Wer das Riesengemälde einer Weltstadt, wie Berlin nicht an der
Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf
nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des
Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflußt.
Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle
geboren werden, wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt
die Vermutung nahe, daß bewußt ober unbewußt diejenigen, welche von
der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben,
wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und
daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende
und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der
Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in
denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern. Während
dort leicht verfolgt werden kann und eifrig verfolgt wird, wann, wo
und mit wem der Nächste gegessen und getrunken hat, spazieren und zu
Bett gegangen ist, wissen in Berlin die Leute oft im Vorderhause nicht,
wer im Hinterhause wohnt, geschweige denn, was die Insassen treiben.
Gibt es hier doch Häuser, die an hundert Parteien, an tausend Menschen
beherbergen.
Was sich in der Großstadt dem Nichtkenner verbirgt, tritt, weil es sich
ungezwungener gibt, dem Kenner um so leichter entgegen.
Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen
Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern
vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar
in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem
männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat.
Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war,
nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel
angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der
weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo
mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder
doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise
entspricht.
Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen von Homosexuellen die
Rede ist, nicht an geschlechtliche Handlungen irgend welcher Art
denken. Kommen diese vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer
Strafbarkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- und
Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen ebenso ausgeprägt
ist wie bei den Normalsexuellen, der Beobachtung, keineswegs sind
sie das Hauptsächliche, sie fehlen sogar häufig. Das Wesentliche
ist das Wesen des Uraniers -- so wollen wir in dieser Schrift den
homosexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen -- sein Verhalten
gegenüber dem männlichen und weiblichen Geschlecht sind die aus seiner
Naturbeschaffenheit sich ergebenden Sympathieen und Antipathieen.
Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften urnischer
Menschen kennt, bleiben doch sehr viele verborgen, sei es, weil ihnen,
was nicht selten vorkommt, tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen,
sei es, weil sie ihre Lebenskomödie, die oft mehr eine Lebenstragödie
ist, mit großem Geschick spielen, indem sie sich den Normalen in allen
Gewohnheiten anpassen und ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen
wissen. Die meisten legen viel Wert darauf, daß „man ihnen nichts
anmerkt“. Ich kenne in Berlin Homosexuelle, auch solche, die durchaus
nicht enthaltsam sind, welche Jahre, Jahrzehnte, ja ihr ganzes Leben
lang ihre Umgebung über ihre Natur täuschten; besonders verbreitet
ist es auch, wenn den Kameraden über Liebesabenteuer berichtet wird,
ähnlich manchen Übersetzern antiker Schriftsteller, die männliche
Person in eine weibliche umzuwandeln.
Die örtlichen Verhältnisse Berlins erleichtern diese Umwandlung
ungemein. Wer im Osten wohnt, dort seine geschäftlichen und
verwandtschaftlichen Beziehungen hat, kann sich mit seinem Freunde
jahrelang im Süden treffen, ohne daß man in seiner Gegend etwas
davon weiß. Es gibt viele Berliner im Westen, die nie den Wedding
sahen, viele am Kreuzberg, die nie das Scheunenviertel betraten. Ich
behandelte lange eine alte Berlinerin, die die Witwe eines Musikers
war; sie hatten ein einziges Kind gehabt, einen Sohn, der nicht gut
tun wollte, früh hinter die Schule ging, Tage lang fortblieb und
vagabondierte. Die Eltern suchten ihn immer wieder, schließlich als
er 21 Jahre alt war, verloren sie die Geduld und ließen ihn laufen.
26 Jahre lang hatte die Mutter nichts mehr von ihrem Jungen gehört
und gesehen; sie hatte die Siebzig überschritten, ihr Mann war längst
gestorben, da tauchte er eines Tages wieder bei ihr auf, ein vorzeitig
gealterter 47jähriger Mann mit struppigem Vollbart, ein Pennbruder,
dessen „Organismus durch Alkohol vergiftet“ war; er wollte fragen,
ob sie nicht noch „von Vatern ein paar alte Kleider hätte“. Das
Eigenartige war, daß Mutter und Sohn in den 26 Jahren Berlin nie
verlassen hatten. In einer Kleinstadt würde ein solcher Fall nicht
möglich sein.
Man sollte es kaum glauben, wie viele Personen in der preußischen
Hauptstadt, die als ein Muster der Ordnung gilt und es auch im
Vergleich mit anderen Weltstädten ist, leben, ohne daß die Behörden
von ihnen wissen. Ich habe mit Erstaunen wahrgenommen, wie lange sich
oft ausgewiesene Ausländer unbeanstandet in Berlin aufhalten, noch
mehr, wie Personen, die polizeilich gesucht werden, Monate und Jahre
unangemeldet hier verweilen, nicht etwa in entlegenen Stadtvierteln,
sondern häufig auf den Sammelplätzen des Verkehrs, wo man sie am
wenigsten vermutet.
Wart Ihr schon einmal im Zimmer 361 auf dem Polizeipräsidium am
Alexanderplatz? Es ist eine der merkwürdigsten Stätten in dieser an
eindrucksvollen Örtlichkeiten gewiß nicht armen Stadt. Hoch über den
Dächern der Großstadt gelegen, befindet sich dieser Raum inmitten einer
Flucht von Zimmern, in denen alphabetisch geordnet zehn Millionen
Blätter aufgestapelt sind. Jedes Blatt bedeutet ein Menschenleben.
Die noch leben, liegen in blauen, die Verstorbenen ruhen in weißen
Pappkartons. Jedes Blatt enthält Namen, Geburtsort und Geburtstag
von jeder Person, die seit dem Jahre 1836 in einem Berliner Hause
eine Wohnung oder ein Zimmer inne hatte. Alle An- und Abmeldungen,
jeder Wechsel der Wohnungen wird sorgsam verzeichnet. Es gibt Bogen,
die dreißig Wohnungen und mehr enthalten, andere, auf denen nur eine
steht; es sind Personen darunter, die ihre Berliner Laufbahn in
einem Keller des Ostens begannen und im Tiergartenviertel endeten,
und andere, die anfangs vorn im ersten Stock wohnten und im Hof vier
Treppen ihre Tage beschlossen. Nach Zimmer 361 werden alle diejenigen
verwiesen, die in Berlin jemanden suchen. Von morgens 8 bis abends
7 Uhr wandern Hunderte und Hunderte, im Jahre viele Tausende die
hohen steinernen Treppen empor. Jede Auskunft kostet 25 Pfennig. Es
kommen nicht nur solche, die Geld zu fordern haben, Leute, für die ein
Mensch erst dann Wert bekommt, wenn er ihnen etwas schuldet, nein, so
mancher klimmt hinauf, der aus fernen Landen heimgekehrt ist und nun
nachforscht, ob und wo noch einer seiner Verwandten und Jugendgefährten
lebt. Die ersten Jahre schrieben sie einander noch, dann schlief der
Briefwechsel ein, und nun hat der Fremdling noch einmal die alte Heimat
aufgesucht. Bangen Herzens schreibt er den Namen und die letzte ihm
bekannte Wohnung seiner Mutter auf den Auskunftszettel -- sie ist lange
verstorben; er fragt nach Brüdern, Schwestern und Freunden, alle, alles
dahin, und tief bekümmert wandert der Vereinsamte die schmalen Treppen
wieder hinunter. Wie viele erkundigen sich da oben vergebens, Eltern,
die verlorene Söhne suchen, Schwestern, die nach ihren Brüdern fragen,
und Mädchen, die nach dem Vater des Kindes forschen, dessen Zukunft
in ihrem Schoße ruht. „Ist nicht gemeldet“, „unbekannt verzogen,“
„ausgewandert“, „verstorben,“ meldet der stets gleichmütige Beamte,
wenn er nach einer halben Stunde wiederkehrt und die Wartenden aufruft,
welche still, ernst und verzagt, nur selten frohen Mutes herabsteigen,
um wieder unterzutauchen in das Häuser- und Menschenmeer des gewaltigen
Berlin.
