„Keine Übeltäter hier, keine Verbrecher an der Person, keine

Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines

geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen.

Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert

haben. Redlich arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt,

deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die sich doch unter

dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagraphen scheu

und heimlich zusammenfinden müssen, fern von den normalen Glücklichen

ihre stets vom Gesetz, von der Verachtung, von der Erpressertücke

gefährdeten unbesiegbaren Triebe den Gleichfühlenden einzugestehen.

Im gefunden Herzen ehrliches Mitleid mit diesen Kranken, die eine

letzte mittelalterliche Unvernunft den Verbrechern gleichstellt,

treten wir hinaus auf die stille Straße. Wolkenlos spannt sich der

Sternenhimmel der Julinacht über den mondbeglänzten Dächern. Mit

dem riesigen Schlüsselbund rasselnd, schleicht ein Nachtwächter an

den lichtlosen Häusern entlang. In einem Torbogen drückt sich ein

Liebespaar inbrünstig die Hände. Fern und ferner klingt der Sopran....“

So Presber. -- Eine andere Urningskneipe, die wir betreten, besteht aus

vier ziemlich großen Zimmern. Es ist schwer Platz zu finden. Im zweiten

und vierten Raum stehen Klaviere, in dem einen trägt „die Engeln“ die

neuesten Lieder vor, in dem andern wird getanzt, nicht Mann und Weib,

sondern Mann und Mann. Sie tanzen mit sichtlicher Hingebung; der

weibliche Teil schmiegt sich schmachtend dem männlichen Partner an;

die schlechte Musik materialisiert sich förmlich in ihnen; wenn der

Klavierspieler abbricht, scheint es, als ob sie aus melodientrunkener

Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen.

Besonders eigenartig sind die Kaffeegesellschaften, wie sie nicht

selten in diesen Lokalen stattfinden. Der Wirt, der Coupletsänger

oder irgend ein Stammgast feiern ihren Geburtstag und haben diesem

Fest zu Ehren ihre „Freundinnen“ zu sich gebeten. Zur festgesetzten

Nachmittagsstunde erscheinen die Gäste, meist Urninge des Handwerker-

und Arbeiterstandes. Jeder überreicht dem Geburtstagskinde ein

Angebinde, eine selbstgefertigte Handarbeit, eine Probe eigener

Kochkunst, ein paar künstliche oder natürliche Blumen. Die Begrüßungen

sind sehr lebhaft, zierliche Knixe und Verbeugungen, denen sittsame

Freundschaftsküsse auf die Wange folgen. Wie sie sich dann drehen und

zieren, sich Schmeicheleien sagen, das Herausziehen der Hutnadel, das

Aufraffen des Rockes, das Zurechtziehen der Taille, das Hinlegen der

nicht vorhandenen Schleppe markieren, sich dann endlich mit den Worten:

„Haben Sie schon gehört, meine Teure“ niederlassen, alles das ist

von schwer zu schildernder Drolligkeit. Einzelne „Honoratioren“, wie

die „Baronin“, die „Direktorin“, die „_Chambre separée_'sche“ werden

besonders freudig und respektvoll begrüßt, die Zuspätkommenden mit

launigen Scheltworten empfangen. Eine Stunde später, als man „geladen“,

sitzt alles bei Tisch und während sich nun ein Schnattern und Plappern,

ein Lachen, Juchzen und Kreischen in so verwirrendem Durcheinander

erhebt, daß einem männlichen Gaste angst und bange werden kann,

verschwinden mit erstaunlicher Geschwindigkeit Berge von Kuchen und

Ströme von Kaffee. Nachdem den Sprech- und Kauwerkzeugen einigermaßen

genüge geschehen, werden die mitgebrachten Handarbeiten hervorgeholt,

man häkelt, strickt, stickt und näht, zugleich aber tragen die

künstlerischen Kräfte, welche in Urningsgesellschaften selten fehlen,

mit Gesängen, Deklamationen und Vorträgen zur Unterhaltung bei.

Ihren Höhepunkt aber erreicht die Stimmung, wenn das Geburtstagskind

unter lautem Beifall aller von einem der Gäste graziös zum Flügel

geleitet wird und in wohllautendem Alt mit ebenso viel Sehnsucht, als

Unwahrscheinlichkeit sein Lieblingslied: „Ach, wenn ich doch ein Räuber

wär'“ zum Besten gibt. Kein Mißklang trübt das harmlose Treiben weniger

flüchtiger Stunden, bis die Abendbrotzeit die muntere Schar wieder in

alle Winde verscheucht.

Wer zum erstenmale den Gesprächen in diesen Kneipen lauscht, wird

erstaunt sein über die große Zahl weiblicher, oft sehr absonderlicher

Namen, die an sein Ohr dringen. Bald wird er gewahr, daß es sich um

Spitznamen handelt, welche die Gäste sich untereinander beilegen. Die

Gründe dieser verbreiteten Sitte sind verschiedene; einmal verschweigen

die meisten Personen, die sich hier einfinden, begreiflicherweise

ihre wahren Namen, so daß die anderen, im Bedürfnis, sich über sie zu

unterhalten, zu selbstgewählten Bezeichnungen greifen, außerdem fühlt

man instinktiv, daß die Anrede „Herr so und so“ bei vielen, =keineswegs

bei allen=, in so starkem Gegensatz zu ihrem femininen Wesen steht, und

endlich bietet sich in der Wahl dieser Necknamen eine gute Gelegenheit,

den ja auch gerade im Berliner tief wurzelnden Drang nach Scherz und

Humor zu befriedigen. In vielen, namentlich virileren Urningskreisen

ist der Gebrauch derartiger weiblicher Spitznamen übrigens verpönt.

Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Umgestaltungen der

entsprechenden männlichen Vornamen; so wird aus Paul Paula, aus Fritz

Frieda, aus Erich Erika, aus Georg Georgette, aus Theodor Dorchen oder

Thea, aus Otto Ottilie oder auch Otéro. In einem Berliner Urningsliede,

in welchem geschildert wird, wie eine Mutter auf die Nachricht, ihr

Sohn sei „pervers“, in großer Besorgnis zu ihm eilt, und dieser sie

beruhigt, indem er ihr als Zeugnis seiner Normalität die an ihn

gerichteten Liebesbriefe vorzeigt, welche die Unterschrift „Luise“

tragen, heißt es am Schlusse:

„Beim Abschiedskuß an meiner Tür,

Da dachte ich dann still bei mir:

Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt,

Daß meine Luise -- Ludwig heißt.“

Oft sind diese weiblichen Namen noch mit Unterscheidungszusätzen

verbunden; so gibt es eine Näsenjuste, eine Schmalzjuste, eine

Klammerjuste, Klamottenjuste, Handschuhjuste und Blumenjuste, eine

Lange-Anna, Ballhausanna und Blaueplüschanna, eine Hundelotte und eine

Quietschlotte, eine Spitzenkaroline und eine Umsturzkaroline (weil

er durch seine lebhaften Armbewegungen jeden Abend mindestens ein

Glas Bier „umstürzen“ soll), eine Butterriecke, eine Käseklara, eine

Lausepaula, eine Harfenjule und eine Totenkopfmarie.

Viele Urninge erhalten altdeutsche Beinamen, wie Hildegarde, Kunigunde,

Thusnelda, Schwanhilde und Adelheid, oder klangvolle Adelsnamen, wie

Wally von Trauten, Berta von Brunneck, Asta von Schönermark oder noch

hochtönendere; so findet man in diesen Kneipen neben der Markgräfin,

der Landgräfin, der Burggräfin und der Kurfürstin (weil sie in der

Markgrafen-, Landgrafen-, Burggrafen- und Kurfürstenstraße wohnen)

die Marquise de la place d'Alexandre (wohnt am Alexanderplatz), die

Herzogin von Aschaffenburg, die Herzogin d'Angoulème, die Großfürstin

Olga, die Königin Natalie, die Carmen Sylva, die Kaffeekönigin, die

Polenkönigin, die Oberstallmeisterin, die Excellenzfrau, die Kaiserin

Messalina und die Kaiserin Katharina.

Manche führen ihre Namen von ihrem Beruf; so wird ein urnischer

Ballettänzer „Jettchen Hebezeh“, ein Damenschneider „Jenny Fischbein“

und ein Damenkomiker „Pokahuntas, die hinterindische Nachtigall“

genannt.

Ich bemerke, daß sämtliche hier angeführten Spitznamen von zwei

Gewährsmännern innerhalb kurzer Zeit in einem einzigen Berliner

Urningslokal gesammelt wurden. Von Beinamen, die der Zoologie

entstammten, fanden sie unter anderen: die „Schweizerkuh“, das

„Meerschweinchen“, „die Gipskatze“ (weil er sich stark pudert), „die

Krückente“, „die Ententrittsche“ (weil er beim Gehen „watschelt“),

„die schwarze Henne“, „die Nebelkrähe“, „die Spitzmaus“, „die

Brillenschlange“ und „die Kreuzspinne“; von botanischen Bezeichnungen:

„das Blauveilchen“, „das Apfelröschen“, „das Resedaköpfchen“, „Paprika“

(auch „Papp-Rieka“ genannt), „die Rosine“ und „die Weintraube“ (weil er

so leicht gerührt ist).

