unruhige Bettgesellin ist? O du goldne Sorge! die so manche
durchwachte Nacht die Thüren des Schlummers weit offen hält, izt
lässest du ihn doch schlaffen! Aber nicht so gesund, nicht halb so
tief und süß als der schläft, der mit einem groben Tuch um seine
Schläffe, die lange Nacht hinweg schnarcht. O Majestät! du ligst
auf dem der dich trägt, wie eine goldne Rüstung, an einem heissen
Mittag.--Hier ligt eine Pflaumfeder auf seinen Lippen, die sich
nicht bewegt; wenn er athmete, so müßte dieser leichte Pflaum
nothwendig erregt werden. Ach! Mein Herr! Mein Vater! was für
ein Schlaf ist das? Das ist der Schlaf, der so manche Englische
Könige von diesem goldnen Reiff geschieden hat. Was dir nun von
mir gebührt, sind Thränen und herzliche Trauer, und die soll dir
Natur, Liebe und kindliche Zärtlichkeit in vollem Maaß bezahlen.
Was mir von dir gebührt, ist diese Königs-Crone, die von dir auf
mich, als den nächsten an dir, unmittelbar herabsinkt. Nun, hier
sizt sie;
(Er sezt sie auf.)
der Himmel soll sie schüzen; und legt in eines Riesen Arm die
Stärke der ganzen Welt, nimmer soll er diese angestammte Ehre von
meiner Stirne reissen. Ich will sie den meinigen verlassen, wie du
sie mir verlassen hast.
Eilfte Scene.
(Warwik, Glocester und Clarence kommen wieder.)
König Heinrich.
Warwik! Glocester! Clarence!
Clarence.
Ruft der König?
Warwik.
Was befiehlt Eu. Majestät? wie befindet Sie sich?
König Heinrich.
Warum ließt ihr mich so allein, Milords?
Clarence.
Gnädigster Herr, wir liessen den Prinzen meinen Bruder hier,
welcher sich sezen, und neben Eu. Majestät wachen wollte.
König Heinrich.
Den Prinzen von Wales? Wo ist er? laßt mich ihn sehen.
Warwik.
Hier ist eine Thür offen, er muß da hinausgegangen seyn.
Glocester.
Er gieng nicht durch das Zimmer, wo wir warteten.
König Heinrich.
Wo ist die Crone? Wer nahm sie von meinem Küssen.
Warwik.
Wie wir uns weg begaben, Gnädigster Herr, war sie noch da.
König Heinrich.
Der Prinz hat sie also weggenommen? Geht, sucht ihn auf. Ist er
so ungeduldig, daß er meinen Schlaf für meinen Tod ansieht? Sucht
ihn, Milord von Warwik, und schmählt ihn unverzüglich her.
(Warwik geht ab.)
Dieser Zug seiner Gemüthsart vollendet die Würkung meines Uebels,
und beschleunigt meinen lezten Augenblik. Seht, Söhne, was für
Dinge ihr seyd! Wie leicht sich die Natur zum Abfall bringen läßt,
wenn Gold der Versucher ist! Für diß haben närrische sorgenvolle
Väter ihren Schlaf mit Nachsinnen unterbrochen, ihr Gehirn mit
Sorgen erschöpft, ihre Gebeine mit Arbeit entkräftet; für diß, für
diesen Dank haben sie Tag und Nacht darauf gedacht, ihre Söhne
durch Künste und martialische Uebungen zu bilden, für diß haben sie
mit so vieler Mühe Gold auf Gold gehäuft. Gleich der Biene
flattern wir von Blume zu Blume, saugen ihre besten Düfte aus, und
wenn unsre Beine mit Wachs und unsre Lippen mit Honig beladen sind,
tragen wir's in den Stok; und wie Bienen, werden wir für unsre Müh
getödtet. Bittrer Gedanke für einen sterbenden Vater!--
(Warwik kommt zurück.) Nun, wo ist er? er, der nicht warten kan,
bis sein Freund, Krankheit, mit mir fertig ist?
