,,Na, ist das denn _keine_ Arbeit?"
Tom betrachtete seine Malerei und sagte nachlässig: ,,Na, vielleicht _ist_
das Arbeit, oder es ist _keine_ Arbeit, jedenfalls macht es Tom Sawyer
Spaß."
,,Na, na, du willst doch nicht wirklich sagen, daß dir das da Spaß macht!?"
Der Pinsel strich und strich.
,,Spaß? Warum soll's denn _kein_ Spaß sein? Kannst _du_ vielleicht jeden
Tag einen Zaun anstreichen?"
Ben erschien die Sache plötzlich in anderem Lichte. Er hörte auf, an seinem
Apfel zu knuppern. Tom fuhr mit seinem Pinsel bedächtig hin und her, hin
und her, hielt an, um sich von der Wirkung zu überzeugen, half hier und da
ein bißchen nach, prüfte wieder, während Ben immer aufmerksamer wurde,
immer interessierter. Plötzlich sagte er: ,,Du, Tom, laß mich ein bißchen
streichen!"
Tom überlegte, war nahe daran, einzuwilligen, aber er besann sich: ,,Ne,
ne. Ich würde es herzlich gern tun, Ben. Aber -- Tante Polly gibt so viel
gerade auf diesen Zaun, gerade an der Straße -- weißt du. Aber wenn es der
_schwarze_ Zaun wäre, wär's _mir_ recht und _ihr_ wär's auch recht. Ja, sie
gibt schrecklich viel auf diesen Zaun, deshalb muß ich das da _sehr_
sorgfältig machen! Ich glaube von tausend, was -- zweitausend Jungen ist
vielleicht nicht einer, der's ihr recht machen kann, wie sie's haben will."
,,Na -- wirklich? -- Du -- gib her, nur mal versuchen, nur ein klein --
bißchen versuchen. Ich würde dich lassen, wenn's _meine_ Arbeit wäre, Tom."
,,Ben, ich würd's wahr -- haf -- tig gern tun; aber Tante Polly -- weißt
du, Jim wollt's auch schon tun, aber sie ließ ihn nicht. Sid wollte es tun,
aber sie ließ es ihn auch nicht tun! Na, siehst du wohl, daß es nicht geht?
Wenn du den Zaun anstrichest und es _passierte_ was, Ben --"
,,O, Unsinn! Ich will's so vorsichtig machen! Nur mal versuchen! Wenn ich
dir den Rest von meinem Apfel geb'?"
,,Na, dann -- ne, Ben, tu's nicht, ich hab' _solche_ Angst --!"
,,Ich geb' dir den ganzen Apfel!"
Tom gab mit betrübter Miene den Pinsel ab -- innerlich frohlockend. Und
während der Dampfer ,,Big Missouri" in der Sonnenhitze arbeitete und
schwitzte, saß der Künstler, ausruhend, auf einem Baumstumpf im Schatten
des Zaunes, schlug die Beine übereinander, verzehrte seinen Apfel und
grübelte, wie er noch mehr Unschuldige zu seinem Ersatz anlocken könne.
Opfer genug waren vorhanden. Jeden Augenblick schlenderten Knaben vorbei.
Sie kamen, um ihn zu verhöhnen und blieben, um zu streichen. Nach einiger
Zeit war Ben müde geworden, Tom hatte als Nächsten Billy Fisher ins Auge
gefaßt, der ihm eine tote Ratte und eine Schnur, um die Ratte daran durch
die Luft fliegen zu lassen, anbot; und von Johnny Miller bekam er eine gut
erhaltene Sackpfeife, und so immer weiter -- stundenlang. Und als der
Nachmittag halb vergangen war, war aus dem armen, verlassenen Tom vom
Morgen ein buchstäblich in Reichtum schwimmender Tom geworden. Er besaß
außer den angeführten Sachen zwölf Murmel, ein Stück eines Brummeisens, ein
Stück blau gefärbtes Glas zum Durchschauen, eine Spielkanone, ein Messer,
das gewiß nie jemand Schaden getan hatte oder jemals tun konnte, ein
bißchen Kreide, einen Glasstöpsel, einen Zinnsoldaten, den Kopf eines
Frosches, sechs Feuerschwärmer, ein Kaninchen mit einem Auge, einen
messingnen Türgriff, ein Hundehalsband (aber keinen Hund), den Griff eines
Messers, vier Orangeschalen und einen kaputten Fensterrahmen. Er hatte
einen sorglosen, bequemen, lustigen Tag gehabt, eine Menge Gesellschafter
-- und der Zaun hatte eine dreifache Lage Farbe bekommen! Wäre nicht der
Zaun jetzt fertig gewesen -- Tom hätte noch alle Jungens des Dorfes
bankerott gemacht.
Tom dachte bei sich, die Welt wäre schließlich doch wohl nicht so buckelig.
Er war, ohne es selbst recht zu wissen, hinter ein wichtiges Gesetz
menschlicher Tätigkeit gekommen, _das_ nämlich, daß, um jemand, groß oder
klein, nach etwas lüstern zu machen, es nur nötig ist, dieses Etwas schwer
erreichbar zu machen. Wäre er ein großer und weiser Philosoph gewesen,
gleich dem Verfasser dieses Buches, er würde jetzt begriffen haben, daß,
was jemand tun _muß_, Arbeit, was man _freiwillig_ tut, dagegen Vergnügen
heißt. Er würde ferner verstanden haben, daß künstliche Blumen machen oder
in der Tretmühle ziehen, ,,Arbeit" ist, Kegelschieben aber oder den Mont
Blanc besteigen, ,,Vergnügen".
Es gibt reiche Engländer, die einen Viererzug zwanzig bis dreißig Meilen in
einem Tage laufen lassen, weil dieser Spaß sie einen Haufen Geld kostet;
würden sie aber dafür bezahlt werden, so würden sie es als ,,Arbeit"
ansehen und darauf verzichten.
Drittes Kapitel.
Tom präsentierte sich Tante Polly, welche in einem gemütlichen, zugleich
als Schlaf-, Frühstücks- und Speisezimmer dienenden Raum am offenen Fenster
saß und fleißig mit Handarbeit beschäftigt gewesen war. Die balsamische
Sommerluft, die vollkommene Ruhe, Blumenduft und Summen der Bienen, alles
hatte seine Wirkung geübt -- sie war über ihrer Beschäftigung eingenickt.
Sie hatte nur die Katze zur Gesellschaft gehabt, und _die_ schlief in ihrem
Korbe. Die Brille hatte sie (Tante Polly) zur Vorsicht auf ihren grauen
Kopf weiter hinaufgeschoben. Sie mochte geglaubt haben, Tom sei längst
wieder flüchtig geworden und wunderte sich nun, ihn ungeniert neben sich
sitzen zu sehen.
,,Darf ich jetzt spielen gehen, Tante?" fragte Tom unschuldig.
,,Was, schon wieder? Was hast du denn heut getan?"
,,Alles fertig, Tante!"
,,Tom, lüg' nicht! Ich glaub's nicht!"
,,Ich lüge aber nicht, Tante. Es ist alles fertig."
Tante Polly setzte kein besonderes Vertrauen in seine Beteuerungen. Sie
ging hinaus, um selbst zu sehen, und sie wäre zufrieden gewesen, hätte sie
zwanzig Prozent von Toms Worten wahr gefunden; als sie sah, daß wirklich
der ganze Zaun gestrichen und nicht nur leicht gestrichen, sondern
gründlich und mehrfach mit Farbe bedeckt, und noch ein Stück Boden
obendrein eine Farbschicht abbekommen hatte, war ihr Erstaunen
unaussprechlich. Sie sagte: ,,Na, das hätt' ich nicht für möglich gehalten!