Die Leichtigkeit, in einer Stadt von 2½ Millionen Einwohnern unsichtbar
zu versinken, unterstützt sehr jene Spaltung der Persönlichkeit,
wie sie auf sexuellem Gebiete so häufig vorkommt. Der Berufsmensch
und der Geschlechtsmensch, der Tag- und Nachtmensch sind oft zwei
grundverschiedene Persönlichkeiten in einem Körper, der eine stolz
und ehrbar, sehr vornehm und gewissenhaft, der andere von allem das
Gegenteil. Das gilt für Homosexuelle ebenso wie für Normalsexuelle. Ich
kannte einen urnischen Rechtsanwalt, der, wenn er abends sein Bureau im
Potsdamer Viertel oder eine Gesellschaft seiner Kreise verlassen hatte,
seine Stammkneipe im südlichen Teil der Friedrichstadt aufsuchte, eine
Kaschemme, in der er mit dem Revolverheini, dem Schlächterherrmann,
dem Amerikafranzl, dem tollen Hunde und anderen Berliner Apachen die
halben Nächte spielend, trinkend und lärmend verbrachte. Die rohe Natur
dieser Verbrecher schien auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft
auszuüben. Noch weiter ging ein anderer, ein früherer Offizier, der
einer der ersten Familien des Landes angehört. Dieser vertauschte zwei-
bis dreimal die Woche abends den Frack mit einer alten Joppe, den
Zylinder mit einer Schiebermütze, den hohen Kragen mit einem bunten
Halstuch, zog sich den Sweater, Schiffer- oder Manchesterhosen und
Kommißstiefel an und trieb sich etliche Stunden in den Destillen des
Scheunenviertels umher, deren Insassen ihn für Ihresgleichen hielten.
Um vier Uhr früh fand er sich im Hammelstall, einer vielbesuchten
Arbeitslosenkneipe unweit des Bahnhofs Friedrichstraße, zum
„Kaffeestamm“ ein, nahm sein Frühstück für zehn Pfennig mit den
ärmsten Vagabonden, um nach einigen Stunden Schlaf wieder zum Leben
eines untadeligen Kavaliers zu erwachen.
Auch eine homosexuelle Dame ist mir erinnerlich, die in einem ganz
ähnlichen Doppelleben oft als Köchin die Tanzlokale von Dienstboten
besuchte, in deren Mitte sie sich außerordentlich wohl fühlte.
Besonders merkwürdig ist diese Halbierung oder -- wenn man will --
Verdoppelung der Persönlichkeit in denjenigen Fällen, wo sie zugleich
mit einer Spaltung in zwei Geschlechter verbunden ist.
Ich besitze die Photographie eines Mannes in eleganter Damentoilette,
der jahrelang unter den Weibern der Pariser Halbwelt eine Rolle
spielte, bis durch einen Zufall ans Licht kam, daß „sie“ in
Wirklichkeit ein Mann und zwar nicht einmal ein homosexueller Mann war.
Auch in Berlin sind wiederholt Männer aufgegriffen, die der weiblichen
Prostitution oblagen. Mehr als eine Frau ist mir in Berlin bekannt, die
zu Hause vollkommen als Mann lebt. Eine der ersten, die ich sah, war
mir während einer Feier in der Philharmonie durch ihre tiefe Stimme und
ihre männlichen Bewegungen aufgefallen. Ich machte ihre Bekanntschaft
und bat, sie besuchen zu dürfen. Als ich am folgenden Sonntagnachmittag
in der Dämmerstunde an ihrer Tür klingelte, öffnete mir ein junger
Mann, der von einem Hunde umsprungen wurde, die dampfende Zigarre in
der Hand hielt und nach meinem Begehr fragte. „Ich wünsche, Fräulein
X. zu sprechen, bringen Sie ihr, bitte, meine Karte.“ „Treten Sie nur
näher,“ erwiderte lachend der junge Bursche, „ich bin es ja selbst.“
Ich erfuhr, daß das Mädchen in ihrer Häuslichkeit vollkommen als Mann
lebte; es war eine wackere Person, die den Kampf mit dem Leben tapfer
aufgenommen, manche Heirat, durch die sie „gut versorgt“ worden wäre,
abgelehnt hatte, weil sie „keinen Mann betrügen“ wollte.
Die Spaltung der Persönlichkeit kann so weit gehen, daß der Tagesmensch
sich über die Lebensführung seines nächtlichen Ichs sittlich entrüstet
und heftig dagegen eifert. Es ist nicht immer bloße Heuchelei gewesen,
wenn jemand, der sich in den schärfsten Ausdrücken gegen die
Homosexualität wandte, eines Tages mit dem § 175 R.-Str.-G.-B. in
Konflikt geriet.
Wenn übrigens auch in Berlin trotz der verhältnismäßigen Bequemlichkeit
und Sicherheit sexuellen Verkehrs eine große Anzahl Uranier enthaltsam
leben -- was zweifellos der Fall ist --, so geschieht dies weniger
aus Angst, als weil ihre sonstige Charakterveranlagung sie zur
Enthaltsamkeit führt und ihnen dieselbe ermöglicht. Viele dieser
Homosexuellen leben als Junggesellen völlig einsam; manche bringen
durch intensive geistige Beschäftigung ihren Sexualtrieb zum Schweigen,
einige gelten als Sonderlinge, haben auch in der Tat häufig etwas
Schrullenhaftes, Altjüngferliches, andere entwickeln einen großen
Sammeleifer, der sich nicht selten auf Gegenstände erstreckt, die
mit ihrer Neigung in einem gewissen Zusammenhang stehen; so weiß
ich von einem urnischen Prinzen in Berlin, welcher mit einer wahren
Leidenschaft Soldaten-Darstellungen aller Zeiten und Länder sammelte.
Wieder andere suchen und finden eine Ablenkung und Befriedigung ihres
sexuellen Triebes darin, daß sie Stätten aufsuchen, Schwimmbäder,
Turnhallen, Sportplätze, wo sie Gelegenheit haben, sich am Anblick
ihnen sympathischer Gestalten zu erfreuen, oder aber sie schließen sich
aus denselben Grunde Vereinen an. Namentlich in den eingeschlechtlichen
Vereinen Berlins, wie den Turnvereinen und den Vereinen christlicher
junger Männer, ebenso auch in den Frauenklubs und Frauenvereinen --
vom Dienstboten- bis zum Stimmrechtsverein -- sind urnische Mitglieder
nichts Seltenes, oft ist sogar das urnische Element die treibende Kraft
des Vereins. Vielfach sind sich die Betreffenden ihrer Urningsnatur
gar nicht oder nur wenig bewußt und werden erst aufmerksam, wenn ein
dritter, meist mehr im Scherz als im Ernst, Bemerkungen macht, wie.
„Du benimmst Dich ja wie ein warmer Bruder.“
Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein Mitglied eines spiritistischen
Vereins auf, um sich zu vergewissern, ob er homosexuell sei; ein
Vereinsbruder habe ihm bei einem Streite zugerufen: „Schweig, Du
Zwitter.“ Dieser stark feminine und offenbar recht nervöse Jüngling
berichtete mir, daß er im gewöhnlichen Leben weder zum Weibe, noch zum
Manne sinnliche Regungen verspüre, nur wenn er in den Trance-Zustand
verfiele, was leicht der Fall sei, fühle er sich als eine Indierin und
empfände als solche eine starke Liebe zu einem seiner Vereinsbrüder.
Trotzdem sich die Urninge in ihren Vereinen meist gut zu beherrschen
wissen, kommt es doch hie und da zum „Skandal“, namentlich wenn sich
unter der Wirkung leichter Alkoholmengen die Zügel lockern, welche sie
ihrer wahren Natur sonst anzulegen wissen. Ich will ein in mehr als
einer Hinsicht lehrreiches Beispiel anführen.
Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar in einem religiösen
Zwecken dienenden Hause große Versammlungen und Feiern, die sich
eines ungewöhnlich regen Zuspruches erfreuten. „Das gewinnende,
liebenswürdige Wesen dieses Mannes zog wie ein Magnet.“ Er war eine
Persönlichkeit von angenehmstem Äußern, Mitte der Dreißig, sehr begabt
und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur zu bitten, und die Gaben
flossen in Massen; überall war er maßgebend, geliebt und verehrt,
besonders bei den Frauen.“ Man fand nicht Worte genug über seine
Herzensgüte; er selber berichtete in den Versammlungen häufig, wie er
in den Gefängnissen so oft und gern Trost spendete, wie er nachts junge
Menschen in den Anlagen ohne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause
genommen und bei sich beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde
fröhliches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen des Vereins
beobachtete, wie er mit seinen Schülern Kampfspiele veranstaltete,
mit ihnen rang und ausgelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der
anscheinend so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottesstreiters.
Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Betrübnis und große Entrüstung
des frommen Vereins. Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit
jungen Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten
zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig berührt habe, sogar hinter der
Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und
jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren
Freiheitsstrafe verurteilt.
Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten Uranier, der
demselben christlichen Verein angehörte. „Nie hätte ich,“ so schreibt
er mir, „geglaubt, daß dieser geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe
stürzen könnte, daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten
Kämpfen unterdrückte, um deren Überwältigung willen ich jene fromme
Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen ihres Leiters glichen. Als
sich das geschilderte Trauerspiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr,
sei mir Sünder gnädig“, und bin mit vielen anderen aus dem schwer
geschädigten Verein geschieden.“
Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker nicht sowohl einer
Vereinigung, als vielmehr einer einzigen Person, an der er Gefallen
gefunden hat. Wie viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge
ausbilden, studieren, nehmen sie auf Reisen mit, setzen ihnen Renten
aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testament, bemühen sich um
sie in intensivster Weise, ohne daß es je zu einem Kusse kommt, ja,
ohne daß sich die Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung
bewußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde nicht weniger
sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig lesen, wie ein Bräutigam
die seiner Braut. Und noch seltener ist sich der Empfangende in solchen
Verhältnissen über die wahre Natur seines „väterlichen“ Freundes
klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute Herz“ ihres besten
Freundes des Lobes voll, das hindert aber den jungen Mann nicht,
gelegentlich recht weidlich über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu
ahnen, wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten verletzen
möchte.
Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings an seinen Freund
zur Kenntnis bringen, das recht anschaulich zeigt, wie schwer die
unmerklich in einander übergehenden Grenzen zwischen den geistigen,
seelischen und körperlichen Äußerungen des in Form und Stärke, nicht
aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu ziehen sind. Es
lautet:
„Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen,
Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen,
Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange,
Ganz still, recht fest und lange, lange,
Ist das nicht Glück genug --
Ihm sanft die Hände zu berühren,
Den Atem seiner Brust zu spüren,
Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegen
Und meinen Mund an seine Lippen schmiegen,
Das ist doch Glück genug --
Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt,
Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt,
Zu sehen, wie in allem, was er treibt,
Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt,
Ist das nicht Glück genug --
Die Ansicht mit ihm auszutauschen,
Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen,
Sein Leben schöner zu gestalten,
Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten,
Das ist doch Glück genug --
Ihm sagen können, daß er mir das Höchste,
Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste,
Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe,
Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe,
Das ist doch Glück genug --
O, wenn ich es doch nie erlebte,
Daß ich noch mehr an Glück erstrebte,
Als mir so reichlich ist beschieden,
Dann hätten er und ich den Frieden
Und beide Glück genug.“
Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über
das erste Erwachen seiner Liebe -- er rührt von einem mir bekannten
Studenten her, der sich noch nie sexuell betätigt hat -- bestätigt
den Satz, daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung
und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der
normalsexuellen Liebe unterscheidet.
„Ich bin in dem „Sündenbabel“ Berlin aufgewachsen, habe mit
vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule
besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher
nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in
sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit
bewahrt. Ich habe nie, wie andere Kinder, Vergnügen daran
gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die
Kinder kommen“, ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu,
deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über
solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15
Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für
„unschuldig“; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht
gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen
des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen
sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts
von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht
wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner
„Unschuld“ zu verbreiten.
In dieser Zeit, ich war 17 Jahre, faßte ich eine
eigenartige Zuneigung zu einem meiner Mitschüler, dem
Primus der Klasse; ich war nicht so befreundet mit ihm,
wie mit meinen speziellen Schulfreunden, und doch hatte
ich immer eine ganz besondere Freude daran, einmal mich
länger mit ihm zu unterhalten, auf dem Schulhofe mit ihm
zusammen zu gehen, oder gar einmal in der Stunde neben ihm
zu sitzen. Gerade dies erreichte ich zu meinem Schmerz nur
sehr selten, fast immer saß ich dritter, also noch ein
anderer zwischen uns, und ich mußte mich begnügen, ihn so
oft wie möglich anzusehen, wobei ich mir Mühe gab, das von
ihm nicht bemerken zu lassen. Überhaupt nahm ich mich aufs
äußerste in acht, daß niemand meine Beziehungen zu ihm, die
übrigens völlig einseitig waren und blieben, bemerkte; ich
wußte es damals nicht und weiß mir auch jetzt noch keinen
rechten Grund dafür anzugeben, warum ich meine Zuneigung
jedem Menschen gegenüber und besonders vor dem Geliebten
selbst geheim hielt. Ich hatte wahrscheinlich das richtige
Gefühl, doch nicht verstanden zu werden, und außerdem war
ich mir meines Zustandes selbst nur ganz dunkel bewußt,
ich hätte wohl gar nicht aussprechen und in Worte fassen
können, was ich da eigentlich dachte und fühlte. Und doch
war es so herrlich schön, sich vorzustellen, wenn wir
beide so recht sehr befreundet wären, immer zusammen sein
könnten, die Schularbeiten gemeinsam machten und uns nie zu
trennen brauchten. Und wenn ich dann abends im Bett lag,
malte ich mir alle möglichen Ereignisse aus, die eintreten
müßten, damit wir recht eng befreundet werden könnten; da
konnte doch z. B. sein Haus abbrennen, dann würde er keine
Wohnung haben, und ich würde ihn auffordern, bei uns zu
wohnen; und dann würde er sogar bei mir im Bett schlafen,
so daß ich ihn so recht fest umarmen und an mich drücken
könnte, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn habe.
Wohlgemerkt: Diese Gedanken kamen mir und erfüllten mich
mit größter Seligkeit, ohne daß ich eine Ahnung hatte von
den sexuellen Beziehungen der Geschlechter. Mein Gemüt
war vollständig rein, unverdorben durch unsaubere und
schmutzige Geschichten, wie sie andere Großstadtkinder oft
allzu früh zu hören bekommen, meine Phantasie war nicht
erregt durch derartige Dinge. Und dennoch kamen mir diese
„unsittlichen, unzüchtigen“ Vorstellungen? Nein, es lag
nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, konnte
gar nicht darin liegen, und diese Tatsachen, die ich an
mir selbst erlebt habe, die ich gefühlt und gedacht habe
mit meinem innersten Herzen, sind mir der sicherste und
unumstößlichste Beweis dafür, daß in der Homosexualität an
sich keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit
und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das
Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht,
daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht,
indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz
zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe
gleich mit verdammen. -- Jetzt weiß ich, daß das, was sich
damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste
Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das
nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen
Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.
Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner
Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher
geblieben. Wenn andere „normale“ Männer auf der Straße ein
hübsches Mädchen sehen, so blicken Sie sich unwillkürlich
danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen,
denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich in eine
Gesellschaft, komme ich auf einen Ball &c., so geschieht es
oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der jungen Leute,
den ich nicht kenne, auffällt, und ich ertappe mich nachher
dabei, daß ich fortwährend darauf geachtet habe, was der
Betreffende tut, mit wem er tanzt &c. &c.
Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch
eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen
Mitschüler ergriff, der zwar ein ganzes Jahr älter war
als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich
darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen
dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche
Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem
Schulhofe, auf der Straße, bei den Turnspielen u. s. w.
Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr
reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen
Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine
gemeinsamen Interessen zwischen uns, wir hatten keine
gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise meiner
nächsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffälliger
mußte es sein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und
ich suchte die verschiedensten Vorwände, diese Annäherung
zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor
mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was in mir
vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre,
ging mir das Licht über die wahre Bedeutung der Sache auf,
in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor
seinem Hause machte, die Zeit abpaßte, wann er herauskam,
um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte
als an ihn. Ja, ich wußte bald, ich ihn wirklich und
regelrecht liebte, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich
nicht den Mut, ja, ich gab mir sogar noch lange Zeit Mühe,
es ihn nicht einmal merken zu lassen. Unser Verkehr wurde
aber reger, obgleich ich wußte, daß er sich nicht allzu
viel aus mir machte; ich benutzte jede Gelegenheit, unsere
Beziehungen enger und freundschaftlicher zu gestalten, was
auch äußerlich gelang, ohne daß es jedoch trotz größter
Anstrengung meinerseits zu einer wirklichen Freundschaft
kam. Es lag überhaupt in K.'s Wesen, daß er keine Freunde
besaß, und so hatte ich in dieser Zeit eigentlich nur
einmal Gelegenheit, die Qualen der Eifersucht kennen zu
lernen; doch gerade diese Eifersuchtsanwandlung, die mir
ordentlich zu schaffen machte, brachte mir gleichzeitig
volle Gewißheit über meine homosexuelle Liebe. Schließlich
wurde das Gefühl, das mich zu ihm hinzog, so übermächtig,
und ich wurde der Heuchelei vor ihm und vor mir selbst so
müde, daß ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer
zusammen arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Küssen
überschüttete und ihm alles beichtete. Er nahm diesen
Ausbruch etwas verwundert, aber doch ganz ruhig hin,
jedenfalls ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich
handelte.
Die nun folgenden Wochen waren die bisher schönsten meines
Lebens, fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm
bei allen seinen Schularbeiten, und wenn wir damit fertig
waren, saßen wir eng aneinander geschmiegt und sprachen
über alles und nichts. Doch es waren leider nur wenige
Wochen; denn genau zur selben Zeit stellte sich auch bei
meinem K. die Liebe ein -- aber nicht zu mir, sondern zu
einem kleinen Mädchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu
ihm kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzählen,
als von =ihr=, und auf dem Schulwege sprach er mit mir
von =ihr=, und abends ging ich mit ihm fort dahin, wo er
=sie= treffen wollte, und wartete, bis sie kam, sprach
ein paar Worte mit ihr, ging ein paar Schritte mit und
verabschiedete mich dann, um die beiden allein zu lassen --
ich war ja überflüssig. Ich kann nicht gerade sagen, daß
ich auch hier eifersüchtig war, im Gegenteil: es floß wohl
auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freundin über,
da =sie= es ja war, die ihn glücklich machte. Aber das Herz
blutete mir doch, wenn er mir z. B. seine Tagebücher gab,
in denen nur von =ihr= stand, was sie tat und sagte und
dachte, und wo ich kaum mal mit einem Worte erwähnt wurde.
Am meisten jedoch schmerzte mich, daß er sich energisch
weigerte, meine Küsse und Zärtlichkeiten weiter zu dulden;
denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, daß meine
Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien, weil ich ihn mit
allen Mitteln, die mir damals zu Gebote standen, überzeugt
hatte, daß meine Liebe zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie
die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er,
=ihr= untreu zu werden, wenn er sich noch ferner von =mir=
küssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben“, sagte er,
„denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere
Freunde wollen wir sein.“
Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich
schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht
guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß
ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte
auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er
sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit
wissenschaftlichen, politischen &c. Fragen zu beschäftigen,
auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu,
in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher
nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange
Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin
ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.
Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich auf meine
Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der
negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich
anfingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in
die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen
Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst,
besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse
war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen.
Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem
K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war,
stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen
zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen,
die mir zufällig auffielen, kam nur eine Ahnung des wahren
Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine
Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und
wenn es die größten Umwege kostete, an =seinem= Hause
vorbei und war glücklich, wenn =er= mal am Fenster stand.
So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam
geworden, unwillkürlich weitere Anhaltspunkte suchend, kam
ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B.
noch genau, welch tiefen Eindruck es auf mich machte, als
meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul,
wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt“;
ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht
mitnehmen wollen, um, wenn ich =ihn= treffen sollte, allein
mit ihm zu sein.“
„Feste Verhältnisse“ homosexueller Männer und Frauen, oft von sehr
langer Dauer, sind in Berlin etwas ganz außerordentlich Häufiges.
Man muß an vielen Beispielen wahrgenommen haben, mit welcher Innigkeit
in solchen Bündnissen häufig der eine an dem anderen hängt, wie sie
für einander sorgen und sich nach einander sehnen, wie sich der
Liebende in die ihm oft so fern liegenden Interessen des Freundes
hineinversetzt, der Gelehrte in die des Arbeiters, der Künstler in
die des Unteroffiziers, man muß gesehen haben, welche seelischen und
körperlichen Qualen diese Menschen nicht selten infolge Eifersucht
erleiden, wie ihre Liebe alles überdauert und alles überwindet, um
allmählich inne zu werden, daß kein „Fall widernatürlicher Unzucht“
vorliegt, sondern ein Teil jener großen Empfindung, die nach der
Ansicht vieler dem Menschendasein erst Wert und Weihe giebt.
Ich behandelte einst eine adelige Dame, die seit einer Reihe von Jahren
mit einer Freundin zusammen lebte, an einem schweren Nervenleiden.
Weder vorher noch nachher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so
liebevolles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie
in diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Müttern, die
sich um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme
Mitbürgerin, sie hatte viel Rücksichtsloses und Eigenwilliges, wer aber
diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unablässige
Bemühen bei Tage und bei Nacht, hielt ihr um dieses starken und
schönen Gefühls willen vieles zu gute. Sie war mit ihrer Freundin
tatsächlich wie verwachsen, berührte man ein schmerzhaftes Glied der
Kranken, so zuckte sie reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der
Leidenden spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, mangelhafter Schlaf
und schlechter Appetit übertrugen sich auf die gesunde Freundin. Der
Fall war übrigens auch dadurch bemerkenswert, daß auch das Personal
der Patientin, sowohl die Krankenschwester, wie das Dienstmädchen,
einwandfrei urnisch waren.
Unweit diesem Paare lebte ein anderes. Er war Referendar, sein etwa
18jähriger Freund Damenschneider. Dieser war so feminin, daß ich dem
Referendar einmal bemerkte, so gut wie in dieses Neunzehntel-Weib
hätte er sich doch auch in ein ganzes Weib verlieben können. Unter
anderem war seine Stimme so weiblich, daß, wenn er telephonisch nach
mir verlangte, was im Interesse seines Freundes einige Male vorkam,
mein Sekretär stets meldete. „Eine Dame wünscht sie zu sprechen.“
Beide lebten in großer Harmonie, tags ging jeder seinem Berufe nach,
der eine auf das Gericht, der andere in die Schneiderwerkstatt. Als
der Referendar Berlin verließ, nahm er den Freund mit sich. Dieser
hatte zuvor seinen Vater, einen biederen Berliner Handwerker, um
eine aufklärende Unterredung gebeten, bei der, wie er mir schamhaft
erzählte, das Zimmer verdunkelt werden mußte. Der Vater war garnicht
verwundert, er habe schon längst ähnliches vermutet, und erklärte sich
mit allem einverstanden.
