Er pflegte immer zu sagen: »das Gute lobt und belohnt sich selbst.«

J. G. Seume's

sämmtliche Werke.

Vierte rechtmäßige Gesammtausgabe

in acht Bänden.

Erster Band.

Mit dem Bildniß Seume's.

Leipzig,

Joh. Friedr. Hartknoch.

1839.

Inhalt des ersten Bandes.

Mein Leben 1

Fortsetzung von Seume's Leben, mitgetheilt von C. A. H. Clodius 99

Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Erster Theil 153

Inhalt des zweiten Bandes.

Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Zweiter Theil 1

Anmerkungen zum Spaziergang nach Syrakus von V. H. Schnorr v. K. 205

Mein Leben.

^Veritatem sequi et colere, tueri justitiam

omnibus aeque bene velle ac facere,

nil extimescere.^

Das Mißliche einer Selbstbiographie kenne ich so gut als sonst irgend

Jemand; und ich halte mich für nicht wichtig genug, daß überhaupt mein

Leben beschrieben werde. Wenigstens wäre es nach vierzig Jahren noch

Zeit genug. Ein angesehener Buchhändler bot mir vor einigen Jahren, als

die Aspekten am litterarischen Himmel noch besser standen, eine

beträchtliche Summe, wenn ich ihm die psychologische Geschichte meiner

Bildung schreiben wollte. Ich gebe mich aber nicht gern zu dergleichen

Spekulationen her; und es geht etwas wider mein Wesen, auf meine Kosten,

vielleicht etwas eigenthümlich, einige allgemeine Wahrheiten zu sagen,

die die eine Hälfte längst weiß und die andere Hälfte nicht wissen will.

Folgendes hat mich indessen bestimmt, etwas über mich selbst zu sagen.

Schon Herder, Gleim, Schiller und Weiße und mehrere noch Lebende haben

mich aufgemuntert, nach meiner Weise die Umstände meines Lebens, das sie

wohl für wichtiger hielten, als es war, schriftlich niederzulegen. Ich

glaubte, das wäre im achtzigsten Jahre noch frühe genug; aber meine

jetzigen Gesundheitsumstände erinnern mich, es nicht zu verschieben,

wenn es geschehen soll. Mehrere meiner Freunde drohen mir,

wahrscheinlich genug, daß ich auf alle Fälle einem Biographen doch nicht

entgehen würde: und da fürchte ich denn, einem Sudler, oder

Hyperkritiker, oder gar einem schalen geschmacklosen Lobpreiser in die

Hände zu fallen. Niemand kann doch besser wissen, was an und in ihm ist,

als der Mann selbst, wenn er nur redliche Unbefangenheit und Kraft genug

hat, sich zu zeigen, wie er ist. Ich überlasse es jedem, der etwas von

mir weiß, zu urtheilen, ob das, was er von mir weiß, das Gepräge dieser

Unbefangenheit und dieser Kraft trägt. Ich erzähle also ehrlich offen,

ohne mich zu schonen, und nicht selten mit dem Selbstgefühl inneren

Werths, und ohne den Vorwurf der Anmaßlichkeit, oder die Krittler weiter

zu fürchten, die vielleicht sodann über mich nur Todtengericht halten.

Thorheiten werde ich wohl nicht wenige und nicht geringe zu beichten

haben; aber, so viel ich mir bewußt bin, keine Schlechtheit. Wenn die

Erzählung unterhält und vielleicht hier und da die Jugend belehrt und in

guten Grundsätzen befestiget, so habe ich nicht umsonst gelebt und

geschrieben.

Mein Vater Andreas war ein ehrlicher, ziemlich wohlhabender Landmann,

der, wie ich, die Krankheit hatte, keine Ungerechtigkeit sehen zu

können, ohne sich mit Unwillen und nicht selten mit Bitterkeit darüber

zu äußern. Seine Bekannten nannten ihn also einen hitzigen Kopf, und

einige Edelleute einen unruhigen Kopf, den man unterdrücken müsse; das

war natürlich und mußte auch gelingen. Nur ein einziges Beispiel seiner

Heftigkeit! Ich habe keines von meinen Großältern gekannt, wohl aber

einen Großgroßvater, von Seiten des Vaters, einen Mann von mehr als

neunzig Jahren, den man nur den alten Jobst nannte, und der mir, als

kleinem Urenkel, fast eine Stunde Weges immer einen Kober voll

Frühkirschen brachte. Dieser war etwas im Geruch der Ketzerei, weil er

nicht das ganze Bonzenwesen des Pfarrers mit gehöriger Gefangennehmung

seiner Vernunft gläubig aufnahm, besonders einige Zweifel über die

Richtigkeit einiger Decemforderungen hegte. Der alte Jobst stand bei der

Gemeine für den Riß in Kollisionsfällen. Als er starb, überließ die

Familie mit Bescheidenheit dem Pfarrer die Anordnung des

Leichenbegängnisses, ohne Text und Lieder selbst zu wählen. Der Pfarrer

ließ lauter Straflieder singen, unter welchen auch das bekannte »O

Ewigkeit du Donnerwort« war, und hielt zur Erbauung und Abschreckung

eine wahre Galgenpredigt. Mein Vater unter den Leidtragenden nahm in der

ersten Wirkung des Sermons einem alten Verwandten das spanische Rohr

weg, eilte damit vor die Sakristei, und hätte gewiß dem Strafredner eine

sehr fühlbare Replik beigebracht, wenn man ihm nicht in die Arme

gefallen wäre. »Herr, sagte er mit starker Stimme, wenn nur Sie und Ihre

Familie so ehrliche gute Leute sind, wie der Verstorbene und seine

Familie, so können Sie zufrieden sein. Er konnte und wollte Ihre weiten

unersättlichen Aermel nicht füllen; das war seine ganze Gottlosigkeit.«

Es entstand daraus ein Konsistorialprozeß, der meinem Vater viel Geld

kostete. Der Verweis, den der Pfarrer erhielt, war leicht eingesteckt;

aber das Geld, das es meinem Vater kostete, war nicht so leicht

ausgezahlt. Der handfeste Köhlerglaube scheint also die Sache meiner

Familie väterlicher Seite nicht gewesen zu sein; weßwegen der ehrwürdige

Herr zu Frankfurt am Mayn unseres Namens, der einen gelehrten ^tractatum

de SS trinitate^ zu Anfange des vorigen Jahrhunderts geschrieben hat,

wohl schwerlich zu uns gehört. Daß meine Mutter mich gern als einen Mann

Gottes auf der Kanzel gesehen hätte, ist eine gewöhnliche Schwachheit

des Geschlechts: sie kam aber bald davon zurück, als sie meine

entschiedene Abneigung und verschiedene schlechte Geistliche in der

Nachbarschaft sah. Ich habe oft gehört, daß meine Mutter Regine Liebich,

in ihrer Jugend für ein schönes Mädchen gehalten worden ist. Mein

Geburtsort ist Posern, ein Dörfchen eine Viertelstunde von Rippach, wo

die Poststation war, wo die Vorfahren meiner Mutter seit dem

dreißigjährigen Kriege ein Grundstück mit Brauerei, Brennerei und

Schenkrecht besaßen, das sie, laut Documenten, als Appertinenz vom

Rittergut damals mit neunzig Thalern an sich gekauft hatten, und für das

man 1803 zwölfhundert bot. Mein Geburtstag fiel, laut der alten

Familienbibel, die durch eingebundenes weißes Papier zugleich die

Familienchronik war, den 29. Januar 1763, in einer, entsetzlich kalten,

Periode, woraus die Gevattern und Basen nach ihrer Weise allerlei

prophezeiten. Ohne eben mit Sterne weitläufig gelehrt über den Einfluß

äußerer Umstände bei dem ersten Eintritt in die Existenz zu spintisiren,

habe ich doch oft gedacht, daß ich, nach der gewöhnlichen Rechnung, ein

Produkt der Walpurgisnacht, und als Erzeugniß zweier schönen sehr

lebendigen Menschenwesen, weit freundlicherer Natur und weit

merkurialischer sein sollte. Vielleicht hat folgender Umstand Einfluß.

Da meine Mutter durch eine gewöhnliche Vernachläßigung nach meiner

Geburt an der Brust litt, und eine Amme damals in der Gegend etwas

ungewöhnliches war, wurde ich mit Kuhmilch aufgezogen. Ich kam mit dem

Hubertsburger Frieden an; man nannte mich also Gottfried, und Johann

wurde vorgesetzt, weil es ein alter Vetter, auf den man in der Familie

etwas hielt, durchaus haben wollte. Meine Erinnerung geht nicht so weit

zurück, daß ich mich besinnen könnte, wie ich lesen und schreiben

gelernt habe. Der alte Schulmeister Held, dessen Tochter meine Pathe

war, und der mich daher mit viel Vorliebe und Strenge ächt

altpädagogisch behandelte, brachte mir diese Fertigkeiten bei, so früh,

daß sich die Zeit aus dem Gedächtnisse gewischt hat. Ich genoß manches

kleine Privilegium zur Zeit der Erdbeeren und Johannisbeeren und

Pflaumen, und wenn der Honig geschnitten wurde; aber übrigens wurde mir

der Bakel sehr reichlich zu Theil: nicht wegen der Lektion, denn diese

ging immer leidlich genug, sondern wegen mancher Unordnungen, die ich

nach meinem damaligen Bedünken für gar kluge Streiche hielt. Meine

früheste deutliche Erinnerung ist folgende: Ich hatte einen Vetter von

gleichen Jahren, mit dem ich mich oft wacker raufte, weil wir die besten

Freunde waren. Er ist nachher, wie ich höre, als Dragoner gestorben. Die

Schule lag auf einer kleinen Anhöhe und vor derselben unten war ein

grüner Rasenplatz, über den der Abfluß einer herrlichen Quelle, die

Heilige, nach dem dortigen Dialekt die Heleke genannt, sich schlängelte.

Ein herrlicher Platz zum Balgen und Raufen, wenn er nur nicht unter dem

Fenster des Schulmeisters gewesen wäre! Wir zwei jungen Streithähne

hatten schon in der Schule Zwist gehabt, den der Bakel beschwichtigt,

aber nicht geschlichtet hatte. Nun waren wir nicht länger zu halten; die

Erörterung fuhr in die Finger, die Bücher wurden weggeschleudert und das

Knuffen und Beinstellen und Raufen ging an. Die Größeren schlossen

theilnehmend einen Kreis und lachten, wie rüstig die kleinen Kämpfer

sich tummelten. Der Herr Pathe Schulmeister rief und drohte mit dem

Haselstock aus dem Fenster vom Berge herab. Niemand sah und hörte; das

Boxen ging fort und bald lag Jakob oben, bald Gottfried, und die kleinen

Finger waren voll Gras und Haare. Plötzlich trennte sich der Kreis und

der alte Herr Pathe Held bearbeitete jugendlich rasch mit dem

Haselinstrument unsere Beinkleider und Schulterblätter. Das versöhnte

schnell wie der Blitz die Streitenden; wir sprangen auf, rafften die

Bücher zusammen: der Kreis zog fort, und wir gegeißelt hinter her. Der

Kreis lachte, die Pferdebändiger vor der Schmiede und Schenke lachten

laut, wir stimmten ein; und lächelnd zog der alte Schulmonarch, den

Friedensstifter des Haselbusches drohend noch in der Hand schwingend,

nach seinem Berge zurück. Die Sache machte Lärm im Dorfe und alles vom

Schulzen bis zum Nachtwächter lachte noch laut nach: nur mein Vater that

es verstohlen, um den Buben nicht in seinen Streichen zu bestärken. Noch

einige Jahre früher, und früher als meine Erinnerung reicht, hätte ein

Zufall fast meiner Existenz ein Ende gemacht. Hinter dem Garten meines

Vaters floß der kleine Bach Rippach, der ungefähr eine Stunde von Posern

in die Saale fällt. Der Garten war mein Lieblingstummelplatz; nur

fürchtete man für den kleinen Buben das Wasser. Es wurden eben alte

Bäume ausgerottet und junge gesetzt; ich wurde also dem alten Jakob, der

mit einigen andern arbeitete, zur Aufsicht übergeben, damit ich mich

nicht dem Bache nähern sollte. Das hielt man gewissenhaft, beachtete

aber nicht so sehr die Nähe. Ich springe und jage dort herum und

plötzlich fällt der alte Aepfelbaum, an dem man arbeitete, faßt mich und

schlägt mich zu Boden. Die erschrockenen Alten wenden und kehren mich

nach allen Seiten; ich bin augenblicklich todt; Jakob nimmt mich auf den

Arm und trägt die vermeintliche Leiche hinein in den Hof, wo mein Vater

eben mit der Mutter an der Wäsche über Hausangelegenheiten sprach. Man

stelle sich die Botschaft vor; meine Aeltern liebten uns ohne

lächerliche Schwachheit mit wahrem tiefem Gefühl. »Herr, hier bringe ich

den Jungen,« sagte der Alte, indem er mich auf den Wäschtisch legte, »er

ist todt. Gott im Himmel weiß, ich bin unschuldig; ich wollte, der Stamm

hätte mich getroffen.« Unter lautem Wehklagen suchte und schickte man

nach Hülfe. Der Barbier wandte alle seine Weisheit an, der Arzt kam;

alle Mittel waren umsonst; kein Zeichen des Lebens erschien. Zwölf

Stunden und darüber war man so traurig vergeblich beschäftigt und eben

im Begriff zu enden und an die Beerdigungsanstalten zu denken, als ich

das linke sehr verletzte Auge aufschlug. Man fing die Versuche wieder an

und brachte mich ins Leben zurück. Es hatte mich nicht der Stamm,

sondern nur einige starke Aeste mit den Zweigen getroffen und die tiefe

Betäubung bewirkt. Damals mochte ich ungefähr drei Jahre alt sein. Von

den Quetschungen blieb wenig zu sehen, außer dem Flecken im erwähnten

linken Auge, den man im zwanzigsten Jahre noch wahrnehmen konnte. Ein

etwas späterer Vorfall hätte mich auch bald in jene Welt getragen. Mein

Vater war damals schon in einer Pachtung als Gastwirth bei Leipzig. Das

größte Vergnügen für mich war die Pferde in die Schwemme und auf die

Weide zu reiten, wozu ich jedoch nur selten die Erlaubniß bekam. Reiten

hieß bei mir jagen, daß die Mähnen flogen und die Haare sausten. So ritt

ich einmal gegen die Ordonnanz mit in die Schwemme. Das Thier liebte den

Strom eben so sehr, als ich das Reiten, scharrte, stampfte und brauste:

meine Hand war zu schwach es zu halten: es legte und wälzte sich mit

gewaltigen Wohlbehagen. Ich kam unter das Pferd, verlor die Besinnung

und der Strom führte mich weit weit mit sich fort. Indessen hier erholte

ich mich, als ich herausgezogen wurde, nach einigen Minuten Versuchen

sogleich wieder: und lange Zeit blieb dem jungen Centauren die Reiterei

untersagt. Endlich kam mein Vater einmal von der Messe und hatte Pferde

gekauft. »Junge, ich habe auch eins für dich mitgebracht,« sagte er,

indem er sich zu mir wendete, und es wurde ein kleiner dürrer

Rothschimmel hervorgeführt, der nur vierthalb Füße hatte. Die Bestie

hinkte und wieherte komisch, und alle lachten über meinen Vater, mich

und den Schimmel. »Wir haben wohl recht viel Geld wegzuwerfen,« sagte

meine Mutter halb ärgerlich, »daß du noch dergleichen Fresser ins Haus

bringst.« »Frau, verdirb mir den Spas nicht!« sagte er launig

selbstzufrieden. »Ich habe es zur Zugabe, habe wahrscheinlich dem armen

Thiere das Leben gerettet: denn der Roßtauscher sprach vom Schinder und

Todtstechen. Wir haben heuer viel Heu, die Weide ist hoch: es kann doch

wohl noch etwas thun: und da der Junge mit des Teufels Gewalt zu Pferde

will, so mag er reiten.« Ich kratzte mich mürrisch hinter den Ohren und

bekümmerte mich wenig darum, was man mit meinem stattlichen Reitpferde

machte. Aber der Schimmel machte sich gut und gewann durch seine

Streiche Celebrität in der ganzen Gegend. Zuerst wurden wir aufmerksam,

als wir ihn galloppiren sahen, womit er jedermann in Erstaunen setzte.

Er hatte, wie gesagt, drei gesunde Hufe: der vierte war eine Art von

krummem Klumpfuß, so daß vorn statt des Eisens nur eine Platte von der

Größe eines Guldens lag. Der Schritt ging also jämmerlich und der Trott

jämmerlicher; aber Gallop und Karriere wie bei dem besten Renner; da

brauchte der kranke Fuß kaum den Boden zu berühren, und wurde von den

übrigen mit durchgetragen, welches im Schritt und Trott nicht möglich

war, weil da jeder Fuß gleichmäßig seine Dienste thun mußte. Da ich mich

um Schritt und Trott wenig kümmerte, war mir der Schimmel schon recht,

und ich gewann nicht selten die Wette über die flüchtigsten Rosinanten.

Er ward rund wie ein Apfel, und war klug, wie die Rosse des Peliden. Von

seinem Stammbaum habe ich nichts erfahren; aber es war ein satyrischer

origineller Gaul, der eine Menge Eigenthümlichkeiten besaß. Zu Wagen und

Pfluge konnte er nicht gehen; aber eine leichte Egge auf leichten Boden

zog er possirlich genug. Er schwamm vorzüglich gern durch die Flüsse und

decimirte den Klee auf fremden Wiesen: und dann waren Dutzende von

handfesten flinken Kerlen nicht im Stande, ihn zu fangen, oder

einzutreiben. Er setzte ächt strategisch auf dem besten Punkte allemal

durch und erreichte seine eigene Krippe. Nach dem Tode meines Vaters

verkaufte ihn meine Mutter in die Nachbarschaft für eilf Thaler, wo er

hart mitgenommen wurde. Einige Zeit nachher sahe ich ihn fast wieder in

seinem ursprünglichen Elend, wie ihn mein Vater nach Hause brachte, auf

einer fremden mageren Weide, einen Sack um den Kopf, damit das arme

Thier nicht von seinen Wanderungstalenten Gebrauch machen könnte. Als er

meine Stimme hörte, kam er auf mich zu, und ich glaubte in seinem

Wiehern Liebkosen und Wehmuth zu finden. Auch meine Mutter war bei

meiner Erzählung, welche von andern bestätigt wurde so gerührt, daß sie

fast die Schwachheit gehabt hätte, die heimische Kreatur wieder ins Haus

zu nehmen.

Mein Vater war zwar ein heftiger moralisch-strenger, aber kein harter

Mann. Im Gegentheil seine Heftigkeit kam meistens aus schneller tiefer

moralischer Empfindung her. Das Zuchtmeisteramt im Hause überließ er

fast immer meiner Mutter; und diese hatte bei ernsthaften Gelegenheiten

mit einigen Worten nur nöthig, den Namen des Vaters zu nennen, um alles

in gutem Gleise zu erhalten. Der Vater wurde dadurch nicht als Popanz

gebraucht, sondern sein strenger Ernst in ernsthaften Dingen zum

gehörigen Zwecke ins gehörige Licht gestellt. Meine Geschwister haben

vielleicht nie von meinem Vater einen Schlag bekommen; nur ich erinnere

mich, daß ich von ihm einmal thätig gezüchtigt worden bin auf eine

schreckliche Weise, die ihn gewiß noch mehr angriff, als mich; und zwar

waren beide, er und ich, im Ganzen unschuldig. Er war mit meiner Mutter

weg, ich glaube nach Weißenfels, gefahren und hatte uns mit einer Magd

und unsern Spielgesellen allein im Hause gelassen. Unterwegs besinnt er

sich, daß er den Schlüssel an einer Oberstube hat stecken lassen, auf

welcher ein Tisch mit gezähltem Gelde stand, meistens in groben harten

Münzsorten. Es war zu spät umzukehren; er eilte aber desto eher nach

Hause. Unterdessen waren wir in dem ganzen Hause herum gepoltert, ich

mit einem halben Dutzend meiner Spießgesellen, und auch in das Zimmer,

wo der Tisch mit dem Gelde stand. So viel Besinnung hatte ich doch schon

als ein Bube von sechs Jahren, daß ich sagte, es sei hier für uns kein

Spielplatz, auf Entfernung drang, den Schlüssel abzog und in die Tasche

steckte. Ich glaubte der erste und letzte im Zimmer gewesen zu sein und

hatte niemand in der Nähe des Tisches gesehen. Mein Vater kam, ging

hinauf, fand den Schlüssel nicht, kam herab: »Junge, wo ist der

Schlüssel zur Oberstube?« Ich zog ihn hervor; er ging wieder hinauf und

zählte nach: es fehlte an der Ecke ein Guldenstück. Mit sichtbarer

Verwirrung und Angst kam er wieder herunter: »Junge, wer ist im Zimmer

gewesen?« »Wir alle, Vater, Jacob, Christian und die andern: da ich aber

sahe, daß Geld aufgezählt war, gingen wir sogleich wieder heraus und ich

nahm den Schlüssel.« »Wer ist an den Tisch gekommen?« »Niemand als ich,

um die andern abzuhalten.« »Du hast ihn also genommen!« fing er an

schwach zu sprechen und zu zittern. »Ich habe nichts genommen,«

antwortete ich zitternd, halbweinend. Der Worte waren wenig; er ward

heftiger, ich läugnete fest und laut weinend. Er faßte mich

konvulsivisch mit den Fäusten und mißhandelte mich bis zur Grausamkeit,

daß auf das Geschrei meiner Mutter die Hausleute und Nachbarn herbei

stürzten und mich aus seinen Händen retteten. »Andres, lieber Andres,«

sagte der alte sanfte Gevatter Schulmeister Held, »Ihr seid ja außer

Euch; Ihr tödtet ja den Knaben; kommt doch zu Euch selbst!« »Ach Gott!«

seufzte mein Vater halb weinend, warf sich in den großen Stuhl und

verhüllte das Gesicht, ohne weiter ein Wort zu sagen. Die Scene ist oft

nachher wieder erzählt worden und mir deßwegen so lebendig geblieben.

Das Fürchterliche seiner Lage in diesem Momente habe ich aus meinem

eigenen Gefühl seitdem mir oft vorgestellt. Er liebte seine Kinder mit

der ganzen Zärtlichkeit eines Vaters und der ganzen Heftigkeit seiner

Natur; ich war sein Erstgeborner: die Nachbarschaft hielt etwas auf

mich, vom Schulmeister bis zum Nachtwächter; man wird ihm also

verzeihen, daß er es auch that. Nun denke man sich einen Vater, ein

ehrlichen, fein fühlenden, heftigen Mann, der seinen Liebling in einer

solchen Enormität ergriffen glaubt, vor dem die schönen Hoffnungen, an

denen sein besseres Wesen hängt, auf einmal verschwinden! Man nahm mich

nun gütlich vor, und ermahnte mich, ich sollte nur bekennen; ich hatte

nichts zu bekennen. Es ist mir noch jetzt rührend, wie urväterlich der

alte Schulmeister um uns besorgt war. »Lieber Pathe« sagte er, »du hast

dich geirrt, du willst nur mit dem Gulden spielen. Sage es nur, so ist

es gut: du wirst schon einsehen lernen, was das zu bedeuten hat.« »Das

sehe ich schon jetzt ein,« sprach ich, »und habe nichts gethan.« Dabei

blieb es. Mein Vater war von dem Tage an still in sich gekehrt, berührte

die Sache nicht mehr, sah mich zuweilen halb zornig, halb wehmüthig an

und verbat sich alles Einreden; sprach nichts Ermahnendes, nichts

Abschreckendes, sagte keines seiner Sprichwörter und war wie ein Wesen,

dessen beste Kraft gelähmt ist, so daß auch meine Mutter sichtbar dabei

litt: die Unruhe saß in beider Seelen. Ungefähr nach drei Wochen klärte

sichs auf. Nachbars Samuelchen -- ich habe seitdem den Namen weder in

der Bibel, noch außer der Bibel recht leiden können -- wurde von seinem

Vater zum Krämer geschickt, um eine Dose voll Schnupftabak zu holen. Er

erhielt einen Gulden, um ihn wechseln zu lassen. Der Krämer hatte von

ungefähr nicht so viel kleines Geld, und sagte, er wolle anschreiben, er

möchte den Gulden nur wieder mitnehmen und es dem Vater sagen. Sei es

nun unwillkürlicher Irrthum, oder lachte der neue Gulden den Buben

besser an, als der vergriffene gestohlene; er gab den falschen Gulden

zurück. »Hollunke,« fuhr ihn der Vater an, »das ist gewiß der Gulden,

der dort drüben so viel Unheil angerichtet hat.« Samuelchen bekannte und

leugnete nicht, und erhielt in bester Ordnung von seinem etwas härteren

Vater die Peitsche in zehnfachem Maaße. Meinem Vater fiel bei der

Aufklärung der Sache ein schwerer Stein vom Herzen. Wer lügt, der

stiehlt, war sein Sprichwort, und wer stiehlt gehört an den Galgen. Er

ward zusehends wieder heiter und suchte durch mancherlei versteckte

Liebkosungen wieder Ersatz zu geben; denn öffentlich durfte das Ansehen

nicht leiden.

Viele Neckereien bewogen meinen Vater, seine Grundstücke dort zu

verkaufen und eine Pachtung eines Wirthshauses mit beträchtlicher

Oekonomie in Knautkleeberg nicht weit von Leipzig einzugehen. Da spielte

ihm denn das heiße Blut hier und dort schlimme Streiche. Der

Justitiarius von Posern hatte bei einer Rügensache, wo sich mein Vater

fast, wie Weißens Kunze mit dem Dintenfasse, benommen hatte, gedroht, er

müsse kein Advokat und sein Principal kein Edelmann sein, wenn nicht die

Sache so weit gedeihen sollte, daß der Andreas Seume noch ins Hundeloch

käme für seine Ungebührlichkeiten. Ungebührlichkeiten nennt man aber

alles, was irgend einen alten Unfug antastet; und schon das feine Wort

für Gefängniß zeigt hinlänglich die Natur der damaligen

Patrimonialjustiz. »Ich will doch dem Teufel und seiner Hölle

entlaufen,« sagte mein Vater, »und sollte ich in einer Kneipe

Schuhzwecken schnitzen und Schwefelhölzchen machen mein Leben lang;« und

so packte er seine Familie auf einige Wagen und pilgerte fürbaß an die

Elster in der Gegend von Leipzig. Er hatte in seiner Jugend das

Böttcherhandwerk gelernt, war auch mit dem Felleisen über Naumburg nach

Gera und Saalfeld gewandert; da ergriff ihn aber, wie man ihm scherzhaft

vorwarf, die Sehnsucht nach der Geliebten, und er eilte über Altenburg

und Luckau nach Hause an der Rippach, ward Meister in der Innung und

heirathete in seinem zwei und zwanzigsten Jahre stracks ohne weiteres

Bedenken. Hätte er nicht etwas Vermögen gehabt, und wäre genöthigt

gewesen, sich in der Fremde etwas umzusehen, so hätten vielleicht einige

Jahre Umschauen den Feuerkopf etwas kühler gemacht; doch vielleicht

hätte sich das Gefühl auch noch tiefer gesetzt und wäre nur desto

bitterer geworden, wie es bei etwas mehr Bildung mir selbst gegangen

ist. Der Antritt der Pachtung fiel in eine sehr unglückliche Periode, in

die Hungerjahre 70 und 71. Der Besitzer des Gutes Lauer, zu dem das Dorf

Knautkleeberg gehört, war der damalige Leipziger Stadtrichter, ^Dr.^

Teller, ein Bruder der bekannten Teller in Zeitz und Berlin, ein harter,

unerbittlicher Mann, der von dem Buchstaben nichts nachließ und alles

Unglück sehr klug dem Pachter zugestellt hatte. Vielleicht machte ihn

auch das Mißliche seiner eigenen Geschäfte und sein excentrischer

Ideengang noch mißmüthiger und bitterer. Man sagte damals, er sei an der

Ministerkrankheit gestorben, weil ihn die Hoffnung täuschte, die Stelle

als Prinzenhofmeister zu erhalten, durch welche der wackere,

rechtschaffene Gutschmidt für sich und das Land eine so rühmliche

Laufbahn machte. Die Eigenheiten der Brüder sind bekannt genug: der

Berliner, als der vorzüglichste von ihnen, hatte am wenigsten. Mein

Vater, anstatt hundert Scheffel Korn in der neuen Pachtung jährlich zu

verkaufen, mußte zur Unterhaltung der weitläufigen Wirthschaft über

funfzig dazu kaufen: und ich kann mich noch recht wohl erinnern, daß er

den letzten Scheffel mit funfzehn Thaler bezahlte. Die Hungersnoth der

damaligen zwei Jahre ist in Sachsen als Landeselend bekannt. Hunger

haben wir nicht gelitten, aber meines Vaters Vermögen zusammen so

ziemlich verzehrt. »So lange ich noch eine Metze Korn mit dem letzten

Thaler kaufen kann,« sagte der wackere Mann, »muß niemand in meinem

Hause ungesättigt vom Tische aufstehen.« Es war, als ob die furchtbare

Theuerung doppelten Hunger erzeugt hätte; denn jedermann aß, wie man

bemerken wollte, fast noch einmal so viel, als gewöhnlich. Ich galt

damals im Dorfe für einen sehr glücklichen Prinzen, daß ich, so viel ich

wollte, herrliches Butterbrot hatte, da mancher arme Teufel hungrig

halbneidisch vorüber schlich. Da gab ich denn manchen Schnitt weg und

tauschte irgend ein Spielwerk oder einen Vogel dafür ein. »Junge, wirst

du ewig nicht satt?« sagte einmal meine Mutter halb froh halb traurig,

als sie mir ein frisches Butterbrot schneiden mußte; »es ist doch, als

ob der Himmel seinen Segen genommen hätte auch von dem, was noch da

ist.« Da es sich aber ergab, daß ich meine vorige ziemlich starke

Portion für einen Hänfling weggegeben hatte, fing sie an eine strenge

Zuchtmeistermiene anzunehmen, und ich glaube wirklich, sie würde zu

Birkengottfriedchen gegriffen haben, wäre nicht mein Vater dazu

gekommen. Der meinte nun, es sei wohl ganz gut, daß ich mein Butterbrot

vertheile, nur nicht, daß ich Hänflinge, Peitschen und Platzbüchsen

dafür nähme und dann komme und mir ein anderes erlüge: er könne übrigens

jetzt nicht alle Hungrigen speisen, und sei froh, wenn er nur seinen

Haushalt leidlich gesättigt habe. »Wenn du nun selbst traurig, hungrig

nach dem Butterbrot der andern sehen müßtest? Junge, wer zu dir kommt,

den weise an mich oder die Mutter! Hunger thut weh, Junge, sagt man: das

haben wir noch nicht erfahren; weiß der Himmel, ob es nicht noch kommt!

hörst du, Junge, Hunger thut weh.« Dabei wischte er sich heimlich einige

Tropfen aus den Augenwinkeln, und ging und schnitt tief in ein großes

Brot, um einige Zeit Sonnenschein auf finstere niedergeschlagene

Gesichter zu bringen. »Helfe euch Gott!« sagte er mit Rührung; »bald

können wir nicht mehr helfen.«

Bei meinem Herrn Pathen, dem Schulmeister Held in Posern, hatte ich für

einen Phönix im Lernen gegolten; hier bei dem Herrn Weyhrauch in

Knauthayn galt ich für einen ausgemachten Dummkopf. Weiß der Himmel,

woher es kam: ob mir das Umsetzen wie einem jungen Baume nicht bekommen

wollte, oder was sonst die Ursache war, ich hieß nur der dumme Junge von

Thüringen einige Jahre lang. Herr Weyhrauch nahm es mit der Geographie

nicht sehr genau; denn Posern liegt noch zwei Stunden diesseits der

Saale: ich aber habe mich seit der Zeit oft alles Ernstes für einen

Thüringer gehalten, zumal da ich jenseit des Stroms verschiedene

Verwandte hatte und hier nie so recht einmeißnern konnte. Ich schrieb

von Posern aus in meinem sechsten Jahre schon eine ziemlich leserliche

Hand; aber Herr Weyhrauch fand darin weder ^ductum^, noch ^fructum^, und

ich mußte durchaus ganz von neuem seine Hopfenstangen von Buchstaben

nachmalen, worin ich sehr unglücklich war, da ich zum Zeichnen fast gar

kein Talent besitze. Herr Adam Weyhrauch war ein ehrlicher,

wohlmeinender, braver Mann, der eine gewaltige Zeit in Halle und Leipzig

hatte studieren helfen, weil ihn sein Vater Weyhrauch, ^ludimagister

ejusdem loci, quo postea filius^, mit aller Gewalt wenigstens zum

Kirchenrath machen wollte. Der Tod überraschte ihn aber im sechsten

Universitätsjahre des Herrn Sohnes, und er hatte noch eben Kredit beim

Patron genug, da er der höheren Klerisei nicht recht trauen wollte, sich

denselben zum Nachfolger auszumitteln. Der Musensohn versorgte sich

stracks in Leipzig mit einem hübschen Bürgermädchen zu Tisch und Bette,

und fing nun an mit allem Fleiß am Weinberge Zions zu arbeiten. Schade,

daß er keine Kinder hatte, um das Geschlecht der Weyhrauche in der

Schulmeisterei zu Knauthayn rühmlichst fortzupflanzen. Die Bauern

meinten, sein Mangel an Produktivität dieser Art rühre von seinem großen

Fleiße in Leipzig und Halle her; doch sagten sie dieses nur ganz leise,

damit sein Ansehen bei der lieben Jugend nicht in Zweifel gerieth. Er

hatte seine liebe Noth mit mir, und ich mit ihm. Ich glaubte zwar seiner

Aburtheilung über meine Dummheit nicht ganz; war aber doch ganz

verblüfft, daß ich dem Manne durchaus gar nichts zu Danke machen konnte.

Lange Zeit war ich so im vermeintlichem moralischem Hinbrüten, bis sich

endlich, ich weiß nicht wodurch, der Knoten löste, und täglich irgend

etwas Besseres zum Vorschein kam. Niemand war darüber froher, als mein

Vater, der schon einige Mal traurig das Verdammungsurtheil über meinen

Geist gehört hatte. Wer zuerst etwas Aetherisches in mir entdeckte, war

der Pfarrer, Magister Schmidt, ein rechtlicher, jovialer, ziemlich

gebildeter und ziemlich orthodoxer Mann, in dessen Charakter aber der

Grundzug freundliches Wohlwollen und Güte des Herzens war. Er schloß aus

meinen oft sonderbaren Antworten in den öffentlichen Kirchenprüfungen

auf meinen eigenen, zuweilen sehr barocken Ideengang, unterhielt sich

viel mit mir und berichtigte meine Gedanken. Er besaß darin so viel

Geschicklichkeit, als ob er in dem sokratischen geistigen

Hebammeninstitut zur Lehre gegangen wäre. Nun sprach er mit dem

Schulmeister, Herrn Weyhrauch, über die Methode des Unterrichts bei

einem solchen Kopfe; die Einwendungen des Schulmeisters wurden gehoben;

der Pfarrer zeigte ihm, daß ich kein Mechaniker und kein Schönschreiber

werden und mich schwerlich mit Nachbeten begnügen würde. Man beschränkte

sich nun auf die Negative und überließ die Positive mir selbst. Von nun

an nahm man wenig Notiz mehr von meinen krummen und schiefen Linien auf

dem Papier und meinen Stelzfüßen und Buchstaben, sondern nur von meinen

Ideen, womit ich den Schulmeister und auch wohl zuweilen den Pfarrer in

einige Verlegenheit setzte. In kurzer Zeit übersprang ich alle

Matadorjungen des Dorfs in der Schule, und ward bald der Erste und

Statthalter des Herrn Weyhrauch bei dessen Abwesenheit als Bienenvater

und Spargelgärtner. Die Umstände und die Gesundheit meines Vaters waren

unterdessen sehr gesunken, so daß man meine bessere Anstelligkeit nicht

den Gratialen und der Gunst von Hause aus zuschreiben konnte. Ich mochte

ungefähr zehn Jahr alt seyn, als ich schon an der Spitze der

Dorfschuljugend stand, unter denen doch wohl einige ihr vierzehntes

geschlossen hatten. Mein Regiment galt für sehr strenge, aber nie für

ungerecht; und ich war damals der Dorfklerisei erster Minister bei

Einführung der neuen Schulordnung, die zu derselben Zeit etwas strenge

gehandhabt wurde. Ich erinnere mich aus dieser Periode bei eben dieser

Gelegenheit eines Vorfalls, wie ich ein Märtyrer meiner Ueberzeugung

ward. Es war befohlen, die Kinder sollten ordentlich nach Rang und Alter

in der Schule paarweise nach Hause gehen, um das wilde Herumschwärmen zu

verhüten. Ich gehörte zu dem Nebendorfe Knautkleeberg und hatte die

Aufsicht über meine Kolonne. Die meiste Noth machte mir ein fast

funfzehnjähriges großgewachsenes Mädchen, das sich in der Schule durch

Langsamkeit im Lernen und außer derselben durch vorschnelle laute

Unbändigkeit auszeichnete. Beständig war sie bald rechts, bald links aus

der Reihe, bald im Grase, bald im Schotenfelde, und schien des kleinen

ohnmächtigen Wichtes von Führer nur zu spotten. Es dem Herrn Weyhrauch

zu klagen, schien mir unter meiner Würde, zumal da er ihrer Aeltern

wegen viele Nachsicht gegen sie zu zeigen schien: denn sie war die

Tochter des Müllers. Als ich ihr eines Tages einige Mal ohne Erfolg

Ordnung geboten hatte, ergriff mich mächtig schnell der Amtseifer, daß

ich hinsprang, um sie aus einem Haferfelde in Reihe und Glied zu

bringen. Sie lachte und verließ sich auf ihre Gewalt; aber der Himmel

weiß, wo in dem Augenblick meine Stärke herkam, ich fasse das Weibsstück

beim Kragen, um sie in die Ordnung zu ziehen, schleudere sie aber aus

dem Haferfelde unglücklicher Weise den Berg hinab in die Sandgrube, wo

sie denn gar unsanfte Purzelbäume schoß und sich wenigstens Hände und

Gesicht empfindlich an den Steinen zerstieß, so daß reichliches Blut

quoll. Nun ging alles schüchtern nach Hause. Den Nachmittag war die

liebe Mama schon klagbar eingekommen; Herr Weyhrauch mit dem Haselzepter

citirte den jungen Primus vor zum Verhör und Standrecht. Ich erzählte

die Sache und bestand auf meinem Recht; nur bedauerte ich den Sturz in

die Sandgrube, der nicht in meiner Absicht gelegen hatte. Der

Schulmeister wollte seinem Vikar doch so viel ausübende Justizgewalt

nicht zugestanden wissen, und meinte Weisung und Meldung sei sein Amt.

Ich behauptete im Gegentheil, daß ich damit nicht auskommen könnte. Herr

Weyhrauch glühte auf und ich war eben nicht sehr nachgiebig; er brachte

mir im Amtseifer gehörigen Orts einen tüchtigen Schilling bei. Diese

Schillingsmethode war bei ihm folgende: der pädagogische Vollstrecker

faßte Delinquenten mit der linken Hand beim Haarschopf und brachte den

Kopf zwischen die Schenkel des Orbilius, wo er ihn an Nacken und Ohren

festklemmte und mit eben dieser linken Hand schnell den Hosengurt des

kleinen Sünders ergriff, woraus eine Art von Schweben entstand: sodann

bearbeitete er mit der rechten, in welcher der Haselstock war, das

Oertchen, auf welchem man sonst ruhig sitzen soll, ^quantum satis^, und

wohl auch ein wenig mehr. Dieser Prozeß wurde auch an mir vollzogen, und

ich hatte meine Abfertigung. Beim Abmarsch nach meinem Sitze verwahrte

ich mich noch mit dem Protest, ich habe doch recht gethan. »Hast du?«

rief Herr Weyhrauch, und fing mit neuem Eifer die Exekution von vorn an.

Nun schritt ich rasch an meine Tafel, hielt die Hand, wo die Kallipyge

die Augen hindreht, und stieß trotzig durch die Zähne: »ich habe doch

recht gethan.« Die Nachbarn lachten und der Schulmonarch fragte

despotisch, was da wäre. »Er habe doch recht gethan, meint er«, sagten

sie; und die Citation begann peremptorisch von frischem. Ohne weitere

Erörterung fing die Bearbeitung noch exemplarischer zum dritten Male an:

und nun erst überlegten beide Parteien, Exekutor und Inkulpat, ernsthaft

still, ob sie recht gethan hätten. Man kann wohl denken, daß die drei

Schillinge mir eine ewig frische denkwürdige Münze sind, da sie zumal in

einer Lebensperiode ausgezahlt wurden, wo jede Art Gefühl sehr lebhaft

in dem treuen Gedächtnisse bleibt. Mein Vater, der den Vorfall hörte,

sagte weiter nichts als, sein bedenkliches Hm, und ich habe nie seine

Meinung über den streitigen Punkt erfahren. Daß man, wenn man recht

habe, dennoch demüthig vor dem Ansehen schweigen müsse, gehörte, wie ich

wußte, nicht unter seine Glaubensartikel; aber noch weniger gehörte es

darunter, das nöthige Ansehen des Lehrers wegen einiger Schwielen zu

kompromittiren. Herr Weyhrauch mochte das Harte seiner Züchtigung meiner

kleinen Hartnäckigkeit fühlen: denn er suchte es durch allerhand

freundliche Aufträge, wofür mir gewöhnlich eine Belohnung von herrlichem

Brot mit dem besten Honig ward, wieder in das alte Gleis zu setzen.

Um diese Periode, ich glaube, es war 1775 im Sommer, starb mein Vater.

Die Geschichte seiner Krankheit und seines Todes ist mir zu wichtig, als

daß ich nicht einiges darüber sagen sollte. Seine Pachtung war, wie

erwähnt, sehr unglücklich, und der größte Theil seines Vermögens war

darauf gegangen. Das lähmte aber nicht sein Kraftgefühl, und störte

seinen guten Muth nicht. Einst hatte er seine letzten hundert Thaler

nach Leipzig getragen zu ^Dr.^ Teller, um den letzten Termin zu

entrichten. Das Wetter war schneidend kalt; das Geschäft mochte nicht

angenehm gewesen seyn. Gegen die Kälte und den Verdruß hatte er wider

seine Gewohnheit, ein Glas Wein getrunken und hatte sich so aufs Pferd

gesetzt, kam aber bis zur Erstarrung gefroren zu Hause an, so daß ihm

der Knecht vom Pferde helfen mußte, da er sonst der behendeste Mann war.

Nun bestellte er sich Koffee, den meine Mutter selbst in der Küche

besorgte. Als sie damit ins Zimmer tritt, findet sie, daß er seinen

großen Stuhl verlassen und sich auf ein Bette geworfen hat, wo er tief

in Federn liegt und schläft. Sie denkt, Schlaf ist besser als alle

Arznei und läßt ihn liegen. Den Tag darauf klagt er über Schwere in den

Gliedern, und den folgenden Tag über Schmerzen im Unterleibe. Es

scheint, die Bettwärme hatte die Kälte, die sich nicht wieder mit dem

übrigen Körper in Temperatur setzen konnte, zurück getrieben, und es

entstand daraus eine Blasenkrankheit, die ihn einige Jahre mit

unsäglichen Schmerzen quälte und ihn am Ende des dritten durch eine

Apoplexie tödtete. Man kann denken, wie sehr seine Haushaltung bei

dieser traurigen Existenz leiden mußte; und doch verlor er bis an sein

Ende niemals einen gewissen Grund von Heiterkeit und Frohsinn: nur

hatten ihn seine Erfahrungen etwas bitter gemacht, so daß sich seine

wahre Meinung oft sprichwörtlich ziemlich sarkastisch äußerte. Das

Minimum von allem Guten, wodurch die Welt regiert wird, war einer seiner

gewöhnlichen Gedanken; nur konnte er ihn nicht so dichterisch schön

einkleiden, wie wir hier und da in Wielands Schriften finden. »Junge,«

pflegte er mir oft mit skoptischem Gesicht zu sagen, »wenn man dir von

oben her zuruft, das Wasser läuft den Berg hinauf, so mußt du gleich

antworten: Gnädiger Herr, so eben ist es oben.« Aerzte wurden angenommen

und gewechselt ohne Erfolg, und ich erinnere mich gehört zu haben, man

habe mehr als zweihundert Thaler umsonst verdoktert. Als er in seinem

37sten Jahre starb, ließ er seine Geschäfte in der mißlichsten Lage und

meine Mutter als Wittwe mit ungefähr fünf Kindern, wovon ich als der

älteste ungefähr zwölf Jahr war. Es entstand eine Art von Konkurs, wobei

aber durchaus niemand einen Heller verlor: nur blieb meiner Mutter

nichts, als die winzige Summe von zwei hundert Thalern, wofür ihr ein

kleines Häuschen gekauft wurde. Alle nahmen sich unser mit Rath und That

sehr freundlich an, und es fehlte uns wenigstens nie an dem

Nothdürftigsten. Der brave Justitiarius Laurentius der Hohenthalischen

Güter vorzüglich suchte die unglückliche Familie so sicher als möglich

zu stellen, und nahm für seine vielen Bemühungen in unserer Sache nicht

allein nichts, sondern ließ uns auf eine feine humane Weise noch manchen

kleinen Vortheil zufließen. Mein Vater hatte kurz vor seinem Tode am

Ende der Pachtung eine kleine Oekonomie mit etwa sechzehn Ackern Feld

gekauft. Das Drückendste für ihn an Körper und Geist war die Frohne, die

er selbst verrichten mußte, wenn nicht sogleich alles zu Grunde gehen

sollte. Die Sense war seinem jetzt schwachen Arme zu schwer, er mußte

einige Male die große Wiese verlassen. Ich erinnere mich, daß einige

entmenschte Seelen, wie es deren überall giebt, unter andern der zeitige

Vogt, ihre bitter groben Bemerkungen darüber machten, als sie ihn vor

seiner Hausthüre mit einem kleinem Knaben, meinem jüngsten Bruder

spielen sahen. Der gute Mann wischte sich die Augenwinkel und legte sich

lange einsam in den entlegentsten Theil des Gartens. Nach drei Tagen lag

er auf der Bahre. Ob wohl diese rohen Seelen dabei einige bessere

Gefühle in sich empfunden haben? Dieser Vorfall vorzüglich ist mit

Ursache meiner folgenden tief koncentrirten, nicht selten finster

mürrischen Sinnesweise. Ich habe die Katastrophe nie los werden können,

ob ich gleich selten oder nie davon gesprochen habe.

Der Graf von Hohenthal Knauthayn, der das Gut Lauer gekauft und mich

zuweilen in der Schule und bei Kirchenprüfungen mit einigem Wohlgefallen

gesehen hatte, hatte bei meines Vaters Tode erklärt, er wolle für mich

sorgen und mich etwas lernen lassen. Was dabei seine Gedanken waren,

weiß ich nicht. Meine Mutter und ich deuteten auf irgend ein Handwerk;

wenigstens verstrich eine ziemliche Zeit, fast von zwei Jahren, ohne daß

wieder etwas darüber gesprochen wurde. Unterdessen nahmen sich der

Pfarrer, ^M.^ Schmidt, und der Schulmeister Weyhrauch meiner wirklich

sehr väterlich an. In meinen Kenntnissen kam ich zwar diese beiden Jahre

nicht merklich vorwärts, da ich den Uebrigen schon sehr voraus war und

man sich höchst selten mit mir beschäftigte: aber es fing doch durch den

Umgang schon an sich der bessere Charakter der Humanität zu entwickeln.

Mein Studium war biblische Geschichte aus Hübners biblischen Historien

und Luthers Bibel selbst, nebst einigen alten ascetischen Schriften, die

mir der Schulmeister gab. Damals gewann ich eine solche Festigkeit und

Gewandheit in der Bibel, daß ich nur selten einen Spruch nicht hersagen

und angeben konnte, der verlangt wurde. Ich wußte sehr viele Psalmen und

fast alle Evangelien auswendig, sagte ziemlich genau, wie viel jedes

Buch Kapitel und sogar, wie viel jedes Kapitel Verse hatte, und wo und

in welcher Verbindung die sogenannten Beweisstellen standen; so daß mir

von dieser Zeit an die Gewohnheit geblieben ist, bei manchen

Gelegenheiten eine Reihe Bibelstellen anzuführen, worüber zuweilen

selbst Theologen sich etwas wundern. Ob sie wirklich bewiesen, was sie

beweisen sollen, darnach fragte ich damals noch nicht: es war nur Sache

des Gedächtnisses und eines lebendigen Ideenspiels ohne weitere

Untersuchung. Im Examen wurde ich nur dann gefragt, wenn irgend ein

Knoten zu lösen war, oder die übrigen verstummten, und dann setzte meine

Belesenheit und der Strom meiner Beweisstellen nicht selten sogar den

Pfarrer in Erstaunen. Nicht selten geschah aber auch ganz natürlich, daß

die Sache anfing mir Langeweile zu machen, und da war ich denn, wenn ich

gefragt wurde, nicht gegenwärtig, sondern mit meinen Gedanken auf dem

Thurme bei den Sperlingen, oder im Busche bei den Sprenkeln, die ich

gestellt hatte. Das gab denn harte Verweise, die mich aber

verhältnißmäßig weniger rührten, weil ich anfing etwas mehr zu ahnden,

als bloßes kaltes Spiel des Kopfs, wie ich endlich hier fand. Doch war

das nicht immer der Fall: denn der Pfarrer, ein wahrhaft guter warmer

Mann, hatte nicht ganz gewöhnliche Rednertalente, und es machte jedes

Mal einen tiefen Eindruck auf meine Seele, dessen ich mir noch jetzt

lebendig bewußt bleibe, wenn er irgend einen wichtigen moralischen Satz

mit eignen, oder, wie ich nachher fand, erborgten Worten feuervoll

vortrug. Dem Menschen ist sehr bald das Reinmenschliche heilig; so wie

er bald gleichgültig gegen das wird, was sein Kopf nicht begreift und

was sein Herz in keine Bewegung setzt.

Ich konnte lange zu keiner Wahl einer Lebensart kommen, so unbestimmt

waren noch meine Ideen vom Leben überhaupt. So lange mein Vater lebte,

wurde ich halb und halb zum Kaufmann bestimmt, da er einige

Bekanntschaft dieser Art in Leipzig hatte; und ich hatte damals geradezu

nichts dagegen. Allein das zerschlug sich mit seinem Tode, und ein

Handwerk sollte wahrscheinlich der Gipfel meiner Bestrebungen werden.

Aus einer angebornen Neigung zum Soliden entschloß ich mich endlich ein

Grobschmidt zu werden. Meine Mutter erschrak und ^M.^ Schmidt lachte,

als ich mit dem Resultat meiner Ueberlegungen herausrückte, und beide

hatten viele Mühe mir die Sache auszureden. »Junge, Du bist ja nur ein

Zwerg und sinkst mit Hammer und Zange vor dem Amboß zusammen wie ein

Taschenmesser,« sagte der gutmüthige Pfarrer; »dazu gehört ein Cyclope

und kein Liliputer, wie Du bist.« Ich verstand das letzte nur halb, gab

aber doch dem Einreden meiner Mutter nach und den vulkanischen Vorsatz

auf: doch gehe ich noch jetzt selten vor einer Schmiede vorbei, wo nicht

der alte Hang zur Solidität merklich zurückkehrte. Nun bestimmte ich

mich zum Dorfschulmeister, wollte etwas Latein und Musik erlernen und

dachte mit dem übrigen nach einiger Vorbereitung schon nicht übel

durchzukommen: denn ich galt für einen gewaltigen Katecheten. Noch bei

Lebzeiten meines Vaters hatte ich einmal gelegentlich von ungefähr

gesagt, es müßte nicht gut seyn, wenn ich nicht über einen Satz hundert

Fragen bilden wollte, ohne eben am Ende zu seyn. »Das traue ich ihm zu,«

sagte der Schulmeister, dem es gesagt wurde; »und die Fragen würden toll

genug seyn.« Der letzte Zusatz war mir eben nicht sehr willkommen und

machte mich aufmerksam. Seit der Zeit habe ich mich geflissentlich vor

vielen voreiligen Fragen gehütet, habe die Sache wahrscheinlich zu weit

getrieben und dadurch manches nicht erfahren, was ich hätte erfahren

können und sollen. Ein Narr fragt mehr, fiel mir immer ein, als ein

Weiser beantworten kann. In der Bestimmung zum Dorfschulmeister mochte

wohl ganz leise der Blick auf Herrn Weyhrauch, sein herrliches

Bienenhaus, seine vortrefflichen Spargelbeete und seine schönen Rosen

und Nelken auch mitwirken: denn es schwebte mir vielleicht dunkel vor,

daß bei gehöriger Einleitung und Ausdauer das alles mein werden könnte.

Jede sitzende Lebensart war mir verhaßt, und obgleich ein Schulmeister

auch sitzen muß, so begriff ich doch schon damals, daß sich viel

Wesentliches in seinem Amte sehr vortheilhaft peripatetisch abmachen

ließe. »Junge, was du für Einfälle hast!« sagte ^M.^ Schmidt bei dieser

neuen Entdeckung: »werde doch lieber Leinweber: ein Dorfschulmeister ist

ein jämmerliches Thier. Denkst Du denn, sie haben es alle wie unser

Weyhrauch?« Und nun fing er an, mir ein gar schreckliches Gemälde der

armen Dorfschulmeisterlein in Thüringen und Meißen zu zeichnen. Ich ließ

mich aber nicht abhalten, und meinte, jeder Stand habe seine Plage und

seinen Frieden. »Nun wir wollen sehen, wie weit es geht,« sagte er, und

that Meldung an den Grafen.

Einige Zeit darauf wurde Anstalt gemacht, mich zum Rektor Korbinsky nach

Borna zu bringen. Hier kam ich denn wie ein halber Hurone, moralisch gut

gebildet, wenigstens ganz unverdorben, aber wissenschaftlich ganz roh

und wild an. Der alte Herr nahm mich freundlich väterlich auf, und ist

von allen meinen Lehrern derjenige, dem ich am meisten verdanke. Er

hatte mehrere Pensionärs, unter denen ich der älteste und unwissendste

war; ausgenommen meine Bibelweisheit, in welcher mir es auch dort

niemand zuvor that. Das Haus war patriarchalisch gut, und seine Frau war

mehr als meine zweite Mutter. Er gab mir kurze, gemessene, deutliche,

sehr gründliche Anleitung; das Bedürfniß drängte, der Ehrgeiz spornte,

und binnen einem Jahre stand ich so ziemlich mit den übrigen auf

gleichem Fuße, die schon vier und fünf Jahre hier gewesen waren: und am

Ende des zweiten war ich fast entschieden der erste an Kenntnissen. Der

erste an der Tafel konnte ich mit Salomons Weisheit nicht werden: denn

da waren zuerst Rücksichten, die ich schwer begriff und noch schwerer

billigte. Das schien mir die einzige schwache Seite des guten Mannes:

doch war sie bei ihm sehr unschädlich; denn es ging deutlich aus der

Behandlung hervor, daß er etwas anders rangirte, als man in der Klasse

saß; und ich war nun schon so weit, daß immer die schweren Stellen an

mich kamen. Der Rektor überließ mich mir selbst; und da war ich denn

zuweilen entsetzlich fleißig und zuweilen entsetzlich faul. Das zweite

übersah er zuweilen des ersten wegen: und ein Hm hm mit Kopfschütteln

oder ein »Du kommst jetzt nicht vorwärts, mein Sohn!« waren hinlänglich

mich in den Gang zu bringen. Wie ich im Lateinischen und Griechischen

dekliniren und konjugiren gelernt habe, weiß ich selbst kaum. Ich las

und las, bis es fest blieb; dann las ich Stellen und analysirte und

setzte wieder zusammen, da denn die logische Nothwendigkeit sich meiner

Seele aufdrang, daß es so seyn müsse und auf diese Weise nicht anders

seyn könne. Die Ausnahmen, wenn man sie nur einige Mal gelesen hatte,

fielen deutlich genug in die Augen.

Hier ließ mein Bibelstudium ziemlich nach und an dessen Stelle trat die

Beschäftigung mit lateinischen Sprichwörtern, welche Weisheit des Lebens

lehren. Der Rektor Korbinsky selbst hatte eine Sammlung solcher

Sprichwörter in Altenburg drucken lassen; ein sehr nützliches Buch für

junge Anfänger, das aber wenig bekannt zu sein scheint. Da ich im Leben

schon etwas Gewandtheit besaß und mein Vater gern in Sprichwörtern

redete, machte sich der Rektor ein Vergnügen, mich die Uebersetzung auch

sprichwörtlich versuchen zu lassen, da denn zuweilen barockes Zeug zum

Vorschein kam. So kam einmal das horazische ^Quidquid delirant reges,

plectuntur Achivi^ vor; der Rektor forderte es sprichwörtlich. Wenn sich

die Könige raufen, müssen die Bauern Haare lassen, sagte ich. »Recht

gut, recht gut!« versetzte der Rektor; »nur etwas zu sehr vom Dorfe,

etwas zu -- zu --« ich verstand, er wollte sagen zu grob. Ich

entgegnete, daß das lateinische ^delirant^ und ^plectuntur^ eben auch

nicht sanft sei, und daß man eine solche Sache recht handgreiflich sagen

dürfe. »Nun gut, es mag gehen,« sagte er, da er selbst nicht gleich ein

feineres Sprichwort finden konnte. Die Frau Rektorin gab sich alle

ersinnliche Mühe mich fein und artig zu machen, so wie der Herr sich

bestrebte, mich zur Tugend und Weisheit zu bilden. In wie fern es dem

Rektor gelang, kommt mir nicht zu zu bestimmen; aber ihr gelang es sehr

schlecht. Mein Anzug war immer sehr nachlässig, meine Haare grotesk

struppig und meine Schuhe schmutzig. Vor allem hatte sie ihren Krieg mit

meiner Stirne, die ich nach ihrer Meinung unerträglich runzelte. Ehe ich

mirs versahe, versuchte sie eine Glättung mit der Hand oder auch wohl

mit der Bürste und drohte sogar mit der Striegel: aber alles umsonst.

Sobald ich in Gedanken gerieth und etwas eigenes oder fremdes

ruminierte, traten die Runzeln wie Furchen auf die Stirne und die

Augenbraunen zogen sich finster zusammen. Das ist geblieben und man hat

mich oft für melancholisch mißmuthig gehalten, wenn ich meine seligsten

Gedanken hatte. Der Rektor nahm davon keine Notiz, da er selbst etwas

von der nämlichen Unart besaß und es wahrscheinlich für ein Adiaphoron

hielt. Er gab mir selbst das Zeugniß, daß ich bei ihm in zwei Jahren so

viel gethan habe, als andere in sechs Jahren, und drang bei meinen

Gönnern auf meine Entfernung, weil ich nunmehr meine Zeit besser

anwenden könne und müsse. Ich hätte bei ihm noch lange, noch sehr viel

lernen können: allein seine Zeit erlaubte ihm nicht, sich mit mir

besonders zu beschäftigen. Doch gab er mir noch einige hebräische

Stunden, so daß ich auch hierin ihm den ersten Grund dankte. Ich kam so

zu sagen ohne die geringste Kenntniß zu ihm, und las doch meinen Cicero

und ein leichtes griechisches Buch ziemlich geläufig, als ich nach zwei

Jahren sein Haus verließ; nicht zu erwähnen, daß ich ihm den besten

Grund in der Geschichte und Geographie und andern ernsthaften

Wissenschaften verdanke. So habe ich bei niemand wieder die

Reformationsgeschichte so deutlich, gründlich und pragmatisch gehört,

als bei ihm. Er war überhaupt in der Kirchengeschichte sehr stark,

studirte unermüdlich und ließ nichts Gutes in jedem Fache ungelesen.

Auch Fischer, der mehrere Reisen mit Beifall geschrieben hat, und

Mahlmann sind seine Schüler, und ich zweifle nicht, sie werden gern das

Wesentliche unterschreiben, was ich hier von ihm gesagt habe. Das Haus

dieses Mannes nebst meines Vaters Hause sind der Grund alles Guten, was

ich vielleicht in meinem Charakter habe. Ich habe erst nachher durch

Vergleichung recht gefunden, wie rein die Sitten und wie fein zugleich

in meines Vaters Hause waren. Ich höre jetzt oft in den besten

Gesellschaften und in sonst sehr guten Häusern Gesinnungen und

Ausdrücke, für die uns der Vater aus dem Hause in den Viehhof würde

geschickt haben. »Dergleichen Reden schicken sich wohl bei Tische,«

sagte er oft fürchterlich skoptisch, wenn jemand etwas Ungesittetes

äußerte, »nur nicht beim Mistladen.« Wenn das Gesinde nicht gesittet

sprechen konnte, mußte es schweigen; das war mit die erste Bedingung bei

der Annahme. Ohne je ein Wort Latein gelernt zu haben, übte niemand

strenger als er das ^sit reverentia pueris^! Er wußte, ich weiß nicht

wie, die meisten Stellen unserer damals neuesten Dichter, und Bürgers

Weiber von Weinsberg erinnere ich mich zuerst von ihm gehört zu haben,

mit Varianten bei mißlichen Stellen, deren sich vielleicht kein Kritiker

hätte schämen dürfen. Woher er das alles hatte, weiß ich nicht, da er

wenig las, und wenig Zeit dazu hatte. Bei Korbinsky wurde dieses feinere

moralische Gefühl sorgsam genährt. Niemand verstand die unschuldige

Eutrapelie des Lebens besser, als der alte Mann. Er nannte z. E. den

Schwager nie anders als Herr Bruder, die Schwägerin Frau Schwester u. s.

w.; und das mit viel wahrer Herzlichkeit. Alle seine Zöglinge waren wie

seine Kinder, und er nahm auch nachher den wärmsten Antheil an ihren

Schicksalen. Es war ein Unglück im Hause, wenn einer seiner ehemaligen

Schüler etwas gethan hatte, das einem schlechten Streiche ähnlich sah.

»Du lieber Gott, was soll aus dem Menschen werden? das macht mich sehr

unruhig.« Und das verderbte ihm wirklich Schlaf und Mahlzeit. Ueber mich

soll er in der Folge oft abwechselnd getrauert und gejubelt haben, bis

er sich endlich fest überzeugt habe, ich werde auf keine Weise seiner

Erziehung Schande machen, glücklich oder unglücklich: dann sei er ruhig

geworden. Nur das Laster hielt er mit den Alten für beweinenswerthes

Unglück. Der Aufenthalt bei ihm ist mir immer die schönste reinste

Erinnerung gewesen und wird es immer bleiben. Segen seiner Asche!

Zuletzt wurde es aber hohe Zeit, daß ich wegkam, da ich die übrigen sehr

übersahe und zuweilen übermüthig und üppig, zuweilen verdrießlich allein

stand. Das war denn die Zeit der Streiche, die oft etwas mehr als

lustig, die jugendlich verkehrt und unbesonnen waren. So nähten wir,

^dux gregis ego^, wenn er zuweilen eine kleine Erholungsreise machte,

alle alte Fußdecken zu Zelten zusammen und hielten unser

Scheibenschießen mit dem Blaserohre darunter. Das ging an. Aber oben

lagen ein Paar alte Reiterpistolen. Feuergewehr war von meinen ersten

Jahren meine Lieblingssache. Die Pistolen wurden in den Dienststand

gesetzt, geputzt, geschmiert, und wieder geputzt und mit scharfen

Steinen versehen. Sodann wurde Pulver geholt bei dem Krämer, der kein

Bedenken trug es uns zu geben, da wir draußen in der Freiheit zuweilen

Schwärmer machten, die nichts schadeten. Nun ward das Scheibenschießen

und zwar in des Rektors Hofe, da wir nicht heraus durften, ernsthaft.

Eine große Scheibe wurde mit den gehörigen Abtheilungen an die

Privetthüre gemalt, und es war eine Lust, wie die Kugel durch das Bret

fuhr und der Knall inwendig an der Stadtmauer hindonnerte. Das Herz

zitterte allen im Leibe vor Freude. Ungefähr vier Schüsse waren

gefallen, da erschien der Superintendent, Herr Richter, und der

Stadtwachmeister, Herr Herrmann, mit gar finstern Amtsgesichtern. Wir

standen nun selbst wie angedonnert da. »Lassen Sie Sich nicht stören,

meine Herren,« sagte Herr Herrmann, »wir wollen bloß ein bißchen

zusehen, wie hier kanonirt wird.« Der Superintendent, Herr Richter, im

großen weitwogenden Schlafrock, sagte kein Wort, und so gingen sie fort.

Schnell wurden die Gewehre wieder in die alte Rüstkammer gebracht und es

war ein ängstliches Harren der Dinge, die da kommen sollten. Einige

ehrliche Spießbürger, die vorbei gingen und den Vorfall gehört hatten,

hielten nun schreckbare Galgenpredigten über das Verbrechen des

Schießens innerhalb der Stadtmauer. Der Abend kam und mit ihm der

Rektor; finster und stumm war sein Antlitz: denn wahrscheinlich schon am

Thore war ihm die Kanonade berichtet worden. Der Morgen kam und keine

Sylbe, weder freundlich noch ernst: nur fing man an sich ins Ohr zu

raunen, ich als der unbefugte Feldzeugmeister werde mit gewaffneter

Polizei ins Stadtgefängniß abgeholt werden. Schon dachte ich auf die

Flucht, als der Rektor mich, den ersten Inkulpaten, zu sich ins Kabinet

citirte, und mir Namens des Magistrats, des Ministeriums und der Schule

eine Strafpredigt hielt, die ernst genug war. »Ihr seid doch tolle

Menschen,« schloß er endlich freundlicher mit entwölkter Stirne; »man

darf euch keine Stunde allein lassen, so macht ihr sogleich ein Dutzend

wilde Streiche.« Nun kamen die andern daran; mit denen ging es bald

härter, bald glimpflicher. Am schlimmsten kam ein Dummkopf weg; denn der

hatte nichts, womit er wieder gut machen konnte. »Nur hier bleibst du

nicht zurück, da bist du mit der erste,« hieß es. Allein ein solcher

Kopf kann auch mehr vertragen.

Ein andermal waren wir einem Vogelsteller in den Dohnstrich gerathen,

hatten die Krammetsvögel ausgenommen und Frösche dafür eingehängt. Der

Schnellfuß überraschte uns; der Spott verdroß ihn mehr als der Schaden:

ich war weit voraus: die andern kamen mit einigen Kopfnüssen durch; ich,

als der ^auctor facinorum^ sollte eine exemplarische Züchtigung haben.

Aber durch viele Umschweife und große Anstrengung entwischte ich

glücklich nach der Stadt. Die Krammetsvögel durften wir nicht nach Hause

bringen; bloß der Schwank belustigte, und mit vieler Mühe stellten wir

ihm sein Eigenthum wieder zu und beschwichtigten ihn durch Bitten, nicht

klagbar bei dem Rektor gegen uns einzukommen.

Ein andermal hatten wir ein Vergnügen das dürre Laub von den Bäumen

anzuzünden und ein Freudenfeuer zu machen. Einmal versahen wir es, die

Flamme schlug um sich und es drohete ein gewaltiger Waldbrand zu werden,

als zu unserm Glücke der Wind sich noch wendete. Der Rektor meinte, ich

würde ein Taugenichts werden, wenn ich nicht bald weiter käme, und hatte

Recht. Aber ich hätte es auch in der Länge nicht mehr ausgehalten,

sondern wäre ganz gewiß auf und davon gelaufen. Keine Lage ist

peinlicher, als wenn der Geist Bedürfnisse hat, die nicht erfüllt

werden, und doch erfüllt werden könnten und sollten. Was vorkam, waren

mir abgedroschene Sachen, und nur selten hatte der Rektor Zeit, sich mit

mir besonders zu beschäftigen.

Einmal war ich diese Zeit über zu Hause zum Besuche gewesen. Es war

nöthig: denn man hatte mir einige Male so unschonend von der traurigen

Lage meiner Mutter und Geschwister gesprochen, daß ich ziemlich

entschlossen war, den Cicero und Paläphatus im Stiche zu lassen und nach

Hause zu gehen, um ihr durch meine Arbeit zu helfen. Ich fand zum Glück,

daß man, wie gewöhnlich, übertrieben hatte. ^M.^ Schmidt, der gute Mann,

mochte so etwas aus einzelnen Aeußerungen schließen und aus meinem

Gesichte lesen, und sprach mit Theilnahme und Wärme. »Wir können deine

Mutter nicht wohlhabend machen,« sagte er, »wir können ihr kein

gemächliches Leben verschaffen; aber so arm und so entmenscht sind wir

doch nicht, daß wir sie und die Ihrigen an den ersten Bedürfnissen Noth

leiden ließen. Sei darüber ganz ruhig, mein Sohn, und thue deine Pflicht

von deiner Seite!« Als ich hier zugleich dem Grafen Hohenthal, meinem

Wohlthäter und Erzieher, meine Aufwartung machte, war, nach meinen

damaligen Begriffen, eine sehr glänzende Gesellschaft von allerhand

Ständen zugegen, wo mich denn einer nach dem andern nach Lust und

Belieben ins Examen nahm. Es war dabei ein gewisser Herr Leithier, eine

pedantisch hofmeisterliche parasitische Seele, den ^M.^ Schmidt, ich

weiß nicht, aus welcher Antipathie, gewöhnlich ins Neutrum setzte:

dieser machte auch, und zwar vorzüglich den Examinator. Weiß der Himmel,

was er für eine barocke Frage aus der babylonischen Geschichte that; ich

stand stumm und verblüfft da. Er fragte weiter und sahe gerade aus, als

ob er aus dem Aristarch ein Orbilius werden wollte, wenns erlaubt wäre.

Ich war noch verblüffter und verwirrter. Da nahm sich ein alter

Legationsrath Kauterbach, der damals in Leipzig privatisirte, ein Mann

von stattlichen Kenntnissen, ansehnlicher Leibesstärke und tüchtiger

Stimme, meiner an, nahm den Schulmeister mit einer Derbheit in die

Schule, die diesen weit verblüffter machte, als ich armer Schächer

vorher war. »Wer zum Teufel,« sagte er, »wird einem jungen Menschen so

blitzhagelsdumme Fragen vorlegen? Da müßte Leibnitz verstummen, wenn er

nicht disputiren sollte. Lassen Sie mich examiniren.« Der alte Herr trat

sein Amt an, fragte dieses und jenes aus der Geschichte, und ich bestand

so gut, als ein Mensch bestehen kann, der nur erst den Kornelius Nepos

ein Jahr bei den Ohren hat. Sogar das Latein ging ^ex tempore^

schnakisch genug, ohne daß eben Priscian viel Ohrfeigen bekommen hätte.

Endlich holte man mich von Borna ab, und brachte mich zum Antiquar

Martini nach Leipzig auf die Nikolaischule. Reiske wäre freilich besser

gewesen: der war aber kurz vorher gestorben und Martini hatte als sein

Nachfolger großen Kredit gewonnen. Er mochte ihn auch als eklektischer

Gelehrter und Alterthumsforscher verdienen; aber Schulmann war er in

einem kaum erträglichen Grade. Gleich im Examen fragte er mich

Quisquilien, von denen ich ihm halb verdrießlich bemerkte, daß Herr

Korbinsky mich dergleichen Dinge nicht mehr gefragt habe. Lieber wäre

ich nach Pforte gewandelt, weil Klopstock dort gewesen war und einige

meiner alten Kameraden sich dort befanden. Ich kam nach Sekunde, und

hatte nun freilich wieder zu thun, um mit den andern gleichen Fuß zu

fassen, zumal da die erste und zweite Klasse gewöhnlich zusammen waren.

Auch ging das Studieren die erste Zeit, wenigstens nach meinem Sinne,

recht gut: dem Rektor wollte meine Weise nicht behagen, so wenig mir die

seinige: und doch sollte ich mich darnach richten. Er hielt viel auf

Vorbereitung, und das mit Recht: nur drang er auf sogenannte

Präparirzettel, die mir sehr zuwider waren. Denn unnöthiges Schreiben

war gar nicht meine Sache, da ich auf einige Tage ein musterhaftes

Gedächtniß hatte. »Wo haben wir unsere Präparation?« fragte er mich

einmal: Hier antwortete ich, und zeigte auf die Stirne. »Wir sind etwas

keck; wir werden ja sehen.« Sie war wirklich da, und etwas Brummen von

Eigendünkel beschloß den Sermon. Ich konnte aber drei Seiten lesen,

während ich einige Wörter niederklexte, die nun doch in meinem

Gedächtnisse lagen. Er hatte die Marotte der alten Schulmonarchen, die

nicht höflich sind und doch nicht grob sein wollen, immer nur mit Man

und Wir zu reden. Daraus entstand dann manches lächerliche ^Quidproquo^.

So sagte er einmal im hitzigen Eifer, ich glaube zum jetzigen

Buchhändler Sommer: »Wir sind ein Esel.« Ich meinerseits protestire,

antwortete dieser ganz lakonisch; und die Klasse wußte nicht, wo sie mit

dem Lachen hinsollte. Es saßen damals Haubold und Blümner und einige

andere jetzt nicht unbekannte Männer mit in der Klasse, so daß schon

Wetteifer des Fleißes Statt fand. Auch gab uns der Konrektor Forbiger

durch seine ernsthafte gründliche Methode, vorzüglich im Griechischen,

reichlich Ersatz. Die weitausgebreiteten Kenntnisse des Mannes in vielen

Fächern sind bekannt genug. Nur mußte er sich zu uns sehr herablassen,

welches ihn zuweilen verdrießlich zu machen schien. Hübschmann, der

Tertius, der uns auch einige Stunden gab, zeichnete sich durch einen

großen Bierbaß aus, den er sich auf den Kirmissen erworben hatte. Wenn

wir, wie wohl verzeihlich war, bei ihm über Cicero's Pflichten die

Aufmerksamkeit verloren und Allotria treiben, nahm er die Sache ^en

gros^, und donnerte uns ^in corpore^ an: »^Lumina mundi^ wollt ihr

werden; ja, ihr Hollunken, ^lumpenhundi^ werdet ihr seyn;« und damit

bearbeitete er im Eifer mit Hand und Fuß und Buch das morsche Katheder.