Ich sehe, Tom, du _kannst_ arbeiten, wenn du willst." Und dann dämpfte sie
das Kompliment, indem sie hinzufügte: ,,Aber es ist mächtig selten, _daß_
du willst -- leider. 's ist gut, geh' jetzt und spiel. Schau aber, daß du
in einer Woche spätestens wieder hier bist, oder ich hau' dich -- --"
Sie war so überrascht durch den Glanz seiner Heldentat, daß sie ihn in die
Speisekammer zog und einen auserwählten Apfel hervorsuchte und ihn ihm gab
-- mit dem salbungsvollen Hinweis darauf, wie getane Arbeit jeden Genuß
erhöhe und veredele -- wenn sie fleißig, ehrlich und ohne Kniffe und
Betrügerei getan werde. Und während sie mit einer passenden Bibelstelle
schloß, hatte er ein Stück Kuchen stibitzt. Dann hüpfte er davon und sah
Sid gerade die Außentreppe hinaufklettern, die auf einen Hinterraum im
zweiten Boden führte. Erdklumpen waren genug vorhanden, und im nächsten
Moment sausten eine ganze Menge durch die Luft. Sie fielen wie ein
Hagelwetter um Sid herum nieder. Und bevor Tante Polly ihre überraschten
Lebensgeister sammeln konnte und zu Hilfe eilen, hatten sechs oder sieben
Geschosse ihr Ziel erreicht, und Tom war über den Zaun und davon. Es war
zwar eine Tür in demselben, aber wie man sich denken kann, hatte Tom es
viel zu eilig, um da durchzugehen. Er fühlte sich erleichtert, nun er sich
mit Sid wegen dessen Verrates auseinandergesetzt und ihm eine tüchtige
Lektion gegeben hatte.
Tom umging einen Häuserblock und gelangte in eine schlammige Allee, die zu
Tante Pollys Kuhstall führte. Tom machte sich schleunigst aus dem Gebiet,
wo Gefangenschaft und Strafe drohten und strebte dem öffentlichen
Spielplatz des Dorfes zu, wo sich zwei feindliche Truppen von Knaben
Rendezvous geben sollten -- nach vorhergegangener Verabredung. Tom war der
Anführer der einen, sein Busenfreund Joe Harper kommandierte die andere.
Diese beiden großen Generale ließen sich nicht herab, selbst zu kämpfen --
das schickt sich für den großen Haufen -- sondern saßen zusammen auf einem
Hügel und leiteten die Operationen durch Befehle an die Unterführer. Toms
Armee gewann einen großen Sieg -- nach einer langen, hartnäckigen Schlacht.
Dann wurden die Toten beerdigt, die Gefangenen ausgetauscht, die
Bestimmungen für das nächste Zusammentreffen getroffen und der Tag dafür
festgesetzt, worauf sich die Armeen in Kolonnen formierten und
zurückmarschierten -- Tom marschierte allein nach Haus.
Als er an dem Hause des Jeff Thatcher vorbeikam, sah er im Garten ein
unbekanntes Mädchen, ein liebliches, kleines, blauäugiges Geschöpf mit
hellem, in zwei Zöpfen gebundenem Haar, weißem Sommerkleid und gestickten
Höschen. Der ruhmreiche Held fiel, ohne einen Schuß getan zu haben. Eine
gewisse Amy Lawrence war mit einem Schlage aus seinem Herzen verstoßen und
ließ nicht einmal eine Erinnerung darin zurück. Er hatte sie bis zum
Wahnsinn zu lieben geglaubt; seine Liebe war ihm als Anbetung erschienen;
und nun zeigte es sich, daß es nur eine schwache, unbeständige Neigung
gewesen sei. Er hatte durch Monate um sie geseufzt, sie hatte seine Liebe
vor kaum einer Woche erst mit ihrer Gegenliebe belohnt; er war vor kurzen
sieben Tagen noch der glücklichste und stolzeste Bursche der Welt gewesen,
und jetzt, in einem Augenblick war sie gleich irgend einer beliebigen
Fremden, der man flüchtig begegnet ist, aus seinem Herzen verschwunden.
Er betrachtete diesen neuen Engel mit glänzenden Augen, bis er merkte, daß
sie ihn entdeckt habe. Dann stellte er sich, als wisse er gar nichts von
ihrer Anwesenheit, und begann dann, nach rechter Jungensmanier, sich zu
spreizen, um ihre Bewunderung zu erregen. Diese Torheiten trieb er eine
Weile, schielte dann hinüber und sah, daß das kleine Mädchen sich dem Hause
zugewandt hatte. Tom kletterte auf den Zaun und balancierte oben herum,
machte ein trübseliges Gesicht und hoffte, sie werde sich dadurch zu
längerem Verweilen bewegen lassen. Sie blieb auch einen Augenblick stehen,
dann ging sie weiter der Tür zu. Tom stieß einen tiefen Seufzer aus, als
sie die Türschwelle betrat, aber seine Mienen hellten sich auf, leuchteten
vor Vergnügen, denn sie hatte in dem Moment, ehe sie verschwand, ein
Stiefmütterchen über den Zaun geworfen. Tom rannte herzu und blieb dicht
vor der Blume stehen, beschattete seine Augen und schaute die Straße
hinunter, als hätte er dort etwas von größtem Interesse entdeckt. Dann nahm
er einen Strohhalm auf und begann ihn auf der Nase zu balancieren, indem er
den Kopf zurückwarf. So sich rechts und links drehend, kam er der Blume
immer näher. Schließlich ruhte sein bloßer Fuß darauf, seine Zehen nahmen
sie auf, und er hüpfte mit seinem Schatz davon und verschwand um die
nächste Ecke. Aber nur für eine Minute -- bis er die Blume unter seiner
Jacke versteckt hatte, auf seinem Herzen oder auch auf dem Bauche, denn er
war in der Anatomie nicht sehr bewandert und durchaus nicht kritisch. Dann
kehrte er zurück, lungerte auf seinem Zaun herum und ließ seine Augen nach
ihr herumspazieren, bis die Nacht anbrach; aber die Kleine ließ sich nicht
wieder sehen. Tom tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie hinter irgend
einem Fenster gestanden und von seinen Aufmerksamkeiten Notiz genommen
habe. Endlich ging er nach Hause, den Kopf voll angenehmer Vorstellungen.
Während des ganzen Abendessens war er so geistesabwesend, daß sich seine
Tante wunderte, was in ihn gefahren sein könne. Er bekam wegen seiner
Beschießung Sids Schelte und schien sich weiter gar nichts daraus zu
machen.
Er versuchte, seiner Tante vor der Nase Zucker zu stehlen und bekam was auf
die Finger. Er sagte: ,,Tante, du schlägst Sid nie, wenn er so was macht!"
,,Na, Sid treibt's auch nicht so arg wie du. _Du_ würdest den ganzen Tag im
Zucker sein, wenn ich nicht aufpaßte."
Gleich darauf ging sie in die Küche, und Sid, auf seine Unverletzlichkeit
pochend, griff nach der Zuckerdose, mit einer Selbstüberhebung gegen Tom,
die diesem unerträglich dünkte. Aber Sids Finger glitten aus, und die
Zuckerdose fiel auf den Boden und zerbrach. Tom war außer sich vor
Vergnügen, _so_ außer sich, daß er sogar seine Zunge im Zaume hielt und
verstummte. Er nahm sich vor, kein Wort zu sagen, auch nicht, wenn seine
Tante wieder hereinkomme -- solange, bis sie frage, wer dieses Verbrechen
begangen habe. Dann wollte er es sagen, und niemand auf der Welt würde so
glücklich sein wie _er_, wenn dieser Musterknabe auch einmal was auf die
Pfoten bekam. Er war so voll Erwartung, daß er sich kaum zurückhalten
konnte, als die alte Dame dann kam und vor den Scherben stand und
Zornesblitze über den Rand ihrer Brille schleuderte. Er sagte zu sich:
Jetzt kommt's! Und im nächsten Augenblick zappelte er auf dem Fußboden!