Der kleine Damenschneider hatte einen Arbeitskollegen, der nicht
minder mädchenhaft war, wie er selbst. Ihr Beruf ist mehr wie irgend
ein anderer in Berlin von urnischen Elementen durchsetzt. Dieser
Kollege verliebte sich in den Bruder des Referendars, einen Ingenieur,
der kurz vorher wegen unglücklicher Liebe zu einem Studenten einen
ernsthaften Selbstmordversuch unternommen hatte. Als er schwer
verletzt im Krankenhause lag, hatten sich die beiden gleichveranlagten
Brüder, die bis dahin nichts von einander wußten, zu erkennen gegeben.
Allmählich entwickelte sich nun zwischen dem Ingenieur und dem anderen
Damenschneider ein zweites Liebesbündnis, und es entbehrte nicht einer
gewissen Drolligkeit, wenn die beiden schön und stark gewachsenen
Brüder mit ihren Schneiderlein Willi und Hans -- nicht viel anders
wie andere mit ihren Putzmacherinnen -- am Sonntag den Grunewald
durchstreiften.
Daß sich die Eltern mit der urnischen Natur, ja sogar mit dem
homosexuellen Leben ihrer Kinder abfinden, ist in Berlin durchaus
nichts Seltenes.
Vor kurzem wohnte ich auf einem Berliner Vorortkirchhof der Beerdigung
eines alten Arztes bei. Am offenen Grabe standen der einzige Sohn
des Verstorbenen, zur Rechten die bejahrte Mutter, an der andern
Seite der zwanzigjährige Freund, alle drei in tiefster Trauer. Als
der Vater, bereits über 70 Jahre alt, vom Uranismus seines Sohnes
hörte, war er der Verzweiflung nahe, er suchte mehrere Irrenärzte
auf, die ihm mancherlei raten, aber nicht helfen konnten. Dann
vertiefte er sich selbst in die Litteratur über den Gegenstand und
erkannte mehr und mehr, daß sein Sohn, den er über alles liebte, von
Geburt an homosexuell gewesen war. Bei seiner Niederlassung hatte er
nichts dagegen, daß er den Freund zu sich nahm, ja die guten Eltern
übertrugen ihre volle Liebe auf den jungen Mann, der aus einfachstem
Stande hervorgegangen war. Beide hatten auf einander sichtlich einen
guten Einfluß; während sie einzeln nur schwer imstande gewesen wären,
vorwärts zu kommen, gelang es ihnen zu zweit vortrefflich, indem
das Wissen und die Liebenswürdigkeit des einen in der Energie und
Sparsamkeit des anderen ihre Ergänzung fanden.
Auf dem Sterbelager nahm der alte Doktor von seiner Frau und seinen
„beiden Jungen“ Abschied und der Anblick dieser drei Menschenkinder,
wie sie unter den Klängen des Mendelsohnschen Liedes: „Es ist bestimmt
in Gottes Rat“ ihre Tränen und Trauer vereinigten, griff ungleich
tiefer in die Seele, als die Rede des jungen Pfarrers, der in schrillem
Tonfall die Taten des ihm gänzlich unbekannten Toten pries.
Nicht vereinzelt kommt es in Berlin vor, daß urnische Junggesellen
sich bei den Familien ihrer Freunde einmieten und dort wie Angehörige
des Hauses angesehen werden. Es gibt Mütter, selbst wissende, die
oft in überschwänglicher Weise das Glück preisen, daß ihr Sohn einen
so großartigen Freund, ihre Tochter eine so ausgezeichnete Freundin
gefunden; diese Freundschaft sei ihnen viel lieber, als wenn sich
ihr Sohn mit Mädchen herumtreibe, ihre Tochter sich von Männern den
Hof machen ließe. Verstieg sich doch einmal eine Mutter, die mich
wegen eines geschlechtlich infizierten Sohnes aufsuchte, zu dem
merkwürdigen Ausspruch: „Ich wünschte, mein zweiter Sohn wäre auch
homosexuell.“ Manchmal liebt der Freund den Sohn des Hauses und wird
von der Tochter geliebt, wie überhaupt zwischen den verschiedenen
normalsexuellen und homosexuellen Personen desselben Kreises hie und
da ganz sonderbare Verwicklungen vorkommen. Für den Psychologen und
Schriftsteller, welcher das urnische Moment in den Beziehungen der
Menschen untereinander zu erkennen weiß, erweitern sich dadurch die der
Beachtung und Darstellung würdigen Konflikte in ungeahnter Weise.
Ich kannte in Berlin einen Uranier, der die Schwester eines Jünglings
heiratete, nur um mit dem Bruder oft und unauffällig zusammen sein
zu können. Die Ehe, welche in Wirklichkeit keine war, ging nach
einigen Jahren auseinander, nachdem der normalsexuelle Bruder seinen
Schwager -- nicht etwa im Bösen, sondern im Guten -- um sein ganzes
beträchtliches Vermögen gebracht hatte.
Ein anderer Homosexueller liebte einen Mann, welcher mit einem Mädchen
ein inniges Liebesverhältnis anknüpfte. Der Urning war auf das Mädchen
sehr eifersüchtig, und auch diese war auf den Freund, der ihren
Geliebten so viel in Anspruch nahm, nicht gut zu sprechen. Der Mann
aber hielt auch dem Mädchen nicht die Treue und bereitete ihr ebenso
wie dem Freunde durch seine leichtsinnigen Streiche vielen Kummer.
Beide kannten sich nicht persönlich. Eines Morgens aber kam das
Mädchen zu dem Urning, um ihm mitzuteilen, daß dem Freunde während
der Nacht ein schwerer Unfall zugestoßen sei. Die gemeinsame Sorge
machte sie allmählich zu Freunden. Da entzweite sich der Mann und sein
Mädchen, sie war bitterböse und schien unversöhnlich, er aber hielt es
vor Sehnsucht nicht aus, es trieb ihn immer wieder zu ihr, sie aber
wies ihm die Türe. Schließlich wandte er sich hilfeflehend an seinen
urnischen Freund, und dieser, der sich schon im stillen gefreut hatte,
daß das so quälende Liebesverhältnis zu Ende sei, ging zu dem Mädchen
und versöhnte beide.
Solche und ähnliche Falle könnte ich aus der lebendigen Quelle des
Berliner Lebens in großer Zahl berichten -- doch wir wollen jetzt
von dem Leben und Leiden einzelner Urninge zu dem Leben und Treiben
urnischer Gruppen übergehen.
Denn wenn auch viele Uranier in selbstgewählter Einsamkeit leben, die
nirgends so erreichbar ist, wie in weltstädtischer Menschenfülle,
andere wiederum sich ausschließlich einer einzigen Person widmen,
so ist doch die Zahl derer nicht minder groß, welche mit anderen
homosexuellen Personen und Kreisen Fühlung suchen, und auch hier bietet
sich in Berlin überreichliche Gelegenheit.
Es ist recht bedauerlich, daß sich manche Urninge, die durch ihr
Wesen und Wissen jedem Kreise zur Ehre gereichen würden, schließlich
in normalen Gesellschaften überhaupt nicht mehr wohl fühlen. Die
erheuchelten Komplimente und Interessen, die ihnen besonders häufig
zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und wenn sie
einmal die Geselligkeit kennen gelernt haben, in der sie sich frei
geben können und Verständnis finden, ziehen sie sich aus andern Kreisen
mehr und mehr zurück.
Daß gesellige Leben der Urninge untereinander pulsiert in Berlin
in mannigfacher Gestaltung, sowohl in geschlossenen, als auch in
allgemein zugänglichen Zirkeln ungemein lebhaft. Größere und kleinere
Gesellschaften von Homosexuellen für Homosexuelle sind zu jeder
Jahreszeit, namentlich aber im Winter, an der Tagesordnung.
Vielfach beschränken sich dieselben auf eine bestimmte soziale Schicht,
auf gewisse Stände und Klassen, doch werden die Grenzen schon um der
Freunde willen bei weitem nicht so streng innegehalten, wie dies bei
Normalsexuellen üblich ist. Mancher Urning würde nichts so übel nehmen,
als wenn man seinem Freunde, und sei er noch so einfachen Herkommens,
die gesellschaftliche Ebenbürtigkeit absprechen würde.