Ich war bei dem Rektor in Wohnung und Kost und Holz verdungen; erhielt

aber meinen Speisetheil durch die Magd auf mein Zimmer. Das wollte mir

schon nicht behagen und schien mir illiberal: denn bei Herrn Korbinsky

in Borna war ich wie ein Kind vom Hause mit allen Uebrigen gehalten

worden. Indessen das mochte noch gehen; denn des alten Rektors Würde

würde mit mir allein ein barockes ^tête à tête^ gemacht haben. Der alte

Herr besuchte mich zuweilen auf meinem Zimmer; wahrscheinlich um zu

sehen, wie viel ich Holz verbrannte; denn um meine Studien bekümmerte er

sich weiter nicht. Nur ein einziges Mal guckte er in meinen Ovid und

fand statt der Metamorphose die Amores aufgeschlagen; worüber ich denn

einen stattlichen Leviten erhielt. Aber warum stand auch alles in einem

Bande beisammen? Ich fand das ^caetera quis nescit^ viel leichter und

erbaulicher, als das ^in nova vert animus^. Das Holz war der große

Gegenstand des Zwistes, ohne daß es eben zur deutlichen Erörterung

gekommen wäre. Mein Stubengeselle und Quasihofmeister war Herr

Korbinsky, der älteste Sohn des Rektors in Borna, der mir noch einigen

Unterricht im Hebräischen gab. Neben uns wohnten noch zwei veterane

Studenten, der jetzige Professor Dindorf und der Archidiakonus in Borna,

Brunnemann. Auch diese hatten sich ins Holz verdungen; und es ging ihnen

wie uns. Da man uns spärlich hinlegte, langten wir selbst zu und bargen

den Vorrath im Zimmer. Herr Martini entblödete sich nicht, ihn selbst

wieder herauszuholen und das Holz zu verschließen. Es war ein

Lattengitter davor; wir zwängten so lange, bis eine Latte losging, und

meine kleinere Personalität, die andern waren große, dicke, stattliche

Kerle, hineinschlüpfen konnte. Nun bargen wir das Holz im Koffer unter

Verschluß. Nun ließ man es in eine festverschlossene Kammer des alten

Gebäudes bringen. Zum Glück oder Unglück schloß aber einer der vielen

Schlüssel an den leeren offenen Kammern und die Gaunerei ging von beiden

Seiten fort. Zuletzt ließ er den Vorrath hinunter bringen, und das arme

Mädchen mußte alles drei Treppen herauf tragen. Auch von unten aus holte

ich keck genug von Zeit zu Zeit einen Schlafrock voll; und es muß potzig

anzusehen gewesen seyn, wie der dicke Hebräer Dindorf und der nicht

minder hebräische Korbinsky auf Schildwache standen, ich unten im

Holzverschlag lauschte und mich vor dem herabrauschenden Rektor in den

Keller versteckte und endlich mit einem Schlafrock voll Scheitholz die

Flucht in die Höhe nahm, als der Alte schon wieder über das Tabulat

herpolterte. Es wurde eine erkleckliche Summe für Heizung bezahlt, nach

der damaligen Zeit, und man ließ uns vor Frost in den Dachstuben

zittern: und das Ganze war doch nur Ueberschuß vom Schuldeputat. Bei

dieser Einrichtung waren die Klassen auch nicht überwarm: indessen das

dauerte eine kurze Zeit des Tages und eine Menge junger Leute können die

Zimmer schon heiß machen.

Ich kann nicht umhin, hier, trotz der Ehrlichkeit meines Wesens, die

Diebsneigung meiner Natur in solchen Kleinigkeiten anzuklagen. Meine

Jugend ist voll davon. Man hätte mich unter Goldhaufen sicher lassen

können, ich hätte nichts angerührt: aber in dem Garten war trotz aller

Verbote doch selten ein Apfelbaum, den ich nicht verstohlen decimirte.

Wenn wir Geschwister Borstorferäpfel zum Braten in der Röhre hatten und

sie nun vollendet gut waren, verzehrte ich sehr bald die meinigen und

wußte dann die übrigen mit dem Federmesser so zu öffnen, daß der

genießbare Inhalt mir zu Theil ward. Griff man sie sodann an, so ging

die eingeschlossene Luft ins Weite und die Schale war leer. Wenn ich in

die Wurstkammer kommen konnte, wo alles hübsch an Stangen hing, schnitt

ich wohl in der Mitte der Wurst etwas heraus und spiekerte sie mit einem

Hölzchen wieder ganz. Einmal jagte mich ein Bauer aus einem Schotenfelde

von Knauthayn fast bis Lützen, ohne den Flüchtling erwischen zu können.

Wegen dergleichen Streichen gab es viel strenge Moralen, und auch wohl

thätliche Züchtigungen. Nur erst, nachdem ich die Begriffe ernster

sichten lernte und das Unstatthafte der Unart einsah, gewöhnte ich mir

diese othaheitische Sitte ab. Wenn jeder sich diese Kleinigkeit erlauben

wollte, würde dem Eigenthümer bald wenigstens nicht der beste Theil

zurückbleiben. Bei gewissen Gelegenheiten ist eine furchtbare Strenge

hierin keine Ungerechtigkeit. Wenn z. E. jeder Soldat eines

marschirenden Corps eine Handvoll Kohlrüben mitnehmen wollte, wie würde

man das Feld finden? Man hat also mit Recht hier und da Todesstrafe auf

dergleichen Unordnungen gesetzt. Freilich ist das in unsern Tagen nicht

mehr, wo die Undisciplin wieder bis zur Barbarei herabgesunken ist.

Martini war bekanntlich ein guter Alterthumsforscher und hatte

vortreffliche Werke in diesem Fache. Die Schüler bekamen selten eins

davon zu sehen, und ich lugte und guckte umsonst nach den schönen

Bücherschränken, wenn ich zuweilen von ungefähr Zutritt zu dem Adyton

seines Museums hatte. Ob mir gleich der Tacitus lieber war, als die

Prachtantiquitäten von Pompeji, so verdroß es mich doch, mich so ganz

nachlässig wegwerfend als einen Laien behandelt zu sehen. Gegen mein

Wesen im Ganzen hatte nun der Rektor nicht viel, aber desto mehr im

Einzelnen gegen Kleinigkeiten, die ich sehr ungeschmeidig nach meinem

und nicht nach seinem Sinne that. »Wir sind nun wohl ziemlich fleißig,«

sagte er dann und wann, »und es fehlt uns nicht an Talenten, die uns der

Himmel gegeben; aber wir sind doch entsetzlich eigensinnig und

hartnäckig und wollen immer mit dem Kopfe durch die Wand. Wir werden

doch die Welt und ihre Formen nicht anders machen; das wollen wir nur

glauben.« Da hatte nun der alte Herr ganz Recht, und sprach sich und mir

und der Welt zugleich das Urtheil: denn er richtete sich so sehr nach

der Form, daß fast das Wesen darüber verloren ging. Hier wurde denn auch

gedichtert oder vielmehr nur geverselt. Seine Methode war folgende. Er

versetzte ein Pensum eigener oder fremder Verse in Prose, doch so, daß

kein Oedipus dazu gehörte, zu sehen, was es gewesen war und wieder

werden sollte. Dieses diktirte er und verlangte es in Versen zurück. Das

Spielwerk war zu leicht und unterhaltend. Ich pflegte da oft einen

Sprung zu machen und die Verse anders aufzubauen, als sie wohl mochten

gewesen seyn: darüber mußte meine voreilige Weisheit manchmal leiden.

Zuweilen mochte ich auch wohl die Verse verdorben haben; das liegt nun

so in der Natur: man stolpert einmal lieber über Felsen, als daß man

immer auf gleichem Wege fortschleicht.

Meine erste Poeterei war in Borna, wo wir zuweilen aus Gellert und

Hagedorn so ^vel quasi^ deklamiren mußten. Das hatte mich beschäftigt,

da ich sonst eben nichts zu thun hatte; ich setzte mich also hin und

machte eine satyrische Fabel: _der Hasenschwanz_. Man pflegte sich

nämlich zum Abwischen der schwarzen Tafeln der Hasenpfoten, oder auch

wohl der kurzen Hasenschwänze zu bedienen. Nun war einer der Alumnen,

der sich eben nicht durch Talente und Fleiß auszeichnete, beständig

damit beschäftiget, allerhand possirliche Spielwerke mit dem Hasenpörzel

zu machen. Dabei blieb der Junge ein Geck, ein Dummkopf und ein

Hasenschwanz. Das war die sehr sinnreiche Erfindung, und sie erhielt

ungeheuern Beifall, weil denn doch wohl seit der Schwedenzeit in der

Klasse von einem Zögling nichts ähnliches war ans Licht gestellt worden.

Es liefen Kopien herum; ich hoffe zu Gott, es ist keine mehr vorhanden.

Die Erfindung sieht man; der Vortrag wird wohl toll genug gewesen seyn,

und über der Sprache, die bei mir überhaupt nicht sehr glatt ist, hätte

man füglich die Schienbeine brechen können, so viel ich mich noch aus

einigen Ausdrücken erinnere. Wenn ich mit Martini's Versen fertig war,

fing ich nun zuweilen wohl auch noch an eigene zu zimmern: sie fielen

aber alle sehr hart und holperig aus, und ich war wohl etwas ärgerlich

und neidisch, daß einer meiner Nachbarn, der das Handwerk nicht

fortgesetzt hat, sie so fließend und rieselnd hervorbrachte. Der Rektor

Martini kam einmal dazu, als ich eben einmal einige zu einer

Feierlichkeit hatte drucken lassen, und war Anfangs höchlich aufgebracht

über die Keckheit, wie er es billig nannte: indessen verlängerte er den

Strafsermon doch nicht weiter, nachdem er sie gelesen hatte; woraus ich

schloß, daß sie doch nicht so ganz hundelose in seinen Augen mochten

gewesen seyn. »Man sollte so etwas doch nicht unternehmen,« sagte er;

»man hat noch nicht Gewandtheit und Routine genug.« Mir kam der

ästhetische Urtheilspruch sehr sonderbar vor, nach dem, was ich schon

hier und da bei den Alten und Neuern über die Sache gelesen hatte. Ich

machte sogar griechische Verse, Gott sei bei uns, die nicht in der

Schulordonnanz lagen: denn es wurde nur deutsch und lateinisch

geverselt; in dem Deutschen meistens Alexandriner, die ich seit der Zeit

nicht recht habe leiden können; und im Lateinischen verstieg man sich

nicht über den Hexameter und das Distichon. Ich hatte zwar nicht das

Herz meine griechischen Verse geradezu dem Rektor zu übergeben, legte

sie ihm aber doch so in den Weg, daß er sie füglich sehen konnte; er

nahm aber keine Notiz davon. Seit der Zeit habe ich nur einige Male im

philologischen Uebermuth einige gedrechselt; aber zum Glück ist keiner

übrig geblieben: ob ich gleich mit einigen damals nicht übel zufrieden

war, und sie mit großem Wohlgefallen wohl zehnmal durchskandirte.

Martini pflegte mich selten in meiner Dachstube zu besuchen; und allemal

war er Aristarch, der in den Orbilius überzugehen drohte. Ich hatte,

wenn ich nicht Lust hatte zu arbeiten, ein gutes Talent zu schlafen: und

that mir etwas gütliches im Morgenschlaf, da mich vor Mitternacht die

Wanzen in dem alten verdammten Baue nicht ruhen ließen. Das sagte ich

ihm geradezu; und er brummte. Einmal fand ich, als ich etwas spät

aufstand, von seiner Hand mit Kreide an die Stubenthüre geschrieben:

^Sex septemve horas dormisse sat est iuvenique senique.^ Ich veränderte

das ve in que; und nun lautete es: ^Sex septemque^ (sechs _und_ sieben,

also dreizehn) ^horas^. -- So blieb es stehen, bis er wieder kam. »Ei

seht doch die Variante,« rief er halb komisch, halb strafend; »nicht

übel, gar nicht übel für Faulenzer, wie wir sind.« Hätte er den

Hexameter nicht ungebührlich zum Heptameter verlängert, so hätte die

Schnurre nicht Statt finden können.

* * * * *

Hier las ich in meinem sechzehnten Jahre den ersten Roman, und zwar den

Siegwart, den mir mein Vetter Hahn, ein weißenfelser Gymnasiast,

semmelwarm aus der dortigen Presse zuschickte, und zwar alle drei Bände

auf einmal. Diese fertigte ich in einer Nacht ab mit ungeheuerm

Heißhunger. Die erste Wirkung war auf die Phantasie gewaltig; als ich

aber prüfte, fand ich schon damals alles zu sehr Spielwerk und Tändelei

der Einbildungskraft, die des Menschen bessere Zeit ohne Nutzen in

Beschlag nimmt. Nur das Wirkliche fing an mich zu interessiren. Warum

sollen wir mit solchen leeren Dichtungen ins Blaue hinaus greifen? Ohne

mich auf den Werth dieser Dichtungsart einzulassen, kehrte ich von der

Konfektnäscherei immer sogleich zu der ächt nährenden gediegenen Diät

der Geschichte zurück. Auch Werther, der damals erschien, fiel mir

sogleich in die Hände; und ich muß bekennen, er spielte dem jungen Kopfe

gewaltig mit; desto mehr, da alles dort der Geschichte so gleich ist,

und vielleicht meistens Geschichte ist. Da aber meine Seele noch ohne

Leidenschaft aller Art war, außer dem allgemeinen Enthusiasmus für das

Große, Gute und hohe Schöne, so verflog die Wirkung bald wieder, da ich

die Katastrophe nicht in den Annalen der Geschichte verknüpft

wiederfinden konnte. Nun hätte man glauben sollen, ich habe mit vieler

Anstrengung Geschichte studirt. Das war aber auch nicht der Fall. Das

Studiren war mir Bedürfniß, und war dieses gestillt, so pflegte ich fast

unwillkührlich lange Zeit das Gelesene zu ruminiren, bis ich wohl

zuweilen in das sogenannte selige ^far niente^, den behaglichen, halb

dunkeln, ziemlich reinen, bloßen Existenzgenuß zurück sank, der

vorzüglich der Kindheit eigen ist. Lange hielt ich natürlich diesen

nicht aus, und der Geist schritt zu etwas anderem.

Meine Seele hat von der frühen Kindheit an unbestimmt sehr an der Natur

gehangen; dieß ward nun zur Neigung. Das Einfachste war mir immer das

Liebste; ein gutes Butterbrot und reines Wasser mein bester Genuß. Ich

erinnere mich darüber eines drolligen Auftritts. Mein Vater nahm mich

einmal mit nach Leipzig; ich mochte ungefähr ein Bube von sieben Jahren

seyn. Er traf einen alten Bekannten, und beide wurden einig ein

Frühstück in einem Italiänerkeller zu nehmen. Da ich nicht Lust hatte

mitzugehen und er mich nicht nöthigen wollte, wies er mir eine

Peripherie an, aus welcher ich nicht kommen sollte, und den Eckstein, an

welchem man nach einer Viertelstunde mich wieder treffen würde, und gab

mir einige Groschen, sie auf dem Markte nach meinem Belieben zu

verzehren. Als er zurückkam, hatte sich noch ein Bekannter

angeschlossen. »Nun, hast du auch ordentlich gefrühstückt, Junge?«

fragte er mich. »Ja, Vater.« »Wie hast du denn dein Geld angewendet?«

»Ich habe mir eine Semmel gekauft, und Rüben dazu.« »Was für Rüben?«

fragten sie neugierig. »Solche weiße Rüben, wie sie hier haben;«

antwortete ich, indem ich hin auf die Gärtner zeigte. Alle lachten laut.

Für wie viel denn? »Für zwei Groschen.« »Junge, bist du toll? Für zwei

Groschen weiße Rüben? Für einen Dreier bekommst du ja draußen auf dem

Dorfe so viel, daß sich sechs Fuhrknechte satt essen können.« »Wo denn?«

»Draußen überall.« »Ich habe nichts gesehen.« »Kannst du nicht warten,

bis sie groß sind?« »Warten, ja warten;« sagte ich und kratzte mich

hinter dem Ohre. Es war noch früh im Jahr; ich hätte wenigstens noch

einige Monate auf mein Lieblingsgericht warten müssen. Man lachte immer

fort über den Dreier für die Semmel und die zwei Groschen für weiße

Rüben dazu. »Ei so laßt doch den Jungen zufrieden,« sagte der alte

Verwandte; »es ist doch wohl besser, als wenn er Pfeffernüßchen und

Zuckerbrot gekauft hätte.« Ich war bloß dem Instinkt und der Neigung

gefolgt; aber als man vernünftig darüber nachdachte, trat man denn doch

auf meine Seite. Der nämliche Alte war auch mein Advokat gegen den

Kaffee, der mir sehr zuwider war. Die ganze Familie trank ihn zum

Frühstück; ich sollte also auch. »Wir werden dem jungen Herrn ein

Süppchen apart kochen,« sagte meine Mutter, und wollte mich zur

allgemeinen Kaffeepartie nöthigen. »Ei so laßt ihn doch zufrieden,«

sagte der Alte; »es wird ihm vielleicht einmal recht lieb seyn, wenn er

sich nicht an die verdammte Lorke gewöhnt hat.« Meine Mutter glaubte,

Butterbrot und kaltes Wasser zum Frühstück ohne etwas Warmes würde mir

übel bekommen; da sie aber das Gegentheil sah, ließ sie mich ruhig

meinen Weg gehen. An dem Brunnen waschen und trinken war also die

nämliche Partie: übrigens lief ich meistens allein in allen Dickichten

herum, und kein Aelsternest war mir zu hoch, ich mußte hinauf. Das

setzte ich denn etwas verändert in Borna und Leipzig fort. Ich trank

durchaus weder Wein noch Bier, bekümmerte mich nichts um Backwerk und

feinere Gerichte; aber die schönsten Kirschen und Pflaumen wurden immer

reichlich gekauft, sie mochten noch so theuer seyn: und mein Aufwand

darin ging für meine Umstände zuweilen fast bis zur Verschwendung. Jetzt

verband ich meine Streifereien mit meinen Studien. Man sahe mich

seltener auf öffentlichen Promenaden; sondern ich lag in irgend einem

Dickicht oder dem versteckten Winkel einer Wiese, und las ohne weitere

Wahl, was mir in die Hände gefallen war; selten Romane, fast eben so

selten Gedichte im Deutschen; aber desto mehr ausgesuchte Stellen aus

den Römern und Griechen. Es freute mich besonders nun bei den letzten

die Schwierigkeiten überwunden zu haben und mit Leichtigkeit vorwärts zu

gehen. Die eklektischen Sprüche der Alten verdrängten immer mehr die

biblischen: doch hinderte das nicht die Wirkung, die auch hier und da

ein tief aus der Seele gegriffenes und in die Seele gesprochenes Wort

eines Hagiographen that.

In dieser Periode gab ich dem jetzigen Professor Höpfner in den

Anfangsgründen der hebräischen Sprache Stunde: und wir haben nachher

manchmal darüber gelacht, nachdem mir der Schüler als Herausgeber des

Golius so gewaltig zu Kopfe gewachsen war. Zuweilen setzt mirs wohl der

Eitelkeitsteufel in den Sinn, daß er meiner guten Unterrichtsmethode im

Anfange den schnellen Fortgang nachher verdanke.

Die gegenseitige Unzufriedenheit zwischen mir und dem Rektor stieg immer

höher. Ich ging durchaus nicht seinen Weg; und er wollte mich den

meinigen nicht gehen lassen. Moralische Fehler, außer etwas Geiz, habe

ich an dem Manne nicht wahrgenommen; aber desto mehr Grillen und

psychologisch-pädagogische Irrthümer und Schwachheiten. Ueberdieß machte

mir mein Stubenfreund, Herr Korbinsky, ein Schüler Fischers, und ein

gewaltiger Purist, dessen lateinischen Styl verdächtig: und man weiß,

was eine Sünde hierin bei einem Schulrektor für ein Piakulum ist. Herr

Korbinsky hätte wohl besser gethan, mir darüber keine Sylbe zu sagen:

zumal da die Sache ihre Richtigkeit hatte. Man weiß, daß Quisquilien die

Welt mehr hudeln, als Sachen vom größten Belang.

Um diese Zeit war ein sächsisches Lager bei Schönau, an der Straße nach

Weißenfels. Nichts kitzelt einen jungen Menschen mehr, als militärische

Unternehmungen, wenn auch nur im Schattenriß, zu sehen, wo der

menschliche Erfindungsgeist und die menschliche Kraft vereint mit

furchtbarer Anstrengung für moralische, politische oder physische

Existenz kämpfen. Einen Nachmittag hatte ich Erlaubniß erhalten hinaus

zu gehen, zu schauen. Ich hatte einen Verwandten im Lager, steckte

meinen Julius Cäsar zu mir, um doch auch etwas Militärisches an mir zu

haben, und wandelte auf und davon. Im Lager traf ich, ich weiß nicht wo,

den Grafen Hohenthal, der mir seinen Beifall über meine Neugierde zeigte

und nichts gegen meinen Wunsch hatte, die Nacht hier zu bleiben, und das

Manöver des folgenden Tags zu sehen. Diese Erlaubniß, oder

Quasierlaubniß, denn eigentlich mußte sie vom Rektor kommen, dehnte ich

auf zwei Nächte aus, und war in einer ganz neuen Welt, an die bisher

meine Phantasie nur wenig gedacht hatte. Ich hatte damals schon

mathematischen Sinn genug, mich um den glänzenden blitzenden

Donnereinbruch der Reiterei weniger zu bekümmern, obgleich mein Vetter

Dragoner war, und meine ganze Aufmerksamkeit auf die Behandlung

und Bewegung des Geschützes und den Marsch, vorzüglich der

Grenadierbataillone, zu richten. Das ^mucrone res agitur, ubi ad

triarios rediit^ schwebte mir bei jeder Gelegenheit aus den Alten vor:

und so verschieden auch unser Kriegssystem von dem ihrigen ist, hierin

kommt es ganz gewiß mit demselben überein, wie die ganze Geschichte

aller Feldzüge lehrt. Ohne eben Neigung zum Soldatenstande zu haben, las

und studirte ich doch schon unwillkührlich solche Bücher, wo der

Riesenkampf der menschlichen Natur hell und lebhaft geschildert war: und

das fand ich mehr bei den Alten, als bei den Neuern, und finde es noch.

Als ich nach Hause kam, runzelte der Rektor die Stirne und beutelte das

Maul mehr als gewöhnlich, sagte aber sehr wenig, und es schien, als ob

er mich als einen Refraktarium aufgegeben hätte. Da ich mein Unrecht

fühlte, suchte ich durch Fleiß gut zu machen; da aber dieser Fleiß doch

nicht über seinen Stock geschlagen war, konnte ich damit nichts

gewinnen. Ich erhielt um die nämliche Zeit ein Schulstipendium von zehen

Thalern. »Wir haben zwar Talente und sind nicht müssig,« sagte er mir

beim Aufzahlen; »aber unsere Sitten haben diese Belohnung kaum

verdient.« Nun machte er Miene, das Sümmchen wieder einzustreichen und

es mir zu vier und vier Groschen gelegentlich für die kleinen

Bedürfnisse zuzustellen, als ich ihm sagte, der Graf, mein Wohlthäter,

wolle mir dieses Geld als Aufmunterung zur eigenen Verwendung

überlassen, und für das Uebrige Sorge tragen. Das schien er nicht zu

billigen, wollte aber doch nichts dagegen haben. Ich erhielt das Geld;

und da das für mich eine ungeheuere Summe war, dünkte ich mir damit

wenigstens ein Krösus zu sein. Vor allen Dingen wurde Obst gekauft, dann

Bücher, hier und da einem Armen reichlicher mitgetheilt; dann ging es

zum ersten Male in die Komödie. Man kann denken, wie lange und wie weit

ich reichte. Meine Mutter brauchte damals nichts und wollte durchaus

nichts als eine Kleinigkeit nehmen, um meine Gutmüthigkeit nicht zu

beleidigen, wie sie sich ausdrückte. Da sie von meinen Bedürfnissen

wenig verstand, so konnte sie über meine Verwendung bestimmt weder

Billigung noch Mißbilligung äußern. Man denke, wie ich kaufte, ich

glaube vom jetzigen Professor Schäfer, der mein Schulnachbar war, eine

Geschichte oder Geographie, in neunzehn Bänden, ich weiß nicht von

welchem alten Knaster, für einen Speciesthaler. Schäfer war froh, daß er

das Schweinsleder los wurde, um Platz zu bekommen; und doch studirte ich

in den Schwarten so ungeheuer, um die Lücken auszufüllen, daß ich

wirklich glaube, ich habe daraus mehr gelernt, als aus manchem langen

Kollegio von viel Zeit und für viel Geld. Als ich anfing das Buch

taxiren zu lernen, schaffte ich es mit wenig Verlust und viel Gewinn

wieder fort.

Das erste Theaterstück, das ich sahe, war Ariadne auf Naxos von Benda,

die damals neu war. Der bekannte mythologische Text rührte mich wenig;

aber desto mehr die allgewaltige Magie der Musik, verbunden mit der

schönen Darstellung und der mir ganz neuen zauberähnlichen Maschinerie.

Das letzte verschwand bald; aber die Wirkung der Musik blieb und ist

geblieben: und noch jetzt kenne ich in der ganzen Peripherie meiner

musikalischen Literatur nichts Lieblicheres als Benda's Morgenröthe und

nichts Malerischeres als seinen Sonnenaufgang in diesem Stücke. Noch

jetzt, wenn es mir bei musikalischen Freunden recht heimisch gemüthlich

ist, pflege ich zum höchsten Genuß eines seligen Viertelstündchens mit

dem Notenbuche in der Hand zu kommen: »Kinder, bringt mir die

Morgenröthe und laßt mir die Sonne aufgehen!« und nach dem Vortrage und

der Aufnahme dieser Stellen die Seelen zu beurtheilen. Die

Theaterneigung bemächtigte sich bald meiner bis zur Epidemie; vorzüglich

als ich zur Akademie überging.

Der letzte Vorfall, der wahrscheinlich meine Entfernung von der Schule

bestimmte, war folgender. Wir lasen Xenophons Denkwürdigkeiten, ich

mochte wohl etwas zerstreut gewesen seyn, der Rektor war wegen einer

andern Veranlassung schon aufgebracht und heftig; er wendete sich

unversehens und kurz zu mir und verlangte die grammatische Auflösung

eines schweren Wortes: ich machte sie; er schien schon in der

Uebereilung zu seyn und fuhr mich hart epanorthotisch an: »Man ist nie,

wo man seyn soll; es ist der Infinitiv in diesem und diesem Tempus.« Es

war freilich augenscheinlich der Infinitiv; über das Tempus war

Differenz. Er fuhr im Hermeneutisiren fort, ich setzte mich, brummte

ungläubig und suchte meine alte Grammatik aus dem Winkel hervor, wo ich

denn fand, daß ich Recht hatte. Das zeigte ich höchst wahrscheinlich

selbstgefällig genug meinem Nachbar: »Was hat man schon wieder?« stürzte

der Rektor auf mich zu. »Herr Rektor,« erwiederte ich ganz gelassen,

»ich wollte mich bloß überzeugen, daß ich Recht hatte.« Das brachte den

Mann ganz aus seiner Fassung, er stürmte und wüthete und wollte mich ins

Carcer führen lassen. »Herr Rektor, bedenken Sie,« sagte ich ganz ruhig,

»es könnte einige Folgen haben.« Er überlas die Periode noch einmal,

besann sich, und ließ mich ohne Antwort sitzen. Die ganze Klasse war

stutzig. Ich wollte heut noch die Stelle im Buche wieder finden. Nach

der Stunde ließ er mich rufen, stellte mir etwas gelinde meine

widerspenstige Sinnesart vor und gab mit einigen philosophischen

Apophthegmen seinen Irrthum zu. Die Neckerei und das halbe

Subordinationswesen war mir höchlich zuwider; ich kam förmlich mit der

Bitte beim Grafen ein, mich noch einige Zeit nach Grimma oder Pforte zu

schicken: hier würde ich nunmehr meine Zeit ohne großen Nutzen

zubringen. Man war Anfangs mit meiner Unzufriedenheit eher unzufrieden,

mochte aber doch bei näherer Nachfrage finden, daß ich so ganz Unrecht

nicht hatte, und beschloß eine Aenderung zu machen. Auch wenn ich nicht

Recht gehabt hätte, wie das vielleicht hier und da der Fall war,

forderte es die richtige, psychologische Pädagogik, meinen Wünschen

nachzugeben und es auf eine andere Weise mit mir zu versuchen. Außer

etwas Chorgesang in den öffentlichen Stunden hatte man mich weiter keine

Musik treiben lassen, und ich sahe daraus, daß man es mit mir nicht auf

die Schulmeisterei anlegte. Ohne eben damit unzufrieden zu sein,

bedauerte ich doch im Stillen, daß ich eine so ganz unmusikalische Seele

bleiben sollte; zumal da ich glaubte und noch glaube, daß in meinem

Geiste sehr viel sehr schöne eigenthümliche Musik zu wecken gewesen

wäre. Ich selbst konnte den zweckmäßigen Unterricht nicht erschwingen.

Ich gerathe bei lebendigen tief gegriffenen und tief eindringenden

einfach großen Stellen in die größte Rührung, wie das bei Mozart und

Haydn und Händel und Bach und einigen andern oft der Fall ist; und eine

lange bloß künstliche Tonverstrickung läßt mich unbeschäftigt und leer.

Man schickte mich zu Morus und Wolf in die Prüfung. Der erste ist

nachher immer mein guter väterlicher Lehrer geblieben, und ward sodann

mein Freund bis an seinen Tod; es wäre unnöthig, hier seinen moralischen

und wissenschaftlichen Werth zu preisen. Von dem zweiten der ein

vortrefflicher Lateiner als Ernesti's Schüler war, hielt mich die

strenge ascetische Orthodoxie des Mannes mehr entfernt. Was sie meinen

Kenntnissen für ein Zeugniß gaben, weiß ich nicht, ich erhielt es

versiegelt; es kann aber nicht ungünstig gewesen seyn: denn statt mich

noch auf eine Schule zu schicken, wurde ich sogleich auf die Universität

gethan. Und so war ich denn in einer Zeit von ungefähr drei Jahren ein

wilder unwissender Landjunge, ein gänzlicher Analphabete, und Leipziger

Student; das ging freilich ein wenig rasch. »Alles recht gut,« sagte mir

der wackere Forbiger, als ich Abschied nahm, »nur etwas zu früh!« ein

Urtheil, das ich selbst gern unterschrieb. Martini entließ mich mit

Kälte und Würde, ohne jetzt weitere Empfindlichkeit zu äußern. Korbinsky

blieb mein Stubenkamerad und Studienleiter, ohne weitere Verbindlichkeit

auf beiden Seiten. Ich danke der Gesellschaft dieses Mannes manche

bessere Einsichten in die Alten und manchen guten Wink, den ich nachher

benutzte. Er starb zu früh als Prediger in Waldheim, ich fürchte als

Opfer des unmäßigen Tabakrauchens bei seiner schwachen Brust: er wäre

gewiß ein ausgezeichneter Orientalist geworden.

Nun tummelte ich mich in der Freiheit herum, und brauchte sie zwar nicht

ganz weise, aber doch so, daß man es eben nicht Mißbrauch nennen konnte.

Ich hatte nachzuholen, das fühlte ich, und that es redlich und

gewissenhaft: nicht eben durch viele Kollegien, sondern durch eigenen

sehr hartnäckigen Fleiß. Vorher hatte ich die Alten nur fragmentarisch

gelesen; jetzt fing ich an, sie strenge ganz durchzugehen. Da ich nicht

Philolog zu werden gedachte, bekümmerte ich mich weniger um das

Partikelwesen und die Sprachnüancen: das kommt nach und nach unmerklich

von selbst; sondern es beschäftigten mich die Sachen und die Sprache

nur, insofern sie zur Sache gehörte und recht schön war. Ueber die

Griechen hörte ich weniger; und doch that ich in denselben mehr und war

lebendiger in ihnen als in den Lateinern, weil mich ihr Geist besser

ansprach. Oft pflegte ich und pflege noch jetzt halb im Scherz halb im

Ernste zu sagen: Was ich Gutes an und in mir habe, verdanke ich meiner

Mutter und dem Griechischen. Die dicken Ausgaben mit einem Sumpfe von

Noten waren mir als Zeitverderber verhaßt: und meine Meinung, wer mit

gehörigen Sprachkenntnissen noch eine große Erklärung einer Horazischen

Ode braucht, für den hat Horaz gar nicht geschrieben. Die schönsten

Stellen sind immer die einfachsten; und es ward mein ästhetisches

Glaubensbekenntniß: Wer nicht in wenig Worten ein rührendes Gedicht, in

wenig Strichen eine schöne Zeichnung und in wenig Takten eine

vielwirkende Musik hervorbringe, sei nie der Liebling der Musen gewesen.

So fiel mir damals das dickbeleibte Buch, Fischers Anakreon, in die

Hände, wo des Dichters Grazien in einem Oceane von Notenkrämerei zu

Grunde zu gehen in Gefahr sind. Man findet nichts; und doch lockt die

Neugier alle Augenblicke nachzusehen. Könnte ich Anakreon nicht besser

genießen, als durch Fischer, ich ließe sie beide, den alten und den

neuen Griechen, bei den Käseweibern liegen. Deßwegen verkenne ich

Fischers große Verdienste um Literatur und Pädagogik gar nicht. Ich

genieße vielleicht, ohne es zu wissen, manches, was die Frucht seiner

trockenen schweren Arbeit war.

Von den Kollegien, deren ich mich aus dieser Periode mit vorzüglichem

Vergnügen erinnere, waren Morus Vorlesungen über die Annalen des Tacitus

unstreitig das erste. Er war ein Muster von Exegeten in jeder Rücksicht,

ausgenommen vielleicht in der Theologie, wo er mit ängstlicher

Ehrlichkeit zu sehr an der vorgeschriebenen Formel hing: und so wacker

der Mann als Theologe war, hat nach meiner Ueberzeugung die Theologie an

ihm doch nicht so viel gewonnen als die Philologie verloren. Ein sehr

gewöhnlicher Mißgriff auf den meisten Universitäten, der auf der

Einrichtung beruht! Morus überschüttete uns nicht mit einer Sündfluth

philologischer Quisquilien, sondern machte seine Bemerkungen kurz,

bündig und gediegen, wie sein Autor den Text; er las nicht für Knaben,

und war nicht Schuld, wenn er nicht verstanden wurde. Seine Uebersetzung

war ein durchdachtes Meisterstück; ich habe nie eine bessere gelesen:

dazu wurde sie noch durch einen selbst tiefgefühlten Vortrag und einen

Ausdruck großer Herzlichkeit gehoben.

Das Griechische des neuen Testaments wollte mir nach dem Honig der

attischen Biene nicht schmecken. Die Barbarismen, Solöcismen und das

halb morgenländische Wesen, wovon es voll ist, stießen mich immer

zurück: und es gehörte der schöne begeisterte Enthusiasmus Jesu und die

liebenswürdige Moral seiner Lehre durch seine Schüler dazu, um mir es

wieder in die Hände zu geben. Des Hebräischen hörte ich bei Dathe sehr

viel und sehr fleißig; und ich erinnere mich, daß ich damals Dutzende

Psalmen und ganze Kapitel aus den andern Büchern auswendig wußte. Es war

bloß Bedürfniß des Wissens, und um nicht hinter den andern

zurückzubleiben. Und doch hätte mir das Hebräisch bald einen übeln

Handel zugezogen. Ich wohnte bei einem Bäcker, wo Mutter und Tochter,

ganz angenehme Stückchen Erbsünde fast immer in ihren offenen Laden

Gesellschaft von jungen Leuten, bei sich sahen, die bei ihnen ihr

Frühstück hielten. Ich war bis in mein vier und zwanzigstes Jahr

ziemlich düster und grämelnd und bekümmerte mich wenig um das

Geschlecht. Mein Aufzug war meinen Umständen angemessen und wohl weder

glänzend noch zierlich; ich hatte damals einen großen schweren

hebräischen Kodex, ich glaube von van der Hoogt, an dem ich hin und her

schwitzte. Ein Edelmann aus Thüringen, der wohl auch einmal vor einer

hebräischen Schule vorbei gelaufen sein mochte, glaubte, er habe das

Privilegium, den jungen Theologaster zu hänseln, und rief mir beim

Durchgehen Mosheh veh Kalephedan (eine Regel aus der Grammatik) zu.

Einmal und zweimal litt ich das ruhig, das dritte Mal kehrte ich mich um

und sagte ihm, was zu sagen war. Er antwortete nicht artig, ich

erwiederte nicht sanft, und meinte, die Sache sei ohne Worte gehörig zu

schlichten; er mußte zufrieden seyn, und ich war im Begriff den Degen zu

holen, um ihm zu folgen: da stürzten die Damen, Mutter und Tochter, als

Vermittlerinnen herbei, und ließen nicht eher nach, bis sie die

hebräischen Streithähne mit gehörigen Gründen aus einander gebracht

hatten. Von nun an ließ mich der Baron ruhig fürbaß ziehen; das hätte er

auch vorher thun können und sollen.

Jedermann, der mich so Hebräisch treiben sah, mußte glauben, ich würde

wenigstens der zweite Michaelis werden, oder gar ein neues eigenes

morgenländisches Licht; es dauerte aber nicht lange: und seit der Zeit

habe ich diesen Artikel so ganz vergessen, daß ich kaum mehr weiß, was

Schwa und Mappik und Kal und Hithpael ist: denn ich glaube, ich habe

seit 1780 kaum wieder eine hebräische Zeile gelesen.

Ich hatte zur Unterhaltung meines Leibes monatlich fünf Thaler. Es war

damals zwar beträchtlich wohlfeiler als jetzt; doch kann man bedenken,

daß ich mit dieser Summe nicht sehr ins weite greifen oder sybaritisiren

konnte. Aber ich hatte auch keine Bedürffnisse, die ich damit nicht

hätte befriedigen können, außer der verdammten Theaterepidemie, die sich

meiner damals in einem hohen Grade bemächtigt hatte. Ich weiß, daß ich

damals monatlich gegen vier Thaler ins Theater getragen habe: man denke

sich nun dabei meine Kost. Mehrere Tage aß ich trockene Dreilinge, um

nur einige Lieblingsstücke zu hören und vorzüglich Reineke's Vortrag zu

genießen. Als ich diesen Mann das erste Mal sahe, gab er die

unbedeutendste Rolle von der Welt, einen Bedienten, der einen Brief zu

bringen und kaum sechs Worte zu sprechen hatte. Seine ersten Schritte

zeigten, wer er war und jedes Wort gab ihm seinen Rang. Ich, obgleich

damals noch ziemlich Idiot, ärgerte mich über den Mißgriff der Direktion

und setzte ihn sogleich bei mir als den ersten Mann der Gesellschaft

nieder. Er hatte bloß einmal gemächlich ausruhen wollen, und ich sahe

ihn einige Tage nachher in seiner bessern Sphäre. Es gewährt mir noch

immer einen hohen Genuß in der Erinnerung, diesen Liebling der Natur und

der Muse gesehen zu haben. Es konnte von ihm gelten, was Hamlet von

seinem Vater sagte: das ist ein Mann! Die deutsche Bühne hat allerdings

Künstler von größerem Verdienst, aber wohl schwerlich von größerem

Werth. Seine letzte Rolle schwebt noch lebendig vor meiner Seele. Er gab

Hamlets Geist, und sein »Schwört, Schwört auf sein Schwert!« war ein

ganzes Stück werth. Seit der Zeit habe ich immer und überall kaum

Hamlets Gespenst, nie seinen Geist wieder gesehen.

Um diese Zeit fielen mir die Engländer Shaftsbury und Bolingbroke in die

Hände, oder vielmehr ich ihnen; man kann sich die Wirkung denken. Die

Kirchenformel und meine ehemalige ächt orthodoxe Exegese hielten mich

nur noch an sehr schwachen Fäden. Mein Stubengeselle Korbinsky hatte

einige Freunde, mit denen er dann und wann etwas freimüthig über die

Wolfenbüttler Fragmente sprach. Einige Artikel aus dem Bayle hatte ich

auch schon gelesen. Alles dieses half meinen eigenen skeptischen

Ideengang ordnen, oder mich verderben, wie meine orthodoxen Freunde

meinten. Es war zum Durchbruch gekommen; nur wagte ich nicht, etwas laut

werden zu lassen. Ich glaubte nur, was ich begriff; und ich begriff von

den Kirchendogmen nur sehr wenige. Magister Schmidt, der Mittelsmann

zwischen mir und dem Grafen und mein wirklich väterlicher Freund, aber

ein heftiger Kirchenorthodox, hatte, ich weiß nicht wie, doch etwas

erfahren, und nahm mich nach seiner Weise sehr warm vor. Der Klagepunkte

waren viele, vorzüglich folgende, so viel ich mich erinnere: Ich wäre

nicht ordentlich in die Kirche gegangen, und meistens nur zu Zollikofer;

ich hätte mich oft gebadet; ich hätte über einige Dogmen frei und profan

gesprochen. Wegen dieser Ruchlosigkeiten sahe mich nun der gute Mann

schon leibhaft in der Hölle brennen. Das Theater wurde nicht berührt;

und das wäre doch wohl das schlimmste gewesen weil es mich so viel Geld

kostete, das ich nicht hatte. Ich läugnete nicht und vertheidigte mich

nicht; denn die Vertheidigung hätte zu Erörterungen geführt, die noch

schlimmer gewesen wären. Er goß eine bitter epanorthotische Lauge über

mich aus, die ich zwar ärgerlich, aber doch geduldig abtriefen ließ.

Vorzüglich drohete er mit dem Grafen, der bei dieser meiner verkehrten

Sinnesart seine Hand von mir abziehen würde. Diese letzte Bemerkung war

unpsychologisch, und wirkte gerade das Gegentheil von dem was sie wirken

sollte. Sie machte mich stolz, statt mich demüthig zu machen. Ich nahm

das alles mit Stillschweigen hin, ohne Besserung zu versprechen, an die

ich gar nicht denken konnte. Meine Mutter wurde gar nicht erwähnt; und

doch wäre diese das wirksamste Argument gewesen. Worin hätte ich mich

ändern können ohne den bessern Sinn zu verläugnen? Wen von unsern

theuern Kirchenlehrern hätte ich statt Zollikofers hören sollen? Das Bad

im Flusse hielt ich für diätetisch gut, und, mit Bescheidenheit

gebraucht, nicht für unanständig. Daß ich frei über kirchliche Artikel

sollte gesprochen haben, ist wohl möglich; aber gewiß nicht profan,

ausgenommen in so fern frei und profan eins ist: denn mir ist jeder

Volksglaube heilig, der einem ehrlichen Manne Beruhigung gewährt, und

sollte er der Philosophie noch so empfindliche Nasenstüber geben. Wer

einem leidenden Wanderer seinen alten Mantel nimmt, unter dem Vorwande,

er sei übel gemacht und durchlöchert, ist ein Unmensch auf alle Weise.

Ich fordere alle auf, mit denen ich jemals in nähere Berührung gekommen

bin, ob ich irgend über etwas gespottet habe, das einem andern ehrwürdig

und heilig war.

Kurz darauf besänftigte ich den zelotischen Mann ohne Mühe durch die

Bitte mir eine Predigt zu erlauben, indem ich ihm zugleich das

Manuscript zur Durchsicht überreichte. Er blätterte nur wenig darin und

gab es mir mit der Gewährung der Bitte und der Bemerkung vertraulich

zurück, schon das Motto gebe ihm die Versicherung, er dürfe sich auf

meine Bescheidenheit verlassen. Es stand darüber, glaube ich, aus dem

Quinctilian: »^Pectus est quod facit disertos.^« Ich hielt den Vortrag

in Rehbach und Knauthayn mit Beifall, und meine Ketzerei schien

vergessen zu seyn. Desto tiefer und fester saß sie aber bei mir. Es

versteht sich, daß man in der Predigt nicht die leiseste Spur davon

fand. Ich weiß nicht mehr, wovon ich sprach; aber es war ein reines

Thema der reinen allgemeinen Moral, wo der Mensch mit seiner bessern

Natur durch sich selbst in Anspruch genommen wird. Man konnte ihr, wie

Zollikofers Vorträgen, nur den Vorwurf machen, daß sie auch für Juden,

Türken und Heiden passe. Uebrigens maße ich mir nicht an, daß die Rede

viel von den Vorzügen der Zollikoferschen gehabt habe.

Es fing nun an furchtbar in mir zu gähren. Ich begriff, daß ich als

ehrlicher Mann nicht auf dem Wege fortwandeln konnte. Mit jeder neuen

Forschung entstand ein neuer Zweifel, und die Mystik fing an mir verhaßt

zu werden, da ich sie so oft Hand in Hand mit weltlicher Klugheit gehen

sahe. Ich verehrte die Bibel und versagte dem moralischen Theil

derselben den Eingang in meine Seele nicht. Ich verehrte Moses,

Christum, aber nach meiner Weise und nicht nach dem System. Heuchelei

war mir unerträglich; ich sagte immer nur, was ich dachte, ob ich gleich

nicht alles sagte, was ich dachte. Das heilige Palladium der

Menschennatur sind die Gedanken unter der Aegide der Vernunft, und es

wird hoffentlich niemals jemand gelingen es zu zerreißen.

Meine Lage war sehr prekär und hing von der zufälligen Ueberzeugung

Anderer ab. Es war natürlich, daß endlich der Graf alles erfahren mußte;

und das schlimmste war, nicht so lebendig, wie es in meinem Innern lag.

Ohne seine Unterstützung konnte ich nicht in den Wissenschaften fort

leben. Ich wollte der Katastrophe zuvor kommen, zog mich in mich selbst

zurück und faßte den Entschluß, auf allen Fall meine eigene Kraft zu

versuchen. Das konnte in Leipzig und überhaupt im Vaterlande nicht

geschehen. Nach vielen Kämpfen, die mir allerdings wohl das Ansehen

eines Melancholischen geben mochten, ging ich auf und davon, ohne einen

fest bestimmten Vorsatz, wohin und wozu. Ich nahm mein Monatsgeld,

verkaufte einige Bücher, die etwas Werth hatten, und nach Abzahlung

meiner kleinen Schulden, die ich nothwendig haben mußte, blieben mir

ungefähr neun Thaler. Mit diesen dachte ich schon nach Paris zu kommen

und mich umzusehen, was da für mich zu thun sei. Von dort aus -- wer

sieht nicht gern zuvor Paris? -- dachte ich nach Metz in die

Artillerieschule, da ich eben damals angefangen hatte, etwas ernsthaft

Französisch und Mathematik zu treiben. Das Uebrige überließ ich billig

dem Schicksal.

Das Traurigste war der qualvolle Gedanke an meine Mutter; und ich muß

bekennen, daß ich mir alle obwohl vergebliche Mühe gab ihn zu

unterdrücken, da ich die Unmöglichkeit sahe meine Sinnesart zu ändern

und die Unmöglichkeit bei dieser Sinnesart als ehrlicher Mann hier zu

bleiben. Sie war zwar keine Zelotin und würde mich nicht sogleich

verdammt haben; doch würde ihr ruhiges Wesen es widersprechend gefunden

haben, daß Ein Kopf sich nicht bei dem beruhigen könne, wobei sich so

viele Hunderttausende ehrsam beruhigen. Auf alle Fälle würde ihr meine

Lage, wenn ich geblieben wäre, fast eben so schmerzlich gewesen seyn als

meine Entfernung. Ich ging also nach Berichtigung meiner Schulden fort,

ohne irgend jemand eine Sylbe gesagt zu haben. Den Degen an der Seite,

einige Hemden auf dem Leibe und im Reisesacke und einige Klassiker in

der Tasche, marschirte ich zwar ganz rüstig und leicht, aber nichts

weniger als ruhig durch die Dörfer nach Dürrenberg, setzte dort über die

Saale, ging über das Schlachtfeld bei Roßbach und blieb die erste Nacht

in einem kleinen Dorfe bei Freyburg, das, glaube ich, Zeugefeld hieß.

Hier schrieb ich in meiner Verlassenheit und mit schwerem Gefühl Abends

eine gar rührende Elegie über meinen Zustand. Sie gehört zu den

Heiligthümern meiner Seele; Niemand hat sie gesehen und sie hat sich

bald aus meinem Taschenbuche verloren, so wie meine Stimmung sich

erheiterte und einen etwas stoischen Takt erhielt. Den zweiten Abend

blieb ich in einem Dorfe vor Erfurt, wo man mich mit vieler Theilnahme

sehr gut, sehr wohlfeil bewirthete, und mich schonend merken ließ, ich

hätte wohl jemand mit dem Instrumente da, man wies auf den Degen, etwas

übel behandelt und müsse das Weite suchen. Ich widersprach zwar; aber

man schien doch so etwas zu glauben. In Erörterungen mochte ich mich

nicht einlassen, und ihre Meinung that mir weiter keinen Schaden. Den

dritten Abend übernachtete ich in Bach, und hier übernahm trotz allem

Protest der Landgraf von Kassel, der damalige große Menschenmäkler,

durch seine Werber die Besorgung meiner ferneren Nachtquartiere nach

Ziegenhayn, Kassel, und weiter nach der neuen Welt.

Ich erfuhr nachher, daß meine Entfernung in Leipzig einiges Aufsehen

gemacht hatte, ob ich gleich fast immer für mich und eingezogen wie ein

Klosterbruder gelebt hatte. Man hatte ungefähr vierzehn Tage vorher eine

ungewöhnliche Stille und Schwermüthigkeit an mir bemerkt; sehr

natürlich: man machte also den voreiligen Schluß, ich habe mich ganz aus

dem Leben hinaus begeben. Vorzüglich war ein alter Graf Ysenburg, der

gewöhnlich bei dem Grafen Hohenthal lebte und mich mit vieler Güte immer

mit Zwieback gefüttert hatte, sehr beschäftigt, den eigentlichen

Zusammenhang der Sache ausfindig zu machen. Der alte Herr ließ sich

keine Mühe verdrießen und stieg Treppe auf und Treppe ab, wo er

Nachricht von mir zu haben hoffte. Man erfuhr nichts von einem Duell,

konnte sonst nichts Ungebührliches gegen mich aufbringen; meine kleinen

Schulden waren, und zwar den Tag vorher, alle bezahlt. Es war natürlich,

an eine Mädchengeschichte zu denken, und man nannte die Tochter eines

ehrsamen Handwerkers, mit welcher ich in Vertraulichkeit sollte gelebt

haben. Es war bestimmt eine Lüge; denn die Anmuthung zum Geschlecht ist

bei mir sehr späte gekommen. Der alte Graf ging wirklich zu dem

Handwerksmanne, dessen Namen ich gar nicht erfahren habe, und trug seine

Gedanken so schonend als möglich vor: aber der alte heißköpfige

Spießbürger nahm die Eröffnung sehr übel auf und gerieth in Versuchung,

den unbefugten Nachforscher zur Ehre seiner Tochter handgreiflich die

Treppe hinab zu befördern. Es blieb also den guten Leuten nichts übrig

als zu glauben, der Melancholikus habe sich ein Leid angethan. In dieser

Vermuthung ließ man mich sogar in die Zeitung setzen; ich habe das Blatt

viele Jahre nachher selbst gesehen. Daß ich meine Schulden vorher

bezahlt hatte, schien mit ein starkes Argument gegen meinen Verstand zu

seyn: ein gräßlicher Gedanke über die Immoralität unserer Jugend!

Als der Graf durch meine Briefe aus Hessen die Geschichte, aber freilich

nicht den Grund derselben erfuhr, schien er es für eine gewöhnliche

Albernheit zu halten und mich für einen Menschen zu nehmen, den man

seinem guten oder bösen Genius überlassen müsse. Ich hatte im

Allgemeinen nur Drang die Welt zu sehen vorgeschützt, und nur wenige

Hindeutungen auf mein inneres Ich angegeben. Wozu sollten Erörterungen

und Auseinandersetzungen führen, die Niemanden frommen konnten? Die

Herren würden gedacht haben: ^contra principia negantem non est

disputandum^. Also war ich eine Prise des Schicksals, und mußte nun

werden, wozu ich an der Hand desselben mich selbst machte.

Man brachte mich als Halbarrestanten nach der Festung Ziegenhayn, wo der

Jammergefährten aus allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem

nächsten Frühjahr nach Fawcets Besichtigung nach Amerika zu gehen. Ich

ergab mich in mein Schicksal, und suchte das Beste daraus zu machen, so

schlecht es auch war. Wir lagen lange in Ziegenhayn, ehe die gehörige

Anzahl der Rekruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den Werbestädten

zusammen gebracht wurde. Die Geschichte und Periode ist bekannt genug:

niemand war damals vor den Handlangern des Seelenverkäufers sicher;

Ueberredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den

Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke. Fremde aller Art wurden angehalten,

eingesteckt, fortgeschickt. Mir zerriß man meine akademische

Inscription, als das einzige Instrument meiner Legitimirung. Am Ende

ärgerte ich mich weiter nicht; leben muß man überall: wo so viele

durchkommen, wirst du auch: über den Ocean zu schwimmen war für einen

jungen Kerl einladend genug; und zu sehen gab es jenseits auch etwas. So

dachte ich. Während unsers Aufenthalts in Ziegenhayn brauchte mich der

alte General Gore zum Schreiben und behandelte mich mit vieler

Freundlichkeit. Hier war denn ein wahres Quodlibet von Menschenseelen

zusammengeschichtet, gute und schlechte, und andere die abwechselnd

beides waren. Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus

Jena, ein banquerotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer aus

Hannover, ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein Mönch aus

Würzburg, ein Oberamtmann aus Meinungen, ein Preußischer

Husarenwachmeister, ein kassirter Hessischer Major von der Festung und

andere von ähnlichem Stempel. Man kann denken, daß es an Unterhaltung

nicht fehlen konnte; und nur eine Skizze von dem Leben der Herren müßte

eine unterhaltende lehrreiche Lektüre seyn. Da es den meisten gegangen

war wie mir, oder noch schlimmer, entspann sich bald ein großes Komplott

zu unser aller Befreiung. Man hatte so viel gutes Zutrauen zu meinen

Einsichten und meinen Muth, daß man mir Leitung und Kommando mit

uneingeschränkter Vollmacht übertrug; und ich ging bei mir zu Rathe und

war nicht übel Willens, den Ehrenposten anzunehmen und die

funfzehnhundert Mann auf die Freiheit zu führen und sie dann in Ehren zu

entlassen, einen jeden seinen Weg. Außer dem glänzenden Antrage kitzelte

mich vorzüglich, dem Ehrenmanne von Landgrafen für seine

Seelenschacherei einen Streich zu spielen, an den er denken würde, weil

er verteufelt viel kostete. Als ich so ziemlich entschlossen war, kam

ein alter Preußischer Feldwebel zu mir sehr vertraulich. »Junger

Mensch,« sagte er, »Sie eilen in Ihr Verderben unvermeidlich, wenn Sie

den Antrag annehmen. Selten geht eine solche Unternehmung glücklich

durch; der Zufälle sie scheitern zu machen sind zu viele. Glauben sie

mir altem Manne; ich bin leider bei dergleichen Gelegenheiten schon mehr

gewesen. Sie scheinen gut und rechtschaffen; und ich liebe Sie, wie ein

Vater. Lassen Sie meinen Rath etwas gelten! Wenn die Sache glücklich

durchgeht, werden wir nicht die letzten seyn, davon Vortheil zu ziehen.«

Ich überlegte, was mir der alte Kriegsmann gesagt hatte, und

unterdrückte den kleinen Ehrgeiz, entschuldigte mich mit meiner Jugend

und Unerfahrenheit und ließ die Sache vorwärts gehen. Der

Kanonier-Feldwebel hatte Recht; es wurde alles verrathen: ein Schneider

aus Göttingen, der ein Stimmchen sang, wie eine Nachtigall, erkaufte

sich durch die Schurkerei eine Unteroffizierstelle bei der Garde, und da

man ihn dort gehörig würdigte und er des Lebens nicht mehr sicher war,

die Freiheit und eine Hand voll Dukaten. Ich erinnere mich der Sache

noch recht lebhaft. Alle Anstalten zum Ausbruch waren getroffen. Wir

lagen in verschiedenen Quartiren, in den Kasernen, dem Schlosse und

einem alten Rittersaale. Man wollte um Mitternacht auf ein Zeichen

ausziehen, der Wache stürmend die Gewehre wegnehmen, was sich

widersetzte niederstechen, das Zeughaus erbrechen, die Kanonen

vernageln, das Gouvernementshaus verriegeln und zum Thore hinaus

marschiren. In drei Stunden wären wir in Freiheit gewesen; Leute, die

Weg wußten, waren genug dabei. Als wir aber den Tag vorher

abtheilungsweise auf den Exercirplatz kamen, fanden wir statt der

gewöhnlichen zwanzig Mann deren über hundert, Kanonen auf den Flügeln

mit Kanonieren, die brennende Lunten hatten, und Kartetschen in der

Ferne liegend. Jeder merkte was die Glocke geschlagen hatte. Der General

kam und hielt eine wahre Galgenpredigt. »Am Thore sind mehr Kanonen,«

rief er, »wollt Ihr nicht gehen?« Die Adjutanten kamen und verlasen zum

Arrest, Hans, Peter, Michel, Görge, Kunz. Meine Personalität war eine

der ersten: denn daß der verlaufene Student nicht dabei seyn sollte, kam

den Herren gar nicht wahrscheinlich vor. Da aber niemand etwas auf mich

bringen konnte, wurde ich, und vermuthlich noch mehr der Menge wegen,

bald los gelassen. Der Prozeß ging an; zwei wurden zum Galgen

verurtheilt, worunter ich unfehlbar gewesen seyn würde, hätte mich nicht

der alte Preußische Feldwebel gerettet. Die übrigen mußten in großer

Anzahl Gassen laufen, von sechs und dreißig Malen herab bis zu zwölfen.

Es war eine grelle Fleischerei. Die Galgenkandidaten erhielten zwar nach

der Todesangst unter dem Instrument Gnade, mußten aber sechs und dreißig

Mal Gassen laufen und kamen auf Gnade des Fürsten nach Kassel in die

Eisen. Auf unbestimmte Zeit und auf Gnade in die Eisen, waren damals

gleichbedeutende Ausdrücke und hießen so viel, als _ewig ohne Erlösung_.

Wenigstens war die Gnade des Fürsten ein Fall, von dem Niemand etwas

wissen wollte. Mehr als dreißig wurden auf diese Weise grausam

gezüchtiget; und Viele, unter denen auch ich war, kamen bloß deßwegen

durch, weil der Mitwisser eine zu große Menge hätten bestraft werden

müssen. Einige kamen bei dem Abmarsch wieder los, aus Gründen, die sich

leicht errathen lassen: denn ein Kerl, der in Kassel in den Eisen geht,

wird von den Engländern nicht bezahlt.

Endlich ging es von Ziegenhayn nach Kassel, wo uns der alte Betelkauer

in höchst eigenen Augenschein nahm, keine Sylbe sagte und uns über die

Schiffbrücke der Fulda, die steinerne war damals noch nicht gebauet,

nach Hannöverisch-Minden spedirte. Unser Zug glich so ziemlich

Gefangenen: denn wir waren unbewaffnet, und die bewehrten

Stiefletten-Dragoner und Gardisten und Jäger hielten mit fertiger Ladung

Reihe und Glied fein hübsch in Ordnung. Ich genoß, trotz der allgemeinen

Mißstimmung, doch die schöne Gegend zwischen den Bergen am Zusammenfluß

der Werra und der Fulda, die dort die Weser bilden, mit zunehmender

Heiterkeit. Das Reisen macht froher, und unsere Gesellschaft war so

bunt, daß das lebendige Quodlibet alle Augenblicke neue Unterhaltung

gab. So ging es denn auf sogenannten Bremer Böcken den Strom hinab.

Nicht weit von Hameln, glaube ich, machte man eine Absonderung der

Preußen, die man nicht durch Preußisch-Minden bringen durfte, und ließ

sie einen Marsch zu Lande machen, um das Preußische zu vermeiden. Da mir

das zusammengedrückte eingepökelte Wesen auf den kleinen langen

Fahrzeugen nicht sonderlich behagen wollte, meldete ich mich als Preußen

beim Verlesen. Der Officier sahe in die Liste und sagte, »hier steht ja

ein Sachse.« »So?« sagte ich; »nun so will ich ein Sachse bleiben.« Er

schwieg, ließ mich aber, nachdem alle verlesen waren, mit den Preußen

aussteigen. Man stellte sich und es ging zu Lande weiter. Ich hatte

damals die Gewohnheit, ein Buch zwischen Weste und Beinkleider unter den

Gürtel zu stecken. Das Buch mochte diesmal etwas zu stark seyn und den

Leib unförmlich machen. »Was Teufel, ist der Kerl schwanger?« sagte ein

Hauptmann Lesthen, der eben vor mir stand, und hob die Weste beim Flügel

auf, und es wurde der Julius Cäsar zu Tage gefördert. »Was Henker, macht

er denn mit dem Buche?« fuhr er fort. »Ich lese darin;« war meine

Antwort. »Wo hat Er denn das Latein gelernt?« »Das Latein pflegt man

gewöhnlich in der Schule zu lernen.« Er schüttelte den Kopf. Ich hatte

in dem Buche eine Menge Randnoten aus dem Vegez, Frontin und andern

Alten und Neuen, auch wohl von mir selbst niedergeschrieben. »Von wem

sind denn die Bemerkungen hier?« »Von mir; und vor mir von den

angegebenen Herren.« Er sah mich fest an und endigte mit dem spöttischen

Abschied: »Er wird wohl einmal ein recht großer Mann werden.«

»Schwerlich,« sagte ich; »das ist unter den Deutschen gar nicht

wahrscheinlich: aber wenigstens will ich nicht Schuld seyn, daß es nicht

wird.« Nun ging es fort; und ich las, ohne eben weiter einen Zweck zu

denken, in den Ruhestunden zuweilen nach meiner Weise einige Kapitel,

aus bloßem Bedürfniß, mich besser zu beschäftigen, als ich in meinen

Umgebungen sonst wohl konnte. Hier entspann sich in einem Nachtquartiere

wieder ein Komplott und sollte der Kürze wegen, und da unsere Bedeckung

nicht sehr stark war, sogleich ausgeführt werden: ich habe aber die

Beschaffenheit desselben nicht recht erfahren können. Diese

Rekrutenabtheilung bestand aus lauter Preußischen Landeskindern und

Preußischen Deserteuren, die beständig vom alten Fritz und Seidlitz und

Schwerin sprachen und sich nichts Kleines dünkten. Aber weiß der Himmel,

wie es war laut geworden: der kommandirende Officier requirirte sogleich

die ganze bewaffnete Bürgerschaft und die Bauern aus der Gegend, machte

ächt militärisch Miene, uns in der alten Kirche, wo wir lagen, zusammen

zu schießen; und es ging alles wieder ganz ruhig bis an die Weser auf

die Bremer Böcke. Hier half mir meine stoische Genügsamkeit und meine

Humanität einen Streich machen, der mir in meiner Sphäre zu keiner

kleinen Ehre gereichte. Gewinnsucht und Leidenschaft regirt, wie

bekannt, die Welt. Damit wir nicht verhungerten, hatte ein Entrepreneur,

ein Marketender im Großen, für keine kleine Summe sich anheischig

gemacht uns zu beköstigen. Man weiß, wie es geht. Wir wollten eben so

viel als möglich essen, und er wollte so viel als möglich gewinnen,

welches sich zusammen nicht wohl vertrug. Fast unsere ganze Löhnung ging

auf die Menage; und der Klagen liefen bei dem Obersten von Hatzfeld, der

den Transport kommandirte, viele ein. Der Mann hatte ein Gefühl für

Recht und that was er konnte, den Speisewirth zur guten Behandlung zu

nöthigen. Da Ermahnungen bei Gewinnsüchtigen gewöhnlich vergeblich sind,

wurden wechselsweise von dem Transport nach den Schiffen Deputirte

gewählt, die auf dem Kochschiffe nach dem Recht sehen sollten. Indeß es

ging mit den Deputirten wie im englischen Parlament. Dort besticht man

mit Guineen, Stellen und Pensionen; hier bestach man mit Wein, Schnaps

und Kuchen: und so ging es denn, hier wie dort, nicht viel besser als

vorher. Als die Reihe mein Schiff traf, wurde ich von der Rekrutenschaft

einstimmig zum Deputirten erwählt. Auf dem Kochschiffe wollte man mich,

wie gewöhnlich höflich mit dem Weinglase empfangen und mit Konfect in

der Kajüte halten. Ich habe gefrühstückt, war mein Bescheid, und blieb

bei den Kesseln stehen, um zu sehen, daß die gehörige Quantität Fleisch

und Gemüse hinein kam. Als die Kähne kamen, um zu holen, drang ich

darauf, daß die Menagekessel voll gegeben wurden. Wir werden nicht

auskommen, sagte man. Wir werden wahrscheinlich auskommen, sagte ich,

auf meine Gefahr: denn so viel hatte ich noch rechnen gelernt. Es blieb

viel übrig, ich ließ zum zweitenmal holen und alle erhielten eine sehr

gute Mahlzeit. Noch blieb viel übrig; doch nicht so viel, daß man noch

einmal von vorn hätte anfangen können. Da kamen unsere Zwangswächter,

die Dragoner, vom Ufer mit ihren Töpfen. Eine vorlaute schnippische

Köchin wollte austheilen und von den armen Teufeln Weißpfennige dafür

einnehmen. »Was soll das?« rief ich: »das Essen ist unser, wir haben es

bezahlt; die Leute müssen den Rest unentgeltlich haben.« Das Liebchen

ward böse, und ich ergriff im Amtseifer den Schöpflöffel und theilte aus

bis auf den Boden, ohne einen Heller zu nehmen oder nehmen zu lassen.

Die alten Kerle drückten mir freundlich die Hand. »Wir sehen leider

deutlich genug,« raunte mir einer zu, »wie Ihr betrogen werdet; können

aber nicht helfen.« Als die belobte Kesselprinzessin es noch einmal

wagte, mich zu stören, schlug ich sie im Aerger so heftig mit der

Schöpfkelle auf die Hand, daß sie laut schreiend und drohend zum

Prinzipal in die Kajüte sprang. Da man mich aber so fest entschlossen

sahe, unterstand man sich nicht mich weiter anzutasten. Ich bekam vom

Ufer und von den Böcken eine Menge Dankadressen, mit der Versicherung,

daß man noch nicht so gut und so reichlich gespeist habe: und diese

Dankadressen hatten wohl wenigstens einen eben so guten Grund, als die

im Parlamente. Man nehme es, wie man will, ich halte diesen Tag für

einen der schönsten meines Lebens: und das Bewußtseyn macht mich stolz,

daß ich als erster Volksdeputirter, trotz jeder Versuchung, Schmeichelei

oder Drohung, mit eben der beharrlichen Entschlossenheit würde gehandelt

haben. Die Sache lief unter den Officieren herum, und ein jeder machte

seine Glossen darüber nach seiner Sinnesweise. Die Reihe Deputirter zu

seyn kam nicht wieder an unsern Bock, also auch nicht wieder an mich.

So fuhren wir denn den ganzen Strom hinab von Minden bis zu Bremerlee,

wo uns die englischen Transportschiffe erwarteten. In Minden auf der

Wiese besichtigte uns der Mäkler Fawcet, und es gab von den

Dragonerunterofficieren und Gardisten einige freundliche Rippenstöße,

weil wir nicht laut und voll und sonorisch genug: Es lebe der König!

schrien. Da ich als ein kleiner Kerl im Ranzengliede, das heißt im

mittelsten, stand, entging ich den Puffen, ohne eine Sylbe zu sagen

genöthigt zu seyn. Aber den Hut mußte ich wenigstens mit schwingen.

Es würde mir ein hoher Genuß gewesen seyn, an der Hand eines Freundes

und Geschichtskenners die Partien der Weser von Korvey bis Bremen zu

besehen, wo die Schönheiten der Natur durch den Gedanken der alten jetzt

verlorenen Nationalehre magisch beleuchtet werden: aber damals war

unsere Reise ein sklavisches dumpfes Hinstarren auf die Gegenden, wo

ehemals Männer für ein besseres nicht so üppiges Vaterland kämpften. Von

Varus bis zu Bonifaz herab schwebten mir dunkel die Scenen vor; Bonifaz,

der mit heiliger Einfalt die heroische Tugend vertrieb und die

feinergewebte Sklaverei spann, die uns zum Spielwerk Anderer gemacht

hat. Von Bremen bis Bremerlee fuhren wir in andern Fahrzeugen, die schon

See halten können, aber sich nicht weit von den Küsten entfernen.

Unbekümmert legte ich mich Abends hin und schlief mitten auf dem Strome

und war sehr verblüfft, als unsere ganz kleine Flotte des Morgens am

Ufer ganz trocken da saß, und wartete bis die Fluth sie wieder empor

hob: doch waren wir alle nicht halb so verblüfft, als bei der ähnlichen

Erscheinung Alexanders Soldaten auf dem Indus.

In den englischen Transportschiffen wurden wir gedrückt, geschichtet und

gepöckelt wie die Heringe. Den Platz zu sparen, hatte man keine

Hangematten, sondern Verschläge in der Tabulatur des Verdecks, das schon

niedrig genug war: und nun lagen noch zwei Schichten übereinander. Im

Verdeck konnte ein ausgewachsener Mann nicht gerade stehen, und im

Bettverschlage nicht gerade sitzen. Die Bettkasten waren für sechs und

sechs Mann; man denke die Menage. Wenn viere darin lagen, waren sie

voll; und die beiden letzten mußten hineingezwängt werden. Das war bei

warmem Wetter nicht kalt: es war für einen Einzelnen gänzlich unmöglich

sich umzuwenden und eben so unmöglich auf dem Rücken zu liegen. Die

geradeste Richtung mit der schärfsten Kante war nöthig. Wenn wir so auf

einer Seite gehörig geschwitzt und gebratet hatten, rief der rechte

Flügelmann: »Umgewendet!« und es wurde umgeschichtet: hatten wir nun auf

der andern Seite ^quantum satis^ ausgehalten, rief das Nämliche der

linke Flügelmann; und wir zwängten uns wieder in die vorherige Quetsche.

Das war eine erbauliche vertrauliche Lage, ungefähr wie im hohen

Paradiese, wenn auf der Bühne des Volks Lieblingsstück gegeben wurde.

Ich habe vor vielen vielen Jahren diese liebliche Fahrt als Ouvertüre

meines Schriftstellerwesens in Archenholzen's nun fast vergessenem

Journal »Literatur- und Völkerkunde« mitdrucken lassen, will aber hier,

um den Faden nicht zu unterbrechen, das Wesentlichste wieder hersetzen.

Daß das obengenannte Menschenragout die Unterhaltung unterhielt, wird

man nicht zweifeln. Die Seele derselben war ein dort vergessener

ehemaliger französischer Officier aus dem siebenjährigen Kriege, mit

Namen Dechar, der seit der Zeit abwechselnd gemeiner Preußischer

Dragoner und Füselir-Unterofficier und Sprachmeister und Fechtmeister,

Unterofficier und polnischer Revolutions-Hauptmann gewesen war,

abwechselnd Gassen gelaufen, unter dem Galgen gestanden und im Felde

Kanonen genommen hatte, der in Frankfurt am Main und Kassel, Berlin und

Warschau, Breslau und Jauer alle Winkel kannte, alles Gute und Schlechte

wußte, wie ein Achill focht und wie Heliogabal fraß und soff, wie

Aristarchus sprach und wie Epikurs Küchenjunge lebte. Das Leben dieses

Abenteurers allein würde Stoff zu einem großen Gemälde geben. Der

schlechteste, gelehrteste und traurigste Gesellschafter war der gute

Exmönch aus Würzburg, von dessen entsetzlichem Ende ich hernach noch

Einiges sagen will.

Es war mir doch ein sonderbares Gefühl, als ich den andern Morgen auf

das Verdeck trat, und zum ersten Mal nichts als Himmel und Wasser um

mich sah. Der Ocean wogte majestätisch, und die Schiffe tanzten magisch

wie kleine Spielwerke auf der unbegränzten, ungeheuren Fläche: der

Himmel war bewölkt und theilte dem Wasser seine tiefe ernsthafte Farbe

mit. Ich war wirklich in einer andern Welt und fühlte mich abwechselnd

größer und kleiner, nachdem eine erhabene oder bange Empfindung eben in

der Seele herrschte. So war es, als unter meinem Fuße Gewitter rollten

und furchtbar schöne Zauberwelten bildeten, neben mir die schwarzrothen

Wolkensäulen des Aetna stürmten, und über mir die milden Sonnenstrahlen

Wärme umhergossen und weithin die ganze große Insel mit ihrer Fabelwelt

magisch färbten. Bald kam Sturm und mit ihm die Seekrankheit. Beide

waren weiter nicht gefährlich, aber doch den Neulingen furchtbar genug.

Fünfe von der sechsmännischen Menage waren krank; ich blieb leider

allein gesund. Die Seekrankheit ist nichts als die Wirkung der

ungewöhnlich heftigen Bewegung, der man nicht Einhalt thun kann. Man hat

ähnliche Erscheinungen genug auf dem Lande. Reiten und Fahren,

vorzüglich rücklings, Schaukeln, Karousseldrehen und ähnliche

gymnastische Uebungen sind die besten Vorbereitungen zu Seereisen. Die

nächsten Vorkehrungen sind, wenig essen und hart und kalt, und wenig

trinken und kalt und säuerlich: also ist Wurst, Schinken und dergleichen

und Limonade und Wein vielleicht die gemessenste Diät die ersten Tage

zur See. Ich sage, ich blieb leider gesund; auch für mich leider! Die

Seeluft giebt gewaltigen Appetit; die Schiffsportionen waren klein. Da

Niemand aus der Menage essen konnte, hatte ich die Fülle zur Sättigung

und konnte Vorrath von Zwieback sammeln, so daß ich wirklich eine ganze

große Nachtmütze voll hatte. Bald kam einer und forderte seine Portion,

dann der andere, dann der dritte, und so fort; in kurzer Zeit war ich

auf mein eigenes kleines Kontingent gesetzt. Die Genesenen waren durch

die Krankheit und das Fasten gehörig auf die beschränkte Portion

vorbereitet; die Gesunden hingegen hatten eine sehr unangenehme

Speisekapacität gewonnen. Bald war mein kleiner Vorrath aufgezehrt, und

mein Magen war bei der ganzen Portion auf ein sehr unbehagliches

Halbfasten reducirt. Hier sorgte denn zufällig die Muse für ihren

Zögling. Ich saß auf dem Quarterdeck und las eben Horazens »^Angustam,

amici, pauperiem^,« als der dicke Steuermann mich sehr unfreundlich von

der Bank schleudern wollte. Ich brummte meine Unzufriedenheit in meinem

Bißchen Englisch, das ich von Rogler gelernt hatte, so gut ich konnte,

und wollte hinunter in meinen Kasten schleichen, wo ich mich von Niemand

hudeln ließ. Der Kapitän kam dazu, guckte mir in das Buch und hieß mich

sitzen bleiben. Als er einige Anordnungen gemacht hatte, kam er zurück

und fing eine Art von Unterhaltung mit mir an: »^You read latin, my

boy?^« -- »^Yes, Sir.^« -- »^And you understand it?^« -- »^I believe, I

do.^« -- »^Very well; it is a very good diversion in the situation, you

are in.^« -- »^So I find, Sir; indeed a gread consolation^[1].« So ging

es denn freundlich und theilnehmend weiter. Er nahm mich mit in seine

Kajüte und zeigte mir seine Reisebibliothek, die aus guten Engländern

und einigen Klassikern bestand, und versprach mir, wenn ich die Bücher

gut halten würde, mir zuweilen eins daraus zu leihen. Durch seine

Freundschaft erhielt ich etwas mehr Freiheit auf dem Schiffe, zumal da

ich etwas Vergnügen am Seewesen zeigte und in wenigen Tagen mir die

Nomenklatur der Taue und Segel merkte und sehr flink und sicher oben in

dem Mastwerke mit herum lief. Es war wieder das Bedürfniß der

Thätigkeit, die mir allerhand kleine Vortheile schaffte und mich

vorzüglich gesund erhielt. Da der Kapitän wohl merkte, daß die

Schiffsportion meinem exemplarischen Appetit nicht zureichend war, ließ

er mir großmüthig heimlich zuweilen eine Nachtmütze voll Zwieback und

Rindfleisch zukommen, welches in der That im eigentlichsten Verstande

ein sehr wohlthätiges Stipendium war.