Eine drohende Hand schwebte über ihm, um ihn nochmals zu treffen; Tom
brüllte: ,,Halt, halt, warum prügelst du _mich_? Sid hat sie zerbrochen!"
Tante Polly hielt erschrocken inne, und Tom sah sofort, daß sich das
Mitleid bei ihr zu regen begann. Aber sie sagte nur: ,,Auf! Ich denke, bei
dir schadet kein Schlag. Du hast manches auf dem Kerbholz, wofür du keine
Prügel bekommen hast."
Dann aber empfand sie doch Reue und hätte gerne etwas Liebevolles,
Versöhnendes gesagt. Aber sie dachte, das könne als Zugeständnis ihres
Unrechts gelten, und dadurch würde die Disziplin leiden. So schwieg sie und
ging betrübten Herzens ihren Geschäften nach. Tom verkroch sich in einen
Winkel und wühlte in seinen Leiden. Er wußte, daß seine Tante innerlich vor
ihm auf den Knien lag, und er fühlte wilde Genugtuung bei diesem Gedanken.
Er würde sich nichts merken lassen und ,,nicht dergleichen tun." Er wußte,
daß liebevolle Blicke auf ihm ruhten, aber er spielte den Gleichgültigen.
Er stellte sich vor, wie er krank oder tot daliege und seine Tante
händeringend über ihm, um ein verzeihendes Wort bettelnd; aber er würde
sich abwenden und sterben, ohne das Wort zu sagen. Was würde sie dann wohl
empfinden? Dann wieder sah er sich, vom Fluß nach Hause getragen, tot, mit
triefenden Haaren, steifen Gliedern und für immer erstarrtem Herzen. O, wie
würde sie sich über ihn werfen, wie würden ihre Tränen fließen und wie
würde sie zu Gott flehen, ihn ihr wiederzugeben, und sie würde ihn nie, nie
wieder mißhandeln! Aber er würde kalt und blaß daliegen und sich nicht
regen, ein kleiner Märtyrer, dessen Leiden für immer zu Ende sind. So
schraubte er seine Gefühle durch eingebildetes Elend künstlich in die Höhe,
daß er fast daran erstickt wäre -- er war so leicht gerührt! Seine Augen
schwammen in einem trüben Nebel, welcher zu Tränen wurde, sobald er
blinzelte, und herabrann und von der Spitze seiner Nase troff. Und solche
Wollust bereitete ihm sein Kummer, daß er sich nicht um die Welt von irgend
jemand hätte trösten oder aufheitern lassen; er war viel zu zart für eine
solche Berührung mit der Außenwelt. Und als seine Cousine Mary nach einem
eine ganze Woche langen Besuch auf dem Lande lustig und guter Dinge
hereinhüpfte, sprang er auf und schlich in Einsamkeit und Kälte zu _einer_
Tür hinaus, während _sie_ Gesang und Sonnenschein zur _anderen_
hereinbrachte. Er vermied die Orte, an denen sich seine Freunde
herumzutreiben pflegten und suchte vielmehr trostlos-verlassene Gegenden,
die mit seiner Stimmung mehr im Einklang wären.
Ein Holzfloß auf dem Flusse lud ihn ein; er setzte sich ans äußerste Ende
und versenkte sich in die traurige Eintönigkeit um ihn her und wünschte
nichts anderes, als tot und ertrunken zu sein -- aber ohne vorher einen
häßlichen Todeskampf durchmachen zu müssen. Danach zog er seine Blume
hervor. Sie war zerknittert und verwelkt und erhöhte noch das süße Gefühl
der Selbstbemitleidung.
Ob _sie_ Mitleid mit ihm haben würde, wenn sie wüßte? Würde sie weinen und
sich danach sehnen, die Arme um ihn zu schlingen und ihn wieder zu
erwärmen? Oder würde sie sich gleich der übrigen Welt kalt abwenden? Dieses
Bild schien ihm so rührend, daß er es sich immer und immer wieder ausmalte
und ausschmückte, bis er es greifbar vor sich sah. Schließlich stand er
seufzend auf und schlich in die Finsternis hinaus. Um halb zehn oder zehn
Uhr gelangte er in die Straße, in welcher die angebetete Unbekannte wohnte.
Er blieb einen Augenblick stehen; kein Ton traf sein lauschendes Ohr; aus
einem Fenster des zweiten Stockes fiel ein schwacher Lichtschimmer. War
_dieser_ Raum durch ihre Anwesenheit geheiligt? Er erkletterte den Zaun und
bahnte sich seinen eigenen Weg durch das Buschwerk, bis er unter dem
Fenster stand. Lange und aufmerksam spähte er hinauf. Dann legte er sich
auf die Erde nieder, die Hände über der Brust gefaltet und in den Händen
seine arme, verwelkte Blume. Und so wollte er sterben -- draußen, in der
kalten Welt, kein Dach über sich, ohne eine freundliche Hand, die ihm den
Todesschweiß von der Stirn wischen würde, ohne ein mitleidiges Gesicht, das
sich, wenn der Todeskampf kam, über ihn beugen würde -- und würde _sie_
wohl eine Träne weinen über seinen armen toten Leib, würde es ihr weh tun,
ein blühendes, junges Leben so grausam geknickt, so nutzlos vernichtet zu
sehen?
Das Fenster ging auf; eines Dienstmädchens mißtönende Stimme entweihte die
stille Ruhe und ein Strom Wasser überschüttete die Überreste des Märtyrers.
Halb erstickt sprang unser Held auf, prustend und sich schüttelnd. Ein
Wurfgeschoß durchsauste die Luft, ein unterdrückter Fluch, das Klirren
einer zerbrochenen Fensterscheibe -- und eine kleine unbestimmte Gestalt
kroch über den Zaun und verschwand in der Dunkelheit.
Nicht lange danach, als Tom bereits zum Schlafengehen entkleidet, seine
durchnäßten Sachen beim Scheine eines Talglichtes besichtigte, erwachte
Sid. Er wollte seine Glossen dazu machen, hielt es aber doch für besser, zu
schweigen, denn aus Toms Augen schossen Blitze. Tom kroch ins Bett, ohne
sich lange mit Beten aufzuhalten, und Sid merkte sich das gehörig, um
gelegentlich Gebrauch davon zu machen.
Viertes Kapitel.
Die Sonne ging über einer ruhigen Welt auf und schien über das Dorf wie ein
Segensspruch. Nach dem Frühstück hielt Tante Polly Hausandacht. Sie begann
mit einem aus den kräftigsten Bibelstellen bestehenden, mit ein bißchen
eigenen Gedanken verbrämten Gebet. Und von dieser Höhe aus gab sie ein
grimmiges Kapitel des mosaischen Gesetzes zum besten -- wie vom Sinai
herab. Danach gürtete Tom, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, seine Lenden
und machte sich ans Werk, sich seine Bibelverse einzutrichtern. Sid hatte
die natürlich schon am Tage vorher gelernt. Tom brachte es mit Aufbietung
aller Energie auf fünf Verse -- die er aus der Bergpredigt gewählt hatte,
da er keine kürzeren finden konnte.
Nach einer halben Stunde hatte Tom eine unbestimmte, allgemeine Idee von
seiner Lektion. Weiter kam er nicht, denn seine Gedanken spazierten durch
das ganze Gebiet menschlichen Denkens, und seine Finger hatten allerhand
zerstreuende Nebenbeschäftigungen. Schließlich nahm Mary sein Buch, um ihn
zu überhören, und er machte krampfhafte Anstrengungen, um seinen Weg durch
den Nebel zu finden.
,,Selig sind die -- ä -- ä -- ä --"
,,Die da arm sind --"
,,Ja -- arm sind; selig sind, die da arm sind -- ä -- ä -- ä --"
,,Im Geiste --"
,,Im Geiste; selig sind, die da arm sind im Geiste, denn sie -- sie --"
,,Ihrer --"
,,Denn ihrer; selig sind, die da arm sind im Geiste, denn ihrer -- ist das
Himmelsreich!"