Warwik.
Gnädigster Herr, ich fand den Prinzen in dem nächsten Zimmer, mit
Thränen der zärtlichsten Wehmuth seine Wangen badend, und in seiner
Mine und Stellung eine so tiefe, so rührende Bekümmerniß ausgedrükt,
daß die Grausamkeit selbst, bey seinem Anblik, ihren blutigen
Dolch mit milden Thränen gewaschen hätte.
König Heinrich.
Aber warum nahm er dann die Crone weg? (Der Prinz Heinrich zu den
Vorigen.) Seht, hier kommt er. Komm hieher zu mir, Harry; verlaßt
das Zimmer, laßt uns allein.
(Die Lords gehen ab.)
Prinz Heinrich.
Ich dachte nicht, daß ich Eu. Majestät wieder reden hören würde.
König Heinrich.
Dein Wunsch, Harry, war Vater zu diesem Gedanken. Ich lebe zu
lange für dich, du wirst es müde. Ist deine Begierde nach meinem
leeren Thron so heftig, daß du dich meiner Vorrechte schon
anmassest, eh deine Stunde reif ist? O thörichter Jüngling! Du
suchst eine Hoheit, die dich zu Grunde richten wird. Warte nur
noch ein wenig; die Wolke meiner Würde wird von einem so schwachen
Wind noch emporgehalten, daß sie bald zertrieffen wird. Du hast
etwas gestohlen, das in wenigen Stunden ohne Verbrechen dein
gewesen wäre; in meiner Todesstunde selbst hast du noch das Siegel
auf meine Erwartung gedrükt; dein Leben bewies, wie wenig du mich
liebest; und du willt, daß ich mit der völligen Ueberzeugung davon
sterben soll. Du verbirgst tausend Dolche in deinen Gedanken, die
du an deinem steinernen Herzen gewezt hast, eine halbe Stunde zu
ermorden, die ich noch zu leben gehabt hätte. Wie? kanst du mich
nicht noch eine halbe Stunde ertragen? So geh' dann, und grabe
selbst mein Grab, und laß die frölichen Gloken in dein Ohr tönen,
daß du gekrönt bist, nicht daß ich todt bin. Mögen alle die
Tropfen, die meine Leiche bethauen sollten, zu Balsam-Tropfen
werden, dein Haupt zu heiligen; nur bedeke mich vorher mit ein
wenig faulem Staub, und gieb den der dir das Leben gab, den Würmern.
Stürze meine Staats-Bediente, vernichte meine Verordnungen; denn
nun ist eine Zeit gekommen, die aller gesezlichen Ordnung spottet.
Heinrich der fünfte ist gekrönt: Auf, Thorheit! Herab, königliches
Ansehn! Alle ihr weisen Räthe, hinweg! Und nun versammelt euch
aus allen Enden an den Englischen Hof, ihr müßigen Affen; nun,
angrenzende Nachbarn, reinigt euch von euerm Unrath! Habt ihr
einen Lotterbuben, der schwört? säuft? tanzt? die Nächte
durchschwärmt? raubt? mordet? und die ältesten Sünden nach der
neuesten Mode begeht? Freut euch, er wird euch nicht länger
beunruhigen, in England wird er Dienste, Ehre und Gewalt bekommen;
denn Heinrich der fünfte nimmt der gekrümmten Ausgelassenheit den
Maulkorb des Zwangs ab, und der rasende Hund hat nun Freyheit,
seine Zähne in jeden Unschuldigen einzuhauen. O! mein armes Land!
von bürgerlichen Wunden entkräftet! Wenn meine Sorgfalt deine
Ausschweiffungen nicht dämmen konnte, was wird aus dir werden, wenn
die Ausschweiffung deine Fürsorge ist? O du wirst wieder eine
Wildniß werden, von Wölfen, deinen alten Einwohnern, bewohnt!