[Fußnote 1: »Du liesest Latein, mein Sohn?« -- »Ja, Herr!« -- »Und

verstehst es?« -- »Ich glaube.« -- »Sehr gut: das ist eine sehr gute

Zerstreuung in Deiner Lage.« -- »Das finde ich auch, mein Herr! Es ist

in der That ein großer Trost für mich.«]

Die Kost war übrigens nicht sehr fein, so wie sie nicht sehr reichlich

war. Heute Speck und Erbsen und morgen Erbsen und Speck; übermorgen

^pease and pork^ und sodann ^pork and pease^: das war fast die ganze

Runde. Zuweilen Grütze und Graupen, und zum Schmause Pudding, den wir

aus muffigem Mehl halb mit Seewasser, halb mit süßem Wasser, und altem

Schöpsenfett machen mußten. Der Speck mochte wohl vier oder fünf Jahr

alt seyn, war von beiden Seiten am Rande schwarzstriefig, weiter hinein

gelb, und hatte nur in der Mitte noch einen kleinen weißen Gang. Eben so

war es mit dem gesalzenen Rindfleische, das wir in beliebter Kürze oft

roh als Schinken aßen. In dem Schiffsbrote waren oft viele Würmer, die

wir als Schmalz mitessen mußten, wenn wir nicht die schon kleine Portion

noch mehr reduciren wollten: dabei war es so hart, daß wir nicht selten

Kanonenkugeln brauchten, es nur aus dem gröbsten zu zerbrechen; und doch

erlaubte uns der Hunger selten es einzuweichen; auch fehlte es oft an

Wasser. Man sagte uns, und nicht ganz unwahrscheinlich, der Zwieback sei

französisch; die Engländer haben ihn im siebenjährigen Kriege den

Franzosen abgenommen, seit der Zeit habe er in Portsmouth im Magazine

gelegen, und nun füttere man die Deutschen damit, um wieder die

Franzosen unter Rochambeau und Lafayette, so Gott wolle, todt zu

schlagen. Gott muß aber doch nicht recht gewollt haben. Das

schwergeschwefelte Wasser lag in tiefer Verderbniß. Wenn ein Faß

heraufgeschroten und aufgeschlagen wurde, roch es auf dem Verdeck wie

Styx, Pflegethon und Kocytus zusammen: große fingerlange Fasern machten

es fast konsistent; ohne es durch ein Tuch zu seigen war es nicht wohl

trinkbar: und dann mußte man immer noch die Nase zuhalten, und dann

schlug man sich doch noch, um nur die Jauche zu bekommen. An Filtriren

war für die Menge nicht zu denken. Guten ehrlichen Landmenschen kommt

dieses ohne Zweifel schrecklich vor: aber wer Feldzüge und Seefahrten

mitgemacht hat, findet darin nichts ungewöhnliches. Rum wurde gegeben

und zuweilen etwas Bier, welches dem Porter ähnlich war und bei den

Matrosen ^strong beer^ hieß. Da ich den ersten nicht genießen konnte,

tauschte ich ihn gegen das letzte aus, welches mir Wohlthat war.

Zuweilen wurde mir auch eine Flasche Porter zugesteckt, da ich am Wein

durchaus keinen Geschmack fand.

Stürme hatten wir oft, und einmal so stark, daß uns der Aufsatz des

Vordermastes und die große Raa zerbrach. Die Thürmung der Wogen, das

Heulen der Winde durch die Segel, das Schlagen und Klirren der Taue, das

Donnern der Wellen an die Borde, das Geschrei und Lärmen des

Schiffsvolks, der ganze furchtbar empörte Ocean, alles ist in dem

Neuling schrecklich: aber bald wird man es gewohnt und schläft ruhig

unter dem Kampfe der Elemente. Der sybaritische Amtmann am Rheine, der

die Nachtigallen wegschießen ließ, weil sie ihn im Schlafe störten,

könnte keine bessere Kur brauchen, als eine Reise über den Ocean --

zumal in einem englischen Transportschiffe. Nichts giebt aber auch dem

Sinn ein größeres Bild von der Kraft des menschlichen Geistes als das

Regiment eines großen Schiffes. Man nehme eines aus der Linie. Man gebe

ihm neunzig Kanonen; es ist noch keines von den ersten. Sie sind alle

von dem größten Kaliber. Für jedes Stück habe man zweihundert Schüsse an

Pulver und Kugeln: welcher Vorrath! Segel und Taue und Stangenwerk;

vieles doppelt: eine Besatzung von tausend Mann, welche ungeheure Masse

für ein Auge, das sie zusammen auf dem Lande sieht! Für diese Mannschaft

Lebensmittel an Essen und Trinken für viele Monate. Dieses alles in

einer einzigen Maschine beisammen, mit welcher die Wogen wie mit einem

Federballe spielen: und dieses ungeheure Ganze führt der menschliche

Geist stolz und ruhig durch empörte Elemente hin und her nach seiner

Wahl. Kurio's Theater, die sich mit halb Rom auf einem Schwerpunkt

drehten, als ob sie der Weltbeherrscher spotteten, waren kaum eine

größere Erscheinung.

Wir fuhren nicht durch den Kanal und die spanische See, weil damals noch

die Franzosen und Spanier dort mit Flotten kreuzten und auf uns

lauerten; sondern segelten um die Inseln nördlich an den Orkaden weg.

Der Sturm trieb uns weit weit nordwärts: und der Sicherheit wegen gab

man vielleicht mehr nach als nöthig war. Wir konnten muthmaßlich nicht

weit von Grönland sein; wir froren tief im Sommer, daß wir zitterten Tag

und Nacht. Alles ging schlecht genug: wir brachten über einer Fahrt, die

sonst gewöhnlich nur vier Wochen dauert, zwei und zwanzig zu. Die

Portionen wurden noch knapper an Brot und Fleisch und Wasser; und meine

Bekanntschaft mit dem Kapitän war mir noch wohlthätiger. Krankheiten

nahmen sehr überhand; doch starben von ungefähr fünfhundert Mann nur

sieben und zwanzig, wenn ich nicht irre. Einige meiner nähern Bekannten

waren darunter, und unter andern der Exmönch aus Würzburg. Er hatte für

einen Mönch recht artige Kenntnisse, wußte viel Geschichte und

Mathematik und sprach besser als gewöhnlich Latein. Er war vom Anfange

an meine Zuflucht gewesen, wenn die Langeweile sich meiner zuweilen zu

bemächtigen drohte: aber vom Anfange an zeigte er einen Mißmuth und eine

Gleichgültigkeit gegen das Leben, die ich für nichts weniger als

philosophisch hielt. ^Perfer et obdura^ war schon damals eines meiner

Schibolete, und ich hielt es billig für entehrend, mich von gewöhnlichen

Streichen des Schicksals niederschlagen zu lassen. In Ziegenhayn und auf

dem Marsche hatte ich alle Mühe, den Kleinmüthigen aufrecht zu halten.

Auf dem Flusse waren wir getrennt, und als wir auf dem Schiffe wieder

zusammen kamen, hatte er so völlig Verzicht auf das Leben gethan, daß

keine Kraft mehr zu wecken war. Das Kloster ist freilich keine

Vorbereitung zum Felde. Es fehlte ihm nichts als Lebensmuth; aber

Faulheit und Indolenz, die er wohl Resignation und Apathie nannte,

hatten sich seiner in einem solchen Grade bemächtigt, daß er sich fast

nicht mehr von der Stelle bewegte. Ein Faulthier war die Thätigkeit

selbst gegen ihn. »Wenn ich auch über den Ocean komme,« sagte er, »so

geht dort drüben das Elend erst recht an. Noth und Mangel und

Mühseligkeit ist die ganze Aussicht, bis uns ein Rifleman durch die

Lunge schießt, oder ein Mohak skalpirt.« Da hatte die Klosterseele

freilich nicht ganz Unrecht; aber ein braver Kerl hält aus bis zuletzt:

und es ist doch wohl der schändlichste Tod, aus reiner absoluter

Faulheit zu sterben. Nur im Kloster kann eine solche Gedankenmißgeburt

entstehen. Er blieb entschlossen, dem Elend nicht entgegen zu leben: und

mir war es eine neue Erscheinung, von welcher mir keine

Erfahrungsseelenkunde etwas gesagt hatte, daß man ohne alle weitere

Krankheit und Veranlassung aus bloßer Indolenz sterben könne. Kein Arzt

konnte die geringste Krankheitsanzeige finden, und er klagte über

nichts, als über das jämmerliche Leben und die noch jämmerlichere

Aussicht. Man prügelte ihn zur Bewegung, zum Luftschöpfen, zum Waschen,

zum Essen sogar; ohne Prügel that er von allen dem nichts: nur Rum trank

er noch ein wenig ungeprügelt. Endlich ward man das Prügeln überdrüssig

und ließ ihn liegen: von dem Augenblicke an wurde nichts mehr gewaschen,

gekämmt und gebürstet, und fast nichts mehr gegessen. Er lag in den

Hinbrüten des Todes. So lange ich konnte, besuchte ich ihn in seinem

Kasten neben den Aufgegebenen und versuchte noch, was Vernunft

vermochte; endlich machte es mir die Selbsterhaltung zur Pflicht, mich

zu entfernen. Nach dem Tode wollte das Klosterkadaver Niemand anrühren,

welches sehr zu entschuldigen war. Man suchte die schmutzigsten Gesellen

aus und gab ihnen zur Belohnung Rum, daß sie den Todten über Bord

warfen. Ich hatte doch noch so viel Theilnahme oder Neugierde, man nenne

es, wie man will, mich zu nähern und die Erscheinung zu sehen. Es war

ein gräßliches Bild menschlichen Elends und menschlicher Verworfenheit,

das ich, Gott sei Dank, bei aller meiner Erfahrung nie wieder gesehen

habe. Einige Monate hatte sich der Mensch nicht rasirt und in seinem

Unrath gelegen. Das Hemde, dessen Farbe man nicht mehr erkennen konnte,

das Kopfhaar, der Bart und die Augenbraunen und Wimpern wimmelten von

Insekten, als ob er an der Phthiriase gestorben wäre, welches doch

bestimmt der Fall nicht war: denn vorher hielt er sich leidlich

reinlich.

Einige Monate ist das Herumschwimmen auf dem Ocean, bei gehörigen

Veränderungen, so lange die Erscheinungen neu sind, keine üble Parthie;

zumal wenn man so in zahlreicher Gesellschaft segelt, wie wir. Unsere

Flotte von Transportschiffen aller Art, begleitenden Kriegsschiffen und

Kaufmannsfahrzeugen, die die Gelegenheit der Sicherheit benutzten,

mochte sich wohl auf siebzig Segel belaufen: und der Abend und Morgen

einer solchen schwimmenden Kolonie hat sein Angenehmes, wenn die See

nicht zu hoch und zu still ist. Besonders hat das Geläute etwas traulich

Heimisches und doch etwas sehr Feierliches auf der unermeßlichen Fläche,

daß ich nicht selten zu einem sehr innigen Gebet gestimmt wurde. Was

weder Vernunft noch Gefahr bewirken, bewirkt oft die magische

Psychagogie der Töne durch das Gefühl.

Wenn ich nicht mit den Matrosen arbeitete, lag ich bei schönem Wetter

mit dem Virgil oben im Mastkorbe und verglich unsern überstandenen Sturm

mit dem seinigen, und fand ihn nie so lebendig wahr, als eben jetzt, wo

ich an den vorigen dachte und den kommenden erwartete. Sein »^Insequitur

clamorque virum, stridorque rudentum^« ist einfach malerisch schön, daß

es den ganzen Auftritt giebt. Das hat er selbst gefühlt, weil es mit

wenigen Veränderungen in allen seinen Beschreibungen eines Seesturms

wieder kommt. Wenn wir auch nicht wüßten, daß er zur See war, aus diesen

Stellen würden wir es fast untrüglich schließen können; so wie ich aus

seiner Beschreibung des Atlas schließe, daß er nie auf einem Berge

erster Höhe war. Ob ich gleich viele Hülfsmittel der Beschäftigung in

und außer mir hatte, die den Andern fehlten, so fing das Einerlei der

Scenen doch endlich an mir lästig zu werden. Das Kabeliauangeln und das

Einsalzen zu Laberdan auf einigen Bänken in der Nähe von Amerika gab

einige Tage wieder gutes Essen und gute Unterhaltung. Ich erinnere mich,

daß wir einmal so reichlich fingen, daß außer der Vertheilung eilf

Tonnen in einem Nachmittage eingesalzen wurden. Keine Leber von irgend

einem Thier zu Wasser und zu Lande ist mir feiner und schmackhafter

vorgekommen, als die Leber vom Kabeliau; so wie der Fisch selbst, frisch

zubereitet und genossen, einer der köstlichsten ist. Ich würde ihn

gleich nach dem Sterled und Thunfisch setzen, und ihn dem Lachse

vorziehen; zumal da er auch viel zarter und gesunder ist.

Endlich bekamen wir das Ufer von Akadien zu Gesichte und liefen unter

ungemeinem Freudengeschrei in der Bucht von Hallifax ein. Hallifax ist

unstreitig einer der besten Hafen am Ocean, vielleicht der beste, für

eine unzählige Menge Schiffe; sicher gegen alle Stürme. Die Insel und

das Fort St. George nebst einigen starken Landbatterien vertheidigen den

Eingang: und es gehört schon eine ziemliche Menge dazu, ihn zu forciren.

Seine Lage ist so, daß er mit Fleiß und Aufwand unbezwinglich gemacht

werden kann, wenn man nur die Landseite zu vertheidigen im Stande ist.

Man brachte uns wahrscheinlich nach Hallifax, weil es in Neuyork und den

andern Provinzen schon höchst mißlich mit den Royalisten stand, und man

das Ausschiffen kaum wagen durfte. Der Tag der Ausschiffung war einer

der schönsten und einer der schlimmsten. Zwei und zwanzig Wochen waren

wir herumgeschwommen, ohne das geringste Land gesehen zu haben. Da wir

keine brittischen Amphibienseelen waren, sehnte sich Alles ohne Ausnahme

nach festem Fuße; zumal da der Scharbock empfindlich zu werden anfing.

Es war ein Hungertag, da uns die Schiffe an das Land wiesen, und das

Landkommissariat, zumal da das Ausschiffen sich sehr spät verzögerte,

noch nicht geliefert hatte. Doch vergaß Jeder in der Freude gern die

Forderung des Magens, wenn er nur den Boden begrüßen konnte. Ich

erinnere mich dabei eines sehr wehmüthigen Auftritts. Ich war einer der

Ersten am Lande, und hatte nebst einigen Andern eine kleine Quelle

herrlichen Wassers am Ufer im Sande entdeckt. Lange hatten wir diese

köstliche Erquickung entbehrt; wir tranken mit Wollust und großen Zügen.

Schnell erscholl die Entdeckung und die Hungrigen und Durstigen stürzten

in Haufen nach dem kleinen spiegelhellen Wasserschatze, drängten sich,

stießen sich, Jeder wollte gierig der erste Theilnehmer sein: in dem

Getümmel gerieth der Sand des abschüssigen Ufers in Unordnung, gab nach,

und in einem Augenblicke war die ganze kleine herrliche Quelle

versandet. Sie brauchte Stunden, um sich wieder zu läutern, und die

Menge stand traurig um sie herum und betrachtete lechzend den Verlust.

Als ich vom Schiffskapitän Abschied nahm, drückte er mir mit herzlicher

Freundlichkeit die Hand. »^It is a pity, my boy^,« sagte er, »^you do

not stay with us; you would soon become a very^ ^good sailor^.«

»^Heartily I would^,« sagte ich, »^but you see, it is impossible^.« »^So

it is^,« rief er, »^god speed you well^[2]!« Mit einem dankbaren Wunsche

für den menschenfreundlichen Mann stieg ich die Leiter hinab ins Boot

und ruderte dem Ufer zu. Das Ufer um Hallifax her ist unfreundlich,

ziemlich öde und unfruchtbar. Der Ort, der uns zum Lager angewiesen

wurde, war abhängiger Felsenboden. Wir kamen spät ans Land, und ehe die

Bedürfnisse herbeigeschafft wurden, ward es fast Nacht. Die Zelte kamen

an und sollten aufgeschlagen werden. Man hatte mich zum Unterofficir

ernannt; ich sollte also für das Aufschlagen sorgen. Nun hatte ich in

meinem Leben nur ein einziges Lager ganz nahe gesehen und wußte von der

Maschinerie eines Zeltes nicht einen Pfifferling. »Schlippe,« sagte ich

zu einem alten Preußischen Grenadir, der mir zugetheilt war, »Latein und

Griechisch verstehe ich so ziemlich, aber wenig vom praktischem Militär;

helfe Er mir durch, vielleicht kann ich wieder durchhelfen.« Der alte

Satyr lächelte, ergriff das Beil, nahm einige mit sich, that als ob er

meine weisen Befehle ausführte und in einer Stunde stand unser Zelt,

trotz den übrigen so gut da, als es der harte Boden erlauben wollte. Die

Schwierigkeit war nicht klein, da die Zeltstangen und Zeltpflöcke erst

aus dem Walde geholt und gehauen werden mußten. Die Nacht kam ein Sturm,

wie ein Orkan, der unsrer Architektur weidlich spottete. Den folgenden

Morgen standen vom ganzen Lager nicht zehn Zelte mehr fest; das unsrige

stand nur halb; viele hatte der Wind in den Morast hinabgetrieben. Nun

fingen wir an, etwas solider zu bauen, wozu uns auch die Kälte trieb;

denn es war schon spät im Jahr und ein cimmerisches Wetter auf der

verdammten Landzunge.

[Fußnote 2: »Es thut mir leid, mein Sohn, daß Du nicht bei uns bleibst.

Du würdest bald ein guter Seemann geworden seyn?« -- »Herzlich gern

wollt' ich's; aber Sie sehen, das es unmöglich ist.« -- »Das ist es,

Gott sei mit Dir!«]

Da man den Transport nicht zu den Regimentern bringen konnte, wurden wir

in ein Bataillon von fünf Kompagnieen formirt und sollten für uns

Dienste thun. Das ging toll genug; der Oberste Hatzfeld that sein

Möglichstes, das Gesindel in Ordnung zu bringen. Fast die Hälfte waren

gediente Leute; das machte die Sache etwas leichter: nur waren, wie

natürlich, die besten Soldaten fast immer die liederlichsten Kerle. Ich

als Unterofficir sollte nun den Exercirmeister machen und wußte selbst

noch blutwenig. »Schlippe,« sagte ich wieder, »Er sieht wohl, daß es mit

mir noch etwas hapert. Wir wollen täglich eine Stunde in den Wald gehen,

als obs zur Jagd wäre: da ist Er wohl so gut, mir einige Handgriffe

gründlicher zu zeigen, als ich sie bis jetzt gefaßt habe.« Der alte

Satyr lächelte, und meinte: »es würde schon gehen; zur Noth auch ohne

ihn.« Es ging; gerade wie bei einem Professor, ^qui docendo discit^,

ward es täglich mit mir besser; und bald galt ich für einen Kerl, der

sein Gewehr meisterhaft zu handhaben verstand und sich in die kleinen

Evolutionen geschickt genug zu finden wußte. Es gehört nur einige

Kenntniß mathematischer Figuren und etwas Geistesgegenwart zu dem

Letzten.

Das Leben im Lager im Spätjahr war schlecht genug; keine gute Kost, und

Kälte bis zum Heulen und Zähnklappern. Unser Bataillon sah aus

buntschäckig, wie eine Harlekinsjacke, da es aus den Uniformen aller

Regimenter bestand. Wir hatten weder Fahnen noch Kanonen, da es täglich

hieß, wir sollten zu unsern Regimentern stoßen. Ich nebst ungefähr

zwanzig andern war dem Regiment Erbprinz zugefallen, habe aber das

Regiment nie gesehen.

In dieser Zeit machte ich Münchhausens, oder er vielmehr meine

Bekanntschaft. Ich saß im Zelte und wärmte mich gegen die nasse Kälte

etwas an Flakkus Odenfeuer, da schlug ein Officir den Zeltflügel zurück

und fragte, ob ich der Sergeant Seume wäre. Da ich denn der war, hieß er

mich herauskommen. Ich warf mich in die Ordonnanz und trat hervor; er

belugte mich etwas neugierig, faßte mich am Arm, und fort gings durch

mehrere Kompagniegassen dem Ende des Lagers zu, wo sein Zelt stand. Ich

wartete der Dinge, die da kommen sollten, da der Herr unterwegs ziemlich

einsylbig war. In seinem Zelte lagen auf dem Tische einige Verse, die er

mir hingab, und mich fragte, ob sie von mir wären. Ich besahe sie und

sagte ja. Es war eine tragisch-komische Elegie über unser Leben im

Lager, die, wie der Gegenstand selbst, lächerlich-weinerlich genug seyn

mochte. »Wir müssen bekannter werden,« sagte er; »sehr gern,« sagte ich.

Er bat mich auf ein Stückchen Wildbraten, denn er ist bekanntlich ein

trefflicher Weidmann, den Abend zu Tische; und da in meinem Zelte

Schmalhans Küchenmeister war, so kam mir die Einladung sehr willkommen.

Seitdem waren wir fast überall zusammen, wenn uns der Dienst nicht

trennte; welches leider denn oft genug geschah. Münchhausen war damals,

wie Johnson sich ausdrückt, ^a man of sound strong unletter'd sense^,

ein Mann von gesundem, gediegenem, ungelehrtem Verstande, welches ihm

und mir sehr zu Statten kam: denn ich hatte verdammt viel Schulstaub und

nicht wenig Schuldünkel an mir; obgleich meine klassischen Kenntnisse

noch sehr seicht waren. Sein Beifall war nun meine beste Belohnung und

seine Kritik meine beste Belehrung. Ich begriff, daß bloße Schule nicht

alles sei; und er fand, daß die Schule doch Vieles sei und desto mehr,

wenn sie durchaus Zögling und Folgerin der bessern Natur ist.

Es hat sich ein freundschaftlicher Zirkel von Officiren gebildet, in den

man mich unvermerkt fast unzertrennlich hinein zog, und mit vieler

Herzlichkeit behandelte. Münchhausen war stillschweigend durch seine

Mischung von Ernst, Bonhommie und heiterer Laune darin die Hauptperson.

Jeder trug das Seinige dazu bei, die Unterhaltung und die Menage zu

würzen. Die meisten jungen Herrn waren tüchtige Nimrode; und so fehlte

es uns selten an etwas frischem Wild auf den Tisch: denn die

Lieferungsartikel, ausgenommen das Brot, welches vortrefflich war, waren

nicht viel besser, als auf dem Schiffe. Die Lieblingsneigung eines

jungen Mannes, welcher Buttlar hieß, zur Konditorei, machte besonders

unsere Deserte sehr reich und köstlich, da es uns an Ingredienzen nicht

fehlte; und ich erinnere mich selten besseres Backwerk genossen zu

haben, als aus seiner Officin. Es war keine uninteressante Gruppe, wenn

einer eine wilde Ente spickte, der andere Madeira brachte, der dritte

das Gewehr putzte, der vierte Dienstaudienz gab, der fünfte mit Schürze

und Geschirr vor dem Kamine Pastetchen schuf, der sechste den

possirlichen Ansteher machte, und der siebente im Julius Cäsar las, aber

mehr auf die Ente und die Pasteten, als auf den Text sahe. Der Dominus

Konditor hatte eine paradiesische Freude und ein ganz verklärtes

Antlitz, wenn wir seinem Machwerk durch heroisches Essen und kräftige

Lobsprüche Ehre erwiesen; denn er genoß selten etwas davon. Nun gab es

aber undankbare Schäker, die zuweilen nach dem Genuß eine bittere Kritik

darüber anfingen: und dann gerieth nicht selten der junge Künstler in so

heftiges Feuer, daß er Pfannen, Kasserolle, Kuchenformen und alle

Geräthschaften zornentflammt durch einander warf und dreimal heilig

schwur, er wolle für uns undankbare Gesellen keine Schürze mehr

umbinden; welches er dann nach ächter Dilettantenart gewöhnlich drei

Tage hielt, wo ihn die Naturschwachheit und Gutmüthigkeit wieder

besiegte. Es gelang den Herren nicht, mich zum Jäger zu machen, ob ich

gleich zuweilen aus Gefälligkeit mitzog, oder auch wohl allein mit dem

Gewehr am Wasser herumstreifte: woran vorzüglich mein kurzes Auge Schuld

haben mochte. Denn von Jugend auf konnte ich nur auf eine kleine

Entfernung bestimmt sehen, ob ich gleich in der Nähe sehr scharf sahe

und die kleinste Schrift bei Mondschein las; welches noch jetzt ziemlich

unverändert eben so ist. In der alten Welt habe ich nie gefischt, außer

zuweilen als Knabe mit meinem Vater in der Gippach, welche herrliche

Schmerlen enthielt: in Amerika verführte mich der Reichthum des

Fischzugs nicht selten zu diesem Vergnügen, wo ich in einer Stunde

manchmal mehr Hummer und ^black salmon^, eine Art kleinere,

schwarzbraune Lachse fing, als ich nach Hause zu bringen im Stande war.

Da beide Arten nicht zu meinem Geschmack gehörten, schenkte ich sie

gewöhnlich dem ersten, der sie haben wollte. Für Hummer wählte ich

kleinere zartere Krebse; und von den Fischen waren Aale, Makrelen,

Kabeliaus und einige Schollenarten meine Lieblinge, die alle sehr

reichlich und sehr wohlfeil dort zu haben waren: denn für einen

englischen Stüber wurde ein Kabeliau gekauft, der mit dem Kopf auf der

Schulter lag und mit dem Schwanze nicht selten die Erde berührte. Die

Fische waren zwar im Lager als Fieber erzeugend verboten; aber ich ließ

mich nicht abhalten meiner Liebhaberei zu folgen, und mußte selbst

einmal dafür auf der Brandwache sitzen. Sie haben mir nie geschadet;

vielleicht weil ich sie sehr einfach und meistens gebraten aß. Das war

besonders der Fall mit einer sehr großen Sorte Häringe, die zum

Einsalzen, wenigstens für die dortige Kunst, zu mächtig waren, aber

einen herrlichen Bratfisch gaben. Ich bin nicht Naturhistoriker; aber es

macht mir oft ein eigenes Vergnügen das Geschlecht der Häringe nach

meiner Meinung durchzugehen, von dem großen ellenlangen, Amerikanischen

Häringe herab bis zu der athenischen Aphye, die nur das Feuer zu riechen

brauchte, um gekocht zu seyn, und die auch mit zu den Häringen zu

gehören scheint. Dazwischen liegen der englische, der holländische, der

schwedische, der dänische Häring; die Strömlinge und Killoströmlinge,

vorzüglich aus der Peipussee; die Sprotten, die Anchovie, die Sardelle,

die mit der Aphye fast eins zu seyn scheint: und weiß der Himmel, wie

viele Arten noch in den indischen Meeren leben, mit denen ich unbekannt

bin.

Münchhausen munterte mich beständig auf zur Arbeit, das hieß zum

Dichten, wozu ich aber weder viel Zeit noch Lust hatte. Auch kann ich

mich nur weniger Kleinigkeiten erinnern, die ich damals geschrieben

hätte, und keiner einzigen, die verdient hätte aufbewahrt zu werden,

wäre es auch nur als Beleg der Bildungsgeschichte; Alles war höchst

mittelmäßig. Dafür lief ich, wenn ich Zeit hatte, mit Horaz oder Virgil

in der Hand, oder auch wohl mit einem Homer, in den Wäldern herum,

lagerte mich in einer Grotte oder alten Baumgruppe und vergaß nicht

selten über meinen Lieblingsstellen den Sonnenuntergang, so daß ich sehr

spät in das Lager oder die Kasernen zurückkam. Daneben war ein alter

Hagedorn und ein Exemplar von Hölty, die ich irgendwo aufgetrieben

hatte, meine Begleiter. Das Beste von Hölty wußte ich damals auswendig,

wozu noch jetzt bei mir seine berühmten Traumbilder nicht gehören. Die

Elegie am Grabe eines Dorfmädchens und am Grabe seines Vaters sind für

mich noch jetzt die lieblichste Wehmuth, die ich in der Literatur kenne.

Ich zeigte Münchhausen die Schönheiten und ihre Gründe, welches mir bei

ihm sehr leicht ward; denn ich habe selten eine Seele für wahre

Schönheit empfänglicher und enthusiastischer gefunden, als die seinige.

Er bedauerte, daß er mir in den Klassikern nicht folgen konnte: aber was

ich ihm daraus übersetzte, so wenig meisterhaft auch die Uebersetzung

sein mochte, bewies ihm doch, daß meine Vorliebe für sie kein Vorurtheil

war, und weckte ganz leise die Neigung, die bald Entschluß und

Ausführung ward, selbst bekannt zu werden mit diesen reichen Schätzen

ächter Kunst. Er überraschte mich einige Jahre nachher mit einer

Kenntniß, die in Erstaunen setzte. In manchem Alten, vorzüglich im

Flakkus, den er etwas hyperbolisch verehrte, hatte er mich

zurückgelassen.

Der Dienst war, zumal für mich als Unterofficier, beschwerlich genug und

ließ nicht viel Zeit übrig. Ueberdieß spannte mich noch dazu der Oberste

Hatzfeld in das Joch als Schreibersknecht, so daß ich die noch übrigen

Musestunden beim Adjutanten als Adjuvant saß, mir fast die Finger krumm

schmierte und weiter nichts erntete, als ein freundliches »Wir bleiben

euch in Gnaden gewogen;« wovon doch am Ende selbst Taubmanns Katze ihr

Bischen Geist aufgab. Ich hatte bei dieser Veranlassung einen sehr

tragikomischen Auftritt auf meine Unkosten. Niemand bemerkte die Runzeln

und den Murrsinn auf meiner Stirne; das hieß Tag aus, Tag ein, schreib,

Teufel, schreib; bis ich in meinem verkehrten Sinn auf ein verzweifeltes

Mittel gerieth, mich zu befreien. So wie ich von der Wache kam, nahm ich

mein Gewehr und ging in den Wald, um nicht zugegen zu sein, wenn, wie

ich vermuthete, die Bothschaft zu Schreiberei kommen sollte. Das

geschah: meine Entfernung wurde sogleich auch als absichtlich mit

ziemlich boshaften Zusätzen durch die gehörigen Instanzen rapportirt.

»Du wirst den Teufel auf den Hals bekommen,« riefen mir meine Kameraden

zu, als ich zurückkam; »der Oberste hat zweimal geschickt; du sollst

schreiben.« »So,« sagte ich; »es ist gut.« »Ich glaube vielmehr, es ist

nicht gut,« meinte der Feldwebel: »auch kommen Sie morgen wieder auf die

Wache; es sind zwei auf Kommando gegangen.« Den andern Morgen stand ich

in der Front der Wachtparade, als der Oberste ziemlich grimmig auf mich

zu kam und mir im Eifer einen Knopf vom Rocke drehete. Der Oberste war

ein kolossalischer Mann, der auftrat, wie ein Herkules, mit dem Blicke

Funken sprühte und eine Stimme sprach, wie eine Quartposaune, übrigens

aber noch ziemlich human und wohlwollend war. Er soll zu seiner Zeit,

wie man sagte, zu Rinteln mächtig renomirt haben. »Wo ist der Herr

gestern gewesen?« donnerte er mich an. »Auf der Jagd.« Jedermann wußte,

daß ich sonst eben kein Jäger war. »Ich will den Sakrementer jagen,«

fing er an und hielt eine kurze Art von energischer Galgenpredigt, deren

Finale war, daß ich aus der Front ohne Säbel sogleich in die Wache

befördert wurde. Nach der Parole wurde Exekution mit dem kalten Eisen

gehalten, immer unter Fortsetzung des obigen erbaulichen Sermons von

Distinktion und Unerkenntlichkeit und Halsstarrigkeit, mit einigen

starken Donnerwettern durchschossen, die sein furchtbarer Baß ziemlich

gut nachmachte. Sodann ging es wieder in die Wache. Den andern Morgen,

als ich freigelassen wurde, oder vielmehr, als man die Kette etwas

länger ließ, meldete ich mich ordonnanzmäßig bei den Instanzen, und also

auch bei dem Obersten. »Sind wir nicht ein Paar recht dumme deutsche

Dorfteufel,« kam er mir komisch polternd entgegen, »daß wir uns nicht

friedlich vertragen können und uns da so zanken und streiten müssen!«

»Ich darf nicht widersprechen, Herr Oberster,« brummte ich halblaut

mürrisch, skoptisch durch den Bart. »Zum Teufel, Herr, sei Er nicht

impertinent!« rief er. Nun fing ich an zu exponiren in aller Ordnung mit

Bestimmtheit: daß der Dienst hart und strenge sei, daß ich von Wachen,

Visitiren, Kommando's wenig Nächte frei habe, daß, wenn meine Kameraden

ausruheten, ich halb schlaftrunken mich am Schreibetische quälen müsse,

daß ich das nicht aushalten könne u. s. w. Der Oberste rieb die Stirne,

meinte, dem Dinge könne wohl abgeholfen werden; nur habe ich eine sehr

schlechte Methode ergriffen. Da hatte er Recht. Nun frühstückten wir

zusammen; er befahl, mich vom gewöhnlichen Dienst zu befreien, außer

wenn das Bataillon manövrirte, um nur schreiben zu helfen; und dazu gab

er mir monatlich einige spanische Thaler Zulage. Die Ausgleichung war

besser, als der Prozeß. Die größte Freude über meinen Unfall hatte wohl

das Zöfchen, dem ich auf der Weser auf dem Speiseschiffe im Amtseifer so

strenge mitgespielt hatte, und das jetzt recht stattlich bei dem Major,

wie man sagte, eine Art von haushälterischer Liebschaft machte. Sie

lächelte mich so schadenfreundlich an, als ich mich vom Arrest meldete,

als ob sie mir den ganzen Auftritt bei Bremen zurückgeben wollte.

Nun ging es gut: ich schrieb eine lange Zeit viel Regimentslisten, und

that übrigens sehr wenig. Die Arbeit war zwar trocken und langweilig

genug; da oft wegen eines alten morschen Pfanndeckels, der nicht zwei

Pfennige werth war, einige Bogen umkopirt werden mußten: dafür fing aber

eben auch damals dort das papierne Jahrhundert recht praktisch an, und

hat seit der Zeit gehörige reichliche Früchte getragen. Bei Münchhausen

konnte ich nun nicht so oft seyn, als ich wünschte und er zu wünschen

schien: und die guten Leute hoben mir manchmal mein Stück wilde Ente und

einige Pastetchen auf, bis ich erst spät zur Partie kommen konnte. Ich

that abwechselnd Dienste, nach dem Behuf, als Korporal, Sergeant,

Fourier und Feldwebel, so daß ich alle Süßigkeiten des kleinen

Soldatenlebens recht auskosten konnte. Als Fourier war ich ein reicher

Mann, weil bei den Lieferungen immer etwas an Brot, Butter, Fleisch, Rum

u. s. w. übrig blieb; nur ein einziges Mal mußte ich über zehen

spanische Thaler zusetzen: da hieß es denn: »thut der Herr nicht die

Augen auf, so thue er den Beutel auf.«

An eigene Arbeit wurde jetzt wenig gedacht, so sehr mich auch

Münchhausen antrieb: einige Kleinigkeiten verdienen nicht Erwähnung. Nur

ein einziges Stück, das eine Art von Jagdstück war, wäre vielleicht

nicht ganz unwerth als Bildungsanfang mit aufbehalten zu werden, wenn

nur noch irgendwo etwas davon zu finden wäre, als in den Winkeln meines

Gedächtnisses, wo nicht viel davon übrig ist. Einiger Verse erinnere ich

mich; sie lauteten, glaube ich, so:

Laß uns ruhen, Freund, in dieser Höhle,

Auf dem grauen Steine da,

Den vielleicht noch keine Menschenseele

Seit dem ersten Tag der Erde sah.

Ha, wie schauervoll und furchtbar siehet

Hier das Antlitz unsrer Mutter aus!

Wie die Allmacht sie dem Nichts entziehet,

Liegt sie hier, Natur, in Schreck und Graus.

Felsen, seit der Fluth noch unbestiegen,

Heben schwer ihr schwarzes Haupt empor,

Und um ihre dunkeln Schädel fliegen

Ungewitter aus der Kluft hervor.

Kreuzend liegen tausendjähr'ge Eichen

Durch einander, die das Alter fraß;

Morsche eingeborstne Stämme zeigen,

Daß den Wald hier nie ein Förster maß.

Kein gesellig Thier besucht die Klüfte,

Wohin nie der Fuß des Wandrers dringt,

Wo kein Vogel durch die leeren Lüfte

Eine Melodie der Freude singt.

Nur zuweilen brummt mit tiefem Grimme

Ein bejahrter Bär aus seiner Gruft

Durch die Felsen, wo mit heisrer Stimme

Nur ein alter grauer Adler ruft.

Doch vielleicht kann noch ein Wilder lauschen,

Der zum Mord sein krummes Messer schleift,

Und sodann in blitzgeschwindem Rauschen

Uns den Schädel von dem Hirne streift u. s. w.

Das Uebrige ist verwischt und wohl schwerlich irgendwo wieder zu finden,

oder des Aufsuchens werth. Das Skalpiren der Wilden ist bekannt genug:

und man erzählt davon fürchterliche Beispiele. Mir selbst ist keines

bekannt geworden. Sie skalpiren sehr ehrlich nur ihre Feinde; und unsere

Wilden waren durchaus nur freundschaftliche Leute. Ich kann wenig von

ihnen sagen, was nicht schon bekannt wäre. Sie kamen sehr häufig in

großer Anzahl in die Stadt, um ihre Jagdbeute zu verkaufen, die meistens

aus Moosthieren, Geflügel und zuweilen Fischen, vorzüglich Aalen,

bestand. Dafür bekamen sie Rum, europäische Bedürfnisse und spanische

Thaler. Sie wußten den Werth des Geldes schon sehr gut zu schätzen, und

betrogen eben so oft, als sie betrogen wurden. Das Moosthier, oder das

Elent, ist ein majestätisches Geschöpf, das an Größe dem größten

Holsteiner Pferde nichts nachgiebt, Schaufelgeweihe wie der Dammhirsch

hat, die prächtig und furchtbar ausgreifen und ihm ein schreckbares

Ansehen geben. Das Fleisch ist nicht immer gut; von einem jungen kann

man es zu den Leckerbissen zählen, wenn es gut zubereitet wird. Man kann

sich die Menge dieser Thiere denken, die dort müssen gewesen sein, da

ganze englische Regimenter Tornister von Elentsfellen hatten. Die

sogenannten Wilden waren nicht viel schlechter gekleidet, als ich die

Letten, Esthen und Finnen gefunden habe. Ein grobes, graues Tuch,

künstlich genug um den Körper gewickelt, machte das Hauptkleidungsstück.

Sie kamen gewöhnlich zur See, in ihren bekannten Booten von Birkenrinde,

die meisterhaft gebaut waren und die sie mit ihren kleinen Rudern

meisterhaft zu führen verstanden. Die englischen Matrosen, die es ihnen

nachthun wollten, verloren sehr oft das Gleichgewicht und fielen in die

See, worüber denn die Indier und über das europäische schwerfällige

Schwimmen recht herzlich lachten. Sie machen mit diesen Booten große

Küstenreisen und stechen damit außerordentlich weit in die See. Ich

erinnere mich eines Falles, der uns wenigstens ziemlich unterhaltend

war. Ich hatte auf einer kleinen Außenbatterie die Wache, saß auf einer

Kanone und schaute behaglich in die See hinaus, die eben ziemlich hoch

und hohl ging. Da entdeckten wir in großer Ferne etwas, worüber jeder

seine eigenen Muthmaßungen hatte, was es wohl seyn könnte. Keiner rieth

die Wahrheit. Als es näher kam, sahen wir, es war ein indisches

Birkenboot, das der Wind grade zu uns ans Ufer trieb. Wir eilten hinab

und es lag ein ziemlich alter Uramerikaner darin, der in Sturm und

Wogenbruch recht ruhig schlief. Neben ihm lag eine leere und eine

halbleere Rumflasche, die seinem Schlummer sehr behülflich gewesen seyn

mochten. Er war nicht zu ermuntern; denn sein Zustand ist leicht zu

errathen. Wir führten ihn hinauf ins Wachthaus, legten ihn auf dem

ruhigsten Ort der Britsche nieder, wo er lethargisch fortschlief. Das

Boot zogen wir ans Land, die Flaschen bargen wir; den Beutel, den er am

Gürtel trug, und in dem vierzig spanische Thaler waren, schloß ich aus

Vorsicht in den Schrank. Als er ernüchtert erwachte, blickte er wild

verwundert um sich, daß er sich auf einer europäischen Wache befand. Da

wir ihm aber die gefährliche Lage bedeuteten, in welcher er sich

befunden hatte, ward er heiter und schien im Begriff zu seyn, uns danken

zu wollen: da er aber auf den Gürtel blickte und seinen Beutel vermißte,

ward sein Gesicht länger und breiter, und ein Gemisch von Gefühlen

schien in seiner Seele zu arbeiten, die alle besagten: Ha, ha! so ists?

du bist unter die weißen Leute gerathen: als ich ihm aber den Beutel aus

dem Schranke darreichte und er schnell am Anblick merkte, daß wohl

nichts fehlen würde, er wohl auch eilig den Schluß machen mochte, daß

man nicht einen Theil behalten würde, wo man des Ganzen Meister war,

ward seine Freude urpatriarchalische Ausgelassenheit. Er umarmte einen

nach dem andern, und man sahe ihm an, daß ihm das Geld nicht so lieb

war, als die Gesellschaft ehrlicher Leute; und als er die Summe endlich

vollzählig fand, bestand er durchaus darauf, die Wache sollte eine

Handvoll Thaler nehmen. Ich hatte gute Gründe das zu verweigern; aber

einige mußten wir behalten. Nun bugsirten wir ihn wieder in sein Boot,

mit guten Erinnerungen und Warnungen vor der Rumflasche. Er schien ganz

Dankbarkeit; das Wetter war besser und er ruderte gutes Muthes durch die

Bucht in den Ocean hinaus. Ein andermal hatte ich auf dem nämlichen

Platze den grauenvoll großen Anblick, daß ein schönes herrliches Schiff

aus Unkunde des Weges bei starkem widrigen Winde auf einen verborgenen

Felsen lief. Ich hatte lange mit ängstlicher Theilnahme zugesehen, wie

es mit Mühe und Schwierigkeit herein lavirte. Meine Augen waren mit

gespannter Aufmerksamkeit dahin geheftet; meine Seele war ganz auf dem

Schiffe, da setzte es in keiner großen Entfernung mit einem furchtbar

krachenden Stoß auf das versteckte Riff, so daß die Maste zusammen

brachen und die ganze Maschine in Trümmer zu zerbersten drohte. Das

Geschrei der Leute war herzschneidend. Sogleich fielen einige

Nothschüsse und sogleich eilten einige größere Schiffe, an ihrer Spitze

eine Fregatte, und eine Menge kleinere Fahrzeuge, zur Hülfe heraus. Von

der Mannschaft wurde Alles gerettet; aber von der Ladung fast nichts, da

sie aus lauter Artikeln bestand, die nicht das Wasser vertragen konnten.

Das schöne fast ganz neue Schiff saß fest auf der Spitze, die ein

ungeheures Leck gerade unten mitten am Kiel eingebrochen hatte, und

weder menschliche Kraft noch Kunst war es herabzubringen im Stande, bis

endlich eine sehr einfache Maschinerie es mit der großen Springfluth

herunter hob. Man legte nämlich bei der niedrigsten Ebbe auf beiden

Seiten eine Menge großer leerer Rumfässer, befestigte sie

korrespondirend unter dem Kiel weg mit Tauen, und auf diese Weise hoben

die vielen leeren Gefäße mit Hülfe der hohen Fluth das Schiff aus dem

Riff heraus und brachten es glücklich hinein auf den Werft. Ich war

durch einen glücklichen Zufall eben wieder gegenwärtig, als es

herabgehoben und hinein bugsirt wurde.

Die Wilden benahmen sich, so viel ich habe beobachten können, immer

anständig; doch soll das nicht stets der Fall gewesen seyn, und der

Gouverneur soll sie militärisch haben einstecken lassen müssen, um ihren

Natürlichkeiten in Hinsicht des Geschlechts Einhalt zu thun. Wenn sie

des Rums etwas voll und lustig wurden, führten sie drollig genug

sogleich am Ufer den Ball auf und tanzten nach einer Art von brummendem

Gesang, wozu einige mit Kieselsteinen aus dem Stegreife den Takt

schlugen. Wir kamen nicht selten auf unsern größern Streifereien in ihre

Hütten an Felsen und Bächen, die meisten hatten sich tiefer

zurückgezogen; ich habe aber nie gehört, daß sie einem von den Unsrigen

etwas zu Leide gethan hätten: und dann wäre es wahrscheinlich bloß die

Schuld des Europäers gewesen. Einige hielten es mit uns, einige mit den

Republikanern, nachdem ihre Stimmung und Lage war: und es wäre wohl

schwer zu entscheiden, ob sie hier oder dort mehr betrogen wurden. Mit

dem Feuergewehr wußten sie schon seit langer Zeit sehr geschickt

umzugehen, und hatten gemeiniglich alte große lange holländische

Schießprügel, mit welchen sie mehrere hundert Schritte vortrefflich das

Ziel trafen und manchen Posten im Gebüsche wegschossen, ohne daß man

gewahr werden konnte, woher die Kugel kam. Als die Franzosen noch Herren

von Kanada waren, ließen sie sichs angelegen seyn, durch ihre

Missionarien die Amerikaner ins Christenthum einzupferchen: daher noch

mancher Alte unter ihnen, wenn er die Glocken hört, sein Kreuz schlägt

und »^au nom de dieu, du père, du fils et du saint esprit^« dazu sagt.

Das schien indessen auch der ganze Ueberrest von Kenntniß in Sprache und

Religion zu seyn. Die Engländer kümmern sich um das Bekehrungsgeschäft

wenig oder gar nicht: das hätte nichts zu sagen, da man die Neubekehrten

nur gar zu gern in die Verhältnisse der Letten und Esthen treten läßt;

wenn man die armen Urbewohner nur nicht ächt europäisch-christlich von

allen Seiten so zurück zwänge, daß ihnen im Kurzen nichts als der Hals

von Kalifornien oder die unbekannten Eisländer übrig bleiben werden. Die

ich gesehen habe, waren alle ein großer, schöner, nerviger

Menschenschlag, mit länglich regelmäßigen Gesichtern, ungefähr wie die

alten ächten Brandenburger. Ich erinnere mich nicht einen unter ihnen

gesehen zu haben, der über fünf Fuß neun Zoll oder unter fünf Fuß drei

Zoll gewesen wäre; also sehr selten war einer so klein, wie meine eigene

Personalität, die doch unter uns noch nicht zwerghaft ist. Die

kupferbraune Farbe kleidete die Männer sehr anständig ernsthaft;

ungefähr wie bei uns ein Grenadier, der ein halbes Dutzend Feldzüge

mitgemacht hat, eine Farbe bekommt, die von seinem Feldkessel nicht sehr

verschieden ist. Aber die nämlichen Züge und die nämliche Farbe sind den

weiblichen Reizen nichts weniger als günstig; und ich habe keine

Indianerin gesehen, die durch ihre Erscheinung den geringsten gefälligen

Eindruck auf meinen europäischen Sinn gemacht hätte, ob ich gleich eine

Menge junger Mädchen gesehen habe und damals selbst ein junger rüstiger

Kerl war. Die meisten sprechen jetzt etwas Englisch, da sie vom höchsten

Norden bis an die spanische Gränze hinab von lauter ursprünglich

englischen Kolonien umgeben sind. Kriegerische Vorfälle haben wir außer

einigen Märschen nicht gehabt: ein einziges Mal schien es zu etwas

Ernsthaftem kommen zu wollen, da die Franzosen den Ort anzugreifen

drohten. Aber außer einigen Schüssen von den äußersten Batterien fiel

nichts vor: es blieb bei den Drohungen, vermuthlich da sie die Engländer

stärker und in besserer Bereitschaft fanden, als sie vermutheten. Mich

ärgerte das; denn ich sahe der Landung und dem blutigen Handel mit aller

Neugier eines jungen Menschen entgegen, bei dem Kraftgefühl und

Thätigkeitstrieb die natürliche Furchtsamkeit überwand. Wenn ich

zuweilen von einigen Kriegsvorfällen gesprochen habe, als ob ich dort

gegenwärtig dabei gewesen wäre, so ist das weniger jugendliche Eitelkeit

gewesen, als vielmehr, weil mich die Leute durch ihr ungestümes Fragen

hineinzwangen, und ich manchmal aus Aerger Ja sagte, weil ich beständig

Nein gesagt hatte. Auch habe ich keine einzige Unwahrheit gesprochen, so

viel ich mich erinnere: nur geschah nicht Alles unter meinen Augen. Es

that mir nachher manchmal leid, da es doch gegen den Charakter der

Wahrhaftigkeit ist, der immer mein Ziel war: aber ich wollte nicht gern

zurücknehmen, und habe mich seit der Zeit gehütet, eine Sylbe über die

strengste Wahrheit zu sagen: gegen dieselbe sprach ich nie.

So kam denn endlich die Nachricht vom Frieden uns eben nicht erwünscht:

denn junge thatendurstige Leute sehen nicht gern ihrer Bahn ein Ziel

gesteckt. Man hatte mir geschmeichelt, ich könnte Officier werden und

mir eine Laufbahn eröffnen. Mit dem Frieden war Alles geschlossen: denn

nach unserer Ordnung konnte kein Bürgerlicher in der Regel weiter

aspiriren, als bis zum Feldwebel; ein Ehrenposten, dessen

lebenslängliche Dauer ich eben nicht sehr beneidete. Bei uns mußte man

Edelmann seyn, oder viel Geld haben, um im Staate ein Mann zu werden;

zwei Verdienste, deren Gültigkeit jedem Vernünftigen sogleich in die

Augen springt. Zuweilen that Verbindung und Empfehlung auch etwas; und

noch seltener wurde zufälligerweise auch wohl wirkliches Talent bemerkt.

Im Kriege, wo oft ^periculum in mora^ ist, wo man Männer für Aemter und

nicht Aemter für Männlein sucht, sind die Ausnahmen häufiger und es

tritt da, dem Kastengeist zum schweren Aerger, nicht selten das alte

primitive impertinente Menschenrecht wieder ein, daß jeder nur das gilt,

was er werth ist. Doch hat es bei uns noch lange Zeit, ehe es dahin im

Allgemeinen kommt: der Mensch gilt durchaus nur das, wozu ihn der Staat

stempelt, und es ist keine Gefahr, daß Vernunft die Stempelordnung

machen und halten werde.

Ich hatte in Amerika einen Freund, von dem ich nicht weiß, wo ihn das

Schicksal hingeschlagen hat, der zu den besten gehört, die ich je gehabt

habe: einen gewissen Serre aus Halberstadt, von der französischen

Kolonie, der einige Zeit bei seinem Anverwandten Lavater in der Schweiz

gewesen war, und dessen besseren vernünftigern Enthusiasmus glühend heiß

besaß. Dieser war Unterofficier, wie ich, ein junger, muthvoller,

leichtsinniger Kerl. Das Leben englischer Söldlinge war uns eben nicht

angenehm, und wir beide hatten uns mit dem Gedanken getröstet, wir

würden uns gelegentlich den Republikanern anschließen können; ein sehr

natürlicher, verzeihlicher Gedanke für junge Leute, die mehr mit

Plutarch, als mit Hobbes lebten. Die Gelegenheit wollte nicht kommen;

Serre suchte sie also herbei zu führen; und er hatte eben den Entwurf

gemacht, durch die großen Waldungen über die Buchten von Hallifax nach

Boston zu gehen; freilich eine Unternehmung auf Tod und Leben. Er hatte

sich schon über die englischen Posten unterrichtet, für Munition und

nothwendige Bedürfnisse gesorgt; und die Ausführung war beschlossen, als

eben der Friedensbote kam. Mich hatte nichts so sehr zurückgehalten, als

der Gedanke, Münchhausen zu verlassen, der mit so redlicher Freundschaft

an mir hing; und die Sache war von der Beschaffenheit, daß sie durchaus

keine Mittheilung litt. Die einzige Bedenklichkeit in unsrer

Freundschaft war, daß Münchhausen ein Edelmann war, der den Kopf voll

alten Ritterwesens hatte, welches ich auf alle Fälle für halbe Barbarei

hielt und noch halte. Freiheit und Gerechtigkeit hat bei Edelleuten

einen ganz andern Sinn, als uns Philosophie und Staatswissenschaft

lehrt: und das »^verba valent sicut nummi^« ist nirgends mehr anwendbar,

als in unserm sogenannten öffentlichen Rechte. Unserer Freundschaft

stand also der Mangel endlicher Uebereinstimmung entgegen, welches der

Fall bei Serre nicht war, der übrigens weder Münchhausens moralischen

Werth, noch feinen Lebenstakt hatte. Der Friede zerschlug unsere

Unternehmung, da wir nur nach Thätigkeit junger Leute geizten und nicht

gesonnen waren, neben und unter Huronen und neuen Republikanern unser

Leben fort zu vegetiren. Auf dem Schiffe wurde ich von Münchhausen

getrennt; er kam auf ein anderes Fahrzeug. Der Guignon des Lebens

wollte, daß ich ihn seit der Zeit nur zweimal wieder sahe; einmal, als

sich auf dem Meere unsere Schiffe so näherten, daß wir mit der größten

Anstrengung uns einige Worte zurufen konnten; das anderemal, als ich aus

Italien und Frankreich kam, und ihn in Schmalkalden besuchte.

Unser Leben in Hallifax bestand in einem Drittel deutscher

Gewöhnlichkeit, einem Drittel huronischer Wildheit und einem Drittel

englischer Verfeinerung; und nach dem verschiedenen Charakter der

Individuen stach eins von diesen Dritteln hervor. Bei mir blieb wohl

meistens der Deutsche sitzen, obgleich Britten und Huronen mein Studium

waren, und bald diese, bald jene den Vorzug behielten. Ich habe schon

oben gesagt, daß Hallifax vielleicht einer der besten Häfen des

Erdbodens ist. Diese Insel und das Fort St. George am Eingange ist eben

stark genug, mit gehöriger Besatzung jeder beträchtlichen Flotte die

Annäherung zu verwehren. Die Stadt selbst, am Ufer hin, tief in die

Bucht hinein, hat ungefähr zehntausend Einwohner. Der englische Preis

aller Artikel ist immer etwas höher, als in andern Ländern, und im

Kriege war er es dort ungewöhnlich. Ich erinnere mich, daß ich manchmal

zum Abend nach unserm Gelde fast für acht Groschen Brot, für acht

Groschen Butter und für acht Groschen Kartoffeln gegessen, und einmal

für ein Stückchen Kälberbraten und einen Gurkensalat eine halbe Guinee

bezahlt habe. Während eines ganzen Winters bestand mein Abendbrot fast

immer aus geröstetem Butterbrot mit geräuchertem Lachs, dem wohlfeilsten

Artikel der Gegend. Das Pfund frisches Fleisch kostete nicht selten nach

unserm Gelde einen halben Thaler; frisches Gemüse war kaum zu bezahlen.

Dafür konnte aber auch ein Handarbeiter am Hafen täglich drei spanische

Thaler verdienen: Alles kam ins Gleiche. Verschiedene sparsame Kerle

haben auf diese Weise mehrere hundert spanische Thaler gesammelt, und,

wenn sie der Zufall verschonte, sie mit in die Heimath gebracht. Ich

selbst hatte von dem Ertrag der Arbeitskommandos, welche von der Krone

bezahlt wurden, einige schwere Goldstücke zurückgelegt. Einige ächt

soldatische Kameraden, in deren Taschen sich kein blindes Kupferstück

hielt, hänselten mich aber so lange und droheten mir, mir bei meinem

seligen Ende mit meinem eigenen Golde tüchtig das Maul zu zerschlagen,

daß ich sie sehr bald wieder in Umlauf gesetzt hatte. Wenn Münchhausen

nichts Wildes lieferte, und ich den schwarzstriefigen Kommißspeck und

auch den Rauchlachs zum Ueberdruß gegessen hatte, schoß uns Serre in den

Außengegenden auch wohl einen fetten Hund, oder einen feisten Kater,

deren frisches Fleisch und Fett uns nicht selten leckere Mahlzeiten

gaben.

Unsere Hinfahrt dauerte, wie ich oben sagte, zwei und zwanzig Wochen,

eine ungeheure Länge; den nämlichen Weg machten wir rückwärts in drei

und zwanzig Tagen; also machte ich eine der besten und eine der

schlimmsten Fahrten mit. Heimwärts segelten wir, als flögen wir davon;

und es gewährte ein eigenes großes, kühnes Vergnügen auf den ungeheuern

Maschinen im Sturm daher geschleudert zu werden. Es hatten sich eine

große Menge Schiffe aller Arten und aller Nationen zuerst nach dem

Frieden gesammelt, und wir liefen wohl über zweihundert zusammen in dem

Kanal ein, unter denen sich auch zwei amerikanische Fregatten mit der

neuen freien Staatenflagge befanden, für einen Alt-Engländer wohl das

größte Herzeleid, seitdem die brittischen Flotten die Meere besegelten.

Die letzte Nacht gehört zu den schönsten, die ich auf dem Wasser erlebt

habe. Es war ein gewaltiger Gewittersturm auf dem Kanale in der Gegend

von Portsmouth. Die zusammengeengte Flotte, das Heulen des Sturms, das

Schlagen des Tauwerks, das Rollen des Donners, das Leuchten der Blitze,

das grelle Aufhellen der glühenden Wogen und das augenblickliche

Schließen zur schwärzesten Nacht, das Rufen und Schreien der Matrosen,

das Geläute der Glocken, der ferne dumpfe Hall der Signalschüsse, das

Dröhnen und Krachen der Schiffsfugen, und die Angst, daß wir vielleicht

über Klippen stürzten -- man denke sich die Wirkung des Ganzen auf die

entzündete Einbildungskraft! Und mit dem sich heiternden Morgenhimmel

waren wir wirklich in der Nähe der Kreideberge, die dem Lande den Namen

Albion geben. Es war still und frisch und freundlich, wie nach einer

Gewitternacht, und die Schiffe schaukelten nur noch unwillkührlich

heftig auf der empörten See. Bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten war

es mein gewöhnliches Vergnügen, mich im Raum unter die Oeffnung zu

setzen und in die Höhe an den Horizont hinaus zu sehen; da sah ich denn

die Schiffe rechts und links oben auf den Wellen tanzen. Man denke die

Winkel, welche die Schiffe auf der Woge machen mußten, damit dieses

möglich war. Oft war die Täuschung so groß, daß man minutenlang glaubte,

ein Schiff sei von den Wellen verschlungen, das plötzlich mit

Blitzesschnelle wieder auftauchte und eben so wieder verschwand. Bei

Deal lagen wir einige Zeit in den Dünen vor Anker, und da wurde uns denn

wohl einzeln erlaubt, an das Land zu gehen; das ist also das Ganze

meines Aufenthaltes in Alt-England und kaum der Erwähnung werth. Die

Fahrt über die Nordsee war dießmal sehr stürmisch und langweilig,

welches desto verdrießlicher war, da die Reise über den Ocean so schnell

ging und wir das Uebrige nur noch für einen Katzensprung hielten. Auf

einmal befanden wir uns bei Cuxhaven und Ritzebüttel, vermuthlich weil

wir nicht in die Weser einlaufen konnten. Ich erinnere mich hier eines

Vorfalls, der die außerordentliche Gewalt der Fluth beweist. Ein Mensch

saß auf dem Verschlage, der als Bequemlichkeit diente. Die Fluth war im

Ablaufen; er mochte sichs bequem machen, und sein ganzes Gewicht ruhte

auf dem Seitenstücke; das Stück brach, er fiel hinunter, und obgleich

zwei der besten Schwimmer sogleich nachsprangen, so war er doch

augenblicklich verschwunden und wurde nicht wieder gesehen. Mit vieler

Mühe rettete das ausgesetzte Boot nur die beiden Matrosen und hatten

einige Stunden zu arbeiten, ehe es wieder an das Schiff kam. Nach

einigen Tagen segelten wir wieder nach Bremerlee, wo wir Fahrzeuge

wechselten und eben so wieder heraufbugsirt wurden, wie wir hinunter

fuhren.

Hier schreckte uns die Besorgniß, daß wir bei Minden würden an die

Preußen verkauft werden. Es wurde laut gesprochen, und der bekannte

gewissenlose Seelenschacher des alten Landgrafen machte die Sache nicht

unwahrscheinlich. Serre also, ein gewisser Wurzner aus Gotha und meine

Personalität hatten bei Elsfleth den löblichen Entschluß gefaßt, uns den

Fesseln der schändlichen Dienstbarkeit zu entziehen. Einige Nächte

lauerten wir ohne Erfolg auf Gelegenheit; denn die Büchsenschützen

hatten ihre geladenen Läufe überall hin gerichtet. Aus Verdruß und

Müdigkeit war ich auf meinem Habersack eingeschlafen, und als ich den

Morgen erwachte, waren die beiden Hechte fort und hatten mich

vermuthlich mit Sicherheit nicht wecken können. Ich kratzte mich hinter

den Ohren und sahe ärgerlich nach dem Kahne, der sie in die Freiheit

geführt hatte. In Bremen versuchte ichs indessen allein auf meine eigene

Hand, und es gelang mir am hellen lichten Tage unter ziemlicher Gefahr.

Die nächste Veranlassung war ein Gezänk mit dem Feldwebel über

Brotlieferung, in welches sich der kommandirende Officir etwas

diktatorisch handgreiflich mischte. Das Gespenst der Preußen saß mir

fest im Gehirn; ich hatte ganz gegen meine Gewohnheit ohne alle Absicht

in einigen Gläsern Wein mich etwas warm getrunken, und machte kurz und

gut auf und davon, am Ufer hin, über die Brücke weg, in die Altstadt

hinein. Ein guter, alter, ehrlicher Spießbürger mochte mir doch wohl

einige Verwirrung ansehen; er kam freundlich zu mir und fragte: »Freund!

Ihr seid wohl ein Hessischer Deserteur?« »Und wenn ich denn einer wäre?«

sagte ich. »Da muß ich Euch sagen, unser Magistrat hat Kartel mit dem

Landgrafen.« Und nun --

Fortsetzung

von

Seume's Leben,

mitgetheilt

von

C. A. H. Clodius.

»Und nun« -- das sind die letzten Worte, welche Seume geschrieben hat;

das Folgende ist leider nur Erzählung aus den Erinnerungen einiger

Freunde des Verewigten. Ihnen, welche ihn genau gekannt und innig

geliebt haben, ist das Bild, welches er selbst gezeichnet hat, ein

Vermächtniß, in welchem er bei ihnen fortlebt. Sie glauben ihn noch vor

sich zu sehen und reden zu hören, weil sein Leben sich eben so

anspruchslos und wahr, eben so heiter und gleichmüthig in Worten und

Handlungen darstellte, als er es, während einer schmerzhaften Krankheit,

beschrieben hat. Seine Selbstbiographie zeigt uns seine Jugend, seine

übrigen Schriften zeigen den Mann, und folgende Züge von einer Hand,

welche mit Treue zeignet, werden die Schilderung seines edlen und

liebenswürdigen Charakters vollenden. Große Sorgfalt für sein Inneres,

wenige für sein Aeußeres; ernstes Denken, ruhiges Erwägen und Tiefe des

Gemüths; Mangel an Nachgiebigkeit und Reichthum an Nachsicht; Bewußtsein

seines Werthes und Bescheidenheit eines gebildeten Menschen;

Freundlichkeit und Liebe im Herzen, oft finster um Stirn und Auge;

empfänglich für das Schöne und Erhabene; flammender Eifer für die

Gerechtigkeit und eine gesetzmäßige Freiheit; selbstständig ohne Furcht;

bitter gegen schlechte Menschen aus Liebe zur Menschheit; -- so war

Seume.

Wieland nannte Seumen, wegen seiner Tugenden und wenigen Bedürfnissen,

den edlen Cyniker, einen Menschen von großem Werth. Dieses Lob des

berühmten und liebenswürdigen Mannes hat ihn sehr glücklich gemacht und

wird ihn ehren bei Allen, welche den Beifall der Besten unter den

Menschen für den höchsten Ruhm halten, den ein Sterblicher gewinnen

kann. Einer seiner Freunde, der allen seinen entfernten Geliebten ein

Sternbild widmete, wobei er ihrer in stillen Nächten gedachte, wurde von

Seume gefragt: wohin er denn ihn einmal künftig einquartiren würde? und

als er darauf im scherzenden Ton antwortete: »Sie haben schon lange

Ihren Platz in dem hellen, nicht untergehenden Gestirn des großen

Bären;« sagte Seume mit Lächeln: »So, so! Meinetwegen!« -- Die

Begebenheiten, welche hier angeknüpft werden, sind Beweise zu dem Lobe,

welches eine unpartheiische Freundschaft ausgesprochen hat und können

als Belege dienen, daß ein widriges Schicksal der Hebel edler Naturen

wird.

* * * * *

Das gutmüthige Volk der guten Stadt Bremen drängte sich als eine

Schutzwehr um Seume herum und schob gewissermaßen den Fremdling

hülfreich zum nächsten Thore hinaus. Seume, ein trefflicher Läufer, flog

wie ein Pfeil. Demungeachtet waren seine Verfolger, die Hessischen

Jäger, ihm immer ganz nahe und trieben ihn endlich in den Sack zwischen

den beiden Flüssen der Hunte und der Weser. Hier, glaubten sie, könnte

er ihnen nicht entspringen, und er hielt sich verloren: denn wollte er

sich ins Wasser stürzen, so tödtete ihn, den durch und durch Erhitzten,

der Schlag; blieb er stehen, so war er das Opfer seiner Flucht. Zum

Glück sah er in einem Weidenbusch am Ufer der Hunte einen Fischerkahn

und sprang hinein. Der mitleidige Fischer, welcher der Menschenjagd

zugesehen hatte, hieß ihn sich gleich auf dem Boden niederlegen, und

stieß augenblicklich vom Lande ab. Nun kamen auch die Jäger und

schossen; aber die Kugeln flogen über das Schiff, und der gleichmüthige

Schiffer arbeitete ruhig durch die Gefahr, bis er glücklich das

jenseitige Ufer erreichte. »Hier Freund,« sagte der Mann, »seid Ihr

frei, und auf Oldenburgischen Grund und Boden. Gott helf Euch weiter!«

Das Leben war gerettet, die Kette zerbrochen, und der Landgraf litt

einen Verlust von einer Handvoll Thaler, die er aus Seume's Verkauf zum

zweitenmal hätte lösen können.

Den folgenden Tag kamen Hessische Officiere mit freundlichen Worten,

brachten Pardon, boten Geld, versprachen Beförderung; aber Seume ließ

sich nicht verleiten, empfahl sich höflich und ging aus ihrer

Gesellschaft weg nach der Stadt Oldenburg. Der damalige, jetzt noch in

Rußland lebende Herzog dieses Landes, ein gebildeter, edler Fürst,

unterstützte den einnehmenden, interessanten jungen Deserteur, und that

Vorschläge zu künftigen Lebensplänen; als aber Seume die Sehnsucht nach

der geliebten Mutter und dem Vaterlande äußerte, entließ er ihn mit

einem ansehnlichen Geschenk. Durch diese Großmuth konnte der so lange

Geplagte und Verkaufte nun bequem frei und froh die Rückkehr zur lieben

Heimath antreten und der gerettete Sohn konnte wieder in die Arme der

Mutter eilen. Schon hatte er wohlgemuth die Oldenburgische Gränze

überschritten, als das unglückliche Vergessen, die Hessische Uniform mit

einem Civilrock zu vertauschen, ihn gerade in den verhaßten Dienst

brachte, dem er durch seine Flucht hatte entgehen wollen, und ihm in

einem Augenblick wieder Freiheit, Hoffnung und kaum genossenes Glück

raubte. Preußische Werber hielten ihn an und schleppten ihn, als

Deserteur, ohne Umstände nach Emden, wo er gemeiner Soldat werden mußte.

Den Käfig, in welchen man ihn, wie alle unfreiwillig genommenen

Soldaten, eingesperrt hatte, zu zerbrechen, dem ehemals strengen

Preußischen Dienst und der verächtlichen Behandlung der Soldaten wieder

zu entgehen, das war die einzige tröstliche Aussicht, welche ihm hier in

der Garnison übrig blieb, und die ihn reizte, so bald als möglich zu

entfliehen. Einst in einer sternenhellen Nacht führte er seinen

Entschluß wirklich aus. Er mochte ungefähr eine Stunde gelaufen seyn,

als die Lärmkanone seine Flucht ankündigte und die ganze Gegend zum

Verfolgen aufrief. Seume ließ sich dadurch nicht schrecken; aber ein

dicker Nebel verhüllte ihm den Weg, machte ihn irre und führte ihn

wieder gerade nach Emden in die Hände derer, welchen er zu entgehen

glaubte. In seinem Arrest schrieb er mit Kreide einen lateinischen Vers

an die Thüre der Wachstube, welcher die traurige Stimmung seiner Seele

ausdrückte. Der wachhabende Officir fragte, wer den Vers geschrieben

habe? »Vermuthlich der kleine schwarze Arrestant;« antwortete die Wache.

Das Kriegsverhör begann mit der Untersuchung über den Hexameter und ein

Kapitän behauptete: er sei nicht richtig. Seume bewies aus der Prosodie,

daß er vollkommen schön sei und lehrte die Richter, was zu einem guten

Hexameter erfordert werde. Als aber demungeachtet der Kapitän seine

Kritik noch zu behaupten suchte, brachte Seume einen Beweis vor, der

entscheiden mußte: er zog seinen Virgil aus der Tasche und zeigte, daß

jener Vers aus dem größten Künstler der lateinischen Poesie genommen

war. Die Untersuchung über eine Stelle aus dem Virgil führte zu der

Frage, wie er in den Dienst gekommen sei? und als Seume hierauf finster

antwortete: »durch Gewalt von den Preußen, wie von den Hessen;« ließ man

Gnade für Recht ergehen und befreite ihn von dem Arrest. Der brave

General Courbiere, welchen die Preußen, nach der Schlacht bei Jena, mit

Achtung öffentlich genannt haben, nahm sich seiner an, erleichterte ihm

den Dienst, trug ihm auf, seine Kinder zu unterrichten und empfahl ihn

mehreren Familien. Jetzt hatte Seume keine Noth. Aber, weil er nicht

hoffen durfte, wieder los zu kommen, und keine Aussicht hatte, befördert

zu werden bei der Einrichtung Friedrichs II., nach welcher nur die

Adeligen Officirstellen erhalten konnten, dachte er an einen neuen

Versuch, zu entfliehen, ungeachtet der erste so wenig gelungen war. Es

war Winter; die grundlosen Wege und Felder in Ostfriesland mochten eben

hart und die weiten, tiefen Gräben eben zugefroren seyn, als Seume

seinen Posten verließ und, in Dunkelheit der Nacht, das Weite suchte.

Noch in eben der Nacht fing es an zu thauen; der Regen strömte vom

Himmel und machte die Felder, worauf Seume seinen Weg in der Entfernung

von der Landstraße und den Dörfern suchen mußte, zu tiefen Morästen.

Länger als 24 Stunden war er, durchnäßt und erhitzt, fortgewadet, durch

das Eis in tiefe Gräben gesunken, und hatte mit fast übermenschlicher

Anstrengung sich bis nahe an die Gränze gearbeitet, als er sich

erschöpft fühlte und der Ohnmacht nahe in ein Dorf ging. Die Leute

halfen ihm; aus seinen Stiefeln floß das Blut; man legte ihn in ein

Bett. Der freundliche Amtmann des Orts besuchte ihn, gab ihm

Erquickungen, und sandte ihn den andern Tag auf einem Wagen, sorgfältig

in Stroh gepackt, unter einer handfesten Bedeckung, wieder nach Emden in

die Ketten zurück. Wer vermochte jetzt den Unglücklichen, welchen

Jedermann schon froh in Sicherheit glaubte, den seine Officire selbst

mit Jammer wieder eingeliefert sahen, zu retten? Zum Unglück war der

General, sein Gönner, mit dem Obersten des Regiments gespannt; Keiner

traute dem Andern, um etwas für den Arrestanten gegen die fürchterlichen

Kriegsgesetze zu wagen. Die angesehensten Männer in Emden verwandten

sich für Seumen mit allen Kräften, doch ohne glücklichen Erfolg;

vergeblich bat fast die ganze Stadt. Endlich kam die Jugend, an ihrer

Spitze die eigenen Kinder des Generals, und baten mit Thränen und

Händeringen für ihren geliebten Lehrer um Gnade. »Kinder,« sagte der

General, konnte aber vor Wehmuth kaum sprechen, »Kinder, ich kann nicht,

so gern ich wollte.« -- Man nahm Seumen die Ketten ab und stellte ihn

vor das Kriegsgericht, welches ihn zu zwölfmal Spießruthen verurtheilte.

Finster und schweigend trat er ab, als der Oberste »Halt!« rief. Seume

trat wieder vor. Der Oberste sprach weiter: »In Rücksicht des sonstigen

guten Betragens des Arrestanten, seines moralischen Lebenswandels und

des guten Gebrauchs, welchen er von seinen Talenten macht, auch wegen

der Art und Weise, wie er in den Dienst gekommen ist, verwandelt das

Kriegsgericht die bestimmte Strafe in sechswöchentliches Gefängniß bei

Wasser und Brod.« -- Der General setzte halb laut hinzu: »Arrestant wird

es wohl auch nicht übel nehmen, wenn ihm die Bürger zuweilen ein Stück

Braten senden.« Dieser Wink wurde gut verstanden. Seume schmausete

während der sechs Wochen seines Arrestes, durch die Gutmüthigkeit der

Bürger in Emden, besser als der General, und konnte noch von seinem

Ueberfluß den Kameraden reichlich mittheilen.

Diese letzte Flucht, die blutige Strafe, welche die preußische Disciplin

für eine zweite Desertion bestimmte, und die unerwartete glückliche

Wendung, mußten Seumen noch bekannter machen, als er schon vorher war,

und ihm allgemeine Theilnahme erwecken. Die Sache hatte durchaus keine

nachtheiligen Folgen für ihn; der Dienst wurde ihm nicht schwerer

gemacht, seine Freiheit nicht beschränkter, als sie vor seiner

Entfernung war; er konnte seine Lehrstunden wieder fortsetzen, und es

fehlte ihm an nichts, als an Unabhängigkeit von dem preußischen

Dienstzwange. Einst fragte ihn ein begüterter, braver Mann, ein Bürger

der Stadt: »Warum, Seume, suchen Sie nicht Urlaub, um einmal nach

Sachsen zu reisen?« -- »Ich würde ihn nicht erhalten.« -- »Sie werden

ihn gewiß erhalten; bieten Sie nur eine Kaution.« -- »Das kann ich

nicht: denn ich habe nicht so viel Geld.« -- »Dann habe ich. Bieten Sie

achtzig Thaler; sprechen Sie morgen mit dem General!« -- »Ich komme

nicht wieder.« -- »Was geht das mich an? machen Sie das, wie Sie wollen;

achtzig Thaler stehen parat.« -- Seume bat um den Urlaub, erhielt ihn,

und kam glücklich bei seiner glücklichen Mutter in Poserne an.

Jetzt faßte er den Plan, sich in Leipzig ganz den Wissenschaften zu

widmen, und während er seinem Körper, nach so vieler Anstrengung,

Erholung gewährte, den Geist in größere Thätigkeit zu setzen. Wovon aber

sollten die achtzig Thaler Kaution, die ihm so edelmüthig gegeben waren,

wieder erstattet werden? Die gute Mutter hätte gewiß den letzten Heller

für den geliebten Sohn und das wiedergefundene Glück hergegeben; aber

der gute Sohn verschwieg die Schuld sorgfältig, weil er wollte, daß die

liebende Mutter sich um seinetwillen nichts versagen, und in keine

Verlegenheit kommen sollte. Der Kreissteuereinnehmer Weiße, der

liebenswürdigste Mensch, den ich in einem Zeitraum von einem halben

Jahrhundert habe kennen lernen, und dessen Gleichen ich auf meinen

Reisen nirgends gefunden habe, schaffte Rath und half Seumen auch aus

der Noth, die ihm jetzt noch auf dem Herzen lag. Weiße gab Seumen einen

englischen Roman: Honorie Warren, zum Uebersetzen; als dieser mit der

Arbeit fertig war, ging jener damit zu dem Buchhändler Goeschen, sagte

ihm den Zweck derselben und erzählte ihm die Geschichte des

Uebersetzers. Dieser Roman ist 1788 gedruckt erschienen. Das Honorar

dafür wurde nach Emden an den Mann gesandt, welcher durch seine Großmuth

Seume's Befreier geworden war, und auf die Wiedererstattung

wahrscheinlich gar nicht gerechnet hatte.

