Dein Vater hat mir das Versprechen abgefordert, die Korrespondenz
abzubrechen: ich hatte schon geschrieben, es ihm zu geben; er hatte aber
nicht die Güte, den Brief, der es enthielt, anzunehmen; folglich habe
ich es ihm nicht gegeben: und sein Wille ist für mich unbedingt kein
Gesetz. Aber Du scheinst der nehmlichen Gesinnung zu seyn; und Deine
Wünsche sollen mir heilig seyn, bis zu meinem letzten Hauche. Fürchte
nicht, daß ich Dich weiter mit Zudringlichkeiten beschweren werde: nur
das traurige Vergnügen kann ich mir nicht versagen, in diesem letzten
Briefe noch einmal herzlich zu Dir zu sprechen. Ich will mich
rechtfertigen vor Dir, rechtfertige Du Dich auch vor Dir selbst. Mein
Herz soll und muß schweigen; ich habe Ursache zu fürchten, daß seine
Sprache nicht mehr verstanden wird; und ich will seine Empfindungen
nicht entweihen. Es ist seit einiger Zeit meine Beschäftigung gewesen,
daß ich alle Deine Briefe mit bitterm Gefühle wiederholt durchgelesen;
es ist, als ob die schöne Täuschung noch um mein Herz spielte, als ob
ich nicht aus dem süßen Traum erwachen könnte. Ich kenne viele Arten des
Zweifels; aber keiner giebt solche Scorpionenstiche, wie der Zweifel,
den Du mir gegeben hast. Ich bin glücklich gewesen, in meinem Wahn
glücklich gewesen, das danke ich Dir. Du kannst stolz seyn, es hat mich
kein weibliches Geschöpf glücklich gemacht, als Du; Du kannst sehr stolz
seyn, es wird mich keine wieder glücklich machen. Du bringst mich zu
meiner alten Philosophie über die Weiber zurück, und noch sehr zu
rechter Zeit. M...., Du hast nicht großmüthig, nicht redlich mit mir,
nicht weise mit Dir selbst gehandelt. Warum hast Du mir nicht Wahrheit
gesagt? Glaubst Du, daß ich Wahrheit scheue, auch wenn sie mich zu Boden
schlägt? Ich merkte Deine Veränderung gleich mit den Feiertagen: ich
lief herum voll Angst wie ein Gejagter. Von Dir kam kein Gruß, keine
liebreiche Erkundigung, keine Nachfrage nach einem Briefe, deren ich
wohl sieben geschrieben und zerrissen habe. Meine Seele war auf der
Folter; endlich sagte mir Sch., das Verhältniß müsse abgebrochen werden,
das wolltest Du; Du, die Du mir noch vor vierzehn Tagen die heiligsten
Betheuerungen schicktest: Dein Vater habe Dir alle Hoffnung benommen,
Dir mit seinem Fluche gedrohet. Von Allem dem war nichts wahr, wie ich
aus Deines Vaters Briefe sehe. Welche Partie glaubst Du denn, daß ich
nach meinem Charakter nehmen konnte, als Deinem Vater nun geradezu zu
schreiben, da ich nach Deiner Botschaft annehmen mußte, er wisse schon
Alles? Hättest Du mir die Wahrheit sagen lassen; ich hätte Dir mit einem
kurzen Kampfe Alles zurückgeschickt. Du klagst über meinen Stolz, und
nimmst Dir die Mühe, mich ganz zu demüthigen. Vielleicht gelingt es Dir,
vielleicht nicht. Dein Vater will keine Briefe von mir annehmen, auch
Deine Mutter nicht. Du vielleicht auch nicht. Das erniedrigt mich nicht;
ich finde mein Betragen ziemlich konsequent, so konsequent man in meiner
Gemüthsstimmung seyn kann. Was soll ich nun thun? Dein, Dein eigener
Antrieb war es, zu brechen. Du hättest mir und Dir und Deinen Aeltern
viele schmerzliche Gefühle ersparen können, wenn Du mit etwas mehr
Ueberlegung gehandelt hättest. Es scheint, als ob Du Dir ein Vergnügen
gemacht hättest, meine Empfindungen zu einer solchen Höhe zu winden, um
mich dann mein Nichts fühlen zu lassen. Es ist Dir ganz gelungen. Das
Mädchen, das noch kurz vorher an meinem Nacken hing, und mich um meine
Treue bat, hat nun nicht einmal den Muth, zu sagen, daß es mich liebt.