Prinz Heinrich (kniend.)
O! vergebet mir, mein Gnädigster Oberherr! Wenn ich vor
Beklemmung und Thränen hätte reden können, so würde ich diese harte
und schmerzliche Bescheltung eher unterbrochen haben. Hier ist
eure Crone, und derjenige, der die Crone der Unsterblichkeit trägt,
möge sie euch noch lang' erhalten. Wenn ich sie mehr liebe als
euer Leben, und eure Ehre, so mög' ich nimmer von diesem Boden
aufstehen, auf den mein getreues und von seiner Pflicht
durchdrungnes Herz meine Knie niedergeworfen hat. Der Himmel ist
mein Zeuge, was für ein kalter Schauer mich befiel, da ich herein
kam, und keinen Athem mehr an Eurer Majestät spürte. Wenn diß
Verstellung ist, o! so mög' ich in meiner gegenwärtigen Wildheit
sterben, und die Zeit nicht erleben, daß ich der ungläubigen Welt
die Veränderung zeigen könne, die ich bey mir selbst beschlossen
habe. Ich war gekommen euch zu besuchen, und in der Meynung daß
ihr todt seyd, und von dem Gedanken daß ihr es seyd, selbst beynahe
todt, redte ich die Crone an, als ob sie mich verstehen könnte, und
machte ihr diese Vorwürfe: Die Sorgen, die du machst, haben das
Leben meines Vaters aufgezehrt, und also bist du, obgleich das
feinste, das schlimmste Gold; anders Gold, obgleich minder fein,
ist kostbarer, da es, in eine trinkbare Arzney aufgelößt, ein
Mittel zu Erhaltung des Lebens ist; du hingegen, das feinste, das
hochgeschäzteste, das glorreicheste, hast den der dich trug des
Lebens beraubt. Indem ich sie so beschalt, mein Königlicher Herr,
sezte ich sie auf mein Haupt, um mit ihr, wie mit einem Feind, der
meinen Vater vor meinen Augen ermordet hatte, die Sache eines
rechtschaffnen Erben auszufechten. Wenn sie aber mein Blut mit
Freude anstekte, oder mit irgend einem stolzen Gedanken meine Seele
schwellte, wenn ein rebellischer oder hochstrebender Geist in mir,
auch nur mit dem schwächsten Grad von Vergnügen, ihre Macht
willkommen hieß; so verhindre der Himmel, daß sie nie auf mein
Haupt komme, und mache mich dem Aermsten unter allen gleich, die
mit zitternder Ehrfurcht vor ihr knien!
König Heinrich.
O! Mein Sohn, der Himmel gab dir ein, sie von hinnen zu nehmen, um
zu dieser Erklärung Anlaß zu machen, die dir deines Vaters Liebe in
desto vollerm Maaß wieder giebt. Komm näher, Harry, seze dich zu
meinem Bette, und höre, ich denke den lezten Rath, den ich dir
jemals geben werde. Der Himmel weiß, mein Sohn, durch was für
Seiten-Wege und krumme Pfade ich zu dieser Crone gekommen bin, und
ich selbst weiß am besten, wie unruhig sie auf meinem Haupte saß.
Zu dir wird sie in beßrer Ruhe, mit bessrer Meynung und mit einem
bessern Titel herabsteigen: Denn alle Vorwürfe, die der Gelangung
dazu gemacht werden können, gehen mit mir zu Grabe. Diese Crone
schien an mir nur eine gewaltthätig an mich gerissene Zierde, und
es lebten ihrer viele die mir vorrüken konnten, daß sie mir dazu
verholfen hätten; und daraus mußte täglich Zank und Blutvergiessen
entstehen; der Friede, dessen ich genoß, war unsicher, und alle
Augenblike von Unternehmungen unterbrochen, die meine Crone und
mein Leben in Gefahr sezten. Meine ganze Regierung war wie ein
Schauspiel, wovon Empörung und Selbstvertheidigung der Inhalt war.