Vielleicht haben wenige Schriftsteller ihre Laufbahn aus so edlen

Absichten, als Seume, begonnen; denn sein erstes Werk ist ein rührendes

Denkmal des Edelmuths eines Bürgers (in Emden), der Dankbarkeit,

Redlichkeit und kindliche Liebe des Verfassers, wodurch dieses Buch

jedem fühlenden Herzen interessant werden muß.

Jetzt widmete sich Seume, nach einer langen und prüfungsvollen

Unterbrechung, ganz den Wissenschaften mit aller der Freiheit, die er

sich ehemals gewünscht hatte und mit angeborner Liebe und Ausdauer, an

dem Orte, den er ehemals aus freiem Entschluß verließ. Der Abweg,

welchen er damals von seiner akademischen Laufbahn einschlug, hatte ihn

durch scharfe Dornen, durch ein zwar schmerzliches, doch läuterndes

Fegefeuer geführt. Die wirkliche Welt, der Umgang mit edlen und

niedrigen Naturen, die sonderbaren Verhältnisse wilder, roher und

disciplinirter Menschen im Kampf unter einander und mit den Elementen

hatten ihm Lektionen gegeben, welche eine herrliche Vorbereitung zu den

Studien der Wissenschaften wurden, und ihn vor Pedanterie, Schulstaub,

Gehaltlosigkeit und Uebertreibung sicherten. Um den Aufwand für die

geistigen und leiblichen Bedürfnisse auf der Universität zu gewinnen,

gab er Unterricht in lebenden Sprachen. Seine Methode war erleichternd

für das Gedächtniß, bildend für den Geist, erweckend für das Gemüth; sie

und die große Anhänglichkeit der Schüler an ihren Lehrer sind ein

Beweis, daß ein vorzüglicher Mensch auf jedem Standpunkt das Rechte

trifft und Achtung und Liebe einflößt.

1792 wurde Seume Magister. Der Küster Rothe an der Thomaskirche gab ihm

dazu das Geld, zutrauensvoll, ohne Eigennutz, aus reiner Achtung und

Zuneigung; ihm ist das Gedicht in den Obolen: An meinen Freund Rothe,

gewidmet.

Zum Beweise hinlänglicher Geschicklichkeit zu einem Magister gehörte

damals auch die Ausarbeitung einer Chrie nach hergebrachter Form. Das

Formwesen war niemals Seume's Sache gewesen und war es noch weniger

jetzt. Da gab es denn beim Examen, statt der Fragen und Antworten,

Diskussionen über das Wesentliche in der Meisterschaft der Kunst und in

dem Gebiete der Wissenschaft, welche dem Examinator sehr bedenklich und

anmaßend vorkommen mußten. Als aber Seume seine Disputation: _Die Waffen

der Alten, verglichen mit den Waffen der Neuen_, vertheidigte, war man

zufrieden, und hielt ihn des Rechts, Vorlesungen zu halten, vollkommen

würdig. Der Soldat war in einen Magister verwandelt, oder, welches die

Eitelkeit lieber hört, in einen Doktor der Philosophie. Man kann nicht

mit Gewißheit entscheiden, ob die Natur Seumen mehr Anlage zum

Militärstande, oder für die Wissenschaften gegeben habe. Sein Körper war

stark, wie seine Seele. Aber es schien, als ob er zur Mathematik, die

einem Anführer in Feldzügen unentbehrlich ist, weniger Talent und

Neigung hätte, als zu den schönen Wissenschaften, der Philosophie und

Philologie. Damals scheint Seume's Absicht gewesen zu seyn, sich für

eine akademische Lehrstelle zu bilden. Er hatte vermuthlich deshalb, als

Vorbereitung, die Stelle eines Instruktors und Erziehers gesucht, und

eine solche gefunden in dem Hause der Gräfin Igelströhm, durch seinen

Gönner Weiße, welcher, durch seine Kinderschriften, das Zutrauen

begüterter Eltern in halb Europa erworben hatte und ganz Deutschland mit

Hofmeistern versorgte. Jene Dame hielt sich in Leipzig auf, so lange ihr

Sohn, der Seume zum Führer erhielt, dort studirte. Der Eleve war wild

und sein Erzieher nicht wenig muthig und rasch. Einst, als die jetzt

verewigte edle Fürstin, Luise Henr. Wilh. von Dessau, bei der Gräfin von

Igelströhm zum Besuch war und bei ihr in einer stillen Laube des Gartens

saß, jagten die beiden Herren, wie ein Paar feurige junge Rosse, so

gewaltsam vor den nervenschwachen Freundinnen vorüber, daß die Fürstin

gar sehr erschrak. »Wer ist der finstre, wilde, junge Mann?« fragte sie.

»Der Führer meines Sohnes,« antwortete die Gräfin mit Lächeln. »Führer?«

wiederholte die Fürstin und schüttelte den Kopf. »Ja,« sagte die Gräfin,

»und ein sehr guter, wohl unterrichteter Führer! ein sehr redlicher,

interessanter Mann.«

Als der junge Graf seine akademischen Studien geschlossen hatte, holte

ihn sein Vater von Leipzig ab. Dieser nahm auch Seume mit und führte ihn

zu seinem Bruder, dem russischen bevollmächtigten Minister und General

^en chef^. Er wurde Sekretär des Generals, kam mit demselben 1793 in

Warschau an, gewann die Achtung desselben und erhielt von ihm eine

Officirstelle bei den Grenadieren, damit er Gelegenheit zum Emporsteigen

bekommen möchte. Im Besitze des unbeschränkten Vertrauens, mußte er alle

wichtige diplomatische Papiere in jener kritischen Periode, welche der

Theilungsgeschichte Polens folgte, für die große Kaiserin Catharina die

Zweite ausarbeiten. Der General hat nicht unterlassen, den Verfasser

dieser Aufsätze der Kaiserin zu nennen, und diese hatte ihm die

Beförderung seines Grenadierlieutenants empfohlen.

Igelströhm und Seume! Das war eine Verbindung eigener Art. Der alte Hof-

und Staatsmann war üppig, prachtliebend, sinnlich, verständig und klug;

aus Diensteifer ein tüchtiger politischer Despot, übrigens ein braver

Soldat, großmüthig und gutmüthig. Man hat ihn vieles Bösen beschuldigt:

aber Seume hat ihn mit Unparteilichkeit gerechtfertigt in einer Schrift,

welche er über die damalige Lage der Dinge in Polen geschrieben hat, und

welche gleich erwähnt werden wird. Diesem Manne stand Seume zur Seite,

wie wir ihn kennen; Seume, der immer die Wahrheit unverholen sagte und

von den polnischen Angelegenheiten ganz andere Ansichten hatte, als der

General und die Kaiserin. Demohngeachtet bewies Igelströhm seinem

Sekretair privatim und öffentlich die größte Achtung und ein

aufrichtiges Wohlwollen. Der polnische General Kosciusko hatte die

Russen geschlagen; diese nannten ihn einen Meuter und Bösewicht; Seume

sagte, er sei der edelste und bravste Pole, und Igelströhm erwiederte

nichts weiter darauf, als: »^Mon cher^, Sie sind ein sonderbarer

Mensch.« Wenn Seume in seinem schlechten Oberrock manchmal von seinem

Schreibetisch aufsprang, um den General über etwas zu fragen, und ohne

Toilette durch das Vorzimmer eilte, worin die vornehmen Polen und Russen

vom Militär- und Civilstande auf Audienz warteten, so hielten ihn diese

für einen Domestiken des Generals und behandelten ihn herablassend; er

sie dagegen ohne Komplimente, wie seines Gleichen. Der Mensch kam ihnen

noch sonderbarer vor, wenn sie ihn hernach an der Tafel mitten unter

sich sitzen sahen, wenn der General ihn nicht anders, als ^mon cher^,

nannte, und ihm auch wohl eine seltene Schüssel sandte, wenn er wußte,

daß Seume sie gern aß. Die Erscheinung war ihnen ein Räthsel, das sie

manchmal aus dem Takt brachte und dessen Auflösung oft komisch genug

war. Der Ton an des Generals Tafel war ungezwungen, heiter, interessant

und witzig. Nicht selten fochten die dort anwesenden Kriegsmänner mit

Epigrammen gegen einander, und unter ihnen waren mehrere, welche,

unbeschadet ihrer militärischen Verdienste, mit den Musen so vertraut

waren, daß sie während dem Essen, sehr schöne Verse aus dem Stegereif

machen konnten. Der junge, schöne Major von Igelströhm, eben so muthig,

als geistreich und gut, ein naher Verwandter des Generals und ein

glänzender Stern in jener Gesellschaft, war vorzüglich Seume's Freund.

Nach und nach wurde es in Warschau bekannt, daß der Sekretär bei seinem

Chef viel galt; da versuchte man denn eine Zeit lang, ihn zu allerhand

vortheilhaften Spekulationen zu benutzen, bis seine Uneigennützigkeit

und Redlichkeit eben so bekannt wurden, als die Gunst des Generals, und

bis die Bestecher sich einander in's Ohr flüsterten: »mit dem Menschen

ist nichts anzufangen.« Unter andern bat ein Jude um seine Protektion

bei Gelegenheit eines Magazinverkaufs. Er meinte, »es sei doch besser,

daß ein so verdienstvoller Mann, wie der Sekretär und ein so ehrlicher

Mann, als er, der Kauflustige, bei der Sache gewönnen, als ganz fremde

und habsüchtige Menschen.« »Was wollen Sie denn geben?« fragte Seume;

der Jude nannte eine Summe. »So viel,« sagte Seume, »ist die Sache nicht

werth; es scheint, Sie haben sich sehr verrechnet. Sie werden Ihre

Verbindlichkeiten nicht erfüllen können. Bleiben Sie davon!« »Was?«

erwiederte der Jude empfindlich, »ich mich verrechnen? Ich versichere

Ihnen, daß noch eine hübsche Summe schöner Dukaten für Sie, und für mich

ein ganz honettes Profitchen übrig bleibt.« Seume wies den Mann zum

General und fertigte ihn mit der Versicherung ab, daß er sich in ihm

sehr geirrt habe und auf ihn gar nicht rechnen dürfe. So muß man es

anfangen, wenn man arm, aber ruhig leben und sterben will.

Der General Igelströhm versuchte, den Stoiker ein wenig zu

sybaritisiren; aber auch er sagte sehr oft in guter Laune: »an dem

Menschen ist Hopfen und Malz verloren.«

Auf heiteres Wohlleben folgten nun wieder Schrecken des Todes. Die

Kaiserin verlangte eine Reduktion der polnischen Nationaltruppen; die

Polen widersetzten sich, und es brach die Revolution, welche schon lange

unter der Asche glimmte, endlich in vollen Flammen aus. Ueber 100,000

Polen hatten sich verschworen, und, was unglaublich scheint, diese aus

Menschen aller Art zusammengesetzte Verschwörung blieb zwei Jahre lang

verschwiegen. Die interessante Begebenheit, ihre Veranlassung und Folge,

erzählt Seume in einer Schrift unter dem bescheidenen Titel: Einige

Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794, Leipzig 1796,

welche er dem Herrn Grafen von Hohenthal auf Knauthayn aus Dankbarkeit

zugeeignet hat. Er sagt in der Vorrede:

»Es war einer der schönsten Tage meines Lebens als ein rechtschaffner

Mann mich Ihnen, verehrungswürdiger Wohlthäter, einst mit den Worten

empfahl: Er ist ein Knabe guter Art; der Segen seines Vaters ruht auf

ihm. Seine Empfehlung galt, und noch jetzt thut dem Kriegsmanne die

Erinnerung so wohl, als sie dem Jüngling am Grabe des Vaters that.« --

-- --

Nachdem er die Verbindlichkeit, welche der Graf ihm aufgelegt,

öffentlich erkannt hat, fährt er fort:

»Wenn irgend eine gute Seele bei einer gutgedachten und gutgesprochenen

Stelle mir mit einer leisen Empfindung des Dankes lohnen sollte, so

übergebe ich Ihnen den Zoll, den ich durch Ihre Güte zu empfangen in den

Stand gesetzt wurde.«

Die Darstellung jener fürchterlichen Tage in der genannten Schrift, als

ein wichtiges Stück aus Seume's Leben, und von ihm selbst geschrieben,

muß hier mit seinen eigenen Worten eingeschaltet werden.

»Nachdem die Russen von den Polen geschlagen waren, fingen die Unruhen

auch in Warschau an. Der General Igelströhm nahm dagegen Maßregeln und

nun brach das Blutbad am grünen Donnerstag aus. Die Polen glaubten das

Prävenire wählen zu müssen. Ungefähr 4000 polnisches Militär befand sich

in Warschau, für welches ihre Chefs mit ihren Köpfen zu bürgen

versprachen; aber ihre Bürgschaft half den Russen nichts. Das

Verständniß war nur unter einigen kleinen Officiren von der Krongarde zu

Fuße und zu Pferde und von der Artillerie, kaum einigen Hunderten

Gemeinen und einigen Hunderten der unternehmendsten Köpfe von der

Populace. Sehr wenige Staabsofficire entschlossen sich, Partei zu

nehmen. Die Subalternen führten ihre Kompagnien, als ob es zum

Exercirplatz ginge, und Alles gewann bald ein ziemlich wohlgeordnetes

Ganze. Um Mitternacht brachten die Kosaken schon Rapport von häufigen

Bewegungen. Die Mirsche Kavallerie that früh ungefähr um fünf Uhr den

ersten Angriff auf einen russischen Posten von zwei Kanonen, nicht weit

vom eisernen Thore hinter dem sächsischen Palaste, war glücklich in

schneller Ueberraschung, hieb den größten Theil der Leute nieder,

vernagelte die Kanonen und bald lief das Feuer durch die ganze Stadt.

Die Russen waren sogleich auf ihren bestimmten Posten, aber Alles war

noch wie in einer fremden Welt und wußte so wenig von der Absicht der

Andern bei dem Lärm, daß russisches und polnisches Militär noch mit

Honneurs vor einander vorüberzogen. Mit vieler Geschicklichkeit hatten

die Polen, welche natürlich die russischen Posten wußten, die

verschiedenen Kommandos abgeschnitten. Nun gab es erst Erklärungen, und

im Kurzen war Alles in Feuer. Die Polen öffneten das Zeughaus und

führten ihre zahlreiche, ziemlich wohlbediente Artillerie heraus, und

fingen an, aus allen Kräften mit derselben zu arbeiten. Bis ungefähr um

zehn Uhr war das Gefecht noch sehr furchtsam von Seiten der Polen, indem

die Populace sich noch scheute, sogleich thätig Parthei zu nehmen. Aber

um diese Stunde hatte man schon einige Officire gefangen, einige Posten

und einige Kanonen genommen, und Alles strömte nun nach dem Zeughause,

um Waffen und Munition zu holen, welche man denn auch an Alle und Jede

mit Vergnügen austheilte. Auch war schon an verschiedenen Orten Munition

aufgeführt. Man stelle sich vor, daß von den Russen nicht mehr als 5500

Mann unter dem Gewehr standen, daß fast eine gleiche Anzahl polnischer

Soldaten und gewiß über 20,000 Bewaffnete aller Art gegen dieselben

fochten, daß die Polen eine Ueberlegenheit in der Menge ihrer guten und

wohlbedienten Artillerie hatten, daß sie überall den Vortheil der

Position in den engen Gassen und allen Plätzen durch genauere Kenntniß

der Lokalität sich zu erwerben wußten, daß sie nicht von Enthusiasmus,

sondern von Wuth hingerissen blind auf den Tod liefen; nehme man dieses

Alles, und man kann fast nach mathematischer Berechnung den Ausgang der

Aktion bestimmen. Einige Bataillons der Unsrigen gingen unstreitig etwas

zu frühe unter dem Kommando des General Novitzky, aus der Stadt, und das

Ganze konnte also deswegen noch weniger einen Vereinigungspunkt

gewinnen. Hätte der General Igelströhm am Donnerstage das ganze

Unternehmen der Polen, alle ihre Vortheile und die ganze augenblickliche

Lage der Seinigen gekannt, ich bin versichert, er würde nicht mit

Hartnäckigkeit die Stadt haben behaupten wollen, da ihm der Rückzug noch

frei stand. Aber Mangel an Kommunikation ließ selbst den kommandirenden

General nur einen Theil der Geschichte übersehen, und diese

Kommunikation war unter den Umständen gar nicht so leicht, als Mancher

wohl glauben dürfte. Es wurden viele Kuriere erschossen oder gefangen,

die von einem Posten zum andern geschickt wurden. Das Gefecht dauerte

mit abwechselndem Glücke, den ganzen Donnerstag fort. Eine offene

Feldschlacht ist, nach dem Zeugniß aller alten Officiere, ein Spielwerk

gegen eine solche Mönchsklepperei, wo der ehrliche Kerl aus dem Winkel

niedergeschossen wird, ohne einen Feind zu sehen. Die Schüsse flogen von

den Ecken, aus den Kellern, aus den Fenstern, über die Mauern, von den

Dächern, und von unten und oben und von allen Seiten und überall war

Tod, und Niemand zeigte sich. Ungefähr siebenzig Kanonen von

verschiedenem Kaliber arbeiteten ohne Aufhören durch die Plätze und

Gassen der Stadt; bald drängten die Russen, bald die Polen. Das

Rikoschet der Kartätschen rasselte grell von einer Mauer zur andern, und

schlug nieder, was die geraden Kugeln nicht fassen konnten. Schon waren

die Straßen mit Leichen gestreut. Man konnte schon deutlich sehen, daß

wir uns unmöglich würden halten können. Die Nacht brach ein, das

Postengefecht dauerte fort. An allen Ecken und Plätzen der Stadt

arbeitete das Geschütz, und das kleine Gewehr machte von allen Quartiren

eine grelle Musik während der Pausen. Die Nacht war furchtbar schön. Der

Himmel schien sie gemacht zu haben, um den Menschen Spielraum zu ihrer

Thorheit zu geben; mit glänzender Ruhe blickte der Mond auf den Wahnsinn

der Elenden herab. Die beiden Abende werden lange, vielleicht immer, ihr

Bild in meiner Seele lassen; es ist groß und schrecklich. Der ferne und

nahe Donner der Stücke, der sich fürchterlich dumpf durch die Straßen

brach, das Gekletter der kleinen Gewehre, der hohle Ton der

Lärmtrommeln, der Todtenlaut der Sturmglocken, das Pfeifen der Kugeln,

das Heulen der Hunde, das Hurrahgeschrei der Revolutionäre, das Klirren

ihrer Säbel, das matte Aechzen der Verwundeten und Sterbenden; nehmen

Sie dieses Alles in der tiefen, hellen, herrlichen Mitternacht, und

vollenden Sie das Gemälde nach Ihrem eigenen Gefühl! Ich vergaß unter

der Größe des meinigen der Gefahr und freute mich einige Augenblicke,

bei der schaurigen Scene gegenwärtig zu seyn. Schon den Donnerstag

Nachmittag waren die Polen in das Hintertheil des Igelströhmischen

Palastes, wo der Ingenieurgeneral von Suchteln stand, einmal

eingedrungen, und hatten aus demselben alle Hofzimmer, unter denen die

Gesandtschaftskanzlei war, mit ihren Kugelbüchsen zerschossen; wurden

aber nach einer Stunde wieder daraus vertrieben. Von allen Seiten wurde

der Palast gedrängt, und schon gegen fünf Uhr Abends das hintere Thor,

welches die Polen mit Gewalt zu erbrechen suchten, verrammelt, und der

Thorweg mit todten Pferden gesperrt. Zu verwundern war es, daß nichts

Feuer fing, indem das Schießen von beiden Seiten so heftig war, daß man

vor Dampfe keine Hand breit im Hofe sehen konnte. In der Nacht selbst

gab der General die Hoffnung auf, sich länger halten zu können. Die Zeit

eines glücklichen Rückzugs war verstrichen, und nun dachte man blos auf

Rettung. Der General schickte verschiedene Officiere als Kuriere zu dem

damaligen Brigadier Mokronowsky, der an der Spitze der Revolutionäre

stand, um wegen des Auszugs zu verhandeln; aber keiner kam zurück; und

wenn man auch dieses Verfahren der Polen mit der allgemeinen Verwirrung

entschuldigen wollte, da man ihnen durch die Wuth des Pöbels keinen

sichern Rückweg schaffen konnte, so ist doch das folgende Benehmen der

Herren, die durchaus mit ihren Kanonen Gerechtigkeit predigen wollten,

sonderbar genug, indem man alle diese Officiere, unter welchen selbst

der Brigadier Bauer sich befand, hernach als Kriegsgefangene behielt, da

sie doch auf Treu und Glauben mit Trompetern gekommen waren; eine von

den vielen Inkonsequenzen, die man in der Geschichte findet! Der General

Igelströhm schaffte sich endlich mit ungefähr vierhundert Mann, nachdem

er sich im engsten Gedränge noch bis den Freitag Nachmittag geschlagen

hatte, mit Gewalt nach der Seite von Povonsk einen Ausweg. Hätten die

Polen Disposition und Entschlossenheit genug gehabt, so wären wenige

Russen durchgekommen, gestehen selbst einige wackere Officiere von den

Unsrigen, die bei der Retirade waren; aber die Russen fochten wie

Russen. Die Grenadiere wiesen jeden Vorschlag und Zuruf, sich zu

ergeben, mit Verachtung zurück, und sagten: »ihre Bajonette würden ihnen

schon Durchgang verschaffen.« Auch schleppten sich wirklich schwer

Verwundete unter dem heftigsten Feuer von allen Seiten bis vor die Stadt

hinaus, wo sodann die herbeieilenden Preußen ihren Rückzug deckten. Ich

hatte das Unglück, da ich eben einen schwerverwundeten Kameraden, den

ich schon einigemal besucht hatte, auf noch einige Augenblicke sehen

wollte, in der Eile zurückgelassen, abgeschnitten, von einem Orte zum

andern getrieben und endlich gefangen zu werden. Was seit der Zeit im

Felde vorgegangen ist, kann ich nicht als Augenzeuge, sondern nur durch

Nachrichten und aus der Wirkung wissen, die es auf Warschau hatte; und

auch dieses nur unzulänglich, da unsere Gefangenschaft so enge war, daß

wir Kriminalverbrechern ziemlich ähnlich sahen.

»Den Freitag Nachmittag hatte sich also der General Igelströhm mit den

einigen Hunderten, die er noch zusammenziehen konnte, durchgeschlagen

und sich mit den Preußen vereinigt. Die Zurückgebliebenen wurden

meistens niedergemacht, wenn sie nicht so glücklich waren, einem

vernünftigen Militär oder sonst menschlichen Menschen in die Hände zu

fallen. Ich verbarg mich im Hotel des Grafen Borch, wo mein verwundeter

Freund lag, in welches ich, als ich zu den Unsrigen retiriren wollte,

von einer Partei zurückgetrieben wurde. Das Gemetzel fing nun erst an

recht wüthend und grausam zu werden, da die Polen nun entschieden

überall das Uebergewicht hatten, und der bewaffnete Pöbel selten Gefühl

für Menschlichkeit hat; und das Schießen dauerte, wiewohl nicht so stark

als gestern und heute Vormittag, durch die ganze Stadt fort, bis

ohngefähr um Mitternacht, wo sodann nur unterbrochen aus kleinem Gewehr

gefeuert wurde. Den Sonnabend früh fing es in einzelnen Parteien, wo

sich noch die Feinde trafen, zuweilen hartnäckig wieder an, indem sich

einige Rotten Russen wie Verzweifelte wehrten; hörte aber gegen den

Mittag ganz auf. Denn jetzt wurde zur Ruhe geschlagen und geblasen; und

hier muß ich gestehen, so groß vorher das Geschrei, der Lärm, das wilde

Geschieße und verworrene Geheul bei Morden und Plündern gewesen war, so

schnell war nun alles stille; es fiel kein Schuß, kein Schlag mehr. Ich

war so glücklich gewesen, vor der Wuth der besoffenen Parteien mich

verborgen zu halten, indem ich wirklich in den Todesstunden, wo keiner

der Unsrigen, als nur Erschlagene und Halbtodte, mehr zu sehen war,

meine Retirade hinter ein großes Bollwerk alter Fässer auf einem der

obersten Böden nahm. Unzählige Parteien zogen zu Mord und Raube unter

und neben mir hin, rekognoscirten glücklich umsonst alle Schlupfwinkel

um mich her, und zogen mit dem tröstlichen Fluche fürbaß: »Verdammt,

hier sind keine Russen.« Sie sehen, lieber Freund, daß ich sehr

offenherzig erzähle, da Niemand um die Geschichte weiß, als ich selbst;

denn daß ich die Nacht vom Charfreitag zum heiligen Sonnabend hinter

einer Batterie Tonnen auf einem der höchsten Böden Warschaus über Welt

und Menschen und ihre und meine Narrheit philosophirte, wird man wohl

schwerlich unter die Heldenthaten rechnen.

»Nachdem ich einmal das Unglück gehabt hatte, zurück zu bleiben; und wer

damals zurückblieb, den konnte man eben nicht geradezu der Poltronerie

zeihen; nachdem ich mich ferner ziemlich mathematisch überzeugt hatte,

daß ich allein wohl schwerlich Warschau behaupten würde, so fing ich

^omnibus modis^ an darauf zu denken, wie ich nun meinen Hirnschädel

endlich sichern wollte; und der Himmel war so gnädig mich zu schützen.

Der fürchterlichste Augenblick meines Lebens war den Sonnabend Morgens,

als das Gefecht in einzelnen kleinen Partien wieder anfing. Es hatten

sich nämlich noch einige von unsern Soldaten, mit mehreren Bedienten,

Weibern und Kindern von der Ambassade auf einen Boden des andern Flügels

retirirt, den von mir nur eine dünne Bretterwand schied. Eine starke

Partei vermuthlich von gestern, oder schon wieder heute besoffener

Polen, drangen auf den Boden, und die russischen Soldaten wollten den

Angriff zurücktreiben. Das Gefecht fing also oben an. Stellen Sie sich

vor, auf einem Obergebäude das Krachen der Schüsse, das Geklirr der

Gewehre, das wüthende unartikulirte Gebrülle der Polen, das Geschrei der

Russen, das Kreischen der Weiber und Kinder in der Todesangst; es ist

doch etwas ganz anders, als wenn man dergleichen nachgemacht auf dem

Theater sieht und hört. Ich selbst war für mich in diesem Momente in

Sicherheit: aber mein Gefühl ergriff mich mächtig; ich bebte, ich fühlte

Kälte durch meine Glieder fahren, die Haare starrten unter dem Hute; ich

glaube, es war selbst Todesangst: es war eine unnennbare schreckliche

Empfindung, die ich in meinem Leben weder vorher noch nachher gehabt

habe. Mir war diese Erfahrung Bestätigung einer Meinung, die ich immer

gehabt habe: um das Gefühl eines Mannes zu seiner Höhe zu treiben,

gehört nothwendig die ganze Macht der Sympathie: Zufälle seiner eigenen

abgesonderten Individualität reißen ihn nie so sehr außer sich, daß er

sein Gleichgewicht verlöre, oder er verdient nicht mehr, daß man ihn

Mann nenne. Ich hatte während der ganzen Zeit meiner Kryptomilitärschaft

hinter den Tonnen meinen Degen in der Faust, um ihn an vernünftige Leute

mit Anstand abzugeben, oder ehrlich in der Arbeit zu sterben, wenn mich

eine Rotte Bedlamisten entdeckte; ein ^Tertium^ war schwerlich denkbar.

Ich hatte seit Mittwoch Abend nichts als einige Bissen Konfekt gegessen,

die mir ein Soldat vom Raube reichte, und einigemal einen Trunk Wasser

getrunken; Sie können also leicht denken, daß mich den Sonnabend früh

Hunger und Durst plagte. Ich rekognoscire von oben herab die Straße, als

sich der Lärm etwas zu legen anfing; aber alles war noch voll Verwüstung

und Verwirrung. In dem Hofe des Palastes waren zum wenigsten noch einige

Hunderte bunten Gesindels aller Art, mit Waffen aller Art, schrieen

Sprachen aller Art durch einander: und nur zuweilen brach mit

unaufhaltbarer Gewalt der Jubel: »Freiheit und Kosciusko!« durch den

Haufen. Ganz matt warf ich mich auf den Boden und schlief recht ruhig

ungefähr eine Stunde, als mich der hohle Lärm von Fußtritten und das

Stampfen der Gewehrkolben weckte: ich fuhr auf, und setzte mich wieder

in meine alte Positur; aber auch diese Gesellschaft ging fluchend

vorüber, ohne mich zu wittern. Ich wartete noch eine Weile; Hunger und

Durst fingen von neuem an gewaltig zu werden; ich häsitirte noch etwas,

denn wer häsitirt nicht ein wenig, ehe er den Fuß rückt, wenn der

Schritt den Kopf gilt? auch wenn er ziemlich hungrig und durstig ist.

Nach kurzer Ueberlegung ließ ich den Degen liegen, riß die Kordons vom

Hute, warf Feldzeichen und Feder weg, und marschirte so entschlossenen

Muthes, da ich zum Glück nur einen blauen Ueberrock an hatte, durch das

Getümmel. Zwei Schildwachen standen am Eingange des Hauses, vier am

Thore; Niemand bemerkte mich, unter der Verwirrung. Alle Strassen lagen

voll todter Pferde, Sättel, Mäntel, Monturen, Kasken und Exuvien aller

Art; die Kadaver der Gebliebenen hatte man gleich des Morgens gesammelt,

und in den verschiedenen Gegenden der Stadt in Haufen gestapelt, um sie

zu zählen, und von da sie zu begraben, oder in die Weichsel zu werfen.

Mich däucht, in der Geschichte mehr Beispiele gelesen zu haben, daß man

bei Warschau die Todten in die Weichsel warf. So philosophisch man auch

denken mag, empört ein solches Verfahren doch immer das Menschengefühl.

Ehemals sah man es als etwas Charakteristisches der alten Barbarei an,

und jetzt kann es ein Beispiel seyn, daß unser Jahrhundert sich von

derselben bei weitem noch nicht völlig losgemacht hat. Alles fand ich

auf der Straße: die Revolutionären mit noch blutigen Waffen unter

Hurrahrufen, die andern als Neugierige und nicht wenige zeigten sich, zu

ihrer eigenen Sicherheit; indem niemand sicher war, der nicht wenigstens

an der Freude äußerlich Theil nahm. Pistolen und bloße Säbel waren in

Aller Händen; und ich habe selbst Männer wandeln gesehen, die zwei Paar

Pistolen im Gürtel trugen, in der einen Hand den Säbel hatten, und am

andern Arm eine Dame führten. Sie können sich leicht vorstellen, daß

meine Promenade keine der angenehmsten war; ich durchwandelte, ohne

geflissentlich viel Notiz zu nehmen, einige Gassen. Das Haus des General

Igelströhms war ganz zerstört, es stand nur das Gerippe davon da; in

denjenigen einiger andern Russen hatte man nicht viel glimpflicher

gehaußt. Mein erster bestimmter Gang war zu dem sächsischen Major Herrn

von Geßnitz, bei dem ich als einem Landsmanne mir die erste Nachricht

von dem Ausgange und der Lage der Sachen holen wollte, da ich selbst

weiter nichts wissen konnte, als daß die Unsrigen fort waren. Der Major

kam mir mit weit größerer Angst entgegen, als ich selbst hatte, und bat

mich um Gotteswillen, nicht in sein Haus zu kommen. Dem Vater einer

Familie mußte dieses Gefühl natürlich seyn; ich versicherte ihn, daß ich

durchaus nicht meine Sicherheit auf Kosten der seinigen erkaufen wollte,

auch wenn man mich vor seiner Schwelle niederhauen sollte. Er konnte

oder wollte nicht viel sprechen, und schien meine augenblickliche

Entfernung zu wünschen. Auf seinen Rath sollte ich nach dem Rathhause in

der Altstadt zu dem erwählten Präsidenten Sakreczewsky gehen, und mich

zum Arrest melden. Unwillkührlich marschirte ich von ihm fort durch den

Sächsischen Hof, um einen andern Freund, den Doktor Blauberg,

aufzusuchen, der als Arzt doch nicht mit bei der Schlächterei gewesen

seyn konnte. Hier erschien ich als ein Gespenst: denn ich sollte mit

Gewalt den vorigen Tag nicht weit von dem Hause gefallen seyn, und die

Bedienten hatten noch die Identität meines Kadavers nach genauer

Besichtigung behauptet. Kaum wollte man mir glauben, daß ich selbst das

Gegentheil versicherte. Den Doktor selbst hatte man eine halbe Stunde

vorher als den Russen anhängig abgeholt, und sein alter Schwiegervater

bat mich inständig, ihn nicht in Gefahr zu setzen. Er bot mir Säbel und

Pistolen an, damit ich unter der Maske eines Revolutionärs sicher in das

Arsenal kommen könnte. Ich liebe nie die Maske; ich dankte ihm, und

wandelte voll Verdruß einige Gassen auf und ab. Der Mann meinte es gut;

er war selbst Pole, und konnte nichts anders thun, wir waren beide in

Verlegenheit. Ich kam unvermerkt wieder in den sächsischen Garten, und

hielt hier, auf dem besten Spaziergange in Warschau, mit mir selbst

Kriegsrath, was ich wohl mit meinem Kopfe anfangen sollte. Alle Ausgänge

waren besetzt, die Gegend wimmelte von Truppen und wilden

Revolutionären; und vor der Stadt, sagte man mir im Hause des Doktors,

wird alles niedergehauen, was man auffängt. Noch unentschlossen was ich

thun sollte, war ich in Gedanken in die Krakauer Vorstadt gekommen, und

hier hielt das Schalinskische Regiment mit seinen Kanonen. Einige

Officiere sprachen französisch, und plötzlich fiel mir ein, es wäre am

besten, ich bliebe hier; und sogleich war ich bei ihnen. »Meine Herren,«

sagte ich, »ich bin ein russischer Officir, bei Ihnen kann ich

hoffentlich sicher seyn.« Sie sahen mich voll Verwunderung an, und

mir selbst war es nun unbegreiflich, wie ich, da ich doch

Uniform-Unterkleider trug, und der Hut mit Knopf und Litze noch ganz

militärisch aussah, durch das wüthige Gewimmel gekommen war. Meine erste

Bitte war um etwas Trinken, und sie ließen sogleich aus der nahen

Apotheke etwas Zimmetwasser holen, welches, mir mit einem Stücke

Kommißbrot auf der Kanone recht köstlich schmeckte. Die Officiere waren

sehr höflich und artig, und fragten und sagten manches über die

Begebenheit; einige davon erinnerten sich nun, mich in der Uniform

gesehen zu haben. Sogleich versammelten sich um uns her einige Dutzend

von der Populace, und fragten mit grimmigen Blicken, ob ich kein Russe

wäre? da ihnen aber ein Officier sagte, ich sei ein Franzose, und sie

mich französisch sprechen hörten, gingen sie halb mißtrauisch weiter.

»Sie haben uns viel, sehr viel zu schaffen gemacht,« sagte mir sodann

ein Officir, welcher deutsch sprach; »unser Regiment hat 250 Mann

Verlust; aber wie konnte Ihr General die Stadt gegen unser Militär,

unsere starke Artillerie, unsere ganze bewaffnete Bürgerschaft, gegen

alle unsere Vortheile, die uns Lokalkenntniß gab, behaupten wollen?

Wahrlich die Idee war gigantisch.« Ich sagte ihm, daß man Vorfälle nicht

immer vorher sehen könne, und daß keiner gewinnen würde, wenn sich der

Andere nicht verrechnete. Alle waren sehr artig; und zwei von ihnen

begleiteten mich nach dem königlichen Schloß, wo mich Mokronowsky, der

eben dort war, auf die Hauptwache bringen ließ. -- -- --

Als ich den Sonnabend Nachmittag im Schlosse anlangte, hatte man eben

vor dem Schloßthore noch einige Russen niedergehauen, die die Wache

nicht retten konnte. Nun fing die Ungezähmtheit und Gesetzlosigkeit an,

ihre Kräfte zu zeigen. Alles trug Waffen; und nur sehr wenige hatten

Vernunft genug, um zu sehen, was weiter geschehen würde. Es führte zu

blos Haß, Wuth und Wahnsinn; und um die Grausamkeiten zu beschönigen,

erdichtete man die lächerlichsten Beschuldigungen. Leicht ist es, die

Rache des Pöbels zu reizen, aber sehr schwer, sie zu besänftigen. Man

sprach von Freiheit, und Niemand hatte davon einen Begriff; alles war

zügellos, und bei der geringsten Veranlassung drohete man, alle

Gefangene ohne Unterschied zu morden. Die einstweilige Regierung wandte

zwar alles an, um wieder Ordnung herzustellen; aber folgendes Beispiel

zeigt, wie schwach das Ruder gegen den Sturm war. Bei einer kleinen

nichtswürdigen Veranlassung wurden den ersten Osterfeiertag achtzig

russische Gefangene niedergemetzelt. Ich habe die Geschichte mit den

Umständen von einem Polen, der Augenzeuge des schändlichen Schauspiels

gewesen ist, der zuvor nichts weniger als russischer Partisan war, aber

nach und nach, durch wilde Unordnung und dergleichen Unmenschkeiten

getrieben, selbst in der größten Gefahr fast immer für uns war. Obige

Anzahl Gefangener sollte von einem Orte zum andern gebracht werden.

Alles geht, natürlich voll Neugierde, bewaffnet vor, neben und hinter

ihnen her, um recht nach Herzenslust spotten und schimpfen zu können,

welches jederzeit das Vergnügen des Pöbels jeder Art ist. Ein kleiner

giftiger Junge, dem vermuthlich die Physiognomie eines der Gefangenen

zuwider war, oder der von ihm auf seine Spottfragen eine nicht genug

demüthige Antwort erhalten hatte, schießt mit der Pistole nach ihm,

trifft aber zum Unglück einen dabei kommandirten Officir durch den Arm,

und hatte die listige Bosheit, die Pistole dem Gefangenen unter die Füße

zu werfen, und zu sagen: dieser habe sie ihm aus dem Gürtel gerissen,

und nach dem Officir geschossen. Alles ward wüthend, schrie Halt! und

wollte sogleich über die Gefangenen herfallen. Die Menge wuchs, man

führte schon Kanonen mit Kartätschen herbei, und kein Ansehen einiger

herbeigeeilten Magistratspersonen half etwas. Die Gefangenen fielen auf

die Knie, baten flehend und mit gefalteten Händen, man möchte

untersuchen, und den Schuldigen tödten; nichts, man drohete, alle

Gefangene in allen Gefängnissen zu ermorden, wenn man ihnen nicht diese

Preis geben wollte. Die Krise war schrecklich: das Militärkommando nicht

stark genug, den bewaffneten Pöbel zu zähmen; er fiel mit dem Säbel über

die armen Elenden her, und metzelte sie mehr als schlächtermäßig alle

nieder. Leute, die zugegen gewesen sind, können das Gräßliche des

Anblicks nicht genug beschreiben, wie die noch zuckenden rauchenden

Glieder der Zerstümmelten in einem kleinen Raum auf der Methstraße umher

gelegen haben. Das ist Volkswuth. Gesetzt auch, welches doch selbst

Polen als nicht wahr eingestehen, daß der Gefangene die Pistole im Grimm

ergriffen habe, so konnten doch nur Unmenschen deswegen so viele

Unschuldige niederhauen. Dieses war einer der kritischen Augenblicke für

die Gefangenen; und der Major Wengersky, der durch seinen Volkston viel

Ansehen und Gewalt über die bewaffnete Menge hatte, sagte nachher zu

uns: »Kinder, dieser Sturm war gestillt; gebe Gott, daß er nicht von

neuem ausbreche. Seyn Sie um Gottes Willen ruhig und vorsichtig; denn in

dieser Lage kann man für nichts stehen.« In der Schloßwache waren

ohngefähr sechzehn gefangene Officiere von den Unsrigen, die meisten

verwundet, und einige sehr schwer. Hier wurden wir aus des Königs Küche

gespeist, und man begegnete uns mit vieler Artigkeit. Nach vierzehn

Tagen wurden die Kranken in das Spital, und wir übrigen in das

Kommissionshaus gebracht, wo wir mehrere unserer Kameraden vorfanden.

Hier trat die neuerwählte Kommission ihre Funktion förmlich an, und wir

gewannen täglich mehr das Ansehen von Kriminalisten. Kaum hatten wir

Stroh zum Schlafen; zum Essen nicht Messer und Gabel; und erst nach

einigen Wochen ließ man sich bedeuten, daß wohl schwerlich ein Officier

über Tische mit einer Gabel sich oder seine Wache tödten würde. Man fing

an uns Messer und Gabel, jedoch nur bei Tische, zu erlauben, und

jedesmal standen bei dem Essen doppelte Posten mit bloßem Säbel, oder

gespanntem Hahn. Bier wollte man anfangs nicht zulassen, aber an

Branntewein fehlte es nie, welches mir gewaltig inkonsequent däuchte.

Bücher sollten gar nicht, und noch weniger Schreibmaterialien erlaubt

werden, so daß sogar ein Arzt sein anatomisches Kompendium verstecken

mußte, das er noch durch Zufall gerettet hatte. Hernach wurde man

humaner, und endlich hatte Herr Sablotzky von der Kommission sogar

selbst die Güte, mir einen beträchtlichen Vorrath Papiere zuzustellen,

weil er wußte, daß ich ein Poetaster war, und die Poeten sich um

politische Intriguen sehr selten bekümmern. Die zweite Krise war vor dem

Tage der Hinrichtung der Herren Ozarowsky, Ankewicz, Kossakowsky und

Sabiello. Ankewicz, gewesener Präsident des Conseil permanent, hatte,

sagt man, einen falschen Lärm veranstalten lassen, als ob die Russen und

Preußen zurückkämen, um die Stadt anzugreifen; bei dieser Gelegenheit

sollte dann seine Partei die Gefangenen befreien und so vereinigt

versuchen, ob für ihn und sie nicht Rettung möglich wäre. Alles stürmte

nach dem Arsenale; es wurden Kanonen vorgefahren, es fielen hin und

wieder Schüsse, und kein Gefangener durfte es wagen, sich am Fenster zu

zeigen, so drohete man abzudrücken. Man fand den Lärm bald falsch; aber

alles war deswegen in der entsetzlichsten Gährung. Dieses war ein

Donnerstag; den Freitag wurden schnell die Dekrete für die Obenbenannten

abgefaßt, und sie wurden hingerichtet. Noch immer droheten unvernünftige

und wahnsinnige Schwärmer den Gefangenen den Untergang, und die Strenge

gegen sie ließ nicht nach. Man erlaubte kein Licht und keine Bücher,

aber wohl Brantewein und Karten; eine Maßregel, die mir ganz abderitisch

vorkam; denn wirklich waren unter einer Menge junger Leute, die auch

nicht alle die feinste Bildung hatten, über dem Spiele Rausch und

heftiger lärmender Zank nicht selten. Einige Tage nachher hatten einige

Officiere von Distinktion für mich die Erlaubniß erhalten, daß ich in

den sogenannten Brühlschen Palast gebracht wurde, wo ehemals Repnin und

Stakelberg gewohnt hatten, und wo alle Ausgezeichnete unter den

Russischen Gefangenen und das ganze ^Corps diplomatique^ saßen. Alle

waren bis auf das letzte Hemde ausgeplündert; eine Methode, die sich

doch wahrlich nicht mit der gepriesenen Menschlichkeit der Revolutionäre

vertrug! Noch einige Monate nach der Periode machte der Graf Moschinsky

dem General Suchteln ein Geschenk mit einem Hute, weil er beständig

hatte müssen mit bloßem Kopfe gehen. Man erlaubte selbst keinem

Officiere, das Geld zu empfangen, das ihm von seinen Verwandten von

außen her zur Erleichterung ihres Zustandes zugeschickt wurde, sondern

zählte es ihnen nach und nach in Dukaten zu, daß sie sich kaum einzelne

Kleidungsstücke machen lassen konnten. Dieses ist zu entschuldigen, da

die traurigen Verhältnisse es nothwendig machten; daß man aber die

Officiere wie Missethäter auf der Erde liegen ließ, daß man ihnen nicht

einmal eine breterne Bettstelle, lange Zeit nicht einmal einen groben

Strohsack, und nur höchst wenig erbärmliches Stroh zum Lager gab, ist

wohl unter gesitteten Völkern ohne Beispiel. Man ließ uns nicht in die

Stadt gehen aus Besorgniß vor der Wuth des Pöbels, und daß die

Besorgnisse nicht ungegründet waren, beweist der fürchterliche Aufstand,

in welchem der Fürst-Bischof Massalsky, der Fürst Czetwertinsky, der

Geheimerath Boskamp, der Kriminalgerichtsassessor Wulfers und mehre

andere ihre Opfer wurden. Zwar muß ich selbst hier der Populace die

Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie, als sie die Thore mit Gewalt

gesprengt hatten, gegen die Kriegsgefangenen nicht das Geringste weder

sprachen noch thaten, sondern einigen Erschrockenen und Weibern vielmehr

Muth einredeten, und, wie sie sagten, nur die Verräther, ihre

Landsleute, zum Galgen schleppen wollten. Allein wer kann einer

wüthenden Menge trauen? Nur ein Funke ist genug, ein ganz neues Feuer

anzublasen.

»Der Feind rückte heran; die polnischen Truppen unter Kosciusko waren

auf ihrer Retirade nicht weit mehr von Warschau. Die Gefängnisse waren

voll Staatsgefangener, welches eine starke Wache forderte. Der Dienst in

den Schanzen war natürlich sehr strenge und lästig; die Arbeit

beschwerlich. Sogleich machen einige Hitzköpfe das Projekt, die

gefangenen Polen, die alle den Tod verdient hätten, oder doch die

Vornehmsten de facto hinrichten zu lassen. Man richtete des Nachts an

zwölf verschiedenen Orten Galgen auf und auch vor dem Thore des

Brühlschen Palastes ward unter einer Menge Fackeln und dem lautesten

Vivatrufen so ein Instrument des Volksgerichts aufgepflanzt. Die

Kommission ließ mit Anbruch des Tages manche niederreißen, und auch den

vor unserer Pforte; aber kaum erfuhr es die erbitterte Menge, so kam sie

mit großer Verstärkung unter den Waffen, und richtete ihn unter dem

gräßlichsten Lärm wieder auf. Einige Delinquenten hatten wirklich

Sentenz, und sollten diesen Tag gehangen werden; aber man stürmte alle

Gefängnisse und führte mit Gewalt heraus, wen man bestimmt hatte. Der

Fürst Bischof wurde unter unserm Fenster dicht an dem Thore in

Pontifikalibus gehangen, die übrigen schleppte man an verschiedene Orte,

und oft von einem Galgen zum andern, wenn der eine schon besetzt war.

Verschiedene von den polnischen Officieren, die bei diesem Tumulte

Ordnung schaffen wollten, wurden verwundet. Die Krise ließ das

Schlimmste befürchten. Zum Glück rückte Kosciusko nach dem Verlust des

Treffens bei Cezechoczin mit der Armee immer näher nach der Stadt, und

schickte sogleich einige tausend Mann Kavallerie herein, welche die

Ordnung wieder herstellen half. Auf den offenen Plätzen wurden Piquets

mit Kanonen aufgestellt, und gegen die Ruhestörer mit Strenge verfahren;

so daß einige Tage nachher einige Tausend müßige Taugenichtse als

Rekruten zur Armee geschickt wurden.

»Die Belagerung der Stadt von den Preußen fing an; und während der

ganzen Zeit war die Stadt selbst in der größten Ruhe. Man begegnete nun

den Gefangenen, so viel als man in der Lage erwarten konnte, mit Achtung

und Anstand, ob man gleich natürlich von der Strenge nichts nachlassen

konnte.« -- --

Die Preußen hatten Warschau zwar belagert, aber nicht genommen. Suwarow

verstand das Ding besser, erschien, nahm, zog siegend in die Stadt ein

und befreite die russischen Gefangenen.

Seume's Freunde in Leipzig hielten ihn als ein Opfer der revolutionären

Wuth für verloren; aber wie wurden sie überrascht, und nicht wenig

erfreut, als er gerettet und wohlbehalten wieder vor ihnen stand! Er kam

auf Befehl der russischen Kaiserin nach Sachsen, als Begleiter und

Beistand des jungen Majors Muromzow, Sohn des Obersten, der bei

Katharina viel gegolten hatte, und auf dem Schlachtfelde schwer

verwundet liegend in polnische Gefangenschaft gerathen war. Der

Jüngling, welcher durch die Brust geschossen war, suchte Heilung und

wurde durch den vortrefflichen Eckhold in Leipzig völlig hergestellt.

Diese Sendung war ehrenvoll für Seume, und er konnte nun mit Sicherheit

darauf rechnen, im russischen Dienst bald einen bedeutenden Posten zu

erhalten, als am 27sten November 1796 der Tod die große Monarchin von

der Erde wegnahm und Seume's schöne Hoffnungen auf einmal wieder

vernichtete. In einer gehaltvollen Schrift: »Ueber das Leben und den

Charakter der Kaiserin von Rußland Katharina II.,« die im Anfange des

Jahres 1797 in Leipzig erschien, hat Seume den Charakter und die Thaten

seiner Gönnerin kurz, unparteiisch, würdig und meisterhaft geschildert.

Wer ihn für einen unruhigen, mit den Maßregeln aller monarchischen

Regierung unzufriedenen Menschen gehalten hat, der wird nach Lesung

jener Schrift eine andere Meinung von ihm bekommen, und die Gründe wie

den Zusammenhang seiner politischen Meinungen erst recht beurtheilen

können.

Paul I. bestieg nun den russischen Thron. Seine Maximen und Beschlüsse

haben Vielen wehe gethan, auch Seume litt darunter. Alle russische

Officiere im Auslande wurden strenge zurück berufen, und die nicht

gleich kamen, wurden auf der Liste ausgestrichen. Seume war auf Befehl

Katharinens in Leipzig; sein Geschäft war ohne seine Schuld noch nicht

vollendet; denn Eckholds Kunst und die Heilung der Natur richtete sich

nicht nach einem kaiserlichen Ukas; demohngeachtet strich man auch ihn

aus. Aber Seume war nicht weniger ein harter Kopf als Paul I. Er schrieb

und protestirte so lange und so nachdrücklich, bis man ihn einen

ehrenvollen Abschied sandte, und zugleich die Erlaubniß ertheilte,

wieder zum Dienst zurückkommen zu können. Auf diese Erlaubniß leistete

aber der Lieutenant Verzicht, wohl einsehend, daß seine Art und Weise

mit Pauls I. Art und Weise gar nicht verträglich war, und blieb frei und

unabhängig in Sachsen. Der Charakter des Kaisers ist übertrieben

getadelt; Seume hat ihn in mancher Rücksicht gerechtfertigt und

richtiger beurtheilt in einer Schrift, die unter dem Titel: »Zwei Briefe

über die neuesten Veränderungen in Rußland,« 1797 herausgekommen ist,

und manche noch jetzt interessante Nachrichten über die Organisation und

die treffliche Kleidung des russischen Militärs enthalten, wodurch man

geneigt werden kann zu glauben, daß andere Nationen manches davon

nachgeahmt haben. Er lebte jetzt wieder in Leipzig von der

Schulmeisterei -- wie er zu sagen pflegt -- von dem Unterricht im

Englischen und Französischen. Seine Leiden und Freuden waren die

nämlichen, welche überhaupt dem Menschen zu Theil werden, wenn er ein

stark fühlendes Herz und einen gebildeten Geist, wenn er eine Bildung

hat, die kein Gepräge fremder Gewalt ist, sondern aus dem eignen Geiste

durch die von Gott mitgetheilte Kunst entstand.

Ich würde gesagt haben, er habe von jetzt an das Privatleben erwählt,

wenn man also ein Leben nennen könnte, welches angewendet wird, für das

Beste der ganzen Menschheit zu wirken. Er suchte keine Militärstelle,

weil nach seiner Meinung das deutsche Militär nicht für das stritt, was

er für das Beste hielt, und weil er auswärtigen Kriegern nicht helfen

wollte, Deutschland einst, wie er voraussah, den Folgen des Krieges

auszusetzen. Er suchte kein Amt -- in einem Amte durfte er das nicht

öffentlich sagen, was er mündlich und schriftlich sagen wollte -- und er

brauchte kein Amt; denn der Unterhalt für ihn, der so wenig bedurfte,

war leicht zu gewinnen, und an Erheiterung konnte es ihm nicht fehlen,

weil ihm jedes gute Haus, jedes edle Herz offen stand, und er den

feinsten Sinn für wahre Geselligkeit hatte.

Der Buchhändler Göschen, welcher damals einige schöne Ausgaben deutscher

klassischer Schriftsteller druckte, bat Seume zu ihm nach Grimma zu

kommen, und die Revision der Handschriften des Drucks zu übernehmen. Er

nahm die Einladung an, arbeitete mit Liebe und Treue, und lebte hier in

der reizenden Natur, in den Bergen und Schluchten, an den lieblichen

Ufern der Mulde. Im Jahre 1780 gab er bei einem andern Buchhändler seine

Gedichte heraus. Sein Umgang waren einige gebildete Familien jener

Gegend, und einige Jünglinge, welche er durch Lehren und Beispiele

bildete, zur Entbehrung und Ertragung gewöhnte. War der Winterabend

recht unangenehm, so stand er bei anbrechender Nacht von seiner Arbeit

auf, ging noch zu diesem oder jenem Freunde auf dem Lande, und gebot dem

Zögling, in einer Stunde ganz allein nachzukommen. Hatten sie dann

wieder ausgeruhet, so wandelten sie in dicker Finsterniß durch

Schneegestöber und Sturm, durch Hügel, Berge und Hohlwege nach Grimma

zurück. Es wurde auch wohl zu Mittage beim allerschlechtesten Wetter des

Monats December ein Spaziergang von sechs tüchtigen Stunden nach Leipzig

beschlossen, um dort in das Schauspiel zu gehen, welches um sechs Uhr

Abends anfängt. War das Stück geendigt und eine warme Suppe gegessen, so

ging die Reise unaufhaltsam gleich zurück, und der Mentor und sein

Zögling kamen bald nach Mitternacht wieder in ihrer Wohnung an. Nicht

allein die Härte des Winters, sondern auch die Hitze und die Gefahr des

Sommers sollte die Jugend ertragen lernen. Ein Freund lebte allein auf

dem Lande und litt viel von dem Einfluß der Gewitter auf seinen Körper.

In einer schrecklichen Mitternacht flogen Blitze auf Blitze vom Himmel

und ein Donnerschlag unterbrach den andern; da dachte Seume an seinen

Freund, machte sich stracks mit seinem Zögling auf, und erschien bei dem

Leidenden als ein freundlicher Engel in der gefährlichen Nacht. Einer

dieser Zöglinge, welcher jetzt in Wien ein geschickter Tonkünstler ist,

hatte eine sehr zarte weichliche Natur; demohngeachtet wurde diese

vermittelst jener Uebungen so gestärkt, daß er den letzten Feldzug der

Oesterreicher gegen die Franzosen, ohne sich zu schonen, tapfer

mitgemacht und die größten Fatiguen glücklich ausgehalten hat. Die

Jünglinge wurden durch diese strenge Erziehungsart zwar hart, aber nicht

rauh, stark, aber nicht wild; sie blieben in ihrem Innern sanft, und

fähig des schönen Genusses der stillen häuslichen Freuden, welche auch

ihr Lehrer so gern und so innig genoß. Wenn seine Freunde ein

Familienfest feierten, so durfte Seume nicht fehlen und sie haben ihn da

recht herzlich froh gesehen. Es sind noch viele Gedichte vorhanden,

worin er jenen glücklichen Stunden ein Monument gesetzt hat, die jetzt

von den Besitzern als heilige Pfänder seiner Freundschaft angesehen

werden. Eins bei dem Wiegenfeste eines kleinen Mädchens soll hier

abgedruckt werden, weil es so leicht und ungezwungen ist.

Für Lottchen zu ihrem neuen Jahre.

Der Tag

Mag

So schauerlich

Novemberlich sehn,

Er ist doch nicht traurig;

Ist schön.

Das Jahr

War

Dem feinen Geschöpfchen

Mit niedlichen Köpfchen

Ein Blumenaltar:

So werde

Die Erde

Dem lieblichen Mädchen von Jahr zu Jahr

Nun Lottchen,

Du drolliges Bild,

Du bist ja so wild,

Lauf bald nun ein drolliges Trottchen

Kosakisch,

So schnakisch,

Wie kaum es der liebe Papa

In artiger Gruppe

Der lärmenden Truppe

Der häuslichen Polterer sah.

Seume's einfache, klare und treuherzige Sprache mit dem Landvolke bewog

Göschen, auf einem ländlichen Spaziergang, ihn aufzumuntern, ein

Sittenbuch für den Stand zu schreiben, den er so gut kannte und den er

liebte. Er schenkte die Handschrift seinem Freunde, dem würdigen Pastor

Schieck in Pomsen, und sie ist, nach dem Tode ihres Verfassers, unter

dem Titel: »Nachlaß moralisch religiösen Inhalts,« gedruckt worden. Für

das Honorar derselben hat ihr ehemaliger Besitzer der Gemeine des Dorfs

Groß-Steinberg eine neue Altar- und Kanzelbekleidung besorgt, zum

Andenken an den edlen Mann, welcher eines Bauern Sohn war.

Es haben sich hier und dort einige Vers- und Reimmeister, welche in der

reinen Kunstform viel geleistet zu haben glauben, mit der Frage

vernehmen lassen: ob Seume auch ein Dichter sey? Besteht das Wesentliche

der Poesie in hohen Gedanken, in tiefem Gefühl des Großen und Schönen,

in Gebilden, welche in der Seele entstehen, und welche die Seele wahr,

lebendig, ergreifend, wohlklingend und melodisch ausspricht, so ist

Seume ein Dichter, ohngeachtet er kein romantisches Gedicht gemacht hat,

sondern nur das poetische Talent zur Unterstützung jener Ideen benutzte,

für welche er seine Nation empfänglich machen wollte. Alle seine für das

Publikum bestimmten Gedichte sind nur Vorübungen und Vorläufer zu einem

großen Lehrgedichte: »Asträa,« welches er nicht ausführen konnte, weil

ihn der Tod zu früh überraschte. Durch Schillers Thalia wurde das

Gedicht an Münchhausen allgemein bekannt. Schnorr las dasselbe und es

riß ihn so hin, daß er nicht eher ruhte, bis er die Bekanntschaft des

Dichters gemacht hatte. Aus dieser Bekanntschaft von den Musen geknüpft

entstand ein Bund der Freundschaft, den zu lösen die Zeit nicht

vermochte. Bei Schnorr, diesem ächten Künstler, wenn, wie Lessing meint,

der Kunstsinn den Künstler macht, bei Schnorr, diesem braven Hausvater,

der eine zahlreiche Familie durch unermüdeten Fleiß und Entsagung aller

erkünstelten Bedürfnisse erhält und trefflich erzieht, bei dem heitern,

durch und durch guten Schnorr aß Seume gewöhnlich des Abends sein

Butterbrod und seine Kartoffeln, trank Wasser, wiegte die Kleinen eins

nach dem andern auf seinem Schooß, und lebte und webte hier in der

Kunst, und in der wahren lieblichen Natur.

Seume hatte Empfänglichkeit für die Reize des schönen Geschlechts: er

war mehrere Mal wirklich verliebt mit der ganzen Stärke und Heftigkeit

seines Gemüths. Ich würde dieses als etwas ganz Gewöhnliches, das den

mehrsten Geschöpfen zu begegnen pflegt, gar nicht erwähnen, noch weniger

bemerken, daß er, wie alle ätherische und kräftige Menschen, den Kopf

dabei ein wenig verloren habe, wenn es nicht auffallend gewesen wäre,

daß die beiden letzten Gegenstände seiner Liebe reiche Mädchen waren. Er

suchte ihren Reichthum nicht, aber da sie reich waren, ließ er sich hier

gehen, und strebte nach einer ehelichen Verbindung mit dem Gegenstand

seiner Liebe, weil, wenn er ein Opfer seiner Ueberzeugung und deren

lauter Verkündigung werden sollte, welches gar nichts Unmögliches war,

die Gattin nicht verlassen von Familie und Vermögen sein möchte. Gewiß

haben mehrere Mädchen Eindruck auf ihn gemacht; aber wenn sie arm waren,

so suchte er gleich Anfangs Herr über ein solche Liebe zu werden, und

ihrer Macht zu entgehen.

Es war überhaupt Plan in seinem Privatleben, wiewohl dieser Plan nicht

in die Augen fiel. Als Göschen ihm die Aufsicht über seine damaligen

typographischen Unternehmungen antrug, antwortete Seume: »Zwei Jahre

will ich bei Ihnen sitzen, dann muß ich mich aber wieder ein wenig

auslaufen. Ich will nach Syrakus.« Mit dem letzten Tage der zwei Jahre,

im Anfange des Decembers 1801, reisete er ab, und nach neun Monaten trat

er an demselben Tage, den er als Ziel seiner Abwesenheit bestimmt hatte,

auch wieder in Göschens ländliche Hütte, zum frohen Erstaunen der ganzen

Familie. Wenige Wochen vor seiner Abreise, am Geburtstage der Mutter

dieser Familie, seiner Freundin, sang er im Garten bei einer sternhellen

Nacht, verkleidet als Einsiedler, folgendes Lied:

Der Abend gießt, wie Dämmrungstraum,

Sich friedlich durch den Apfelbaum,

Und haucht dem Greis am Lebensziel

Noch Jugendgeist ins Saitenspiel.

Ich bin dem Sturm der Welt entflohn,

Und Ruh ist meiner Seele Ton;

Hoch wogt' ich einst von Pol zu Pol,

Nun bin ich einsam, still und wohl.

Ein Silberhaupt, das weise war,

Sieht tief zurück durch manches Jahr,

Und sieht aus der Vergangenheit

Prophetisch den Erfolg der Zeit.

Es weht mich von der Sternenbahn

Jetzt himmlische Begeist'rung an:

Hört, Kinder, hört mit stiller Ruh

Dem Lied des alten Klausners zu!

Engelharfen tönen laut

Durch der Geister Reihn,

Wo die Tugend Hütten baut,

Gut und froh zu seyn.

Gott der Vater schuf die Erde,

Daß sie uns zum Himmel werde.

Freundschaft giebt und Liebe nur

Menschenmajestät;

Jede Freude der Natur

Wird durch sie erhöht:

Ohne diese mag der armen

Traurigen sich Gott erbarmen.

Wenn die Mutter zu dem Fest

Ihre Kinder nimmt,

Und die Freude jubeln läßt,

Die im Auge glimmt:

Welche Zunge könnte sagen,

Was beredt die Herzen schlagen!

Schöner als es gestern war,

Schöner ist es heut;

Und so bringet jedes Jahr

Seine Seligkeit.

Mag die Zeit vorüberfließen,

Wisse, weise zu genießen.

Engelharfen tönen laut

Durch der Geister Reihn,

Wo die Tugend Hütten baut,

Gut und froh zu seyn.

Gott der Vater schuf die Erde,

Daß sie uns zum Himmel werde.

Während einer Handvoll Tage hatte er die Reise durch Oesterreich,

Italien, Sicilien, die Schweiz, von da einen Abstecher nach Paris, und

von Paris nach Sachsen zu Fuße vollendet. Die Veranlassung zu dieser

Reise war keine andere, als der Wunsch, den klassischen Boden zu

durchwandeln, und in den großen Begebenheiten, in dem herrlichen Reiche

der Kunst des Alterthums, und in der schönen Natur Italiens anschaulich

zu leben. Er hat geschwelgt in diesen Genüssen; aber er hat darüber

nicht, wie Andere, den Geschmack des Guten und Schönen verloren, welches

die vaterländische Erde und der Himmel unserer Heimath reichlich giebt.

Das beweiset folgendes kleine Gedicht:

Den 20. September 1802.

Lieben Leute,

Bringet heute

Jeder seiner Gaben beste

Zu der Freundin Jahresfeste!

Freude bringt und frohen Sinn!

Wo man freundlich sich begegnet,

Seele sich durch Seele segnet,

Wohnt des Lebens Königin.

Ihre Kinder

Fliehn geschwinder,

Doppelt froh sie zu begrüßen

Mit der Freude Feuerküssen,

Heute zu der Mutter Schooß;

Und der Mann des Herzens eilet

Ihnen in den Arm und theilet

Ihres Lebens schönes Loos.

Aus den Blicken

Strahlt Entzücken

Und es leuchtet in der Ferne

Mit der Hoffnung Flammensterne

Schön und mild die Zukunft schon.

Mögen, Freundin, Dir auf Erden

Oft noch solche Stunden werden,

Und die Zeit ist nicht entflohn.

Am Aetna wächst die Frucht der Hesperiden

Und Oel und goldner Wein;

Allein man wohnt am Aetna nicht zufrieden

Und kann nicht ruhig sein.

Der Feuerberg stürzt aus dem Höllenschlunde

Oft seine Fluth herab,

Und wälzt die Stadt mit Oel und Frucht zu Grund

Und macht ein großes Grab.

Am Hügel hier blühn jetzt noch schöne Rosen, --

Und wächst auch etwas Wein:

Auch können wir beim Lied vertraulich kosen

Und immer ruhig sein.

Zwar nickt uns nicht von einem hohen Baume

Die Ambrafeige zu,

Doch pflücken wir vom Ast die Mohrenpflaume,

Und essen sie in Ruh.

Die Mandel fehlt, wir haben aber Kirschen,

Und haben dran Gewinn;

Und gäben wir wohl unsre Purpurpfirschen

Für die Granate hin?

Der Aetna ist ein häßlicher Herr Vetter

Mit seiner Feerei:

Hier kommt wohl auch ein kleines Donnerwetter;

Doch ist es bald vorbei.

Drum wollen wir genießen, singen, kosen,

Und froh sein wollen wir.

Singt, Freunde, singt: Es leben unsre Rosen

Auf unserm Berge hier!

Nach Vollendung dieser großen Wanderung ruhte er wieder in Leipzig aus,

und schrieb seinen »Spaziergang nach Syrakus.« Dieses Werk verschaffte

ihm als Schriftsteller und als Mensch eine große Achtung bei allen Edeln

von der Newa bis an den Rhein. Jetzt, da die öffentliche Meinung für ihn

war, tadelte er mit Kühnheit alles, was er als Fehler und Mißbräuche in

den gesellschaftlichen Verhältnissen erkannte, und sagte ohne Schonung

der Personen das Gute und Böse einer jeden Verfassung gerade heraus. In

der Vorrede zu seiner Uebersetzung von Percivals Beschreibung des

Vorgebirges der guten Hoffnung (Leipzig 1805) macht er den Engländern

wie den andern Eroberern, über ihr politisches Verfahren starke Vorwürfe

und sagt ihnen seine Meinung ohne Zurückhaltung. »Der Verfasser,« sagte

Seume, »hat die Feinde seiner Nation so schlecht gemacht, als sich's mit

Ehre und einem Anschein von Wahrheit thun ließ; aber dadurch wird die

Sache für seine Landsleute nicht besser; denn wo sie die Meister

spielten und noch spielen, da geht es mit eben so wenig Mäßigung und

Humanität zu, als überall -- -- -- Andere wissen doch ihren Erpressungen

und Malversationen noch einen Anstrich von Wohlwollen zu geben, wodurch

sich freilich kein Sehender blenden läßt. Percival sagt ohne Scheu

geradezu: wenn wir das Vorgebirge haben, beherrschen wir den Handel

Indiens, folglich den Handel der Welt, folglich -- die Folgen sind alle

klar. Das ist ächt britisch. Britannia, Beherrscherin des Meeres! durch

die Wogen mache den Erdball zinsbar! -- Der jetzige politische Horizont

kommt mir vor, wie die Lage vor der Schlacht von Zama; siegt die eine

Partie, so haben wir wahrscheinlich eine Römerei, vielleicht etwas

sanfter und glimpflicher, nach dem Geiste der Zeit, im Uebrigen aber

ganz ähnlich. Wenn England im Streite nicht erliegt, ist dadurch nichts

gewonnen, als Dauer des Kampfes, wozu die andern die Kräfte liefern. Die

Energie der Engländer ist nicht zu verkennen, so wenig als ihr

Freiheitssinn zu Hause; daß sie sich aber durch Gerechtigkeit, Humanität

und reines Wohlwollen vor Nationen in andern Welttheilen auszeichnen

sollten, wird ihnen Niemand glauben. -- Wo der Begriff Sklave noch im

Recht gilt, darf man durchaus nicht behaupten, daß man die erste Stufe

reiner menschlicher Bildung erstiegen. Der Himmel bewahre uns auch vor

römischer und griechischer Freiheit, wenn für das allgemeine Heil der

Menschheit Hoffnung seyn soll. Freiheit ist durchaus nichts als

Gerechtigkeit, und diese nichts, als gleiche Befugniß mit gleichen

Pflichten im Staate. Und so lange man sich ein Haar breit von dieser

Basis entfernt, so mag man Konstitutionen bauen, wie man will; es werden

blitzende Meteore seyn, aber nicht halten. Nur die Natur mit ihren

Gesetzen ist beständig.« --

Wahrscheinlich hat er auch damals seine Anmerkungen zum Plutarch in

lateinischer Sprache geschrieben, mit einer Vorrede, welche so kühn war,

daß sie kein Buchhändler drucken konnte und kein Censor die Erlaubniß

dazu gab. Wo die Handschrift hingerathen ist, weiß man nicht.

Der russische Konsul in Leipzig, Herr Hofrath Schwarz, suchte für einen

jungen angesehenen Mann einen Begleiter bis Dorpat. Seume ergriff diese

Gelegenheit um den längst gefaßten Vorsatz auszuführen, seine Freunde

und ehemaligen Kriegsgefährten in Petersburg zu überraschen. Diese

merkwürdige Reise durch Rußland, Finnland und Schweden hat er in dem

Werke: »Mein Sommer,« beschrieben, und er hat auch dieses Werk benutzt,

um das Leben seiner Seele ohne Schleier darzustellen. Die Vorrede zu

diesem Werke ist meisterhaft und gehört in dieser Rücksicht zu dem

Besten, was die alte und neue Literatur in diesem Fache aufgestellt hat.

Die oft genug wiederholten Behauptungen Seume's waren jetzt

eingetroffen: die Franzosen wurden Beherrscher des Kontinents, und er

sah den Folgen in der Stille und Abgezogenheit zu. Er hatte einige Bogen

Papier zusammengeheftet und den Titel: »Schmieralien« darauf

geschrieben. Die verhängnißvolle Zeit brachte gewissermaßen in jedem

Menschen, nach seiner Individualität, Schmieralien hervor, Zunder,

welchen die Begebenheiten entzündet hatten, und der bei andern bald

erlosch, dem aber Seume in seiner Seele Nahrung gab, und dann in sein

Magazin trug, welches, nach seinem Tode, unter dem Titel: »Apokryphen«

1811 erschien. Im Jahre 1808 erschien sein »Miltiades.« Dieses Werk ist

kein Spiel bestimmt gesehen zu werden, und weichen Seelen zu Thränen zu

verhelfen; es ist ein Bild für die Seele des Jünglings und des Mannes,

der in Flammen für das Vaterland ausbrechen soll.

Gegen Johannis des eben genannten Jahres litt der Vielgewanderte an

einer Schwäche des Fußes, welche er seit den amerikanischen Feldzügen,

wiewohl ohne große Beschwerde, schon zuweilen empfunden hatte, die aber

jetzt so groß war, daß er einige Wochen das Bett hüten mußte. Das war

ein Vorbote der größeren Leiden, die bald über ihn ausbrachen. Am Ende

des Augusts begann eine Krankheit des Unterleibes, der Blasenkatarrh,

eine Krankheit, die mit den qualvollsten Schmerzen verknüpft ist, ihm

fast allen Schlaf raubte, und, was noch grausamer für ihn war, ihm weder

das Lesen, noch das Schreiben, ja nicht einmal das Sprechen verstattete.

Während dieser Pein hat er seine Trauer und seinen Trost in dem

rührenden Gedichte: »Kampf gegen Morbona« ausgedrückt. Möge es Niemand

ungelesen lassen! Sein edler Freund, der treffliche Doktor Braun, that,

was er vermochte; er linderte die Schmerzen, hob die gesunkenen Kräfte

immer wieder empor, und stellte ihn so weit wieder her, als es möglich

war. Mit Anfang des Jahres konnte er wieder ausgehen und seine Freunde

besuchen; jedoch blieb er immer schwach, weil der Same des Todes im

Wachsthume zwar geschwächt, aber nicht erstickt werden konnte. Die

treueste Freundschaft hat für ihn während dieser Krankheit gesorgt und

ihn gepflegt. Der Kaufmann Haußner ließ sich ehemals von Seume in der

englischen Sprache unterrichten, und nahm ihn hernach, um seinen Umgang

zu genießen, in seine Wohnung auf. Mehr kann kein Bruder für den Bruder,

kein Sohn für den Vater thun, als dieser Mann für seinen Freund, während

der ganzen Krankheit, mit Delikatesse, mit Aufopferung, mit einer Art

von Eifersucht gegen die Freundschaftsbezeugungen Anderer gethan hat.

Im Frühlinge 1810 wagte Seume, ungeachtet seiner Schwäche, eine Reise

nach Weimar zu seinem verehrten Freunde Wieland. Dieser, erschüttert

durch die Hinfälligkeit des ehemals so kräftigen Mannes, und besorgt

wegen einer vielleicht hülflosen Zukunft, ging zu seiner Gönnerin, der

Erbprinzessin von Weimar, einer der seltenen Fürstinnen, die alle gute

und edle Menschen liebt und von allen geliebt wird, erzählte ihr Seume's

Geschichte und führte den edlen Mann selbst bei ihr ein. Sie nahm sich

desselben an, und verlangte von ihm, daß er an ihren Bruder, den Kaiser

Alexander, nach Petersburg schreiben sollte. Seume schrieb nach seiner

Art wahr und würdig. Wieland fürchtete, der Ton des Briefes möchte hier

und da dem Kaiser auffallend seyn, die Großfürstin fand es nicht, nahm

den Brief und sandte ihn selbst an ihren erhabenen Bruder ab. Der gütige

Monarch bestimmte für Seume eine Pension; aber leider bedurfte er

derselben nicht mehr, er hatte das Ende seiner irdischen Wanderschaft

und das Ende aller Sorgen erreicht.

Nach seiner Zurückkunft von Weimar fand er seine Wohlthäterin und

Freundin, die Frau Elisa von der Recke, und den Dichter Tiedge, der ihn

unbeschreiblich achtete und liebte, im Begriff, nach Töplitz in das Bad

zu reisen. Er wurde dadurch zu dem Entschlusse bewogen, ihnen zu folgen

und in ihrer Gesellschaft zu versuchen, ob auch er an jener Quelle

Heilung und die Kraft seines Lebens wieder gewinnen könnte. Bei seinem

Abschiede übergab er dem ^D.^ Braun, als ein Pfand seiner Liebe, die

Handschrift des von ihm selbst niedergeschriebenen Lebens. Wir sehen aus

diesem und aus dem Gedichte »Morbona,« daß bis jetzt die Krankheit

seinen Geist nicht überwältigt hatte. Ließen die Schmerzen nur etwas

nach, so war sein Gespräch heiter, freundlich, lehrreich und oft witzig.

