Zweiter Brief an Dieselbe.
Auch heute mußt Du mit mir Geduld haben, liebes Mädchen; ich bin
beständig wie auf der Post. Heute kam Igelström zu mir und zeigte mir
seine Ordre, sich sogleich bei dem Kommando zu stellen. -- Sei ruhig,
Liebe, ich reise nicht. -- Sein Befehl war, sogleich bei Empfang
abzugehen. Die Ursache weiß ich sehr wohl. Auch einige andere Officiere
haben schnell zu ihren Corps gehen müssen. Nun mußte ich ihm eine Menge
Geschäfte besorgen helfen, die ich einem Freunde schuldig bin. Man muß
mir nicht den Vorwurf machen, daß ich meine ernsthafteren Pflichten
nicht willig und pünktlich erfülle. Man sagte uns, es seien auch Briefe
an uns auf der Post: Du kannst denken, Liebe, daß mir das Herz schlug,
ob wir nicht auch vielleicht Befehl erhalten würden. Die Briefe kamen,
und waren zwar vom General, aber sie enthielten bloß freundschaftliche
Allotria. Eigentlich wäre es nun wohl besser gewesen, ich wäre jetzt
gereist; denn je eher ich hinkomme, desto eher bin ich wieder zurück.
Aber Dich jetzt so krank zu verlassen, Dich vielleicht nicht einmal
sehen zu können, das würde mein Herz nicht ausgehalten haben, so hart es
auch seyn mag. Ich bitte Dich, liebes, theures Mädchen, werde ja nicht
krank, nicht schlimm krank, oder ich kann nicht dafür bürgen, daß ich
nicht gerade zu Deinem Vater gehe. Liebe, schreib' mir, daß es besser
mit Dir ist; schreib' nicht viel, wenn es Dir schwer wird; nur einige
Zeilen zu meiner Beruhigung. Wenn ich Dich nur wohl weiß, so bin ich
glücklich genug. Täglich fühle ich mehr, wie sehr Liebe unser ganzes
Wesen stimmen kann. Mein Vater starb, und ich fühlte Schmerz und weinte
Thränen; aber welcher Unterschied zwischen jenem Gefühle und dem
zärtlichen Kummer, den mir nur Dein Uebelbefinden macht. Mädchen, ich
liebe Dich unaussprechlich: das habe ich so oft gesagt; aber ich sage es
eben so oft, weil ich meine Liebe nicht aussprechen kann. Deine
Gesundheit beschäftigt mich jede Stunde. Oft breche ich mitten in der
Periode meiner Schreiberei ab, lege die Feder seitwärts, und sehe
minutenlang, viertelstundenlang auf das leere Blatt. Meine theure,
einzig innig geliebte M., ich bitte Dich bei der Glückseligkeit, die Du
mir gegeben hast und geben willst, bei der ganzen innigen Zärtlichkeit,
mit der ich Dich ewig lieben werde, sei sorgsam und aufmerksam auf Deine
Gesundheit. Es macht mir unaussprechlich viel Unruhe, wenn ich Dich
krank denken muß; um so mehr, da ich nicht hin kann, um Dich von Deinem
Zustande zu überzeugen. Ein einziger Blick ist mehr, als eine lange
Erzählung. Es hat mich recht geschmerzt, daß Du fandst, ich sei
unordentlich; denn ich kann es nicht ganz für Scherz nehmen. Habe nur
Geduld, ich halte viele Dinge zu sehr für Kleinigkeiten: im Wesentlichen
hat mir noch Niemand Unordnung vorgeworfen. Du sollst finden, daß Du
nicht vergebens zu mir gesprochen hast. Habe nur Muth, mit mir kannst Du
alles Gute machen. Ich fühle, Mädchen, daß bei jedem Deiner Küsse meine
Seele sich immer noch zärtlicher an dich schließt. Nie habe ich Begriffe
von der Liebe eines Mädchens gehabt, jetzt ist mein ganzes Herz voll