Ich bin zur Galanterie zu ernst, und Du hast Dich geirrt, wenn Du mich
unter diese Rubrike gebracht hast. Wir haben einander, wie es scheint,
Beide nicht gekannt; und dürfen also einander keine Beschuldigungen
machen. Daß ich Deine Ruhe gestört habe, vergieb mir; daß Du mir so
schöne Hoffnungen geschaffen und vernichtet hast, daß durch Dich mein
Friede zu Grunde gegangen ist, das will ich Dir vergeben, meine
Blödsinnigkeit anklagen, und Dich zu den ganz gewöhnlichen Mädchen
rechnen. Wenn ich das nur könnte, M...., ich wäre noch glücklich genug.
Mein Ernst hat Dir nicht gefallen; um ihn zu heilen, hast Du Bitterkeit
hineingegossen. Deinen Aeltern rechne ich nichts an; sie handeln nach
ihrem Begriff der Pflicht: aber wie Du nach Deinem Begriff der Pflicht
handelst, kann ich nicht einsehen. Du warst weder gegen Deinen Vater,
noch gegen mich, wie Du solltest. Die Gründe, welche Dein Vater gegen
mich anführt, sind alle gültig genug, da Du ihnen Gewicht giebst: ein
einziger hat mich mehr als alle getroffen, er heißt die Wankelmüthigkeit
des Weibes. Dein Vater läßt Dir Gerechtigkeit wiederfahren. M...., Du
hättest redlicher mit mir seyn sollen. Ich bin nicht der Mann, der das
weiche Herz eines Mädchens mißbraucht; ich fordere Dich auf, die
Wahrheit zu sagen. Bin ich nicht offenherzig mit Dir gewesen? Habe ich
Deine Empfindungen bestochen? Meine ganze Seele hängt noch an Dir, und
wird sich ewig nicht loswinden können. Wenn Du meiner unwerth wärest,
würde ich über Dich weinen und trauern. Sage mir nur offenherzig Deine
Wünsche, und traue mir Großmuth genug zu, sie alle zu befriedigen, und
wenn es mein Leben kostete. Wider meine Ehrlichkeit kannst Du nichts
fordern. Deine Briefe solltest Du längst wieder haben, wenn sie Dein
Vater nicht verlangte. Bekommen soll er sie nicht; aber lesen soll er
sie, wenn er darauf dringt, zu seiner Beruhigung und Deiner
Rechtfertigung. Hast Du etwas geschrieben, was Du zu gestehen Dich
schämest? Dich zu schämen Ursache hast? Mädchen, dann sind wir Beide zu
beklagen, Dein Vater und ich; und Du am mehrsten. Dann sollen sie zur
Tilgung alles Mißtrauens vor seinen Augen vernichtet werden. Wenn ich
auch das Angesicht Deines Vaters scheue, will ich mich doch vor ihm
nicht schämen. Ich bin gewohnt, mir Achtung zu erzwingen, wenn ich mir
auch keine Gewogenheit erwerbe. Ich kann mir vorstellen, wie viel
Nachtheiliges man Dir auf meine Kosten vorsagen wird; wenn Du das so
geradezu ohne Sichtung glaubst, so habe ich jede Empfindung meines
Herzens umsonst verschwendet. Ich bedaure Dich bei allem meinem Schmerz
noch weit mehr, als mich selbst: denn ich werde höchst wahrscheinlich
zeitlebens Dir zum Vorwurf herumlaufen. Mein Betragen wird Deine Strafe
seyn. Ich versichere Dich, Liebe, ich werde Dich nicht aus meiner Seele
verlieren. Ich habe mit keinem Mädchen in einer nähern Verbindung
gestanden; Du bist das einzige, das sich ganz in meinem Herzen
festgesetzt hat. Gehe hin, wo Du willst; ich werde Dich mit zu Grabe
nehmen. Du hörst vielleicht nach dreißig Jahren von mir noch den
nämlichen Ton, wenn Du Dich meiner gelegentlich erinnerst. M...., ich
bitte Dich um Gotteswillen, bei dem Glücke, das Du noch hoffst, sei
Deiner werth; ich kann nichts Schlimmes von Deinem Herzen glauben. Sei
Deines Vaters Freundin, wenn Du nicht meine Geliebte mehr bist. Wenn
mein Kuß Dich nicht edler gemacht hat, bin ich ein Verworfener, oder Du
ein Geschöpf ohne Sinn. Thue nichts, nichts heimlich: was ich that,
geschah Deinetwegen; sonst trete ich immer in's Licht. Meinetwegen zeige
auch diesen Brief Deinen Aeltern; ich werde ihnen gelegentlich nicht
bergen, daß ich ihn geschrieben.