Ich werde in Anerkennung meiner Arbeit für die Befreiung der
Homosexuellen oft ersucht, Gesellschaften gleichsam als Ehrengast
beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen kleinen Teil dieser
Aufforderungen annehme, so haben sie mir doch einen genügenden Einblick
in das gesellige Leben der Berliner Urninge verschafft.
Einmal war ich in besagter Eigenschaft auf einer Gesellschaft
unter lauter homosexuellen Prinzen, Grafen und Baronen. Außer der
Dienerschaft, die nicht nur in Bezug auf die Zahl, sondern auch in
Hinsicht auf ihr Äußeres besonders sorgfältig ausgewählt schien,
unterschied sich die Gesellschaft in ihrem Eindruck wohl kaum von
Herrengesellschaften derselben Schicht. Während man an kleinen
Tischen sehr opulent speiste, unterhielt man sich anfangs lebhaft
über die letzten Aufführungen Wagnerscher Werke, für welche fast alle
gebildeten Urninge eine auffallend starke Sympathie hegen. Dann
sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht über Politik, um
allmählich zum Hofklatsch überzugehen. Sehr eingehend verweilte man
beim letzten Hofball, auf dem das Erscheinen des jungen Herzogs von
X. viele Urningherzen hatte höher schlagen lassen, man schwärmte von
seiner blauen Uniform, von seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit
und berichtete, wie man es erreicht hätte, seiner königlichen Hoheit
vorgestellt zu werden. Dann erzählte man sich Anekdoten über abwesende
Urninge der Hofgesellschaft, von denen mir eine, die besonders herzhaft
belacht wurde, im Gedächtnis geblieben ist. Ein Fürst war kurz zuvor
bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur er so
wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner Umgebung,
zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens unerwartet früh
aufgestanden, um sich im Schloßgarten zu ergehen. Als er den Korridor
kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der zu so zeitiger Stunde nicht
auf diese Begegnung vorbereitet war, in einem höchst sonderbaren Anzuge
oder besser Aufzuge; der allseitig sehr abgerundete Gutsherr trug eine
rotsammtene, mit Blumen und Spitzen reichbesetzte Matinée. Der Anblick
dieser Gewandung war so komisch, daß der fürstliche Besucher in einen
förmlichen Lachkrampf verfiel.
Eine andere Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Sälen eines
der vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlhabender Uranier feierte
sein Namensfest. Es waren mit geringer Ausnahme nur Freundespaare
zugegen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammenlebten; jeder
führte sein „Verhältnis“ zu Tisch. Dem Festmahl ging im Nebensaal auf
einer aufgeschlagenen Bühne eine Theatervorstellung voraus, bei der
ausschließlich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Soloscherzen trug
der Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene als Falstaff
aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man Nestroys Wiener
Posse: „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“. Alle weiblichen Rollen,
an denen es in diesem Stücke nicht fehlt, lagen in den Händen femininer
Urninge, namentlich erregte ein bekannter Baron in der Titelrolle durch
seine natürliche Darstellungsweise stürmische Heiterkeit. Nach dem
Diner folgte Tanz, und trotzdem die Weine reichlich flossen, geschah
nichts Indezentes. Da einige Gäste in Damentoilette waren, machte
man sich den harmlosen Spaß, Urningen, die sich besonders männlich
vorkamen, weibliche Kleidungsstücke, wie Hüte und Shawls anzulegen;
manche machten gute Miene zum bösen Spiel, andere aber wurden recht
verdrießlich, denn man findet Urninge, denen alles, was zum Weibe
gehört, so wenig zusagt, daß ihnen der Gedanke, selbst Weibliches an
sich zu haben, unerträglich ist.
Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind Gesellschaften in
Berlin sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein Beispiel
ans der Erinnerung heraus. Ein mit Glücksgütern nicht sehr gesegneter
Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen Vorortskneipe
hatten sich die Geladenen, darunter seine zwei normalsexuellen
Brüder, eingefunden. Man tat sich an Bockwürsten, Kartoffelsalat und
Schweizerkäse gütlich, während der Sohn des Wirtes die Gassenhauer
des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde“,
auch „Herr Schwan geborene Hilde“ genannt, ein bekannter Berliner
Urning, auf. Er stellte eine Berliner Köchin, welche zum Theater
gehen wollte, dar und wirkte besonders belustigend, als er zum Schluß
die Barfußtänzerin Isadora Duncan parodierte. Ein Damenimitator
niedrigster Gattung, der zufällig im Vorraum der Wirtschaft saß, wurde
gebeten, sein Repertoire vorzutragen. Dazwischen trat ein echter Mann
auf, ein Kohlenträger vom Landwehrkanal, ein „schwerer Junge“, mit
tätowierten Armen, glattangelegtem Scheitel, gestricketem Sweater und
jener eigentümlichen Mischung von Plumpheit und Grazie, wie sie den
Arbeitern dieser Gattung eigen zu sein pflegt. Er sang eine große Reihe
nicht eben dezenter Lieder im Berliner Volkston, ohne eine Spur von
Stimme, mit vielen Sprachfehlern, jeden Satz unterstützt von grotesken
Bewegungen, denen zwischen den Versen Drehungen des Körpers folgten,
alles in seiner Ungeschicklichkeit so zusammenpassend, daß es nicht
ohne Wirksamkeit war. Allmählich rückte man Tische und Stühle bei
Seite und ging zum Tanze über, bei dem sich eine Episode von schwer
wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mitten im Tanzen
war, trat plötzlich -- die Polizeistunde war längst überschritten
-- ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene ein. Nur einen Augenblick
stockte die fröhliche Stimmung, dann faßte einer der Anwesenden -- ein
urnischer Musiker -- den Schutzmann rasch entschlossen um die Taille
und walzte mit ihm los. Dieser war so verblüfft, daß er kaum Widerstand
entgegensetzte, eifrig mittanzte und sich bald mit dem Wirtssohn und
dem Kohlenträger in die Rolle des begehrtesten und aufgefordertsten
Tänzers teilte.
Es gibt natürlich auch viele urnische Gesellschaften, die einen
ungleich ernsteren Charakter tragen. So sammelte ein alter Berliner
Privatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um sich
in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim. Es waren meist zehn bis
zwölf Herren aus akademischen Ständen zugegen, von denen nur zwei
bis drei nicht homosexuell waren. Der Alte, welcher seine Gäste mit
schweren Südweinen, Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen
bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Iffland gekannt,
war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und
schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die
Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da
debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon
ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum;
mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während
die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich
der § 51 des R.-St.-G.-B., welcher von dem Ausschluß der freien
Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen
verwenden ließe.
Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge
tragen die am Weihnachtsheiligabend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr
als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familienglücks der
urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch
trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht
stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich
sammelte.
Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus.
Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine
große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden,
zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen,
Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von
Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein
großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten
Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden“ verkündigt. Dann wurden
die kleinen Geschenke fein säuberlich in Seidenpapier geschlagen und
um den Baum herumgelegt, für jeden etwas: ein Kalender, ein Buch, ein
kleiner Schmuckgegenstand, wohl gar ein Kettenring, ein Taschenspiegel,
eine Schnurrbartbinde. In der Frühe des Vierundzwanzigsten hat der
Hausherr das große Tischtuch von feinstem Leinen aus dem Schranke
hervorgeholt, mit dem Diener die Tafel gedeckt, das Silber verteilt,
die Servietten gefaltet, mächtige Obstschalen gefüllt, jeden Teller mit
einem Blumensträußchen versehen und vor den Kristallgläsern zierliche
Tischkarten gelegt. Dabei kommt man manchmal bei diesem ober jenem
der Eingeladenen in nicht geringe Verlegenheit, wenn man sich seines
wirklichen Namens nicht entsinnen kann. Man hat ihn das ganze Jahr mit
einem weiblichen Spitznamen angeredet, von dem man aber an diesem Abend
gern Abstand nehmen möchte.