,,Selig sind, die da Leid tragen, denn sie -- sie -- ä -- ä --"
,,So -- --"
,,Denn sie s -- o --"
,,S -- o -- l -- l --?"
,,Denn sie soll --. Ach was, ich weiß nichts weiter!"
,,Sollen --"
,,Ach so: sollen! Denn sie sollen -- denn sie sollen -- ä --ä -- sollen
Leid tragen --, denn sie sollen -- ä -- sollen -- was? Warum sagst du mir's
nicht. Mary! Sei doch nicht so eklig!"
,,Ach, Tom, du armer, dickköpfiger Kerl, ich quäl' dich ja nicht. Das fällt
mir gar nicht ein. Du mußt dich halt nochmal dahinter setzen. Nur nicht
mutlos. Tom, du wirst es schon zwingen -- und wenn du's kannst, Tom, geb
ich dir ganz, ganz was Schönes! Na also, sei ein braver Junge!"
,,Meinetwegen. -- Du, Mary, was ist es denn?" ,,Jetzt noch nicht, Tom. Wenn
ich sage, 's ist was Schönes, dann ist's was Schönes!"
,,Da hast du recht, Mary. Na also, ich werd's noch mal tun!"
Und er machte sich nochmal darüber. Und unter dem doppelten Ansporn der
Neugier und der Erwartung des Gewinnes machte er sich mit solcher Vehemenz
darüber, daß er einen schönen Erfolg hatte.
Mary gab ihm ein nagelneues Taschenmesser, zwölf und einen halben Pence
mindestens im Wert; ein Schauer des Entzückens fuhr ihm durch die Glieder.
Es ist wahr, zum Schneiden war das Messer nicht gerade zu brauchen, aber es
war ein echtes ,,Barlow" und von unaussprechlicher Pracht; und wenn unter
den Burschen des ,,Wild-West" die Behauptung aufgestellt worden ist, dieses
Messer trage seine Bezeichnung als ,,Waffe" durchaus zu Unrecht, so ist das
eine kolossale Lüge; so ist's, mögen sie sagen, was sie wollen. Tom
versuchte die Tischkante damit anzuschneiden, und war eben in voller
Tätigkeit, als man ihn abrief, um zur Sonntagsschule Staat zu machen.
Mary gab ihm einen Zinneimer und Seife, und er ging zur Tür hinaus und
setzte den Eimer auf eine kleine Bank; dann tauchte er die Seife ins Wasser
und legte sie daneben; krempelte sich die Ärmel auf, ließ das Wasser
auslaufen, ging in die Küche zurück und begann hinter der Tür sich das
Gesicht mit dem Tuch eifrig abzutrocknen.
Aber Mary entriß ihm das Tuch und sagte: ,,Schämst du dich nicht, Tom? Du
sollst nicht immer so schlecht sein. Ein bißchen Wasser schadet dir
wahrhaftig nicht."
Tom war einen Augenblick in Verwirrung. Der Eimer wurde wieder gefüllt, und
diesmal blieb er eine Weile darüber gebeugt stehen, Mut sammelnd. Ein
tiefer Seufzer -- und los! Als er dann wieder in die Küche zurückkam, beide
Augen geschlossen, und nach dem Tuch griff, tropften Schmutz und Wasser von
seinem Gesicht herunter -- ein ehrenvolles Zeichen seines Mutes. Aber als
er hinter dem Tuche wieder auftauchte, sah er durchaus noch nicht
einwandfrei aus; das reine Gebiet hörte an Mund und Ohren auf. Jenseits
dieser Linie breitete sich eine undurchdringlich schwarze Fläche bis in den
Nacken aus. Mary nahm ihn jetzt in die Mache und als sie mit ihm fertig
war, sah er wie ein tadelloser Gentleman aus, fleckenlos und mit hübschen
Sonntagslocken in gleichmäßiger Verteilung. (Er selbst haßte diese Locken
von Herzen und versuchte, sie auf den Kopf niederzubürsten; denn er hielt
Locken für weibisch, und sie erfüllten sein Leben mit Bitterkeit.) Dann kam
Mary mit einem Anzuge, den er während zweier Jahre nur an Sonntagen
getragen hatte und der allgemein nur als die ,,anderen Kleider" bezeichnet
wurde -- woraus man auf den Stand seiner Garderobe schließen kann. Das
Mädchen schubste ihn noch ein bißchen zurecht, nachdem er sich selbständig
angezogen hatte. Sie verlieh ihm einen gewissen (ganz ungewohnten) Schein
von Zierlichkeit, zog den Hemdkragen herunter, bürstete ihn ab und krönte
ihn mit seinem farbigen Strohhut. So sah er außerordentlich sanftmütig und
behaglich aus. Und er fühlte sich auch so. Sein Widerwillen gegen ganze und
saubere Kleider war unverwüstlich. Er hoffte, Mary werde wenigstens die
Stiefel vergessen, aber diese Hoffnung wurde zunichte. Sie bestrich sie,
wie es sich gehört, mit Talg und brachte sie ihm. Jetzt verlor er die
Geduld und sagte, er solle immer tun, was er nicht möchte. Aber Mary sagte
überredend: ,,Na, komm, Tom, sei ein braver Bursche!" So fuhr er brummend
in seine Stiefel. Mary war bald fertig, und die drei Kinder gingen zur
Sonntagsschule, ein Ort, der Tom gründlich verhaßt war. Aber Sid und Mary
gingen sehr gern hin.
Die Zeit der Sonntagsschule war von neun bis halb zehn Uhr; dann kam der
Gottesdienst. Zwei der Kinder blieben stets mit Vergnügen zur Predigt da,
das dritte blieb auch -- ja, aber aus anderen Gründen. Die hochlehnigen,
schmucken Kirchenstühle konnten über dreihundert Personen fassen; das
Gebäude selbst war klein, vollgestopft -- mit einer Art fichtenem Kasten
als Turm darauf.
An der Tür blieb Tom ein bißchen zurück und hielt einen sonntäglich
gekleideten Kameraden an: ,,Sag, Bill, hast du ein gelbes Billett?"
,,M -- ja!"
,,Was willst du dafür haben?"
,,Was willst du geben?"
,,Ein Stück Zuckerstange und einen Angelhaken."
,,Zeig her."
Tom zeigte seine Tauschobjekte. Sie waren befriedigend, und das Geschäft
wurde gemacht. Dann erhandelte Tom einige blaue und rote Zettel gegen
ähnliche Kleinigkeiten. Er stellte die anderen Jungen, wie sie ihm in den
Weg kamen, und verkaufte, indem er Zettel der verschiedenen Farben dagegen
kaufte. Dann ging er in die Kirche, inmitten eines Schwarmes geputzter,
lärmender Knaben und Mädchen, schlängelte sich auf seinen Platz und fing
mit dem ersten besten Streit an. Der Lehrer, ein würdiger, bejahrter Mann,
trat dazwischen. Dann wandte er sich einen Augenblick um, und Tom riß einen
Knaben in der vorderen Bank an den Haaren und war vertieft in sein Buch,
als der Knabe herumfuhr. Darauf stach er einen anderen mit einer Nadel,
dieser schrie auf, und Tom erhielt abermals einen Verweis. Toms ganze
Klasse war eine Musterklasse -- nach _seinem_ Muster -- unruhig, vorlaut
und lärmend. Als es ans Aufsagen der Lektion ging, wußte nicht ein einziger
seine Verse gründlich, alles stümperte und war unsicher. Indessen -- sie
kamen durch, und jeder erhielt seine Bestätigung in Form eines blauen
Zettels, jeder mit einem Bibelspruch darauf; jeder solcher Zettel galt für
zwei aufgesagte Verse. Zehn blaue Zettel waren gleich einem roten und
konnten gegen einen solchen umgetauscht werden; zehn rote machten einen
gelben aus, und für diesen gab der Superintendent eine sehr einfach
gebundene Bibel (heutzutage gewiß vierzig Cents wert).