Erlaube mir noch einmal, mich in die süße Täuschung der Harmonie unserer
Herzen zu setzen. Du hast ein schönes Werk zerstört, Liebe; das hättest
Du nicht thun sollen, oder nicht sollen bauen helfen. Du fragst, was ich
denke? und nicht, was ich fühle? Ich bin unendlich traurig; und von
welcher Art meine Empfindungen sind, magst Du in Zukunft von meinem
Gesichte lesen. Ich bin vielleicht nie wieder so glücklich, eine Sylbe
mit Dir zu sprechen; aber mein Herz wird Dich begleiten, denn ich bin
unveränderlich.
_Seume._
An Herrn ***.
Mein Herr!
Wir kennen einander nicht; aber die Unterschrift wird Ihnen sagen, daß
wir einander nicht ganz fremd sind. Meine ehemaligen Verhältnisse zu
Ihrer Frau können, dürfen und müssen Ihnen nicht unbekannt seyn. Sie
würden vielleicht nicht übel gethan haben, meine Bekanntschaft früher
gemacht zu haben; ich störe Niemandes Glück. Ob Madam *** gegen mich
ganz gut gehandelt hat, kann ich nicht entscheiden, eben so wenig als
Sie; da wir Beide nicht gleichgültig sind. Ich vergebe ihr gern und
wünsche ihr Glück; es war ja nie etwas anders der Wunsch meines Herzens.
Einige meiner Freunde wollen mir Glück wünschen, daß die Sache so
gekommen ist; sie überzeugen fast meinen Kopf, aber mein Herz blutet bei
der Ueberzeugung. Da Sie mich nicht kennen, dürfen Sie über mich nicht
urtheilen. Ich bin weder Antinous, noch Aesop, und Mademoiselle *** muß
doch vorzüglich den ehrlichen, guten Mann zu sehen geglaubt haben, als
sie mir sehr theuere Versicherungen gab. Doch stille davon! Es geziemt
mir nicht, mich zu rechtfertigen, und noch weniger, Andere anzuklagen.
Was die Leidenschaft that, hat -- die Leidenschaft gethan. Ich bin nicht
Ihr Freund, das leiden die Verhältnisse nicht: da ich aber ein ehrlicher
Mann bin, ist es für Sie so gut, als ob ich es wäre. Sie selbst, mein
Herr, haben bei der Sache als ein junger, nicht ganz ernsthafter Mann
gehandelt. Ich wünsche Ihnen Glück; Sie haben das nöthig. Ihre Frau ist
gut, ich habe sie tief beobachtet, und ich würde nicht im Stande gewesen
seyn, mein Herz an eine Unwürdige zu verlieren. Daß zwischen uns nichts
Strafbares vorgefallen ist, dafür muß Ihnen mein Charakter und meine
jetzige Handelsweise bürgen. Sie hat Fehler: sie kann hassen, verzeiht
nicht leicht, und ist leichtsinnig. Sie haben also keinen leichten Gang
mit ihr. Sie müssen ihr manchen Fehler vergeben und selbst keinen
begehen. Es ist mir daran gelegen, daß Sie Beide glücklich sind: das
wird Ihnen begreiflich seyn, wenn Sie etwas vom Herzen des Menschen
wissen und mich nicht für einen ganz gewöhnlichen Menschen halten. Ich
werde höchst wahrscheinlich unterrichtet seyn, wie Sie leben, so weit
man im Allgemeinen unterrichtet seyn kann: denn ich bin in B., wo ich
oft war, nicht ganz Fremdling: Ich kann nun einmal nicht wieder
gleichgültig werden, das hätte Madam *** ehemals glauben und ihre
Maßregeln zur Zeit nehmen sollen. Das Schrecklichste würde mir seyn,
wenn Sie je eine Ehe nach der Mode führen sollten. Ich bitte Sie bei
Ihrem Glück und bei dem Rest von meiner Ruhe, noch mehr aber bei dem
Glück der Person, die uns theuer seyn muß, nie -- nie leichtsinnig zu
seyn. Sie sind Mann; von Ihnen hängt Alles ab. Wenn M.... je von ihrem
Charakter sinken könnte, ich würde den meinigen fürchterlich rächen.
Verzeihen Sie und halten das nicht für Impertinenz. Sie müssen Zeiten
und Menschen kennen. Furcht giebt Sicherheit. Ich werde Ihre Frau mit
meinem Willen nie wieder sehen. Wenn Sie selbst Ihre Pflichten immer
erfüllen, so führen sie ihr immer in _einer ernsthaften Stunde_ mein
Andenken wieder zu. Es kann ihr heilsam werden, und soll Ihnen nicht
schaden. In meiner Seele kann in diesen Verhältnissen nur Liebe oder
Verachtung wohnen; ich kenne mich; die erste kann nur mit dem
Stufenjahre Freundschaft werden, und der Himmel bewahre Sie und mich vor
der zweiten: ihr Vorbote würde schrecklich seyn.