Noch eine zweite Tafel wird im Korridor gedeckt, dort sollen die
Kinder und das Dienstpersonal ihr Weihnachtsmahl einnehmen -- jawohl
die Kinder -- ein seltener Anblick im Urningsheim. Man hat nämlich
zur Bescheerung die zwei Kleinen der Waschfrau und die drei Enkel
des Portiers geladen. Es wird Wert darauf gelegt, daß am Nebentisch
dieselben Gerichte wie an der Haupttafel genossen werden und daß auch
hier alles recht feierlich aussieht.
Der Beginn ist erst auf 8 Uhr festgesetzt, da einige vorher in einem
verwandten oder befreundeten Hause der Bescheerung angewohnt haben, ehe
sie in den Kreis ihrer Freunde kommen. Endlich, als alle eingetroffen,
verschwindet der Hausherr in den bis dahin verschlossenen Salon, zündet
die Kerzen an, wirft noch einen Blick auf die Geschenke und ruft
zunächst die Kinder und jenen Gast herein, der ihre Weihnachtslieder
am Klavier begleiten soll. Nun werden die Doppeltüren geöffnet, und
hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der
seligen, fröhlichen Weihnachtszeit.
Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt
eine Träne, selbst die „lange Emilie“, der sonst immer lustige
Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit
zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen
dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß
ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst
verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die
Kluft, die sie von den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo
sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem
guten Buch“ im „möblierten Zimmer“ verbrachten. Manche gedenken
ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich
nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt
hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf
ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für
die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des Weibes, das sie über
alles liebte und das sie über alles liebten -- ihrer Mutter.
Jetzt sind die Kinderstimmen verklungen, man reicht sich die kleinen
Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten
und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie
sonst; man spricht von dem guten X., der letztes Jahr noch am heiligen
Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt.
Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber
der ernste Unterton bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch
weltschmerzlicher Sentimentalität.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Wann
endlich“ -- so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am
Weihnachtsheiligabend -- „Wann endlich wird man erkennen, daß auch zu
uns der Erlöser kam, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten von
seiner gütigen, edlen, barmherzigen, allumfassenden Liebe?“
Es war in der Frühe des letzten Weihnachtsmorgens, als ich zu einem
urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß,
daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte.
Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze
Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern,
Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt.
Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt
lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam
tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben
die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren
blutdurchtränkte Lappen geschlungen.
Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater,
einem angesehenen Bürger Berlins, überworfen, keiner gewann es über
sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend,
dem ersten, den er fern von der Familie verlebte, herumgeirrt durch
die menschenleeren Straßen der Millionenstadt. Von der Gegenseite
der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die
glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen
der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige
Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des
Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte.
Als sie oben die Lichter löschten, war er in die nächste Budike
gegangen, hatte an einem abgelegenen Ecktisch ein Schnapsglas nach dem
andern geleert, in einer zweiten und dritten Destille das Gleiche getan
und in verödeten Kaffeehäusern für schwarzen Kaffee mit Kirsch sein
letztes Geld verausgabt.
Nachdem er dann in der kalten Winternacht heimgekehrt und die vier
Treppen im Hofe heraufgewankt war, hatte sich seiner ein ungeheurer
Erregungszustand bemächtigt. Er hatte alles zertrümmert und die
brennende Lampe zerschlagen in der Erwartung, daß er sich an
geöffneten Pulsadern verbluten würde. Ein von den Wirtsleuten eilends
herbeigerufener Arzt hatte durch die Türspalte gelugt und rasch ein
Attest zur Überführung in die Irrenabteilung der Charité geschrieben.
Ein Freund des Kranken holte mich zu ihm; ich wusch und verband ihm
an jenem Weihnachtsvormittag eine Wunde nach der andern; er klagte
nicht und sprach kein Wort, aber die flammenden Augen sprachen und
die blassen Lippen sprachen und jede einzelne Wunde sprach von seinem
tiefen Leide und der hohen, heiligen Aufgabe derer, die an dem
Befreiungswerke der Uranier arbeiten. --
Neben den Privatgesellschaften, Diners, Soupers, Kaffees, 5 Uhr Thees,
Picknicks, Hausbällen und Sommerfesten, die die Berliner Homosexuellen
in nicht geringer Menge veranstalten, sind die Jours fixes zu erwähnen,
von denen jeden Winter einige von Urningen und Uranierinnen für ihre
Freunde und Freundinnen eingerichtet werden.
Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang bei einem
urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang und Stand
erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in Tee und
Gebäck, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten Winter
war es besonders der _Jour_ fixe eines urnischen Künstlers, der
sich großer Beliebtheit erfreute. Der überaus gastfreundliche Wirt
empfing seine Gäste, unter denen sich viele homosexuelle Ausländer,
namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen
Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einer Art
Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Prinzeßrobe und
Amtsrobe. Die Musikvorträge, zumal die Gesänge des Hausherrn in
Baryton und Alt und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten
standen künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig einen
österreichischen Studenten der Chemie, der stets schweigsam und ernst
dasaß, sich aber sichtlich unter Seinesgleichen wohl fühlte, da er
immer wiederkam. Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren
und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines Abends in eine
Urningskneipe und ließ sich vom Klavierspieler Koschats „Verlassen“
spielen; als die melancholische Weise erklang, nahm er unbemerkt
ein Stückchen Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu Boden
streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen“ verzeichnete der
Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, wie
er sich in Berlin nur allzu oft ereignet.
Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ursache, aber fast
stets ist der indirekte Zusammenhang zwischen der Homosexualität
und dem gewaltsamen Ende leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer
Offizier, im Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er
hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu Schulden
kommen lasten, sie wurde lautbar, und ein schlichter Abschied war die
Folge. Er hat nichts anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun
sucht er kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine
nach der andern, die Familie will nichts mehr von ihm wissen, er steht
allein, verliert jeden Halt, sinkt immer tiefer, greift zum Alkohol,
zum Morphium und endlich zur erlösenden Waffe. So kenne ich viele
Tragödien; erst vor wenigen Wochen endete ein früherer Leutnant auf
diese Weise. „Ursache: Schulden“, schrieben die Zeitungen; jawohl,
Schulden, aber die Grundursache lag tiefer, es war der Verlauf, wie
ich ihn soeben schilderte; -- an der Homosexualität war er zu Grunde
gegangen.
Vor einigen Tagen nahm ich einem homosexuellen Lehrer, der mich
aufsuchte, ein Fläschchen Blausäure fort. Er hatte keine strafbare
Handlung begangen, sich nie gleichgeschlechtlich betätigt; er war
eben erst in den Schuldienst getreten, als dem Direktor ein anonymes
Schreiben zugegangen war, der neue Lehrer sei ein Päderast; der Chef
ließ ihn kommen, und auf Befragen gab er zu, homosexuell veranlagt
zu sein. Man gab ihm den wohlmeinenden Rat, auf seine Entlassung
anzutragen, er tat es, fand aber nicht den Mut, es seiner alten Mutter
zu sagen, die gedarbt hatte, damit er Lehrer werden könne. Nun irrte
auch er nach Stellung umher in dem großen Berlin, in dem es so viele
Stellen, aber so viel mehr Stellenlose gibt.