Wie viele meiner Leser würden Fleiß und Aufmerksamkeit genug haben, um
zweitausend Verse auswendig zu lernen, und handelte es sich um eine
Doréesche Bibel? Und doch hatte Mary auf diese Weise zwei Bibeln erworben;
es war das Werk zweier Jahre; ein Knabe deutscher Abkunft hatte es gar auf
vier oder fünf gebracht. Einmal hatte er dreitausend Verse hergesagt, ohne
zu stocken. Aber die geistige Anstrengung war zu groß gewesen, und er war
von dem Tage an nicht viel besser als ein Idiot -- ein böses Mißgeschick
für die Schule, denn vor diesem Ereignis hatte der Superintendent bei
besonderen Gelegenheiten den Knaben vortreten und ,,sich blähen" lassen
(wie Tom das nannte). Nur die gesetzteren Schüler gaben sich die Mühe, ihre
Zettel aufzubewahren, und ihr langweiliges Werk solange fortzusetzen, bis
sie Anspruch auf eine Bibel hatten. So war die Erlangung eines solchen
Preises ein seltenes und bemerkenswertes Ereignis; der Sieger war an seinem
Ehrentage eine so große, hervorragende Person, daß heiliger Ehrgeiz die
Brust eines jeden Schülers erfüllte und oft mehrere Wochen anhielt. Es ist
möglich, daß Toms Streben niemals auf einen solchen Preis gerichtet war,
zweifellos aber sehnte sich sein ganzes Sein nach dem Ruhm und Aufsehen,
die ein solches Ereignis mit sich brachten.
Der Geistliche stand jetzt vor der Versammlung, einen geschlossenen Psalter
in der Hand und den vierten Finger zwischen die Blätter geschoben. Er
befahl Ruhe. Wenn nämlich ein Sonntagsschullehrer seine gewohnte kleine
Rede vom Stapel lassen will, ist ein Psalterbuch in seiner Hand so
notwendig, wie die Notenblätter in der Hand eines Sängers, der im Konzert
vom Podium aus ein Solo vortragen soll -- wer weiß, warum? Denn niemals
werden Psalterbuch oder Notenblätter beim Vortrag geöffnet.
Der Superintendent war ein schmächtiger Mann von fünfunddreißig Jahren, mit
sandgelbem Ziegenbart und kurzgeschorenem sandgelbem Haar. Er trug einen
steifen Stehkragen, dessen oberer Rand seine Ohren streifte und dessen
scharfe Ecken bis zu den Mundwinkeln vorsprangen -- eine Planke, die ihn
zwang, den Kopf stets vorzustrecken und den ganzen Körper zu drehen, wenn
er zur Seite blicken wollte. Sein Kinn war in eine riesige Krawatte
gezwängt, die so breit und lang war, wie eine Banknote und spitze Enden
hatte. Mr. Walter war äußerst ernsthaft von Aussehen und sehr gutmütig und
ehrenhaft von Charakter. Und er hielt geistige Dinge und Angelegenheiten so
sehr in Ehren und wußte sie so streng von allem Weltlichen zu trennen, daß
seine Sonntagsschulstimme ihm selbst unbewußt einen gewissen Klang
angenommen hatte, von dem sie an Wochentagen vollkommen frei war.
Er begann also: ,,Nun, Kinder, sitzt einmal so ruhig und gesittet, als es
euch nur immer möglich ist, und paßt einmal ein paar Minuten tüchtig auf,
denn _darauf_ kommt es vor allem an! _Das_ sollten alle braven Knaben und
Mädchen stets tun! Ich sehe ein kleines Mädchen, das zum Fenster
hinausschaut -- ich fürchte, sie bildet sich ein, ich wäre irgendwo
draußen, vielleicht in einem Baum und hielte den Vögeln meine Rede?!
(Unterdrücktes Kichern.) Ich möchte euch sagen, daß es mich glücklich
macht, so viele frische, helle Kindergesichter an diesem Ort versammelt zu
sehen, um zu lernen, recht tun und gut sein."
In diesem Stil ging's immer weiter. Es ist nicht nötig, den Rest der Rede
hierherzusetzen. Sie war ganz nach bekanntem Muster -- wir alle haben sie
mal gehört.
Das letzte Drittel der Rede wurde durch die Wiederaufnahme des Kampfes
zwischen gewissen bösen Buben gestört und durch Unruhe und Geschwätz hier
und dort, deren Wellen sogar an den Grundlagen solcher Felsen der
Folgsamkeit und Bravheit, wie Sid und Mary, nagten. Aber mit dem
Schwächerwerden von Mr. Walters Stimme wurde auch das allgemeine Summen
schwächer, und der Schluß der Rede wurde mit stiller Heiterkeit begrüßt.
Zum guten Teil war die Unaufmerksamkeit hervorgerufen worden durch ein
ziemlich seltenes Vorkommnis: das Erscheinen von Besuchern: Richter
Thatcher, begleitet von einem sehr schwachen, alten Mann, einem vornehmen,
mittelalterlichen Gentleman mit eisengrauem Haar, und einer würdevollen
Dame, zweifellos der Frau des letzteren. Die Dame führte ein Kind an der
Hand. Tom war bis dahin unruhig und schuldbewußt gewesen -- er konnte den
Blick aus Amy Lawrences Augen nicht ertragen -- es sprach _zu viel_ Liebe
aus diesem Blick! Aber als er diesen kleinen Ankömmling sah, war seine
Beklommenheit auf einmal vorbei. Im nächsten Augenblick ließ er wieder
seine Künste spielen -- er knuffte andere Knaben, riß sie an den Haaren,
schnitt Fratzen, mit einem Wort, tat alles, was nur irgend eines Mädchens
Aufmerksamkeit erregen und ihren Beifall gewinnen kann. Aber seine
Exaltation wurde rasch gedämpft, er erinnerte sich seiner Erlebnisse im
Garten dieses Engels; aber diese Erinnerung wurde rasch durch das
Glücksgefühl, von dem sein Herz plötzlich erfüllt war, fortgeschwemmt.
Den Besuchern wurden die höchsten Ehrenbezeugungen erwiesen, und nach
Beendigung von Mr. Walters Anrede führte er sie in der Schule herum. Der
mittelalterliche Mann schien ein bedeutender Mann zu sein. Er war der
oberste Richter des Kreises -- gewiß die erhabenste Persönlichkeit, die
diese Kinder bis jetzt gesehen hatten; und sie grübelten darüber, aus
welchem Stoff der wohl gemacht sein könne; und dann waren sie begierig auf
seine Stimme und dann zitterten sie wieder davor, sie zu hören. Er war aus
Konstantinopel -- zwölf Meilen entfernt, -- er war also durch die ganze
Welt gekommen und hatte _alles_ gesehen; diese Augen hatten das Staatshaus
gesehen, von dem man sagte, es habe ein wirkliches Zinndach! Die scheue
Ehrfurcht, welche diese Vorstellungen hervorriefen, war aus dem absoluten
Schweigen und den starr auf ihn gerichteten Augen deutlich zu lesen.
Das also war der große Richter Thatcher, der Bruder ihres Bürgermeisters.
Von Jeff Thatcher hieß es sogleich, er sei mit dem großen Mann verwandt,
und _den_ beherbergte die Schule! Es würde Musik für Jeffs Ohren gewesen
sein, hätte er gehört, was man von ihm flüsterte.
,,Sieh nur, Jim, er ist wahrhaftig vorgegangen! Donnerwetter, er will ihm
die Hand geben. Er hat ihm die Hand gegeben. Bei Jingo, möchtet wohl auch
Jeff sein, he?"