Er war immer herzlich gegen die Freunde, zuweilen sanfter, als

gewöhnlich, aber eben so stark und bitter, als sonst, gegen alle Feinde

der Vernunft, des Lichtes und der Humanität.

Gegen das Ende des Monats Mai 1810 traf Seume in Töplitz ein, wo er im

goldnen Schiffe, oder der sogenannten Töpferschenke, eine Stube bezog,

welche ihm die heiterste Aussicht auf die Stadt und das Bad, von dem er

noch entscheidende Hülfe hoffte, auf ein paradiesisch grünendes Thal,

mit hohen, im Frühlingsdufte schwimmenden Bergen, aber auch auf die

Stelle seines künftigen Grabes gewährte. Ganz nahe war er hier dem

Fürstenhause, wo die Frau von der Recke und Tiedge wohnten, deren

Umgang ihn den vorhergehenden Winter so oft zu einer wahrhaft

menschenfreundlichen Heiterkeit gestimmt hatte, und ihm auch nun seine

letzten trüben Stunden erhellte. Auch konnte so am leichtesten, aus der

Küche der Frau von Recke, für seine, nach einer strengen Diät

angeordneten Speisen gesorgt werden, und dieses diente ihm zu keiner

geringen Beruhigung, da er selbst über diese Diät, wenigstens anfangs,

sehr gewissenhaft hielt. Unterzeichneter, der ihn seit zwanzig Jahren

kannte und schätzte, hatte seine Wohnung eine Treppe höher über ihm;

bald sammelten sich auch einige andere Freunde und Bekannte um ihn her,

und waren daher ebenfalls im Stande, durch kleinere Dienste für ihn zu

sorgen, die Seume mit williger Dankbarkeit und anfangs unter

freundlichen Scherzen annahm. Ungeachtet Seume dieses Mal natürlich

Pferd und Wagen bei seiner Reise zu Hülfe genommen hatte, so ward es

doch bald bei Menschen aller Art in Töplitz bekannt, daß der berühmte

_Fußwanderer_ angekommen sei, um hier das Bad zu gebrauchen, und seine

Ankunft sowohl, als der mögliche Erfolg seiner Kur, erregte allgemeine

Theilnahme. Er selbst wünschte diese Kur möglichst beschleunigt. Denn

die mitgebrachte, nicht unbedeutende Menge von Dukaten seiner

Baarschaft, über welche er mit der Genauigkeit eines Financiers häufige

Revision hielt, wie auch die in seinem Taschenbuche aufgezeichneten

Reiserouten und Städtenamen, wiesen auf einen Lieblingsplan hin, den

Rhein oder wohl gar die Schweiz zu besuchen. Leider schlugen aber bald

die Aeußerungen des würdigen Töplitzer Brunnenarztes, ^D.^ Ambrozy, den

er wegen seines Zustandes um Rath fragte, seine und mit noch deutlichern

Ausdrücken die Hoffnungen seiner Freunde nieder. Der Gebrauch des

freilich weit wirksamern Stadtbades ward Seumen ganz untersagt, und nur

die Steinbäder, in dem eine Viertelstunde Weges entfernten Dorfe

Schönau, wurden gestattet, welche _bei günstiger Witterung_ gebraucht,

wenn auch den Grund seiner Krankheit nicht ganz heben, aber ihm doch

etwas Stärke geben, wenigstens nichts schaden würden. Die größte

Schwierigkeit lag für Seume und seine Freunde darin, ihm ein medicinisch

zweckmäßiges Getränk zu verschaffen. Das laue Trinkwasser in Töplitz ist

bekanntermaßen, selbst nach seiner Erkältung ohne Kraft und kaum

trinkbar, weshalb man sich an die Biere und österreichischen Landweine,

oder einen selbst mitgebrachten Weinkeller halten muß. Alle diese

Getränke waren Seumen gerade, aus medicinisch bekannten Gründen, bei

seiner Krankheit verboten. Seume versuchte vom mineralischen Wasser der

benachbarten Brunnenstadt _Bilin_ zu trinken. Aber das Wasser dieses

Sauerbrunnens war ihm zu schwer, und vermehrte seine Uebel. Am Kloster

_Mariaschein_, eine Stunde von Töplitz, fließt das _Mariabrünnlein_,

eine erfrischende, mit zierlicher Kuppel überdeckte Quelle, von der ich

Seumen eine Flasche zur Probe mitbrachte. Allein auch diese Gabe der

Heiligen wollte unserm Kranken nicht zusagen, und überdem war die Quelle

zu entfernt. Seume war einmal an das Selterwasser gewöhnt, welches man

aber anfangs in Töplitz vergebens suchte. Schon bemeisterte sich der

Unmuth unseres Freundes, und aus einer sehr gewöhnlichen Täuschung schob

er alle Schuld seiner Schmerzen nicht auf seinen unheilbaren Zustand,

sondern auf den Mangel des Selterwassers, an das er gewöhnt sei. Es ist

eine eben so bewährte, als rührende Erfahrung, daß die Hoffnung den

Menschen selbst am Rande des Grabes nicht verläßt, um ihm, wenigstens

durch ihren lieblichen Schein, die finstere Wahrheit der letzten Stunden

zu verschleiern. Auch Seume war davon ein Beispiel. Sein Muth fand sich

nicht wenig aufgerichtet, und sein Hang zur Selbstständigkeit vorzüglich

geschmeichelt, als ihm selbst gelang, was keinem seiner Freunde gelungen

war, bei einem Krämer in Töplitz noch einige Flaschen Selterwasser

aufzutreiben. Aber bald sah er ein, daß auch diese seine Panacee das

verlorne Gleichgewicht seiner Natur wieder herzustellen nicht mehr im

Stande war. Nichtsdestoweniger brauchte er, anfangs mit aller Vorsicht,

einige Steinbäder, und spürte auch deren gute Wirkung. Ja selbst der

Gang nach Schönau und zurück, den er bei guter Witterung zu Fuß, in dem

alten Reisecostüm, das wir an ihm kannten, wacker unternahm, ermattete

ihn so wenig, daß er gewöhnlich seinen Mittag noch bei seiner Freundin

Elise zubringen, und mit ihr und Tiedge, nach alter Weise, über die Welt

und sein Zeitalter philosophiren konnte. Zuweilen äußerte er zwar hier

im Schooße vertrauter Freundschaft den in seiner Lage wohl erlaubten

Wunsch, durch den Tod bald von seinen Schmerzen befreit zu werden. Ja er

gab wohl nicht undeutlich zu verstehen, daß ihn blos um der Schwachen

und Thoren willen die Pflicht des Beispiels abhielte, seinem für sich,

und, wie er meinte, für seine Freunde beschwerlichen Zustande ein Ende

zu machen. Indessen wechselte diese trübe Stimmung mit andern der

Lebensliebe und Lebenshoffnung wieder ab. Gewöhnlich wird die viele

Sorge, welche ein Kranker an seine Heilung zu verschwenden pflegt, ein

neuer Grund der Lebensliebe. Denn wer wünschte wohl vergebens gesorgt zu

haben? Dies war auch bei Seumen der Fall, so wenig er sonst, in gesunden

Tagen selbst, das Gute des Lebens zu preisen gewohnt schien. Diese

abwechselnden Stimmungen brachten nun freilich einige Widersprüche in

seinem Betragen, zuweilen ängstliche, übertriebene Folgsamkeit gegen die

diätetischen Regeln, zuweilen auch halsstarrige Unfolgsamkeit, bald

stoische Geduld, bald minder stoische Wunderlichkeit hervor, weswegen er

denn manche moralische, wohlmeinende Vorhaltung von seinen Freunden

anhören mußte, die er mit seinen gewöhnlichen Sarkasmen, oder mit einem

lakonischen: »_Schon gut!_« hinnahm. Leider war er aber keinesweges, bei

der rauheren Witterung, die dem ersten Scheinfrühlinge folgte, dahin zu

bestimmen, das Baden ganz auszusetzen. Ja an einem mit Regen drohenden

Tage erwachte der alte militärische Geist in ihm so sehr, daß er die für

Kranke freilich mit mancherlei Beschwerlichkeit und Unkosten verknüpfte,

einzige Transportanstalt verschmähte und seinen Weg zu Fuß antrat,

welcher denn mit einem von mir nachgebrachten Regenschirme rückwärts

vollendet werden mußte. »Ich bin hierher gekommen, um zu baden,« sprach

er, »folglich muß ich baden und kann nicht auf die Witterung warten.«

Diese traurige Konsequenz, verbunden mit der kleinen Inkonsequenz,

einmal nach dem Bade, der Einladung des gastfreien Prälaten von Ossegg

zufolge, sich umzuziehen, und, trotz aller Erinnerung, bei Tische selbst

seine diätetischen Regeln alle zu vergessen -- war entscheidend. Nur ein

paarmal saß er noch gebückt, in seinen Mantel gehüllt und mit aschgrauer

Gesichtsfarbe, in dem gewohnten Kreise, und mußte seinen Sitz bald mit

dem Sopha, endlich mit dem Bette vertauschen. Er konnte nun nicht mehr

aufdauern, und alles, was ihm sonst lieb gewesen war, widerstand ihm.

Gern hatte er vordem in dem Zirkel der Frau von der Recke von deren

Begleiterinnen die Lieder Elisens und Tiedgens zur Guitarre, oder

Schillers Ideale, nach Naumanns tief ins Herz dringender Composition,

zum Fortepiano singen hören, und den Sängerinnen durch manche

Herzlichkeit, ja selbst durch manche feinere Galanterie gedankt. Einst

brachte er den beiden Begleiterinnen Elisens _Eine_ Rose. -- »Ich habe

nicht mehr, als die Eine Rose,« sagte er zu ihnen, »und ich glaube Sie

damit zu ehren, daß ich Ihnen beiden nur _Eine_ gebe.« Noch in Töplitz,

wo die Anwesenheit der liebenswürdigen und talentvollen Wittwe Naumanns

manche Veranlassung zu musikalischen Unterhaltungen gab, war Seume ein

aufmerksamer Zuhörer. Ja selbst in den letzten Tagen ehe er sich legte,

ward er einst durch die Stelle in einem von Elisens Liedern:

»Hinter jenen Sternen

Hält die Liebe Wort.«

wunderbar ergriffen. Dieser Gedanke, welchen in einem spätern Liede

Schiller auf eine ähnliche Weise ausdrückt, rührte unsern, düster und in

sich gekehrt dasitzenden Seume so sehr, daß er mitten unter dem Gesange

mit Thränen in den Augen aufstand; Elisen die Hand drückte und sagte;

»Elisa, das ist ein herrlicher Gedanke!« Dieses war aber auch die letzte

Aeußerung unseres Freundes, die von Gefühl für die Außenwelt und für das

höhere Schöne zeugte, wiewohl sie hinreichend seine Ueberzeugung von der

Fortdauer des edleren Daseyns in uns beurkundet. Man bot ihm an, als er

sich schon ganz in sein Krankenzimmer zurückgezogen und verschlossen

hatte, ihn wenigstens noch von ferne Musik hören zu lassen; aber er

verbat es, wie auch die Besuche selbst aller Freunde, die nicht, so zu

sagen, zu seiner medicinischen Wartung angestellt waren, aber ihm dabei

durch Handreichungen nützlich seyn konnten. Ganz schien von nun an der

kräftige Geist in sich selbst zusammen gerollt, hatte das äußerliche

Wesen den körperlichen Leiden, ja selbst den wehmüthigsten Aeußerungen

derselben, überlassen, und verkündete sich nur noch durch den starren,

aber durchdringenden, prüfenden Blick, mit dem er die Umstehenden ansah.

Selbst auf meine mit möglichster Schonung und Vorsicht an ihn gerichtete

Frage, ob er noch einem abwesenden oder gegenwärtigen Freunde etwas zu

entdecken und aufzutragen habe, antwortete er nicht mehr verständlich,

wiewohl er seinen Leipziger Arzt und vertrauten Freund, ^D.^ Braune, mit

Namen nannte. Den Trost einer höhern Welt, der in den herrlichsten

Sprüchen der Weisen des Alterthums ausgedrückt, und in einem vor seinem

Sterbelager aufgeschlagenen Bande der Reisen des jüngern Anacharsis

gesammelt, mehr seine trauernden Freunde erhob, als sein Ohr erreichte,

schien er nicht mehr zu bedürfen. Ueber Seume's religiöse

Ueberzeugungen, über welche auch sein bei Göschen 1811 erschienener

_Nachlaß moralisch-religiösen Inhalts_ befriedigenden Aufschluß giebt,

habe ich, so wie von einigen andern Zügen seines Charakters, bei

Gelegenheit einer frühern Handschrift seiner Gedichte in der _Minerva_

1812 einige Worte gesprochen. Es sei mir erlaubt, die hierher gehörige

Stelle zu wiederholen:

»Freilich hatte wohl die Ansicht seines Zeitalters Seumen in den spätern

Jahren seines Lebens manches Symbol geraubt, das zu einer andern Zeit

ihm in dem letzten Kampfe seiner Natur eine heitere, minder bittere,

versöhnte Stimmung hätte geben können. Freilich sprach er wohl zuweilen

in eben dem rauhen Tone mit dem Himmel, wie mit seinen nächsten

Freunden, und glaubte vielleicht den Himmel, den er mit seinen Bitten

nicht bestürmen zu wollen erklärte, eben so dadurch zu ehren, wie seine

Freunde. Allein der Mann, der unter dem Sturme von Warschau, in einer

Stunde, wo achtzehntausend Menschen um einer politischen Maxime willen

hingeschlachtet wurden, zu Gott betete, -- betete auch zu Gott, als

einem Ewigseyenden, in seiner Todesstunde, und trat mit dem letzten

Seufzer über das so grausende Gemälde des niedern Leben an die Schwelle

einer richtenden, aber auch versöhnenden Ewigkeit. Eine Sterbenacht ist

schon an sich feierlich, und die Nacht, wo unser Freund seinen letzten

Kampf zu kämpfen begann, ward es noch mehr durch die Umgebungen, durch

das tief unter dem matt erhellten Krankenzimmer im Schatten liegende

Töplitzer Frühlingsthal, umringt und durchschnitten von grotesk

gestalteten Bergen, deren Rücken sich bis an die Fenster zog, durch das

fernher vom Begräbnißplatze leuchtende, ahnungsvolle Licht einer

Kapelle, wo schon ein Leichnam bewacht wurde, der unserm Seume am

folgenden Tage weichen mußte. Unmöglich konnte man in solcher Stunde die

andächtigen Seufzer des sich verlassen fühlenden Sterbenden, der nur von

einem Freunde und einem jungen Feldscheer (auch einem Bewunderer des

berühmten Fußwanderers) bewacht wurde, für blos zufällige Wirkungen des

Schmerzes, sein Aufstöhnen zu dem, namentlich von ihm genannten Gotte

(wie der ungläubige Lamettrie auf seinem Krankenlager selbst gesagt

haben soll) für eine bloße _Redensart_ erklären.« -- Minerva 1812. S.

290.

Ein Umstand, der weniger den Sterbenden, als seine um ihn versammelten

Freunde in den letzten Stunden beunruhigte, trug dazu bei, dem schaurig

romantischen Bilde seines Lebens eine ästhetische Vollendung zu geben,

es gerade so wunderlich und flüchtig schließen zu lassen, als es

begonnen hatte, um eine poetische Weissagung unsres Diogenes zu

erfüllen, die sich in der frühern Sammlung seiner unvollkommenen

Gedichte (s. Minerva am angef. Orte S. 304) befindet.

Und weigerte man mir auch Sarg und Decke,

Was liegt mir dran?

Flaum oder Stein ist Eins; an welchem Flecke,

Geht mich nichts an.

In einem Badeorte müssen die Wirthe, welche Kranke einnehmen, eigentlich

auf Todesfälle gefaßt seyn. Indessen kann man es eines Theils doch

niemanden zumuthen, schon Sterbende einzunehmen, andern Theils einen

Kontrakt auf längere Zeit gelten zu lassen, als man ihn eingegangen war.

Seume's Logis war weiter vermiethet, und diese sehr vortheilhafte

Vermiethung konnte durch seinen Todesfall gehindert werden. Die

Inhumanität lag also mehr in dem wunderlichen Spiele des Schicksals, als

in den Menschen, daß Seume in dem Augenblicke, da sein Engel (um einen

Seumischen, militärischen Ausdruck zu gebrauchen) _abgelöst!_ rief,

juristisch genommen, eigentlich ohne Quartier war; und doch hätte dieser

Umstand, wenn Seume anders in dem Zustand gewesen wäre, ihn noch zu

beachten, seine Bitterkeit gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse

gewissermaßen rechtfertigen können. Alles war mit Seume's Bewilligung --

denn Sterbende verändern bekanntlich den Ort gern -- schon eingepackt,

um ihn hinüber in seine Wohnung zu schaffen, als die Sänftenträger, bei

der unerwarteten Beschleunigung seiner Auflösung, eben so wenig Lust

bezeigten, einen schon halb zur Leiche gewordenen Menschen fort zu

tragen, wie der neue Wirth, ihn aufzunehmen. Mit vieler Mühe und nur

durch die Dazwischenkunft der angesehensten Männer von Töplitz, ja der

Polizei selbst, gelang es unseren Vorstellungen, die bisherigen

Wirthsleute zu bewegen, ihm die Stätte, wo er krank gelegen hatte, auch

zum Sterben zu lassen. Während man indeß noch über diesen irdischen

Wohnungswechsel stritt, -- löste Seume selbst den Knoten, brach seine

morsche Hütte ab, und vertauschte die irdische Wohnung mit der

friedlichen und seligen im Schooße seines Schöpfers. Dieses geschah in

den Vormittagsstunden des 13ten Juni 1810. Seine schon zusammengepackte,

für einen vorübereilenden Wanderer nicht unbeträchtliche

Verlassenschaft, indem außer dem baaren Gelde seine Krankengarderobe

sehr gut ausgestattet war, wurde nun dem Magistrat übergeben, und

Anstalt zu seiner Beerdigung getroffen.

Hier darf nun der Edelmuth der katholischen Geistlichkeit von Töplitz

nicht ungerühmt bleiben, die manchem frühern Herkommen zuwider, jedoch

mit sichtbarer Zufriedenheit aller Einwohner, unserm, in verschiedenem

Glauben gebornen Freunde nicht nur das ehrenvollste Begräbniß, ganz nach

unsern deshalb geäußerten Wünschen, sondern auch auf ihrer eben so durch

die Natur, als durch die Kirche geweihten Erde eine freundliche

Ruhestätte gewährte. Und so ward Seume's, des unruhigen Wanderers, der

über manchen menschlichen Mißbrauch im Leben geeifert hatte, Grabstein

zugleich ein schönes Denkmal friedlicher Gesinnungen zweier getrennter

Religionsparteien.

Am Morgen des 15ten Juni versammelten sich die in Töplitz anwesenden

Freunde Seume's in der Wohnung der Frau von der Recke, dem sogenannten

Fürstenhause, um in Begleitung einiger anderen angesehenen Einwohner und

Badegäste von Töplitz, die auch von fern den Namen des merkwürdigen

Menschen geehrt hatten, und unter Vortritt des würdigen Geistlichen,

Seume's Reste der Erde zu übergeben. Außer der Frau von der Recke und

ihrer nächsten Umgebung, befanden sich unter der Begleitung Herr

Professor Fichte und seine Gattin, die Gattin des Herrn Hofrath Böttiger

von Dresden, die Wittwe Naumanns, Herr ^D.^ Weigel, der Seumen ebenfalls

in den letzten Stunden mit medicinischer Hülfe beigestanden hatte, und

späterhin die Besorgung seines Grabsteines übernahm, Herr Hofrath

Tittmann von Dresden, der Herr Graf Schönfeld der jüngere aus Wien, der

sich Seume's bildenden Umgangs von Leipzig her dankbar erinnerte, und

andere mehr, welche die in ganz Deutschland verbreiteten Freunde des

Verstorbenen in dieser ernsten Stunde würdig vertreten konnten. Das

Begräbnißlied, das von den Schülern beim Eintritte in den kleinen,

ländlich berasten Kirchhof aus ihren Notenbüchern gesungen ward, war

zufälliger Weise ganz in Seume's Sinne, und als wenn er es selber

gedichtet hätte; zumal der letzte Vers, von dem ich mich erinnere, daß

er den stolzen Sieger mit dem Erobererschwerte so gut wie jeden andern

Adamssohn, der dazu geboren ist, der Erde Früchte zu verzehren, und sich

-- erobern zu lassen, vor das Todtengericht und die Schaufel des

Todtengräbers lud. -- Hierauf empfing die Leiche in der kleinen Kapelle

den priesterlichen Segen als Mitgabe zu ihrer letzten Wanderung. -- Der

Sarg sank mit den Ueberresten unsers Geliebten in die schwarze,

räthselvolle Tiefe hinab, und unter dem Klange der Sterbeglocken, welche

das sichtbare Bild des Freundes hinabriefen, sprach der

Endesunterzeichnete vor dem Kreise der stilltrauernden umstehenden

Freunde folgende Worte:

»Hier also, auf diesem Hügel kalter Erde, legt unser Seume seinen

Wanderstab für immer ... nieder. Wohl Ihm, und uns, seinen Freunden, daß

wir es sagen können von Grunde des Herzens! Nicht ziellos war seine

Reise, nicht vergebens sein wundervoll reiches Leben, so oft er diesem

Leben am Abend seiner Tage auch wohl zürnen mochte, überwältigt von

Schmerzen der Seele und ihrer irdischen Hülle! ...

»Was _Seume_ war, ward er durch sich selbst. Nicht aus rohem Triebe

durchwanderte unser geliebter Wanderer von Syrakus die Erde. Er suchte

die Spuren der allwaltenden Ordnung in Schönheiten und Schrecknissen der

Natur, in den Trümmern gesunkener Völker, in den Mordscenen seiner Zeit

... in den Gesinnungen der Menschen, seiner Brüder. Ach, der rauhe Sohn

der Natur, mit gradem Blick, mit dem tiefsten, brennendsten Gefühle des

Rechts im Herzen, und dieses Herz auf der Zunge tragend, konnte seine

Menschen nur zürnend, nur murrend lieben. Dennoch liebte er sie, und die

edelsten seines Volks entgegneten dankbar seine Liebe. Itzt empfängt ein

fremdes Land, in dessen heilenden Quellen er Milderung seiner Qualen

suchte ... seine Asche, und endet diese Qualen mit ewiger Ruhe. Segnet,

Freunde, diesen heiligen Boden, der sein Grab ward! Unser Freund ward

hier nicht getäuscht mit leeren Hoffnungen. Er wähnte hier von Schmerzen

zu ruhen, die unheilbar waren, und fand hier das höchste Leben, das

keiner Heilung bedarf. Friede seiner Asche! Die Erde deckt die Bösen,

und die Guten drückt sie nicht.« --

Dieselben Freunde, welche hierauf mit Thränen Erde auf seinen Sarg

warfen, unterzeichneten sich mit noch mehreren theilnehmenden Menschen

zu einem kleinen Denkmal auf dem Grabe nahe an den Mauern der

schützenden Kapelle. Unser Seume hat nun in fremder Erde, fern von den

Seinigen, einen _Stein_, schwerer, fester und in die Augen fallender,

als wohl jemals der unruhige Erdenpilger sich es hätte träumen lassen.

Aber selbst der Todtengräber hat dieses Denkmal des wunderbaren,

menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Weltbürgers lieb, und durch

eine harmonische Veranstaltung des Schicksals, besuchen und bekränzen an

diesem von Fremden aller Völker wimmelnden Orte, jährlich viele

wandernde Fremdlinge das Grab desjenigen, der auf dieser Erde selbst

immer ein pilgernder Fremdling blieb.

_C. A. H. Clodius_.

Spaziergang nach Syrakus

im Jahre 1802.

Erster Theil.

Lieber Leser!

Voriges Jahr machte ich den Gang, den ich hier erzähle; und ich thue

das, weil einige Männer von Beurtheilung glaubten, es werde vielleicht

Vielen nicht unangenehm, und Manchen sogar nützlich seyn. Vielleicht

waren diese Männer der Meinung, ich würde es anders und besser machen;

darüber kann ich, in der Sache, nur an meine eigene individuelle

Ueberzeugung appelliren; so gern ich auch eingestehen will, daß sie hier

und da Recht haben mögen, was die Form betrifft.

Ich hoffe, Du bist mein Freund oder wirst es werden; und ist nicht das

eine und wird nicht das andere, so bin ich so eigensinnig zu glauben,

daß die Schuld nicht an mir liegt. Vielleicht erfährst Du hier wenig,

oder nichts neues. Die Vernünftigen wissen das alles längst. Aber es

wird meistens entweder gar nicht, oder nur sehr leise gesagt: und mir

däucht, es ist doch nothwendig, daß es nun nach und nach laut und fest

und deutlich gesagt werde, wenn wir nicht in Ewigkeit Milch trinken

wollen. Bei dieser Kindernahrung möchte man uns gar zu gern beständig

erhalten. Ohne starke Speise wird aber kein Mann im Einzelnen, werden

keine Männer im Allgemeinen: das hält im Moralischen wie im Physischen.

Es thut mir leid, wenn ich in den Ton der Anmaßlichkeit gefallen seyn

sollte. Aber es ist schwer, es ist sogar ohne Verrath der Sache

unmöglich, bei gewissen Gegenständen die schöne Bescheidenheit zu

halten. Ich überlasse das Gesagte der Prüfung und seiner Wirkung, und

bin zufrieden, daß ich das Wahre und Gute wollte.

Es ist eine sehr alte Bemerkung, daß fast jeder Schriftsteller in seinen

Büchern nur sein Ich schreibt. Das kann nicht anders seyn, und soll wohl

nicht anders seyn; wenn sich nur jeder vorher in gutes Licht und reine

Stimmung setzt. Ich bin mir bewußt, daß ich lieber das Gute sehe und

mich darüber freue, als das Böse finde und darüber zürne: aber die

Freude bleibt still, und der Zorn wird laut.[3]

In Romanen hat man uns nun lange genug alte, nicht mehr geläugnete

Wahrheiten dichterisch eingekleidet, dargestellt und tausendmal

wiederholt. Ich tadle dieses nicht, es ist der Anfang: aber immer nur

Milchspeise für Kinder. Wir sollten doch endlich auch Männer werden, und

beginnen die Sachen ernsthaft geschichtsmäßig zu nehmen, ohne Vorurtheil

und Groll, ohne Leidenschaft und Selbstsucht. Oerter, Personen, Namen,

Umstände sollten immer bei den Thatsachen als Belege seyn, damit alles

so viel als möglich aktenmäßig würde. Die Geschichte ist am Ende doch

ganz allein das Magazin unsers Guten und Schlimmen.

Die Sache hat allerdings ihre Schwierigkeit. Wagt man sich an ein altes

Vorurtheil des Kultus, so ist man noch jetzt ein Gottloser; sondirt man

etwas näher ein politisches und spricht über Malversation, so wird man

stracks unter die unruhigen Köpfe gesetzt: und beides weiß man sodann

sehr leicht mit Bösewicht synonym zu machen. Wer den Stempel hat,

schlägt die Münze. Wer für sich noch etwas hofft und fürchtet, darf die

Fühlhörner nicht aus seiner Schale hervorbringen. Man sollte nie sagen,

die Fürsten oder ihre Minister sind schlecht, wie man es oft hört und

liest; sondern hier handelt _dieser_ Fürst ungerecht, widersprechend,

grausam; und hier handelt _dieser_ Minister als isolirter Plusmacher und

Volkspeiniger. Dergleichen Personalitäten sind nothwendige heilsame

Wagstücke für die Menschheit, und wenn sie von allen Regierungen als

Pasquille gebrandmarkt würden. Das Ganze besteht nur aus Personalitäten,

guten und schlechten. Die Sklaven haben Tyrannen gemacht, der Blödsinn

und der Eigennutz haben die Privilegien erschaffen, und Schwachheit und

Leidenschaft verewigen beides. Sobald die Könige den Muth haben werden

sich zur allgemeinen Gerechtigkeit zu erheben, werden sie ihre eigene

Sicherheit gründen und das Glück ihrer Völker durch Freiheit nothwendig

machen. _Aber_ dazu gehört mehr, als Schlachten gewinnen. Bis dahin wird

und muß es jedem rechtschaffenen Manne von Sinn und Entschlossenheit

erlaubt seyn zu glauben und zu sagen, daß alter Sauerteig alter

Sauerteig sey.

Man findet es vielleicht sonderbar, daß ein Mann, der zweimal gegen die

Freiheit zu Felde zog, einen solchen Ton führt. Die Enträthselung wäre

nicht schwer. Das Schicksal hat mich gestoßen. Ich bin nicht hartnäckig

genug, meine eigene Meinung stürmisch gegen Millionen durchsetzen zu

wollen: aber ich habe Selbstständigkeit genug, sie vor Millionen und

ihren Ersten und Letzten nicht zu verläugnen.

Einige Männer, deren Namen die Nation mit Achtung nennt, haben mich

aufgefordert, etwas öffentlich über mein Leben und meine successive

Bildung zu sagen: ich kann mich aber nicht dazu entschließen. In meiner

Jugend war es der Kampf eines jungen Menschen mit seinen Umständen und

seinen Inkonsequenzen; als ich Mann ward, waren meine Verflechtungen

zuweilen so sonderbarer Art, daß ich nicht immer ihre Erinnerung mit

Vergnügen zurückrufe. Wer sagt gern, ich war ein Thor, um durch ein

Beispiel einige längst bekannte Wahrheiten vielleicht etwas

eindringlicher zu machen? Da ich als ein junger Mensch von achtzehn

Jahren, als theologischer Pflegling, von der Akademie in der Welt hinein

lief, fand man bei Untersuchung, daß ich keinen Schulfreund erstochen,

kein Mädchen in den Klagestand gesetzt und keine Schulden hinterlassen,

daß ich sogar die wenigen Thaler Schulden den Tag vor der Verschwindung

bezahlt hatte; und man konnte nun den Grund der Entfernung durchaus

nicht entdecken und hielt mich für melancholisch verirrt, und ließ mich

sogar in dieser Voraussetzung so schonend als möglich zur Nachsuchung in

öffentliche Blätter setzen. Daß ein Student den Tag vorher ehe er

durchgeht, seine Schulden bezahlt, schien ein starker Beweis des

Wahnsinns. Ich überlasse den Philanthropen die Betrachtung über diesen

Schluß, der eine sehr schlimme Meinung von der Sittlichkeit unserer

Jugend verräth. Dem Psychologen wird das Räthsel erklärt seyn, wenn ich

ihm sage, daß die Gesinnungen, die ich seitdem hier und da und in

folgender Erzählung geäußert habe, schon damals alle lebendig in meiner

Seele lagen, als ich mit neun Thalern und dem Tacitus in der Tasche auf

und davon ging. Was sollte ein Dorfpfarrer mit diesen Gährungen? Bei

einem Kosmopoliten können sie, auf einem festen Grunde von Moralität,

wohl noch etwas Gutes wirken. Der Sturm wird bei mir nie so hoch, daß er

mich von der Base, auf welcher ich als vernünftiger rechtlicher Mann

stehen muß, herunterwürfe. Meine meisten Schicksale lagen in den

Verhältnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sicilien war

vielleicht der erste ganz freie Entschluß von einiger Bedeutung.

Man hat mich getadelt, daß ich unstät und flüchtig sei: man that mir

Unrecht. Die Umstände trieben mich, und es hielt mich keine höhere

Pflicht. Daß ich einige Jahre über dem Druck von Klopstocks Oden und der

Messiade saß, ist wohl nicht eines Flüchtlings Sache. Man wirft mir vor,

daß ich kein Amt suche.[4] Zu vielen Aemtern fühle ich mich untauglich,

und es gehört zu meinen Grundsätzen, die sich nicht auf lächerlichen

Stolz gründen, daß ich glaube, der Staat müsse Männer suchen für seine

Aemter. Es ist mir also lieb, daß ich Ursache habe zu denken, es müssen

in meinem Vaterlande dreißigtausend Geschicktere und Bessere seyn, als

ich. Wäre ich Minister, ich würde höchst wahrscheinlich selten einem

Manne ein Amt geben, der es suchte. Das werden Viele für Grille halten;

ich nicht. Wenn ich Isolirter nicht strenge nach meinen Grundsätzen

handeln will, wer soll es sonst?

Man hat es gemißbilligt, daß ich den russischen Dienst verlassen habe.

Ich kam durch Zufall hin, und durch Zufall weg. Ich bin schlecht belohnt

worden; das ist wahrscheinlich auch Zufall: und ich bin noch zu gesund

an Leib und Seele, um mir darüber eine Suppe verderben zu lassen. In der

wichtigsten Periode, der Krise mit Polen, habe ich in Grodno und

Warschau die deutsche und französische diplomatische Korrespondenz

zwischen dem General Igelström, Pototzky, Möllendorf und den andern

preußischen und russischen Generalen besorgt, weil eben kein anderer

Officier im Hauptquartier war, der so viel mit der Feder arbeiten

konnte. -- »Sie sind noch nicht verpflichtet,« sagte Igelström zu mir,

als er mir den ersten Brief von Möllendorf gab. »Sie haben nicht

geschworen.« -- »Der ehrliche Mann,« antwortete ich, »kennt und thut

seine Pflicht ohne Eid, und der Schurke wird dadurch nicht gehalten.« --

Man hat den alten Stabsofficieren Dinge von großer Bedeutung abgenommen

und sie mir übergeben, als Möllendorf noch die Piliza zur Grenze

forderte, und als man nachher russisch die Dietienen in Polen nach ganz

eigenen Regeln ordnete und leitete.[5] Igelström, Friesel und ich waren

einige Zeit die Einzigen, die von dem ganzen Plane unterrichtet waren.

Ich habe gearbeitet Tag und Nacht, bis zur letzten Stunde, als der erste

Kanonenschuß unter meinem Fenster fiel: und mir däucht, daß ich denn

auch als Soldat meine Schuldigkeit nicht versäumte, wenn ich gleich

während des langen Feuers kartätschensicher zuweilen in einer

Mauernische neben den Grenadieren saß und in meinem Taschenhomer

blätterte. Zu den russischen Arbeiten hatte der General Dutzende; zu den

deutschen und französischen, die der Lage der Sachen nach nicht

unwichtig seyn konnten, niemand als mich: das wird Igelström selbst,

Apraxin, Pistor, Bauer und andere bezeugen. Als der Franzose Sion ankam,

waren die wichtigsten Geschäfte schon gethan. Dafür wurde mir dann und

wann ein Geiger vorgezogen, der einem der Subows etwas vorgespielt

hatte. Das ist auch wohl anderwärts nicht ungewöhnlich. Ich hatte das

Schicksal, gefangen zu werden. Der General Igelström schickt mich nach

Beendigung der ganzen Geschichte mit einem schwer verwundeten jungen

Manne, der mein Freund und dessen Vater der seinige war, nach Italien,

damit der Kranke dort die Bäder in Pisa brauchen sollte. Wir konnten

nicht hin, weil die Franzosen alles besetzt hatten. Die Kaiserin starb;

ich konnte unmöglich an dem Tage zurück auf meinem Posten seyn, den Paul

in seiner Ukase bestimmt hatte, und wurde aus dem Dienst geschlossen.

Man hat in Rußland wenig schöne Humanität bei dem Anblick auf das flache

Land. Schon vorher war ich bald entschlossen nicht zurückzugehen, und

ward es nun ganz. Der Kaiser gab mir auf meine sehr freimüthige

Vorstellung an ihn selbst, da ich durchaus keinen Dienstfehler gemacht

hatte, endlich den förmlichen ehrenvollen Abschied, den mir der General

Pahlen zuschickte. Es ist sonst Gewohnheit in Rußland, Officieren, die

einige Dienste geleistet haben, ihren Gehalt zu lassen; ich erhielt

nichts. Das war vielleicht so Geist der Periode, und es würde

Schwachheit von mir seyn, mich darüber zu ärgern. Wenn ich jetzt etwas

in Anregung bringen wollte, würde man die Sache für längst antiquirt

halten und der Sinn des Resultats wird heißen: Wir Löwen haben gejagt.

-- Ich will mir den Nachsatz ersparen. Wenn ich nicht einige Kenntnisse,

etwas Lebensphilosophie und viel Genügsamkeit hätte, könnte ich den Rock

des Kaisers um ein Stückchen Brot im deutschen Vaterlande umher tragen.

Ich habe mich in meinem Leben nie erniedriget um etwas zu bitten, was

ich nicht verdient hatte; und ich will auch nicht einmal immer bitten,

was ich verdiente. Es sind in der Welt viele Mittel ehrlich zu leben:

und wenn keines mehr ist, finden sich doch einige, nicht mehr zu leben.

Wer nach reiner Ueberzeugung seine Pflicht gethan hat, darf sich am

Ende, wenn ihn die Kräfte verlassen, nicht schämen abzutreten. Auf

Billigung der Menschen muß man nicht rechnen. Sie errichten heute

Ehrensäulen und brauchen morgen den Ostracismus für den nämlichen Mann

und für die nämliche That.

Wenn ich vielleicht noch vierzig Jahre gelebt habe und dann nichts mehr

zu thun finde, kann es wohl noch eine kleine Ausflucht werden, die

Winkel meines Gedächtnisses aufzustäuben, und meine Geschichte zur

Epanorthose der Jüngern hervor zu suchen. Jetzt will ich leben, und gut

und ruhig leben, so gut und ruhig man ohne einen Pfennig Vorrath leben

kann. Es wird gewiß gehen, wie es bisher gegangen ist: denn ich habe

keine Ansprüche, keine Furcht und keine Hoffnung.

Was ich hier in meiner Reiseerzählung gebe, wirst Du, lieber Leser,

schon zu sichten wissen. Ich stehe für Alles, was ich gesehen habe, in

so fern ich meinen Ansichten und Einsichten trauen darf: und ich habe

nichts vorgetragen, was ich nicht von ziemlich glaubwürdigen Männern

wiederholt gehört hätte. Wenn ich über politische Dinge etwas freimüthig

und warm gewesen bin, so glaube ich, daß diese Freimüthigkeit und Wärme

dem Manne ziemt, sie mag nun Einigen gefallen oder nicht. Ich bin

übrigens ein so ruhiger Bürger, als man vielleicht in dem ganzen

meißnischen Kreise kaum einen Thorschreiber hat. Manches ist jetzt

weiter gediehen und gekommen, wie es wohl zu sehen war, ohne eben besser

geworden zu seyn. Machte ich die Ronde jetzt, ich würde wahrscheinlich

mehr zu erzählen haben, und Belege zu meinen vorigen Meinungen geben

können.

Freilich möchte ich gern ein Buch gemacht haben, das auch ästhetischen

Werth zeigte; aber Charakteristik und Wahrheit würde durch ängstliche

Glättung zu sehr leiden. Niemand kann die Sache und sich selbst besser

geben, als beide sind. Ich fühle sehr wohl, daß diese Bogen keine

Lektüre für Toiletten seyn können. Dazu müßte vieles heraus und vieles

müßte anders seyn. Wenn aber hier und da ein guter, unbefangener,

rechtlicher, entschlossener Mann einige Gedanken für sich und Andere

brauchen kann, so soll mir die Erinnerung Freude machen.

Leipzig, 1803.

_Seume._

Nach gewissenhafter Ueberlegung habe ich im Wesentlichen nichts

verändern können. Faktisch waren die Dinge so, wie ich sie erzähle; und

in dem Uebrigen ist meine Ueberzeugung nicht von gestern und ehegestern.

Wahrheit und Gerechtigkeit werden immer mein einziges Heiligthum seyn.

Warum sollte ich zu entstellen suchen? Zu hoffen habe ich nichts, und

fürchten will ich nichts. Ueber Vortrag und Styl werden freilich wohl

die Kritiker noch manche Ausstellung zu machen haben, gegen deren

Richtigkeit ich nicht hartnäckig streiten will. Aber es war mir

unmöglich das Ganze mehr umzuschmelzen, und die lebendigere

Individualität möchte auch bei dem Guß mehr verloren als gewonnen haben.

Ich lege dieses zwar nicht als ein vollständiges Gemälde, aber doch als

einen ehrlichen Beitrag zur Charakteristik unserer Periode bei den

Zeitgenossen nieder, und bin zufrieden, wenn ich damit nur den Stempel

eines wahrheitliebenden, offenen, unbefangenen, selbstständigen,

rechtschaffenen Mannes behaupte. Gegen den Strom der Zeit kann zwar der

Einzelne nicht schwimmen: aber wer Kraft hat, hält fest und läßt sich

von demselben nicht mit fortreißen. Noch gebe ich die Hoffnung nicht

auf, daß einst ursprüngliche Gerechtigkeit seyn werde, obgleich die

unglücklichen Versuche noch viele platonische Jahre dauern mögen. Nur

wirke Jeder mit Muth, weil sein Tag währt.

_Dresden_, den 9. Dec. 1801.

Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen. Eine Karavane

guter gemüthlicher Leutchen gab uns das Geleite bis über die Berge des

Muldenthals, und Freund Großmann sprach mit Freund Schnorr sehr viel aus

dem Heiligthume ihrer Göttin, wovon ich Profaner sehr wenig verstand.

Unbemerkt suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich oben Sankt

Georgens großem Lindwurm gegenüber und betete mein Reisegebet, daß der

Himmel mir geben möchte billige, freundliche Wirthe und höfliche

Thorschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurück auf dem andern

Wege wieder in mein Land; daß er mich behüten möchte vor den Händen der

monarchischen und demagogischen Völkerbeglücker, die mit gleicher

Despotie uns schlichten Menschen ihr System in die Nase heften, wie der

Samojede seinen Thieren den Ring.

Nun sah ich zurück auf die schöne Gegend, die schon Melanchthon so

lieblich fand, daß er dort zu leben wünschte; und überlief in Gedanken

schnell alle glücklichen Tage, die ich in derselben genossen hatte: Mühe

und Verdruß sind leicht vergessen. Dort stand Hohenstädt mit seinen

schönen Gruppen, und am Abhange zeigte sich Göschens herrliche Siedelei,

wo wir so oft gruben und pflanzten und jäteten und plauderten und

ernteten und Kartoffeln aßen und Pfirschen: an den Bergen lagen die

freundlichen Dörfer umher, und der Fluß wand sich gekrümmt durch die

Bergschluchten hinab, in denen kein Pfad und kein Eichbaum mir unbekannt

waren.

Die Sonne blickte warm wie im Frühling, und wir nahmen dankbar und mit

der heitersten Hoffnung der Rückkehr von unsern Begleitern Abschied.

Noch einmal sah ich links nach der neuen Mühle auf die größte Höhe hin,

die uns im Gartenhause zu Hohenstädt so oft zur Gränze unserer Aussicht

über die Thäler gedient hatte, und wir wandelten ruhig die Straße nach

Hubertsburg hinab. In Altmügeln empfing man uns mit patriarchalischer

Herzlichkeit, bewirthete uns mit der Freundschaft der Jugend und

schickte uns den folgenden Morgen mit einer schönen Melodie von Göthens

Liede -- »Kennst du das Land?« -- unter den wärmsten Wünschen weiter

nach Meißen, wo wir eben so traulich willkommen waren. Wenn wir uns doch

die freundlichen Bekannten an die südliche Küste von Sicilien hin

bestellen könnten! Die Elbe rollte majestätisch zwischen den Bergen von

Dresden hinab. Die Höhen glänzten, als ob eben die Knospen wieder

hervorbrechen wollten, und der Rauch stieg von dem Flusse an den alten

Scharfenberg hinauf. Das Wetter war den achten December so schwül, daß

es unserm Gefühl sehr wohlthätig war, als wir aus der Sonne in den

Schatten des Waldes kamen.

Seit zwölf Jahren hatte ich Dresden nicht gesehen, wo ich damals von

Leipzig herauf wandelte, um einige Stellen in ^Guichards mémoires

militaires^ nachzusuchen, die ich dort nicht finden konnte. Auch in

Dresden fand ich sie nicht, weil man sie einem General in die Lausitz

geschickt hatte. Nach meiner Rückkehr traf ich den Freibeuter Quintus

Icilius bei dem Theologen Morus, und fand in demselben nichts, was in

meinen Kram getaucht hätte. So macht man manchen Marsch in der Welt, wie

im Kriege, umsonst. Es wehte mich oft eine kalte, dicke, sehr

unfreundliche Luft an, wenn ich einer Residenz nahe kam; und ich kann

nicht sagen, daß Dresden dießmal eine Ausnahme gemacht hätte, so

freundlich auch das Wetter bei Meißen gewesen war. Man trifft so viele

trübselige, unglückliche, entmenschte Gesichter, daß man alle fünf

Minuten auf eines stößt, das öffentliche Züchtigung verdient zu haben,

oder sie eben zu geben bereit scheint: Du kannst denken, daß weder

dieser noch jener Anblick wohlthut[6]. Viele scheinen auf irgend eine

Weise zum Hofe zu gehören oder die kleinen Offizianten der Kollegien zu

seyn, die an dem Stricke der Armseligkeit fortziehen, und mit Grobheit

grollend das Endchen Tau nach dem hauen, der ihrer Jämmerlichkeit zu

nahe tritt. Ungezogenheit und Impertinenz ist bekanntlich am meisten

unter dem Hofgesinde der Großen zu Hause, das sich oft dadurch für die

Mißhandlungen schadlos zu halten sucht, die es von der eben nicht feinen

Willkühr der Herren erfahren muß. Höflichkeit sollte vom Hofe kommen;

aber das Wort scheint, wie viele andere im Leben, die Antiphrase des

Sinnes zu seyn, und Hof heißt oft nur ein Ort, wo man keine Höflichkeit

mehr findet, so wie Gesetz oft der Gegensatz von Gerechtigkeit ist. Wehe

dem Menschen, der zur Antichambre verdammt ist! Es ist ein großes Glück,

wenn sein Geist nicht knechtisch oder despotisch wird! und es gehört

mehr als gewöhnliche Männerkraft dazu, sich auf dem gehörigen

Standpunkte der Menschenwürde zu erhalten.

Eben komme ich aus dem Theater, wo man Großmanns alte »Sechs Schüsseln«

gab. Du kennst die Gesellschaft. Sie arbeitete im Ganzen gar nicht übel.

Das Stück selbst war beschnitten worden, und ich erwartete nach der

Gewohnheit eine förmliche Kombabusirung, fand aber bei genauer

Vergleichung, daß man dem Verfasser eine Menge Leerheiten und

Plattheiten ausgemerzt hatte, deren Wegschaffung Gewinn war.

Verschiedene zu grelle Züge, die bei der ersten Erscheinung vor fünf und

zwanzig Jahren es vielleicht noch nicht waren, waren gestrichen. Aber es

war auch mit der gewöhnlichen Dresdener Engbrüstigkeit Manches

weggelassen worden, was zu Ehre der liberalen Duldung besser geblieben

wäre. Ich sehe nicht ein, warum man den Fürsten in einen König

verwandelt hatte. Das Ganze bekam durch die eigenmächtige Krönung eine

so steife Gezwungenheit, daß es bei verschiedenen Scenen sehr auffallend

war. Wenn man in Königsstädten die Könige zu bloßen Fürsten machen

wollte, würde dadurch etwas gebessert? Sind nicht beide Fehlern

unterworfen? Die Furcht war sehr unnöthig; und der Charakter des

wirklich vortrefflichen Churfürsten muß eher durch solche Winkelzüge

beleidiget werden. Man hat ihm in seinem ganzen Leben vielleicht nur

eine oder zwei Uebereilungen zur Last gelegt, und davon ist keine in dem

Stücke berührt. Daß man die Grobheiten der verflossenen zwanzig Jahre

wegwischt, hat moralischen und ästhetischen Grund: aber ich sehe nicht

ein, warum die noch immer auffallenden Thorheiten und Gebrechen der

Adelskaste nicht mit Freimüthigkeit gesagt, gerügt und mit der Geißel

des Spottes zur Besserung gezüchtiget werden sollen. Wenn es nicht mehr

trifft, ist es nicht mehr nöthig; daß es aber noch nöthig ist, zeigt die

ängstliche Behutsamkeit, mit der man die Lächerlichkeit des jüngsten

Kammerjunkers zu berühren vermeidet.

_Christ_, als Hofrath, sprach durchaus bestimmt und richtig, und seine

Aktion war genau, gemessen, ohne es zu scheinen. Du kennst seinen feinen

Takt. Madam _Hartwig_ spielte seine Tochter mit ihrer gewöhnlichen

Theatergrazie und an einigen Stellen mit ungewöhnlicher, sehr

glücklicher Kunst. Madam _Ochsenheimer_ fängt an eine ziemlich gute

Soubrette zu werden, und verspricht in der Schule ihres Mannes viel

Gutes in ihrem Fache. _Ochsenheimer_ war nicht zu seinem Vortheile in

der Rolle des Herrn von Wilsdorf. _Thering_ und _Bösenberg_ kennst Du:

beide hatten, der erste als Philipp, der zweite als Wunderlich, ein

ziemlich dankbares Feld. Thering spielte mit seiner gewöhnlichen

barocken Laune und mußte gefallen; aber Bösenberg that einen

beleidigenden Mißgriff, der ihm vielleicht nur halb zur Last gelegt

werden kann. Wunderlich wollte für den gelieferten Wagen ^stante bene^

bezahlt seyn: und nun denke Dir Bösenbergs obersächsische Aussprache

hinzu, die so gern das Weiche hart und das Harte weich macht, und die

dazu hier sehr markirt zu seyn schien. Der halblateinische Theil des

Publikums lachte heillos, und mir kam es als eine Ungezogenheit der

ersten Größe vor. Die übrigen Rollen waren leidlich besetzt. Auch

_Drewitz_ machte den Fritz nicht übel, weil er ihn schlecht machte. Aber

_Henke_ war ein Major, wie ein Stallknecht, und arbeitete oder vielmehr

pfuschte zur großen Belustigung aller Militaire, die um mich her im

Parket saßen. Der Fehler war nicht sowohl sein eigen, als des

Direktoriums, das ihn zum Major gemacht hatte. ^Non omnia possumus

omnes^; er macht den Bäcker Ehlers in einem Ifflandischen Stücke recht

gut.

Man hatte uns bange gemacht, wir würden Schwierigkeiten wegen

Oesterreichischer Pässe haben; aber ich muß die Humanität der

Gesandtschaft rühmen. Herr von Büel, als Sekretär, nahm uns sehr gütig

auf und fertigte, da er unsere Wünsche bald abzureisen vernahm, mit

großer Freundlichkeit sogleich selbst aus; und in einigen Stunden

erhielten wir die Papiere, von dem Grafen Metternich unterschrieben,

durch alle kaiserliche Länder.

Du kennst meine Saumseligkeit und Sorglosigkeit in gelehrten Dingen und

Sachen der Kunst. Was soll ich Laie im Heiligthum? Die Gallerie sah ich

nicht, weil ich dazu noch einmal hätte Schuhe anziehen müssen; den

Antikensaal sah ich nicht, weil ich den Inspektor das erstemal nicht

traf; und das Uebrige nicht, weil ich zu indolent war. Du verlierst

nichts; ein Anderer wird Dir Alles besser erzählen und beschreiben.

Herrn _Grassi_ besuchte ich, mehr in Schnorrs Gesellschaft und weil ich

ihn ehedem schon in Warschau gesehen hatte, als weil ich mich sehr

gedrängt gefühlt hätte, seine Arbeiten zu sehen; und doch halte ich ihn

für den besten Maler, den ich bis jetzt kenne. Er hat ein glühendes und

doch sehr zartes Kolorit, mit einer richtigen und interessanten

Zeichnung. Mich däucht, er hat von dem strengen Ernst der alten ächten

Schule etwas nachgelassen und seine eigene blühende, unaussprechlich

reizende Grazie dafür ausgegossen. Er hat mit besserm Glücke gethan, was

Oeser in seiner letzten Manier thun wollte, durch welche er, wie die

Kritiker der Kunst sehr gut wissen, unter die Nebulisten gerieth. Beide

schmeicheln; aber Grassi schmeichelt nur dem Kenner, und Oeser

schmeichelte nur dem Liebhaber. Grassi erzählte mir noch manches von

Warschau, wo wir beide in der großen Krise der letzten Revolution

Berührungspunkte fanden. Er hatte durch Teppers Fall einen Verlust von

fünftausend Dukaten erlitten, und mußte während der Belagerung bei dem

Bürgercorps als Korporal zehn Mann kommandiren. Stelle Dir den sanften

Künstler auf einer Batterie mit einer Korporalschaft wilder Polen vor,

wo die kommenden Kugeln durchaus keine Weisung annahmen. Kosciusko's

Freundschaft und Kunstsinn brachten den guten Mann endlich in

Sicherheit, indem der General ihm Pässe zur Entfernung von dem

schrecklichen Schauplatze auswirkte und ihm selbst hinlängliche

Begleitung gab, bis er nichts mehr zu befürchten hatte. Du kannst

denken, daß unser Freund Schnorr sich mit Enthusiasmus an den Mann

anschloß; und die Herzlichkeit, mit der sich beide einander öffneten,

machte beiden Ehre.

Heute früh wurde ich durch den Donner der Kanonen geweckt und erfuhr

beim Aufstehen, daß dem Hause ein Prinz geboren war. Vielleicht macht

der Herr in seinem Leben nicht wieder so viel Lärm, als bei seiner

Ankunft auf unsern Planeten. Die Fürsten dieses Hauses sind zum Glück

ihrer Länder seit mehr als einem Jahrhundert meistens Kinder des

Friedens. Dadurch werden die Verdienste gewiß erhöht, und ihr Muth wird

doch nicht mehr problematisch, als ob sie Schlachten gewännen.

_Budin._

Du weißt, daß Schreibseligkeit eben nicht meine Erbsünde ist, und wirst

mir auch Deiner selbst wegen sehr gern verzeihen, wenn ich Dir eher zu

wenig, als zu viel erzähle. Wenn ich recht viel hätte schreiben wollen,

hätte ich eben so gut in meinem Polstersessel bleiben können. Nimm also

mit Fragmenten vorlieb, aus denen am Ende doch unser ganzes Leben

besteht. In Dresden mißfiel mir noch zuletzt gar sehr, daß man zur

Bequemlichkeit der Ankömmlinge und Fremden noch nicht die Straßen und

Gassen an den Ecken bezeichnet hat; ein Polizeiartikel, an den man schon

vor zehn Jahren in kleinen Provinzialstädten sogar in Polen gedacht hat,

und der die Topographie außerordentlich erleichtert: und Topographie

erleichtert wieder die Geschäfte.

Den letzten Nachmittag sah ich dort noch die Mengsische Sammlung der

Gypsabgüsse. Schnorr wird Dir besser erzählen, von welchem Werthe sie

ist, und Küttner hat es, meines Wissens, schon sehr gut gethan. Du

weißt, daß ich hier ziemlich Idiot bin und mich nicht in das Heiligthum

der Göttin wage; ob ich gleich über manche Kunstwerke, zum Beispiel über

die Mediceerin, meine ganz eigenen Gedanken habe, die mir wohl

schwerlich ein Antiquar mit seiner Aesthetik austreiben wird. Schon

freue ich mich auf den Augenblick, wo ich das Original in Palermo sehen

werde, wo es, wie ich denke, jetzt steht. Hier interessirten mich eine

Menge Köpfe am meisten, die ich größtentheils für römische hielt.

Küttners Wunsch fiel mir dabei ein, daß der Churfürst diese Sammlung,

zur Wohlthat für die Kunst, mehr kompletiren möchte. Auch ist die

Periode des Beschauens zu beschränkt, da sie den Sommer wöchentlich nur

zwei Tage und den Winter öffentlich gar nicht zu sehen ist. Einige

Verordnungen, die Kunst betreffend, sind mir barock genug vorgekommen.

Kein Künstler, zum Beispiel, darf auf der Gallerie ein Stück ganz fertig

kopiren, wie man mich versichert hat. Dieß zeigt eine sehr kleinliche

Eifersucht. Es wäre für die Schule in Dresden keine kleine Ehre, wenn

Kopien großer Meister von dort kämen, die man mit den Originalen

verwechseln könnte. Auch darf kein Maler länger als die bestimmten zwei

Stunden, oben arbeiten, welches für die Kopisten in Oel eine Zeit ist,

in welcher fast nichts gemacht werden kann. Aber das Künstlervolk mag

seinen Muthwillen auch zuweilen bis zur Ungezogenheit treiben; und es

soll vor Kurzem ein nahmhafter Maler unsers deutschen Vaterlandes seine

Pinsel auf einem der schönsten Originale abgewischt haben, um die Farben

zu versuchen. Da würde mir Laien unwillkürlich der Knotenstock sich in

der Faust geregt haben.

Den letzten Abend sah ich noch eine Oper, die mit ziemlich vieler Pracht

gegeben wurde. Mein Gedächtniß ist wie ein Sieb, aber mich däucht, es

war die Gräfin von Amalfi. Die Musik ist, wenn ich nicht irre, sehr

eklektisch. Es war bei der Vorstellung kein einziger schlechter Sänger

und Akteur; aber, nach meiner Meinung, auch kein einziger

vortrefflicher, so sehr man auch in Dresden dieses behauptete. Die

Schuld mag wohl mein gewesen seyn, da ich mich fast in jedem Fache eines

bessern Subjektes unwillkürlich erinnerte.

In Pirna sahen wir ein Stündchen Herrn _Siegfried_, den Du als den

Verfasser von Siama und Galmori kennest und der uns mit einigen

Bekannten an die Grenze brachte. Nun ging es in die Höhe; und so mild es

unten am Flusse gewesen war, so rauh war es oben, und in einigen Stunden

hatten wir schon Schnee. Dieser vermehrte sich bis einige Stunden hinter

Peterswalde, nahm sodann allmälig wieder ab und hörte bei Außig wieder

ganz auf.

Man hatte mir gar sonderbare Begriffe von den auffallenden Erscheinungen

der böhmischen Katholicität gemacht. Ich habe nichts bemerkt. Im

Gegentheil muß ich sagen, es gefiel mir Alles außerordentlich wohl.

Unser Wirthshaus in Peterswalde war so gut, als man mit gehöriger

Genüglichkeit es sich nur immer wünschen kann. Der Zollbeamte, der den

Paß bescheinigte, war freundlich. Die Mahlzeit war nicht übel und die

Aufwärterin gar allerliebst niedlich und artig. Lache nur über diese

Bemerkung von mir Griesgram! Man müßte eine sehr verstimmte und

unästhetische Seele haben, wenn man nicht lieber ein junges, hübsches,

freundliches Gesicht sähe, als ein altes, häßliches, murrsinniges. Das

Mädchen setzte in unserm Zimmer ihr Silbermützchen vor einem Spiegel,

der zwischen zwei Marienbildern hing, so reizend unbefangen in Ordnung,

als ob sie sich in Ehren eine kleine Unordnung recht gern wollte

vergeben lassen. Der Ketzer Schnorr sah dem rechtgläubigen Geschöpf so

enthusiastisch in die Augen, als ob er sich eben zu ihr bekehren, oder

sie wenigstens zum Modell nehmen wollte. Ueberdieß ist der

böhmisch-deutsche Dialekt bis Lowositz ziemlich angenehm und gurgelt die

Worte nicht halb so dick und widrig hervor, wie der gebirgische in

Sachsen.

Der Weg von Peterswalde[7] nach Außig ist rauh, aber schön; von Außig,

wo man wieder an die Elbe kommt, romantisch wild, links und rechts an

dem Flusse hohe Berge mit Schluchten, Felsenwänden und Spitzen. Hier

tönte mir die Klage über die Undisciplin unserer sächsischen Landsleute

ins Ohr, die in dem baierischen Erbfolgekriege zur Feuerung hier alle

Weinpfähle verbrannten. Sie durften nur einige hundert Schritte höher

steigen, so hatten sie ganze Wälder. Das schmerzt mich in die Seele

Anderer. Wenn die Oestreicher es eben so schlimm machen, so werden wir

dadurch nicht besser. Wann wird unsere Humanität wenigstens diese

Schandflecken wegwischen? Bei Lowositz endigen allmälig die Berge, und

von da bis Eger hinauf und Leutmeritz hinab ist schönes, herrliches,

fruchtbares Land, das zwei Stunden hinter Budin nun ganz Ebene wird. In

Budin, einem Orte, wo allgemeine Verlassenheit zu seyn scheint, traf ich

bei dem Juden Lasar Tausig eine kleine Sammlung guter Bücher an, und

ließ mir von ihm, da er Lessings Nathan einem Freunde geliehen hatte,

auf den Abend Kants Beweisgrund zur einzig möglichen Demonstration über

das Daseyn Gottes geben.

_Prag._

Von Budin bis hierher stehen im Kalender sieben Meilen, und diese

tornisterten wir von halb acht Uhr früh bis halb sechs Uhr Abends sehr

bequem ab, und saßen doch noch über eine Stunde zu Mittage in einem

Wirthshause, wo wir bei einem Eierkuchen durchaus mitfasten und dafür

funfzig Kreuzer bezahlen mußten; welches ich für einen Eierkuchen in

Böhmen eine stattliche Handvoll Geld finde. Da war es in Peterswalde

verhältnißmäßig billiger und besser. Der Wirth zur Rose in Budin hatte

ein gutes Haus von außen und ein schlechtes von innen. Eine Suppe von

Kaldaunen, altes dürres Rindfleisch und ein zäher, lederner Braten von

einer Gans, die noch eine Retterin des Kapitols gewesen seyn mochte;

noch schlechter waren die Betten: aber am schlechtesten war der Preis.

Die schlechten Sachen waren ungeheuer theuer, wovon ich schon vorher

unterrichtet war. Aber Muß ist ein Bretnagel, heißt das Sprichwort.

Dieser Wirth ist der Einzige in Budin und mich däucht, schon Küttner hat

gehörig sein Lob gesungen. Uebrigens lasse ich die Qualität der

Wirthshäuser mich wenig anfechten. Das beste ist mir nicht zu gut, und

mit dem schlechtesten weiß ich noch fertig zu werden. Ich denke, es ist

noch lange nicht so schlimm, als auf einem englischen Transportschiffe,

wo man uns wie die schwedischen Häringe einpökelte, oder im Zelte, oder

auf der Brandwache, wo ich einen Stein zum Kopfkissen nahm, sanft

schlief und das Donnerwetter ruhig über mir wegziehen ließ.

In der Budiner Wirthsstube war ein Quodlibet von Menschen, die einander

ihre Schicksale erzählten und hier und da, zur Verschönerung

wahrscheinlich, etwas dazu logen. Einige östreichische Soldaten,

Stallleute und ehemalige Stückknechte, die alle in der französischen

Gefangenschaft gewesen waren, und einige Sachsen von dem Kontingent

machten eine erbauliche Gruppe, und unterhielten die Nachbarn lang und

breit von ihren ausgestandenen Leiden. Besonders machte einer der

Soldaten eine so greuliche Beschreibung von den Läusen im Felde und in

der Gefangenschaft, daß wir Andern fast die Phthiriase davon hätten

bekommen mögen. Mir war es nunmehr nur eine drollige Reminiscenz meiner

ersten Seefahrt nach Amerika, wo die Engländer uns gar erbärmlich

säuberlich hielten, und wo wir, vom Kapitän bis zum Trommelschläger, der

Thierchen auch eine solche Menge bekamen, daß sie das Tauwerk zu

zerfressen drohten. Ein Fuhrknecht erzählte dann unter andern toll

genug, wie er und seine Kameraden in Iglau neulich einige Soldaten, in

einem Streit wegen der Mädchen, gar furchtbar zusammengeprügelt hätten.

^Where there is a quarrel, there is always a lady in the case^, dachte

ich, gilt auch bei der östreichischen Bagage. Ein Soldat meinte, daß die

Fuhrknechte denn doch etwas sehr Mißliches und Ungebührliches

unternommen hätten, sich an den Vertheidigern des Vaterlandes zu

vergreifen; die Geschichte würde ihnen am Ende bitter bekommen seyn. »Ei

was,« versetzte der Fuhrknecht, »es waren ja nur Legioner.« »Das ist

etwas anderes,« erwiederte der Soldat beruhigt, »das waren also nur

Studenten und Kaufmannsjungen, die den dritten Marsch um das Butterbrot

weinten, wie die Hellerhuren; die kann man schon mit einer tüchtigen

Tracht Schläge einweihen, um ihnen den Kitzel zu vertreiben.«

In Prag registrirte uns eine Art von Thorschreiber gehörig ein, gab uns

Quartierzettel und schickte unsere Pässe zur Visirung auf das

Polizeidirektorium. Die Herren der Polizei waren, gegen alle Gewohnheit

der Klasse in andern Ländern, die Höflichkeit selbst; den andern Morgen

war in zehn Minuten Alles abgethan, und wir hatten unsern Bescheid bis

Wien. Unsere Bekannten wunderten sich sehr über unser Glück, da man noch

kurz vorher Fremden mit Gesandtschaftspässen viele Schwierigkeiten

gemacht hatte.

Das Theater hier ist polizeimäßig richtig und nicht ohne Geschmack

gebaut. Das Stück, das man gab, war schlecht, die Gesellschaft arbeitete

nicht gut, und das Ballet ging nicht viel besser, als das Stück. Der

Gegenstand des letztern, das wilde Mädchen, war von dem Komponisten sehr

gut ausgeführt; und es war Schade, daß in der Vorstellung weder

Charakter, noch Takt richtig gehalten wurde. Guardasoni ist Unternehmer

der beiden Abtheilungen des Theaters, sowohl der deutschen, als der

italienischen. Die deutsche habe ich höchst mittelmäßig gefunden, und

die italienische soll noch einige Grade schlechter seyn, die wir doch

sonst in Leipzig bei ihm sehr gut besetzt und wohl geordnet fanden.

Heute wurde Hamlet gegeben, und Du kannst Dir vorstellen, daß ich nicht

Lust hatte, einen meiner Lieblinge gemißhandelt zu sehen.

Die Bibliothek war geschlossen, weil sie in Feuersgefahr gewesen war und

man den Schaden ausbauet; und das wird länger dauern, als ich zu warten

gesonnen bin. Der Bibliothekar, Rath _Unger_, der um Literatur und

Aufklärung viel Verdienste und gegen Fremde große Gefälligkeit hat,

würde indessen unstreitig die Güte gehabt haben, uns die gelehrten

Schätze zu zeigen, wenn wir ihn zu Hause getroffen hätten. Es ist

bekannt, wie sehr sie im dreißigjährigen Kriege von den Schweden

geplündert wurde, die, durch Einverständniß mit ihrer Partei, sogar die

unterirdischen Gewölbe ausfindig zu machen wußten, um die versteckten

Reichthümer hervorzuziehen. Durch die Aufhebung der Klöster unter Joseph

dem Zweiten hat die Bibliothek zwar wieder außerordentlich gewonnen;

aber die aufgehäuften Bücher und Schriften sind eben dadurch für die

Literatur größerer Gefahr ausgesetzt, weil sie an einem einzigen Orte

beisammen liegen. Der letzte Vorfall hat die Besorgniß bestätigt und

erhöht. Ein Glück war es, daß eben damals mehr als vierzig Menschen oben

lasen, als durch die Nachlässigkeit eines Künstlers, der über derselben

in Feuer arbeitete, die Gluth durchbrach. So ward selbst die liberale

Benutzung des Instituts, dessen Einrichtung zu den musterhaftesten

gehört, ihre Rettung.

Auf Grodschin war das Wetter unfreundlich und finster, und ich blickte

durch die Schneegestöber nach der Gegend hinaus, wo Friedrich schlug und

Schwerin fiel. Die Kathedrale hat für die Liebhaber der Geschichte

manches Merkwürdige. Die Begräbnisse der alten Herzoge von Böhmen

gewähren, wenn man Muße hat, eine eigene Art von Genuß; und das silberne

Monument eines Erzbischofs ist vielleicht auch für den Künstler nicht

ohne Interesse. Während Schnorr es betrachtete, stand ich vor den

Gräbern der Kaiser Wenzel und Karls des Vierten, und fand, daß die

Zeiten der goldenen Bulle doch wohl nur für wenige Fürsten golden und

für die ganze übrige Menschheit sehr bleiern waren. Schlicks, des

Ministers Grabmal, gleich hinter dem Steine des Kaisers, ist ein

verdorbener gothischer Bombast ohne Geschmack und Würde. Eine Pyramide

in der Kirche kommt mir vor, als ob man den Blocksberg in eine

Nachtmütze stecken wollte.

Der gute Nepomuck auf der Brücke, mit seiner ehrwürdigen Gesellschaft,

gewährt den frommen Seelen noch viel Trost. Es scheint überhaupt in

Prag, sowohl unter Katholiken, als unter Protestanten, noch eine große

Anzahl Zeloten zu geben: nur nicht unter den höheren Ständen, die in

dieser Rücksicht die Toleranz selbst sind.

Ich freute mich, als ich hinter Lowositz in Böhmen auf die Ebenen kam,

und hoffte nun, einen beträchtlichen Grad von Wohlstand und Kultur zu

finden, da der Boden rund umher außerordentlich fruchtbar zu seyn

schien. Aber meine Erwartung wurde traurig getäuscht. Die Dörfer lagen

dünn, und waren arm: noch mehr, als in dem Gebirge. Man drasch in den

Herrenhöfen auf vielen Tennen und die Bauernhäuser waren leer und

verfallen; die Einwohner schlichen so niedergedrückt herum, als ob sie

noch an dem härtesten Joche der Sklaverei zögen. Mich deucht, sie sind

durch Josephs wohlthätige Absichten wenig gebessert worden, und höchst

wahrscheinlich sind sie hier noch schwerer durch die Frohnen gedrückt,

als irgendwo. Wo die Sklaverei systematisch ist, machen die Städte oft

den Anhang des großen und kleinen Adels und theilen den Raub. Das schien

hier der Fall. Alles war in Furcht, als sich die Franzosen nahten; nur

die Bauern jubelten laut und sagten, sie würden sie mit Freuden erwarten

und alsdann schon ihre Unterdrücker bezahlen. Ob der Landmann in

Rücksicht der Franzosen Recht hatte, ist eine andere Frage: aber in

seiner Freude bei der furchtbaren Krise des Vaterlandes lag ein großer

Sinn, der wohl beherzigt zu werden verdiente, und der auch vielleicht

den Frieden mehr beschleunigt hat, als die verlornen Schlachten.

Unsere guten Freunde jagen uns hier Angst ein, daß rund umher in der

Gegend Räuber und Mörder streifen. Das könnten unsere guten Freunde nun

wohl bleiben lassen; denn fort müssen wir. In Leutmeritz sollen über

Hundert sitzen, und in Prag nicht viel weniger. Die Auflösung der

militärischen Corps ist immer von solchen Uebeln begleitet, so wie bei

uns die Einrichtungen gewöhnlich sind. Ich gehe getrost vorwärts und

verlasse mich etwas auf einen guten, schwerbezwingten Knotenstock, mit

dem ich tüchtig schlagen und noch einige Zoll in die Rippen nachstoßen

kann. Freund Schnorr wird auch das Seinige thun; und so müssen es schon

drei gut bewaffnete, entschlossene Kerle seyn, die uns anfallen wollen.

Wir sehen nicht aus, als wenn wir viel bei uns trügen, und auch wohl

nicht, als ob wir das Wenige, das wir tragen, so leicht hergeben würden.

_Znaym._

Wir nahmen den Segen unsrer Freunde mit uns und pilgerten von Prag aus

weiter. Wo ich nichts gesehen habe, kann ich Dir natürlicher Weise

nichts erzählen. Nachtlager sind Nachtlager; und ob wir Schinken oder

Wurst oder beides zugleich aßen, kann Dir ziemlich gleichgültig seyn.

Es war ein schöner, herrlicher, frischer Morgen, als wir durch Kolin und

durch die Gegend des Schlachtfeldes gingen. Daun wußte alle seine

Schlachten mit vieler Kunst zu Postengefechten zu machen, und Friedrich

erfuhr mehr als einmal das gewaltige Genie dieses Kunktators. Wäre er

bei Torgau nicht verwundet worden, es wäre wahrscheinlich eine zweite

Auflage von Kolin gewesen. Die Gegend von Kolin bis Czaßlau kam mir sehr

angenehm vor; vorzüglich geben die Dörfer rechts im Thale einen schönen

Anblick. Die vorletzte Anhöhe von Czaßlau gewährt eine herrliche

Aussicht rechts und links, vorwärts und rückwärts, über eine fruchtbare,

mit Dörfern und Städten besäete Fläche. Mich däucht, es wäre hier einer

der besten militärischen Posten, so leicht und richtig kann man nach

allen Gegenden hinabstreichen: und mich sollte es sehr wundern, wenn der

Fleck nicht irgendwo in der Kriegsgeschichte steht. Nicht weit von Kolin

aß ich zu Mittage in einem Wirthshause an der Straße, ohne mich eben

viel um die Mahlzeit zu bekümmern. Meine Seele war in einer eigenen,

sehr gemischten Stimmung; nicht ohne einige Wehmuth, unter den

furchtbaren Scenen der Vorzeit; da tönte mir aus der Ecke des großen,

finstern Zimmers eine schwache, zitternde, einfach magische Musik zu.

Ich gestehe Dir meine Schwachheit: ein Ton kann zuweilen meine Seele

schmelzen und mich wie einen Knaben gängeln. Eine alte Böhmin saß an

einem helleren Fenster uns gegenüber und trocknete sich die Augen, und

ein junges, schönes Mädchen, wahrscheinlich ihre Tochter, schien ihr mit

Mienen und Worten sanft zuzureden. Ich verstand hier und da in der

Entfernung nur Einiges aus der Aehnlichkeit mit dem Russischen, das ich,

wie Du weißt, ehemals etwas zu lernen genöthigt war. Die Empfindung

bricht bei mir selten hervor, wenn mich nicht die Humanität allmächtig

hinreißt. Ich helfe, wo ich kann; wenn ich es nur öfter könnte. Der Ton

des alten Instruments, welches ein goldhaariger junger Kerl in dem

andern dunkeln Winkel spielte, mochte auf die Weiberseelen stärker

wirken, und ihre eigenthümliche Stimmung lebendiger machen. Es war nicht

Harfe, nicht Laute, nicht Zither; man konnte mir den eigentlichen Namen

nicht nennen; am ähnlichsten war es der russischen ^Balalaika^.

Mich däucht, schon Andere haben angemerkt, daß die Straße von Prag nach

Wien vielleicht die befahrenste in ganz Europa ist. Uns begegneten eine

unendliche Menge Wagen mit ungarischen Weinen, Wolle und Baumwolle: aber

die Meisten brachten Mehl in die Magazine bei Czaßlau und weiter hin

nach der Grenze.

Die böhmischen Wirthshäuser sind eben nicht als die besten in Kredit,

und wir hatten schon zwischen Dresden und Prag einmal etwas cynisch

essen, trinken und liegen müssen. Man tröstete uns, daß wir in

Deutschbrot ein sehr gutes Haus finden würden; aber nie wurde eine so

gute Hoffnung so schlecht erfüllt. Wir gingen in zwei, die eben keine

sonderliche Miene machten, und konnten keine Stube erhalten; die

Officiere, hieß es, haben auf dem Durchmarsche Alles besetzt. Das mochte

vielleicht auch der Fall seyn, denn Alles ging von der Armee nach Hause:

deßwegen die unsichern Wege. Im dritten legte ich mißmuthig sogleich

meinen Tornister auf den Tisch, und quartirte mich ein, ohne ein Wort zu

sagen. Der Wirth war ein Kleckser und nannte sich einen Maler, und seine

Mutter ein Muster von einem alten, häßlichen, keifischen Weibe, das

schon seit vierzig Jahren aus der sechsten Bitte in die siebente

getreten war. Es erschienen nach uns eine Menge Juden, Glashändler,

Tabuletkrämer und Kastenträger aller Art, von denen einer bis nach

Sibirien an den Jenisey zu handeln vorgab. Die Gesellschaft trank, sang

und zankte sehr hoch, ohne sich um meine Aesthetik einen Pfifferling zu

bekümmern; und zur Nacht schichtete man uns mit den Hebräern so enge auf

das Stroh, daß ich auf dem britischen Transport nach Kolumbia kaum

gedrückter eingelegt war. Solche Abende und Nächte mußten schon mit

eingerechnet werden, als wir den Reisesack schnallten.