davon. Ich lasse Dir Gerechtigkeit, liebes Mädchen, ohne Erröthen
Gerechtigkeit wiederfahren, Du bist zärtlicher als ich. Diesen Vorzug
giebt Dir Deine Weibernatur, die lauter Grazie und Sanftmuth ist; denn
bei Gott! in der Stärke der Liebe will ich mich auch von Dir nicht
übertreffen lassen. Wenn ich Dich nicht glücklich mache, ich fühle den
Werth meines Herzens, so glaube ich, es kann kein Sterblicher Dir Glück
und Zufriedenheit geben. Ich habe Dir meinen ganzen alten Stolz
geopfert, und unendlich gewonnen; ich würde Dir den Feldherrnstab und
alle Ordensbänder opfern und immer gewinnen. Wenn doch die Menschen
immer richtig nach Kopf und Herz mäßen, so würde nicht so viel
Mißverstand seyn. Wenn wird die glückliche Zeit kommen, Liebe, wo ich
Dir wenigstens täglich eine gute Nacht sagen darf? Aber würde der Geiz
damit zufrieden seyn? Ich bin so glücklich, so glücklich, wie ein
sterblicher Erdenbewohner seyn kann; lehre mich Genügsamkeit, Liebe. Nur
für Deine Gesundheit will ich beten. Glaube mir, ich bin förmlich fromm
geworden, seit ich Dich liebe.
Die Gottlosen sollten lieben, und sie würden sogleich aufhören zu
lästern: die Abgötterei, welche Liebende begehen, ist mehr ein Lob des
Schöpfers, als eine Blasphemie. Ein unnennbar süßes Gefühl bebt durch
mein ganzes Wesen, hebt meine ganze Seele von der Erde empor, wenn Du
mit frommer Vertraulichkeit mit einem Kusse Dich zu mir neigst. Ich bin
vielleicht ein Kind; aber der Himmel erhalte mir und Dir diesen
Kindersinn. Grüße Schwester F.......... Nimm den Kuß der Zärtlichkeit,
und daß Dir der Himmel Gesundheit gebe.
Ewig Dein _Seume_.
Dritter Brief an Dieselbe.
Da soll ich arbeiten, liebes Mädchen, und meine ganze Seele ist bei Dir.
Dein Briefchen hat mich nicht so sehr getröstet, als mich Sch.'s
Nachrichten beunruhigt haben. Du bist sehr krank, wie ich höre, und ich
soll ruhig seyn! Dein Arzt ist nicht zu Hause, zu dem Du noch das meiste
Zutrauen hast; Du kannst nicht sprechen, Du leidest die empfindlichsten
Schmerzen; und ich soll ruhig seyn! Da liegt der Bogen, den ich in die
Druckerei liefern soll; ich habe ihn weggeworfen. Ich weiß in meinem
Zustand mit nichts zu vergleichen, er ist mir ganz fremd: ich bin sehr
traurig und möchte doch um Alles in der Welt nicht fröhlich seyn, wenn
mir Jemand meine Traurigkeit nehmen wollte. Liebes, krankes Mädchen, und
Du leidest sicher meinetwegen; meinetwegen hast Du Dich nicht geschont;
wie werde ich, wie kann ich Dir alle Zärtlichkeiten vergelten, die Du
mir schon gezeigt hast. Ich fühle, ich muß von Dir die Liebe lernen;
ach, Theuerste, werde nur gesund, Du sollst ganz mit Deinem Schüler
zufrieden seyn. Es ergreift mich beständig unwillkürlich eine Wehmuth,
von welcher ich mich nicht losreißen will. Die Saiten, die ich Stümper
auf dem Klaviere anschlage, beben alle melancholische Akkorde, und alle
kleinen Stücke, die ich von der Laute greife, sind ungewöhnlich
elegisch. Einige Töne, welche den Ton der Seele treffen, können einen
Laien tiefer rühren, als den Meister die Kunstharmonien ihrer Zauberer.