Mit großer Vorliebe wird den Titeln oder hervorstechenden Eigenschaften

ein „in“ oder „sche“ oft in sehr origineller Weise angehängt; der

Direktor wird zur „Direktorin“, der Geheimrat zur „Geheimrätin“, ein

Rechtsanwalt heißt „die Anwaltsche“, ein vornehmer Urning, der mit

seinen Freunden häufig im Chambre separée speisen soll, heißt „die

Chambreseparéesche“, ein anderer, der viel das Sonnenbad besucht, „die

Lichtluftbadsche“, während ein Klavierspieler „die Klaviersche“, einer

der sich stark schminkt „die Zinnobersche“ und ein Elektrotechniker

kurzweg „die Elektrische“ genannt wird.

Eine Gruppe für sich bilden die „Soldatentanten“, welche vielfach

ihre Spitznamen nach denjenigen Truppenteilen bekommen, für die sie

sich besonders interessieren; so gibt es eine „Ulanenjuste“, eine

„Dragonerbraut“, eine „Kürassieranna“, eine „Kanoniersche“, ja sogar

eine „Schießschulsche“, der seinen Namen davon führt, weil er mit

Vorliebe die Wirtschaften in der Umgegend der Schießschule aufsucht.

Von anderen Berliner Spitznamen, die weniger leicht zu rubrizieren

sind, erwähne ich noch: „Minehaha, das lächelnde Wasser“, „Rebekka, die

Mutter der Kompagnie“, „Anita mit dem Giftzahn“, „Cleo die Marode“,

„Traudchen Hundgeburt“, „Die heilige Beryllis“, „Die Genossin meiner

Schmach“, „die freie Schweizerin“, die „gute Partie“, „die hohe Frau“,

„die Rollmopstante“, „Susanne in der Wanne“, „die weiße Wand“ (pudert

sich stark), „Rotundelein“, „Locusblume“, (Namen zweier Urninge, denen

man nachsagt, daß sie öfter, als notwendig, die Bedürfnisanstalten

aufsuchen), „das Waldmensch“, „die Mutter Wolffen“, „Violetta“,

„Aurora“, „Melitta“, „Rosaura“, „Kassandra“, „Goulasch“, „die Ahnfrau“,

„die Grabesbraut“, „der Abendstern“ und „die Morgenstunde“, weil er

Gold im Munde, nämlich mit Goldplomben versehene Zähne hat.

Auch die Uranierinnen führen in ihren Kreisen, besonders auch in ihren

Lokalen, deren es ebenfalls eine Reihe gibt, analoge Namen. Nur findet

man bei ihnen im Gegensatz zu den Männern meist einfache Vornamen,

selten Beinamen, die sich auf irgend eine besondere Eigenschaft ihrer

Trägerin beziehen; bevorzugt werden einsilbige Namen, wie Fritz, Heinz,

Max, Franz, namentlich Hans; doch findet man auch solche, die Arthur,

Edmund, Theo, Oskar, Roderich, Rudolf genannt werden.

Merkwürdig viele Namen von Uranierinnen sind der Geschichte und

Litteratur entnommen; ich nenne von Berlinerinnen: Napoleon, Nero,

Cäsar, Heliogabal, Caligula, Antinous, Gregor, Carlos, Posa, Mortimer,

Götz, Tasso, Egmont, Armin, Teja, Blücher, Ofterdingen, Karl Moor,

Franz Lerse, Jörn Uhl, Don Juan, Puck und Hiddigeigei.

Weniger schöne Spitznamen weiblicher Urninge sind Bubi, Rollmops,

Kümmelfritze und Schinkenemil.

Besondere Berücksichtigung verdienen unter den Berliner Urningslokalen

die „Soldatenkneipen“, welche, meist in der Nähe der Kasernen gelegen,

in den Stunden vom Feierabend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten

sind. Um diese Zeit sieht man in diesen Wirtschaften meist gegen 50

Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, die hingekommen sind, um sich

einen Homosexuellen zu suchen, der sie freihält, und selten kehrt

jemand in die Kaserne zurück, ohne das Gewünschte gefunden zu haben.

Diese Lokale sind meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem

Militär nach kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend

ein Unbekannter, gewöhnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen“

hat. Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere

ähnliche Lokale in derselben Gegend auf. Erst vor kurzem flog wieder

im Südwesten der Stadt eine typische Soldatenkneipe auf, die „zur

Katzenmutter“ genannt wurde; ich weiß nicht, ob der sonderbare Name

von der alten Wirtin herrührte, in deren schleichendem Gang und

rundem, schnurrbartgeziertem Gesicht etwas unverkennbar Katzenartiges

lag, oder von den Katern und Katzen, die zwischen Tischen und Stühlen

herumsprangen und deren Bildnisse die Wände des seltsamen Lokals

schmückten.

Würde ein Normalsexueller derartige Lokale betreten, er würde sich

vielleicht wundern, daß dort so viele fein gekleidete Herren mit

Soldaten sitzen, im übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges

finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen

Freundschaften zwischen Homosexuellen und Soldaten halten oft über die

ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning

erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern

von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land

bestellt, „Frischgeschlachtetes“ als Zeichen freundlichen Gedenkens.

Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden

Brüder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach

einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen.

Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung

seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig

gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann

nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa

Platz, während der Urning, bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die

mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln

stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber

zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um

ein Beträchtliches übersteigt.

Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen

Dienstes besprochen; was der „Alte“ (Hauptmann) beim Apell gesagt hat,

was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht

am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich

geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die

Feldflasche mit Rotspohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu

haben.

Am Parademorgen aber steht der Urning in der Belle-Alliancestraße an

der verabredeten Stelle schon ganz früh, um ja noch in der ersten Reihe

Platz zu bekommen. Hoffentlich ist sein Soldat Flügelmann, daß man ihn

auch ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zurückkommt,

und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen“ in den Cirkus,

nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage als Extrasold

erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbüchse versenkt hat.

Ein noch größerer Feiertag aber ist das

„Kaisersgeburtstagskompagnievergnügen“. Da geht der Homosexuelle als

„Cousin“ mit seinem Freunde hin. In rührender Glückseligkeit tanzt er

mit dem Mädchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er

hat keine Ahnung, wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen

und während er das Mädchen umfaßt hielt, nur an ihn gedacht. Womöglich

spricht auch der Hauptmann mit ihm als Cousin seines Gefreiten oder

Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daß der Homosexuelle

zu seinem Leidwesen diesem Festtage fern bleiben muß, wenn er nämlich

einige Tage zuvor mit einem der anwesenden Offiziere irgendwo an

demselben Diner teilgenommen hat.

Die Gründe, welche den Soldaten zum Verkehr mit Homosexuellen

veranlassen, liegen nahe; es ist einmal der Wunsch, sich das Leben

in der Großstadt etwas komfortabler zu gestalten, besseres Essen,

mehr Getränke, Zigarren und Vergnügungen (Tanzboden, Theater &c.) zu

haben; dazu kommt, daß er -- der oft sehr bildungsbedürftige Landwirt,

Handwerker oder Arbeiter -- im Verkehr mit dem Homosexuellen geistig

zu profitieren hofft, dieser gibt ihm gute Bücher, spricht mit ihm

über die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich

schickt und was er nicht tun soll; das oft drollige, komische Wesen

des Urnings trägt auch zu seiner Erheiterung bei; wenn sein Freund

ihm abends Couplets vorsingt oder ihm gar, mit dem Lampenschirm als

Kapotte und einer Schürze weiblich zurecht gestutzt, etwas vortanzt,

amüsiert er sich in seiner Naivität über alle Maßen. Weitere Momente

sind der Mangel an Geld oder an Mädchen, die dem Soldaten nichts

kosten, die Furcht vor den beim Militär sehr übel accreditierten

Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleibenden

Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue geschworen und

die in jedem „Schreibebrief“ ängstlich an diesen Schwur gemahnt.

In der Nähe der geschilderten Kneipen befindet sich vielfach auch

der „militärische Strich“, auf dem die Soldaten einzeln oder in

Paaren gehend Annäherung an Homosexuelle suchen. Ich will hier auf

eine wichtige Erscheinung hinweisen, auf die mich ein weit gereister

Homosexueller aufmerksam machte, und deren Richtigkeit mir auf Befragen

seitdem von zuverlässigen Gewährsmännern übereinstimmend bestätigt

wurde. Die „Soldatenprostitution“ ist in einem Lande um so stärker, je

mehr die Gesetze die Homosexualität verfolgen. Offenbar hängt diese

Tatsache damit zusammen, daß man in Ländern mit Urningsparagraphen von

den Soldaten am wenigsten Erpressungen und andere Unannehmlichkeiten zu

fürchten hat.