Es sind gewiß mehr als zwanzig Homosexuelle, die ich im Laufe der
letzten acht Jahre vor dem Selbstmord bewahren konnte; ob ich ihnen
einen guten Dienst erwies, ich weiß es nicht, und doch erfüllt es mich
mit stiller Freude, daß ich ihnen das Leben und sie dem Leben erhalten
konnte. --
Einen den geschilderten Jourfixen ähnlichen, wenn auch schon mehr
vereinsartigen Charakter tragen die regelmäßigen Zusammenkünfte,
wie sie von Homosexuellen an bestimmten Abenden in bestimmten
Lokalen veranstaltet werden; auch hier ist es gewöhnlich eine
Person, um die sich die anderen gruppieren, nur bewirtet sich
jeder aus eigenen Mitteln. Vielbesucht war lange Jahre der Klub
„Lohengrin“, welcher sich um einen unter dem Namen „Die Königin“
bekannten Weinhändler zusammenfand. Während hier die Unterhaltung
in musikalischen und deklamatorischen Darbietungen bestand, tragen
manche dieser Vereinigungen, wie die „Gemeinschaft der Eigenen“, die
„Platen-Gemeinschaft“, einen mehr literarischen Charakter. Auch ein
Kabaret, das von Urningen geleitet und hauptsächlich von diesen besucht
wird, gibt es in Berlin.
Auf allen diesen Veranstaltungen tritt die eigentliche Sexualität
genau so zurück wie in den entsprechenden normalsexuellen Kreisen.
Das Bindemittel ist lediglich das aus der Gemeinsamkeit der
Lebensschicksale sich ergebende Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Haben alle die genannten Gesellschaften einen mehr geschlossenen
Charakter, so ist die Zahl derer, die allgemein zugänglich sind, noch
viel bedeutender. Daß manche Restaurationen, Hotels, Pensionate,
Badeanstalten, Vergnügungslokale, trotzdem sie jedermann offen
stehen, fast ausschließlich von Urningen besucht werden, wird weniger
merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, daß viel weniger scharf
gekennzeichnete Gruppen in Berlin ihre Lokale haben, die fast ganz von
ihnen existieren; so gibt es Restaurationen, in denen nur Studenten,
nur Schauspieler, nur Artisten verkehren, andere, die nur von Beamten,
nur von Kaufleuten bestimmter Waren, von Liebhabern bestimmter
Spiele und Sports leben, wieder andere, die nur von Buchmachern,
Falschspielern oder irgend einer Verbrecherkategorie besucht werden.
Man kann Lokalitäten unterscheiden, die von Urningen bevorzugt, aber
auch von anderen Personen aufgesucht werden, und solche, die lediglich
von jenen frequentiert sind. Zu ersteren gehört ein sehr großes
Münchener Bierrestaurant der Friedrichstadt, in dem seit Jahren zu
bestimmten Stunden stets an hundert Homosexuelle und mehr zu finden
sind. Auch in bestimmte Kaffeehäuser ziehen sich die Urninge mit
Vorliebe hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten ist; oft
sind es Lokale, wo der Wirt oder ein Kellner selbst urnisch sind, meist
werden bestimmte Abteilungen der Wirtschaften besonders bevorzugt. Die
urnischen Damen treffen sich vielfach in Konditoreien; so befindet sich
im Norden der Stadt eine, die täglich zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags
von urnischen Israelitinnen zahlreich besucht wird, welche hier Kaffee
trinken, plaudern, Zeitungen lesen, Skat und mit Vorliebe Schach
spielen.
Im Sommer sind es stets gewisse Gartenlokale, in denen sich die Urninge
in großer Zahl einfinden, während sie andere, wenigstens in Gruppen,
meiden. In einigen dieser Konzertgärten macht sich neben der weiblichen
auch die männliche Prostitution bemerkbar.
In einem der vornehmsten Berliner Konzertlokale war vor einigen Sommern
das Treiben der Homosexuellen so arg geworden, daß Kriminalbeamte
hinbeordert wurden, um dem rücksichtslosen Gebahren, das nicht schwer
genug gerügt werden kann, ein Ende zu bereiten.
Es muß der Berliner Polizei zu ihrem Lobe nachgesagt werden, daß
_agents provocateurs_ bei ihr außerordentlich selten sind. Es wäre
den Beamten gewiß leicht, Homosexuelle herauszufinden, indem sie sich
selbst als homosexuell gerierten; es soll dies in früheren Zeiten auch
vorgekommen sein; mir ist nur ein Fall bekannt, und zwar spielte sich
dieser in dem erwähnten Konzertlokal ab, in dem ein Urning den ihn
beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß
ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er
auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und
später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung“ verurteilt wurde.
Neben diesen Lokalen gibt es in Berlin eine ganze Anzahl, die ganz
ausschließlich von Urningen besucht werden. Ihre Zahl genau anzugeben,
ist sehr schwierig. Medizinalrat =Näcke=[1] dürfte wohl recht haben,
wenn er annimmt, daß in Berlin mehr als zwanzig Urningskneipen
vorhanden sind. Immer wieder höre ich gelegentlich in meiner Praxis
urnische Restaurationen erwähnen, die mir bis dahin unbekannt waren.
Jede dieser Wirtschaften hat noch ein besonderes Gepräge; in der
einen halten sich mehr ältere, in einer anderen mehr jüngere, wieder
in einer anderen ältere und jüngere Leute auf. Fast alle sind gut
besucht, an Sonnabenden und Sonntagen meist überfüllt. Wirte, Kellner,
Klavierspieler, Coupletsänger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell.
Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum ersten Male in
solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Erschütterung weinen
sehen.
In allen diesen Kneipen geht es durchaus anständig zu; hie und
da werden sie von der Kriminalpolizei oder deren Geheimagenten
kontrolliert, doch hat sich fast nie eine Veranlassung zum
polizeilichen Einschreiten ergeben.
Rudolf Presber hat kürzlich in einem Feuilletonartikel unter dem
Titel: „Weltstadttypen“ eine anschauliche Schilderung einer solchen
Urningskneipe entworfen. Er schreibt:
„Die letzte Station dieser interessanten Nachtfahrt machten wir in
einem feineren Restaurant. Hier führen keine ausgetretenen klitschigen
Stufen hinunter, sondern sauber gescheuerte Treppen hinauf. Bessere
Gegend und ein besseres Haus. Die Ausstattung der Räume behaglich,
nicht ohne Wärme. Bilder an den Wänden in goldenen Rahmen. Statt
des gräflichen Orchestrions, das kaum in einer der früher gesehenen
Kneipen fehlte, neben riesigem Notenpack ein anständiges Klavier. Und
davor ein ganz erträglicher Spieler und daneben ein hagerer Jüngling
mit sprossendem Bart, mit weibischen Bewegungen und einem gequält
süßen Lächeln, einen breitrandigen Frauenhut mit wehendem Schleier
auf dem pomadisierten Kopf. Der Jüngling singt -- Sopran.... Die
beiden Stuben gut mit Gästen gefüllt. Kein schlechtes Publikum, so
scheint's. Keiner spuckt auf die Dielen, keiner hat einen Zahnstocher
zwischen den Zähnen, keiner säubert sich die Ohren oder kratzt sich
die Beine, wie wir's den ganzen Abend über schaudernd genossen. Ein
paar würdige alte Herren, ein paar ausrasierte Sportstypen, ein paar
Künstler mit gebrannten und gelegten Locken. Dem Harmlosen mag hier
zunächst wenig auffallen. Vielleicht nimmt's ihn nur Wunder, daß
auch der zweite Sänger -- Sopran singt. Vielleicht erstaunt er, daß
in keiner der gutgefüllten Stuben ein weibliches Wesen zu sehen ist
... Man trinkt mäßig an sauber gedeckten Tischen. Kein unanständiges
Wort wird gesprochen, und die Lieder, die gesungen werden, haben
keine zotigen Pointen. Eher scheint das Sentimentale dieser andächtig
lauschenden Versammlung zuzusagen. Und als einer der Sopransänger, sich
in den Hüften wiegend, als schlenkere er niederfließende rauschende
Frauenröcke, ein gar schmelzendes Liedchen beendigt, wendet sich ein
an unserem Tisch sitzender, vornehm aussehender Greis an einen von
uns, tippt ihn mit ganz leichter Vertraulichkeit auf den Arm und fragt
bescheiden, aber mit seltsam leuchtenden Augen: „Gefällt's Ihnen bei
uns?“