Ich bekenne Dir, Liebe, ich gäbe ganze Konzerte von Haydn für zwei Töne
auf der Laute hin, wenn sie die Stimmung der Seele zurückbeben.
Es ist schon sehr hart, in einer solchen Entfernung von seiner Geliebten
zu leben, wie ich: in einem so eigenen traurigen Verhältnisse zu stehen,
wie ich; solche schöne Hoffnungen und so eigene Schwierigkeiten zu
haben, wie ich; aber jetzt, da Du krank bist, da ich herumschleiche, wie
ein Verirrter, da ich Dir so nahe bin und so fern, hat meine Lage keine
ähnliche an qualvoller Angst. Ich spreche nicht, weil ich meine
Empfindung lieber behalte als ausgebe; ich würde Dir auch nicht
schreiben, wenn ich Dir verbergen könnte, wie es in meiner Seele
aussieht. Selbst meine Gedanken sind so irrsam durcheinander, daß Du es
vielleicht sogar meinem Briefe ansiehst. Es ist, als ob ich mich
hinsetzen sollte zu sterben. Vergieb mir, bestes, theuerstes, ewig
geliebtes Mädchen; ich sollte nicht klagen; denn ich bin ein Mann, und
ein Mann soll stark seyn. Ein König mit seiner Macht könnte meinen Augen
sicher keine Thräne auszwingen; meine eigenen Empfindungen haben oft
schon die glühenden Tropfen bis an die Wimper getrieben. Ich weine wohl
nicht, aber meine Augen brennen und eine hohe Gluth fährt elektrisch
durch meinen Nacken. In welchem Lichte mag ich Dir erscheinen, Liebe?
Man klagt mich so sehr der Härte, der Unempfindlichkeit, der Rohheit an:
und in meinem Charakter, der meistens der eisernen Vernunft folgt, liegt
etwas, das jener Beschuldigung einigen Anschein von Wahrheit giebt. Aber
ich versichere Dich, bei allem, was einem ehrlichen Mann heilig seyn
kann, es ist nur Schein, und wer in den Charakter nicht tiefer
eindringt, bleibt bei dem Schein stehen. Du machst mir vielleicht einst
den nämlichen Vorwurf, wenn meine Liebe sich in das Kleid des
Vernunftmäßigen schickt, meine Seele sich vielleicht in die alte
stoische Ruhe setzt, und Du dann glaubst, das Feuer meiner Empfindungen
sei ausgestorben. Das würde mir schrecklich werden; denn ich versichere
Dich, bei meiner anscheinenden Ruhe kocht es oft in der Tiefe wie ein
Vulkan. Thue mir nie das Unrecht, Liebe, je an meinem Herzen zu
zweifeln; setze es auf die Probe, wie Du willst, und es wird Probe
halten. Meine Empfindungen sind ewig, denn sie sind wahr. Wenn ich nur
einmal so glücklich wäre, näher um Dich zu seyn, mit Dir in innigern
Verhältnissen zu stehen, damit Du mich ganz kennen lerntest, und sähest,
daß ich ein Herz wie das Deinige ganz verdiene. Siehst Du, bestes,
trautes Mädchen, meine Verse könnten Schminke tragen, meine Moral könnte
Wortgepränge seyn, meine Briefe könnten lügen, meine Reden könnten Brast
seyn, meine Küsse könnten Dir heucheln; denn wer würde nicht ein
schönes, liebenswürdiges Mädchen feurig küssen, wenn er ihr Herz
bestricken wollte: Alles an mir könnte Dich betrügen; aber nicht meine
Handlungen, welche Dokumente bleiben, für oder gegen mich, nicht die
herzliche, innige, zärtliche Aufmerksamkeit, mit der ich ununterbrochen
mein ganzes Leben für Deine Glückseligkeit wachen würde. Meine heißeste
Liebe zu Dir macht mich nicht blind, M..... ich kann Dich bei dem Glück,