Außer in London, wo sich in den belebtesten Parks und Straßen

vom Spätnachmittag bis nach Mitternacht zahlreiche Soldaten in

unverkennbarer Weise feilbieten, fand unser Gewährsmann in keiner

Weltstadt jeden Abend solche Auswahl an Soldaten verschiedener

Waffengattungen, wie in Berlin. Es gibt etwa ein halbes Dutzend

Stellen, auf denen die Soldaten nach Einbruch der Dämmerung in

bestimmter Absicht auf- und abgehen. Wie die Lokale, wechseln auch die

„Striche“ ziemlich häufig, so ist erst neuerdings ein vielbegangener

Weg, das Planufer, den Soldaten verboten worden.

Sehr verbreitet ist die Soldatenprostitution namentlich in den

skandinavischen Hauptstädten; in Stockholm läßt man seit einigen

Jahren sogar eigene Militärpatrouillen auf Soldaten fahnden, die

zu dem erwähnten Zwecke „herumstreichen“, doch hat dies, wie unser

Gewährsmann, der lange in der schwedischen Hauptstadt lebte,

versichert, nichts geholfen.

In Helsingfors, der Hauptstadt Finlands, einem Orte von etwa 80.000

Einwohnern, ist die militärische Prostitution ganz besonders stark

hervortretend. Etwas geringer ist sie in Petersburg, wo auf einem

vom Centrum der Stadt weit entfernten Platz besonders Matrosen

Bekanntschaften mit Homosexuellen suchen.

Unser Gewährsmann vergleicht mit diesen Städten Paris, wo er „in

18 Monaten nur Rudimente eines militärischen Strichs“ nachweisen

konnte, sowie die einschlägigen Verhältnisse in Amsterdam, Brüssel,

Rom, Mailand, Neapel und Florenz (Städte ohne Urningsparagraphen)

und gelangt zu dem Schlusse, „daß in allen europäischen Ländern mit

strengen Strafbestimmungen gegen den homosexuellen Verkehr die Hingabe

von Soldaten in einer Weise auftritt, die man nicht für möglich halten

sollte, wenn man es nicht mit eigenen Augen beobachtet hat, während man

in Ländern ohne Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung

bemerkt“.

Die gebräuchliche Bezeichnung „Soldatenprostitution“ entspricht

übrigens dem sonstigen Begriff der Prostitution nicht, da es sich ja

bei den Soldaten keineswegs „um eine berufs- oder gewerbsmäßige Hingabe

des Körpers“ handelt. Ich möchte hier der weitverbreiteten Ansicht

entgegentreten, als ob dem Verkehr zwischen Soldaten und Homosexuellen

gewöhnlich Akte zu Grunde liegen, die an und für sich strafbar sind.

Kommt es zu geschlechtlichen Handlungen, was durchaus nicht immer der

Fall ist, so bestehen diese fast stets in Erregungen durch Umarmen,

Aneinanderpressen und Berühren der Körperteile, wie dies überhaupt

bei homosexueller Betätigung die Regel ist. Die Vorstellung, der

homosexuelle, namentlich auch der weiblicher geartete, sei Päderast in

des Wortes üblichem Sinn, ist eine vollkommen irrtümliche. In meiner

Praxis ereignete sich kürzlich eine Episode, die mir zeigte, wie stark

auch noch in Berlin diese Meinung vorherrscht. Bald nachdem in den

Zeitungen infolge der von mir unternommenen statistischen Umfrage über

die Zahl der Urninge viel von Homosexualität die Rede war, suchte

mich ein biederer Schlächtermeister aus dem Osten auf, ein völlig

normaler Familienvater, welcher sich allen Ernstes mit folgenden Worten

einführte: „Ich habe seit einigen Wochen ein so starkes Jucken in der

Nähe des Afters und wollte Sie daher bitten, einmal nachzusehen, ob ich

homosexuell veranlagt bin.“

Die Seltenheit eigentlich päderastischer Akte ändert aber nichts an

der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der betreffenden Strafbestimmung,

da das gesellschaftlich Vernichtende bereits die Voruntersuchung ist

und das Gericht -- wenn bestraft wird, auch ganz mit Recht -- sich

nicht so streng an die bestimmte Art der Betätigung hält. Im übrigen

wiederhole ich, daß das rein sexuelle Moment im Leben und der Liebe des

Homosexuellen keine größere Rolle spielt, wie im nichturnischen Leben;

ich würde diese Frage ihres intimen und privaten Charakters wegen

überhaupt nicht in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen haben, wenn

sie nicht von den Verfechtern einer falschen Moral immer wieder als

Hauptsache in den Vordergrund gezerrt würde. --

Es gibt noch einen zweiten Stand, der in Berlin seit langer Zeit mit

den Urningen vielfache Beziehungen unterhält; das sind die Athleten.

Die zahlreichen Athleten-Vereine der Hauptstadt setzen sich zumeist aus

unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr zusammen;

größtenteils sind es Schlosser, Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter.

Bei diesen Leuten gilt Kraft, Gefahr und Kühnheit alles. In ihren Augen

ist „der Kampf zwischen Rußland und Japan überhaupt kein Kampf, weil so

viel geschossen und so wenig gerungen, gestochen und geboxt wird“.

Wir betreten einen Athletenklub, welcher mit Homosexuellen im

Zusammenhange steht. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft wird

„gearbeitet“. Der kleine Raum ist von Öl-, Metall- und Schweißgeruch

erfüllt, jener eigentümlichen Ausdünstung, wie sie den Körpern der

Eisenarbeiter zu entströmen pflegt. Auf dem Boden liegen Eisenstangen,

Hanteln, Gewichte von 100 und mehr Pfund, daneben eine Matratze, auf

der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende Athleten sind zugegen,

teils in schwarzem Tricot, teils mit entblößtem Oberkörper, Brust und

Arme tätowiert.

An der Fensterseite des Zimmers steht ein langer, schmaler Tisch,

von Bänken umgeben, auf denen eine Anzahl Herren sitzen, deren

vornehme Züge und Anzüge mit denen der starken Männer seltsam

kontrastieren. Oben am Tisch sitzt die Präsidentin oder Protektorin des

Athletenklubs, ein Damenschneider, auf den das Wort Martials zutrifft,

„daß er mit einer kleinen Ausnahme alles von seiner Mutter hat“.

Kein Uneingeweihter würde in ihm ein Mitglied des Athletenklubs --

geschweige denn dessen Präsidentin vermuten.

Auf dem Tisch befindet sich eine Sparbüchse, in welche die Gäste ihr

Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von Gewichten und

Matratzen tun. Außerdem berichtigen sie die Zechen ihrer Athleten, die

vor und während der Arbeit in Selter, Limonade und Zigaretten, nach dem

Gewichteheben und Ringen in Bier und Abendbrot bestehen.

Die urnischen Freunde sorgen, daß fleißig geübt wird, die plastische

Schönheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln wird von den

sachverständigen Gönnern eifrig verfolgt, jeder „Gang“ auf das

lebhafteste kritisiert.

Manche Homosexuelle verbinden sich mit den Athleten besonders

auch deshalb, um, wenn sie irgendwie belästigt oder infolge des

unglücklichen § 175 erpreßt werden, handfeste, unerschrockene Männer

zur Verfügung zu haben, auf deren Schutz und „tatkräftige“ Freundschaft

sie sicher bauen können.

Von einigen Wirten urnischer Lokale, aber durchaus nicht von diesen

allein, werden namentlich im Winterhalbjahr große Urningsbälle

veranstaltet, die in ihrer Art und Ausdehnung eine Spezialität von

Berlin sind. Hervorragenden Fremden, namentlich Ausländern, die in der

jüngsten der europäischen Weltstädte etwas ganz Besonderes zu sehen

wünschen, werden sie von höheren Beamten als eine der interessantesten

Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie sind auch bereits wiederholt

beschrieben, so neuerdings von Oskar Méténier in „_Vertus et Vices

allemands, les Berlinois chez eux_“.[2] In der Hochsaison von Oktober

bis Ostern finden diese Bälle in der Woche mehrmals, oft sogar mehrere

an einem Abend statt. Trotzdem das Eintrittsgeld selten weniger als

1,50 M. beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast

stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts

Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie

ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst

nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind.

Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommées, vor allem

der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach

selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball

im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren

gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle

noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu

füllen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- oder Straßen-Anzug,

sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in

undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt,

wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein

Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern,

manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen

Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs.

betragen sollte.

Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich,

daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere

mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr

erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem

der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse,

auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber

doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann“ war. Wirkliche Weiber sind auf

diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann und wann bringt

ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder -- seine Ehefrau mit. Man

verfährt im allgemeinen bei den Urningen nicht so streng wie auf den

analogen Urnindenbällen, auf denen jedem „echten Mann“ strengstens der

Zutritt versagt ist. Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken

auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten

Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes

„als Weib“ kommen. Die schönsten Kostüme werden auf ein Zeichen, des

Einberufers mit donnerndem Tusch empfangen und von diesem selbst

durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr erreicht der Besuch

gewöhnlich seinen Höhepunkt. Gegen 2 Uhr findet die Kaffeepause --

die Haupteinnahmequelle des Saalinhabers -- statt. In wenigen Minuten

sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, an denen mehrere hundert

Personen Platz nehmen; einige humoristische Gesangsvorträge und Tänze

anwesender „Damenimitatoren“ würzen die Unterhaltung, dann setzt sich

das fröhliche Treiben bis zum frühen Morgen fort.