Mr. Walter suchte sich jetzt in Geltung zu bringen durch möglichste
Geschäftigkeit, erteilte Befehle, fällte Urteile, gab Winke hier und dort
und überall, und zeigte, daß er am rechten Platz sei. Darauf ,,zeigte" sich
der Bücherverwalter, rannte mit Stößen von Büchern herum, klapperte mit den
Bücherbrettern und vollführte einen Spektakel, daß es für jeden
Vorgesetzten eine wahre Lust sein mußte. Die jungen Lehrerinnen ,,zeigten"
sich auch, taten schön mit Kindern, die sie eben geprügelt hatten, hoben
warnend ihre niedlichen Finger gegen böse Buben und streichelten brave,
kleine Mädchen. Die jungen Lehrer ,,zeigten" sich mit kleinen Ermahnungen
und anderen Beweisen ihrer Autorität und ihrer Sorgfalt. Und alle Lehrenden
beiderlei Geschlechts machten sich mit Vorliebe am Klassenpult zu tun, und
es schienen Geschäfte zu sein, die fortwährend wiederholt werden mußten
(und wie sie dabei ärgerlich waren!). Die kleinen Mädchen ,,zeigten" sich
auf verschiedene Weise, und die Knaben ,,zeigten" sich mit solchem
Nachdruck, daß die Luft mit Papierkugeln und halb unterdrücktem Gezänk
angefüllt war. Und bei alledem saß der große Mann da, hatte ein erhabenes
Richterlächeln für die ganze Schule und wärmte sich im Glanze seiner
eigenen Größe, denn er ,,zeigte" sich erst recht. Aber eins fehlte, was Mr.
Walters Glück vollgemacht hätte, das war die Gelegenheit, einen Bibelpreis
auszuteilen und eins seiner Wunderkinder zu zeigen. Mehrere Schüler hatten
eine Menge kleinerer Zettel, aber niemand hatte genug. Er hätte die Welt
darum gegeben, seinen kleinen Deutschen für eine einzige Stunde
wiederzuhaben.
Da -- trat Tom Sawyer vor, neun gelbe Zettel, neun rote und zehn blaue, und
verlangte eine Bibel! Das wirkte wie ein Blitz aus heiterm Himmel! So etwas
hätte Walter nicht erwartet -- in den nächsten zehn Jahren sicher nicht.
Aber es war nichts auszusetzen -- da lagen die nötigen Zettel beisammen und
nahmen sich hübsch genug aus. Tom erhielt also seinen Platz beim Richter
und den anderen Auserwählten, und die unerhörte Neuigkeit wurde nach allen
Himmelsgegenden ausposaunt.
Es war zweifellos die staunenswerteste Tatsache des Jahrzehnts; und so tief
war die Erregung, daß sie den neuen Helden auf die Höhe des Kreisrichters
hob und die Schule zwei Weltwunder aus einmal zu bestaunen hatte. Die
Jungen waren durch die Bank von Neid erfüllt. Aber die am tiefsten
Beleidigten waren diejenigen, welche zu spät einsahen, daß sie selbst zu
diesem unerhörten Glanz beigetragen hatten, indem sie Tom Billetts
verkauften für die Schätze, welche er durch Übertragung der
Anstreich-Gerechtsame erworben hatte. Sie verachteten sich selbst, da sie
sich durch einen listigen Betrüger hatten anführen lassen.
Der Preis wurde Tom überreicht, mit so viel Salbung, als der Superintendent
unter solchen Umständen auftreiben konnte. Aber es war doch nicht der
rechte Schwung darin, denn sein Instinkt sagte ihm, hierbei müsse ein
Geheimnis walten, das wohl nicht ganz gut das Licht der Sonne vertragen
würde. Es war ganz einfach unglaublich, daß _dieser_ Knabe zweitausend
Bibelverse in seinem Kopfe aufgespeichert haben sollte -- ein Dutzend schon
hätte zweifellos seine Kräfte überstiegen. Amy Lawrence war ganz rot vor
Stolz und versuchte, es Tom zu zeigen, aber er _wollte_ nicht sehen. Sie
wunderte sich; dann grämte sie sich ein bißchen; schließlich stieg ein
leiser Verdacht in ihr auf und verflog und kam wieder. Sie paßte auf. _Ein_
heimlicher Blick verriet ihr Welten, und dann brach ihr Herz, und sie wurde
eifersüchtig und wütend, und die Tränen kamen, und sie haßte alle, alle,
Tom natürlich am meisten.
Tom wurde vor den Richter geführt. Aber seine Zunge klebte am Gaumen, der
Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte -- teils infolge der
Größe des Mannes, aber mehr noch, weil er _ihr_ Vater war. Er hätte, wäre
es dunkel gewesen, vor ihm niederfallen und ihn anbeten mögen. Der Richter
legte die Hand auf Toms Kopf und nannte ihn einen tüchtigen, kleinen Mann
und fragte ihn nach seinem Namen. Der Junge stammelte, hustete und stieß
endlich mühsam heraus: ,,Tom!"
,,O nein -- nicht _Tom_, sondern --"
,,Thomas."
,,Richtig. Ich dachte mir doch, daß noch etwas fehlte. Gut. Aber ich
glaube, du hast noch einen Namen, und du wirst ihn mir nennen, nicht?"
,,Nenne dem Herrn deinen anderen Namen, Thomas, und sage: Herr! Nicht
vergessen, was sich schickt!"
,,Thomas Sawyer -- Herr!"
,,So -- so ist's recht! Ein guter Junge. Ein braver Junge. Ein braver,
kleiner Junge. Zweitausend Verse sind viel -- sehr, sehr viel! Und Sie
brauchen die Mühe, die es Ihnen bereitet hat, es ihm beizubringen, sicher
nicht zu bereuen; denn Kenntnisse sind gewiß mehr wert, als irgend etwas
anderes in der Welt. Sie machen große Männer und große Menschen. -- Du
wirst eines Tages ein großer Mann sein und ein großer Mensch, Thomas, und
dann wirst du zurückblicken und sagen: Das alles verdanke ich der
herrlichen Sonntagsschule meines Heimatsdorfes; alles meinen lieben
Lehrern, die mich angehalten haben, zu lernen; alles dem guten
Superintendenten, der mich anfeuerte und über mir wachte und mir eine
wundervolle Bibel schenkte, eine herrliche, prächtige Bibel, damit ich sie
immer, immer bei mir haben möge; alles meiner Erziehung! _Das_ wirst du
sagen, Thomas! Und du würdest dir mit _keinem_ Geld deinen Schatz von
zweitausend Versen bezahlen lassen -- nein, wahrhaftig nicht! -- Und jetzt
kannst du mir und dieser Dame eine große Freude machen und uns einige
deiner Verse aufsagen -- du wirst es _gern_ tun, denn wir freuen uns ja _so
sehr_ über einen fleißigen Knaben. Ohne Zweifel kennst du die Namen aller
zwölf Jünger. Willst du uns also die Namen der beiden zuerst erwählten
Jünger nennen?"
Tom zupfte an einem Knopf und sah möglichst einfältig aus. Er wurde rot und
senkte die Augen. Mr. Walters Herz sank mit. Er sagte sich, es sei gar
nicht möglich, von diesem Jungen Antwort auf die einfachste Frage zu
bekommen -- und _den_ gerade mußte der Richter fragen! Doch fühlte er sich
veranlaßt, zu Hilfe zu kommen und sagte: ,,Antworte dem Herrn, Thomas, --
fürchte dich nicht!"
Tom wurde immer röter.
,,Nun, ich weiß, _mir_ wirst du es sagen," mischte sich hier die Dame ein.
,,Die Namen der zwei ersten Jünger waren --"
,,David und Goliath!"
Decken wir den Schleier der Nächstenliebe über das, was nun folgte!
Fünftes Kapitel.