das ich von dieser Liebe hoffe, versichern, ich würde Dir es mit
zärtlicher Schonung sogleich entdecken, wenn ich etwas an Dir fehlerhaft
fände; aber Alles, Alles hat an Dir, so viel ich jetzt gesehen habe,
meine Billigung, Manches hat mich entzückt, und selbst der kältere
Beobachter würde nichts zu tadeln finden. Der Himmel hat mich in Deinem
Herzen sehr gesegnet; ich habe so viele Glückseligkeit durch meine
undankbar kalte Philosophie nicht verdient. Aber ganz kalt bin ich nie
gewesen, ich hatte wenigstens die Empfänglichkeit der Wärme mir
erhalten, sonst hätte ich Dich nicht geliebt, sonst hättest Du mir nicht
geantwortet. Die Welt wird Dich sehr tadeln, wenn sie Deine Wahl
erfährt; aber ich will Dich rechtfertigen dadurch, daß ich ihr zeige,
ein Weib könne an meiner Seite wohl so glücklich seyn, als in einem
goldnen Wagen. Mädchen, ich darf Dir bekennen, ich freue mich auf die
Zeit wie ein Knabe, der noch zehn Jahre zu warten hat, bis ihm der Bart
keimt. Gewiß, ich bin ein guter Mensch durchaus, und ein solcher wird
nie ein schlechter Mann. Werde nur, werde nur gesund; ich bitte Dich,
meine Theure, sorge für Dich; befolge jetzt die Vorschriften, die Dir
der Arzt giebt, sei ruhig und habe Geduld. Wenn ich nur selbst ruhig
seyn könnte, ich wollte Dir recht gute Predigten über die Ruhe halten.
Mir ist alle Tage, als ob ich in euer Haus stürmen müßte, so zieht mich
eine unaufhaltbare Gewalt immer in Deine Gegend. Mädchen, wenn Du
wüßtest, wie oft ich in meinen Mantel gehüllt Abends dort in der Straße
auf und abwandle; ich blicke nicht hinauf, weil ich nichts sehen würde,
aber es thut mir doch etwas wohl, Dir so nahe zu seyn, bis mich meine
Ungeduld fort nach Hause treibt. Ich habe mit Dir und bloß durch Dich
schon manche schöne, herrliche Stunde genossen; aber eben dieser volle
Genuß zeigt mir nun die Leerheit aller übrigen. Es ist, als ob ich nicht
lebte, wenn ich nicht wenigstens in Gedanken bei Dir bin, so sehr bist
Du Alleinherrscherin meines ganzen Wesens geworden. Ich kann, ich will
nicht ruhig seyn, so lange Du nicht wohl bist, so lange Du nicht sicher
in meinen Armen ruhest. M...., liebes, krankes, theures Mädchen, gewiß,
es soll Dir noch recht wohl gehen, und Du sollst gesund seyn, und des
Arztes nicht bedürfen. Denn blos eure verkehrte Lebensweise ist Schuld
an euerm beständigen Uebelbefinden. Wenn ich doch so glücklich wäre, als
ein sehr gleichgültiger Bekannter in euerm Hause zu seyn, nur dieses:
nur um mich zu überzeugen, was ihr Leutchen für eine Menage führt, daß
ihr immer nicht wohl seid. Aber was sage ich Unbesonnener? An Deiner
Krankheit bin ich Schuld, blos ich; und sonst ist wohl Alles in der
Familie wohl. Ich werde mir die Strafe auflegen, Dich nie wieder so zu
sehen. Aber wenn werde ich Unglücklicher Dich nun wieder sehen? Das
Schicksal bietet Alles auf, mich für meine ehemalige Härte recht weich
zu machen. Ich kann Dir nun versichern, M....., ich bin nun so demüthig,
als es nur die christliche Moral immer haben will. Werde nur wieder
gesund, und rufe mich zu Dir; oder rufe mich auch nicht zu Dir und werde
nur gesund.