In einem der großen Säle, in welchem die Urninge ihre Bälle

veranstalten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend für

Uranierinnen statt, von denen sich ein großer Teil in Herrenkostüm

einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann man

alljährlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten Kostümfest

sehen. Das Fest ist nicht öffentlich, sondern gewöhnlich nur denjenigen

zugänglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. Eine Teilnehmerin

entwirft mir folgende anschauliche Schilderung: „An einem schönen

Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten Berliner Hotels

Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in Kostümen aller Länder

und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen flotten Couleurstudenten

mit mächtigen Renommierschmissen ankommen, dort hilft ein schlanker

Rokokoherr seiner Dame galant aus der Equipage. Immer dichter füllen

sich die strahlend erleuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker

Kapuziner ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots,

Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offiziere, Herren und

Damen im Reitanzug, Buren, Japaner und zierliche Geishas neigen. Eine

glutäugige Carmen setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener

schließt mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in buntesten

Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein höchst eigenartiges

anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die Festteilnehmerinnen an

blumengeschmückten Tafeln. Die Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt

in kurzer kerniger Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische

fortgeräumt. Die „Donauwellen“ erklingen, und begleitet von fröhlichen

Tanzweisen, schwingen sich die Paare die Nacht hindurch im Kreise.

Aus den Nebensälen hört man helles Lachen, Klingen der Gläser und

munteres Singen, nirgends aber -- wohin man sieht -- werden die Grenzen

eines Kostümfestes vornehmer Art überschritten. Kein Mißton trübt

die allgemeine Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten

Dämmerlicht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie

sich unter Mitempfindenden wenige Stunden als das träumen durften,

was sie innerlich sind. Wem es je vergönnt war, schließt Frl. R.

ihren Bericht, ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher

Überzeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten Uranierinnen

eintreten, denn er wird sich darüber klar geworden sein, daß es überall

gute und schlechte Menschen gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung

aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen

zum Guten oder Bösen stempelt.“

Nicht weniger wie die Bälle, sind auch die „Herrenabende“ besucht,

theaterartige Veranstaltungen, welche von Zeit zu Zeit von Urningen für

Urninge gegeben werden. Gewöhnlich sind sämtliche auftretenden Künstler

„Zwischenstufen“; besonders beliebt ist es, berühmte Literaturwerke

homosexuell zu parodieren, und es erregt nicht geringe Heiterkeit,

wenn die Engeln als Marthe Schwertlein, die Harfenjule als Salome oder

gar Schwanhilde, als Maria Stuart, Königin Elisabeth und Amme in einer

Person auftritt.

Außer den Restaurants gibt es in Berlin auch Hotels, Pensionate und

Badeanstalten, die fast ausschließlich von Homosexuellen besucht

werden; dagegen habe ich ein von Pastor Philipps neuerdings, wie

bereits früher, erwähntes Berliner Gemeinschaftshaus der Homosexuellen

bisher nicht ermitteln können.

Die Homosexualität in Badeanstalten ist in Berlin bei weitem nicht so

verbreitet, wie in anderen Großstädten, namentlich in St. Petersburg

und Wien. In der österreichischen Hauptstadt befindet sich ein Bad, das

durch den ganz außerordentlich starken Zusammenfluß von Homosexuellen

an bestimmten Tagen, zu gewissen Stunden einzig dastehen dürfte. In

Berlin weiß ich von vier mittelgroßen Badeanstalten, die nur von

homosexueller Kundschaft leben. Auch einige Schwimmbassins sind zu

bestimmten Tageszeiten Treffpunkte der Homosexuellen.

Vielfach sind in diesen Anstalten, ebenso wie in den Restaurationen

und Hotels, der Besitzer oder ein Angestellter homosexuell. Dieselben

sind ursprünglich meist nicht in der Absicht gegründet, urnische

Bekanntschaften zu vermitteln oder gar der Unzucht Vorschub zu leisten

(im Sinne des § 180 R.-St.-G.-B.), vielmehr hat es sich allmählich

herumgesprochen, daß der Eigentümer oder der Oberkellner oder ein

Masseur „so“ ist, worauf sich dann viele Urninge dorthin ziehen, weil

sie sich dort ungenierter fühlen.

Die Besitzer sind sich oft gewiß nicht darüber klar, daß sie dabei

Gefahr laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in

Konflikt zu geraten. Vor kurzem erregte ein Prozeß wegen homosexueller

Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier

angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt ein

Pensions-Hotel führte, das überwiegend von homosexuellen Damen und

Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten -- meines Erachtens

nicht mit Unrecht -- darauf hinwiesen, daß sie keine höheren Preise

forderten und erhielten, wie sie in ähnlichen Etablissements üblich

sind, ferner, daß sie sich nicht befugt hielten, zu kontrollieren, was

ihre Gäste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabgeordneter gehörte,

auf ihren Zimmern mit ihren Besuchern täten, wurden beide zu einer

Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt.

Einer wieviel größeren Gefahr setzen sich die Hotelwirte aus, bei

denen sich für wenige Stunden die männlichen Prostituierten mit ihren

Herren einfinden, sowie die urnischen Absteigequartiere, deren es

in Berlin eine ganze Anzahl geben soll. Diese Quartiere sind eine

unmittelbare Folge der durch den § 175 geschaffenen Verhältnisse. Sie

werden besonders von Uraniern vornehmer Gesellschaftskreise, auch viel

von uranischen Offizieren auswärtiger Garnisonen benutzt, die sich aus

wohlbegründeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verrätern in die

Hände zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, die ihnen etwas

„ganz Sicheres“ besorgen sollen.

In Brüssel wurde in diesem Sommer ein Schuhmacher mit seiner Frau

verhaftet, bei dem man zahlreiche Albums mit Photographieen vorfand,

die den Nachfragenden zur Auswahl vorgelegt wurden. Ähnliches kommt

auch in Berlin vor. Wie mir verbürgt mitgeteilt wurde, gibt es

Vermittler, bei denen sich Herren mündlich und schriftlich, ja sogar

telegraphisch Personen unter Angabe aller möglichen fetischistischen

Liebhabereien bestellen, einen Kürassier mit weißen Hosen und hohen

Stiefeln, Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidern, einen

Bierkutscher, einen Steinträger in Arbeitsanzug, ja sogar einen

Schornsteinfeger. Fast alle finden dann zu der bestimmten Stunde

das Erbetene vor. Auch für urnische Damen existieren ähnliche

Vermittelungslokale.

Unbewußt leistet auch die Berliner Tagespresse den Urningen

umfangreiche Mittlerdienste. In manchen Blättern findet man fast

täglich mehrere Inserate, die homosexuellen Zwecken dienen, wie „junge

Frau sucht Freundin“, „junger Mann sucht Freund“. Ich gebe hier einige

Beispiele derartiger Annoncen wieder, die innerhalb kurzer Zeit

Berliner Zeitungen verschiedenster Parteirichtung entnommen wurden.

Wie mir mehrfach versichert wurde, werden diese Inserate von denen, für

die sie berechnet sind, sehr wohl verstanden.

=Älterer Herr=, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit

Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt. _=S.O.=_ 2099 an die

Exped. d. Bl.

* * * * *

=Älterer= Junggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“,

Morgenpost Bülowstraße.

* * * * *

=Herr=, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an

Hauptexpedition Kochstraße erbeten.

* * * * *

Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m.

led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off. =_A. B._= 11

Postamt 76.

* * * * *

=Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m.

energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb.

unt. _T. L. W._ Expedit. d. Blattes.=

Wir haben bereits wiederholt die männliche Prostitution erwähnen müssen

und dürfen diese gewiß beklagenswerte Erscheinung nicht übergehen,

wenn wir eine einigermaßen vollständige Schilderung der vielseitigen

Gestaltungsformen geben wollen, in denen uns das urnische Leben Berlins

entgegentritt.

=Fräulein=, anständ., 24 Jahre, sucht hübsches Fräulein als

Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Exped. erbeten.

* * * * *

=Dame=, 36, wünscht freundschaftlichen Verkehr. Postamt 16,

„Plato“.

* * * * *

=Herzensfreundin=, nette, sucht geistvolle, lebenslustige

Dame, 23. Psyche, Postamt 69.

* * * * *

=Suche gebild. Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine.

Off. u. _H. R._ 1622 Exp. d. Bl.=

* * * * *

=Schneiderin=, 22, wünscht „Freundin“, Postamt 33.