Ungefähr um halb zehn Uhr begann die kleine Glocke der Kirche zu läuten,
und sogleich begann das Volk zur Morgenpredigt herbeizuströmen. Die
Sonntagsschulkinder zerstreuten sich durchs ganze Haus und nahmen Plätze
bei ihren Eltern ein, um unter Aufsicht zu sein. Tante Polly kam, und Tom,
Sid und Mary saßen bei ihr. Tom wurde zunächst der Kanzel plaziert, um so
weit wie möglich vom offenen Fenster und dem Sommer draußen entfernt zu
sein.
Das Volk füllte die Kirche. Der alte, gichtbrüchige Postmeister, der
bessere Tage gesehen hatte, der Mayor und seine Frau -- denn es gab einen
Mayor, neben vielen anderen unnützen Dingen, -- der Ortsrichter, die Witwe
Douglas, zart, klein und lebhaft, eine edle, gutherzige Seele und immer
obenauf (ihr Haus war das einzige steinerne im Dorf, und das gastfreieste
und bei Festlichkeiten verschwenderischste, das St. Petersburg aufweisen
konnte); Lawyer Riverson; dann die Schönheit des Dorfes, gefolgt von einem
Haufen elegant gekleideter, mit allerhand Firlefanz behangener junger
Herzensbrecher; dann all die jungen Ladendiener des Dorfes, alle
gleichzeitig, denn sie hatten im Vestibül gestanden, Süßholz raspelnd --
eine öltriefende, einfältige Schutztruppe -- bis das letzte Mädchen
Spießruten gelaufen war. Und zuletzt von allen kam der Musterknabe, Willie
Mufferson, seine Mutter so sorgsam an der Hand führend, als wäre sie aus
Glas. Er brachte seine Mutter stets zur Kirche und war der Liebling aller
alten Damen. Das junge Volk haßte ihn -- er war _zu_ gut; und dann war er
ihnen gar zu oft als Muster vorgehalten worden. Sein weißes Taschentuch
hing ihm aus der Tasche -- so war es damals am Sonntag Mode. Tom hatte kein
Taschentuch und verachtete jeden Jungen, der eins hatte. Da die Versammlung
jetzt so ziemlich vollzählig war, läutete die Glocke nochmals, zur Mahnung
für Nachzügler und Müßige, und dann senkte sich eine große Stille auf die
Kirche, nur unterbrochen durch das Kichern und Wispern auf dem Chor. Der
Chor kicherte und wisperte immer und überall während des ganzen
Gottesdienstes. Es hat einmal einen Kirchenchor gegeben, der _nicht_
schlecht erzogen war, aber ich weiß nicht mehr wo. Es ist schon eine ganze
Reihe von Jahren her, und ich kann mich wahrhaftig nicht mehr an die
Einzelheiten erinnern -- aber ich glaube, es war in einem fremden Lande.
Der Geistliche gab das Lied an und las es nach einer ganz besonderen, in
dieser Gegend sehr beliebten Manier in singendem Ton herunter. Seine Stimme
begann mit schwachem Flüstern, wuchs beständig an, bis sie einen Punkt
erreichte, wo sie unter Herausstoßung des letzten Wortes plötzlich abbrach
und wie ein Springbrunnen herunterplumpste.
Er galt als wundervoller Vorleser. Bei allen kirchlichen Versammlungen
wurde er aufgefordert, Verse vorzutragen, und wenn er damit fertig war,
hoben die Ladies ihre Hände und ließen sie wieder in den Schoß fallen und
verdrehten die Augen und schüttelten die Köpfe, als wollten sie sagen:
Worte können hier nichts sagen, es ist _zu_ wundervoll, zu wundervoll für
diese Erde!
Nach dem Liede begann der Reverend Mr. Sprague eine Art Tagesbericht, indem
er sich über Nachrichten von Meetings und Versammlungen und tausenderlei
Dinge verbreitete, bis alle Weltlust aus dem heiligen Hause gewichen zu
sein schien -- eine seltsame Mode, die überall in Amerika zu finden ist,
sogar in den großen Städten und bis in unser Zeitalter des
Zeitungs-Überflusses hinein.
Und jetzt kam die Predigt. Es war eine gute, leutselige Predigt und ging
bis ins einzelne. Sie beschäftigte sich mit der Kirche und mit den Kindern
der Kirche; mit den anderen Kirchen des Dorfes; mit dem Dorfe selbst; mit
dem Lande; mit dem Staat; mit den Behörden der einzelnen Staaten; mit den
Vereinigten Staaten; mit dem Kongreß; mit dem Präsidenten; mit den
Staatsdienern; mit den armen, sturmumtosten Seefahrern; mit den unter dem
Joch ihrer Monarchen seufzenden Millionen Europas und des Orients; mit den
Glücklichen und Reichen, die nicht Augen haben, zu sehen und Ohren, zu
hören; mit den armen Seelen auf fernen Inseln; und schloß mit der Bitte,
daß seine Worte auf guten Boden fallen und dereinst hundertfältige Frucht
tragen möchten. Amen.
Darauf folgte Kleiderrascheln, und die Versammlung setzte sich. Der Knabe,
dessen Geschichte dieses Buch enthält, hatte keine Freude an dieser
Predigt, er hörte sie einfach an -- und vielleicht auch das nicht. Doch
merkte er sich einzelne Details daraus, ganz unbewußt, denn, wie gesagt, er
achtete kaum darauf, aber er kannte den Sermon des Geistlichen schon längst
und bemerkte es sofort, wenn mal irgend ein neuer Passus eingeschoben war,
und das empfand er dann unangenehm; er hielt Beisätze und Abweichungen von
dem Althergebrachten für unnobel und unrecht.
Während der Predigt setzt sich eine Fliege auf den Sitz des Kirchenstuhls
vor ihm und marterte ihn durch das fortwährende Aneinanderreiben ihrer
Beine. Dann umarmte sie ihren eigenen Kopf und drückte ihn so stark, daß
die Glieder am Kopfe angewachsen zu sein schienen, fesselte ihre Flügel mit
den Hinterbeinen und preßte sie an den Körper, wie einen Überrock und
verrichtete ihre ganze Toilette mit einer Ruhe, als fühle sie sich
vollkommen sicher. Und so war es auch. Denn als sich Toms Hand ihr näherte,
um sie zu erwischen, blieb sie ruhig sitzen. -- Tom dachte, wenn sich ihm
diese Beschäftigung bei Beginn der Predigt geboten hätte, würde es ein
angenehmer Zeitvertreib für seinen Geist gewesen sein. -- Aber beim
Schlußsatz begann seine Hand sich zu krümmen und sich vorwärts zu bewegen;
und im Augenblick, da das ,,Amen" gesprochen wurde, war die Fliege eine
Kriegsgefangene. Seine Tante sah es und veranlaßte ihre Befreiung.
Der Geistliche gab seinen Text an und behandelte den ersten Teil mit so
gründlicher Langweile, daß manch ein Kopf zu nicken begann; ein anderer
Teil wieder war so voll Feuer und Schwefel und setzte der Versammlung so
zu, daß sie ganz geknickt und so klein und nichtig erschien, daß es kaum
der Erwähnung wert ist.
Tom zählte die Seiten der Predigt, und nach dem Gottesdienst wußte er stets
ganz genau, wie viel es gewesen waren, aber über die Predigt selbst wußte
er selten etwas anzugeben. Diesmal indessen gab er doch für eine kleine
Weile Obacht. Der Geistliche gab eine lange und rührende Schilderung vom
Wiedersehen irdischer Schafe im Paradiese, wenn Löwe und Lamm beieinander
liegen würden und ein kleines Kind sie am Gängelbande führen könnte. Aber
Pathos, Eifer, Moral -- alles war verloren an dem kleinen Burschen; er
dachte bloß an die Herrlichkeit dieses Heldendarstellers unter den
unsichtbaren Wesen; und er stellte sich vor, wie schön es sein müsse,
dieses Kind darzustellen -- wenn der Löwe ein zahmer Löwe sein würde.
