist.«
»Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie!« rief er. »Die Vorzüge der
Franzosen und Engländer sind den Deutschen entzogen, weil sie eben Deutsche
sind!«
»Zu welchem Reichtum gerade ihr Wesen sich entfalten kann, dafür bürgen
ihre großen Männer.«
»Immer diese großen Männer!« sagte er. »Sie sind noch lange nicht die
Nation. Und Sie vergessen, daß noch keine von ihren eigenen großen
Individuen so unumwundene Aussprüche des Tadels erfuhr, wie die deutsche.«
»Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Fülle ihrer
Anlagen erkannte.«
»Aber was nützt es?« sagte er. »Die Deutschen bearbeiten meist nur eine
Geisteskraft. Es ist ihr Lichtenberg, der ihnen dies vorwirft. Was nützt
es, daß sie denken? Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene
Kultur bleiben sie der Kritik fremder Nationen ausgesetzt.«
»Ein glücklicheres Ebenmaß könnte diese Kritiker über schwerer zu
beseitigende Mängel hinwegtäuschen. Die Deutschen sind noch im Werden. Das
ist auch etwas Schönes.«
»Wir sind alle im Werden!« rief er. »Aber warum unterschätzen Sie die
Großzügigkeit, die ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?«
»In Deutschland,« sagte ich, »machen sich die klugen Leute nichts aus der
Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben.«
»Hier arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur nicht
einsamer als andere. Aber sie wollen _herrschen_! Die Berechtigung ihres
Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit größerem Maße zu;
hierin sind ja die Deutschen viel demokratischer als wir; und dies ist der
Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse fehlt,
das ihrem geistigen Niveau entspräche. Dazu kommt, daß bei ihnen der
Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der >Bereisten< ein so
geringer ist. Man kann ja,« fuhr er fort, »den Kosmopolitismus zu weit
treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung für ihn: eine wahre und
vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschluß und
verleiht unter anderem den Überblick und die Menschenkenntnis der
eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Vermögenden wie
die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und
nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben
Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafés chantants und
wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen.«
»Und Sie sind der Mann, der mir meinen utopischen Eifer vorwarf, als ich
sagte, beide Völker hätten soviel von einander zu lernen. Wer denkt nun
logischer von uns beiden?«
»Sie vergessen nur zu leicht, daß es auch politische Gesichtspunkte gibt.«
»Was andere besser verstehen, überlasse ich ihnen lieber ganz und gar und
finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir mehr
Übersicht gewähren kann, zu betrachten. Von einander getrennt stellen sich
mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch die
hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich bin
für psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht in
hundert Jahren recht haben sollte.«
Langsam rollte jetzt der Zug in die große Halle der Gare St. Lazare.
1905 Wiener Zeit.