Wenn nur Hygea ihre Kraft des Lebens
Durch Deiner Glieder Fülle gießt,
Wenn nur in Pulsen eines leichten Strebens
Dein Blut sanft auf und nieder fließt,
Wenn Du nur Gottes Luft mit freien Zügen
Und frischer Brust zum Wohlseyn trinkst,
Will ich entzückt an Deinen Busen fliegen,
Wenn Du dem lieben Schwärmer winkst.
Ich will zum Himmel wie ein Pilger beten,
Daß Dir der Himmel Arzt und Heilung sei;
Und darf ich bald Dir wieder nahe treten,
So eil' ich hohen Herzensschlags herbei,
Und sinke, Liebe, hin zu Deinen Knieen,
Und danke mit dem seligsten Genuß
Dir und dem Himmel nur in einem Kuß,
In welchem alle Hochgefühle glühen.
Herrliches, liebes Mädchen, ich wünsche Dir baldige, feste, dauerhafte
Genesung. Dann mußt Du durchaus Dein Arzt selbst seyn, wenigstens keinen
andern als mich haben. Wenn ich nur ruhig seyn könnte! Ich küsse Dich so
zärtlich als ich Dich liebe. Dein auf ewig.
_Seume._
Vierter Brief an Dieselbe.
Heute bin ich schon etwas ruhiger Deinetwegen, da mir Sch. Nachricht von
Deiner Besserung bringt. Aber ganz ruhig werde ich nicht eher, als bis
ich Dich wieder einmal selbst sehe, und urtheile, daß Du gesund und wohl
bist. Denn Deiner Versicherung über Deine Gesundheit glaube ich auch
nicht; Du hast mich so oft getäuscht. Du glaubst, liebes Mädchen, hier
ist die Täuschung wohlthätig und besser als Wahrheit. Das spricht Deine
Liebe; aber das kann meine Liebe nicht glauben. Als ich Dich das letzte
Mal in meinen Armen hielt, liebes Mädchen, wie gut und zärtlich warst Du
da! wie liebevoll hingst Du an meinem Halse und athmetest an meinem
Herzen. Aber Du warst krank, Du warst schon recht krank, armes Mädchen.
Mir war's, als ob Deine Küsse doppelte Zärtlichkeit hätten; es ist etwas
Unaussprechliches in einem solchen Blicke, einem solchen Kusse. Wehe dem
Menschen, den ein solcher Kuß nicht ganz zum reinen Geweihten seiner
Liebe macht. Es liegt Wehmuth darin, unbeschreibliche Wehmuth,
theuerstes Mädchen, ich glaube, ich fange jetzt erst recht an, Dich zu
lieben, wie ich soll, und werde Dich an Zärtlichkeit übertreffen, wenn
ein Mann je ein Mädchen an Zärtlichkeit übertreffen kann. Siehst Du,
Liebe, ich lasse Dir und Deinem Geschlecht Gerechtigkeit wiederfahren;
ich gestehe, ihr mögt zärtlicher lieben, aber liebt ihr auch treuer und
standhafter und unverbrüchlicher? Das ist eine Frage, die ich nicht
entscheiden mag. Mich däucht, Du mußt ein Muster aller dieser Tugenden
seyn, weil Du mich wählen konntest. Das klingt stolz, Liebe, aber es ist
wahr; und mit diesem Stolze wirst Du wohl zufrieden seyn. Du konntest
wohl glauben, daß ein Mann, wie Du Dir meinen Charakter vorstellen
mußtest, vorzüglich in so ernsten Dingen sehr ernst denkt, und doppelt
ernst handelt: und doch eiltest Du in meine Arme. Du bist ein Engel für
mich; ich weiß gar nicht, Mädchen, wie ich Dich ganz verdienen werde:
aber verdienen will ich Dich, das Zeugniß sollst Du mir einst noch
geben. Ich glaube, im ganzen Vaterlande ist kein Mädchen, das so gut und
liebevoll wäre, als Du bist, M..... Mädchen, ich fühle Deinen Werth in
mancher ganz kleinen Nüance, und liebe Dich täglich mehr. Das ist
vielleicht eine Formel; denn ich glaube, ich kann Dich nicht mehr
lieben, als gestern und ehegestern; und doch kommt mir's jedesmal so
vor, wenn ich Dich in meinen Armen halte. Aber weißt Du, Liebe, daß ich
Dich jetzt als meine theuerste Geliebte doch noch nicht so liebe, als
ich Dich lieben werde, wenn Du einst mein Weib seyn wirst: das fühle
ich, das lieget in der Natur und ich wollte es philosophisch beweisen.