Aber nun ändert mein Tod die Scene; was bey mir erobert war, fällt
unter einem schönern Titel auf dich, denn du trägst die Crone durch
das Recht der Erbfolge. Allein ob du gleich sichrer stehst als ich,
so stehst du doch nicht fest genug, da die Beschwerden noch so
frisch sind, und allen denen, die du nun zu deinen Freunden machen
must, der Stachel erst so kürzlich ausgezogen worden ist. Ich rede
von den Erben und Freunden dererjenigen, durch deren
verbrecherische Künste ich emporgestiegen, durch deren Macht ich
besorgen mußte, wieder gestürzt zu werden, und denen ich deßwegen
zuvor kam. Meine Absicht war, sie in das heilige Land zu führen,
damit nicht Ruhe und Musse sie veranlassen möchte, zu tief in
unsern Staat hinein zu schauen. Laß es also deine vornehmste
Maxime seyn, mein Sohn Harry, schwindlichte Köpfe mit auswärtigen
Angelegenheiten zu beschäftigen; damit sie ihr Feuer in entfernten
Provinzen ausarbeiten, und unter dieser Arbeit das Andenken der
vorigen Tage verliehren. Ich wollte noch mehr mit dir reden, aber
meine Lunge ist so schwach, daß ich es nicht länger aushalten kan.
Wie ich zu dieser Crone kam, o Gott, vergieb mir! und laß sie
ruhig und glüklich auf meines Sohnes Haupte sizen!
Prinz Heinrich.
Mein Gnädigster Herr, ihr habt sie gewonnen, getragen, erhalten,
und auf mich gebracht; mein Besiz ist also klar und rechtmäßig; und
rechtmäßig will ich ihn auch, so viele Müh es kosten mag, gegen die
ganze Welt behaupten. (Lord John von Lancaster und Warwik, treten
auf.)
König Heinrich.
Sieh, sieh, hier kommt mein Sohn Lancaster.
Lancaster.
Gesundheit, Frieden und Glük, meinem Königlichen Vater.
König Heinrich.
Du bringst mir Glük und Frieden, Sohn John; aber die Gesundheit ist
mit jugendlichen Schwingen aus diesem kahlen verdorrten Stamm
weggeflohen. Nachdem ich nun auch dich gesehen habe, so sind meine
zeitlichen Geschäfte vorbey--Wo ist Milord von Warwik?
Prinz Heinrich.
Milord von Warwik!--
König Heinrich.
Hat das Zimmer, wo ich die erste Ohnmacht bekam, nicht irgend einen
besondern Nahmen?
Warwik.
Man nennt es Jerusalem, Gnädigster Herr.
König Heinrich.
Gott sey gelobt! Dort muß ich mein Leben enden. Es ist mir vor
vielen Jahren propheceyet worden, ich könnte nirgends als in
Jerusalem sterben: und ich bildete mir fälschlich ein, es müßte im
gelobten Lande seyn. Aber bringet mich in dieses Zimmer, das ist
das Jerusalem, wo ich sterben will.
(Sie gehen ab.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
(Schallow's Siz in Glosterschire.)
(Schallow, Silence, Falstaff, Bardolph, und der kleine Lakay
treten auf.)
Schallow.
Beym Sappermost, Sir, ich laß euch diese Nacht nicht fort! He!
Davy, sag ich--
Falstaff.
Ihr werdet mich entschuldigen, Herr Robert Schallow.
Schallow.
Ich werd' euch nicht entschuldigen; ihr sollt nicht entschuldiget
werden; ich nehme keine Entschuldigung an; es hilft keine
Entschuldigung; ich lasse keine Entschuldigung gelten--He! Davy--
(Davy tritt auf.)
Davy.
Hier, Sir.