In Iglau habe ich bei meinem Durchmarsche nichts gesehen, als den

großen, schönen, hellen Markt, dessen Häuser aber in der Ferne sich weit

besser machen, als in der Nähe, wie fast Alles in der Welt, das ins

Prächtige fallen soll, ohne Kraft zu haben. Ziemlich in der Mitte des

Marktes steht ein herrliches Dreifaltigkeitsstück, von Leopold dem

Ersten und Joseph dem Ersten, so christgläubig als möglich, aber traurig

wie die Barberei. Einige feine Artikel waren zerspalten und bekleckst,

aber die ^conceptio immaculata^ und die ^sponsa spiritus sancti^ standen

unter dem Ave Maria zum Troste der Gläubigen noch fest und wohl

erhalten. Es soll bei Iglau schon ein recht guter Wein wachsen; er muß

aber nicht in Menge kommen; denn ich habe in der Gegend nicht viel

Weingärten gesehen. Eine halbe Stunde diesseits Iglau stehen an der

Gränze zwei Pyramiden nicht weit von einander, welche im Jahr 1750 unter

Maria Theresia von den böhmischen und mährischen Ständen errichtet

worden sind. Die Inschriften sind ächtes neudiplomatisches Latein und

schon ziemlich verloschen, so daß man in hundert Jahren wohl schwerlich

etwas mehr davon wird lesen können: und doch sind sie, wie gewöhnlich,

zum ewigen Gedächtniß gesetzt. In Mähren scheint mir durchaus noch mehr

Liberalität und Bonhommie zu herrschen, als in Böhmen.

Im Städtchen Stannen müssen beträchtliche Wollmanufakturen seyn; denn

alle Fenster sind mit diesen Artikeln behangen, und man trägt sehr viel

Mützen, Strümpfe, Handschuhe und dergleichen zu außerordentlich

niedrigen Preisen zum Verkauf herum. Ein gutes, bequemes Wirthshaus, das

erste, das wir, seitdem wir aus Prag sind, trafen, hatte den Ort gleich

etwas in Kredit bei uns gesetzt. Wenn man nicht mit Extrapost fährt,

sondern zu Fuße trotzig vor sich hinstapelt, muß man sich sehr oft

huronisch behelfen. Meine größte Furcht ist indessen vor der etwas ekeln

Einquartirung gewisser weißer, schwarzbesattelter Thierchen, die in

Polen vorzüglich gedeihen und auch in Italien nicht selten seyn sollen.

Uebrigens ist es mir ziemlich einerlei, ob ich mich auf Eiderdunen oder

Bohnenstroh wälze. ^Sed quam misere ista animalcula excruciare possint,

apud nautas expertus sum^; darum haben ihnen auch vermuthlich die

Griechen den verderblichen Namen gegeben.

Hier in Znaym mußte ich zum erstenmal Wein trinken, weil der Göttertrank

der Germanen in Walhalla nicht mehr zu finden war. Der Wein war, das Maß

für vier und zwanzig Kreuzer, sehr gut, wie mich Schnorr versicherte;

denn ich verstehe nichts davon, und trinke den besten Burgunder mit

Wasser, wie den schlechtesten Potsdamer. Hier möchte ich wohl wohnen, so

lieblich und freundlich ist die ganze Gegend, selbst unter dem Schnee.

An der einen Seite stößt die Stadt an ziemliche Anhöhen, und auf der

andern, vorzüglich nach Oestreich, wird die Nachbarschaft sehr malerisch

durch die Menge von Weingärten, die alle an sanften Abhängen

hingepflanzt sind. Die beiden Klöster an den beiden Enden der Stadt

sind, wie die meisten Mönchssitze, treffliche Plätze. Das eine, nach der

Oestreichischen Seite, hat Joseph der Zweite unter andern mit

eingezogen. Die Gebäude derselben sind so stattlich, daß man sie für die

Wohnung keines kleinen Fürsten halten sollte. Im Kriege dienten sie zu

verschiedenen Behufen; bald zum Magazin, bald zum Aufenthalte für

Gefangene: jetzt steht Alles leer.

Die römische Ruine, die hier zu sehen ist, steht zwei Stunden vor der

Stadt, rechts hinab in einer schönen Gegend. Da ich aber in Mähren keine

römischen Ruinen studiren will, wandelte ich meines Weges weiter. Ein

hiesiger Domherr hat sie, wie ich höre, erklärt, auf den ich Dich mit

Deiner Neugier verweise. Wenn ich nach den vielen schönen Weinfeldern

rund in der Gegend urtheile, und nun höre, daß die Ruine von einem

Domherrn erklärt worden ist, so sollte ich fast blindlings glauben, sie

müsse sich auf die Dionysien bezogen haben. Der Boden mit den großen

weitläufigen Weinfeldern könnte, da er überall sehr gut zu seyn scheint,

doch wohl besser angewendet werden, als zu Weinbau. Die Armen müssen

billig eher Brot haben, als die Reichen Wein; und Aebte und Domherren

können in diesem Punkte weder Sinn noch Stimme haben.

Auf der Grenze von Mähren nach Oestreich habe ich kein Zeichen gefunden;

nur sind sogleich die Wege merklich schlechter als in Böhmen und Mähren,

und mit den Weingärten scheint mir entsetzlich viel guter Boden

verdorben zu seyn. Ich nehme die Sache als Philanthrop und nicht als

Trinker und Procentist. Schlechtes Pflaster, das seit langer Zeit nicht

ausgebauet seyn muß, gilt für Chaussee.

Wie häufig gute Münze und vorzüglich Gold hier ist, davon will ich Dir

zwei Beispielchen erzählen. Ich bezahlte gestern meine Mittagsmahlzeit

in guten Zehnern, die in Sachsen eben noch nicht sonderlich gut sind;

das sah ein Tabuletkrämer, machte mich aufmerksam, wie viel ich verlöre,

und nahm hastig, da ich ihn versicherte, ich könne es nicht ändern und

achte den kleinen Verlust nicht, die guten Zehner weg, und legte dem

Wirth, der eben nicht zugegen war, neue schlechte Zwölfer dafür hin. Ein

andermal fragte ich in einem Wirthshause, wo Reinlichkeit, Wohlhabenheit

und sogar Ueberfluß herrschte, und wo man uns gut beköstigt hatte, wie

hoch die Dukaten ständen? Mir fehlte kleines Geld. Der Wirth antwortete

sehr ehrlich: »Das kann ich Ihnen wirklich durchaus nicht sagen; denn

ich habe seit vielen Jahren kein Gold gesehen: nichts als schlechtes

Geld und Papier; und ich will Sie nicht betrügen mit der alten Taxe.«

Der Mann befand sich übrigens mit schlechtem Gelde und Papier sehr wohl

und war zufrieden, ohne sich um Dukaten zu bekümmern.

_Wien._

Den zweiten Weihnachtsfeiertag kamen wir hier in Wien an, nachdem wir

die Nacht vorher in Stockerau schon ächt wienerisch gegessen und

geschlafen hatten. An der Barriere wurden wir durch eine Instanz

angehalten und an die andere zur Visitation gewiesen. Ich armer Teufel

wurde hier in bester Form für einen Hebräer angesehen, der wohl Juwelen

oder Brabanter Spitzen einpaschen könnte. Ueber die Physiognomie! Aber

man mußte doch den ^casum in terminis^ gehabt haben. Mein ganzer

Tornister wurde ausgepackt, meine weiße und schwarze Wäsche durchwühlt,

mein Homer beguckt, mein Theokrit herumgeworfen und mein Virgil

beschaut, ob nicht vielleicht etwas französischer Kontrebant darin

stecke; meine Taschen wurden betastet und selbst meine Beinkleider fast

bis an das heilige Bein durchsucht: alles sehr höflich; so viel nämlich

Höflichkeit bei einem solchen Processe Statt finden kann. ^I must needs

have the face of a smuggler.^ Meine Briefe wurden mir aus dem

Taschenbuche genommen, und dazu mußte ich einen goldnen Dukaten

eventuelle Strafe niederlegen, weil ich gegen ein Gesetz gesündigt

hatte, dessen Existens ich gar nicht wußte und zu wissen gar nicht

gehalten bin: »Du sollst kein versiegeltes Blättchen in deinem

Taschenbuche tragen.« Der Henker kann so ein Gebot im Dekalogus, oder in

den Pandekten suchen. Aus besonderer Güte, und da man doch am Ende wohl

einsah, daß ich weder mit Brüßler Kanten handelte, noch die Post

betrügen wollte, erhielt ich die Briefe nach drei Tagen wieder zurück,

ohne weitere Strafe, als daß man mir für den schönen vollwichtigen

Dukaten, nach der Kaisertaxe, von welcher kein Kaufmann in der Residenz

mehr etwas weiß, neue blecherne Zwölfkreuzerstücke gab. Uebrigens ging

alles freundlich und höflich her, an der Barriere, auf der Post, und auf

der Polizei. Wider alles Vermuthen bekümmerte man sich um uns mit keiner

Sylbe weiter, als daß man unsere Pässe dort behielt und sagte, bei der

Abreise möchten wir sie wieder abholen. Sobald ich meine

Empfehlungsbriefe von der Post wieder erhalten hatte, wandelte ich herum

sie zu überliefern und meine Personalität vorzustellen. Die Herren waren

alle sehr freundschaftlich, und honorirten die Zettelchen mit wahrer

Theilnahme. Ich könnte Dir hier mehrere brave Männer unserer Nation

nennen, denen ich nicht unwillkommen war, und die ich hier zum ersten

Male sah; aber Du bist mit ihrem Werth und ihrer Humanität schon mehr

bekannt als ich.

Gestern war ich bei Füger und hatte eine schöne Stunde wahren

Genusses.[8] Der Mann hat mich mit seinen Gesinnungen und seiner

Handelsweise sehr interessirt. Er hatte eben Geschäfte, und ich konnte

daher seine offene Ungezwungenheit desto besser bemerken: denn er

besorgte sie so leicht, als ob er allein gewesen wäre, ohne uns dabei zu

vernachlässigen. Wer in den Zimmern eines solchen Mannes lange Weile

hat, für den ist keine Rettung. Er hat eben so einen Achilles bei dem

Leichname des Patroklus vollendet, der auch nun gezeichnet und in Kupfer

gestochen werden soll. Ich hatte die Stelle nur noch einige Tage vorher

in meinem Homer gelesen; Du kannst also denken, mit welcher Begierde ich

an dem Stücke hing. Es ist ein bezauberndes Bild. Der junge Held in

Lebensgröße bei dem Todten, der bis an die Brust neben ihm sichtbar ist,

scheint sich so eben von seinem tiefsten Schmerz zu erholen und Rache zu

beschließen. Die Figur ist ganz nackt, und scheint mir ein Meisterstück

der Zeichnung und Färbung; aber der Kopf ist göttlich. Du weißt, ich bin

nicht Enthusiast; aber ich konnte mich kaum im Anschauen sättigen. Wenn

meine Stimme etwas gelten könnte, würde ich mit der himmlisch

jugendlichen Schönheit des Gesichts nicht ganz zufrieden seyn. Der Held,

der hier vorgestellt werden sollte, ist nicht mehr der Jüngling, den

Ulysses unter den Töchtern Lykomeds hervorsuchte; es ist der Pelide, der

schon gefochten und gezürnt hat, der schon das Schrecken der Trojaner

war. Um dieses zu seyn, scheint mir der Kopf noch zu viel aus dem

Gynäceum zu haben. Mich däucht, der _Mann_ sollte schon etwas

vollendeter seyn: die Periode ist selbst nur sehr kurze Zeit vor seinem

eigenen Tode. Ich bescheide mich gern, und überlasse dieses den

Eingeweihten der Kunst. Ein Sklave steht hinter ihm, auf dessen Gesichte

man Erstaunen und Furcht liest.

Mehr als alles war mir wichtig sein Zimmer der Messiade. Hier hängt fast

zu jedem Gesange eine Meisterzeichnung, an der sein Geist mit Liebe und

Eifer gearbeitet hat. Er sagte mir, daß er vor Angst einige Wochen nicht

zum Entschlusse habe kommen können, was er mit dem Gedicht anfangen

solle, bis auf einmal die ganze Reihe der Scenen sich ihm dargestellt

habe. Es sind zwanzig, und nur von vieren hat Göschen die Kupfer zu

seiner schönen Ausgabe erhalten. Es wäre werth, daß Göschen mit seinem

gewöhnlichen Enthusiasmus für Wahrheit und Schönheit in der Kunst mit

wackern Künstlern sich entschlösse, sie dem Publikum alle mitzutheilen:

aber die Unternehmung würde keinen kleinen Aufwand erfordern, wenn Füger

auf keine Weise leiden sollte. Figuren und Gruppen sind vortrefflich,

die apostolischen Gesichter bezaubernd, und Judas mit dem Satan gräßlich

charakteristisch, ohne Karikatur. Vorzüglich hat mich das Blatt gerührt,

wo der Apostel nach dem Tode des geliebten Lehrers den Weibern die

Dornenkrone bringt. Die Stelle ist ein Meisterwerk des Pathos im

Gedicht; das hat der Künstler gefühlt und sein Gefühl mit voller Seele

der Gruppe eingehaucht. Der Eifer des Kaifas ist ein Feuerstrom und der

Hauptmann der Römer gleicht einem, der in seinem Schrecken es noch

zeigt, daß er zu dem alten Kapitol gehört. Porcia ist ein göttliches

Weib. Am wenigsten hat mich das erste und letzte Blatt befriedigen

wollen, weil ich mich mit der Personificirung der Gottheit nicht

vertragen kann. Man nehme das Ideal noch so hoch, es kommt immer nur ein

Jupiter Olympius: und diesen will ich nicht haben; es ist mir nicht

genug. Christus ist das erhabenste Ideal der christlichen Kunst. Er ist

selbst nach der orthodoxesten Lehre noch unser Bruder. Bis zu ihm kann

sich unsere Sinnlichkeit erheben, aber weiter nicht. Unsere Apostel und

Heiligen sind die Götter und Heroen des alten Mythus. Bis zu Platos

einzig wirklichem Wesen hat sich auch kein griechischer Künstler

emporgewagt. Der olympische Jupiter ist der homerische. Ich wünschte

Klopstock und Wieland nur eine Stunde hier in diesem Zimmer: sie würden

Lohn für ihre Arbeit finden, und Füger für die seinige.

Ich muß Dir noch über zwei Stücke von Füger etwas sagen, die ich in den

Zimmern des Grafen Fries antraf und die Du vielleicht noch nicht kennst.

Der Graf erinnerte sich meiner mit Güte von der Akademie her, und seine

Freundlichkeit und Gefälligkeit gegen Fremde, so wie sein Enthusiasmus

für Kunst und Wissenschaft, in denen er seinen besten Genuß hat, sind

allgemein bekannt. Die beiden Gemälde sind ziemlich neu; denn das erste

ist nur zwei Jahre alt und das zweite noch jünger. Das erste ist Brutus

der Alte, wie er seine Söhne verdammt; und der Moment ist das

furchtbare: ^Expedi secures!^ Man muß das Ganze mit einem Blicke

umfassen können, um die Größe der Wirkung zu haben, die der Künstler

hervorgebracht hat. Jede Beschreibung, die auseinandersetzt, schwächt.

Das Stück ist reich an Figuren; aber es ist keine müssig: sie gehören

alle zur Katastrophe, oder nehmen Antheil daran. Alles ist richtiger,

eigenthümlicher Charakter, vom Konsul bis zum Liktor. Alles ist ächt

römisch, und schön und groß. Ich darf nicht wagen zu beschreiben; es muß

gesehen werden. Vorzüglich rührend für mich war eine sehr glückliche

Episode, die, so viel ich mich erinnere, der alte Geschichtschreiber

nicht hat, oder wenn er sie hat, wirkt sie hier im Bilde mächtiger als

bei ihm in der Erzählung. Ein ziemlich alter Mann steht mit seinen zwei

Knaben in der Entfernung und deutet mit dem ganzen Ausdruck eines

flammenden Patriotismus auf den Richter und das Gericht hin, als ob er

sagen wollte: Bei den Göttern, so müßte ich gegen euch seyn, wenn ihr

würdet wie diese! Vater und Söhne sind für mich unbeschreiblich schön.

Das zweite Stück ist Virginius, der so eben seine Tochter geopfert hat,

das Messer dem Volke und dem Decemvir zeigt, und als ein furchtbarer

Prophet der künftigen Momente nur einen Augenblick dasteht. Dieser

Augenblick war einzig für den Geist des Künstlers. Die beiden

Hauptfiguren, Virginius und Appius Klaudius sind in ihrer Art

vortrefflich: aber unbeschreiblich schön, rührend und von den Grazien

selbst hingehaucht ist die Gruppe der Weiber, die das sterbende Mädchen

halten. Diese bekümmern sich nicht um den Vater, nicht um den

tyrannischen Richter, nicht um das Volk, um nichts was um sie her

geschieht; sie sind ganz allein mit dem geliebten Leichname

beschäftiget. Eine so reizende Verschlingung schwebte selten der Seele

eines Dichters vor: nimm nun noch die Vollendung und Zartheit der

Figuren und das Pathos des Augenblicks dazu! Es ist eine der schönsten

Kompositionen aus der Seele eines Künstlers, den der Genius der hohen

und schönen Humanität belebte. Ich würde niederknieen und anbeten, wenn

ich die Römer nicht besser kennte. Du weißt aber schon hierüber meine

etwas ketzerische Denkungsart. Als Philantrop betrachtet, möchte ich

lieber in Rußland leben, an der Kette der dortigen Knechtschaft, als

unter dem Palladium der römischen Freiheit. Beschuldige mich nicht zu

schnell eines Paradoxons! Wehe den neuen Galliern, wenn sie die

altrömische Freiheit ihrer Nation, oder gar ihren Nachbarn aufdringen,

oder, wie Klopstock spricht, aufjochen wollen! Aber wo gerathe ich hin?

Fügers neuestes Werk, an dem er jetzt, wie ich höre, für den Herzog

Albert von Sachsen-Teschen arbeitet, ist ein Jupiter, der dem Phidias

erscheint, um ihn zu seinem Bilde vom Olympus zu begeistern. Da es in

die Höhe kommen soll, ist die Anlage etwas kolossalisch. Der Gedanke ist

kühn, sehr kühn: aber Füger ist vielleicht gemacht, solche Gedanken

auszuführen. Mit einer liebenswürdigen Offenheit gesteht der große

Künstler, daß er einige seiner herrlichsten Kompositionen aus Vater

Wielands Aristipp genommen hat. Nun wünschte ich auch David einige

Stunden so nahe zu seyn, wie ich es Füger war; und ich hoffe, es soll

mir gelingen. --

Während der vierzehn Tage, die ich hier hausete, war nur einigemal ein

Stündchen reines, helles Wetter, aber nie einen ganzen Tag; und die

Wiener klagen, daß dieses fast beständig so ist. Da ging ich denn so

finster allein für mich auf dem Walle und etymologisirte »^Vindobona,

quia dat vinum bonum; Danubius, quia dat nubes^;« wer weiß, ob die Römer

bei ihrer Nomenklatur nicht an so etwas gedacht haben. Wenn Harrach,

Füger, Retzer, Ratschky, Möller und einige Andere nicht gewesen wären,

die mir zuweilen ein Viertelstündchen schenkten, ich hätte den dritten

Tag vor Angst meinen Tornister wieder packen müssen.

Von dem Wiener Theaterwesen kann ich Dir nicht viel Erbauliches sagen.

Die Gesellschaft des Nationaltheaters ist abwechselnd in der Burg und am

Kärnthner Thore, und spielt so gut sie kann. Das männliche Personale ist

nicht so arm, als das weibliche; aber Brockmann steht doch so isolirt

dort und ragt über die Andern so sehr empor, daß er durch seine

Ueberlegenheit die Harmonie merklich stört. Die Andern, unter denen zwar

einige gute sind, können ihm nicht nacharbeiten, und so geht er oft zu

ihnen zurück; zumal da auch seine schöne Periode nun vorbei ist. Man gab

eben das Trauerspiel »Regulus.« Ich gestehe Dir, daß es mir ungewöhnlich

viel Vergnügen gemacht hat; vielleicht schon deßwegen, weil es einen

meiner Lieblingsgegenstände aus der Geschichte behandelte. Ich halte das

Stück für recht gut gearbeitet, so viel ich aus einer einzigen

Vorstellung urtheilen kann, wo ich mich aber unwillkührlich mehr zum

Genuß hingab, als vielleicht zur Kritik nöthig war. Es sind allerdings

mehrere kleine Verzeichnungen in den Charaktern; aber das Ganze hat doch

durchaus einen festen, ernsthaften, nicht unrömischen Gang: die Sprache

ist meistens rein und edel, und ich war zufrieden. Zum Meisterwerke

fehlt ihm freilich noch Manches; aber Apollo gebe uns nur mehrere solche

Stücke, so haben wir Hoffnung auch jene zu erhalten. Es wird mir noch

lange einen großen Genuß gewähren, Brockmann in der Rolle des Regulus

gesehen zu haben. Der weibliche Theil der Gesellschaft, der auf den

meisten Theatern etwas arm zu seyn pflegt, ist es hier vorzüglich; und

man ist genöthigt die Rolle der ersten Liebhaberin einer Person zu

geben, die mit Aller Ehre Aebtissin in Quedlinburg oder Gandersheim

werden könnte. Die Dame ist gut, auch gute Schauspielerin; aber nicht

mehr für dieses Fach.

Die Italiener sind verhältnißmäßig nicht besser. Man trillerte sehr

viel, und singt sehr wenig. Der Kastrat Marchesi kombabusirt einen

Helden so unbarmherzig in seine eigene verstümmelte Natur hinein, daß es

für die Ohren eines Mannes ein Jammer ist; und ich begreife nicht, wie

man mit solcher Unmenschlichkeit so traurige Mißgriffe in die Aesthetik

hat thun können. Das mögen die Italiener, wie vielen andern Unsinn, bei

der gesunden Vernunft verantworten, wenn sie können.

Ich, meines Theils, will keine Helden,

Die uns, entmannt und kaum noch mädchenhaft,

Sogleich den Mangel ihrer Kraft,

Im ersten Tone quiekend melden,

Und ihre lächerliche Wuth

Im Schwindel durch die Fistelhöhen

Von ihrem Bret herunter krähen,

Wie Meister Hahns gekappte Brut.

Wenn ich des Hämmlings Singsang nicht

Wie die Taranteltänze hasse,

So setze mich des Himmels Strafgericht

Mit ihm in eine Klasse!

Schikaneder treibt sein Wesen in der Vorstadt an der Wien, wo er sich

ein gar stattliches Haus gebaut hat, dessen Einrichtung mancher

Schauspieldirektor mit Nutzen besuchen könnte und sollte. Der Mann kennt

sein Publikum und weiß ihm zu geben, was ihm schmeckt. Sein großer

Vorzug ist Lokalität, deren er sich oft mit einer Freimüthigkeit

bedient, die ihm selbst und der Wiener Duldsamkeit Ehre macht. Ich habe

auf seinem Theater über die Nationalnarrheiten der Wiener Reichen und

Höflinge Dinge gehört, die man in Dresden nicht dürfte laut werden

lassen, ohne sich von höherem Orte eine strenge Weisung über

Vermessenheit zuzuziehen. Mehrere seiner Stücke scheint er im

eigentlichsten Sinne nur für sich selbst gemacht zu haben; und ich muß

bekennen, daß mir seine barocke Personalität als Tyroler Wastel

ungemeines Vergnügen gemacht hat. Es ist den Wienern von feinem Ton und

Geschmack gar nicht übel zu nehmen, daß sie zuweilen zu ihm und Kasperle

herausfahren und das Nationaltheater und die Italiener leer lassen.

Seine Leute singen für die Vorstadt verhältnißmäßig weit besser, als

jene für die Burg. Die Kleidung ist an der Wien meistens ordentlicher

und geschmackvoller als die verunglückte Pracht dort am Hofe, wo die

Stiefletten des Heldengefolges noch manchmal einen sehr ärmlichen Aufzug

machen. So lange Schikaneder Possen, Schnurren und seine eigenen tollen

Operetten giebt, wo der Wiener Dialekt und der Ton des Orts nicht

unangenehm mitwirkt, kann er auch Leute von gebildetem Geschmack

einigemal vergnügen; aber wenn er sich an ernsthafte Stücke wagt, die

höheres Studium und durchaus einen höheren Grad von Bildung erfordern,

muß der Versuch allerdings immer schlecht ausfallen, aber hier wird er

vielleicht sagen: ich arbeite für mein Haus; dawider ist denn nichts

einzuwenden. Nur möchte ich dann nicht zu seinem Hause gehören. Er will

aber höchst wahrscheinlich für nichts weiter gelten, als für das Mittel

zwischen Kasperle und der Vollendung der mimischen Kunst im

Nationaltheater. Die Herren Kasperle und Schikaneder mögen ihre

subordinirten Zwecke so ziemlich erreicht haben; aber das

Nationaltheater ist, so wie ich es sah, noch weit entfernt, dem ersten

Ort unsers Vaterlandes und der Residenz eines großen Monarchen durch

seinen Gehalt Ehre zu machen.

Den Herrn Kasperle aus der Leopoldstadt hat, wie ich höre, der Kaiser

zum Baron gemacht; und mich däucht, der Herr hat seine Würde so gut

verdient, als die meisten, die dazu erhoben worden. Er soll überdieß das

wesentliche Verdienst besitzen, ein sehr guter Haushalter zu seyn.

Ueber die öffentlichen Angelegenheiten wird in Wien fast nichts

geäußert, und Du kannst vielleicht Monate lang auf öffentliche Häuser

gehen, ehe Du ein einziges Wort hörst, das auf Politik Bezug hätte; so

sehr hält man mit alter Strenge eben so wohl auf Orthodoxie im Staate,

wie in der Kirche. Es ist überall eine so andächtige Stille in den

Kaffeehäusern, als ob das Hochamt gehalten würde, wo jeder kaum zu

athmen wagt. Da ich gewohnt bin, zwar nicht laut zu enragiren, aber doch

gemächlich unbefangen für mich hin zu sprechen, erhielt ich einigemal

eine freundliche Weisung von Bekannten, die mich vor den Unsichtbaren

warnten. In wie fern sie Recht hatten, weiß ich nicht; aber so viel

behaupte ich, daß die Herren sehr Unrecht haben, welche die Unsichtbaren

brauchen. Einmal spielte mir meine unbefangene Sorglosigkeit fast einen

Streich. Du weist, daß ich durchaus kein Revolutionär bin, weil man

dadurch meistens das Schlechte nur schlimmer macht: ich habe aber die

Gewohnheit, die Wirkung dessen, was ich für gut halte, zuweilen etwas

lauter werden zu lassen, als es vielleicht gut ist. So hat mir der

Marseiller Marsch als ein gutes musikalisches Stück gefallen, und es

begegnete mir wohl, daß ich, ohne irgend etwas Bestimmtes zu denken,

eben so wie aus irgend einem andern Musikstücke, einige Takte

unwillkührlich durch die Zähne brumme. Dieß geschah auch einmal,

freilich sehr am unrechten Orte, in Wien, und wirkte natürlich wie ein

Dämpfer auf die Anwesenden. Mir war mehr bange für die guten Leute, als

für mich: denn ich hatte weiter keinen Gedanken, als daß mir die Musik

der Takte gefiel, und selbst diesen jetzt nur sehr dunkel.

Ich erinnerte mich eines drolligen, halb ernsthaften, halb komischen

Auftritts in einem Wirthshause, der auf die übergroße Aengstlichkeit in

der Residenz Bezug hatte. Ein alter, ehrlicher, eben nicht sehr

politischer Oberstlieutenant hatte während des Krieges bei der Armee in

Italien gestanden und sich dort gewöhnt, recht jovialisch lustig zu

seyn. Seine Geschäfte hatten ihn in die Residenz gerufen, und er fand da

an öffentlichen Orten überall eine Klosterstille. Das war ihm sehr

mißbehaglich. Einige Tage hielt er es aus, dann brach er bei einem Glase

Wein ächt soldatisch laut hervor und sagte mit recht drolliger

Unbefangenheit: »Was, zum Teufel, ist denn das hier für ein verdammt

frommes Wesen in Wien? Kann man denn hier nicht sprechen? Oder ist die

ganze Residenz eine große Karthause? Man kommt ja hier in Gefahr das

Reden zu verlernen. Oder darf man hier nicht reden? Ich habe so etwas

gehört, daß man überall lauern läßt: ist das wahr? Hole der Henker die

Mummerei! Ich kann das nicht aushalten und ich will laut reden und

lustig seyn.« Du hättest die Gesichter der Gesellschaft bei dieser

Ouvertüre sehen sollen! Einige waren ernst, die andern erschrocken;

andere lächelten, andere nickten gefällig und bedeutend über den Spaß:

aber Niemand schloß sich an den alten Haudegen an. »Ich werde machen,«

sagte dieser, »daß ich wieder zur Armee komme: das todte Wesen gefällt

mir nicht.«

Als die Franzosen bis in die Nähe von Wien vorgedrungen waren, soll

sich, die Magnaten und ihre Kreaturen etwa ausgenommen, Niemand vor dem

Feinde gefürchtet haben: aber desto größer war die allgemeine Besorgniß

vor den Unordnungen der zurückgeworfenen Armee. Damals fing Bonaparte

eben an, etwas bestimmter auf seine individuellen Aussichten

loszuarbeiten, und hat dadurch zufälliger Weise den Oestreichern große

Angst und große Verwirrung erspart.

Doktor Gall hat eben einen Kabinetsbefehl erhalten, sich es nicht mehr

beigehen zu lassen, den Leuten gleich am Schädel anzusehen, was sie

darin haben. Die Ursache soll seyn, weil diese Wissenschaft auf

Materialismus führe.

Man sieht auch hier in der Residenz nichts als Papier und schlechtes

Geld. Das Lenkseil mit schlechtem Gelde ist bekannt; man führt daran, so

lange es geht. Das Kassenpapier ist noch das unschuldigste Mittel, die

Armuth zu decken, so lange der Kredit hält. Aber nach meiner Meinung ist

für den Staat nichts verderblicher, und in dem Staat nichts ungerechter,

als eigentliche Staatspapiere, so wie unsere Staaten jetzt eingerichtet

sind. Eingerechnet unsere Privilegien und Immunitäten, die freilich ein

Widerspruch des öffentlichen Rechts sind, zahlen die Aermeren fast

durchaus fünf Sechstheile der Staatsbedürfnisse. Die Inhaber der

Staatspapiere, sie mögen Namen haben wie sie wollen, gehören aber

meistens zu den Reichen, oder wohl gar zu den Privilegiaten. Die

Interessen werden wieder aus den Staatseinkünften bezahlt, die meistens

von den Aermeren bestritten werden. Ein beliebter Schriftsteller wollte

vor kurzem die Wohlthätigkeit der Staatsschulden in Sachsen dadurch

beweisen, weil man durch dieses Mittel sehr gut seine Gelder

unterbringen könne. Nach diesem Schlusse sind die Krankheiten ein großes

Gut für die Menschheit, weil sich Aerzte, Chirurgen und Apotheker davon

nähren. Ein eigener Ideengang, den freilich Leute nehmen können, die

ohne Gemeinsinn gern viel Geld sicher unterbringen wollen. Das Resultat

ist aber, ohne vieles Nachdenken, daß durch die Staatsschulden die

Aermern gezwungen sind, außer der alten Last, auch noch den Reichen

Interessen zu bezahlen, sie mögen wollen oder nicht. Bei einem

Steuerkataster, auf allgemeine Gerechtigkeit gegründet, wäre es freilich

anders. Aber jetzt haben die Reichen die Steuerscheine, und die Armen

zahlen die Steuern. Man kann diese Logik nur bei einem Kasten voll

Steuerobligationen bündig finden. Wo hätte der Staat die

Verbindlichkeit, den Reichen auf Kosten der Armen ihre Kapitale zu

verzinsen? Und das ist doch am Ende das Facit jeder Staatsschuld. Jede

Staatsschuld ist eine Krücke und Krücken sind nur für Lahme. Die Sache

ist zu wichtig, sie hier weiter zu erörtern. Ich weise Dich vorzüglich

auf Hume's Buch, als das beste, was mir über diesen Gegenstand bekannt

ist.

Sonderbar war es, daß man in dem letzten Jahre des Krieges bei der

höchsten Krise, Wien zum Waffenplatz machen wollte; das Schlimmste, was

die Regierung für ihre Sache thun konnte! Wenn damals die Franzosen den

Frieden nicht eben so nöthig hatten, wie die Deutschen, oder wenn

Bonaparte andere Absichten hatte als er nachher zeigte, so war das

Unglück für die östreichischen Staaten entsetzlich. Was konnte man von

den Vorspiegelungen erwarten? Es war bekannt, Wien hätte sich nicht acht

Tage halten können; und welche Folgen hätte es gehabt, wenn es auf dem

Wege der Gewalt in die Hände der Feinde gekommen wäre? Die Wiener waren

zwar sicher, daß es nicht dahin kommen würde; aber eben deßwegen waren

die Vorkehrungen ziemlich verkehrt. Man hätte gleich mit

Entschlossenheit der Maxime des Ministers folgen können, dessen übrige

Verfahrungsart ich aber nicht vertheidigen möchte. Hier hatte er ganz

Recht, wenn nur sonst die Kräfte gewogen gewesen wären: »Die Residenz

ist nicht die Monarchie; und es ist manchem Staate nichts weniger als

wohlthätig, daß die Hauptstadt so viel Einfluß auf das Ganze hat.«

Für Kunstsachen und gelehrtes Wesen habe ich, wie Dir bekannt ist, nur

selten eine glückliche Stimmung; ich will Dir also, zumal da das Feld

hier zu groß ist, darüber nichts weiter sagen: Du magst Dir von Schnorr

erzählen lassen, der vermuthlich eher zurückkommt, als ich.

Ich darf rühmen, daß ich in Wien überall mit einer Bonhommie und

Gefälligkeit behandelt worden bin, die man vielleicht in Residenzen

nicht so gewöhnlich findet. Selbst die schnakische Visitation an der

Barriere wurde, was die Art betrifft, mit Höflichkeit gemacht. Den

einzigen böotischen, aber auch ächt böotischen Auftritt hatte ich auf

der italienischen Kanzlei. Hier wurde ich mit meinem alten Passe von der

Polizei um einen neuen gewiesen. Im Vorzimmer war man artig genug und

meldete mich, da ich Eile zeigte, sogleich dem Präsidenten, der eine Art

von Minister ist, den ich weiter nicht kenne. Er hatte meinen Paß von

Dresden schon vor sich in der Hand, als ich eintrat.

»Währ üß Aehr?« fragte er mich mit einem stierglotzenden

Molochsgesichte, in dem dicksten Wiener Bratwurstdialekt. Ich ehre das

Idiom jeder Provinz, so lange es das Organ der Humanität ist; und die

braven Wiener mit ihrer Gutmüthigkeit haben in mir nur selten das Gefühl

rege gemacht, daß ihre Aussprache etwas besser seyn sollte. Ich that ein

kurzes Stoßgebetchen an die heilige Humanität, daß sie mir etwas Geduld

gäbe, und sagte meinen Namen, indem ich auf den Paß zeigte.

»Wu will Aehr hün?«

»Steht im Passe: nach Italien.«

»Italien üß gruhß.«

»Vor der Hand nach Venedig, und sodann weiter.«

»Slähftr holtr sähr füehl sulch lüederlüchches Gesüendel härümmer.«

Nun, Freund, was war hier zu thun? was war hier zu thun? Dem Menschen zu

antworten, wie er es verdiente? Er hätte leicht Mittel und Wege

gefunden, mich wenigstens acht Tage aufzuhalten, wenn er mich nicht gar

zurückgeschickt hätte; denn er war ja ein Stück von Minister. Ich suchte

also eine alte militärische Aufwallung mit Gewalt zu unterdrücken. »Der

Graf Metternich in Dresden muß wohl wissen, was er thut, und wem er

seine Pässe giebt: er ist verantwortlich dafür!« sagte ich so bestimmt,

als mir der Ton folgte. Der Mensch belugte mich von dem verschnittenen

Haarschädel den polnischen Rock herab bis auf die Schariwari, die um ein

Paar derbe rindslederne Stiefeln geknüpft waren.

»Wu wüll Aehr weiter hünn?«

»Vorzüglich nach Sicilien.«

Er glotzte von neuem, und fragte:

»Was wüll Aehr da machchen?«

Hätte ich ihm nun die reine, platte Wahrheit gesagt, daß ich blos

spazieren gehen wollte, um mir das Zwergfell auseinander zu wandeln, das

ich mir über dem Druck von Klopstocks Oden etwas zusammen gesessen

hatte, so hätte der Mann höchst wahrscheinlich gar keinen Begriff davon

gehabt, und geglaubt, ich sei irgend einem Bedlam entlaufen.

»Ich will den Theokrit dort studiren,« sagte ich.

Weiß der Himmel, was er denken mochte; er fuhr mich an, und sah auf den

Paß und sah mich wieder an, und schrieb sodann etwas auf den Paß,

welches, wie ich nachher sah, der Befehl zur Ausfertigung eines andern

war.

»Abber Aehr dörf süchch nücht ünn Venedig uffhalten.«

»Ich bin es nicht Willens,« antwortete ich mit dem ganzen Murrsinn der

düstern Laune, »und bekomme hier auch nicht Lust dazu.« Er beglotzte

mich noch einmal, gab mir den Paß und ich ging.

Man hat mir den Namen des Mannes genannt und gesagt, daß dieses durchaus

sein Charakter sey, und daß er bei dem Kaiser in gar großem Vertrauen

und hoch in Gnaden stehe. Desto schlimmer für den Kaiser und für ihn und

die Wiener und Alle, die mit ihm zu thun haben! Sein Gesicht hatte das

Gepräge seiner Seele, das konnte ich beim ersten Anblick sehen, ohne

jemals eine Stunde bei Gall gehört zu haben. Seinen Namen habe ich

geflissentlich vergessen, erinnere mich aber noch so viel, daß er, eben

nicht zur Ehre unserer Nation, ein Deutscher, obgleich Präsident der

italienischen Kanzlei war. Ist das der Vorschmack von Italien? dachte

ich; das fängt erbaulich an.

Von hier ging ich mit dem Passe hinüber in die Kanzleistube, wo

ausgefertigt wurde; und hier war der Revers des Stücks, ein ganz anderer

Ton. Ich wurde so viel »_Euer Gnohden_« gescholten, daß meine

Bescheidenheit weder ein noch aus wußte, und erhielt sogleich einen

großen Realbogen voll Latein, in ziemlich gutem Stil, worin ich allen

Ober- und Unterofficianten des Kaisers, im Namen des Kaisers, gar

nachdrücklich empfohlen wurde. Wenn es nur der Präsident etwas höflicher

gemacht hätte; es hätte mit der nämlichen oder weit weniger Mühe für ihn

und mich angenehmer werden können. Auf dem neuen Passe stand ^gratis^,

und man forderte mir zwei Gulden ab, die ich auch, trotz der sonderbaren

Hermenevtik des Wörtchens, sehr gern sogleich zahlte und froh war, daß

ich dem Uebermaß der Grobheit und Höflichkeit zugleich entging.

_Schottwien._

Nun nahm ich von meinen alten und neuen Bekannten in der Kaiserstadt

Abschied, packte meine Siebensachen zusammen und wandelte mit meinem

neuen kaiserlichen Dokumente Tages darauf fröhlichen Muthes die Straße

nach Steiermark. Schnorr hatte, als Hausvater, billig Bedenken getragen,

den Gang nach Hesperien weiter mit mir zu machen.[9] Man hatte die

Gefahr, die auch wohl ziemlich groß war, von allen Seiten noch mehr

vergrößert; und was ich, als einzelnes isolirtes Menschenkind, ganz

ruhig wagen konnte, wäre für einen Familienvater Tollkühnheit gewesen.

Komme ich um, so ist die Rechnung geschlossen und es ist Feierabend:

aber bei ihm wäre die Sache nicht so leicht abgethan. Er begleitete mich

den zehnten Januar, an einem schönen, hellen, kalten Morgen, eine Stunde

weit heraus, bis an ein altes, gothisches Monument, und übergab mich

meinen guten Genius. Unsere Trennung war nicht ohne Schmerz, aber rasch

und hoffnungsvoll, uns in Paris wieder zu finden.

Ich zog nun an den Bergen hin, die rechts immer größer wurden, dachte so

wenig, als möglich -- denn viel Denken ist, zumal in einer solchen

Stimmung und bei einer solchen Unternehmung, sehr unbequem -- und setzte

gemächlich einen Fuß vor den andern immer weiter fort. Als die Nacht

einbrach, blieb ich in einem Dorfe zwischen Günselsdorf und Neustadt. So

wie ich in die große Wirthsstube trat, fand ich sie voll Soldaten, die

ihre Bacchanalien hielten. Die Reminiscenzen der Wachstuben, wo ich

ehemals Amts wegen eine Zeit lang jede dritte Nacht unter Tabacksdampf

und Kleinbierwitz leben mußte, hielten mich, daß ich nicht sogleich

zurückfuhr. Ich pflanzte mich in einen Winkel am Ofen, und ließ ungefähr

dreißig Wildlinge ihr Unwesen so toll um mich her treiben, daß mir die

Ohren gellten. Einige spielten Karten, Andere sangen, Andere disputirten

in allen Sprachen der Pfingstepistel mit Mund und Hand und Fuß. Bald

entstand Streit im Ernst, und die Handfesten schienen schon im Begriff,

sich einander die ^argumenta ad hominem^ mit den Fäusten zu appliciren;

da fing ein alter Kerl an in der Ecke der großen gewölbten Stube auf

einer Art von Sackpfeife zu blasen, und Alles ward auf einmal friedlich

und lachte. Bei dem dritten und vierten Takte ward es still, bei dem

sechsten faßten ein Paar Grenadire einander unter die Arme und fingen an

zu walzen. Der Ball vermehrte sich, als ob Hüons Horn geblasen würde;

man ergriff die Mädchen und sogar die alte, dicke Wirthin, und aller

Zank war vergessen. Dann traten Solotänzer auf und tanzten steierisch,

dann kosakisch, und dann den ausgelassensten, ungezogensten Kordax, daß

die Mädchen davon liefen und selbst der Sackpfeifer aufhörte. Dann ging

die Scene von vorn an. Man spielte und trank, und fluchte und zankte und

drohte mit Schlägen, bis der Sackpfeifer wieder anfing. Der Mann war

hier mehr als Friedensrichter, er war ein wahrer Orpheus. Der Wein, den

man aus großen Glaskrügen trank, that endlich seine Wirkung; Alles ward

ein volles, großes, furchtbar bacchantisches Chor. Hier nahm ich den

Riemen meines Tornisters auf die linke Schulter, meinen Knotenstock in

die rechte Hand und zog mich auf mein Schlafzimmer, wo ich ein

herrliches Thronbette fand und gewiß wie ein Fuhrknecht geschlafen

hätte, wäre ich nicht von den Grenadiren durch eine förmliche Bataille

geweckt worden. Der ehrliche Wirth machte den Leidenden, überall das

sicherste bei militärischer Regierung, und hätte seinen kriegerischen

Gästen wohl gern ihre Kreuzer geschenkt, wenn sie ihn nur in Ruhe

gelassen hätten. Ein Officier, wie ich aus dem Tone vermuthete, mit dem

er sprach, machte endlich um zwei Uhr Schicht, und es ward ruhig.

Den andern Morgen fand ich einen ehrsamen, alten Mann bei seinem Weine

sitzen, der den Kopf über die nächtliche Geschichte der Kriegsmänner

schüttelte. Dieser erzählte mir denn einiges über die Einquartirung und

klagte ganz leise, daß sie der Gegend sehr zur Last wäre. Die Soldaten

waren auf Arbeit an dem Kanale, über den ich gestern gegangen war, und

der, wie mir der Alte bedeutend zweifelhaft sagte, bis nach Triest

geführt werden solle. Vor der Hand wird er nur die Steinkohlen von

Neustadt nach Wien bringen. Das Wasser aus den Bergen bei Neustadt und

Neukirchen war so schön und hell, daß ich mich im Januar hätte hinein

werfen mögen. Schönes Wasser ist eine meiner besten Liebschaften, und

überall, wo nur Gelegenheit war, ging ich hin und schöpfte und trank. Du

mußt wissen, daß ich noch nicht ganz diogenisch einfach bin, aus der

hohlen Hand zu trinken, sondern dazu auf meiner Wanderschaft eine

Flasche von Resina gebrauche, die reinlich ist, fest hält und sich

gefällig in alle Formen fügt. Eine Stunde von Schottwien fängt die

Gegend an herrlich zu werden; vorzüglich macht ein Kloster rechts auf

der Anhöhe eine sehr romantische Partie. Das Ganze hat Aehnlichkeiten

mit den Schluchten zwischen Außig und Lowositz; nur ist das Thal enger

und der Fluß kleiner; doch sind die Berghöhen nicht unbeträchtlich und

sehr malerisch gruppirt. Das Städtchen Schottwien liegt an dem kleinen

Flüßchen Wien zwischen furchtbar hohen Bergen, und macht nur eine

einzige Gasse. Vorzüglich schön sind die Felsenmassen am Eingange und

Ausgange.

Es hatte zwei Tage ziemlich stark gefroren und fing heute zu Mittage

merklich an zu thauen; und jetzt schlagen Regengüsse an meine Fenster

und das Wasser schießt von den Bergen und der kleine Fluß rauscht

mächtig durch die Gasse hinab. Mir schmeckt Horaz und die gute Mahlzeit

hinter dem warmen Ofen meines kleinen Zimmers vortrefflich. Horaz

schmeckt mir, das heißt, viele seiner Verse; denn der Mensch selbst mit

seiner Kriecherei ist mir ziemlich zuwider. Da ist Juvenal ein ganz

anderer Mann, neben dem der Oktavianer wie ein Knabe steht. Es ist

vielleicht schwer zu entscheiden, wer von den beiden den Anstand und die

guten Sitten mehr ins Auge schlägt, ob Horazens Kanidia oder Juvenals

Fulvia; es ist aber ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden zum

Vortheil des letztern. Wo Horaz zweideutig witzelt, oder gar ekelhaft

schmutzig wird, sieht man überall, daß es ihm gemüthlich ist, so etwas

zu sagen; er gefällt sich darin: bei Juvenal aber ist es reiner, tiefer,

moralischer Ingrimm. Er beleidigt mehr die Sitten als jener; aber bei

ihm ist mehr Sittlichkeit. Horaz nennt die Sache noch feiner und kitzelt

sich; Juvenal nennt sie, wie sie ist; aber Zorn und Unwille hat den Vers

gemacht.

Ein Felsenstück hängt drohend über das Haus her, in welchem ich

übernachte. Hier fängt die Gegend an, die, wie ich mich erinnere, schon

andere mit den schönsten in der Schweiz verglichen haben. Wie wird es

aber auf den steiermärkischen Wegen werden, vor denen mir schon in Wien

selbst Eingeborne bange machen wollten? Es kann nun nichts helfen; nur

Muth! damit kommt man auch in der Hölle durch. Zwischen Neustadt und

Neukirchen, einer langen, langen Ebene zwischen den Bergen, die sich

hinter dem letzten Orte mehr und mehr zusammenschließen, begegnete mir

ein starkes Kommando mit Gefangenen. Der letztern waren wohl einige

Dutzend; eben keine sehr gute Aussicht! Einige waren schwer geschlossen

und klirrten trotzig mit den Ketten. Die Meisten waren Leute, welche die

Straßen unsicher gemacht hatten. Aber desto besser, dachte ich; nun sind

der Schurken weniger da; und diese werden gewiß nicht so bald wieder

losgelassen. In Wien und hier auf dem Wege überall wurde erzählt, daß

man die Preßburger Post angefallen, ausgeplündert und den Postillon und

den Schaffner erschlagen habe. Auch bei _Pegau_, nicht weit von Grätz,

war das nämliche geschehen. Das waren aber gewiß Leute, die vorher

gehörig rekognoscirt hatten, daß die Post beträchtliche Summen führte,

die sich auch wirklich zusammen über hundert und dreißig tausend Gulden

belaufen haben sollen. Bei mir ist nicht viel zu rekognosciren; mein

Homer und meine Gummiflasche werden wenig Räuber in Versuchung bringen.

_Mürzhofen._

Von Schottwien bis hierher war heute in der Mitte des Januars eine

tüchtige Wandlung. Der Sömmering ist kein Maulwurfshügel; es hatte die

zweite Hälfte der Nacht entsetzlich geschneit, der Schnee ging mir bis

hoch an die Waden; ich wußte keinen Schritt Weg, und es war durchaus

keine Bahn. Einige Mal lief ich den Morgen noch im Finstern unten im

Thal zu weit links, und mußte durch Verschläge in dem tiefen Schnee die

große Straße wiedersuchen. Nun ging es bergan zwei Stunden, und nach und

nach kamen einige Fuhrleute den Sömmering herab, und zeigten mir

wenigstens, daß ich dorthin mußte, wo sie herkamen. Links und rechts

waren hohe Berge, mit Schwarzwald bewachsen, der mit Schnee behangen

war; und man konnte vor dem Gestöber kaum zwanzig Schritte sehen. Oben

auf den Bergabsätzen begegneten mir einige Reisewagen, die in dem

schlechten Wege nicht fort konnten. Der Frost hielt noch nicht, und

überdieß waren die Gleise entsetzlich ausgeleiert. Herren und Bedienten

waren abgestiegen und halfen fluchend dem Postillon das leere Fuhrwerk

Schritt vor Schritt weiter hinauf winden. Ich wechselte die Schluchten

bergauf, bergab, und trabte zum großen Neide der dick bepelzten Herren

an dem englischen Wagen fürbaß. Ein andermal rollten sie vor mir vorbei,

wenn ich langsam fortzog. So gehts in der Welt; sie gingen schneller,

ich ging sicherer. Auf dieser Seite des Sömmerings kommt aus

verschiedenen Schluchten die Wien herab; und auf der zweiten Hälfte der

Station, nach Mürzzuschlag, nachdem man den Gipfel des Berges erstiegen

hat, kommt eben so die Mürz hervor, und ist in einer Stunde schon ein

recht schöner Bach. Bei Mürzzuschlag treibt sie fast alle hundert

Schritte Mühlen und Hammerwerke bis herab nach Krieglach, wo sie größer

wird, nun schon einen ansehnlichen Fluß bildet, und nur mit Kosten

gebraucht werden kann. Es ist angenehm, die Industrie zu sehen, mit

welcher man das kleine Wässerchen zu seinem Behufe zu leiten und zu

gebrauchen weiß; und die kleinen Thäler an dem Flusse herunter sind

außerordentlich lieblich, und machen auch unter dem Schnee mit ihren

fleißigen Gruppen ein schönes Winterbild.

Die Wörter Mürzzuschlag und Krieglach klangen mir nach den Wiener

Mordgeschichten gar sehr wie ^nomina male ominata^, deren Etymologie ich

mir gern hätte erklären lassen, wenn ich nicht zu faul gewesen wäre,

irgend einen Pastor aufzusuchen: und ich war herzlich froh, als ich

gegen Abend so ziemlich aus der abentheuerlichen Gegend heraus war. Es

ist etwas sehr gewöhnliches, daß man einem Gaste, wenn er die Zeche

bezahlt und abzieht, glückliche Reise wünscht, und man denkt weiter

nicht viel dabei: aber Du kannst nicht glauben, wie angenehm es ist,

wenn es in einer solchen Lage, im Januar, wenn der Sturm den Schnee

gegen die Felsen jagt, mit Theilnahme von einem artigen, hübschen

Mädchen geschieht, zumal wenn man den Kopf voll Räuber und Strauchdiebe

hat.

_Grätz._

Hier will ich einige Tage bleiben und ruhen: die Stadt und die Leute

gefallen mir. Du weißt, daß der Ort auf beiden Seiten der Murr sehr

angenehm liegt; und das Ganze hat hier einen Anblick von Bonhommie und

Wohlhabenheit, der sehr behaglich ist. Von Schottwien aus machte ich den

ersten Tag mit vieler Anstrengung nur fünf Meilen; und den zweiten mit

vieler Leichtigkeit sieben: aber den ersten stieg ich in dem

entsetzlichsten Schneegestöber an der Wien bergauf; und den zweiten ging

ich bei ziemlich gutem Wetter an der Mürz bergab. Es ist ein eigenes

Vergnügen, die Bäche an ihren Quellen zu sehen und ihnen zu folgen, bis

sie Flüsse werden. Die Mürz ist ein herrliches Wasser, und muß die erste

Meile schöne Forellen haben. Man hat mich zwar gewarnt, nicht in der

Nacht zu gehen, und mich däucht, ich habe es versprochen: aber ich habe

bis jetzt doch schon zwei Mal dagegen gesündigt, und bin über eine

Stunde die Nacht gelaufen. Indessen wer wird gern in einer schlechten

Kneipe übernachten, wenn man ihm sagt, daß er eine Meile davon ein gutes

Wirthshaus findet?

An einem dieser Tage wurde ich zu Mittage in einem kleinen Städtchen gar

köstlich bewirthet, und bezahlte nicht mehr, als achtzehn Kreuzer. Das

that meiner Philantropie sehr wohl; denn Du weißt, daß ich mir aus den

Kreuzern so wenig mache, wie aus den Kreuzen. Mein Ideengang kam dadurch

natürlich auf die schöne Tugend der Billigkeit und auf die unbillige

Forderung, daß alle Richter, als Richter, sie haben sollen. Billigkeit

ist die Nachlassung von seinem eigenen Rechte; und nun frage ich Dich,

ob ein Richter dabei etwas zu thun hat? Nur die Parteien können und

sollen billig sein. Bei billigen Richtern wäre es um die Gerechtigkeit

geschehen. Mit diesen Gedanken setzte ich mich in dem nächsten

Wirthshause nieder, und legte das Resultat derselben in mein Taschenbuch

über die Billigkeit.

Verdammt den Richter nicht! er darf nicht billig seyn

Für ihn ist das Gesetz von Eisen,

Und seine Pflichten sind von Stein,

Ihn taub und kalt nur auf das Recht zu weisen.

Nur das, was mir gehört, geb' ich mit Bruderhand

Dem Bruder für die kleine Spende,

Und schlinge freundlicher das Band,

Das beide knüpft, und schüttle froh die Hände.

Hier ist der Uebergang zu der Erhabenheit

Der göttergleichen Heldentugend,

Die sich der Welt zum Opfer weiht;

Der erste Blick von unsrer Geistesjugend.

Die strenge Pflicht, die der Vertrag erzwingt,

Bleibt ewig Grund zu dem Gebäude;

Doch Milde nur und Güte bringt

Ins leere Haus den Harrenden die Freude.

Mit seinem Eisenstaab befriedige das Recht

Den großen Trost gemeiner Seelen;

Mit dem olympischen Geschlecht

Soll uns schon hier die Göttliche vermählen.

Jeder _soll_ billig seyn für sich; das ist menschlich, das ist schön:

aber alle _müssen_ gerecht seyn gegen alle; das ist nothwendig, sonst

kann das Ganze nicht bestehen. Der billige Richter ist ein schlechter

Richter, oder seine Gesetze sind mehr als mangelhaft. Die Billigkeit des

Richters wäre ein Eingriff in die Gerechtigkeit. Zur Gerechtigkeit kann,

muß der Mensch gezwungen werden; zur Billigkeit nicht: das ist in der

Natur der Sache gegründet. Wo die Parteien billig seyn wollen, handelt

der Richter nicht als Richter, sondern als Schiedsmann. Die

Gerechtigkeit ist die erste, große, göttliche Kardinaltugend, welche die

Menschheit weiter bringen kann. Nicht die Gerechtigkeit, die in den

zwölf Tafeln steht und die nachher Justinian lehren ließ. Jeder

unbefangene Geschichtsforscher weiß, was die Zehnmänner waren, was sie

für Zwecke hatten und verfolgten und wie sie zu Werke gingen, und wie

viel Unsinn Papinian von dem Putztische der heiligen Theodora annehmen

mußte. Nicht die Gerechtigkeit unserer Fürsten, die oft einige tausend

Bauern mit Peitschen vom Pfluge hauen, damit sie ihnen ein Schwein

jagen, das ein Jägerbursche zum Probeschusse tödten könnte. An der Seine

erschien vor einigen Jahren eine Morgenröthe, die sie hervorzuführen

versprach. Aber die Morgenröthe verschwand, es folgten Ungewitter, dann

dicke Wolken und endlich Nebeltage. Es war ein Phantom. Wenn Du

Gerechtigkeit in den Gesetzen suchst, irrest Du sehr; die Gesetze sollen

erst aus der Gerechtigkeit hervorgehen, sind aber oft der Gegensatz

derselben. Du kannst hier, wie in manchem unserer Institute, schließen:

jemehr Gesetze, desto weniger Gerechtigkeit; jemehr Theologie, desto

weniger Religion; je längere Predigten, desto weniger vernünftige Moral.

Mit unserer bürgerlichen Gerechtigkeit geht es noch so ziemlich; denn

die Gewalthaber begreifen wohl, daß ohne diese durchaus nichts bestehen

kann, daß sie sich ohne dieselbe selbst auflösen: aber desto schlimmer

sieht es mit der _öffentlichen_ aus; und mich däucht, wir werden wohl

noch einige platonische Jahre warten müssen, ehe es sich damit in der

That _bessert_, so oft es sich auch _ändern_ mag. Dazu ist die Erziehung

des Menschengeschlechtes noch zu wenig gemacht, und diejenigen, die sie

machen sollen, haben zu viel Interesse, sie nicht zu machen, oder sie

verkehrt zu machen. Sobald Gerechtigkeit seyn wird, wird Friede seyn und

Glück: sie ist die einzige Tugend, die uns fehlt. Wir haben Billigkeit,

Großmuth, Menschenliebe, Gnade und Erbarmung genug im Einzelnen, bloß

weil wir im Allgemeinen keine Gerechtigkeit haben. Die Gnade verderbt

alles, im Staate und in der Kirche. Wir wollen keine Gnade, wir wollen

Gerechtigkeit; Gnade gehört bloß für Verbrecher; und meistens sind die

Könige ungerecht, wo sie gnädig sind. Wer den Begriff der Gnade zuerst

ins bürgerliche Leben und an die Stühle der Fürsten getragen hat, soll

verdammt seyn, von bloßer Gnade zu leben: vermuthlich war er ein Mensch,

der mit Gerechtigkeit nichts fordern konnte. Aus Gnaden wird selbst kein

guter, rechtlicher, vernünftiger Mann selig werden wollen, und wenn es

auch ein Dutzend Evangelisten sagten. Es ist ein Widerspruch, man

lästert die Gottheit, wenn man ihr solche Dinge aufbürden will. Aber,

lieber Freund, wo gerathe ich hin mit meinem Eifer in Grätz?

Mit diesen und ähnlichen Gedanken, die ich Dir hier nicht alle

herschreiben kann, lief ich immer an der Mürz hinunter, kam in Brüg an

die Murr und pilgerte an dem Flusse hinab. Schon zu Neukirchen waren mir

eine Menge Wagen begegnet, die leer zu seyn schienen und doch

außerordentlich schwer gingen. Auf dem Sömmering traf ich noch mehr, und

entdeckte nun, daß sie Kanonen führten, die sie höchst wahrscheinlich

von Grätz und noch weiter von der italienischen Armee brachten und deren

Lavetten vermuthlich verbraucht waren. Vor einem Wagen zogen oft

sechszehn Pferde, und der Wagen waren mehr als hundert. Für mich hatten

sie den Vortheil, daß sie Bahn machten. Hier und da war auch Bedeckung;

und Soldaten mit Gewehr sehe ich als Reisender jetzt immer gern: denn im

Allgemeinen darf man annehmen, diese sind ehrliche Leute; die schlechten

behält man in den Garnisonen und läßt sie nicht mit Gewehr im Lande

herumziehen.

Den zehnten um neun Uhr aus Wien, und den vierzehnten zu Mittage in

Grätz, heißt im Januar immer ehrlich zu Fuße gegangen. Die Thäler am

Flusse herunter sind fast alle romantisch schön, die Berge von

beträchtlicher Höhe. Noch eine Meile von Brüg, gleich an dem Ufer der

Mürz, steht ein schönes Landhaus; auf der einen Seite desselben siehst

Du auf der Gartenmauer Pomona mit ihrem ganzen Gefolge in sehr grotesken

Statüen abgebildet, und auf der andern die Musik mit den meisten

Instrumenten nach der Reihe, noch grotesker und fast an Karikatur

gränzend. Das Ganze ist schnakisch genug, und thut eine possirliche

angenehme Wirkung. Der Trägerin des Füllhorns fehlte der Kopf, und da

die ganze Gesellschaft ziemlich beschneit war, konnte man nicht

entdecken, ob er abgeschlagen war, oder, ob man sie absichtlich ohne

Kopf hingestellt hatte. Die Oerter in der Gegend haben alle das Ansehen

der Wohlhabenheit.

Bei Röthelstein beschwerte sich ein Landmann, mit dem ich eine Meile

ging, über den Schaden, den die Wölfe und Luchse anrichteten, die aus

den Bergen herab kämen. Der Schnee ward hoch und die Kälte schneidend,

und ich eilte nach Pegau, bloß weil der Ort für mich einen

vaterländischen Namen hatte. Aber das Quartier war so traurig, als ich

es kaum auf der ganzen Reise angetroffen hatte. Man sperrte mich mit

einem Kandidaten der Rechte zusammen, der aus der Provinz nach Grätz zum

Examen ging, und der mich durch seine drolligen Schilderungen der

öffentlichen Verhältnisse in Steiermark für das schlechte Wirthshaus

entschädigte. Er hatte viel Vorliebe für die Tyroler, ob er gleich ein

Steiermärker war, und lobte Klagenfurth nach allen Prädikamenten. Mit

ihm ging ich vollends hierher.

Grätz ist eine der schönsten großen Gegenden, die ich bis jetzt gesehen

habe; die Berge rund umher geben die herrlichsten Aussichten, und müssen

in der schönen Jahreszeit eine vortreffliche Wirkung thun. Das Schloß,

auf einem ziemlich hohen Berge, sieht man sehr weit; und von demselben

hat man rund umher den Anblick der schön bebauten Landschaft, die durch

Flüsse und Berge und eine Menge Dörfer herrlich gruppirt ist. Als ich

oben in das Schloßthor trat, stand ein Korporal dort und pfiff mit

großer Andacht eines der besten Stücke aus der Oper: »_die Krakauer_,«

welche die letzte Veranlassung zum Ausbruch der Revolution in Warschau

war. Da ich die Oper dort genossen und das darauf folgende Trauerspiel

selbst mitgemacht hatte, so kannst Du denken, daß diese Musik hier in

Grätz ganz eigen auf mich wirkte. Eben diese Melodie hatte mich oft so

sehr beschäftigt, daß ich manchmal in Versuchung gewesen war, für mich

selbst einen eigenen Text darauf zu machen, da ich das Polnische nicht

sonderlich verstehe. Die Gefängnisse des Schlosses sind jetzt voll

Verbrecher, die mir mit ihren Ketten entgegen klirrten. Das Spital,

gleich unten am Schloßberge, ein stattliches Gebäude, ist von Joseph dem

Zweiten; und das neue, sehr geschmackvolle Schauspielhaus, mit einer

kurzen, ächt lateinischen Inschrift, von den Ständen. Herr Küttner

spricht schon ziemlich gut von dem hiesigen Theater, und ich habe sein

Urtheil völlig richtig gefunden. Man gab eine neue Bearbeitung des alten

Stücks: »_der Teufel ist los_.« Der Text hält freilich, wie in den

meisten Opern, keine Kritik aus. Schade, daß man nicht in dem Tone

fortgefahren ist, den _Weisse_ angeschlagen hatte. Es hätten eine Menge

zu niedriger Redensarten ausgemerzt werden sollen. Die Musik war

eklektisch und gab Reminiscenzen; war aber sehr gefällig, und schon mehr

italienisch als deutsch. Der Gesang war besser, als ich ihn seit

Guardasonis schöner Periode irgendwo gehört habe. Das Personale ist

ziemlich gut besetzt, und vorzüglich das weibliche nicht so ärmlich, als

in Dresden und Wien. Das einzige, was mir mißfiel, waren die Furien und

Teufel, welche durchaus aussahen, wie die Kohlenbrenner vom Blocksberge.

In einer Prolepse muß ich Dir, nicht ganz zur Ehre unserer Mitbürger,

sagen, daß ich auf meiner ganzen Wanderschaft kein so schlechtes

Schauspielhaus gesehen habe, als bei uns in Leipzig. Hier in Oestreich

und durch ganz Italien und auch in Frankreich sind überall gehörige,

bequeme Vorzimmer am Eingange, und die meisten haben Kaffeehäuser von

mehrern Piecen, wo man Erfrischungen aller Art und gut haben kann. Bei

uns wird das Publikum in einem schlechten Winkel ziemlich schlecht

bedient, und für Bequemlichkeit und Vergnügen derjenigen, die nun gerade

diese Scene oder diesen Akt nicht sehen wollen, ist gar nicht gesorgt.

An Feuersgefahr scheint man eben so wenig gedacht zu haben, und sperrt

das Publikum auf Gnade und Ungnade ohne Rettung und Ausflucht zusammen.

Die Grätzer sind ein gutes, geselliges, jovialisches Völkchen; sie

sprechen im Durchschnitt etwas besser deutsch, als die Wiener. Der Adel

soll viel alten Stolz haben. Das ist nun überall so sein Geist, etwas

gröber oder feiner; ausgenommen vielleicht in großen Städten und größern

Residenzen, wo sich die Menschen etwas mehr an einander schleifen und

abglätten. Längs der Mürz und der Murr herunter giebt es links und

rechts noch manche alte Schlösser, die aber, dem Himmel sei Dank, immer

mehr und mehr in Ruinen sinken. Ihr Anblick erhöht nur noch das

Romantische. Von Iffland, der voriges Jahr auch hier war, spricht man

sowohl hier als in Wien noch mit Enthusiasmus. An der Wirthstafel

erzählten einige Gäste vom Lande viel von der Bärenjagd und den

Abenteuern, die es dabei gäbe. Ich glaubte immer, diese Art von Pelzwerk

wäre jetzt nur noch in Polen und jenseits zu Hause; aber voriges Jahr

wurden hier in der Gegend zwölfe geschossen, und auch diesen Jahrgang

wieder mehrere. Vor einigen Jahren ward eine Bärin, die Junge hatte,

erlegt und auf einen Hof geschafft. Kurze Zeit nachher folgten die

Jungen der Fährte der todten Mutter und setzten sich vor dem Hofe auf

einen alten Lindenbaum, wo sie sich endlich ruhig fangen ließen. Die

Gärten und der Lindenberg waren verschneit, so daß ich diese

Vergnügungsörter nur von weitem sah.

_Laybach._

Hier mache ich, wenn Du erlaubst, wieder eine Pause und lasse meine

Hemden waschen, und meine Stiefeln besohlen.

Von Grätz aus war es sehr kalt und ward immer kälter. Die erste Nacht

blieb ich in Ehrenhausen, einem ganz hübschen Städtchen, das seinem

Namen Ehre macht, wo ich von meiner lieben Murr Abschied nahm. Der Ofen

glühte, aber das Zimmer ward nicht warm. Der Weg von Ehrenhausen nach

Mahrburg ist ein wahrer Garten, rechts und links mit Obstpflanzungen und

Weinbergen. Auch Mahrburg ist ein ganz hübscher Ort an der Drawa, und

die Berge an dem Flusse hinauf und hinab sind voll der schönsten

Weingärten. Eine herrliche ökonomische Musik war es für mich, daß die

Leute hier überall links und rechts auf Bohlentennen draschen. Man kann

sich keinen traulichern Lärm denken. Das Deutsche hörte nunmehr unter

den gemeinen Leuten auf, und das Italienische fing nicht an: dafür hörte

ich das krainische Rothwelsch, von dem ich nur hier und da etwas aus der

Analogie mit dem Russischen verstand. Die Russen thun sich etwas darauf

zu gute, daß man sie so weit herab in ihrer Muttersprache versteht, und

nennen sich deswegen die Slawen, die Berühmten, ungefähr so wie die

heutigen Gallier sich eine große Nation nennen. Bis nach Triest und Görz

wurden sie hier überall verstanden. Die Polen sprechen sogleich leicht

und verständlich mit ihnen, und die Böhmen finden keine große

Schwierigkeit. Ich selbst erinnere mich, als ich vor mehreren Jahren aus

Rußland zurückkam und einen alten russischen Grenadier als Bedienten mit

mir hatte, daß er mir in der Lausitz in der Gegend von Lübben sagte:

»Aber, mein Gott, wir sind ja hier noch ganz in Rußland; hier spricht

man ja noch gut russisch.« So viel Aehnlichkeit haben die slawischen

Dialekte unter sich, von dem russischen bis zum wendischen und

krainischen.

Von Gannewitz aus ist ein hoher, furchtbar steiler Berg, weit steiler

als der Sömmering; so daß vier und dreißig Ochsen und sechs Pferde an

einem Frachtwagen zogen, den die sechs Pferde auf gewöhnlichen Wegen

allein fortbrachten. Die Berge sind hier meistens mit schönen Buchen

bewachsen, da sie an der Murr fast durchaus mit Schwarzwald bedeckt

sind.

In Cilly kam ich ziemlich spät an, und that mir gütlich in sehr gutem

Bier, das nun ziemlich selten zu werden anfängt. Aus Verzweiflung muß

ich Wein trinken, und zwar viel; denn sonst würde man mich ohne

Barmherzigkeit auf ein Strohlager weisen, und wenn ich auch noch so sehr

mit dem Gelde klingelte. Es wurde hier bei meiner späten Ankunft so

stark geschossen und geschrien, daß ich glaubte, es wäre Revolution im

Lande. Wie ich näher kam, hörte ich, daß es Schlittenfahrten waren. In

Cilly hätte ich auch bald meine irdische Laufbahn geschlossen: das ging

so zu. Ich aß gut und viel, wie gewöhnlich, in der Wirthsstube, und

hatte bestellt, mir ein gutes Zimmer recht warm zu machen, weil es

fürchterlich kalt war: denn die steiermärkischen und krainischen Winter

halten sich in gutem Kredit, und der jetzige ist vorzüglich strenge.

Nach der Mahlzeit ging ich auf das Zimmer, zog mich aus, stellte mich

einige Minuten an den Ofen, und legte mich zu Bette. Du weißt, daß ich

ein gar gesunder Kerl bin, und jeden Tag gut esse, und jede Nacht gut

schlafe. So auch hier. Aber es mochte vielleicht gegen vier Uhr des

Morgens seyn, als ich durch eine furchtbare Angst geweckt wurde und den

Kopf kaum heben konnte. So viel hatte ich noch Besinnung, daß ich

errieth, ich schlief in einem neu geweißten Zimmer, das man auf mein

Verlangen gewaltig geheizt hatte. Als ich mich aufzurichten versuchte,

um das Fenster zu öffnen, fiel ich kraftlos und dumpf auf den Pfühl

zurück und verlor das Bewußtseyn. Als es helle ward, erwachte ich

wieder, sammelte nun so viel Kraft, das Fenster zu öffnen, mich

anzuziehen, in der Eile das Zimmer zu verlassen, hinunter zu taumeln und

unten etwas Wein und Brot zu bestellen. Hier kam der zweite Paroxysmus;

ich sank am Tische hin in einen namenlosen Zustand, wie in einen

lichtleeren Abgrund wo Finsterniß hinter mir zuschloß. So viel erinnere

ich mich noch; ich dachte, das ist der Tod und war ruhig: sie werden

mich schon gehörig begraben. Kurze Zeit darauf erwachte ich wieder unter

dem entsetzlichsten Schweiße, der mich aber mit jedem Augenblicke

leichter ins Leben zurückbrachte. Der ganze Körper war naß, die Haare

waren wie getaucht, und auf den Händen standen große Tropfen bis vorn an

die Nägel. Niemand war in dem Zimmer; der Schweiß brachte mir nach der

Schwere des Todes ein Gefühl unaussprechlicher Behaglichkeit. Etwas

Schwindel kam zurück; nun suchte ich mich zu ermannen und nahm etwas

Wein und Brot. Die Luft, dachte ich, ist die beste Arznei, und auf alle

Fälle stirbt man besser in dem freien Elemente, als in der engen Kajüte.

So nahm ich meinen Tornister mit großer Anstrengung auf die Schulter und

ging oder wankte vielmehr fort; aber mit jedem Schritte ward ich

leichter und stärker, und in einer halben Stunde fühlte ich nichts mehr,

ob mir gleich Kleid, Hut, Haar und Bart und das ganze Gesicht schwer

bereift war und der ganze Kerl wie schlecht verschossene Silberarbeit

aussah; denn es fiel ein entsetzlich kalter Nebel. Nach zwei Stunden

frühstückte ich wieder mit so gutem Appetit, als ich je gethan hatte.

Siehst Du, lieber Freund, so hätte mich der verdammte Kalk beinahe etwas

früher, als nöthig ist in jene Welt gefördert. Doch vielleicht kam mir

dieses auch nur so gefährlich vor, weil ich keiner solchen Phänomene von

Krankheit, Ohnmacht und so weiter, gewohnt bin. Etwas gewitziget wurde

ich indeß für die Zukunft, und ich visitirte nun allemal erst die Wände

eines geheizten Zimmers, ehe ich mich ruhig einquartirte.

Zwischen Franz und Sankt Oswald steht rechts am Berge eine Pyramide mit

einem Postament von schwarzem Marmor, auf dem die Unterwerfungsakte der

Krainer an Karl den Sechsten eingegraben ist: ^Se substraverunt^, heißt

es mit klassisch diplomatischer Demuth. Eine Viertelstunde weiterhin ist

links ein anderes neueres Monument, wie es mir schien, zur Ehre eines

Ministers, der den Weg hatte machen lassen. Es war sehr kalt; die

Schrift war schon ganz unleserlich und der Weg war auch wieder in übeln

Umständen, obgleich beides höchstens nur von Karl dem Sechsten.

Abends kam ich mit vieler Anstrengung in Sankt Oswald an, ob ich gleich

recht gut zu Mittag gegessen hatte; denn der Zufall mochte mich doch

etwas geschwächt haben. Der Wirth, zu dem man mich hier wies, war ein

Muster von Grobheit und hat die Ehre, der Einzige seiner Art auf meiner

ganzen Reise zu seyn; denn alle übrigen waren leidlich artig. Ich trat

ein und legte meinen Tornister ab. Es war Zweidunkel, zwischen Hund und

Wolf. »Was will der Herr?« fragte mich ein ziemlich dicker, handfester

Kerl, der bei dem Präsidenten der italienischen Kanzlei in Wien

Kammerdiener gewesen zu seyn schien, so ganz sprach er seine Sprache und

seinen Dialekt. Du weißt, daß sehr oft ein Minister das Talent hat,

durch sein wirksames Beispiel die Grobheit durch die ganze Provinz zu

verbreiten. »Was will der Herr?« Ich trat ihm etwas näher und sagte:

»Essen, trinken und schlafen.« -- »Das erste kann er, das zweite nicht.«

-- »Warum nicht? Ist hier nicht ein Wirthshaus?« -- »Nicht für Ihn.« --

»Für wen denn sonst?« -- »Für andere ehrliche Leute.« -- »Ich bin

hoffentlich doch auch ein ehrlicher Mann.« -- »Geht mich nichts an.« --

»Aber es ist Abend, ich kann nicht weiter und werde also wohl hier

bleiben müssen,« sagte ich etwas bestimmt, hier gerieth der dicke Mann

in Zorn, ballte seine beiden Fäuste mit einer solchen Heftigkeit, als ob

er mit jeder auf einmal ein halbes Dutzend solcher Knotenstöcke

zerbrechen wollte, wie ich trug. »Mach der Herr nur kein Federlesens,

und pack Er sich, oder ich rufe meine Knechte, da soll die Geschichte

bald zu Ende seyn.« Er deutete grimmig auf die Thür und ging selbst

hinaus. Ich wandte mich, als er hinaus war, an einen jungen Menschen,

welcher der Sohn vom Hause zu seyn schien, und fragte ihn ganz sanft um

die Ursache einer solchen Behandlung. Er antwortete mir nicht. Ich

sagte, wenn man mir nicht trauete, so möchte man meine Sachen in

Verwahrung nehmen, und Börse und Uhr und Paß und Taschenbuch dazu. Nun

sagte er mir ängstlich, der Herr wäre aufgebracht, und es würde wohl bei

dem bleiben, was er gesagt hätte. Hier kam der dicke Herr selbst wieder.