Bei der Schlußbetrachtung geriet er dann wieder in tiefe Leiden. Er
erinnerte sich plötzlich eines Schatzes, den er besaß und zog ihn hervor.
Es war ein großes, schwarzes Ungeheuer, mit schrecklichen Kinnbacken --
Kneifzangen, sagte Tom. Es befand sich in einer Zündholzschachtel. Das
erste, was das Tier tat, war, ihn in den Finger zu beißen. Ein tüchtiger
Nasenstüber folgte, und das Tier flog in einen Kirchenstuhl, wo es liegen
blieb -- der verwundete Finger wanderte in Toms Mund. Das Tier lag auf dem
Rücken, hilflos mit den Beinen strampelnd, unfähig, aufzustehen. Tom sah es
und griff danach, aber es befand sich außerhalb seines Bereiches. Irgend
jemand wollte sich auf den Stuhl niederlassen, sah das Tier ebenfalls und
warf es kurzerhand herunter.
Plötzlich kam ein herrenloser Pudel des Weges, trübselig, faul infolge der
Sommerhitze, gelangweilt durch die Gefangenschaft, und sich nach einem
Abenteuer umsehend. Er entdeckte das Tier. Sein Schwanz richtete sich empor
und begann zu wedeln. Er betrachtete seinen Fund, ging um ihn herum,
beschnüffelte ihn aus sicherer Entfernung, ging wieder im Kreis herum, kam
näher und beschnüffelte ihn dreister, hob dann die Lefzen, schnappte nach
ihm, ohne ihn zu fassen, wiederholte diese Prozedur mehrmals, begann zu
spielen, legte sich, das Tier zwischen den Pfoten, und setzte seine
Untersuchungen fort, wurde bald müde, gleichgültig und vergaß schließlich
sein Spielzeug. Sein Kopf sank herab, und sein Kinn drückte immer mehr auf
den Feind, welcher ihn plötzlich gepackt hielt. Es ertönte ein scharfes
Geheul, des Pudels Kopf schnellte in die Höhe, und das Tier flog ein paar
Meter weit fort und lag nun wieder hilflos auf dem Rücken. Die
nächstsitzenden Zuschauer stießen sich mit geheimem Vergnügen an, einzelne
Gesichter verschwanden hinter Fächern und Taschentüchern, und Tom war ganz
glücklich. Der Hund machte ein böses Gesicht und war wohl auch so gestimmt.
Er war im Herzen gekränkt und brütete Rache. So ging er wieder zu dem Tier
und machte einen neuen, heftigen Angriff, indem er von verschiedenen
Punkten eines Kreises aus, dessen Mittelpunkt sein Opfer bildete, auf
dieses zusprang, mit den Vorderpfoten dicht vor seinen Augen fuchtelte, mit
den Zähnen nach ihm schnappte und den Kopf dicht vor ihm schüttelte, daß
die Ohren flogen. Nach einer Weile wurde es ihm wieder langweilig. Er
begann ein Spiel mit einer Fliege, aber das bot keinen rechten Ersatz.
Darauf lief er ein paarmal im Kreis herum, die Schnauze dicht an der Erde
und bekam auch das satt. Er gähnte, seufzte, vergaß das Tier völlig und
setzte sich gerade darauf. Wieder ein durchdringender Schrei, und der Pudel
sprang hilfesuchend auf einen Stuhl. Das Geschrei dauerte fort, und der
Pudel tanzte dicht vor dem Altar herum, lief einen Gang hinunter, sprang an
der Tür in die Höhe und flehte um menschliche Hilfe. Seine Angst nahm
fortwährend zu, bis er plötzlich wie ein behaarter Komet in _seinem_
Weltenraum herumfuhr. Schließlich verließ der zum Wahnsinn getriebene
Dulder seine Bahn und sprang auf den Schoß seines Herrn. Dieser warf ihn
aus dem Fenster, und die Stimme des unglücklichen Geschöpfes entfernte sich
und erstarb in der Ferne.
Inzwischen saß die ganze Versammlung, rot vor unterdrücktem Lachen, und die
Predigt hatte völlig aufgehört. Jetzt wurde sie wieder aufgenommen, aber
sie ging stockend und abgerissen vor sich, und mit der Aufmerksamkeit war
es nichts mehr. Denn selbst die heiligste Andacht war beeinflußt durch
schlecht unterdrückte höchst unheilige Heiterkeit, als wenn der arme
Geistliche irgend einen schlechten Witz gemacht hätte. Es bedeutete eine
wahre Erleichterung für die Versammlung, als der Gottesdienst zu Ende und
der Segen gesprochen war.
Tom schlenderte höchst gemütlich heim und dachte bei sich, so ein
Gottesdienst wäre doch ganz nett, wenn ein bißchen Abwechselung dabei sei.
Nur _ein_ Gedanke quälte ihn; er hatte allerdings die Absicht gehabt, den
Hund mit seiner ,,Beißzange" spielen zu lassen, aber er hätte sie nicht
fortschleppen sollen.
Sechstes Kapitel.
Der Montagmorgen fand Tom höchst übler Laune. Jeder Montagmorgen fand ihn
so, denn er eröffnete eine neue Woche voll von Schul-Leiden und -Sorgen.
Stets wurde dieser Tag mit Seufzen begonnen; er hätte in diesem Augenblick
gewünscht, daß es gar keine die Woche unterbrechenden Feiertage geben möge;
denn doppelt schwer war es danach, sich in neue Sklaverei und Fronarbeit zu
begeben.
Tom lag und dachte nach. Plötzlich kam ihm dann der Wunsch, krank zu sein,
um zu Hause bleiben zu können. Das war ein Gedanke. Er überlegte sich die
Sache. Aber er konnte keine Krankheit finden und grübelte und grübelte.
Einmal glaubte er Anzeichen von Kolik zu entdecken und fing bereits an,
sich trügerischen Hoffnungen hinzugeben. Aber bald wurden diese Symptome
wieder schwächer, um endlich ganz zu verschwinden. Also mußte er weiter
denken. Plötzlich entdeckte er etwas. Einer seiner Oberzähne war locker.
Das war ein Glücksfall. Er war im Begriff, anzufangen zu stöhnen
(,,Starter" pflegte er eine solche Improvisation zu nennen), als ihm noch
rechtzeitig einfiel, daß seine Tante, wenn er damit zutage trat, den Zahn
ganz einfach ausziehen würde, und das würde weh tun. So nahm er sich vor,
die Sache mit dem Zahn in Reserve zu halten und nach etwas anderem zu
suchen. Während einiger Zeit wollte ihm nichts einfallen, dann aber entsann
er sich, den Doktor von einem gewissen ,,Etwas" reden gehört zu haben, das
zwei oder drei Wochen auf einem Patienten gelastet und ihn beinahe einen
Finger gekostet habe. So zog er seine wunde Zehe unter der Bettdecke hervor
und unterzog sie einer genauen Untersuchung. Jetzt aber wußte er nicht,
welches die nötigen Symptome seien. Immerhin schien sich hier eine Aussicht
zu bieten, er fing also voll Geistesgegenwart an, zu stöhnen.
Aber Sid schlief felsenfest.
Tom stöhnte lauter und bildete sich ein, in seiner Zehe wirklich Schmerz zu
empfinden.
Keine Wirkung auf Sid.
Tom fing an, vor Anstrengung Herzklopfen zu bekommen. Er machte einen
letzten Versuch, sog sich voll Luft und stieß eine Reihe wundervoller
Seufzer heraus.
Sid schnarchte weiter.
Tom wurde schlimm. ,,Sid, Sid," sagte er und stieß ihn an. Der Stoß wirkte,
und Tom konnte wieder anfangen, zu stöhnen. Sid gähnte, streckte sich,
richtete sich auf einem Ellbogen auf und begann Tom anzustarren. Tom
stöhnte aus Leibeskräften.