Wie jede Großstadt, hat auch Berlin neben der weiblichen eine männliche

Prostitution. Beide sind eng verwandt durch Abstammung, Wesen,

Ursachen und Folgen. Hier wie dort kommen stets zwei Gründe zusammen,

von denen bald der eine, bald der andere den Ausschlag gibt: innere

Anlagen und äußere Verhältnisse. In denjenigen, die der Prostitution

anheimfallen, ruhen von Jugend an bestimmte Eigentümlichkeiten, unter

welchen ein mit dem Hang zur Bequemlichkeit verbundener Drang zum

Wohlleben am deutlichsten hervortritt. Sind bei diesen Eigenschaften

die äußeren Verhältnisse günstig, sind namentlich die Eltern vermögend,

so verfallen die jungen Leute nicht der Prostitution; tritt aber

häusliches Elend hinzu, kümmerlicher Lebensunterhalt, Arbeits- und

Stellungslosigkeit, Mangel an Unterkommen und womöglich die größte

aller Sorgen, der Hunger, dann halten wohl von Natur aus stabile, in

sich gefestigte Charaktere stand, die labilen aber suchen die nie

fehlende Versuchung, sie erliegen und verkaufen sich, trotz der Tränen

der Mutter.

Es gibt Menschenfreunde, die die Besserung von der Freiheit des Willens

und andere, die sie vom Zwang der Verhältnisse erwarten; nach Erziehung

und Religion verlangen die einen, nach dem Zukunftsstaat die anderen.

Beide sind zu optimistisch. Wer helfen will, muß innen und außen

ansetzen, die Verhältnisse zu bessern trachten, daß kein Mädchen und

kein Jüngling es nötig hat sich zu verkaufen, und die Personen bessern

unter besonderer Rücksicht der Vererbungsgesetze, daß niemand die

Neigung verspürt, sich als Ware feilzubieten.

Ihr sagt, das ist nicht zu erreichen, ich aber meine, nur was man

aufgibt, ist verloren.

Das Arbeitsfeld der Prostitution ist die Straße; bestimmte Gegenden und

Plätze, die sogenannten „Striche“. Ein Homosexueller zeigte mir einmal

einen Plan von Berlin, auf dem er diese mit blauen „Strichen“ versehen

hatte; die Zahl der so bezeichneten Stellen war keine geringe.

Seit alters spielt auf diesem Gebiete der Tiergarten in einigen seiner

Partieen eine besondere Rolle. Es gibt wohl keinen zweiten Wald, der so

mit Menschenschicksalen verwoben ist, wie dieser über 1000 Morgen große

Park.

Nicht seine landschaftlichen Schönheiten, nicht der künstlerische

Schmuck, der Menschen Leben, Lieben und Leiden verleihen ihm seine

Bedeutung. Vom frühen Morgen, wenn die Begüterten auf den Reitwegen

ihr Herz entfetten, bis zum Mittag, wenn der Kaiser seine Spazierfahrt

unternimmt, vom Frühnachmittag, wenn im Parke tausend Kinder spielen,

bis zum Spätnachmittag, wenn sich das Bürgertum ergeht, hat jeder

Weg zu jeder Jahreszeit und jeder Stunde sein eigenes Gepräge. Hätte

Emile Zola in Berlin gelebt, ich zweifle nicht, daß er diesen Forst

durchforscht und von dem, was er wahrgenommen, ein Werk von der Wucht

Germinals geschaffen hätte.

Wenn es aber Abend wird und sich anderen Welten die Sonne neigt, mischt

sich mit dem Hauch der Dämmerung ein Hauch, der suchend und sehnend

aufsteigt aus Millionen irdischer Wesen, ein Teil des Welt=geistes=,

den manche den Geist der Unzucht nennen, und der doch in Wahrheit nur

ein Bruchstück der großen gewaltigen Triebkraft ist, die, so hoch wie

Nichts und so niedrig wie Nichts, unablässig gestaltet, waltet, bildet

und formt.

Überall treffen sich an den Kreuzwegen des Tiergartens verabredete

Paare, man sieht, wie sie sich entgegeneilen, sich freudig begrüßen und

aneinander geschmiegt im Gespräch der Zukunft entgegenschreiten, man

steht sie sich auf noch freien Bänken niederlassen und schweigend sich

umarmen und neben der hohen, der unveräußerlichen geht die niedere,

käufliche Liebe einher.

Auf drei weit auseinander gelegenen Wegen halten sich Weiber,

auf zweien Männer feil. Während in der Stadt die weibliche und

männliche Prostitution durcheinander flutet, hat hier jede ihren

„Strich“ für sich, von den männlichen ist der eine allabendlich

fast nur von Kavalleristen erfüllt, deren Säbel in der Finsterniß

seltsam aufblitzen, während der andere, eine ziemlich lange Strecke,

größtenteils von den verwegenen Burschen eingenommen wird, die sich

im Berliner Volkston mit Vorliebe selbst „keß und jemeene“ nennen.

Hier ist eine jener alten halbrunden Tiergartenbänke, auf der in den

Stunden vor Mitternacht an dreißig Prostituierte und Obdachlose dicht

nebeneinander sitzen, manche sind fest eingeschlafen, andere johlen und

kreischen. Sie nennen diese Bank die „Kunstausstellung.“ Dann und wann

kommt ein Mann, steckt ein Wachsstreichholz an und leuchtet die Reihe

ab.

Nicht selten tönt in das Juchzen der Jungen ein greller Schrei, der

Hilferuf eines im Walde Beraubten oder Gemißhandelten, oder ein kurzer

Knall schallt in die von den entfernten Zelten in vereinzelten Stößen

herüberdringende Musik -- er kündet von einem, der sein Leben verneinte.

Und wer Originale sucht, von denen sehr zu Unrecht behauptet wird, sie

seien in der Großstadt ausgestorben, im Tiergarten sind sie reichlich

zu finden. Seht Ihr die Alte dort mit den vier Hunden am Neuen See?

Seit vierzig Jahren macht sie mit kurzer Sommerunterbrechung zu

derselben Stunde denselben Spaziergang, nie von Menschen begleitet, von

jener Zeit ab, da ihr am Hochzeitstage zwischen der standesamtlichen

und kirchlichen Trauung der Mann am Blutsturz verschied; seht Ihr

dort die ausgedörrte, gekrümmte Gestalt im struppigen Graubart? Das

ist ein russischer Baron, der erspäht sich abends eine einsame Bank,

dort läßt er sich nieder und schreit „rab, rab, rab“, ähnlich wie ein

Rabe krächzt; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen Lockruf einige

„kesse Schieber“ hervor, es sind seine Freunde, unter denen er die

„Platten“, gewöhnlich drei bis fünf Mark, verteilt, die ihm von seinem

Tageszins geblieben sind.

Die männlichen Prostituierten zerfallen in zwei Gruppen, in solche,

die normalgeschlechtlich und in solche, die „echt“, d. h. selbst

homosexuell sind. Letztere sind zum Teil stark feminin, und einige

gehen auch gelegentlich in Weiberkleidern aus, was jedoch in den

Kreisen der weiblichen Prostituierten übel vermerkt wird. Es ist dies

zwischen beiden fast der einzige _casus belli_, denn die Erfahrung

hat sie gelehrt, daß sie ohne diese Vorspiegelung falscher Tatsachen

einander nicht die Kundschaft fortnehmen. Eine ziemlich gebildete

Prostituierte, die ich einmal nach einer Erklärung des guten

Einvernehmens zwischen den weiblichen und männlichen Prostituierten

fragte, antwortete mir: „Wir wissen doch, daß jeder „Freier“ nach

seiner Façon selig werden will.“

Unter den Berliner Prostituierten kommen vielfach eigentümliche

Paarungen vor. So tun sich normale männliche Prostituierte, die

sogenannten Pupenluden, nicht selten mit normalen weiblichen

Prostituierten zu gemeinsamer „Arbeit“ zusammen, auch von zwei

Geschwisterpaaren ist mir berichtet, von denen sowohl die Schwester

wie der Bruder diesem erniedrigenden Gewerbe obliegen; sehr häufig

leben zwei weibliche und nicht selten auch zwei männliche Prostituierte

zusammen, und endlich kommt es auch vor, daß sich homosexuelle

weibliche Prostituierte mit homosexuellen männlichen Prostituierten

als Zuhältern verbinden, die sie für weniger brutal halten, als ihre

heterosexuellen Kollegen.

Bekannt ist es, daß es unter den weiblichen Prostituierten eine große

Anzahl homosexueller gibt, man schätzt sie auf 20%. Mancher wundert

sich über diesen scheinbaren Widerspruch in sich, da doch das käufliche

Dirnentum vor allem der sexuellen Befriedigung des Mannes dient.

Vielfach meint man, es liege hier eine Übersättigung vor, das ist aber

in Wirklichkeit nicht der Fall, denn es läßt sich nachweisen, daß

diese Mädchen gewöhnlich schon homosexuell empfanden, ehe sie sich der

Prostitution ergaben, und es beweist die Tatsache ihrer Homosexualität

eigentlich nur, daß sie den Verkauf ihres Körpers lediglich als ein

Geschäft betrachten, dem sie mit kühler Berechnung gegenüberstehen.

