,,Mach mich nicht wütend, rat ich dir!"
,,Beim Deuker, für zwei Penny würd' ich's wirklich tun!"
Im nächsten Augenblick hatte der feine Junge ein Zweipennystück aus der
Tasche geholt und hielt es Tom herausfordernd vor die Nase. Tom schlug es
ihm aus der Hand. Im nächsten Augenblick rollten beide Jungen im Schmutz,
ineinander verbissen wie zwei Katzen, und während ein paar Minuten rissen
und zerrten sie sich an den Haaren und Kleidern, schlugen und zerkratzten
sich die Nasen und bedeckten sich mit Staub und Ruhm. Plötzlich klärte sich
die Situation, und aus dem Kampfgewühl tauchte Tom empor, auf dem andern
reitend und ihn mit den Fäusten traktierend.
,,Sag: Genug!"
Der Bengel setzte seine krampfhaften Bemühungen, sich zu befreien, fort,
vor Wut schreiend.
,,Sag: Genug!" Und Tom prügelte lustig weiter.
Schließlich stieß der andere ein halb ersticktes ,,Genug" hervor. Tom ließ
ihn aufstehen und sagte: ,,So, nun weißt du's! Das nächste Mal sieh dich
besser vor, mit wem du anbindest!"
Der Fremde trollte sich, sich den Staub von den Kleidern schlagend,
schluchzend, sich die Nase reibend, von Zeit zu Zeit sich umsehend, um Tom
zu drohen, daß _er ihn_ das nächste Mal verhauen werde, worauf Tom höhnisch
lachte und seelenvergnügt nach Hause schlenderte. Und sobald er den Rücken
gewandt hatte, hob der andere einen Stein auf, zielte, traf Tom zwischen
die Schultern und rannte davon mit der Geschwindigkeit einer Antilope. Tom
verfolgte den Verräter bis zu dessen Wohnung und fand so heraus, wo er
wohne. Als tapferer Held blieb er dann herausfordernd eine Zeitlang an
einem Zaun stehen, um zu warten, ob der Feind es wagen werde, wieder
herauszukommen; aber der Feind begnügte sich, ihm durch die Fenster
Gesichter zu schneiden und hütete sich, den neutralen Boden zu verlassen.
Schließlich erschien des Feindes Mutter und nannte Tom ein schlechtes,
lasterhaftes, gemeines Kind und jagte ihn davon. So ging Tom also fort,
aber er sagte, ,,er hoffe, den Feind doch noch einmal zu erwischen."
Er kam ein bißchen spät nach Haus, und indem er behutsam in das Fenster
kletterte, entdeckte er einen Hinterhalt in Gestalt seiner Tante; und als
_sie_ den Zustand seiner Kleider sah, war ihr Entschluß unumstößlich
gefaßt, ihn am Samstag in strenge Haft zu nehmen und ordentlich schwitzen
zu lassen.
Zweites Kapitel.
Samstag morgen war gekommen, und es war ein heller, frischer Sommermorgen
und sprühend von Leben. Jedes Herz war voll Gesang, und wessen Herz jung
war, der hatte ein Lied auf den Lippen. Freude glänzte auf allen
Gesichtern, und die Lust, zu springen, zuckte in aller Füßen. Die Akazien
blühten, und ihr süßer Duft erfüllte die Luft.
Cardiff Hill, in der Nähe des Hauses und dasselbe überragend, war von Grün
bedeckt und war gerade entfernt genug, um wie das gelobte Land,
träumerisch, ruhevoll und unberührt zu erscheinen.
Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Farbe und einem großen
Pinsel. Er überblickte die Umzäunung -- und aller Glanz schwand aus der
Natur, und tiefe Schwermut bemächtigte sich seines Geistes. Dreißig Yards
lang und neun Fuß hoch war der unglückliche Zaun! Das Leben erschien ihm
traurig. Er empfand sein kleines Dasein als Last. Seufzend tauchte er den
Pinsel in den Topf und strich einmal über die oberste Planke, wiederholte
die Operation, und nochmals, und verglich das kleine gestrichene Stückchen
mit der unendlichen noch zu erledigenden Strecke -- und hockte sich
entmutigt auf einen Baumstumpf. Jim kam mit einem Zinneimer aus der Tür,
,,Buffalo Gals" singend. Wasser von der Pumpe zu holen, war Tom bisher
immer als eine der unwürdigsten Verrichtungen erschienen, jetzt schien es
ihm anders. Er sagte sich, daß er dort Gesellschaft finden werde; Weiße,
Mulatten und Neger, Knaben und Mädchen traf man immer dort, die, bis an sie
die Reihe, zu pumpen kam, herumlungerten, irgend ein Spiel trieben, sich
zankten, prügelten und Wetten anstellten. Und dann überlegte er, daß die
Pumpe zwar nur einhundertundfünfzig Yards entfernt sei, Jim trotzdem aber
nie unter einer Stunde brauchte, um einen Eimer Wasser zu holen, und dann
auch noch gewöhnlich geholt werden mußte. Er sagte also: ,,Du, Jim, ich
will Wasser holen, wenn du inzwischen anstreichen willst."
Jim schüttelte den Kopf und antwortete: ,,Es geht nicht, Master Tom. Alte
Dame sagen mir zu gehen und holen Wasser und nix aufhalten mit irgendwem.
Sie sagen, sie wissen, daß Master Tom werden versuchen zu gewinnen mich zu
streichen, und so sie sagen, Jim zu gehen nach sein eigenes Geschäft und
nix zu streichen."
,,Ach was, Jim, laß sie nur reden! So macht sie's immer. Gib mir nur den
Eimer -- du sollst sehen, ich bin gleich wieder da! Sie braucht's ja nicht
zu wissen."