»Ist der Herr noch nicht fort?« -- »Aber, Lieber, es ist ja ganz Nacht;

ich bin sehr müde und es ist sehr kalt.« -- »Geht mich nichts an.« --

»Es ist kein anderes Wirthshaus in der Nähe.« -- »Wird schon eins

finden.« -- »Auch wieder ein solches?« -- »Nur nicht räsonnirt und

Marsch fort!« -- »Hier ist mein Paß aus der Wiener Staatskanzlei.« --

»Ei, was!« rief er grimmig wüthend, und ohne mit Respekt zu sagen, »ich

sch.... auf den Quark!« Was war zu thun? Zur Bataille durfte ich es

nicht wohl kommen lassen; denn da hätte ich, trotz meinem

schwerbezwingten Knotenstock, Schläge bekommen für die Humanität,

^quantum satis^, und noch etwas mehr. Der Mensch schien Kaiser und Papst

in Sankt Oswald in einer Person zu seyn. Ich nahm ganz leise meinen

Reisesack und ging zur Thür hinaus. War das nicht ein erbaulicher,

ästhetischer Dialog?

Nun ist in ganz Sankt Oswald, so viel ich sah, weiter nichts, als dieses

ziemlich ansehnliche Wirthshaus, die Post, ich glaube die Pfarre und

einige kleine Tagelöhnerhütten. Zu der Postnation habe ich durch ganz

Deutschland nicht das beste Zutrauen in Rücksicht der Humanität und

Höflichkeit: das ist ein Resultat meiner Erfahrung, als ich mit

Extrapost reis'te; nun denke Dir, wenn ein Kerl mit dem Habersack käme!

Er möchte noch so viel Dukaten in der Tasche haben, und zehren wie ein

reicher Erbe -- das wäre wider Polizei und die Ehre des Hauses. Zu dem

Pfarrer hätte ich wohl gehen sollen, wie ich nachher überlegte, um meine

Schuldigkeit ganz gethan zu haben. Aber das Unwesen wurmte mich zu sehr;

ich gab dem Heiligen im Geiste drei tüchtige Nasenstüber, daß er seine

Leute so schlecht in der Zucht hielt, und schritt ganz trotzig an dem

Berge durch die Schlucht hinunter in die Nacht hinein. Die tiefe

Dämmerung, wo man aber doch im Zimmer noch nicht Licht hatte, und mein

halb polnischer Anzug mochten mir auch wohl einen Streich gespielt

haben: denn ich glaube fast, wenn wir einander hätten hell ins Gesicht

sehen können, es wäre etwas glimpflicher gegangen. Die Gegend war nun

voll Räuber und Wölfe, wie man mir erzählt hatte, ich marschirte also

auf gutes Glück geradezu. Ungefähr eine halbe Stunde von dem Heiligen

der schlechten Gastfreundschaft traf ich wieder ein Wirthshaus das klein

und erbärmlich genug im Mondschein dort stand. Sehr ermüdet und etwas

durchfroren trat ich wieder ein, und legte wieder ab. Da saßen drei

Mädchen, von denen aber keine eine Sylbe deutsch sprach, und sangen, bei

einem kleinen Lichtchen, ihrer kleinen Schwester ein gar liebliches

krainisches Wiegentrio vor, um sie einzuschläfern. Endlich kam der

Wirth, der etwas deutsch radbrechte: dieser gab mir freundlich Brot,

Wurst und Wein, und ein Kopfkissen auf das Stroh. Ich war sehr froh, daß

man mir kein Bett anbot; denn mein Lager war unstreitig das beste im

ganzen Hause. Es war mir lieb bei dieser Gelegenheit eine gewöhnliche

krainische Wirthschaft zu sehen, die dem Ansehen nach noch nicht die

schlechteste war, und die doch nicht viel besser schien, als man sie bei

den Letten und Esthen in Kurland und Liefland findet. Gleiche Ursachen

bringen gleiche Wirkungen.

Bei Popetsch steht rechts von der Post, oben auf der Anhöhe, ein

stattliches Haus, und hinter demselben zieht sich am Berge eine

herrliche Partie von Eichbäumen hin. Es waren die ersten schönen Bäume

dieser Art, die ich seit meinem letzten Spaziergange in dem Leipziger

Rosenthale sah. Im Prater in Wien sind sie nicht zahlreich; dort in der

Donaugegend sind die Pappeln und Weiden vorzüglich.

Nicht weit von Laybach fallen die Save und Laybach zusammen; und über

die Save ist eine große hölzerne Brücke. Die Lage des Laybacher

Schlosses hat von fern viel Aehnlichkeit mit dem Grätzer; und auch die

Stadt liegt hier ziemlich angenehm an beiden Seiten des Flusses, eben so

wie Grätz an der Murr. Die Brücken machen hier, wie in Grätz, die besten

Marktplätze, da sie sehr bequem auf beiden Seiten mit Kaufmannsläden

besetzt sind; eine große Annehmlichkeit für Fremde! Das Komödienhaus ist

zwar nicht so gut, als in Grätz, aber doch immer sehr anständig; und

auch hier sind am Eingange links und rechts Kaffee- und Billardzimmer.

Schantroch, der hiesige Entrepreneur, der abwechselnd hier, in Görz, in

Klagenfurt, und auch zuweilen in Triest ist, gab Kotzebues Bayard. Er

selbst spielte in einem ziemlich schlechten Dialekt, und seine ganze

Gesellschaft hält keine Vergleichung mit der Domaratiussischen in Grätz

aus. Man sprach hier von einem Stück in Knittelversen, das Alles, was

Schiller und Lessing geschrieben haben, hinter sich lassen soll. Herr

Schantroch, der mit mir an der nämlichen Wirthstafel speis'te, schien

ein eben so seichter Kritiker zu seyn, als er ein mittelmäßiger

Schauspieler ist. Doch ist seine Gesellschaft nicht ganz ohne Verdienst

und hat einige Subjekte, die auch ihren Dialekt ziemlich überwunden

haben: und Schantroch soll als Principal Alles thun, was in seinen

Kräften ist, sie gut zu halten. Die Tagesordnung des Stadtgesprächs

waren Balltrakasserien, wo sich vorzüglich ein Officier durch sein

unanständiges, brüskes Betragen ausgezeichnet haben sollte: und dieser

war, nach seinem Familiennamen zu urtheilen, leider unser Landsmann. Die

Kaffeehäuser sind in Grätz und hier weit besser als in Wien; und das

hiesige Schweizerkaffeehaus ist weit artiger und verhältnißmäßig

anständiger, als das berühmte Milanosche in der Residenz, wo man sitzt,

als ob man zur Finsterniß verdammt wäre. Du siehst, daß man für das

letzte Zipfelchen unsers deutschen Vaterlandes hier ganz komfortabel

lebt und uns noch Ehre genug macht.

Einige Barone aus der Provinz, die in meinem Gasthofe speis'ten,

sprachen von den hiesigen Rechtsverhältnissen zwischen Obrigkeiten und

Unterthanen; oder vielmehr zwischen Erbherren und Leibeigenen; denn das

erstere ist nur ein Euphemismus: und da ergab sich denn für mich, den

stillen Zuhörer, daß Alles noch ein großes, grobes, verworrenes Chaos

ist, eine Mischung von rechtlicher Unterdrückung und alter Sklaverei.

Was Küttner von dem bösen Betragen der Franzosen in einigen andern

Grenzgegenden gesagt hat, muß wohl hier nicht der Fall gewesen seyn.

Alle Eingeborne, mit denen ich gesprochen habe, reden mit Achtung von

ihnen, und sagen, sie haben weit von ihren eigenen Leuten gelitten. Aber

auch diese verdienen mehr Entschuldigung, als man ihnen vielleicht

gönnen will. Die Armee war gesprengt. Stelle Dir die fürchterliche Lage

solcher Leute vor, wenn sie zumal in kleine Parteien geworfen werden.

Der Feind sitzt im Rücken oder auch schon in den Seiten; sie wissen

nicht, wo ihre Oberanführer sind, haben keine Kasse, keinen Mundvorrath

mehr: nun kämpfen sie ums Leben überall, wo sie Vorrath treffen.

Gutwillig giebt man ihnen nichts oder wenig: und die Bedürfnisse vieler

sind groß. Natürlich sind die Halbgebildeten nicht immer im Stande, sich

in den Grenzen der Besonnenheit zu halten. Die Einen wollen nichts

geben, die Andern nehmen mehr, als sie brauchen. Daß dieses so ziemlich

der Fall war, beweist der Erfolg. Es wurden hier einige Hunderte

eingefangen und auf das Schloß zu Laybach gesetzt. Nun waren sie

ordentlich und ruhig und sagten: »Wir wollen weiter nichts, als Essen;

wir konnten doch nicht verhungern.«

Das Erdbeben, von dem man in Gräz fürchterliche Dinge erzählte, und

sagte, es habe Laybach ganz zu Grunde gerichtet, ist nicht sehr merklich

gewesen und hat nur einige alte Mauern eingestürzt. In Fiume, Triest und

Görz soll man es stärker gespürt haben: doch hat es auch dort sehr wenig

Schaden gethan. Der Verkehr ist hier ziemlich lebhaft; die Transporte

kommen auf der Save von Ungern herauf in die Gegend der Stadt und werden

zu Lande weiter geschafft. Vorzüglich gehen die Bedürfnisse jetzt ins

Venetianische, für die dort stehenden Truppen, und auch nach Tyrol, das

sich von dem Kriege noch nicht wieder erholt hat.

Zwischen der Save und der Laybach, wo beide Flüsse sich vereinigen, soll

in den Berggegenden ein großer Strich Marschland liegen, an den die

Regierung schon große Summen ohne Erfolg gewendet hat. Eine Anzahl

Holländer denen man in Unternehmungen dieser Art wohl am meisten trauen

darf, hat sich erboten, das Wasser zu bändigen und die Gegend brauchbar

zu machen, mit der Bedingung, eine gewisse Zeit frei von Abgaben zu

bleiben. Aber die Regierung ist bis jetzt nicht zu bewegen; aus welchen

Gründen, kann man nicht wohl begreifen: und so bleibt der Landstrich öde

und leer, und das Wasser thut immer mehr Schaden.

_Prewald._

Von Laybach aus geht es nun allmälich immer aufwärts, und man hat die

hohe Bergspitze des Loibels rechts hinter sich. Bei Oberlaybach, einem

ziemlich kleinen Städtchen, kommt die Laybach aus den Bergen und trägt,

gleich einige hundert Schritte von dem Orte des Ausgangs, Fahrzeuge von

sechzig Zentnern. Von hier geht es immer höher bis nach Loitsch und so

fort bis nach Planina, das, wie der Name zeigt, in einer kleinen Ebene,

ziemlich tief zwischen den rund umher emporsteigenden Bergen liegt. Der

Weg von Laybach bis Oberlaybach hat noch ziemlich viel Kultur; aber von

da ist er wild und rauh, und man trifft außer den Stationen bis nach

Adlersberg wenig Häuser an. Hier in Planina hatte das Wasser wieder

Unfug angerichtet. Es dringt überall aus den Bergen hervor, und hat das

ganze schöne Thal zu einer außerordentlichen Höhe überschwemmt, so daß

die Eichen desselben bis an die Aeste im Wasser stehen. Dieses war noch

nicht ganz fest gefroren, und man setzte auf mehrern Fahrzeugen

beständig über nach Planina. Der Fall ist nicht selten in dieser

Jahreszeit; aber diesesmal war die Fluth außerordentlich hoch. Die

Hälfte von Planina, auf der andern Seite des Thals, stand unter Wasser.

Vorzüglich soll die Fluth auch mit vermehrt werden durch den Bach von

Adlersberg, der dort bei der Schloßhöhle sich in die Felsen stürzt, so

einige Meilen unter der Erde fortschießt und hier in einer Schlucht

wieder zum Vorschein kommt.

Von Planina aus windet sich der Weg in einer langen Schneckenlinie den

großen Berg hinan, und giebt in mehreren Punkten rückwärts sehr schöne

Partien, wie auch schon, wenn ich nicht irre, Herr Küttner bemerkt hat.

Mich däucht, daß man ohne großen Aufwand die Straße in ziemlich gerader

Linie hinauf hätte ziehen können, die auch, mit gehörigen Absätzen, eben

nicht beschwerlich seyn würde. Ehrliche Krainer hatten es hier und da

schon mit ihren kleinen Wagen gethan, und zu Fuße konnte man schon

überall mit Bequemlichkeit durchschneiden. Die Herrschaft Adlersberg

liegt oben auf der größten Höhe und ist nur von noch höheren Bergspitzen

umgeben. Der Schloßberg ist bei weitem nicht der höchste, sondern nur

der höchste in der Ebene, welche die Herrschaft ausmacht. Von allen

Seiten sammelt sich das Wasser und bildet einen ziemlichen Fluß, der bei

der Grotte am Schloßberge, nahe bei der Mühle, wie oben erwähnt worden

ist, in die Felsen stürzt. Ich wollte, wie Du denken kannst, die Höhle

sehen, und es ward mir schwer einen Menschen zu finden, der mich

begleiten wollte. Endlich ging ein Mensch von der Mauth mit mir, kaufte

Fackel und Licht, und führte mich weit, weit vor den Ort hinaus, durch

den tiefsten Schnee, immer waldeinwärts. Das ging eine starke halbe

Stunde ohne Bahn so fort, und der Mensch wußte sodann nicht mehr, wo er

war, und suchte sich an den Felsenspitzen und Schluchten zu orientiren.

Wir arbeiteten noch eine halbe Stunde durch den hohen Schnee, in dem

dicksten Fichtenwalde, und -- keine Grotte! Du begreifst, daß es mir

etwas bedenklich ward, mit einem wildfremden, baumstarken Kerl so allein

in den Schluchten herumzukriechen und in Krain eine Höhle zu suchen:

mich beruhigte aber, daß ich von dem öffentlichen Kaffeehause in der

Stadt vor Aller Augen mit ihm abgegangen war. Ich sagte ihm, die Höhle

müsse, wie ich gehört habe, doch nahe an der Stadt, am Schloßberge seyn,

und er antwortete, jene in der Nähe der Stadt solle ich auf dem Rückwege

sehen; aber diese entfernte sei die merkwürdigere. Endlich kamen wir

nach vielem Irren und Suchen, nach einer halben Stunde, am Eingange der

Höhle an. Dieser ist wirklich romantisch, wild und schauerlich, in einem

tiefen Kessel, rund umher mit großen Felsenstücken umgeben und mit dem

dichtesten Schwarzwalde bewachsen. Hier zündeten wir in dem Gewölbe,

halb am Tage die Fackel an und gingen in die Höhle hinein, ungefähr eine

Viertelstunde über verschiedene Felsenfälle, sehr abschüssig, immer

bergab. Beim Hinabsteigen hörte ich links in einer ungeheuren Tiefe

einen Strom rauschen, welches vermuthlich das Wasser ist, das bei der

Stadt in den Felsen fällt und bei Planina wieder herausdringt. Wir

stiegen nicht ohne Gefahr noch einige hundert Schritte weiter über

ungeheure eingestürzte Felsenstücke immer bergab, und mein Führer sagte

mir, weiter würde er nicht gehen, er wisse nun keinen Weg mehr und die

Fackel würde sonst nicht den Rückweg dauern. Er mochte wohl nicht der

beste Wegweiser seyn. Aber die Fackel brannte wirklich in der großen

Tiefe und vermuthlich in der Nähe von Dünsten nur mit Mühe; wir stiegen

also wieder heraus und förderten uns bald zu Tage. Nun fand mein

Begleiter den Weg rückwärts nach der Stadt sehr leicht. Unterwegs

erzählte er mir von allen den vornehmen und großen Personagen, welche

die Höhlen gesehen hätten. Diese entferntere sähen nur Wenige; und unter

diesen Wenigen nannte er vorzüglich den Prinzen Konstantin von Rußland.

Mein Führer hatte den kürzesten Weg nehmen wollen und hatte mich

unbemerkt auf den hohen Felsen über der Höhle am Schlosse gebracht, wo

wir nun wie die Gemsen hingen und mit Gefahr hinunter klettern mußten,

wenn wir nicht einen Umweg von einer halben Stunde machen wollten.

Einige Untenstehende riefen uns und zeigten uns die Pfade, auf denen es

möglich war hinunter zu kommen. Nun standen wir am Eingange der andern

Grotte, wo sich der Fluß in den Felsen hinein stürzt. Der Fluß nimmt

sodann die Richtung ein wenig links; der Weg in der Grotte geht ziemlich

gerade fort rechts. In einiger Entfernung vom Eingange erweitert sich

das Gewölbe; es wird sehr hoch und breit, man hört links den Fluß wieder

herrauschen, und bald kommt man auf einer natürlichen Felsenbrücke über

demselben, mitten unter dem Gewölbe. Hier thut die Flamme der Fackeln

eine furchtbare schöne Wirkung. Man hört das Wasser unter sich, und

sieht über sich und rund um sich die Nacht des hohen, breiten Gewölbes.

Hier haben die Führer die Gewohnheit, einige Bund Stroh auf den

Felsenwänden der Brücke anzuzünden, und hatten diesmal sehr reichlich

zugetragen. Die magische Beleuchtung der ganzen unterirdischen

Brückenregion mit ihrem schauerlichen Felsengewölbe, den grotesken

Felsenwänden und dem unten im Abgrunde rauschenden Strome, macht einen

der schönsten Anblicke, deren ich mir bewußt bin. Wenn der Strohhaufen

fast verzehrt ist, stürzt man ihn von der Brücke hinab in den Strom, und

so sieht man ihn unten in der Tiefe auf dem Wasserbett noch einige

Augenblicke fortglühen. Die plötzlich aufsteigende weite Flammenhelle

und die schnell zurückkehrende Finsterniß, wo man bei dem schwachen

Fackellichte nur einige Schritte sieht, macht einen überraschenden

Kontrast. Es hatten sich einige gemeine Krainer zu uns gesellet, die

gern die Gelegenheit mitnehmen, das schöne Schauspiel in der Grotte

wieder zu sehen, dabei ihre Geschichten auszukramen und noch einige

Groschen zu verdienen. »Bis hierher sind die Franzosen gekommen,« sagten

sie, als wir auf der Brücke standen; »aber weiter wagten sie sich

nicht.« -- »Warum nicht?« fragte ich. Die Kerle zogen ein wichtiges

Gesicht beim Fackelschein, und suchten den Muth der Franzmänner

verdächtig zu machen. Die Franzmänner mochten wohl andere Ursachen

haben. Sie waren höchst wahrscheinlich nicht zahlreich genug, hatten

draußen nicht gehörige Maßregeln genommen und besorgten in der großen

Tiefe der Höhle irgend ein unterirdisches Abenteuer kriegerischer Natur.

Außerdem ist nichts zu fürchten. Ich ging nun links am Flusse jenseit

der Brücke ungefähr noch einige hundert Schritte weiter fort; dann aber

mußten wir anfangen mit Lebensgefahr über die Felsen am Wasser

hinzuklettern. Mein Führer sagte, es sei unmöglich weiter zu kommen. Das

glaubte ich nun eben nicht: aber es war Schwierigkeit und Gefahr; ich

wollte noch heute den Weg im Sonnenlichte weiter, und wir krochen und

wandelten zurück. Die Bielshöhle bei Elbingerode hat mehr

Verschiedenheit und die benachbarte Baumannshöhle einige vielleicht eben

so große Partien aufzuweisen; aber sie haben nichts ähnliches, wie die

furchtbare Höllenfahrt in der ersten und der Fluß und die Brücke in der

letztern sind. Die Tropfsteine sind in den Harzhöhlen häufiger,

grotesker und schöner als hier. Zum Beweis, daß dieser Fluß das bei

Planina wieder herausströmende Wasser sei, erzählte man mir, man habe

vor einiger Zeit hier bei dem Einsturz ungefähr eine Metze Korke hinein

geworfen, und diese seien dort in der Bergschlucht wieder zum Vorschein

gekommen.

Hier sitze ich nun in Prewald, einer sehr hohen Bergspitze gegenüber,

und zittere vor Frost, bis man mein Zimmer heizt. Die Höhle zu Lueg,

einem Gute des Grafen Kobenzl, habe ich nicht gesehen. Mein Wirth in

Adlersberg erzählte mir abenteuerliche Dinge davon. Sie soll ehemals von

dort vier Stunden bis nach Wippach gegangen, aber jetzt durch ein

Erdbeben sehr verschüttet seyn. Küttner hat sie gesehen und den Eingang

abgebildet. Das Land ist rund umher voll von dergleichen Höhlen, und

wäre wohl der Bereisung eines Geologen werth. Vor einigen Jahren bauete

ein Landmann Weizen auf einem schönen Feldstriche am Abhange eines

Berges und erntete sehr reichlich; als er für das künftige Jahr

bestellen wollte, schoß der ganze Acker gegen zehn Klafter tief herab,

und es fand sich, daß ein unterirdischer Fluß unter demselben hin

gegangen war, und den Grund so ausgewaschen hatte, daß er einstürzen

mußte. Auch soll in einem See unweit Adlersberg eine noch ganz

unbekannte Art von Eidechsen hausen, von der man erst seit kurzem den

Naturkundigen einige Exemplare eingeschickt habe. Vor einigen Jahren

soll sogar ein Bauer ein Krokodil geschossen haben. Das alles lasse ich

indessen auf der Erzählung des Herrn Merk in Laybach beruhen, der mir

jedoch ein sehr wahrhafter, unterrichteter Mann zu seyn scheint.

_Triest._

Da ich nicht Kaufmann bin und nach den Bemerkungen meiner Freunde

durchaus keine merkantilische Seele habe, wirst Du von mir über Triest

wohl nicht viel hören können, wo alles merkantilisch ist. In Prewald

wohnte ich bei den drei Schwestern, die, wenn ich mich nicht irre, Herr

Küttner schon nennt. Die Mädchen treiben eine gar drollige Wirthschaft,

und ich befand mich bei ihnen leidlich genug. Zuerst waren sie etwas

barsch und behandelten mich, wie man einen gewöhnlichen Tornistermann zu

behandeln pflegt. Da sie aber eine goldene Uhr sahen und mit hartem

Gelde klimpern hörten, wurden sie ziemlich höflich und sogar sehr

freundlich. Zum Abendgesellschafter traf ich einen katholischen

Feldprediger, der von Triest war, bei den Oestreichern einige Zeit in

Udine gestanden hatte und nun hier ganz allein bei den Mädchen gar

gemächlich in Kantonnirung zu liegen schien. Eine von den Schwestern war

ein noch ganz hübsches Stückchen Erbsünde, und hätte wohl einen

ehrlichen Kerl etwas an die sechste Bitte erinnern können. Die erste

Bekanntschaft mit den drei Personagen -- ich nennte sie gerne Grazien,

wenn ich nicht historisch zu gewissenhaft wäre -- machte ich drollig

genug in der Küche, wo sie sich alle drei auf Stühlen oben auf dem

großen Heerde um ein ziemlich starkes Feuer hergepflanzt und im Fond des

hintern Winkels an der Wand den Mann Gottes hatten, der ihnen

Hanswurstiaden so possirlich vormachte, daß alle drei aus vollem Halse

lachten. Das war nun ein Jargon, Deutsch, Italienisch und Krainisch, von

jeder dieser Sprachen die ästhetische Quintessenz, wie Du denken kannst,

und ich verstand blutwenig davon. Indessen stellte ich mich so nahe als

möglich, um von dem Feuer, wenn auch nicht der Unterhaltung, doch des

Heerds, meinen Antheil zu haben. Man nahm zuerst keine Notiz von mir,

belugte mich sodann etwas neugierig und fuhr fort. Der geistliche Herr

gewann mir bald Rede ab und sprach erst rein italienisch, radbrechte

dann deutsch und plauderte endlich das beste Mönchslatein. Da es hier

darauf ankam, so kannst Du glauben, daß ich mit meiner Gelehrsamkeit

eben nicht den Filz machte, und der Mann faßte bald eine gar gewaltige

Affection zu mir, als ich glücklich genug einige Dinge aus dem

Griechischen anführte, die er nur halb verstand. Nun empfahl er mich den

schönen Wirthinnen sehr nachdrücklich, und ich hatte die Ehre ihn zum

Tischgesellschafter zu erhalten. Die Mädchen staunten über unsere

Gelehrsamkeit und hätten leicht zuviel Respekt bekommen können, wenn

nicht der Mann zuweilen mit vieler Wendung eine tüchtige Schnurre mit

eingeworfen hätte. Natürlich erhielt er durch das Lob, das er mir

zukommen ließ, selbst im Hause ein neues Relief: wer den andern so laut

und gründlich beurtheilt, muß ihn durchaus übersehen können.

Wenn ich nicht aus der trophonischen Höhle gekommen, nicht sehr müde

gewesen wäre und nicht den folgenden Morgen ziemlich früh fort gewollt

hätte, wäre mir die lustige Unterhaltung des geistlichen Harlekins noch

länger vielleicht nicht unlieb gewesen. Aber ich eilte zur Ruhe und ließ

die Leutchen lärmen. Als ich den andern Morgen aufstand und fort wollte,

fand ich in dem ganzen, großen, nicht übel eingerichteten Hause noch

keine Seele lebendig. Die Thüren waren nur von innen verriegelt und also

für mich offen: aber wenn ich auch Schuft genug wäre, so schlechte

Sottisen zu begehen, so könnte ich doch das Vertrauen so gutherziger

Leutchen nicht mißbrauchen. Ich trabte mit meinen schweren Stiefeln

einige Mal über den Saal weg: niemand kam, nirgends eine Bewegung. Ich

klopfte an einige Zimmer; keine Antwort. Endlich kam ich an ein Zimmer,

das nicht verschlossen war. Ich trat hinein, und siehe, das hübsche

Stückchen Erbsünde hob sich so eben aus dem Bette und entschuldigte sich

freundlich, daß noch Niemand wach sey. Weiß der Himmel, ob ich armes

Menschenkind nicht in große Verlegenheit würde gerathen seyn, wenn sie

nicht eben um ihre Schultern den Mantel geworfen hätte, den gestern

Abend der geistliche Herr um die seinigen hatte. Der Mantel gab mir

sogleich eine gehörige Dose Stoicismus; ich bezahlte meine Rechnung und

trollte zum Tempel hinaus.

Du mußt wissen, daß ich entweder gar nicht frühstücke, oder erst wenn

ich zuvor einige Stunden gegangen bin, versteht sich, wenn ich etwas

finde. Seit diesem Tage machte ich mirs nun durchaus zum Gesetz, meine

Rechnung allemal den Abend vorher zu bezahlen, damit ich den Morgen auf

keine Weise aufgehalten werde. In Prewald gab man mir zuerst Görzer

Wein, der hier in der Gegend in besonders gutem Kredit steht und es

verdient. Er gehört unter die wenigen Weine, die ich ohne Wasser trank,

welche Ehre, zum Beispiel, nicht einmal dem Burgunder wiederfährt. Doch

kann ein Idiot, wie ich, hierin eben keine kompetente Stimme haben. Von

Prewald bis nach Triest sind fünf Meilen. Ich hatte den Morgen nichts

gegessen, fand unterwegs kein einladendes Haus; und, mein Freund, ich

machte nüchtern im Januar die fünf Meilen recht stattlich ab. In Sessana

hatte mir das erste Wirthshaus gar keine gute Miene und es hielten eine

gewaltige Menge Fuhrleute davor. Der Ort ist nicht ganz klein, dachte

ich, es wird sich schon noch ein anderes besseres finden. Es fand sich

keins, ich war zu faul zu dem ersten zurückzugehen, ging also vorwärts;

und nun war von Sessana bis an die Duane von Triest nichts zu haben. Es

ist lauter steinigter Bergrücken und es war kein Tropfen gutes Wasser zu

finden: das war für einen durstigen Fußgänger das verdrießlichste. Wenn

ich nicht noch zuweilen ein Stückchen Eis gefunden hätte, das mir den

Durst löschte, so wäre ich übel daran gewesen. Die Bergspitze von

Prewald sah ich bis nach Triest, und sie schien immer so nahe, als ob

man eine Falkonetkugel hätte hinüber schießen können. Von Schottwien bis

Prewald hatte ich abwechselnd sehr viel Schnee: bei Sessana hörte er

allmählich auf, und hier liegt er nur noch in einigen finstern Gängen

und Schluchten. In Prewald zitterte ich noch vor Frost am Ofen, und hier

diesseits des Berges am Meere schwitzt man schon. Es ist heute, am drei

und zwanzigsten Januar, so warm, daß überall Thüren und Fenster offen

stehen.

Der erste Anblick der Stadt Triest von oben herab ist überraschend, der

Weg herunter ist angenehm genug, der Aufenthalt auf einige Zeit muß viel

Vergnügen gewähren; aber in die Länge möchte ich nicht hier wohnen. Die

Lage des Orts ist bekannt, und fängt nun an ein Amphitheater am

Meerbusen zu bilden. Die Berge sind zu hoch und zu kahl, um angenehm zu

seyn; und zu Lande ist Triest von aller angenehmen Verbindung

abgeschnitten. Desto leichter geht alles zu Wasser. Der Hafen ist

ziemlich flach, und nur für kleine Fahrzeuge: die größern und alle

Kriegsschiffe müssen in ziemlicher Entfernung auf der Rhede bleiben, die

nicht ganz sicher zu seyn scheint. Die See ist hier geduldig, und man

kann ihr noch sehr viel abtrotzen, wenn man von den Bergen herab in sie

hinein arbeitet, und so nach und nach den Hafen vielleicht auch für

große Schiffe anfahrbar macht.

An den Bergen rund herum hat man hinauf und herab terrassirt und dadurch

ziemlich schöne Weingärten angelegt. Die Triester halten viel auf ihren

Wein; ich kann darüber nicht urtheilen, und in meinem Gasthause giebt

man gewöhnlich nur fremden. Die etwas höhere Altstadt am Kastell ist eng

und finster. Die neue Stadt ist schon fast ganz der See abgewonnen. Ob

hier das alte Tergeste wirklich gestanden hat, mögen die Antiquare

ausmachen. Ich wohne in dem sogenannten großen Gasthofe, einem Hause von

gewaltigem Umfange und dem nämlichen, worin Winkelmann von seinem

meuchlerischen Bedienten ermordet wurde. Meine Aussicht ist sehr schön

nach dem Hafen, und vielleicht ist es das nämliche Zimmer, in welchem

das Unglück geschah. Die Geschichte ist hier schon ziemlich vergessen.

Ich fand hier den Philologen Abraham Penzel, der in Triest den

Sprachmeister für die Italiener deutsch und für die Deutschen

italienisch macht. Die Schicksale dieses sonderbaren Mannes würden eine

lehrreiche, angenehme Unterhaltung gewähren, wenn sie gut erzählt

würden. Von Leipzig und Halle nach Polen, von Polen nach Wien, von Wien

nach Laibach, von Laibach nach Triest, überall in genialischen

Verbindungen. Der unglückliche Hang zum Wein hat ihm manchen Streich

gespielt und ihn noch zuletzt genöthigt, seine Stelle in Laibach

aufzugeben, wo er Professor der Dichtkunst am Gymnasium war. Er hat

durch seine mannigfaltigen, verflochtenen Schicksale ein gewisses

barockes Unterhaltungstalent gewonnen, das den Mann nicht ohne

Theilnahme läßt. ^Per varios casus, per tot discrimina rerum tendimus

Tergestum^, sagte er mir mit vieler Drolerie, damit uns hier, wie

Winkelmann, der Teufel hole. Wir gingen zusammen aus, konnten aber

Winkelmanns Grab nicht finden. Niemand wußte etwas davon.

Das Haus eines Griechen -- wenn ich mich nicht irre, ist sein Name

Garciatti -- ist das beste in der Stadt und wirklich prächtig, ganz neu

und in einem guten Style gebaut. Eine ganz eigene recht traurige Klage

der Triester ist über den Frieden. Mit christlicher Humanität bekümmern

sie sich um die übrige Welt und ihre Drangsale kein Jota und wünschen

nur, daß ihnen der Himmel noch zehn Jahre einen so gedeihlichen Krieg

bescheren möchte, dann sollte ihr Triest eine Stadt werden, die mit den

besten in Reihe und Glied treten könnte. Dabei haben die guten

kaufmännischen Seelen gar nichts Arges; schlagt euch todt, nur bezahlt

vorher unsere Sardellen und türkischen Tücher! Das neue Schauspielhaus

ist das beste, das ich bis jetzt auf meinem Wege gesehen habe. Gestern

gab man auf demselben ^Teodoro Re di Corsica^, welches ein

Lieblingsstück der Triester zu seyn scheint. Die Dekoration, vorzüglich

die Partie Rialto in Venedig, war sehr brav. Es wäre aber auch

unverzeihlich, wenn die reichen Nachbarn, die es noch dazu auf Unkosten

der Herren von Sankt Markus sind, so etwas nicht ausgezeichnet haben

wollten. Man sang recht gut, und durchaus besser, als in Wien.

Vorzüglich zeichneten sich durch Gesang und Spiel aus die Tochter des

Wirths und der Kammerherr des Theodor. Die Logen sind alle schon durch

Aktien von den Kaufleuten genommen und ein Fremder muß sich auf ihre

Höflichkeit verlassen, welches nicht immer angenehm seyn mag. Die Herren

haben die Logen gekauft, bezahlen aber noch jederzeit den Eingang; eine

eigene Art des Geldstolzes! Der Patriotismus könnte wohl eine etwas

humanere Art finden, die Kunst zu unterstützen. Der Fremde, der doch

wohl zuweilen Ursache haben kann im Publikum isolirt zu seyn, ist sehr

wenig dabei berücksichtigt worden. Hier hörte ich zuerst den betäubenden

Lärm in den italienischen Theatern. Man bedient sich des Schauspiels zu

Rendesvous, zu Konversationen, zur Börse, und wer weiß wozu sonst noch?

Nur die Lieblingsarien werden still angehört; übrigens kann ein

Andächtiger Thaliens nicht viel Genuß haben; und die Schauspieler rächen

oft durch ihre Nachlässigkeit die Vernachlässigung. Etwas eigenes war

mir im Hause, daß das Parterre überall entsetzlich nach Stockfisch roch,

ich mochte mich hinwenden, wo ich wollte.

_Venedig._

Die Leute meinten hier wieder, ich sey nicht gescheidt, als sie hörten,

ich wollte zu Fuße von Triest über die Berge nach Venedig gehen, und

sagten, da würde ich nun wohl ein Bischen todt geschlagen werden: aber

ich ließ mich nicht irre machen und wandelte wieder den Berg herauf;

zwar nicht den nämlichen großen Fahrweg, kam aber doch, nach ungefähr

zweistündigem Herumkreuzen am Ufer und durch die Weinberge, wieder auf

die Heerstraße. Ich besuchte die Höhlen von Korneale nicht, weil die

ganze Gegend verdammt verdächtig aussah, und ich mich in der Wildniß

doch nicht so ganz allein und wildfremd den Leuten in die Hände geben

wollte. Die Berge, welche von Natur sehr rauh und etwas öde sind, waren

sonst deßwegen so unsicher, weil sie, wie die Genuesischen, der

Zufluchtsort alles Gesindels der benachbarten Staaten waren. Da ganz

Venedig aber jetzt in österreichischen Händen ist, wird es nun der

wachsamen Polizei leichter, Ordnung und Sicherheit zu erhalten. Man

spürt in dieser Rücksicht schon den Vortheil der Veränderungen. An dem

Zwickel der Berge kommt hier ein schöner Fluß aus der Erde hervor, der

vermuthlich auch Höhlen bildet. Hier sind, nach aller Lokalität, gewiß

Virgils Felsen des Timavus; und ich sah stolz umher, daß ich nun

ausgemacht den klassischen Boden betrat. Der Einschnitt zwischen den

Bergen, oder das Thal zwischen Santa Croce und Montefalcone macht noch

jetzt der Beschreibung der Alten Ehre. Unten rechts am Meere stand

vermuthlich der Heroentempel im Haine, und links etwas weiter herauf am

Ausflusse des Timavus war der Hafen. Ich schlug mich hier rechts von der

geraden Straße nach Venedig ab über die Berge hinüber nach Görz, welches

sechs ziemlich starke Meilen von Triest liegt. Wenn man einmal über die

Berge hinüber ist, welche freilich etwas kahl sind, hat man die

schönsten Weinthäler. Der Wein wird schon nach italienischer Weise

behandelt, hängt an Ulmen oder Weiden, und macht, wo die Gegend etwas

nachhilft, schöne Gruppirungen.

Von Görz nach Gradisca sind die Berge links ziemlich sanft und man hat

die großen Höhen in beträchtlicher Entfernung rechts: und wenn man über

Gradisca nach Palma Nuova herauskommt, ist man ganz in der schönen

Fläche des ehemaligen venetianischen Friaul, hat links fast lauter Ebene

bis zur See und nur rechts die ziemlich hohen Friauler Alpen. Von Görtz

nach Udine stehen im Kalender fünf Meilen; aber östreichische Officiere

versicherten mich, es seien gute sieben Meilen, und ich fand Ursache der

Versicherung zu glauben. Palma Nuova war eine venetianische

Grenzfestung, und nun hausen die Kaiserlichen hier. Sie exercirten eben

auf dem großen Platze vor dem Thore. Der Ort ist militärisch nicht ganz

zu verachten, wenn er gut vertheidigt wird. Man kann nach allen Seiten

vortrefflich rasiren, und er kann von keiner nahen Anhöhe bestrichen

werden.

In Udine feierte ich den neun und zwanzigsten Januar meinen Geburtstag;

und höre, wie! Ich hatte mir natürlich den Tag vorher schon vorgenommen,

ihn recht stattlich zu begehen, und also vor allen Dingen hier Ruhetag

zu halten. Der Name Udine klang mir so schön, war mir aus der

Künstlergeschichte bekannt, und war überdies der Geburtsort unserer

braven Grassi in Dresden und Wien. Die große feierlich tönende

Abendglocke verkündete mir in der dunkeln Ferne -- denn es war schon

Nacht, als ich ankam -- eine ansehnliche Stadt. Vor Campo Formio war ich

im Dunkeln vorbeigegangen. Am Thore zu Udine stand eine östreichische

Wache, die mich examinirte. Ich bat um einen Grenadier, der mich in ein

gutes Wirthshaus bringen sollte. Gewährt. Aber ein gutes Wirthshaus war

nicht zu finden. Ueberall wo ich hineintrat, saßen, standen und lagen

eine Menge gemeiner Kerle bacchantisch vor ungeheuer großen Weinfässern,

als ob sie mit _Bürger_ bei Ja und Nein vor dem Zapfen sterben wollten.

Es kam mir vor, als ob _Bürger_ hier seine Uebersetzung gemacht haben

müsse; denn der lateinische Text des alten englischen Bischofs hat

dieses Bild nicht. In dem ersten und zweiten dieser Häuser hatte ich

nicht Lust zu bleiben; im dritten wollte man mich nicht behalten.

»Ruhig!« dachte ich; »du gehst auf die Wache: morgen wird sichs schon

finden.« Der Sergeant gestand mir gern Quartier zu, da ich der Wache für

ihre Höflichkeit ein gutes Trinkgeld geben wollte. Nun holte man Brot

und Wein für mich. Kaum war dieses da, so kam eine fremde Patrouille,

einige Meilen weit her, welche ihr Quartier auch in der Wachstube nahm.

Nun sagte der Sergeant ganz höflich, es sei kein Platz mehr da. Das sah

ich auch selbst ein. Er machte auch Dienstschwierigkeiten, die ich als

alter Kriegsknecht sehr bald begriff. Ich überließ Brot und Wein dem

Ueberbringer und verlangte, man solle mich auf die Hauptwache bringen

lassen. Das geschah. Dort fand ich mehrere Officiere. Ich erzählte dem

Wachhabenden meinen Fall und schloß mit der Meinung, daß ich doch

Quartier haben müsse, und sollte es auch auf der Hauptwache seyn. Die

Herren lärmten, fluchten und lachten und sagten, es gehe ihnen eben so;

die Welschen schlügen die Deutschen todt nach Noten, wo sie könnten. Man

schickte mich zum Platzmajor. Gut! Dieser forderte meinen Paß, fand ihn

richtig, revidirte ihn, befahl, ich sollte mich den folgenden Morgen bei

der Polizei melden, die ihn auch unterschreiben müsse, und machte einige

Knasterbemerkungen über die Nothwendigkeit der guten Ordnung, an der ich

gar nicht zweifelte. »Das ist alles recht gut;« sagte ich; »aber ich

kann kein Quartier finden.« Ach das wird nicht fehlen, meinte er; »aber

es fehlt,« meinte ich. Der alte Herr setzte sein Glas bedächtlich

nieder, sah seine Donna an, rieb sich die Augenbrauen und schickte den

Gefreiten mit mir und meinem Tornister ^alla nave^. Der Gefreite wies

mich ins Schiff und ging. Als ich eintrat, sagte man mir, es sei

durchaus kein Zimmer mehr leer; es sei alles besetzt. Ich that groß und

bot viel Geld; aber es half nichts. »Sie sollten es für den vierten

Theil haben,« antwortete mir eine alte ziemlich gedeihliche Frau; »aber

es ist kein Platz.« -- »Ich kann nicht fort, es ist spät; ich bin müde

und es ist draußen kalt.« Die Italienerin machte es wie der Mann von

Sankt Oswald, nur ganz höflich. »Ich gehe nicht,« sagte ich, »wenn man

mir nicht einen Menschen mitgiebt, der mich wieder auf die Hauptwache

bringt.« Den gab man. Nun war ich wieder auf der Hauptwache und erzählte

und forderte Quartier. Man lärmte und fluchte und lachte von neuem. Ich

versicherte nun bestimmt, ich würde hier bleiben. Wort gab Wort. Einer

der Herren sagte lachend: »Warten Sie, vielleicht bin ich noch so

glücklich, Ihnen Quartier zu verschaffen. Es ist eine verfluchte

Geschichte; es geht uns oft auch so, wenn wir nicht mit Heereszug

kommen: aber ich habe hier einige Bekanntschaft.« Der Officier ging

einige hundert Schritte weit davon mit mir in ein Haus, hielt Vortrag,

und ich erhielt sehr höflich Quartier. Zimmer und Bett waren herrlich.

Nun wollte ich essen; da war nichts zu haben. »^Ma Signore,^« sagte die

Wirthin, »^questa casa non è locanda; non si mangia qui.^« Ich hatte

sieben Meilen im Januar gemacht, und war auf dem Pflaster noch eine

Stunde herum trottirt; ich konnte mich also nicht entschließen, spät in

der Finsterniß noch einmal auszugehen. Der Officier war fort. Ich sah

grämlich aus, und man wünschte mir ohne Abendessen freundlich

»^Felicissima notte^:« ich ging ärgerlich zu Bett und schlief herrlich.

Den andern Morgen, an meinem Geburtstage, sollte ich auf die Polizei

gehen. Der Sitz derselben war in vierzehn Tagen wohl vier Mal verändert

worden; man wies mich hierhin und dorthin, und ich fand sie nirgends.

Der Henker hol' Euch mit der Polizei!

Es ist doch lauter Hudelei.

So dachte ich in meinem Aerger, kaufte mir eine Semmel und einige Aepfel

in die Tasche, ging nach Hause, bezahlte den sehr billigen Preis für

mein Quartier, steckte meinen Paß ohne die Polizei wieder in die

Brieftasche und reis'te zum Thore hinaus. Das war mein Geburtstag zum

Morgen. Den Abend aber -- denn zu Mittage konnte ich kein schickliches

Haus finden und fastete -- erholte ich mich wieder zu Codroipo. Eine

niedliche Piemonteserin, deren Mann ein Deutscher und Feldwebel bei

einem kaiserlichen Regimente war, kam zu Fuße mit ihrem kleinen Jungen

von ungefähr zwei Jahren von Livorno und ging nach Gräz. Du weißt, ich

liebe schöne reinliche Kinder in diesem Alter ungewöhnlich, und der

Knabe fing so eben an, etwas von der Sprache seines Vaters und etwas von

der Sprache seiner Mutter zu stammeln und hatte sein großes Wesen mit

und auf meinem Tornister. Der Wirth brachte uns Polenta, Eierkuchen und

zweierlei Fische aus dem Tagliamento, gesotten und gebraten. Du siehst,

dabei war kein Fleisch: das war also an meinem Geburtstage gefastet und

nach den besten Regeln der Kirche.

Der Weg zwischen Triest und Venedig ist außerordentlich wasserreich;

sehr viele große und kleine Flüsse kommen rechts von den Bergen herab,

unter denen der Tagliamento und die Piave die vorzüglichsten sind.

Zwischen Codroipo und Valvasone ging ich über den Tagliamento in vier

Stationen, auf dem Rücken eines großen, ehrenfesten Charons, der seine

langen Fischerstiefeln bis an die Taille hinaufzog. Der Fluß war jetzt

ziemlich klein; und dieses ist zu solcher Zeit die Methode Fußgänger

überzusetzen. Sein Bett ist über eine Viertelstunde breit und zeigt, wie

wild er seyn muß, wenn er das Bergwasser herabwälzt. Wenn die Bäche groß

sind, mag die Reise hier immer bedenklich seyn; denn man kann durchaus

an den Betten sehen, welche ungeheuere Wassermenge dann überall

herabströmt. Jetzt sind alle Wasser so schön und hell, daß ich überall

trinke: denn für mich geht nichts über schönes Wasser.[10] Die Wohlthat

und den Werth davon zu empfinden, mußt Du Dich von den Engländern einmal

nach Amerika transportiren lassen, wo man in dem stinkenden Wasser

fingerlange Fasern von Unrath findet, die Nase zuhalten muß, wenn man es

durch ein Tuch geschlagen trinken will, und doch noch froh ist, wenn man

die kocytische Tunke zur Stillung des brennenden Durstes nur noch

erhält. So ging es uns, als wir in den amerikanischen Krieg zogen, wo

ich die Ehre hatte, dem Könige die dreizehn Provinzen mit verlieren zu

helfen.

In Pordenone traf ich das erste Mal eine öffentliche Mummerei von

Gassenmaskerade, mußte bei gar jämmerlichen Fischen wieder fasten, und

wäre übel gefahren, wenn mich ein kleines, niedliches Mädchen vom Hause

nicht noch mitleidig mit Kastanien gefüttert hätte. Hier sind in der

Markuskirche einige hübsche Votivgemälde, mit denen man sich wohl eine

halbe Stunde angenehm beschäftigen kann. Von Udine bis Pordenone ist

viel dürres Land; doch findet man mitunter auch sehr schöne

Weinpflanzungen. Die Deutschen stehen, wie Du aus der Geschichte von

Udine gesehen hast, eben nicht in dem besten Kredit hier in der Gegend,

und es ist kein Unglück für mich, daß man mich meistens für einen

Franzosen hält, weil in meine Sprache sich oft ein französischer

Ausdruck einschleicht. Wenn ich gleich sage und wiederhole, ich sei ein

Deutscher, so will man es doch nicht glauben. In der Vermuthung, ich

müsse ein französischer Officier seyn, der das Land umher durchzieht,

werde ich oft recht gut bewirthet. Dergleichen Promenaden der Franzosen

müssen also doch so ungewöhnlich nicht seyn. ^Signore è Francese, ma non

volete dirlo. Fate bene, fate bene^: sagte man mir mit sehr freundlichem

Gesichte. Alles kommt freilich auf dem Parteigeist an, der hier eben so

mächtig ist, als irgendwo. Viele klagen über die Franzosen; aber die

meisten scheinen es doch nicht gern zu sehen, daß sie nicht mehr hier

sind.

In Conegliano fand ich einige junge Kaufleute, die von Venedig kamen und

den Weg nach Triest zu Fuße machen wollten, den ich eben gekommen war.

Das Herz ward ihnen sehr leicht, als ich sagte, es gehe recht gut und es

sei mir keine Gefahr aufgestoßen: denn man hatte auch diesen Herren von

der andern Seite das Gehirn mit Schreckbildern angefüllt. Sodann war

auch dort, wie er sich selbst in der Gesellschaft einführte, ein großer

Philosoph, ungarischer Husarenunterofficier, der hier den politischen

Spion zu machen schien. Er donnerte gewaltig über die Revolution und

brachte Anspielungen und indirekte Drohungen gegen meine Person, als

dieses Verbrechens verdächtig. »Der Wirth hat das Recht, nach meinem

Passe zu fragen, mein Herr,« versetzte ich, als mir die Worte zu stark

und zu deutsch wurden: »wenn sie aber glauben, daß es nöthig ist, so

führen Sie mich vor die Behörde zur Untersuchung. Uebrigens erbitte ich

mir von Ihrer Philosophie etwas Humanität.« Das wirkte: der Mann fing

nun an, ein halbes Dutzend Sprachen zu sprechen, und vorzüglich das

Italienische und Ungarische mit einer horrenden Volubilität. Sobald wir

nur lateinisch zusammenkamen, waren wir Freunde, und er war sogleich von

meiner politischen Orthodoxie überzeugt: und als ich ihn vollends zu

meinem Weine mit Pastetchen ehrenvoll einlud, gehörten wir durchaus zu

einer Sekte. Er hielt sich an den Wein, ich mich an die Pastetchen, und

alle Coneglianer, Trevisaner und Venetianer staunten den Strom von

Gelehrsamkeit an, den der Mann aus seinem Schatze hervorgoß.

Von Conegliano bis Treviso hatte ich mir auf einem eingefallenen

Steinchen die Ferse blutig getreten, und gab daher zum ersten Mal den

Zudringlichkeiten eines Vetturino nach, der mich für sechs Liren nach

Mestre bringen wollte. Mit der Bedingung, daß ich gleich abginge, ließ

ich mir die Sache gefallen: denn ich wollte noch gern diesen Abend in

Mestre seyn, um den folgenden Morgen zeitig nach Venedig überzusetzen.

Sechs Liren war mir ein unbegreiflich niedriger Preis für einen vollen

Wagen mit zwei guten Pferden, den er mir vor dem Wirthshause als mein

Fuhrwerk zeigte: so daß ich nicht wußte, was ich denken sollte. Aber vor

der Stadt hielt er an und packte noch einen venetianischen Kaufmann und

eine Tyrolerin ein, die als Kammerjungfer ihrer Gräfin nachreis'te; und

nun begriff ich freilich. Von Conegliano aus ist der Weg schon sehr

frequent, und die Landhäuser werden häufiger und schöner; und von

Treviso ist es fast lauter schöner, mit Villen besetzter Garten. Die

Tyrolerin sentimentalisirte darüber ununterbrochen deutsch und

italienisch; der Italiener war ein gar artiger Kerl, und da kamen denn

die beiden Leutchen bald in einen Ton allerliebster Zweideutigkeiten, zu

dem die deutsche Sprache, wenigstens die meinige, gar nicht geeignet

ist: und doch kann ich nicht sagen, daß sie geradezu in Unanständigkeit

ausgeartet wären. Blos der unreine Nasenton der Tyrolerin mißfiel mir;

und da ich bei einer zufälligen Lüftung des Halstuches in der untern

Gegend des Kinnbackens einige beträchtliche Narben erblickte, war ich

sehr froh, daß ich mit excessiver Artigkeit dem Venetianer die

Ehrenstelle neben ihr im Fond überlassen hatte. Ich erhielt meinen Theil

Witz von ihnen für meine überstoische Laune und Taciturnität, und

rettete mich von dem Prädikat eines Gimpels vermuthlich nur durch meine

Unkunde in der italienischen Sprache und einige Sarkasmen, die ich ganz

trocken hinwarf. In Mestre wollte mich die Dame aus Artigkeit mit in ihr

Hotel nehmen und meinte, ich könnte morgen mit der Gräfin und ihr

zusammen die Ueberfahrt nach dem schönen Venedig machen: aber ich fand

eine Gesellschaft von Venetianern, die noch diesen Abend übersetzen

wollte, und schloß mich an. Wir ruderten den Kanal hinunter. Die Andern

waren alle Einheimische, und hatten weiter nichts nöthig, als dieses zu

sagen; aber ich Fremdling mußte einige Zeit auf der Wache warten, bis

der Offiziant meinen Paß gehörig registrirt hatte. Er behielt ihn, und

gab mir einen Passirzettel, nach östreichischer Sitte, mit der Weisung,

mich damit in Venedig auf der Polizei zu melden. Das forderte etwas

Zeit, da der Herr etwas Myops und kein Tachygraph war; und meine

Gesellschafter waren über den Aufenthalt etwas übellaunig. Doch das gab

sich bald. Man fragte mich, als ich zurückkam, mit vieler Artigkeit und

Theilnahme, wer ich sei? wohin ich wolle? und dergleichen; und wunderte

sich höchlich, als man hörte, daß ich zu Fuße allein einen Spaziergang

von Leipzig nach Syrakus machen wollte. Der Abend war schön, und ehe wir

es uns versahen, kamen wir am Rialto an, wovon ich aber jetzt natürlich

weiter nichts als die magische Erscheinung sah. Ein junger Mann von

Conegliano, mit dem ich während der ganzen Ueberfahrt viel geplaudert

hatte, begleitete mich durch eine große Menge enger Gäßchen in den

Gasthof ^The Queen of England^ und, da hier alles besetzt war, zum

goldnen Stern, nicht weit vom Markusplatze, wo ich für billige Bezahlung

ziemlich gutes Quartir und artige Bewirthung fand.

Den dritten Februar, wenn ich mich nicht irre, kam ich in Venedig an,

und lief sogleich den Morgen darauf mit einem alten, abgedankten

Bootsmanne, der von Lissabon bis Konstantinopel und auf der

afrikanischen Seite zurück die ganze Küste kannte, und jetzt den

Lohnbedienten machen mußte, in der Stadt herum; sah mehr als zwanzig

Kirchen in einigen Stunden, von der Kathedrale des heiligen Markus herab

bis auf das kleinste Kapellchen der ehemaligen Beherrscherin des Adria.

Wenn ich Künstler oder nur Kenner wäre, könnte ich Dir viel erzählen von

dem, was da ist und was da war. Aber das Alles ist Dir wahrscheinlich

schon aus Büchern bekannt; und ich würde mir vielleicht weder mit der

Aufzählung noch mit dem Urtheile große Ehre erwerben. Der Palast der

Republik sieht jetzt sehr öde aus, und der Rialto ist mit Kanonen

besetzt. Auch am Ende des Markusplatzes, nach dem Hafen zu, haben die

Oestreicher sechs Kanonen stehen, und gegenüber auf Sankt George hatten

schon die Franzosen eine Batterie angelegt, welche die Kaiserlichen

natürlich unterhalten und erweitern. Die Partie des Rialto hat meine

Erwartung nicht befriedigt; aber der Markusplatz hat sie, auch so wie er

noch jetzt ist, übertroffen.

Es mögen jetzt ungefähr drei Regimenter hier liegen; eine sehr kleine

Anzahl für ernsthafte Vorfälle! So wie die Stimmung jetzt ist, nähme und

behauptete man mit zehntausend Mann Venedig; wenn man nämlich im Anfange

energisch und sodann klug und human zu Werke ginge. Das Militär und

überhaupt die Bevölkerung zeigt sich meistens nur auf dem Markusplatze,

am Hafen, am Rialto und am Zeughause; die übrigen Gegenden der Stadt

sind ziemlich leer. Wenn man diese Partien gesehen hat und einigemal den

großen Kanal auf und abgefahren ist, hat Venedig vielleicht auch nicht

viel Merkwürdiges mehr; man müßte denn gern Kirchen besuchen, die hier

wirklich sehr schön sind.

Das Traurigste ist in Venedig die Armuth und Bettelei. Man kann nicht

zehn Schritte gehen, ohne in den schneidendsten Ausdrücken um Mitleid

angefleht zu werden; und der Anblick des Elends unterstützt das

Nothgeschrei des Jammers. Um Alles in der Welt möchte ich jetzt nicht

Beherrscher von Venedig seyn; ich würde unter der Last meiner Gefühle

erliegen. Schon Küttner hat viele Beispiele erzählt, und ich habe die

Bestätigung davon stündlich gesehen. Die niederschlagendste Empfindung

ist mir gewesen, Frauen von guter Familie in tiefen, schwarzen,

undurchdringlichen Schleiern knieend vor den Kirchthüren zu finden, wie

sie, die Hände gefaltet auf die Brust gelegt, ein kleines hölzernes

Gefäß vor sich stehen haben, in welches die Vorübergehenden einige Soldi

werfen. Wenn ich länger in Venedig bliebe, müßte ich nothwendig mit

meiner Börse, oder mit meiner Empfindung Bankerott machen.

Drollig genug sind die gewöhnlichen Improvisatoren und Deklamatoren auf

dem Markusplatze und am Hafen, die einen Kreis um sich her schließen

lassen und für eine Kleinigkeit über irgend eine berühmte Stelle

sprechen, oder auch aus dem Stegreife über ein gegebenes Thema theils in

Prosa, theils in Versen sogleich mit solchem Feuer reden, daß man sie

wirklich einigemal mit großem Vergnügen hört. Du kannst Dir vorstellen,

wie geringe die Summe und wie erniedrigend das Handwerk seyn muß. Eine

Menge Leute von allen Kalibern, Lumpige und Wohlgekleidete, saßen auf

Stühlen und auf der Erde rund herum und warteten auf den Anfang, und

eine Art von buntscheckigem Bedienten, der seinem Prinzipal das Geld

sammelte, rief und wiederholte mit lauter Stimme: »^Mancan ancora cinque

soldi; ancora cinque soldi!^« Jeder warf seinen Soldo hin, und man

machte gewaltige Augen, als ich einigemal mit einem schlechten

Zwölfkreuzerstück der Forderung ein Ende machte und die Arbeit

beschleunigte. Welch ein Abstand von diesen Improvisatoren bis zu den

römischen, von denen wir zuweilen in unsern deutschen Blättern lesen!

Auf der Giudecca ist es, wo möglich, noch ärmlicher, als in der Stadt;

aber eben deswegen sind dort nicht so viele Bettler, weil vielleicht

Niemand hoffen darf, dort nur eine leidliche Ernte zu halten. Die

Erlöserskirche ist daselbst die beste, und ihre Kapuziner sind die

Einzigen, die in Venedig noch etwas schöne Natur genießen. Die Kirche

ist mit Orangerie besetzt, und sie haben bei ihrem Kloster, nach der See

hinaus, einen sehr schönen Weingarten. Diese, nebst einigen Oleastern in

der Gegend des Zeughauses, sind die einzigen Bäume, die ich in Venedig

gesehen habe. Die Insel Sankt George hält bekanntlich die Kirche und das

Kapitel, wo der jetzige Papst gewählt wurde, und wo auch noch sein

Bildniß ist, das bei den Venetianern von gemeinem Schlage in

außerordentlicher Verehrung steht. Der Maler hat sein Mögliches gethan,

die Draperie recht schön zu machen. Die Kirche selbst ist ein gar

stattliches Gebäude und, wie ich schon oben gesagt habe, mit Batterien

umgeben.

Die Venetianer sind übrigens im Allgemeinen höfliche, billige,

freundschaftliche Leute, und ich habe von Vielen derselben Artigkeiten

genossen die ich in meinem Vaterlande nicht herzlicher hätte erwarten

können. Einen etwas schnurrigen Auftritt hatte ich vor einigen Tagen auf

dem Markusplatze. Man hatte mich beständig in dem nämlichen Reiserocke

(die Ursache war, weil ich keinen andern hatte, da ich keinen andern im

Tornister tragen wollte) an den öffentlichen Orten der Stadt herumlaufen

sehen und doch gesehen, daß ich mit einem Lohnbedienten lief und Liren

verzehrte. Ich zahlte dem Bedienten jeden Abend sein Geld, wenn ich ihn

nicht mehr brauchte; dieses geschah diesen Abend, da es noch ganz hell

war, auf dem Markusplatze. Einige Mädchen der Aphrodite Pandemos mochten

bemerkt haben, daß ich bei der Abzahlung des Menschen eine ziemliche

Handvoll silberner Liren aus der Tasche gezogen hatte, und hingen sich,

als der Bediente fort war, und ich allein gemächlich nach Hause

schlenderte, ganz freundlich und gefällig an meinen Arm. Ich blieb

stehen und sie thaten das nämliche. Man gruppirte sich um uns herum und

ich bat sie höflich, sich nicht die Mühe zu geben, mich zu inkommodiren.

Sie fuhren mit ihrer artigen Vertraulichkeit fort, und ich ward ernst.

Sie waren beide ganz hübsche Sünderinnen, und trugen sich ganz niedlich

und anständig, mit der feineren Klasse. Ich demonstrirte in meinem

gebrochenen Italienisch, so gut ich konnte, sie möchten mich in Ruhe

lassen. Es half nichts; die Gesellschaft in einiger Entfernung lächelte,

und Einige lachten sogar. Die Gruppe mochte allerdings possirlich genug

seyn. Eine von den beiden Nymphchen schmiegte sich endlich so

schmeichelnd als möglich an mich an. Da wurde ich heiß und fing an in

meinem stärksten Baßtone auf gut Russisch zu fluchen, mischte so etwas

von ^Impudenza^ und ^senza vergogna^ dazu, und stampfte mit meinem

Knotenstocke so emphatisch auf das Pflaster, daß die Gesellschaft sich

schüchtern zerstreute und die erschrockenen Geschöpfchen ihren Weg

gingen.

Ein anderer, etwas ernsthafterer Vorfall beschäftigte mich fast eine

halbe Stunde. Ich verschließe den Abend mein Zimmer und lege mich zu

Bett. Als ich den Morgen aufstehe, finde ich meine Kleider, die neben

mir auf einem andern Bette lagen, ziemlich in Unordnung und meinen Hut

herabgeworfen. Ich wußte ganz gewiß, in welche Ordnung ich sie gelegt

hatte. Das Schloß war unberührt und mir fehlte übrigens nichts. Ich

dachte hin und her und konnte nichts herausgrübeln, und mir schwebten

schon mancherlei sonderbare Gedanken von der alten venetianischen

Polizei vor dem Gehirne, so daß ich sogleich, als ich mich angezogen

hatte, zu dem Kellner ging und ihm den Vorfall erzählte. Das Haus war

groß und voll. Da erhielt ich denn zu meiner Beruhigung den Aufschluß,

es seyen die Nacht noch Fremde angekommen, und man habe noch eine

Matratze gebraucht, und sie aus dem Bette neben mir mit dem

Hauptschlüssel abgeholt. Hätte ich nun die Sache nicht gründlich

erfahren, wer weiß, was ich mir noch für Einbildungen gemacht hätte.

Jetzt ist meine Seele voll von einem einzigen Gegenstande, von Canova's

Hebe. Ich weiß nicht, ob Du die liebenswürdige Göttin dieses Künstlers

schon kennst; mich wird sie lange, vielleicht immer beherrschen. Fast

glaube ich nun, daß die Neuen die Alten erreicht haben. Sie soll eins

der jüngsten Werke des Mannes seyn, die ewige Jugend. Sie steht in dem

Hause Albrizzi, und der Besitzer scheint den ganzen Werth des Schatzes

zu fühlen. Er hat der Göttin einen der besten Plätze, ein schönes,

helles Zimmer nach dem großen Kanal angewiesen. Ich will, ich darf keine

Beschreibung wagen; aber ich möchte weissagen, daß sie die Angebetete

der Künstler und ihre Wallfahrt werden wird. Noch habe ich die

Mediceerin nicht gesehen; aber nach allen guten Abgüssen von ihr zu

urtheilen, ist hier für mich mehr, als alle ^Veneres Cupidinesque^.

Ich stand vom süßen Rausche trunken,

Wie in ein Meer von Seligkeit versunken,

Mit Ehrfurcht vor der Göttin da,

Die hold auf mich herunter sah,

Und meine Seele war in Funken:

Hier thronte mehr als Amathusia.

Ich war der Sterblichkeit entflogen,

Und meine Feuerblicke sogen

Aus ihrem Blick Ambrosia

Und Nektar in dem Göttersaale;

Ich wußte nicht, wie mir geschah:

Und stände Zevs mit seinem Blitze nah,

Vermessen griff ich nach der Schale,

Mit welcher sie die Gottheit reicht,

Und wagte taumelnd jetzt vielleicht

Selbst dem Alciden Hohn zu sagen,

Und mit dem Gott um seinen Lohn zu schlagen. --

Du denkst wohl, daß ich bei dem marmornen Mädchen etwas außer mir bin;

und so mag es allerdings seyn. Der Italiener betrachtete meine Andacht

eben so aufmerksam, wie ich seine Göttin. Diese einzige Viertelstunde

hat mir meine Reise bezahlt; so ein sonderbar enthusiastischer Mensch

bin ich nun zuweilen. Es ist die reinste Schönheit, die ich bis jetzt in

der Natur und in der Kunst gesehen habe, und ich verzweifle selbst mit

meinem Ideale höher steigen zu können. Ich muß Canova's Hände küssen,

wenn ich nach Rom komme, wo er, wie ich höre, jetzt lebt. Das goldene

Gefäß, die goldene Schale und das goldene Stirnband haben mich gewiß

nicht bestochen; ich habe bloß die Göttin angebetet, auf deren Antlitz

Alles, was der weibliche Himmel Liebenswürdiges hat, ausgegossen ist. In

das Lob der Gestalt und des Gewandes will ich nicht eingehen; das mögen

die Geweiheten thun. Alles scheint mir des Ganzen würdig.

In dem nämlichen Hause steht auch noch ein schöner Gypsabguß von des

Künstlers Psyche. Sie ist auch ein schönes Werk; aber meine Seele ist zu

voll von Hebe, um sich zu diesem Seelchen zu wenden. In dem Zimmer, wo

der Abguß der Psyche steht, sind rund an den Wänden Reliefs in Gyps von

Canova's übrigen Arbeiten: eine Grablegung des Sokrates durch seine

Freunde; die Scene, wo der Verurtheilte den Becher nimmt; der Abschied

von seiner Familie; der Tod des Priamus nach Virgil; der Tanz der

Phäacier in Gegenwart des Ulysses, wo die beiden tanzenden Figuren

vortrefflich sind; und die opfernden Trojanerinnen vor der Minerva,

unter Anführung der Hekuba. Alles ist eines großen und weisen Künstlers

würdig; aber Hebe hat sich nun einmal meines Geistes bemächtiget und für

das Uebrige nichts mehr übrig gelassen. Wenn der Künstler, wie man

glaubt nach einem Modell gearbeitet hat, so möchte ich für meine Ruhe

das Original nicht sehen. Doch, wenn dieses auch ist, so würde seine

Seele gewiß es erst zu diesem Ideal erhoben haben, das jetzt alle

Anschauer begeistert.

Da meine Wohnung hier nahe am Markusplatz ist, habe ich fast stündlich

Gelegenheit die Stellen zu sehen, auf welchen die berühmten Pferde

standen, die nun, wie ich höre, den konsularischen Pallast der Gallier

bewachen sollen. Sonderbar! wenn ich nicht irre, erbeuteten die

Venetianer, in Gesellschaft mit den Franzosen, diese Pferde nebst vielen

andern gewöhnlichen Schätzen. Die Venetianer ließen ihren Verbündeten

die Schätze und behielten die Pferde; und jetzt kommen die Herren und

holen die Pferde noch. Wo ist der Bräutigam der Braut, der jährlich sein

Fest auf dem adriatischen Meere feierte? Die Briten gingen seit ziemlich

langer Zeit schon etwas willkührlich und ungebührlich mit seiner

geliebten Schönen um; und nun ist er selbst an der Apoplexie gestorben,

und ein Fremder nimmt sich kaum mehr Mühe, seinen Bucentaur zu besehen.

Venedig wird nun nach und nach von der Kapitale eines eigenen Staats zur

Gouvernementsstadt eines fremden Reichs sich modificiren müssen; und

desto besser für den Ort, wenn dieses sanft, von der einen Seite mit

Schonung und von der andern mit gehöriger Resignation, geschieht.

Gestern ging ich nach meinem Passe, der auf der Polizei gelegen hatte

und dort unterschrieben werden mußte. Ich bin überhaupt kein großer

Wälscher, und der zischende Dialekt der Venetianer ist mir gar nicht

geläufig. Ich konnte also in der Kanzlei mit dem Ausfertiger nicht gut

fertig werden, und man wies mich in ein anderes Zimmer an einen andern

Herrn, der fremde Zungen reden sollte. In der Meinung, er würde unter

einem deutschen Monarchen auch wohl deutsch sprechen, sprach ich

Deutscher deutsch. »^Non son asino ferino^,« antwortete der feine Mann,

»^per ruggire tedesco^.« Das waren, glaube ich, seine Worte, die

freilich eine grelle Ausnahme von der venetianischen Höflichkeit

machten. Die Anwesenden lachten über den Witz, und ich, um zu zeigen,

daß ich wider sein Vermuthen wenigstens seine Galanterie verstanden

hatte, sagte ziemlich mürrisch: »^Mais pourtant, Monsieur, il est à

croire qu'il y a quelqu' un ici, qui sache la langue de votre

Souverain^.« Das machte den Herrn etwas verblüfft; er fuhr ganz höflich

französisch fort sich zu erkundigen, sagte mir, daß mein Paß

ausgefertigt sei, und in drei Minuten war ich fort. Ich erzähle Dir

dieses nur als noch einen neuen Beweis, wie man hier gegen unsere Nation

gestimmt ist. Diese Stimmung ist ziemlich allgemein, und die Oestreicher

scheinen sich keine sonderliche Mühe zu geben, sie durch ihr Betragen zu

verbessern.

Morgen will ich über Padua am Adria hinabwandeln, und mich, so viel als

möglich dem Meere nahe halten, bis ich hinunter an den Absatz des

Stiefels komme und mich an den Aetna hinüber bugsiren lassen kann. Die

Sache ist nicht ganz leicht. Denn unter Ancona bei Loretto endigt die

Poststraße; ^sed non sine dis animosus infans^. Ich weiß, daß mich Deine

freundschaftlichen Wünsche begleiten, so wie Du überzeugt seyn wirst,

daß meine Seele oft bei meinen Freunden und also auch bei Dir ist.

_Bologna._

Neun Tage war ich in Venedig herumgelaufen. Die Nacht war ich

angekommen, die Nacht fuhr ich mit der Corriere wieder ab. Die

Gesellschaft war ziemlich zahlreich, und wir waren wie im trojanischen

Pferde zusammengeschichtet. Das Wetter war nicht sehr günstig; wir

fuhren also von Venedig nach Padua von acht Uhr des Abends bis den

andern Mittag. Der Weg an der Brenta herauf soll sehr angenehm seyn;

aber das Wasser hatte bekanntlich die Straßen durch ganz Oberitalien so

fürchterlich zugerichtet, daß es ein trauriger Anblick war; und ich

grämte mich nicht sehr, daß ich auf meiner Fahrt und wegen des

stürmischen Wetters wenig davon sehen konnte. So wie wir in Padua

ankamen, ward das Wetter leidlich. Die Unterredung im Schiffe war bunt

und kraus, wie die Gesellschaft: aber es wurde durchaus nichts

gesprochen, was Bezug auf Politik gehabt hätte. Die einzige Bemerkung

nehme ich aus, welche ein alter ziemlich ernsthafter Mann machte: es

wäre nun zu hoffen, daß wir in dreißig oder vierzig Jahren zu Fuße nach

Venedig würden gehen können. Er deutete bloß kurz an, die alte Regierung

habe ein Interesse gehabt, die Stadt als Insel zu erhalten und habe sich

die Räumung der Lagunen viel Geld kosten lassen; die neue Regierung

werde ein entgegengesetztes Interesse haben, und brauchte dann nicht

viel Kosten darauf zu wenden, die Straße von Mestre nach Venedig fest zu

machen. Ich lasse die Hypothese dahin gestellt seyn.

Als ich in Padua meine Mahlzeit genommen hatte, nahm ich meinen

Tornister und machte vor meinem Abzuge dem heiligen Antonius einen

Besuch. Sogleich war ein Cicerone da, der mich führte, und meinte, ich

könne ganz füglich, so betornistert wie ich wäre, überall herumlaufen.

Das nahm ich sehr gerne an, und wandelte in diesem etwas grotesken

Aufzuge, mit aller Devotion, die man dem alten Volksglauben schuldig

ist, in der gothischen Kathedrale herum. In der Kirche drängten sich mit

Gewalt noch zwei andere Ciceronen mit zu mir und ließen sich mit Gewalt

nicht abweisen; sie waren weit besser, als ich, gekleidet und zeigten

mir alle ihre Wunder mit vieler Salbung; und ich hatte die Ehre drei zu

bezahlen. Sodann ging ich das Monument des Livius aufzusuchen, von

welchem alle meine drei Führer nichts wußten. Er muß in seiner

Vaterstadt jetzt so außerordentlich berühmt nicht seyn: denn drei

stattlich gekleidete Männer, die ich nach der Reihe anredete, konnten

mir weder vom Livius, noch von seinem Monumente erzählen; und doch

sprachen zwei davon geläufig genug französisch. Endlich wies mich ein

alter Graukopf nach dem Stadthause, wo es sich befinde. Ich wandelte in

dem ungeheuren Saale des Stadthauses neugierig herum, und redete einen

Mann mit einem ziemlich literarischen Antlitz lateinisch an. Er

antwortete mir italienisch, er habe zwar ehemals etwas Latein gelernt,

aber es nun wieder ziemlich vergessen; und das meinige sey ihm zu alt,

das könne er gar nicht verstehen. Er wies mich hierauf an einen Andern,

der mit einem Buche in einer Ecke saß. Dieser stand auf und zeigte mir

mit vieler Humanität den alten Stein über dem Eingange der Expedition.

Du kennst ihn unstreitig mit seiner Inschrift, welche weiter nichts

sagt, als daß die Paduaner ihrem Mitbürger Livius hier dieses Andenken

errichtet haben. Das neue, prächtige Monument, das der ehemalige

venetianische Senat und das paduanische Volk ihm gesetzt haben, sah ich

nicht, weil es zu entfernt war und ich diesen Abend nach Battaglia

patrouilliren wollte. Als ich ging, sagte mir der Paduaner sehr artig:

»^Gratias tibi habemus pro tua in nostrum popularem observantia. Eris

nobis cum multis aliis testimonio, quantopere noster Livius apud exteros

merito colatur. Valeas nostrumque civem ames ac nobis faveas!^« Der Mann

sagte dieses mit einer Herzlichkeit und mit einer gewissen klassischen

Wichtigkeit, die ihm sehr wohl anstand.

Vom Livius weg ging ich mit dem Livius im Kopfe gerades Weges durch

seine alte trojanische Vaterstadt in das klassische Land hinein, das

ehemals so große Männer gab. Du weißt, daß ich sehr wenig Literator bin;

weißt aber auch, daß ich von der Schule aus noch viel Vergnügen habe,

dann und wann einen alten Knaster in seiner eigenen Sprache zu lesen.