Merkwürdig ist das Verhältnis der sich liebenden Prostituierten

untereinander. Bis in diese Kreise ist das System der doppelten Moral

gedrungen. Denn während der männliche, aktive Teil, der „Vater“

sich frei fühlt und sich auch außerhalb seines gemeinschaftlichen

Schlafgemachs weiblichen Verkehr gestattet, verlangt er von der

weiblich passiven Partnerin in Bezug auf homosexuellen Umgang die

vollkommenste Treue. Bei entdecktem Treubruch setzt sich sein

Verhältnis den schwersten Mißhandlungen aus, es kommt sogar vor,

daß der männliche Teil dem weiblichen während der Zeit ihres

Liebesbündnisses verbietet, ihrem Gewerbe nachzugehen.

Die weibliche Straßenprostitution Berlins unterhält auch vielfach

Beziehungen mit urnischen Frauen besserer Gesellschaftskreise, ja

sie scheut sich nicht, Frauen, die ihr homosexuell erscheinen, auf

der Straße Anerbietungen zu machen. Dabei ist zu bemerken, daß die

Preise für Frauen durchgängig geringere sind, ja, daß in vielen Fällen

jede Bezahlung abgewiesen wird. Mir berichtete eine junge Dame, die

allerdings einen sehr homosexuellen Eindruck macht, daß ihr auf der

Straße Prostituierte Angebote von 20 Mark und mehr gemacht hätten.

Sowohl die weibliche, wie die männliche Prostitution bedrohen durch ihr

böses Beispiel nicht nur die öffentliche Sittlichkeit, nicht nur die

öffentliche Gesundheit -- denn es ist durchaus nicht selten, daß auch

durch männliche Prostituierte ansteckende Krankheiten von der Skabies

(Krätze) bis zur Syphilis übertragen werden -- sondern auch in hohem

Maße die öffentliche Sicherheit.

Prostitution und Verbrechertum gehen Hand in Hand; Diebstähle

und Einbrüche, Erpressungen und Nötigungen, Fälschungen und

Unterschlagungen, Gewalttätigkeiten jeder Art, kurz alle möglichen

Verbrechen wider die Person und das Eigentum sind bei dem größten

Teile der männlichen Prostituierten an der Tagesordnung, und

besonders gefährlich ist es, daß diese Delikte von den verängstigten

Homosexuellen in den meisten Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden.

Verfallen in Berlin unter einer uranischen Bevölkerung von 50000

Seelen -- diese Zahl ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen -- im Jahr

durchschnittlich 20 „dem Arm der Gerechtigkeit“, so fällt mindestens

die hundertfache Zahl, nämlich 2000 im Jahr, den Erpressern in die

Arme, welche, wie die Berliner Kriminalpolizei gewiß gern bestätigen

wird, aus der Ausbeutung der homosexuellen Natur einen weitverbreiteten

und recht einträglichen Spezialberuf gebildet haben.

Die engen Beziehungen zwischen den Prostituierten und Verbrechern

gehen auch daraus hervor, daß beide sich desselben Jargons -- der

Verbrechersprache bedienen. Suchen sich „die Strichjungen“ ihre Opfer,

so nennen sie das „sie gehen auf die Krampftour“, das Erpressen selbst

in seinen verschiedenen Abstufungen nennen sie: „abkochen“, „brennen“,

„hochnehmen“, „prellen“, „neppen“, „abbürsten“, „rupfen“ und „klemmen“;

es sei hier übrigens bemerkt, daß es in Berlin auch Verbrecher gibt,

die das Rupfen der männlichen Prostituierten als Spezialität betreiben,

indem sie diese mit Anzeige wegen Päderastie oder Erpressung bedrohen.

Die „schwule Bande“ teilen sie nach ihrer Zahlungsfähigkeit in „Tölen“,

„Stubben“ und „Kavaliere“, das erbeutete Geld nennen sie „Asche“,

„Draht“, „Dittchen“, „Kies“, „Klamotten“, „Mesumme“, „Meschinne“,

„Monnaie“, „Moos“, „Pfund“, „Platten“, „Pulver“, „Zaster“, „Zimmt“, das

Goldgeld: „stumme Monarchen“, Geld haben heißt „in Form sein“, keins

haben „tot sein“, kommt ihnen etwas in die Quere, so sagen sie „die

Tour sei ihnen vermasselt“, fortlaufen heißt „türmen“, sterben „kapores

gehen“, werden sie von den „Greifern“, d. h. den Kriminalbeamten

oder den Blauen -- das sind die Schutzleute, abgefaßt, so nennen

sie das „hochgehen“, „auffliegen“, „alle werden“, „krachen gehen“

oder „verschütt gehen“. Dann kommen sie erst auf die „Polente“, das

Polizeibureau, darauf ins „Kittchen“, das Untersuchungsgefängnis, um

dann, wie sie sich euphemistisch ausdrücken, in einen „Berliner Vorort“

zu ziehen, darunter verstehen sie Tegel, Plötzensee und Rummelsburg,

die Sitze der Strafgefängnisse und des Arbeitshauses. Nur sehr selten

verlassen sie diese gebessert: Wohlhabende Urninge geben sich oft große

Mühe, Prostituierte von der Straße zu retten, doch gelingt auch dieses

nur in sehr vereinzelten Fällen. Viele „zehren“, wenn sie älter werden,

„von Erinnerungen“, indem sie ihnen als homosexuell bekannte Personen,

die ihren Standort kreuzen, um kleine Geldbeträge „anbohren“, was sie

als „Zinseneinholen“ oder „tirachen“ bezeichnen.

Gewöhnlich hat diese gefährliche Menschenklasse einen guten Blick

dafür, wer homosexuell veranlagt ist, doch kommt es auch sehr häufig

vor, daß sie völlig normalsexuelle Personen bedrohen und beschuldigen.

Ich gebe als Beispiel einen Fall, wie ich ihn vor einiger Zeit in

folgendem Schreiben geschildert erhielt:

„Im vorigen Herbst traf ich auf der Durchreise nach dem

Süden mit dem Abendzuge in Berlin ein und nahm für eine

Nacht Quartier in der Nähe des Zentralbahnhofes, um am

andern Morgen weiter zu reisen. Den milden freundlichen

Abend wollte ich zu einem Spaziergange benutzen.

Beim Verlassen der Passage sah ich eine Anzahl junger

Burschen zusammenstehen, von denen der eine, etwa 20 Jahre

alt, ein Schnupftuch laut wimmernd an die Backe preßte.

Unwillkührlich faßte ich ihn deshalb schärfer ins Auge,

als man es sonst tut, drehte mich auch noch einmal in

meinem Mitleid nach ihm um, als ich in die Mittelallee der

Linden einbog, um auf das Brandenburger Tor zuzugehen, in

der Absicht, das mir bis dahin unbekannte Bismarckdenkmal

noch flüchtig zu besichtigen. Nach kurzer Zeit sah ich

denselben jungen Mann, nunmehr allein, das Tuch noch

immer an die Backe gepreßt, mir vorausgehen und dann an

einer Litfaßsäule in der Nahe des Tores stehen bleiben.

Ich dachte mir nichts besonderes dabei und ging weiter.

Da trat er an mich heran und bat um ein Almosen, indem er

mir mit verschleierter, winselnder Stimme und flehentlich

bittend, ich solle ihn nicht der Polizei verraten, einen

langen Roman vortrug: er sei aus dem Osten, der Bromberger

Gegend, hergekommen, habe keine Arbeit gefunden, sei

jetzt ganz mittellos und habe seine Effekten für 16

Mark versetzt; sobald er soviel zusammenhabe, um diese

einlösen zu können, wolle er in die Heimat zurück. Wir

waren inzwischen an die Bedürfnisanstalt, rechts vor dem

Tore, gekommen; ich gab ihm 50 Pfennige mit dem Bemerken,

er solle sich durch Arbeit so viel verdienen, um seine

Effekten auslösen zu können, ich sei hier selber fremd und

nur auf der Durchreise; jetzt solle er seiner Wege gehen.

Ich trat dann in die Anstalt ein und hörte wohl, daß hinter

mir noch jemand eintrat, achtete aber nicht weiter darauf.