Die Geliebte ist dem Liebhaber freilich das höchste, glühendste Ziel
aller seiner Wünsche und Hoffnungen, aber das Weib muß dem Manne
durchaus Alles, Alles, der ganze Zirkel seines Wesens seyn. Der Mann ist
ein Verräther, dem sein Weib das nicht ist; und wehe dem Weibe, welches
dieses alles dem guten Manne nicht seyn kann. Vergieb mir, liebe M.....,
Du weißt, ich bin kein Ueberzärtlicher, vergieb mir meine süße
Schwärmerei: das denke ich mir durchaus als die seligste Periode der
ganzen Erdenexistenz, wenn Du mir einen Knaben oder ein liebliches
Mädchen entgegen tragen wirst. Da Du mich kennst, wirst Du mich deswegen
nicht tadeln; da ich Dich kenne, darf ich wohl in den hohen Empfindungen
meines Herzens ein Wort dieser Art zu Dir sprechen. Wenn ich so oft
unter einer glücklichen Familie saß, und mich an den reinen Gesichtern
der kleinen, fröhlichen Kinder weidete, stieg oft eine unbekannte
Sehnsucht in mir auf. Ich dachte nie an die Hoffnung, selbst einst so
glücklich zu werden, und ließ die kleinen, krauslockigen Jungen mich in
den Haaren zausen und am Barte rupfen. Die Leute sagten immer, trotz
meiner Wildheit, sähen sie daraus, daß ich ein guter Mann sei. Du,
M....., hast mir diese neue Hoffnung geschaffen, und ich danke Dir dafür
wärmer, als für alle Deine Küsse. Werde nicht eifersüchtig über meine
sonderbare Philosophie. Du bist mir doch, bleibst mir doch Alles, der
ganze Inbegriff des Segens, den ich mir vom Himmel erbitte. Mädchen
werde nur wieder gesund: denkst Du etwa, das sei so ganz egoistisch? und
daß Du so blos meinetwegen gesund werden sollst? Glaube das nicht,
Liebe, ich wollte gern für Dich leiden und dulden, wenn ich Dir nur
Deinen Schmerz abnehmen könnte. Seit ich Dich so herzlich liebe, bin
ich, so wahr ich lebe, ein anderer Mann; ich habe das Leben selbst weit
lieber, und mich däucht, es sei nun doch des Wunsches werth zu leben.
Ehemals nahm ich mir wahrlich kaum die Mühe, das Leben zu wünschen.
Sonst sah' ich manchen Frühling blühn,
Und sahe manchen Sommer fliehn,
Und bückte an des Beetes Saum
Mich nach der schönsten Blume kaum.
Sonst strich mir mancher Herbst vorbei
Und war mir immer einerlei,
Ich aß da Aepfel ohne Dank,
Die Traube ohne Frohgesang.
Jetzt, M...., lieb' ich Dich
Und Alles wird nun froh um mich
In jeder Blume trägt die Luft
Mir Labung zu, und Balsamduft.
Der Apfel, den ich eben aß,
Schmeckt würziger, als Ananas;
Rund um ist Alles eingeweiht,
Und selbst der Schnee ist Feierkleid.
Werde nur wieder gesund, meine Liebe! Ich küsse Dich zärtlich, recht
zärtlich. Ewig Dir treu und der Deinige, liebes Mädchen, ewig.