Schallow.
Davy, Davy, Davy, laß mich seh'n, Davy, laß mich sehen; ja,
Sapperment! der Koch William, sagt ihm, er soll herkommen--Sir
John, ich laß keine Entschuldigung gelten.
Davy.
Ja, Herr; aber diese Regeln können nicht gehalten werden; und noch
eins, Sir, sollen wir das Ek mit Weizen ansäen?
Schallow.
Mit rothem Weizen, Davy--Aber auf William Koch zu kommen--sind
keine jungen Dauben da?
Davy.
Ja, Sir--Hier ist des Schmidts Conto, für Schuhe, und Pflug-
Eisenwerk.
Schallow.
Laß ihn bezahlt und quittirt werden--Sir John, ich nehme keine
Entschuldigung an.
Davy.
Izt, Sir, brauchte man nothwendig einen neuen Ring an den Wasser-
Eymer. Und, Sir, ist nicht eure Meynung, dem William den Betrag
von dem Sak, den er neulich auf dem Hinkley-Markt verlohr', an
seinem Lohn abzuziehen?
Schallow.
Er muß es vergüten. Etliche Dauben, Davy, ein Paar kurz-beinichte
Hennen, eine Schöps-Keule, und etliche artige kleine Beyessen:
Sag's dem Koch Willhelm.
Davy.
Bleibt der Mann im rothen Rok die ganze Nacht da, Sir?
Schallow.
Ja, Davy. Ich will ihm eine Ehre anthun. Ein Freund bey Hofe, ist
besser als ein Pfenning im Beutel. Mach' daß seine Leute ihre
Sachen recht bekommen, Davy; denn es sind Erzschelme, sie würden
uns durchhecheln, daß es eine Art hätte. Geh izt an deine Arbeit,
Davy.
Davy.
Ich bitte euch, Herr, helfet doch dem William Visor von Woncot
gegen Clement Perkes vom Bühel.
Schallow.
Es gehen grosse Klagen, Davy, über diesen Visor; dieser Visor ist
ein Erz-Schelm, so viel ich weiß.
Davy.
Ich gesteh es Eu. Herrlichkeit ein, daß er ein Schelm ist; aber
behüt uns G**, Sir, daß ein Schelm keine Gunst sollte finden können,
wenn ein guter Freund für ihn bittet. Ein ehrlicher Mann, Sir,
ist im Stand für sich selbst zu reden, das ist ein Schelm nicht.
Ich hab' Euer Herrlichkeit treulich gedient, diese acht Jahr' her;
und wenn ich nicht auch ein oder zweymal in einem Quartal einem
Schelmen gegen einen Bidermann hinaushelfen kan, so ist wahrlich
mein Credit bey Eu. Herrlichkeit nicht groß. Der Schelm ist mein
guter Freund, Sir, und ich bitte Euer Herrlichkeit also, laßt ihn
durchwischen.
Schallow.
Geh, geh, sag' ich, es soll ihm nichts gethan werden: Sieh' zu den
Sachen, Davy.--Wo seyd ihr, Sir John? Kommt, herab mit euern
Stiefeln! Gebt mir eure Hand, Herr Bardolph.
Bardolph.
Es freut mich, Eu. Herrlichkeit wohl zu sehen.
Schallow.
Ich danke dir von Herzen, mein wakrer Herr Bardolph;
(zum kleinen Lakayen)
ha, willkommen, mein hübscher Bursche--Kommt, Sir John.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Hof zu London.)
(Der Graf von Warwik, und der Lord Ober-Richter treten auf.)
Warwik.
Wie steht es, Milord Ober-Richter, wohin?
Ober-Richter.
Wie befindt sich der König?
Warwik.
Vollkommen wohl; seine Sorgen sind nun alle geendigt.
Ober-Richter.
Ich hoffe, er ist nicht todt?
Warwik.