Als ich mich nun auf der anderen Seite entfernen wollte,

um den Weg nach dem Bismarckdenkmal einzuschlagen, sah ich

meinen Burschen grinsend und ohne Tuch mir den Weg verlegen

mit den Worten: „Wenn Sie mir jetzt nicht 16 Mark geben,

zeige ich Sie an, dann kommen Sie ins Loch.“ Zugleich

sagte er zu meinem namenlosen Erstaunen: „Ick zeige Ihnen

an, Sie Hallunke, wat Sie in Ihrer Wollüstigkeit mit

mir gemacht haben. Zahlen Sie 16 Mark, oder ick schrei,

det janz Berlin zusammenläuft.“ -- Ich bemerke, daß ich

58 Jahre alt, längst mehrfacher Großvater bin und einer

höheren Beamtenklasse angehöre. Wenn nicht mein Ruf, so

stand doch die Fortsetzung meiner Reise auf dem Spiel,

wenn ich in eine, noch dazu so ekelhafte, Untersuchung

verwickelt wurde. Ich trat daher schnell an den Rand der

Charlottenburger Chaussee und winkte eine leere Droschke

heran, bis dahin immerfort von den unflätigen Reden des

Burschen verfolgt. Ehe noch die Droschke hielt, schrie der

Chanteur -- jetzt mit völlig veränderter Stimme --: „Solch'

alter Hund, warte nur, Du sollst brummen.“ Zugleich machte

er Miene, vor mir in die Droschke einzusteigen. Es blieben

bereits einige Passanten stehen, einen Schutzmann aber

konnte ich nicht entdecken. Da griff ich in die Tasche,

hielt ihm ein Zehnmarkstück hin und warf es aufs Pflaster,

so daß er ziemlich weit laufen mußte, um es aufzuheben.

Diesen Moment benutzte ich, sprang in die Droschke

und trieb den Kutscher zur Eile an, indem ich ihm den

Zentralbahnhof als Ziel angab. Auf die Frage des Kutschers

nach dem Zusammenhange der Dinge sagte ich ihm, der Mensch

sei offenbar betrunken gewesen und habe von mir Geld

verlangt, worauf dieser mir gutmütig entgegnete: „Ja, ja,

det is hier eene Jaljenbande. Sie hatten det Aas man den

Nickel nich jeben sollen.“ Er ahnte nicht, daß es zehn Mark

gewesen waren. Ich verzichtete nun auf das Bismarckdenkmal

und andere Sehenswürdigkeiten Berlins, legte mich ins

Bett, schlief garnicht, und fuhr in aller Frühe dem Süden

zu. Seitdem bin ich mehrfach in Berlin gewesen, habe mich

aber wohl gehütet, Jünglinge mit oder ohne Schnupftuch

an der Backe aus Mitleid ins Auge zu fassen. Mir ist es

nicht zweifelhaft, daß dieses ostentative Drücken des

Schnupftuches an die Backe ein Chanteurkniff war, um die

Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und unter diesen

sich alsdann eine geeignete Persönlichkeit für seine

Chantage auszusuchen, so einen Gutmütigen aus der Provinz,

wie ich einer war. --

Sicher ist es hohe Zeit -- so schließt der Berichterstatter

-- diesem Verbrechertum durch Aufhebung des § 175 ein Ende

zu bereiten.“

Ich greife noch einen zweiten typischen Fall heraus, über den die

Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Nov. 1904 berichtet:

th. Der 10. Strafkammer des Landgerichts I lag gestern

wieder ein Fall vor, in dem ein verkommener Mensch den

§ 175 St. G. B. zu =Erpressungsversuchen= benutzt hat.

Der übel beleumundete Arbeiter Karl R. hat einen Herrn,

der im Leben nichts mit ihm zu tun gehabt hat, fort und

fort mit Briefen bombardiert, in denen unter Hinweisen

auf § 175 allerlei aus der Luft gegriffene Behauptungen

aufgestellt wurden und als Refrain der Versuch, Geld zu

erlangen, deutlich durchblickte. Der Adressat hat diese

Erpresserbriefe zunächst unberücksichtigt gelassen, da

er mit einer so schmutzigen Sache in gar keine Berührung

kommen wollte. Als aber durch diese Briefe fortgesetzt

Beunruhigung in seine Familie getragen wurde, erstattete er

Anzeige. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3

Jahren Gefängnis.

Schließlich noch aus vielen einen dritten Fall, der ebenfalls in

mehr als einer Richtung bezeichnend ist. Ein Homosexueller war einem

Prostituierten in seine Wohnung gefolgt; dort angelangt, sagte der

letztere mit eisiger Ruhe: „Ich bin Staudenemil (Staude heißt Hemd),

ein bekannter Erpresser, gib Dein Portemonnaie.“ Nachdem er dieses

erhalten, zog er seinen Rock aus, streifte die Hemdsärmel hoch, so daß

die mit obscönen Tätowierungen bedeckten Unterarme sichtbar wurden,

schleppte dann den Homosexuellen am Kragen an das Fenster seiner im

vierten Stockwerk gelegenen Wohnung und drohte ihn herunterzustürzen,

wenn er nicht alle Wertgegenstände herausgäbe, die er bei sich führe.

Als er sich überzeugte, daß er nichts mehr hatte, fragte er ihn,

wieviel Geld er zur Rückfahrt brauche, „schenkte“ ihm für dieselbe 50

Pfennig und „nun“ -- so fuhr er fort -- „kommst Du mit und saufst mit

mir Knallblech (Champagner), jetzt bist Du mein Gast.“ Wirklich ließ er

nicht locker, bis der Homosexuelle einen großen Teil dessen, was er von

ihm „geerbt“, mit ihm „verschmort“ hatte.

Wie kommt es, daß diese gefährlichen Subjekte so selten angezeigt

werden? Der Homosexuelle und auch die meisten Normalsexuellen scheuen

den Skandal, sie wissen, daß, wenn sie eine Anzeige erstatten, der

Beschuldigte sofort teils aus Rache, teils zu seiner Rechtfertigung

eine Gegenanzeige auf Grund des § 175 erstattet, und wenn auch die

wohlunterrichtete Berliner Kriminalbehörde seit der einsichtsvollen

Amtsführung des verstorbenen verdienten Kriminaldirektors von

Meerscheidt-Hüllessem, dem die Urninge der Hauptstadt zu größtem Dank

verpflichtet sind, auf die Aussagen der Erpresser und Diebe, sowie

der Prostituierten im allgemeinen nichts gibt, so zeigen sich die

Staatsanwälte und Richter oft weit weniger orientiert. Es ereignet sich

oft genug, daß der Erpresser zwar bestraft, sein Opfer aber auch aufs

schwerste kompromittiert, benachteiligt, in seiner Stellung vernichtet

wird. Ich erinnere nur an den in Berlin abgeurteilten Chantagefall

Aßmann und Genossen, dessen Opfer der unglückliche Graf H., Großvetter

unseres Kaisers, war. Ja, ich habe Fälle erlebt, in denen die

Staatsanwaltschaft auf die Aussage derartiger Individuen die Anklage

erhoben hat. Ein Fall ist mir namentlich im Gedächtnis geblieben.

Ein alter, homosexueller Herr hatte einen Mann, dessen Bild sich

im Berliner Verbrecheralbum befand, wegen Diebstahl angezeigt. Der

wiederholt vorbestrafte Dieb machte eine Gegenanzeige, er sei von

seinem Ankläger im Schlaf vergewaltigt worden. Unglaublicherweise

schenkte das Gericht dieser Angabe Glauben, vereidigte diesen Zeugen

und verurteilte den Homosexuellen, der bereits zweimal aus § 175

vorbestraft war, zu einem Jahr Gefängnis. Ich war als Sachverständiger

geladen und werde es nie vergessen, wie der alte Mann -- ein Hüne

von Gestalt -- bei dem ihm völlig unerwarteten Urteilsspruch in

sich zusammensank, dann sich aufbäumte und mit entsetzlichem,

gellenden Aufschrei seinen Richtern das eine Wort. „Justizmörder“

entgegenschleuderte.

Gewiß sind dies Ausnahmefälle, gewiß haben es die Homosexuellen, wie

mir einmal ein hoher Staatsbeamter entgegenhielt und wie es ja auch

aus meinen Schilderungen hervorgeht, in Berlin „bereits ganz gut“.

Darin liegt ja aber ein Beweis mehr für die Unhaltbarkeit eines

Gesetzes, das, wie sich kürzlich ein Urning ausdrückte, „nicht die Tat,

sondern das Pech“ bestraft. Ich wies bereits darauf hin, daß, wenn

man den überaus diskreten Charakter der in Frage kommenden Handlungen

berücksichtigt und in Betracht zieht, daß die beiden Täter, ohne die

Rechte Dritter anzutasten, die Tat unter sich und an sich vornehmen,

nur ganz ungewöhnliche Nebenumstände in verschwindend seltenen

Ausnahmefällen ein Bekanntwerden ermöglichen können.

Und trotzdem -- würden die Kriminalbehörden -- auf der von

Meerscheidt-Hüllessem eingerichteten „Berliner Päderastenliste“ stehen

mehrere tausend Namen -- gegen die Homosexuellen so vorgehen, wie sie

gegen wirkliche Verbrecher vorgehen, es würde sich in sehr kurzer

Zeit die völlig Undurchführbarkeit der bestehenden Strafbestimmungen

ergeben; dasselbe würde der Fall sein, wenn entsprechend der Kölner

Resolution der evangelischen Sittlichkeitsvereine, die „wirklich

krankhaft Geborenen“ unter den Homosexuellen in Heilanstalten

untergebracht werden würden. Ich betone, um keinen Irrtum aufkommen zu

lassen, hier nochmals, daß es sich bei den Forderungen zu Gunsten der

Homosexuellen lediglich um das handelt, =was erwachsene Personen in

freier Übereinstimmung unter einander vornehmen=; daß vor denen, die

Rechte Dritter verletzen, die sich an Minderjährigen vergreifen, die

Gewalt anwenden, daß vor den Sternbergen und Dippolden die Gesellschaft

geschützt werden muß, ist selbstverständlich.