,,Nein, Master Tom, ich nix tun! Alte Dame wollen ihm Kopf abreißen, wenn
er tut so. Sicher, Master Tom!"
,,Sie? Sie kann ja gar nicht schlagen -- sie fährt einem mit dem Fingerhut
über den Kopf, und wer macht sich _daraus_ was? Ihre Worte sind gefährlich,
hm, -- ja, aber _sagen_, ist doch nicht _tun_, wenn sie nur nicht so viel
dabei weinen wollte. -- Du, Jim, ich geb dir auch 'ne Murmel! Oder 'ne
Glaskugel!"
Jim begann zu schwanken.
,,Eine weiße Glaskugel, Jim -- und horch mal, was für 'nen schönen Klang
hat sie!"
,,Ach, sein das schöne, wunderschöne Glaskugel! Aber Master Tom, ich haben
so furchtbar Angst vor alte Dame!"
Aber Jim war auch nur ein Mensch -- diese Verführungskünste waren zu stark
für ihn. Er setzte seinen Eimer hin und griff nach der Kugel. Im nächsten
Augenblick sauste er die Straße hinunter mit seinem Eimer und einem
Schreckensschrei, -- Tom arbeitete mit Vehemenz, und Tante Polly, einen
Pantoffel in der Hand und Triumph im Auge, kehrte vom Felde zurück.
Aber Toms Energie hielt nicht lange an. Er begann, an all die Streiche zu
denken, die er für heute geplant hatte, und sein Kummer wurde immer größer.
Bald würden seine Spielgefährten, frei und sorglos, vorbeikommen, um auf
alle möglichen Expeditionen auszugehen und die würden ihre Witze reißen
über ihn, der dastand und arbeiten mußte -- der bloße Gedanke daran brannte
wie Feuer. Er kramte seine weltlichen Schätze aus und hielt Heerschau:
allerhand selbsterfundenes Spielzeug, Murmel und Plunder -- genug, um sich
einen Arbeitstausch zu erkaufen, aber _nicht_ genug, um dadurch auch nur
für eine halbe Stunde die Freiheit zu bekommen. So steckte er seine
armselige Habe wieder in die Tasche und gab den Gedanken auf, einen
Bestechungsversuch bei den Jungen zu machen. Mitten in diese trüben und
hoffnungslosen Betrachtungen kam plötzlich ein Einfall über ihn. Durchaus
kein großer, glänzender Einfall. Er nahm seinen Pinsel wieder auf und
setzte ruhig die Arbeit fort. Ben Rogers erschien in Sicht, der Junge aller
Jungen, der sich über alle lustig machen durfte. Bens Gang war springend,
tanzend, hüpfend -- Beweis genug, daß sein Herz leicht und seine Gedanken
und Pläne großartig waren. Er knupperte an einem Apfel und ließ ein langes,
melodiöses ho! ho! hören, gefolgt von einem gegrunzten: ding, dong, ding!
ding, dong, dong! -- denn er war in diesem Augenblick ein Dampfboot. Als er
näher kam, mäßigte er seine Geschwindigkeit, nahm die Mitte der Straße, bog
nach Steuerbord über und legte elegant und mit vielem Geschrei und Umstand
bei, denn er vertrat hier die Stelle des ,,Big Missouri" und hatte neun Fuß
Tiefgang. Er war Dampfboot, Kapitän, Bemannung zugleich und sah sich selbst
auf der Kommandobrücke stehend, Befehle gebend und ihre Ausführung
überwachend.
,,Stopp!! Ling -- a, ling, ling!!" Die Hauptroute war zu Ende, und er
wandte sich langsam einem Nebenarme des Flusses zu. ,,Stopp! Zurück!! Ling
-- a, ling, ling!" Seine Arme sanken ermüdet herunter. ,,Steuerbord wenden!
Ling -- a, ling, ling! Tschschschuh! Tschuh! Tschuuuhhh!!!" Sein Arm
beschrieb jetzt große Kreise, denn er stellte ein Rad von 40 Fuß
Durchmesser dar. ,,Backbord zurück! Ling -- a, ling, ling! Tschschuh!
Tschuh! Tschuuuhhh!!" Wieder beschrieb der Arm -- diesmal der linke --
gewaltige Kreise. ,,Steuerbord stopp!! Ling -- a, ling, ling! Backbord
stopp! Halt! Langsam überholen! Ling -- a, ling, ling! Tschschuh! Tschuh!
Tschuuuhhh!! Heraus mit dem Tau dort! Lustig, hoho! Heraus damit! He --
wird's bald?! Ein Tau dort um den Pfeiler -- so, nun los, Jungens -- los!!
Maschine stopp!! Ling -- a, ling, ling!!"
,,Tschschuh! Schscht! Schscht!!" (Läßt den Dampf ausströmen.)
Tom war ganz vertieft in seine Anstreicherei, er merkte nichts von der
Ankunft des Dampfbootes! Ben blieb einen Moment stehen, dann sagte er:
,,Ho, ho, Strafarbeit, Tom, he?"
Keine Antwort. Tom überschaute seine Arbeit mit dem Auge eines Künstlers.
Dann machte er mit dem Pinsel noch einen eleganten Strich und übte wieder
Kritik. Ben rannte zu ihm hin, Tom wässerte der Mund nach dem Apfel, aber
er stellte sich ganz vertieft in seine Arbeit. Ben sagte: ,,Hallo, alter
Bursche, Strafarbeit, was?"
,,Ach, bist du's, Ben. Ich hatte dich nicht bemerkt."
,,Weißt, ich geh' grad zum Schwimmen. Würdest du gern mitgehen können?
Aber, natürlich, bleibst du lieber bei deiner Arbeit, nicht?"