Er ist den Weg der Natur gegangen, und für uns lebt er nicht mehr.
Ober-Richter.
Ich wünschte, Se. Majestät hätte mich mit sich genommen. Die
getreuen Dienste, die ich ihm in seinem Leben geleistet, haben mich
allen Kränkungen ausgesezt gelassen.
Warwik.
In der That, ich denke der junge König ist nicht euer Freund.
Ober-Richter.
Ich weiß, daß er's nicht ist; und ich rüste mich auf alles was
begegnen kan; es kan nicht schlimmer seyn, als ich's erwarte.
(Lord John von Lancaster, Glocester und Clarence zu den Vorigen.)
Warwik.
Hier kommen die betrübten Söhne des todten Heinrichs. O hätte der
lebende nur die Gemüthsart des schlechtesten unter diesen drey
Prinzen, wie viele Männer von Stand und Verdienst würden dann ihre
Pläze behalten, die izt vor Leuten von der verächtlichsten Classe
die Segel streichen müssen.
Ober-Richter.
Ich besorge, leider! es werde alles zu unterst zu oberst gekehrt
werden.
Lancaster.
Guten Morgen, Vetter Warwik.
Glocester. Clarence.
Guten Morgen, Vetter.
Lancaster.
Wir kommen zusammen, wie Leute die das Reden vergessen haben.
Warwik.
Wir erinnern uns noch wol, aber der Inhalt unsrer Gedanken ist zu
schwer, als daß ihn Worte sollten tragen können.
Lancaster.
Nun, Friede sey mit dem, der uns diese Schwermuth verursacht hat.
Ober-Richter.
Friede sey mit uns, oder wir werden noch schwermüthiger werden.
Glocester.
O, mein lieber Lord, ihr habt in der That einen Freund verlohren,
und ich darf schwören, ihr borgtet dieses kummervolle Gesicht nicht;
es ist ganz gewiß euer eignes.
Lancaster.
Obgleich niemand gewiß weiß, wie es ihm ergehen wird, so habt ihr
doch am wenigsten gutes zu erwarten; diß vermehrt meinen Kummer,
ich wollt' es wär' anders.
Clarence.
Gut, ihr müßt izt Sir John Falstaffen gute Worte geben; seine Gunst
vermag izt mehr als eure Verdienste.
Ober-Richter.
Liebste Prinzen, was ich that, that ich als ein rechtschafner Mann,
nach der Vorschrift meines Gewissens und meiner Pflicht; und
niemals sollt ihr mich eine niederträchtige Verzeihung erbetteln
sehen. Wenn Wahrheit und aufrichtige Unschuld meinen Fall
verursachen, so will ich zu dem König meinem abgelebten Herrn, und
ihm sagen, wer mich ihm nachgeschikt hat.
Warwik.
Hier kommt der Prinz.
Dritte Scene.
(Der Prinz Heinrich, nunmehr König Heinrich der fünfte, zu den
Vorigen.)
Ober-Richter.
Gott erhalte Eu. Majestät.
König Heinrich.
Dieses ungewohnte und strozende Kleid, Majestät, sizt mir lange
nicht so leicht als ihr euch einbildet. Brüder, eure Traurigkeit
ist, wie mich däucht, mit Furcht vermischt; diß ist der Englische,
nicht der Türkische Hof; kein Amurath folgt auf einen Amurath,
sondern Heinrich auf Heinrich. Und doch seyd immerhin traurig,
meine Brüder; aber, da die Ursache dazu uns allen gemein ist, so
betrachtet sie auch nicht anders als wie eine Last, die uns
gemeinschaftlich zu tragen auferlegt ist. Von mir seyd versichert,
daß ich euer Vater sowol als euer Bruder seyn will: Schenket mir
nur eure Liebe, und überlaßt mir eure Sorgen. Weint, daß Heinrich
todt ist, ich thue es auch; aber ein Heinrich lebt, der alle diese
Thränen, soviel ihrer sind, in eben so viele glükselige Stunden
verwandeln wird.