Ich kann aus der Seele des Weibes herauslesen, was Madam *** jetzt über
oder auch wohl wider mich sagen wird, und ich wünsche aufrichtig, daß
sie nie mit Reue an mich zu denken Ursache habe. Es ist Ihr eigenes,
großes Interesse, mein Herr, dafür mit beständiger Aufmerksamkeit zu
sorgen (hier fehlt ein Stück von der sehr zerknitterten Handschrift) --
-- gewöhnliches Weib; nur -- -- Unglück, wenn sie -- -- wäre.
Höchst wahrscheinlich kann ich Ihnen nie einen Dienst leisten, so wenig
als Sie mir bei meiner Denkungsart. Sollten Sie aber je glauben, daß ich
es könnte, so hätte ich in mir Ursache genug, es mit Vergnügen und Eifer
zu thun.
Ich erwarte weder Antwort, noch Dank; sehen Sie nur das, was ich so kalt
als möglich sagte, mit meiner Seele oder nur mit gehöriger Gleichmuth
an, und Sie werden Alles sehr natürlich finden.
Ich versichere Sie herzlich meiner völligen Achtung, und es muß Ihnen
daran gelegen seyn, sie zu verdienen. Leben Sie wohl und glücklich! Auch
dieser Wunsch geht ganz von Herzen, ob er gleich mit etwas mehr Wehmuth
geschieht, als der Mann fühlen sollte.
Grimma.
_Seume._ ]
[Fußnote 15: Mein erster Gang war Schnorr aufzusuchen &c.
Ja auch mir thut es heute noch leid! --! Ich dachte so oft an meinen
Freund, allein ich erwartete seine baldige Ankunft in Paris durchaus
nicht. Hätte ich nur die leiseste Ahnung davon gehabt, ich würde mich
gern auf's möglichste eingeschränkt haben, so sehr auch mich der kleine
Rest meiner Baarschaft an die Rückkehr in mein Vaterland mahnte.]
[Fußnote 16: Man hat mir zu Hause wohl manches Kompliment über meine
Sprache gemacht &c.
S. sprach sehr gut Deutsch und hatte etwas von dem Dialekte der
gebildeten Lievländer, der bekanntlich einer der angenehmsten ist. Auch
war sein Vortrag so gut und so bündig, daß man ihn stets hätte
nachschreiben können.]
[Fußnote 17: In Weimar freute ich mich &c.
Vom Vater Wieland sprach S. stets mit einer reinen, kindlichen
Verehrung. Wenn ich des Abends meinen kranken Freund besuchte, und es
war wieder einmal ein Brief von Weimar angekommen, so erheiterte ihn
stets ein sehr wohlthätiges Interesse für den ganzen Abend.]
[Fußnote 18: Aber mit einem Philister macht bekanntlich ein preußischer
Officier nicht viel Umstände &c.
Guter Seume, Du bist todt, und die alte Klage ist noch oft gehört
worden. Es wäre traurig, wenn es nicht Ausnahmen gäbe, die sich von
selbst verstehen. Unter diese für die Erinnerung so wohlthätigen
gehörten auch jener preußische Oberste mit seinem Hauptmanne, welche wir
auf den Ruinen in Tharand trafen. Wie freundlich redeten sie uns an, --
und wir waren eben nicht prächtig gekleidet -- und mit welchem Ausdruck
von Achtung behandelten sie Dich, verewigter Freund, als sie mit
Diskretion nach unsern Namen gefragt hatten.
Diese Herren waren auch preußische Officiere; aber gebildete und
kenntnißvolle Männer!
Wie wahr unser Seume auch damals in einem langen, interessanten Gespräch
mit diesen Männern das Kommende prophezeihte, und wie sehr alles dieses
denselben einleuchtete, dessen erinnere ich mich noch mit dem
lebhaftesten Gefühl.
Unser guter, redlicher S. war in so mancher Hinsicht zu beklagen; aber
am meisten schmerzte ihn, daß er sich mußte die letzten Jahre ernähren
lassen. Er äußerte dann und wann nur wenige Worte gegen mich; aber auch
die wenigen Worte waren hinreichend, seine schmerzhaften Gefühle zu
erkennen zu geben. Noch ein großes Glück war es für ihn, daß er seine
Unterstützung aus den Händen achtungswürdiger Menschen erhielt! Ruhe
sanft, redlicher Mann! jedes Andenken ist ein Segen Deiner Asche
geweiht!]
Druck von B. G. Teubner in Leipzig.