Vor einiger Zeit äußerte sich in einer Berliner Lehrerzeitung[3]

ein Lehrer, daß man in Anbetracht der wissenschaftlichen

Forschungsergebnisse sich wohl oder übel mit der Frage beschäftigen

müsse, wie die Homosexuellen „auf eine den Zwecken der Gesellschaft

fördersame Art“ in dieselbe einzureihen wären.

Ist denn diese Frage nicht längst gelöst?

Wo ist in Berlin ein Kunstfreund, der sich nicht an der

Darstellungskunst einer urnischen Tragödin, wo ein Musikfreund, der

sich nicht am Gesange eines urnischen Liedersängers erfreut hätte!

Bist Du denn sicher, ob nicht der Koch, der Deine Speisen bereitet,

der Friseur, der Dich bedient, ob nicht der Damenschneider, der Deiner

Frau Kleider fertigt, und der Blumenhändler, der Deine Wohnung ziert,

urnisch empfinden?

Vertiefe Dich in die Meisterwerke der Weltliteratur, durchmustere die

Helden der Geschichte, wandele in den Spuren großer einsamer Denker,

immer wirst Du von Zeit zu Zeit auf Homosexuelle stoßen, die Dir teuer

sind und die groß waren trotz -- manche behaupten sogar durch -- ihre

Sonderart.

Ja weißt Du gewiß, ob unter denen, die Dir am nächsten stehen, die Du

am zärtlichsten liebst, am meisten verehrst, ob nicht unter Deinen

besten Freunden, Deinen Schwestern und Brüdern ein Urning ist?

Kein Vater, keine Mutter kann sagen, ob nicht eines ihrer Kinder dem

urnischen Geschlechte angehören wird.

Ich könnte auch hier viele Beispiele anführen, will mich jedoch auf

die Wiedergabe zweier Briefe beschränken, von denen der eine von einem

Vater, der andere von einer Mutter stammt.

Von den 750 Direktoren und Lehrern höherer Lehranstalten, die im

Jahre 1904 neben 2800 deutschen Ärzten die Petition an den Reichstag

unterschrieben, welche die Aufhebung des Urningsparagraphen fordert,

schrieb ein Berliner Pädagoge, „daß er noch bis vor kurzem, unbekannt

mit der in Rede stehenden Materie, an die Notwendigkeit des § 175

geglaubt hätte; erst nach dem Tode eines edlen, für das Schöne, Wahre

und Gute begeisterten Jünglings, dem die Entdeckung konträrsexueller

Neigungen den Revolver in die Hand drückte, -- seines Sohnes -- seien

ihm die Augen übergegangen und aufgegangen.“ „Ein schwergebeugter

Vater“, schließt er, „dankt dem wissenschaftlich-humanitären Komitee[4]

für sein menschenfreundliches Wirken.“

Und eine Mutter schreibt:

Hochgeehrter Herr!

In Anbetracht Ihrer Absicht, durch die Geburt und weiter

durch den § 175 des St. G. B. unglücklich gewordenen

Menschen helfen zu wollen, erlaube ich mir, folgende Fragen

an Sie zu richten, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe

zweier Menschen abhängt: „Ist Hoffnung vorhanden, daß der

genannte Paragraph im Laufe dieses Winters im Reichstag

zur Lesung gelangt und glauben Sie an die Möglichkeit

der Aufhebung dieses Gesetzes? Ein mir sehr nahe

stehender Verwandter[5] gehört zu diesen Unglücklichen.

Er ist ein hochbegabter junger Mann, der sich durch

seinen rechtschaffenen, braven Charakter, durch seinen

sittenreinen Lebenswandel die Achtung seiner Mitbürger,

insbesondere seiner Kollegen und Vorgesetzten in hohem

Grade erworben hatte. Durch seine bedeutenden Kenntnisse

verschaffte er sich bald eine gesicherte, einträgliche

Stellung, bis sich ihm das Verhängnis nahte in Gestalt der

abscheulichsten Erpresser. Leider war er schwach genug,

einmal der Verführung zu folgen. Nachdem er Tausende

geopfert, und seine Gesundheit durch die fortwährende Angst

und Sorge vor Entdeckung untergraben war, mußte er alles

aufgeben, seine Heimat, Eltern und Existenz, um der Schande

zu entgehen. Nach vielen Versuchen, sich ohne Heimatsschein

in der Schweiz eine ähnliche Stellung zu erwerben wie

bisher, aber ohne Erfolg, faßte er den Gedanken, nach

Amerika auszuwandern. Dort wollte er sich durch eisernen

Fleiß und solidestes Leben einen neuen, bis dahin ihm fern

stehenden Beruf gründen und hat auch hierin schon Examina

bestanden. Aber durch viele Widerwärtigkeiten verliert er

den Mut und setzt seine größte Hoffnung auf die Aufhebung

des bewußten Paragraphen. Seinen Vater hat inzwischen der

Tod ereilt, ohne daß der einzige Sohn an sein Sterbelager

eilen konnte, und die Mutter steht allein mit ihrem großen

Herzeleid, mit der ewigen Sehnsucht nach ihrem braven

unglücklichen Kinde, und ist oft der Verzweiflung nahe.

Dieselbe würde Ihnen, hochgeehrter Herr, in unbegrenzter

Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie ihr Hoffnung auf die

Erfüllung dieses ihres größten Wunsches machen, oder in

irgend einer Weise Rat erteilen könnten.“

Dies der Brief einer Mutter. Wem kommen bei diesen und ähnlichen

Begebenheiten nicht Goethes Worte in den Sinn. „Opfer fallen hier,

weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört“.

* * * * *

Wir sind am Ende unserer Wanderung, und ich danke dem Leser, der mir

diese weite Strecke gefolgt ist, welche über so viele dunkle Abgründe

menschlichen Elends, wenn auch über manche Höhe führte. Ehe wir uns

trennen, laß mich Dir noch zwei Geschehnisse aus der Vergangenheit und

Gegenwart berichten und eine Frage daran knüpfen.

Es war einmal ein Fürstbischof, Philipp, der residierte in der alten

Stadt Würzburg am Main. Es war in der Zeit von 1623-1631. In diesen

acht Jahren ließ der Bischof, wie uns die Chroniken rühmend berichten,

900 Hexen verbrennen. Er tat es im Namen des Christentums, im Namen der

Sittlichkeit, im Namen des Gesetzes und starb im Wahne, ein gutes Werk

vollbracht zu haben.

Wir aber, die wir wissen, daß es niemals Hexen gab, werden noch heute

von tiefem Schauder erfaßt, gedenken wir dieser zu unrecht gerichteten

Frauen und Mütter.

In unserer guten Stadt Berlin leben zwei geistliche Herren, von denen

der eine Philipps, der andere Runze heißt. Sie sagen, sie verkünden die

Lehren des verehrungswürdigsten Meisters, der da die Worte zum Volke

sprach: „Wer unter Euch frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein

auf sie.“

Wie ihre Vorgänger in den Lahmen Gezeichnete, in Geisteskranken

Besessene und in den Seuchen Strafen des Himmels sahen, so sehen sie

in den Homosexuellen Verbrecher und bezeichnen unseren Kampf für die

Homosexuellen als „ruchlose Schamlosigkeit“ (Kreissynode II Berlin vom

17. Mai 1904.)

Sie wähnen ein ebenso gutes Werk zu tun, wie weiland Fürstbischof

Philipp, wenn sie schwere Freiheitsstrafen für die Homosexuellen

fordern.

Nun prüfe, was ich Dir von den Berliner Urningen erzählte -- daß

alles der Wahrheit entspricht, dafür stehe ich ein -- erwäge es mit

Deinem Verstande und Deinem Herzen und entscheide, wo mehr Wahrheit,

mehr Liebe, mehr Recht, ob bei jenen Männern der Kirche, die sich

gewiß für sehr frei von Schuld halten, sonst würden sie schwerlich so

viel Steine auf die Homosexuellen werfen, oder auf Seiten derer, die

nicht wollen, daß sich die Opfer menschlichen Unverstandes noch hoher

häufen, die entsprechend den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung

und der Selbsterfahrung vieler tausend Personen wünschen, daß endlich

Verkennungen und Verfolgungen aufhören, an welche die Menschheit ganz

zweifellos einst mit ebenso tiefer Beschämung zurückdenken wird, wie an

die Hexenprozesse Philipp's, des streitbaren Bischofs von Franken.

Berlins Drittes Geschlecht · 第 5 / 7 题