Lancaster. Glocester. Clarence.
Wir hoffen nichts anders von Eu. Majestät.
König Heinrich.
Ihr seht mich alle mit seltsamen Gesichtern an, sonderlich ihr.
(Zum Lord Ober-Richter.)
Ich denke, ihr seyd versichert, daß ich euch nicht liebe.
Ober-Richter.
Ich bin versichert, daß, wenn ich nach Biligkeit beurtheilt werde,
Eu. Majestät keine Ursache hat mich zu hassen.
König Heinrich.
Keine? Soll ein Prinz von meinen Hoffnungen so grosse
Beleidigungen vergessen können, als mir von euch wiederfahren sind?
Wie? den Cron-Erben von England auszuschalten, öffentlich zu
beschimpfen und ins Gefängniß zu schiken? War das eine
Kleinigkeit? Kan das in Lethe gewaschen, und vergessen werden?
Ober-Richter.
Ich stellte damals die Person euers Vaters vor, nicht die meinige.
Ich war mit der Handhabung seines Gesezes, und der öffentlichen
Gerechtigkeit beschäftiget, als es Euer Hoheit beliebte, mein Amt,
die Majestät und Gewalt des Gesezes, und des Königs, den ich
vorstellte, zu vergessen, und in meinem Richter-Stuhl gewaltsame
Hand an mich zu legen. Als einen Verbrecher gegen die Person euers
Vaters, ließ ich euch, kraft der Autorität die mir anvertraut war,
in Verhaft nehmen; und wenn ich daran unrecht that, so laßt es euch
immerhin gefallen, einen Sohn zu bekommen, der eurer Verordnungen
spotte, der die Gerechtigkeit von euern ehrwürdigen Bänken
herabreisse, den Lauf der Geseze hemme, und das Schwerdt stumpf
mache, das eure eigne Person und die allgemeine Sicherheit beschüzt;
ja der euer königliches Ebenbild schmählich antaste, und eure
Handlungen in der Person euers Repräsentanten verspotte. Fraget
eure königlichen Gedanken, macht den Fall zum eurigen, seyd nun der
Vater, und stellt euch einen Sohn vor, von dem euer Ansehn so sehr
angegriffen werde; und dann bildet euch ein, daß ich eure Parthey
nehme, und in euerm Namen und durch eure Macht euern Sohn so zur
Gebühr weise. Nach dieser kalten Ueberlegung sprecht mein Urtheil,
und saget nun, da ihr ein König seyd, was ich gethan habe, das
meinem Amt, meiner Person, und der Majestät meines Königs nicht
gemäß war?
König Heinrich.
Ihr habt vollkommnes Recht, Milord, und wäget diese Sache richtig
ab; fahret also fort, die Wage und das Schwerdt zu tragen; und
möchtet ihr, mit immersteigenden verdienten Ehren, so lange leben,
biß ihr einen Sohn von mir sehet, der, wenn er euch so beleidigt
hätte, euch so gehorche wie ich that: So würd ich's erleben, wie
damals mein Vater sagen zu können: Glüklich bin ich, daß ich einen
Mann habe, der Muth genug hat, die Justiz gegen meinen eignen Sohn
auszuüben; und nicht weniger glüklich, daß ich einen Sohn habe, der
seine Grösse so willig in die Hände der Gerechtigkeit überliefert--
Zum Beweiß also, daß ich eure Tugend ehre, übertrag' ich euch
ferner das unbeflekte Schwerdt, das ihr bißher getragen habt, mit
der Erinnerung, daß ihr eben diesen gerechten, kühnen und
unpartheyischen Geist, den ihr damals gegen mich gezeigt habet,
über alle eure Handlungen herrschen lasset. Hier habt ihr meine
Hand, daß ihr bey meiner Jugend die Stelle eines Vaters vertreten
sollt; meine Stimme soll tönen, was ihr meinem Ohr eingebet, und
Eure Weisheit und wohlgeübte Erfahrenheit soll in allen meinen
Entschliessungen mich leiten. Und, ihr Prinzen alle, glaubet mir,
ich bitte euch, mein Vater hat den besten Theil meines Herzens mit
sich ins Grab genommen; und ich lebe nur mit seinem Geist, die
Erwartungen der Welt zu beschämen, voreilige Weissagungen zu
vereiteln, und die schlimme Meynung auszulöschen, die man nach
meinem äusserlichen Schein von mir gefaßt hat. Die Fluth meines
Bluts, die bisher von vielen Ausschweiffungen aufgeschwollen
daherströmte, soll nun zum Meer zurük ebben, und daselbst mit dem
allgemeinen Staat der Wasser vermengt, hinfort in festlicher
Majestät einherfliessen. Wir sind nun im Begriff unser Parlament
zusammen zu beruffen, und wir werden vor allen Dingen darauf
bedacht seyn, unsern edeln Staatsrath, in welchem ihr, mein Vater,
(zum Lord Ober-Richter,)
den Vorsiz haben sollt, mit würdigen Gliedern zu verstärken; damit
der grosse Körper unsers Staats mit den bestregierten Nationen in
gleicher Linie stehe, und Krieg oder Frieden oder beydes zugleich,
uns bekannte und vertraute Sachen seyn mögen. Sobald unsre Crönung
vorbey seyn wird, werden wir, wie ich schon erinnert, unsern ganzen
Staat zusammen beruffen, und, wenn der Himmel meine guten Absichten
bekräftiget, so soll kein Prinz noch Pair eine gerechte Ursache
finden zu wünschen, daß der Himmel Heinrichs glükliches Leben um
einen einzigen Tag verkürzen möge.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Diese Scene stellt das Gastmahl vor, das der Junker Schallow dem
Sir John Falstaff giebt; es ist ein vortreffliches Gemählde in
seiner Art, aber man muß nach London reisen um es zu sehen; denn
nichts als die würkliche theatralische Vorstellung kan ihm das
Leben und den Grad von Abgeschmaktheit geben, worinn der ganze
Werth davon besteht. Das was bey der Vorstellung den besten Effect
machen muß, ist der gute ehrliche Junker Silence, der aus dem mehr
als Pythagoräischen Stillschweigen, das er nüchtern zu halten
pflegt, in das andre Extremum fällt, und in trunknem Muth ein
dummes Liedlein nach dem andern singt.)
Fünfte Scene.
(Während daß Herr Silence und Sir John im Streit begriffen sind,
wer den andern zu Boden trinken könne, kommt Pistol von London an,
und unterbricht das Landjunkerische Bacchanal durch frohe Zeitungen
vom Hofe, die er ankündiget, ohne gleich zu sagen, worinn sie
bestehen. Dieses giebt unserm Autor Anlas zu einer kleinen
spöttischen Parodie eines abgeschmakten Schauspiels vom König
Cophetua, so vermuthlich damals noch von Marionetten-Spielern oder
andern Comödianten von dieser Art gespielt wurde; endlich macht die
Weisheit des Hrn. Schallow dem Mißverständniß auf folgende Art ein
Ende:)
Schallow.
Um Vergebung, Sir: Wenn ihr mit neuen Zeitungen vom Hofe kommt, Sir,
so sind, wie ich's begreiffe, nur zwey Wege; entweder ihr müßt sie
sagen, oder ihr müßt verschweigen. Ich bin unter dem König in
einiger Autorität, Herr.
Pistol.
Unter welchem König? Nichtswürdiger, sprich oder stirb!*
{ed. * Dieser Vers scheint wieder eine Parodie zu seyn.}
Schallow.
Unterm König Heinrich!
Pistol.
Heinrich dem vierten oder dem fünften?