Livius war immer einer meiner Lieblinge, ob ich gleich Thucidydes noch

lieber habe. Ich wiederhole also wahrscheinlich zum tausendsten Male die

Klage, daß wir ihn nicht mehr ganz besitzen, und finde den übereilten,

etwas rodomontadischen Lärm, den man vor einiger Zeit hier und da über

seine Wiederfindung gemacht hat, sehr verzeihlich. Ein Gedanke knüpfte

sich an den andern; und da fand ich denn in meinem Sinn, daß wir wohl

schwerlich den ganzen Livius wieder haben werden. Freilich ist das zu

bedauern: denn gerade die wichtigsten Epochen der römischen Geschichte

für öffentliches Recht und Menschenkunde, und wo sich unstreitig das

Genie und die Freimüthigkeit des Livius in ihrem ganzen Glanze gezeigt

haben, der Sklavenkrieg und die Triumvirate, sind verloren: aber was

kann Klage helfen? Den Verlust erkläre ich mir so. Ich glaube durchaus

nicht, daß er aus Zufall oder Vernachlässigung gekommen sei. Livius war

ein freimüthiger, kühner, entschlossener Mann, ein warmer Patriot und

Verehrer der Freiheit, wie alle seine Mitbürger, die es bei den letzten

Unruhen in Rom unter dem Triumvirate thätig genug gezeigt hatten; er war

ein erklärter Feind der Despotie. August selbst, dem die römische

Schmeichelei schändlicher Weise einen so schönen Namen gab, nannte ihn

mit einer feinen Tyrannenmäßigung nur einen Pompejaner. Die Familie der

Cäsarn war nun Meister; man kennt die Folgen der erbaulichen Subjekte

derselben, die schon schlimm genug waren, wenn sie auch nur halb so

schlecht waren, als sie in der Geschichte stehen. Du findest doch wohl

begreiflich, daß die Cäsarn nicht absichtlich ein Werk, wie die

Geschichte des Livius war, zu Lichte werden gefördert haben. Es wird mir

sogar aus einigen Stellen des Tacitus sehr wahrscheinlich, daß man Alles

gethan hat, sie zu unterdrücken, wenigstens die Stellen, wo der

aristokratisch römische Geist und die Tyrannei der Cäsarischen Familie

insbesondere mit sehr grellen Farben gezeichnet seyn mußte. Dieses waren

vorzüglich der Sklavenkrieg und das Ende der Bürgerkriege. Es war

überhaupt ein weitläuftiges Werk, und nicht Jeder war im Stande sich

dasselbe abschreiben zu lassen. Alle fanden es also wahrscheinlich genug

ihrer Sicherheit und ihrem Interesse gemäß, die Stellen nicht bei sich

zu haben, die ihnen von dem Argwohn und der Grausamkeit ihrer Herrscher

leicht die blutigste Ahndung zuziehen konnten. Auf diese Weise ist das

Schätzbarste von Livius im eigentlichen Sinne nicht sowohl verloren

gegangen, als vernichtet worden: und als man anfing ihn ins Arabische zu

übersetzen, war er vermuthlich schon so verstümmelt, wie wir ihn jetzt

haben. So stelle ich mir die Sache vor. Und gesetzt, die wichtigsten

Bruchstücke fänden sich noch irgendwo in einem seltenen Exemplar unter

einem Aschenhaufen des Vulkans, so kannst Du, aus der Analogie der neuen

Herrscher mit den alten, ziemlich sicher darauf rechnen, daß wir die

Schätze doch nicht erhalten werden; zumal bei dem erneuerten und

vergrößerten Argwohn, der seit einigen Jahrzehenden zwischen den

Machthabern Statt hat. Wenn ich mich irre, soll es mir lieb seyn: denn

ich wollte drei Fußreisen von der Elbe an den Liris machen, um dort von

dem Livius den Spartakus zu lesen, den ich für einen der größten und

besten römischen Feldherren zu halten in Gefahr bin.

Unter diesen Ueberlegungen, deren Consequenz ich Dir überlasse, wandelte

ich die Straße nach Rovigo fort. Diese Seite von Venedig ist nicht halb

so schön, als die andere von Treviso nach Mestre: die Ueberschwemmungen

mit dem neuen Regenwasser hatten die Wege traurig zerrüttet, und ich zog

sehr schwer durch den fetten Boden Italiens weiter. Ueberall war der

Segen des Himmels mit Verschwendung über die Gegend ausgeschüttet, und

überall war in den Hütten die jämmerlichste Armuth. Vermuthlich war dieß

noch mit Folge des Kriegs. Nicht weit von Montselice kehrte ich zu

Mittage an der Straße in einem Wirthshause ein, das nicht die schlimmste

Miene hatte, und fand nichts, durchaus nichts, als etwas Wein. Ich

wartete eine halbe Stunde und wollte viel zahlen, wenn man mir aus den

benachbarten Häusern nur etwas Brot schaffen könnte. Aber das war

unmöglich; man gab mir aus Gutmüthigkeit noch einige Bissen schlechte

Polenta, und ich mußte damit und mit meinem Schluck Weins weiter gehen.

Vor Rovigo setzte ich über die Etsch und trat in das Cisalpinische. Der

kaiserliche Officier jenseit des Flusses, der meinen Paß mit aller

Schwerfälligkeit der alten Bocksbeutelei sehr lange revidirte, machte

mir bange, daß ich diesseits bei dem französischen Kommandanten wohl

Schwierigkeiten finden würde. Als ich zu diesem kam, war Alles gerade

das Gegentheil. Er war ein freundlicher, jovialischer Mann, der mir den

Paß, nach einem flüchtigen Blick auf mich und auf den Paß, ohne ihn zu

unterschreiben, zurückgab. Ich machte ihm darüber meine Bemerkung, daß

er nicht unterschriebe. »^Vous n'en avez pas besoin;^« sagte er: »^Vous

venez de l'autre coté?^« -- »^Je viens de Vienne et je m'en vais par

Ferrare à Ancone.^« -- »^N'importe:^« versetzte er; »^allez toujours.

Bon voyage!^« Die Höflichkeit des Franzosen, die ich gegen die

Nichthöflichkeit des Präsidenten in Wien und des Polizeiherrn in Venedig

hielt, that mir sehr wohl. Rovigo war die erste eigentlich italienische

Stadt für mich; denn Triest und Venedig und die übrigen Oerter hatten

alle noch so etwas Nordisches in ihrer Erscheinung, daß es mir kaum

einfiel, ich sei schon in Italien. Weder hier, noch in Lagoscuro, noch

in Ferrara fragte man mich weiter nach Pässen, ob ich gleich überall

starke französische Besatzungen fand. Vor meinem Fenster in Rovigo stand

auf dem Platze der große Freiheitsbaum mit der Mütze auf der Spitze, und

gegenüber in dem großen Kaffeehause war ein starkes Gewimmel von

Italienern und Franzosen, die sich der jovialen Laune der Ungebundenheit

überließen. Aber Alles war sehr anständig und ohne Lärm.

Ich muß Dir bekennen, daß mir dieses heitere, kühne Wesen gegen die

stille, bange Furchtsamkeit in Wien und Venedig sehr wohl gefiel, und

daß ich selber etwas freier zu athmen anfing; so wenig ich auch eben

diese Freiheit für mich behalten und sie überhaupt den Menschenkindern

wünschen möchte. Das Wasser hatte hier außerordentlichen Schaden gethan,

wie Du gewiß schon aus öffentlichen Blättern wirst gehört haben;

vorzüglich hatte der sogenannte ^canale bianco^ seine Dämme durchbrochen

und links und rechts große Verwüstungen angerichtet. Es arbeiteten oft

mehrere hundert Mann an den Dämmen und werden Jahre arbeiten müssen, ehe

sie Alles wieder in den Stand setzen. Hier sah man empörende

Erscheinungen der Armuth in einem ziemlich gesegneten Landstriche; und

ich schreibe dieses auch mit dem Unheil zu, das die Flüsse und großen

Kanäle hier sehr oft anrichten müssen. Da eine Straße ganz abscheulich

war, ließ ich mich bis Ponte di Lagoscuro auf den Po hinauf rudern, und

zahlte fünf Ruderknechten für eine Strecke von drei Stunden die kleine

Summe von zehn Liren. Der Po ist hier ein großes, schönes,

majestätisches Wasser, und die heitere, helle Abendsonne vergoldete

seine Wellen, und links und rechts die Ufer in weiter, weiter Ferne. Es

war, als ob ein Ozean herabrollte, und die Griechen haben ihn mit vollem

Recht Eridanus, den Gabenbringer oder den Wogenwälzer, genannt, nachdem

Du nun die Erklärung machen willst. Eridanus und Rhodanus scheinen mir

ganz die nämlichen Namen zu seyn; und die beiden Flüsse haben unstreitig

große Aehnlichkeit mit einander.

Wenn man an einem hellen, kalten Abende zu Anfange des Februars einige

Stunden auf dem Wasser gefahren ist, so ist ein gutes, warmes Zimmer,

eine Suppe und ein frisch gebratener Kapaun ein sehr angenehmer

Willkommen. Diesen fand ich in Ponte di Lagoscuro, und wandelte den

Morgen darauf in dem fürchterlichsten Regen auf einem ziemlich guten

Wege die kleine Strecke nach Ferrara. Hier blieb ich und schlenderte den

Nachmittag in der Stadt herum. Die architektonische Anlage des Orts ist

sehr gut, die Straßen sind lang und breit und hell. Es fehlt der ganzen

Stadt nur eine Kleinigkeit, nämlich Menschen. Französische Soldaten sah

man überall genug, aber Einwohner desto weniger. Die öffentlichen

Gebäude und Gärten und Plätze sind nicht ohne Schönheit. Mehrere Stunden

war ich in der Kathedrale und dem Universitätsgebäude. Am Eingange sind

hier, wie in Wien an der Bibliothek, sehr viele alte lateinische

Inschriften eingemauert, die meistens Leichensteine sind und für mich

wenig Interesse haben. Die Bibliothek aber ist ziemlich ansehnlich und

man wiederholte mir mit Nachdruck einigemal, daß durchaus kein Fürst

etwas dazu gegeben habe, sondern daß Alles durch die Beiträge des

Publikums und von Privatleuten nur seit ungefähr funfzig Jahren

angeschafft worden sei. Auf der Bibliothek findet sich jetzt auch das

Grab und das Monument Ariosts, das sonst bei den Benediktinern stand:

das sagt die neue lateinische Inschrift. Man zeigte mir mehrere

Originalbriefe von Tasso, eine Originalhandschrift von Ariost und sein

metallenes, sehr schön gearbeitetes Dintenfaß, an dem noch eine Feder

war. Ohne eben die Authenticität sehr kritisch zu untersuchen, würde ich

zu Oden und Dithyramben begeistert worden seyn, wenn ich etwas

inspirationsfähiger wäre. So viel muß ich sagen, die Bibliothek beschämt

an Ordnung die meisten, die ich gesehen habe.

Im Gasthofe fütterte man mich den Abend sehr gut mit Suppe, Rindfleisch,

Wurst, Fritters, Kapaun, Obst, Weintrauben und Käse von Parma. Du siehst

daraus, daß ich gewöhnlich nicht faste, wie an meinem Geburtstage zu

Udine, und daß die Leipziger Aubergisten vielleicht sich noch hier ein

kleines Exempel von den oberitalienischen nehmen könnten. Das Wetter war

fürchterlich. Ich hatte gelesen von den großen gefährlichen Morästen

zwischen Ferrara und Bologna, und die Erzählungen bestätigten es, und

sagten weislich noch mehr; so daß ich nicht ungern mit einem Vetturino

handelte, der sich mir nach Handwerksweise sehr höflich aufdrang. Der

Wagen war gut, die Pferde waren schlecht und der Weg war noch

schlechter. Schon in Padua konnte ich eine kleine Ahnung davon haben;

denn eine Menge Kabrioletiers wollten mich nach Verona und Mantua

bringen; da ich aber sagte, daß ich nach Bologna wollte, verlor kein

Einziger ein Wort weiter, als daß sie Alle etwas von Teufelsweg durch

die Zähne murmelten. Meine Kutschengefährten waren ein cissalpinischer

Kriegskommissär, und eine Dame von Cento, die ihren Mann in der

Revolution verloren hatte. Wir zahlten gut und fuhren schlecht, und

wären noch schlechter gefahren, wenn wir nicht zuweilen eine der

schlechten Strecken zu Fuße gegangen wären. Einige Stunden von Ferrara

aus ging es leidlich, dann sank aber der Wagen ein bis an die Achse. Der

Vetturino wollte Ochsenvorspannung nehmen; die billigen Bauern forderten

aber für zwei Stunden nicht mehr, als acht und zwanzig Liren für zwei

Ochsen, ungefähr sechs Gulden Reichsgeld. Der arme Teufel von Fuhrmann

jammerte mich, und ich rieth ihm selbst, gar kein Gebot auf die

unverschämte Forderung zu thun. Die Gaule arbeiteten mit der

furchtbarsten Anstrengung absatzweise eine halbe Stunde weiter; dann

ging es nicht mehr. Wir stiegen aus und arbeiteten uns zu Fuße durch,

und es ward mit dem leeren Wagen immer schlimmer. Erst fiel _ein_ Pferd,

und als sich dieses wieder erhoben hatte, das andere, und einige hundert

Schritte weiter fielen alle beide und wälzten sich ermattet in dem

schlammigen, thonigen Boden. Da hatten wir denn in Italien das ganze

deutsche salzmannische menschliche Elend ^in concreto^. Die Pferde

halfen sich endlich wieder auf; aber der Wagen saß fest. Nun stelle Dir

die ganz bekothete Personalität Deines Freundes vor, wie ich mit der

ganzen Kraft meines physischen Wesens meine Schulter unter die

Hinterachse des Wagens setzte und heben und schieben half, daß die Dame

und der Kriegskommissär und der Vetturino erstaunten. Es ging, und nach

drei Versuchen machte ich den Fuhrmann wieder flott. Aber ans Einsetzen

war nicht zu denken. Nun hatte ich das Amt, die Dame und den Kommissär

durch die engen, schweren Passagen zu bugsiren, und that es mit solchem

Nachdruck und so geschicktem Gleichgewicht auf den schmalen Stegen und

Verschlägen und an den Gräben, daß ich ihnen von meiner Kraft und

Gewandtheit eine gar große Meinung gab. Schon hatten wir uns, als wir zu

Fuße voraus über den italienischen Rhein, einen ziemlich ansehnlichen

Fluß, gesetzt hatten, in einem ganz artigen Wirthshause zu Malabergo

einquartirt und uns in die Pantoffeln des Wirths geworfen, als unser

Fuhrmann ankam und uns durchaus noch acht italienische Meilen weiter

bringen wollte. Ich hatte nichts dagegen, und die andern wurden

überstimmt. Von hier aus sollte nun der Weg besser seyn. Wir schroteten

uns also wieder in den Wagen und ließen uns weiter ziehen. Jetzt trat

eine andere Furcht ein: der Dame und dem Kriegskommissär -- drollig

genug an Italienern! -- ward bange vor Gespenstern. Der Kriegskommissär

schien überhaupt mit seinem Muthe nicht viel zur Befreiung seines

Vaterlandes beigetragen zu haben. Mir ward zwar auch etwas unheimlich,

nicht aber vor Geistern, sondern vor Straßenräubern, für welche diese

Straße zwischen tiefen, breiten Kanälen ordentlich geeignet schien:

indessen sammle ich in dergleichen Fällen als ein guter Prädestinatianer

meinen Muth und gehe getrost vorwärts. Gegen Mitternacht kamen wir

endlich glücklich auf unsere Station, einem isolirten, ziemlich großen

und guten Gasthof, an; der, wenn ich nicht irre, Althee hieß und von dem

ich Dir weiter nichts zu sagen weiß, als daß man mir einen Wein gab, der

dem Champagner ähnlich war und also meinen Beifall hatte. Bei diesem

Weine und der guten Mahlzeit vergaß der Kommissär alle Mühseligkeiten

des Tages und des Abends, und schien ganz eigentlich in seinem rechten

Elemente zu seyn: das ist ihm nun freilich nicht übel zu nehmen; denn

ich befand mich nach einer solchen Fahrt dabei auch ganz behaglich.

Den andern Mittag langten wir hier in der alten päpstlichen Stadt

Bologna an, wo man zuerst wieder nach meinem Passe fragte. Mit mir

Fremden nahm man es nicht so strenge, als mit meinem Kameraden, der aus

der Gegend von Parma war, und der ein förmliches Kandidatenexamen

aushalten mußte. Auf der Polizei, wo ich den Paß signiren lassen mußte,

war man eben so artig und höflich, als an dem Grenzflusse. Hier in

Bologna fand ich überall eine exemplarische Unreinlichkeit, die an

Schweinerei gränzt; und wenn man der häuslichen Nettigkeit der Italiener

überhaupt kein großes Lob geben kann, so haben die Leute in Bologna den

größten Schmutz aufzuweisen. Außer dem Stolz auf ihr altes Felsine,

behaupten die Bologneser noch, daß ihre Stadt so groß sei, wie Rom.

Daran thun sie nun freilich etwas zuviel; wenn man aber auf den Thurm

steigt und sich rings umher umschaut, so wird man den Raum doch groß

genug finden, um in eine solche Versuchung zu gerathen, zumal wenn man

etwas patriotisch ist. Der Hauptplatz mit der daran stoßenden

Kathedrale, und dem Gemeinehause rechts, und den großen, schönen

Kaufmannshallen links, macht keine üble Wirkung. Der Neptun mitten auf

demselben, von Jean de Bologna, hat als Statüe wohl seine Verdienste;

nur Schade, daß der arme Gott hier so wenig von seinem Element hat, daß

er wohl kaum den Nachbarn auf hundert Schritte in die Runde zu trinken

geben kann. Der Eingang des Gemeinehauses ist von Franzosen besetzt, und

die Bürgerwache steht gar demüthig in einem sehr spießbürgerlichen

Aufzuge daneben. Ueber dem Portal hängt ein nicht unfeines Bild der

Freiheit mit der Umschrift in großen Buchstaben: »^Republica Italiana^;«

welches erst vor einigen Wochen hingesetzt war, da man die Cisalpiner in

diese Nomenklatur metamorphosirt hatte.

Vor dem Nationaltheater wurde ich gewarnt, weil man daselbst durchaus

immer die niedrigsten Hanswurstiaden gebe und zum Intermezzo Hunde nach

Katzenmusik tanzen lasse. Hätte ich mehr Zeit gehabt, so hätte ich doch

wohl die Schnurrpfeifereien mit angesehen. Dafür ging ich aber auf das

kleine Theater ^Da Ruffi^, und fand es für eine so kleine Unternehmung

allerliebst. Ich kann nicht begreifen, wie die Leute bei einem so

geringen Eintrittsgelde und dem kleinen Raum des Schauspielhauses den

Aufwand bestreiten können. Man gab ein Stück aus der alten französischen

Geschichte, den »Sklaven aus Syrien«, wo natürlich viel über Freiheit

und Patriotismus deklamirt wurde; aber schon wieder mit vieler Beziehung

auf Fürstenwürde und Fürstenrechte, welches man vielleicht voriges Jahr

noch nicht hätte thun dürfen. Die Donna und der Held waren gut. Der

Dialekt war für mich deutlich und angenehm; die meisten Schauspieler

waren, wie man sagte, Römer, und nur ein Einziger zischte venetianisch.

Nach dem Stück gab man das beliebte Spiel Tombola, wovon ich vorher gar

keinen Begriff hatte und auch jetzt noch keinen sehr deutlichen bekommen

habe, da es mir an jeder Art Spielgeist fehlt. Es ist eine Art Lotterie

aus dem Stegreif, die für das Publikum auf dem Theater nach dem Stücke

mit allgemeiner Theilnahme enthusiastisch gespielt wird. Die Anstalten

waren sehr feierlich; es waren Munizipalbeamten mit Wache auf dem

Theater, die Loose wurden vorher ausgerufen, alle gezeigt, und einem

Knaben in den Sack geworfen. Ob man gleich nur um einige Scudi spielte,

hätte man doch glauben sollen, es ginge um die Schätze Golkondas, so ein

Feuereifer belebte alle Theilnehmer. Mir hätte das Spiel herzlich lange

Weile gemacht, wie alle dergleichen Hazardspiele, wenn nicht die

Physiognomien der Spielenden einiges Vergnügen gewährt hätten. Mein

Cicerone war ein gewaltig gelehrter Kerl, und sprach und räsonnirte von

Schulen und Meistern und Gemälden so strömend, als ob er die Dialektik

studirt hätte und Professor der Aesthetik wäre; und er konnte es gar

nicht zusammen reimen, daß ich nicht wenigstens vierzehn Tage hier

bleiben wollte, die Reichthümer der Kunst zu bewundern. Er hielt mich

halb für einen Barbaren und halb für einen armen Teufel; und ich

überlasse Dirs, in wie weit er in beiden Recht hat. Ich ging trotz

seinen Demonstrationen und Remonstrationen den andern Morgen zum Thore

hinaus.

_Ancona._

Von Bologna geht es auf dem alten Emilischen Wege in der Niederung durch

eine sehr wasserreiche Gegend immer nach Rimini herunter. Blos von

Bologna bis nach Imola geht man über fünf oder sechs Flüsse. Rechts

hatte ich die Apenninen, die noch beschneit waren; der Boden ist überall

sehr fett und reich. In Imola machte ich einen etwas barocken Einzug.

Ich kam gerade zu den Harlekinaden der Faschingsmasken, wovon ich in

Pordenone schon einen Prodrom gesehen hatte. Die ganze Stadt war in

Mummerei und zog in bunten Gruppen in den Straßen herum. Nur hier und da

standen unmaskirt einige ernsthafte Männer und Matronen und sahen dem

tollen Wesen zu. Meine Erscheinung mochte für die Leute freilich etwas

hyperboreisch seyn; eine solide polnische Kleidung, ein

Seehundstornister mit einem Dachsgesicht auf dem Rücken, ein großer,

schwerer Knotenstock in der Hand. Die Maskerade hielt alle Charaktere

des Lebens, ins Groteske übersetzt. Auf einmal war ich von einer Gruppe

umgeben, die allerhand lächerliche Bockssprünge um mich herum machte.

Die ernsthaften Leute ohne Maske lachten, und ich lachte mit; einen

genialischen Aufzug dieser Art kann man freilich nicht auf der Leipziger

Messe haben. Plötzlich trat mit den possirlichsten Stellungen eine tolle

Maskenfratze vor mir hin und hielt mir ein Barbierbecken unter die Nase,

das Don Quixotte sehr gut als Helm hätte brauchen können; und ein

anderes Bocksgesicht setzte sich hinter mich, um von seinem Attribute,

der Klystirspritze, Gebrauch zu machen. Stelle Dir das donnernde

Gelächter von halb Imola vor, als ich den Klystirspritzenkerl mit einer

Schwenkung vollends umrannte, meinen Knotenstock komisch nach ihm

hinschwang und meine Personalität etwas aus dem Gedränge zu Tage

förderte. Zum Unglück muß ich Dir sagen, daß mein Bart wirklich über

drei Tage lang war und daß ich von den dortigen rothen Weinen, an die

ich nicht gewöhnt war, mich in einer Art von Hartleibigkeit befand. Die

Menge zerstreute sich lachend, und ein ziemlich wohlgekleideter Mann

ohne Maske, den ich nach einem Gasthof fragte, brachte mich durch einige

Straßen in die Hölle, Nummer Fünfe. Das war nun freilich kein

erbaulicher Name; indessen ich war ziemlich müde und wollte in meinen

Pontifikalibus nicht noch einmal durch das Getümmel laufen, um ein

besseres Wirthshaus zu suchen; also blieb ich Nummer Fünfe in der Hölle.

Nachdem ich meinen Sack abgelegt hatte, wandelte ich wieder vor zu dem

Haufen; und nun muß ich den Farcenspielern die Gerechtigkeit widerfahren

lassen, daß sie sich, so weit es ihr Charakter erlaubte, ganz ordentlich

und anständig betrugen. Ein entsetzlich zudringlicher Cicerone, der mich

in drei verschiedenen Sprachen, in der deutschen, französischen und

italienischen, anredete, verließ mich mit seiner Dienstfertigkeit nicht

eher, als bis einige französische Officiere mich von ihm retteten und

mit mir in ein nahes Kaffeehaus gingen. Vor diesem Hause war der beste

Tummelplatz der Maskirten, die in hundert lächerlichen Aufzügen und

Gruppirungen mit und ohne Musik auf und niederliefen. Ein siedend heißer

politischer Imolait schloß sich an mich an und führte das Gespräch durch

verschiedene Gegenstände sehr bald auf die Politik und erkundigte sich,

wie es in Wien aussähe. Ich antwortete ganz natürlich der Wahrheit

gemäß: »Ganz ruhig.« »^On les a bien forcé à coups de bayonnettes à ètre

en repos^;« sagte er. »^Apparemment^,« sagte ich. -- »^C'est toujours la

meilleure manière de disposer les gens à se conformer à la raison.^« --

»^Mais oui^,« entgegnete ich, »^après en avoir essayé les autres; pourvû

toute fois, qu'il y ait de la raison et de la justice au fond de

l'affaire.^« -- »^Est-ce que vous en doutez pour la nòtre?^« -- »^On ne

peut pas répondre à cela en deux mots.^« Nun wollte er eine Diskussion

anfangen und ward ziemlich heftig. Ich entschuldigte mich mit meiner

alten Formel; »^Quand on commence, il faut toujours commencer par le

commencement^;« da würde sich denn ergeben das alte ^Iliacos intra muros

peccatur et extra^. Der Abend rief mich zum Essen und zur Ruhe, und wir

schieden recht freundschaftlich, indem er meinte: »Wenn es auf uns beide

angekommen wäre, würde wohl kein Krieg entstanden seyn.« Das glaubte ich

wenigstens für mich auf meiner Seite, und ging ganz andächtig in die

Hölle Nummer Fünfe, wo ich bis zum Sonnenaufgang recht sanft schlief.

Ist Imola nicht ein Ort, wo ein Bischof sich zum Papst bilden kann?

In Faenza sah ich die erste französische Wachparade, und in Forli

nichts. Nicht eben, als ob da nichts zu sehen wäre: Antiquare und

Künstler finden daselbst reichliche Unterhaltung für ihre

Lieblingsfächer. Aber ich dachte weder an alte noch neue Kriege und zog

gerades Weges ins Wirthshaus, das ^Hôtel de Naples^. Auf mein

Italienisch war man nicht außerordentlich höflich, vermuthlich, weil es

nicht sonderlich gut war. »^Ne pourrais-je pas parler au maitre de la

maison?^« fragte ich etwas trotzig, indem ich meinen Tornister abwarf.

Auf einmal war alles freundlich, und alles war zu haben. Sonderbar, wie

zuweilen einige Worte so oder so wirken können, nachdem man sie hier

oder da sagt. In Ferrara mochte ich wohl mit meinem Reisesacke einigen

Herren etwas drollig vorkommen, und sie schienen sich hinter mir über

mich mit lautem Gelächter etwas zu erlustigen. »^Qu'est ce qui'l y a là,

Messieurs?^« fragte ich mit einer enrhumirten rauhen Stimme. »^Niente,

Signore^,« war die Antwort; und alles trat still in eine bescheidene

Entfernung. In Spoleto hätte mir die Frage ein Stilet gelten können. Ich

fand in dem ^Hôtel de Naples^ zwei Kaufleute und drei Schiffer; der

Kellner war ein jovialischer Mensch; man begrüßte mich in einer Minute

zehn Mal mit dem Prädikate ^cittadino^, gab mir den Ehrenplatz und

fütterte mich ^à qui mieux^ mit den besten Gerichten. Es machte keinen

Unterschied, als man nun erfuhr, ich sei ein Deutscher; so sehr bestimmt

der erste Augenblick die künftige Behandlung! Wir pflanzten uns, da der

Abend sehr rauh und stürmisch war, um den Kamin her, machten einen

traulichen, freundlichen Familienzirkel und tändelten mit einem kleinen

allerliebsten Jungen, der, wie ein Toast der Gesellschaft, von den

Knieen des Einen zu den Knieen des Andern ging.

Zwischen Forli und Cesena sind die Reste des alten ^Forum Pompilii^, und

die Trümmer einer Brücke, welche auch alt zu seyn scheint. Ich sah von

allem sehr wenig wegen des entsetzlichen Wetters. Die Brücke gleich vor

Cesena über den Savio ist ein Werk, das bei den Italienern für etwas

sehr Schönes gilt; das kann aber nur in dieser Gegend seyn. Das

fürchterlich schlechte Wetter hielt mich in Cesena, da ich doch nur von

Forli gekommen war, und also nicht mehr als vier Stunden gemacht hatte.

Hier wurde ich von dem Wirthe mit einer gewissen kalten Förmlichkeit

aufgenommen, die sehr merklich war, und in ein ziemlich ärmliches Zimmer

hinten hinaus geführt. Ich hatte weiter nichts dawider. Nachdem wir aber

eine Stunde geplaudert hatten, ich in einem Intermezzo des Regens etwas

ausgegangen war, um die Stadt zu sehen und ein Kaffeehaus zu besuchen,

und wieder zurückkam, fand ich meine Sachen umquartirt und mich in ein

recht schönes Zimmer vorn heraus versetzt. Die Wirthin machte die

Erklärung: man habe mich für einen Franzosen gehalten, der von der

Munizipalität logirt würde: nun pflegte die Munizipalität seit langer

Zeit für die zugeschickten Gäste gar nichts mehr zu bezahlen: man könnte

es also nicht übel deuten, daß sie auf diese Weise so wohlfeil, als

möglich durchzukommen suche. Aber ein Galantuomo, wie ich, müsse mit

Anstand bedient werden. Das fand ich auch wirklich. Die Mädchen vom

Hause waren recht hübsch und so höflich und freundlich, als man in Ehren

nur verlangen kann. Es kam noch ein Schiffskapitän, der mir Gesellschaft

leistete und mir von seinen Fahrten im mittelländischen Meere eine Menge

Geschichten erzählte. Er bedauerte, daß es Friede sei und der

Schleichhandel nun nicht mehr so viel eintrage: das sagte er nämlich,

ohne sich sehr verblümt auszudrücken. Die Rechnung war für die sehr gute

Bewirthung außerordentlich billig. Cesena ist übrigens eine alte, sehr

verfallene Stadt, und der aufgepflanzte Freiheitsbaum machte unter den

halbverschütteten Häusern des fast leeren Marktes eine traurige Figur.

Pius der Sechste muß für seine Vaterstadt nicht viel gethan haben: es

würde ihm weit rühmlicher seyn, als der verunglückte Palast für seinen

verdienstlosen Nepoten.

Vor Savignano ging ich, nicht, wie Cäsar, über den Rubikon.

Wahrscheinlich hat der kahlköpfige Weltbeherrscher hier oder etwas

weiter unten am Meere den ersten entscheidenden Schritt gethan, die

sonderbare Freiheit seines Vaterlandes zu zertrümmern, da er als Despot

des neu eroberten Galliens zurückkehrte. Ein eigener Charakter, der

Julius Cäsar! Es ist von gewissen Leuten schwer zu bestimmen, ob sie

mehr Liebe oder Haß verdienen. Ich erinnere mich, daß es mir in einem

solchen moralischen Kampfe einmal entfuhr, Cäsar sei der

liebenswürdigste Schurke, den die Geschichte aufstelle. Die Aeußerung

hätte mir fast die Beschuldigung der verletzten Majestät aller Monarchen

zugezogen. Dagegen wollte man mir neulich beweisen, Brutus sei

eigentlich der Schurke gewesen, und Cäsar ganz Liebenswürdigkeit. So,

so? ^bien vous fasse^! Ihr seid es werth, Cäsarn mit seiner ganzen

Sippschaft und liebenswürdigen Nachkommenschaft zu Herrschern zu haben;

ob ich es gleich nicht über mich nehmen wollte, den Junius Brutus

durchaus zu vertheidigen. Also hier gingen wir beide über den Rubikon,

Cäsar und ich; haben aber übrigens beide nichts mit einander gemein, als

daß wir -- nach Rimini gingen.

In Savignano war Markt; der Platz wimmelte von Leuten, die zur Ehre der

neuen Kokarde weidlich zu zechen schienen. Ich fragte einen

wohlgekleideten Mann nach einem Speisehause. Er besah mich ganz

mißtrauisch, schaute nach meinem Hute und da er rund herum keine Kokarde

entdeckte, ward sein Ansehen etwas grimmig und er schickte mich mit der

höflichen Formel weiter: ^Andate al diavolo!^ Das war die Kehrseite von

Cesena. So gehts zu Revolutionszeiten: für das nämliche wirst Du hier

gepflegt, dort beschimpft; glücklich, wenns nicht weiter geht.

In Rimini schlief ich gewiß ruhiger, als der mächtige Julius nach seinem

Uebergange und dem geworfenen Würfel geschlafen haben mag. Vor der Stadt

sind einige herrliche Aussichten. Auf dem Platze ^della Fontana^ steht

der heilige Gaudentius von Bronze, der eine gar stattliche Figur macht.

Auch ein Papst Paul, ich weiß nicht welcher, hat hier ein Monument für

eine Wasserleitung, die er den Bürgern von Rimini bauen ließ. Eine

Wasserleitung halte ich überall für eins der wichtigsten Werke und für

eine der größten Wohlthaten; und hier in Italien ist es doppelt so. Wenn

ein Papst eine recht schöne wohlthätige Wasserleitung bauet, kann man

ihm fast vergeben, daß er Papst ist. Auf dem andern Platze stand der

Baum mit der Mütze und der Inschrift: ^L'union des François et des

Cisalpins.^ Aber welche Union! Das mag der heilige Bartholomäus in

Mailand sagen.

Wenn ich nun ein ordentlicher, systematischer Reisender wäre, so hätte

ich von Rimini rechts hinauf, auf die Berge gehen sollen, um die selige

Republik Sankt Marino zu besuchen; zumal, da ich eine kleine Liebschaft

gegen die Republiken habe, wenn sie auch nur leidlich vernünftig sind.

Aber ich ging nun gerade fort nach Cattolica und Pesaro. Die Arianer

hatten, wie man sagt, auf dem Koncilium zu Rimini den Meister gespielt:

deshalb gingen die rechtgläubigen Bischöfe mit Protest herüber nach

Cattolica und verewigten ihre muthige Flucht durch den Namen des Orts.

Auch steht, wie ich selbst gelesen habe, die ganze Geschichte auf einer

großen Marmorplatte über dem Portal der Kirche zu Cattolica: ich nehme

mir aber selten die Mühe etwas abzuschreiben, am wenigsten dergleichen

Orthodoxistereien. In Pesaro, wo ich beiläufig die erste Handvoll

päpstlicher Soldaten antraf, fragte ich, weil ich müde war, den ersten

besten, der mir begegnete, wo ich logiren könnte? »Bei mir,« antwortete

er. Sehr wohl! sagte ich und folgte. Der Mann hatte ein Schurzfell und

schien, mit Shakespear zu reden, ein Wundarzt für alte Schuhe zu seyn.

Nun fragte er mich, was ich essen wollte? Das stellte ich denn ganz

seiner Weisheit anheim, und er that sein Möglichstes mich zufrieden zu

stellen, ging aus und brachte Viktualien, machte selbst den Koch und

holte zweierlei Wein. Das war von nun an oft der Fall, daß der Wirth

sich hinstellte und mir die patriarchalische Mahlzeit bereitete und ich

ihm hülfreiche Hand leistete. Er klagte mir ganz leise, daß die

gottlosen Franzosen vier der schönsten Gemälde von hier mit weggenommen

haben. Als ich den andern Morgen im Kaffeehause saß und mein Frühstück

verzehrte, ließen mir eine Menge Vetturini nicht eher Ruhe, bis ich

einen von ihnen nach Fano genommen hatte. Dieser mein Vetturino war nun

ein ächter Orthodox, der vor jedem Kreuz sein Kreuz machte, sein

Stoßgebetchen sagte, seine Messe brummte und übrigens fluchte wie ein

Lanzenknecht. Vor allen Dingen war sein Gesang charakteristisch. Ich

habe nie einen so entsetzlichen Ausdruck von dummer Hinbrütung in

vernunftlosem Glauben gehört. Wenn ich länger verdammt wäre solche

Melodien zu hören, würde ich bald Materialismus und Vernichtung für das

Konsequenteste halten: denn solche Seelen können nicht fortleben.

Vor Pesaro und noch mehr bei Fano wird die Gegend ziemlich gebirgig, ist

voll Schluchten und Defileen in den Höhen, und es wird leicht

begreiflich, wie die fremden Karthager sich hier verirrten und den

Römern leichtes Spiel machten. Der Metaurus ist, wie fast alle Flüsse,

welche aus den Apenninen kommen, ein gar schmutziger Fluß, und hat eben

so wenig wie der Rubikon ein klassisches Ansehen. Man wollte mir

zwischen Fano und Sinigaglia den Berg zeigen, wo Hasdrubal geschlagen

worden sein soll. Ich kann darüber nichts bestimmen, da mir die

Geschichte der Schlacht aus den alten Schriftstellern nicht gegenwärtig

war. So viel ist gewiß, daß sie hier in der Gegend und am Flusse

vorfiel; und mit dem Polybius und Livius in der Hand dürfte es

vielleicht nicht schwer seyn, den Platz genau aufzusuchen. Da ich aber

wahrscheinlich nicht in Italien kommandiren werde, war ich um den Posten

nicht sehr bekümmert. Der Himmel habe den Hasdrubal und die römischen

Konsuln selig!

Sinigaglia ist ein angenehmer Ort durch seine Lage: vorzüglich geben die

üppig vegetirenden Gärten der Landseite der Stadt ein heiteres Ansehen.

Ich hatte zum ersten Mal das Vergnügen ein italienisches Stiergefecht zu

sehen, wo die Hunde ziemlich hoch geworfen wurden und ziemlich blutig

wegkamen, und woran halb Sinigaglia sich sehr zu ergötzen schien. Das

Prototyp der Dummheit, mein Vetturino, führte mich weiter bis Ancona, da

ich einmal in die Bequemlichkeit des Sitzens gekommen war. Die See ging

hoch und die Brandung war schön; rechts hatte ich herrliche Anhöhen, mit

jungem Weitzen und Oelbäumen geschmückt. Vor Ancona blühten den

neunzehnten Februar Bohnen und Erbsen. Die Thäler und Berge rechts geben

abwechselnd mit Wein und Obst und Oel und Getreide eine herrliche

Aussicht. Der Hafen von Ancona mag für die Alten außerordentlich gut

gewesen seyn; für die Neuern ist er es nicht mehr in demselben Grade:

und wenn nicht der Molo viel weiter hinaus geführt worden wäre, würde er

wenig mehr brauchbar seyn. Es können nur wenig große Schiffe sicher

darin liegen. Am Anfange des alten Molo steht der sogenannte

Triumphbogen Trajans von weißem Marmor, der aus den Antiquitätenbüchern

hinlänglich bekannt ist. Die Schrift fängt nun an ziemlich zu

verwittern, und man muß schon sehr ziffern, wenn man den Sinn heraus

haben will. Es müßte denn nur mir so gegangen seyn, der ich im Lesen der

Steinschriften nicht geübt bin. Der neue Bogen des Vanvitelli, weiter

hinaus, steht gegen den alten sehr demüthig da. Ganz am Ende des Molo

steht ein Wachthurm, und vor demselben standen einige Piecen Artillerie

auf dem Molo hereinwärts, die den Hafen bestreichen. Die übrigen Stücke

decken oder wehren blos den Eingang von der Seite von Loretto. Am Thurme

stand eine französische Wache, deren man in der ganzen Stadt sonst nicht

viele fand, obgleich die Besatzung ziemlich stark ist. »^Est-ce qu'il

est permis de monter la tour pour voir la contrée?^« fragte ich.

»^Non^,« war die Antwort: ich mußte also zurückgehen und die Berge rund

umher besteigen, wenn ich die Aussicht theilweise haben wollte, die ich

hier hätte ganz haben können. Es mag freilich wohl der beste

militärische Augenpunkt seyn, so daß man billig Bedenken trägt,

Jedermann sich auf demselben umsehen zu lassen. Das Seelazareth an dem

andern Ende des Hafens, gleich am Wege von Loretto und Sinigaglia, der

sich dort trennt, ist ein sehr schönes Gebäude ganz im Meere, so daß

eine Brücke hinüber führt. Es hat rund herum eine Menge schöner,

bequemer Gemächer, eine Kapelle mitten im Hofe, frisches Wasser durch

Röhren vom Berge, und ein ziemlich großes Waarenhaus. Auch das

Militärspital auf dem Lande ist ein schönes, weitläufiges Gebäude. Die

Schiffe sind meistens fremde, und die Handlung hebt sich nur sehr

langsam durch die Maßregel des römischen Hofes, daß man Ancona zu einem

Freihafen erklärt hat. Auf der südlichen Höhe der Stadt steht die alte

Kathedralkirche, wo außer dem unverweslichen heiligen Cyriakus noch

einige andere Kapitalheilige begraben liegen, deren Namen mir entfallen

sind. Man findet dort eine schöne, prächtige, funkelnagelneue

Inscription, daß Pius der Sechste auf seiner Rückkehr aus Deutschland,

wo er die Wiener gesegnet hatte, daselbst die Unverweslichkeit des

Heiligen in Augenschein genommen, bewundert und von neuem dokumentirt

habe. Dieses Monument des Wunderglaubens ist dem Papst auf Kosten des

Volks und der Stände der Mark Ancona in der glänzenden marmornen Krypte

der Heiligen errichtet worden. ^O sancta!^

Die Börse ist ein großer, schöner, gewölbter Saal mitten in der Stadt,

mit interessanten, gut gearbeiteten Gemälden und Statüen, welche

moralische und bürgerliche Tugenden vorstellen. Die erstern sollen von

Perugino seyn, wie man mir sagte; ich hätte sie nicht für so alt

gehalten.

Im Theater gab man die alte Posse, _der lustige Schuster_, gar nicht

übel, und das italienische Talent zur Burleske mit dem feinen Takt für

Schicklichkeit und Anstand zeigte sich hier sehr vortheilhaft. Ich

konnte nicht umhin, Dir hier einige Worte über unsere deutschen

Landsleute auf der Bühne zu sagen. Es wäre wohl zu wünschen, daß sie

etwas von der Delikatesse der Wälschen hierin hätten oder lernten. Das

ist bei uns ein ewiges Küssen und sogar Schmatzen auf den Bretern bei

jeder Gelegenheit. Wenn man glaubt, daß dieses eine schöne ästhetische

Wirkung thun müsse, so irrt man sich vermuthlich; wenigstens für mich

muß ich bekennen, daß mir nichts langweiliger und peinlicher wird, als

eine solche Zärtlichkeitsscene. Ein Kuß ist alles, und ein Kuß ist

nichts; und hier ist er weniger als nichts, wenn er so seine Bedeutung

verliert. Er gehört durchaus zu den Heimlichkeiten der Zärtlichkeit, in

der Freundschaft wie in der Liebe, und wird hier entweiht, wenn er vor

die Augen der Profanen getragen wird. Ich weiß die Einwürfe; aber ich

kann hier keine Abhandlung schreiben, sie alle zu beantworten. Der

Italiener weiß durch die feinen Nüanzen der Umarmung mehr zu wirken, als

wir durch unsere Küsse. Es versteht sich, daß seltene Ausnahmen Statt

finden. Ein anderer Artikel, den wir etwas zu materiell behandeln, ist

das Essen und Trinken und Tabaksrauchen auf dem Theater. Das alles ist

von sehr geringer ästhetischer Bedeutung, und sollte füglich wegfallen.

Es ist als ob wir unsere Stärke zeigen wollten, um die Präeminenz unsers

Magens zu beweisen: und der Gebrauch der Theemaschine und der Serviette

gehört bei mir durchaus nicht zu den guten Theaterkünsten; zumal wenn

man eine Theekanne auf das Theater bringt, die man in der letzten

Dorfschenke kaum unförmlicher und unreinlicher finden würde. Auch sieht

man zuweilen einen Korb, der doch Eleganz bezeichnen sollte, als ob eben

ein Bauer Hühnermist darin auf das Pflanzenbeet getragen hätte. Nimm mir

es nicht übel, daß ich da in dramaturgischen Eifer gerathe! Es wirkt

nicht angenehm, wenn man Schicklichkeit und Anstand vernachlässigt.

Von Leipzig bis hierher habe ich keinen Ort gefunden, wo es so theuer

wäre wie in Ancona; selbst nicht das theure Triest. Ich habe hier

täglich im Wirthshause einen Kaiserdukaten bezahlen müssen, und war für

dieses Geld schlecht genug bewirthet. Man schiebt noch alles auf den

Krieg und auf die Belagerung; das mag den Aubergisten sehr gut zu

Statten kommen. Alles war voll Impertinenz. Dem Lohnbedienten zahlte ich

täglich sechs Paoli; dafür wollte er früh um neun Uhr kommen und den

Abend mit Sonnenuntergang fortgehen; und machte gewaltige

Extraforderungen, als er bis nach der Komödie bleiben sollte, da ich in

der winkligen Stadt meine Auberge in der Nacht nicht leicht

wiederzufinden glaubte. Er pflanzte sich im Parterre neben mich und

unterhielt mich mit seinen Impertinenzen; und dafür mußte ich ihm die

Entrée bezahlen und zwei Paoli Nachschuß für die Nachtstunden. Die

Barbiere bringen jederzeit einen Bedienten mit, eine Art von Lehrling,

der das Becken trägt und die Kunst des Bartscherens von dem großen

Meister lernen soll. Nun ist das Becken zwar in der That so geräumig,

daß man bequem einige Ferkel darin abbrühen könnte, und man wundert sich

nicht mehr so sehr, daß die erhitzte Phantasie Don Quixotte's so etwas

für einen Helm ansah. Hast Du den Herrn recht gut bezahlt, so kommt der

Junge, der die Serviette und den Seifenlappen in Ordnung gelegt hat und

fordert etwas ^della buona mano, della buona grazia^, und macht zu einer

Kleinigkeit eben kein sehr freundliches Gesicht. Mein Bart hat mich bei

den Leuten schon verzweifelt viel gekostet, und wenn ich länger hier

bleibe, würde ich mich an die Bequemlichkeit der Kapuziner halten.

Die Leute klagten über Noth und hielten bei hellem Tage durch die ganze

Stadt Faschingsmummereien, daß die Franzosen die Polizeiwache verdoppeln

mußten, damit das Volk einander nur nicht todt trat; so voll waren die

Gassen gepfropft. Da gab es denn possirliche Auftritte, wie in Imola.

Vorzüglich schnakisch sah es aus, wenn eine sehr feine Gesellschaft in

dem höchsten Maskeradenputz vorbeizog, ein wirklicher Ochsenbauer mit

seinen weitgehörnten Thieren, die Weinfässer fuhren, sich eingeschoben

hatte und eine Gruppe zierlicher Abbaten hinter den Fässern hertrollte,

nicht vorbei konnte, mit Ungeduld ihre Blicke nach den Damen schickten,

endlich durchwischten und mit den handfesten Fuhrleuten in ernsthafte

Ellbogenkollision kamen. Das gab dann Leben und Lärm unter den

dichtgedrängten Zuschauern links und rechts. Die armen Leute, welche

über Hunger klagten, warfen doch einander mit Bonbons aller Art; aber

vorzüglich gingen freundschaftliche, zärtliche Kanonaden mit einer

ungeheuren Menge Maizs, den man in Körben als Ammunition zu dieser

Neckerei dort zum Verkauf trug. Mich däucht, man hätte nachher wohl zehn

Scheffel sammeln können. Freilich lesen den andern Tag die Armen auf,

was nicht im Koth zertreten und zerfahren ist; und damit entschuldigt

man das Unwesen. Es ist eine sonderbare, sehr närrisch lustige Art

Almosen auszutheilen.

Die Kaffeehäuser sind hier sehr gut eingerichtet und man trifft daselbst

immer sehr angenehme, unterhaltende Gesellschaft von Fremden und

Einheimischen. Eine sonderbare Erscheinung muß die Belagerung der Stadt

im vorigen Kriege gemacht haben, wo fast alle Nationen von Europa,

Oestreicher, Engländer, Russen, Italiener und Türken gegen die neuen

Gallier schlugen, die sich trotz allen Anstrengungen der Herren doch

darin behaupteten, und die nun bloß durch die gewaltige Frömmigkeit

ihres Machthabers daraus vertrieben werden. Ancona ist gewiß in jeder

Rücksicht einer der interessantesten militärischen Posten an dieser

Seite, und nächst Tarent der wichtigste am ganzen adriatischen Meere.

Bis nach Ancona lautete mein Paß von Wien aus, weil der höfliche

Präsident der italienischen Kanzlei ihn durchaus nicht weiter schreiben

wollte. Aber hier machte man mir gar keine Schwierigkeit mir einen Paß

zu geben, wohin ich nur verlangte. Man war nur meinetwegen besorgt ich

möchte dem Tode entgegengehen. Dawider ließ sich nun freilich kein

mathematischer Beweis führen: ich machte den guten, freundschaftlichen

Leuten aber deutlich, daß meine Art zu reisen am Ende doch wohl noch die

sicherste sey. Wer würde Reichthümer in meinem Reisesacke suchen? Mein

Aufzug war nicht versprechend; und um nichts schlägt man doch nirgends

die Leute todt.

_Rom_, den 2ten März.

Wider meine Absicht bin ich nun hier. Die Leutchen in Ancona legten es

mir so nahe ans Gewissen, daß es Tollkühnheit gewesen wäre, von dort aus

an dem Adria hinunter durch Abruzzo und Kalabrien zu gehen, wie mein

Vorsatz war. Ihre Beschreibungen waren fürchterlich, und im Wirthshause

betete man schon im voraus bei meiner anscheinenden Hartnäckigkeit für

meine arme erschlagene Seele. ^Vous avez bien l'air d'être un peu

François; et tout François est perdu san ressource en Abruzzo. Ce sont

des sauvages sans entrailles^; sagte man mir. Das klang nun freilich

nicht erbaulich, denn ich denke noch manches ehrliche Kartoffelngericht

in meinem Vaterlande zu essen. »^On Vous prendra pour François, et on

Vous coupera la gorge sans pitié^,« hieß es. »^Fort bien^,« sagte ich,

»^ou plutôt bien fort^.« Was war zu thun? Ich machte der traurigen Dame

zu Loretto meinen Besuch, ließ auch meinen Knotenstock von dem Sakristan

mit zur Weihe durch das Allerheiligste tragen, beguckte etwas die

Votiven und die gewaltig vielen Beichtstühle, ließ mir für einige Paoli

ein halbes Dutzend hoch geweihte Rosenkränze anhängen, um einige

gläubige Sünderinnen in meinem Vaterlande damit zu beglückseligen, und

wandelte durch die Apenninen getrost der Tiber zu. Freilich gab es auch

hier keinen Mangel an Mordgeschichten, und in einigen Schluchten der

Berge waren die Arme und Beine der Hingerichteten häufig genug hier und

da zum Denkmal und zur schrecklichsten Warnung an den Ulmen aufgehängt:

aber ich habe die Gabe, zuweilen etwas dümmer und ärmer zu scheinen, als

ich doch wirklich bin; und so bin ich dann glücklich auf dem Kapitol

angelangt.

Die Gegend von Ancona nach Loretto ist herrlich, abwechselnd durch

Thäler und auf Höhen, die alle mit schönem Getreide und Obst und

Oelbäumen besetzt sind; desto schlechter ist der Weg. Es hatte noch

etwas stark Eis gefroren, eine Erscheinung, die mir in der Mitte des

Februars bei Ancona ziemlich auffiel; und als die Sonne kam, vermehrte

die Wärme die Beschwerlichkeit des Weges unerträglich.

Ich war seit Venedig überall so sehr von Bettlern geplagt gewesen, daß

ich auf der Straße den dritten Menschen immer für einen Bettler ansah.

Desto überraschender war mir ein kleiner Irrthum vor Loretto, wo es

vorzüglich von Armen wimmelt. Ein ältlicher, ärmlich gekleideter Mann

stand an einem Brückensteine des Weges vor der Stadt, nahm mit vieler

Deferenz seinen alten Hut ab, sprach etwas ganz leise, das ich, daran

gewöhnt, für eine gewöhnliche Bitte hielt. Ich sah ihn flüchtig an, fand

an seinem Kleide und an seiner Miene, daß er wohl bessere Tage gesehen

haben müsse, und reichte ihm ein kleines Silberstück. Das setzte ihn in

die größte Verlegenheit; sein Gesicht fing an zu glühen, seine Zunge zu

stammeln: er hatte mir nur einen guten Morgen und glückliche Reise

gewünscht. Nun sah ich dem Mann erst etwas näher ins Auge und fand so

viel Bonhommie in seinem ganzen Wesen, daß ich mich über meine

Uebereilung ärgerte. Wahrscheinlich hielten wir beide einander für etwas

ärmer, als wir waren. Du wirst mir zugeben, daß solche Erscheinungen,

die kleine Unannehmlichkeit des augenblicklichen Gefühls abgerechnet,

unserer Humanität sehr wohl thun müssen. Die Gegend um Loretto ist ein

Paradies von Fruchtbarkeit und die Engel müssen ganz gescheidte Leute

gewesen seyn, da sie nun einmal das Häuschen im gelobten Lande nicht

behaupten konnten, daß sie es durch die Luft aus Dalmatien hierher

bugsirt haben. Es steht hier doch wohl etwas besser, als es dort

gestanden haben würde, wo es auch den Ungläubigen, so zu sagen, noch in

den Klauen war. Zwar hatte es den Anschein, als ob der Unglaube auch

hier etwas überhand nehmen wollte und einen dritten Transport nöthig

machen würde; denn die entsetzlichen Franzosen, die doch sonst die

allerchristlichste Nation waren, hatten sich nicht entblödet, der

heiligen Jungfrau offenbar Gewalt anzuthun, worüber die hiesigen Frommen

große Klagelieder und Verwünschungen anstimmen: aber die neue Salbung

des großen Demagogen giebt auf einmal der Sache für die Gottseligkeit

eine andere Wendung. Die Mummerei nimmt wieder ihren Anfang, man macht

Spektakel aller Art, wie ich denn selbst das Idol des Bacchus auf einer

ungeheuern Tonne zum Fasching vor dem heiligen Hause in Pomp auf- und

abführen sah; und man verkauft wieder Indulgenzen nach Noten für alle

Arten von Schurkereien. Es ist überhaupt nicht viel Vernunft in der

Vergebung der Sünden; aber wer diese Art derselben erfunden hat, bleibt

ein Fluch der Menschheit, bis die Spur seiner Lehre getilget ist.

Mit diesen und ähnlichen Gedanken wandelte ich die lange Gasse von

Loretto den Berg hinauf und hinab, durch die schönen Thäler weiter und

immer nach Macerata zu. Links haben die Leute eine herrliche

Wasserleitung angelegt, die das Wasser von Recanati nach Loretto bringt.

Wenn ich überall eine solche Kultur fände, wie von Ancona bis Macerata

und Tolentino, so wollte ich fast den Mönchen ihre Möncherei verzeihen.

In Macerata bewillkommte mich im Thor ein päpstlicher Korporal und nahm

sich polizeimäßig die Freiheit, meinen Paß zu beschauen. Der Mann war

übrigens recht höflich und artig, und schickte mich in ein Wirthshaus

nicht weit vom Thore, wo ich so freundlich und billig behandelt wurde,

daß mir die Leutchen mit ihrem gewaltig starken Glauben durch ihre

Gutmüthigkeit außerordentlich werth wurden. Ich machte mir ein gutes

Feuer von Ulmenreisig und Weinreben, las eine Rhapsodie aus dem Homer

und schlief so ruhig wie in der Nachbarschaft des Leipziger Paulinums.

Es war meine Gewohnheit, des Morgens aus dem Quartier auf gut Glück zum

Frühstück auszugehen, und mich an das erste beste Wirthshaus an der

Straße zu halten. Die Gegend war paradiesisch links und rechts; aber zu

essen fand sich nichts. Hinter Macerata geht der Weg links nach Abruzzo

ab, und ich gerieth in große Versuchung, mich dort hinunter nach Fermo

und Bari zu schlagen. Bloß mein Versprechen in Ancona hielt mich zurück.

Ich bat die guten Bruttier um Verzeihung für mein Mißtrauen und meinen

Unglauben, und wanderte fürbaß. Der Hunger fing an mir ziemlich unbequem

zu werden, als ich rechts am Wege ein ziemlich schmutziges Schild

erblickte und nach einem Frühstück fragte. Da war nichts als Klage über

Brotmangel. Endlich fand sich, da ich viel bat und viel bot, doch noch

Wein und Brot. Das Brot war schlecht, aber der Wein desto besser. Ich

war nüchtern, hatte schon viel Weg gemacht, war warm und trank in großen

Zügen das Rebengeschenk, das wie die Gabe aus Galliens Kampanien perlte

und wie Nektar herunterglitt. Ich trank reichlich, denn ich war durstig,

und als ich die Kaupone verließ, war es, als schwebte ich davon, und als

wäre mir der Geist des Gottes sogar in die Fersen gefahren. So viel

erinnere ich mich, ich machte Verse, die mir in meiner Seligkeit ganz

gut vorkamen. Schade, daß ich nicht Zeit und Stimmung hatte, sie

aufzuschreiben; so würdest Du doch wenigstens sehen, wie mir Lyäus

dichten hilft; denn meine übrige Arbeit ist sehr nüchtern. Die

Feldarbeiter betrachteten mich aufmerksam, wie ich den Weg dahin

schaukelte; und ich glaubte, ich tanzte die Verse ab. Da fragte mich

ganz traulich-pathetisch ein Eseltreiber: »^Volete andare a cavallo,

Signore?^« Ich sah seine Kavallerie an, rieb mir zweifelnd die Augen und

dachte: Sonst macht wohl der Wein die Esel zu Pferden: hat er denn hier

die Pferde zu Eseln gemacht? Aber ich mochte reiben und gucken, so viel

ich wollte, und meine Nase komisch mit dem Hofmannischen Glase

bebrillen, die Erscheinungen blieben Esel; und ich gab auf den

wiederholten Ehrenantrag des Mannes den diktatorischen Bescheid: »^Io

sono pedone e non voglio andare a cavallo sull' asino.^« Die Leute sahen

mich an und der Eseltreiber mit, und lächelten über meinen Gang und

meine Sprache; aber waren so gutartig und lachten nicht. Das waren

urbane Menschenkinder; ich glaube fast, daß im gleichen Falle die

Deutschen gelacht hätten.

In Tolentino gings gut, und ich ließ mich überreden, von hier aus durch

die Apenninen, denen man nichts Gutes zutraut, ein Fuhrwerk zu nehmen,

um nur nicht ganz allein zu seyn. Hier kommt der Chiente den Berg

herunter und ist für Italien ein ganz hübscher Fluß, hat auch etwas

besseres Wasser als die übrigen. Man geht nun einige Tagereisen zwischen

den Bergen immer an dem Flusse hinauf, bis zu seinem Ursprunge bei

Colfiorito, wo er aus einem See kommt, in welchem sich das Wasser rund

umher aus den höchsten Spitzen der Apenninen sammelt. Ich hatte einen

Wagen gemiethet, aber der Wirth als Vermiether kam mit der

Entschuldigung, es sei jetzt eben keiner zu finden; ich müsse zwei

Stunden warten. Das war nun nicht erbaulich. Aergerniß hätte mich aber

nur mehr aufgehalten; ich faßte also Geduld und ließ mich mit meinem

Tornister auf einen Maulesel schroten; mein Führer setzte sich, als wir

zur Stadt hinaus waren, auf die Kruppe, und so trabten wir italienisch

immer in den Schluchten hinauf. Diese wurden bald ziemlich enge und

wild, und hier und da aufgehangene Menschenknochen machten eben nicht

die beste Idylle. Ich blieb auf einer Station, deren Namen ich vergessen

habe, nicht weit von dem alten Kamerinum, dessen Livius im punischen

Kriege sehr ehrenvoll erwähnt. Hier pflegte man mich sehr gastfreundlich

und ich erhielt den bedungenen Wagen nach Foligno. Serravalle ist ein

großes langes Dorf, in einer engen, furchtbaren Bergschlucht am Fluß,

nicht weit von der größten Höhe des Apennins; und ich wunderte mich, daß

man hier so gut und so wohlfeil zu essen fand. Von dem See bei

Colfiorito, einem Kessel in den höchsten Bergwänden, geht es bald auf

der andern Seite aufwärts, und der Weg windet sich sehr wildromantisch

in einer Felsenschnecke hinunter. Case Nuove ist ein armes Oertchen am

Abhange des Berges, fast eben so zwischen Felsen wie Serravalle auf der

andern Seite. Die Leute hier verstehen sich sehr gut zu nähren, indem

sie die Sympathie der Reisenden in Anspruch nehmen. Sie übertheuern den

Fremden nicht, sondern wenden sich bei der Bezahlung mit rührender

Ergebung an seine Großmuth. Wenn man nun einen Blick auf die hohen,

furchtbaren nackten Felsen rund um sich her wirft -- man müßte keine

Seele haben, wenn man nicht etwas tiefer in die Tasche griffe und den

gutmüthigen Menschen leben hälfe.

Von Case Nuove nach Foligno ist eine Partie, wie es vielleicht in ganz

Italien nur wenige giebt, so schön und romantisch ist sie. Man erhebt

sich wieder auf eine ansehnliche Höhe des Apennins, und hat über eine

sehr reiche Gegend eine der größten Aussichten. Unten rechts, tief in

der Schlucht, sind in einem sich nach und nach erweiternden Thale die

Papiermühlen des Papstes angelegt, die zu den besten in Italien gehören

sollen. Oben sind die Berge kahl, zeigen dann nach und nach Gesträuche,

geben dann Oelbäume und haben am Fuße üppige Weingärten. Hier sah ich,

glaube ich, zuerst die perennirende Eiche, die in Rom eine der ersten

Zierden des Borghesischen Gartens ist. Auf der Höhe des Weges soll man

hier, wenn das Wetter rein und hell ist, bis nach Assisi und Perugia an

dem alten Thrasymen sehen können. Ich war nicht so glücklich; es war

ziemlich umwölkt: aber es war auch so schon ein herrlicher Anblick. Wer

nur ein Kerl wäre, der etwas Ordentliches gelernt hätte! Hier komme ich

nun schon in das Land, wo kein Stein ohne Namen ist. Mit magischen

Wolken überzogen liegt das alte, finstere Foligno unten im Thale, wo der

Segen Hesperiens ruht. Rechts und links liegen Anhöhen mit Gebäuden, die

gewiß in der Vorzeit alle merkwürdig waren. Links hinunter weideten

ehemals die vom Klitumnus weiß gefärbten Stiere, welche die

Weltbeherrscher zu ihren Opfern in die Hauptstadt holten; und tief, tief

weiter hinab liegt in einer Bergschlucht das alte Spoleto, vor dessen

Thoren das vom Thrasymen siegreich herabstürzende Heer Hannibals zum

ersten Mal von einer Munizipalstadt fürchterlich zurückgeschlagen wurde.

In und bei Foligno ist artistisch nicht viel zu sehen, nachdem die neuen

Gallier das schöne Madonnenbild mitgenommen haben. Die Kathedralkirche

wird jetzt ausgebessert und mich däucht, mit Geschmack. Man hatte mich

in die Post einquartirt, wo man mich zwar ziemlich gut bewirthete, aber

ungeheuer bezahlen ließ. Eine Bewirthung, für die ich den vorigen Abend

auch auf der Post oben in den Apenninen sieben Paoli gezahlt hatte,

mußte ich hier in dem Lande des Segens mit sechszehn bezahlen. Man

wollte mich überdieß mit Gewalt zu Wagen weiter spediren, und da

ich dieß durchaus nicht einging, sollte ich wenigstens ein

Empfehlungsschreiben meines freundlichen Bewirthers nach Spoleto an

einen seiner guten Freunde haben. Natürlich, daß ich auch dafür dankte;

denn er hatte mir vorher durch sich selbst seine guten Freunde nicht

sonderlich empfohlen. Sobald als der Morgen graute nahm ich also mein

Bündel und wandelte immer wieder im Thale hinauf nach Hannibals

Kopfstoß. Hier kam ich bei den berühmten Quellen des Klitumnus vorbei,

die jetzt von den Eselstreibern und Waschweibern gewissenlos entweiht

werden, ob sie gleich noch eben so schön sind als vormals, als Plinius

so enthusiastisch davon sprach. Große Haine und viele Tempel giebt es

freilich nicht mehr hier; aber die Gegend ist allerliebst und ich stieg

emsig hinab und trank durstig mit groben Zügen aus der stärksten Quelle,

als ob es Hippokrene gewesen wäre. Hier und da standen noch ziemlich

hohe Cypressen, die ehemals in der Gegend berühmt gewesen seyn sollen.

Vorzüglich sah es aus, als ob Athene und Lyäus ihre Geschenke hier in

ihrem Heiligthume niedergelegt hätten. Es sollen in den Weinbergen noch

einige Trümmer alter Tempel seyn; ich suchte sie aber nicht auf. Als ich

so dort mich auf den jungen Rasen sonnte, setzte sich ein stattlich

gekleideter Jäger zu mir, lenkte das Gespräch sehr bald auf Politik, zog

einige Zeitungsblätter aus der Tasche und wollte nun von mir wissen, wie

man nach dem Frieden die endliche Ausgleichung machen würde, und wie

besonders der heilige Sitz und die geistlichen Churfürsten dabei bedacht

werden sollten. Daran hatte ich nun mit keiner Sylbe gedacht, und sagte

ihm ganz offenherzig, das überließe ich denen, ^quorum interesset^.

Ich bin nicht gern bei solchen Ausgleichungsprojekten; denn es ist fast

immer etwas Empörendes dabei. Ein Beispielchen will ich Dir davon

erzählen. Du kannst Dir nichts Anmaßlicheres, Verwegneres,

Hohnsprechenderes, Impertinenteres denken, als den russischen

Nationalgeist; nicht den des Volks, sondern der hoffnungsvollen

Sprößlinge der großen Familien, die die nächste Anwartschaft auf Aemter

im Civil und bei der Armee haben. Einer dieser Herren, der nur wenig

seinen Kameraden vorging, äußerte in Warschau öffentlich im Vorzimmer,

er hoffe wohl noch russischer Gouverneur in Dresden zu werden und zu

bleiben. Die Frage war eben, wie man Oestreich über die zweite Theilung

in Polen zufrieden stellen wolle? Der Neffe des Gesandten, der doch

Major bei der Armee und also kein Troßbube war, meinte ganz naiv und

unbefangen, da gäbe es noch Churfürsten und Fürsten genug zu spoliiren.

Dein Freund stand bei den Excellenzen, deren einige durchaus die

moralische Antiphrase ihres Titels waren, und kehrte sich trocken weg

und sagte: »Das ist wenigstens der richtige Ausdruck: So geht es hier

und da.«

Der Jäger verließ mich nach einem halben Stündchen Kosen, und ich

verließ den Klitumnus. In Spoleto ging ich ohne Schwierigkeit gerade

durch das Thor hinein, durch welches Hannibal, laut der Nachrichten,

nicht gehen konnte. Fast hätte ich nun Ursache gehabt zu bedauern, daß

ich das Empfehlungsschreiben des billigen Mannes in Foligno nicht

angenommen hatte; denn ich lief in dem Neste wohl eine halbe Stunde

herum, ehe ich ein leidliches Gasthaus finden konnte. Endlich führte man

mich doch in eins, wo man für den dritten Theil der gestrigen Zeche eben

so gut bewirthete. Es ist ein großes, altes, dunkles, häßliches,

jämmerliches Loch, das Spoleto; ich möchte lieber Küster Klimm zu Bergen

in Norwegen seyn, als Erzbischof zu Spoleto. Die Leute hier, denen ich

ins Auge guckte, sahen alle aus wie das böse Gewissen; und nur mein

Wirth mit seiner Familie schien eine Ausnahme zu machen. Deßwegen habe

ich mich auch keinen Deut um ihre Alterthümer bekümmert, deren hier noch

eine ziemliche Menge seyn sollen. Aber alles ist Trümmer; und Trümmern

überhaupt, und zumal in Spoleto, und überdieß in so entsetzlichem

Nebelwetter, geben eben keine schöne Unterhaltung. Ueber dem Thore, das

man Hannibals Thor nennt, stehen die Worte in Marmor:

^_HANNIBAL_ CAESIS AD THRASYMENUM ROMANIS INFESTO AGMINE URBEM ROMAM

PETENS AD SPOLETUM MAGNA STRAGE SUORUM REPULSUS INSIGNE PORTAE NOMEN

FECIT.^

So ist die Ueberschrift. Ich weiß nicht, ob es die Worte des Livius

sind; mich däucht, bei diesem lautet es etwas anders. Die Sache hat

indeß nach den alten Schriftstellern ihre Richtigkeit; nur weiß ich

nicht, ob es eben dieses Thor seyn möchte: denn wie vielen Veränderungen

ist die Stadt nicht seit den punischen Kriegen unterworfen gewesen! Doch

ist es eben das Thor, durch das der Weg von Perugia geht. Der Marmor

scheint ziemlich neu zu seyn. Jetzt dürfte sich wohl schwerlich ein

französisches Bataillon zurückwerfen lassen.

Ich Idiot glaubte, als ich in Foligno angekommen war, ich sei nun den

Apennin durchwandelt: aber das ganze Thal von Klitumnus mit den Städten

Foligno und Spoleto liegt in den Bergen. Von Spoleto bis Terni ist der

furchtbarste Theil desselben: und hier war ich wieder zu Fuße ganz

allein. Den Morgen als ich Spoleto verließ, sah ich links an dem Felsen

noch das alte gothische Schloß, wo sich wackere Kerle vielleicht noch

einige Stunden um die Stadt schlagen können, ging vor den sonderbaren

Anachoreten vorbei und immer die wilde Bergschlucht hinauf. Wo ich

einkehrte, unterhielt man mich überall mit Räubergeschichten und

Mordthaten, um mir einen Maulesel mit seinem Führer aufzuschwatzen: aber

ich war nun einmal hartnäckig und lief trotzig allein meinen Weg immer

vorwärts. Oben auf dem Berge soll der ^Jupiter Summanus^ einen Tempel

gehabt haben. Es ist wohl nur von Rom aus nach Umbrien der höchste Berg;

denn sonst giebt es in der Kette viel höhere Partien. Der Weg aufwärts

von Spoleto ist noch nicht so wild und furchtbar, als der Weg abwärts

und weiter nach Terni. Das Thal abwärts ist zuweilen kaum hundert

Schritte breit; rechts und links sind hohe Felsenberge, zwischen welche

den ganzen Tag nur wenig Sonne kommt, mit Schluchten und Waldströmen

durchbrochen. Dörfer trifft man auf dem ganzen Wege nicht, als auf der

Spitze des Berges nur einige Häuser und ein halbes Dutzend in Strettura,

dessen Name schon einen engen Paß anzeigt. Hier und da sind noch einige

isolirte Wohnungen, die eben nicht freundlich aussehen, und viele alte,

verlassene Gebäude, die ziemlich den Anblick von Räuberhöhlen tragen.

Fast nichts ist bebaut. Die meisten Berge sind bis zu einer großen Höhe

mit finstern, wilden Lorbeerbüschen bewachsen, die vielleicht eine

Bravobande zu ihren Siegeszeichen brauchen könnte. Ich gestehe Dir, es

war mir sehr wohl, als sich einige italienische Meilen vor Terni das

Thal wieder weiterte und ich mich wieder etwas zu Tage gefördert sah und

unter mir schöne, friedliche Oelwälder erblickte, unter denen der junge

Weitzen grünte. Das Thal der Nera öffnete sich und es lag wieder ein

Paradies vor mir. Hohe Cypressen ragten hier und da in den Gärten an den

Felsenklüften empor, und der Frühling schien in den ersten Gewächsen des

Jahres mit wohlthätiger Gewalt zu arbeiten.

Vorgestern kam ich auf meiner Reise hierher in Terni an. Mein Wirth, ein

Tyroler, und stolz auf die Ehre, ein Deutscher zu seyn, fütterte mich

auf gut österreichisch recht stattlich, und setzte mir zuletzt ein

Gericht Sepien vor, die mir zum Anfange viel besser geschmeckt hätten.

Er mochte mich für einen Maler halten und glauben, daß dieses zur Weihe

gehöre. Zum Desert und zur Delikatesse kann ich den Dintenfisch, nach

dem Urtheil meines Gaumens, nicht empfehlen; schon seine schwarzbraune

Farbe ist in der Schüssel eben nicht ästhetisch. Nachdem ich gespeist,

Interamner Wein getrunken und meinen Reisesack gehörig in Ordnung gelegt

hatte, trollte ich fort nach dem Sonnentempel, nämlich der jetzigen

Diminutivkirche des heiligen Erlösers. Sie war verschlossen, ich ließ

mich aber nicht abweisen und ging zum Sakristan, der weiter keine Notiz

von mir nahm, bei seiner Schüssel und seinem Buche unbeweglich sitzen

blieb und mich durch eine alte Sara in die Kirche weisen ließ. Der Mann

hatte in seinem Sinne recht; denn er dachte ohne Zweifel: Der da kommt

weder mir noch meiner Kirche zu Ehren, sondern bloß der heidnischen

Sonne sein Kompliment zu machen. Richtig. Die Leute haben bekanntlich

das Tempelchen wie wahre Obskuranten behandelt und dafür gesorgt, daß in

dem Sonnentempel keine Sonne mehr scheinen kann. Alle Eingänge sind

vermauert und zu Nischen gemacht, in deren jeder ein Heiliger für

Italien schlecht genug gepinselt ist; und über dem Altare steht ein

Sankt Salvator, der seinen Verfertiger auch nicht aus dem Fegefeuer

erlösen wird.

Nun stieg ich, ob ich gleich diesen Tag schon durch vier Meilen

Appenninen von Spoleto herüber gekommen war, noch eine deutsche Meile

lang den hohen Steinweg zu dem Falle des Velino hinauf. Das war

Belohnung. Der Tag war herrlich; kein Wölkchen, und es wehte ein lauer

Wind, der nur in der Gegend des Sturzes etwas kühl ward. Die Sonne stand

schon etwas tief und bildete aus der furchtbaren Schlucht der Nera hoch

in der Atmosphäre einen ganzen hellen, herrlich glühenden und einen

größern dunklen Bogen im Staube des Falles. Ich saß gegenüber auf dem

Felsen, und vergaß einige Minuten alles, was die Welt sonst Großes und

Schönes haben mag. Etwas Größeres und Schöneres von Menschenhänden hat

sie schwerlich aufzuweisen. Folgendes war halb Gedanke, halb Gefühl, als

ich wieder bei mir selbst war.

Hier hat vielleicht der große Mann gesessen,

Und dem Entwurfe nachgedacht,

Der seinen Namen ewig macht;

Hat hier das Riesenwerk gemessen,

Das größte, welches je des Menschen Geist vollbracht,

Es war ein göttlicher Gedanke,

Und staunend steht die kleine Nachwelt da

An ihres Wirkens enger Schranke,

Und glaubet kaum, daß es geschah.

Wie schwebte mit dem Regenbogen,

Als durch die tiefe Marmorkluft

Hinab die ersten Donnerwogen

Wild schäumend in den Abgrund flogen,

Des Mannes Seele durch die Luft!

So eine selige Minute

Wiegt einen ganzen Lebenslauf

Alltäglichen Genusses auf;

Sie knüpft das Große an das Gute.

Es schlachte nun der zürnende Pelide

Die Opfer um des Freundes Grab;

Es zehre sich der Philippide,

Sein Afterbild, vor Schelsucht ab!

Es weine Cäsar, stolz und eitel,

Nach einem Lorbeerkranz um seine kahle Scheitel;

Es mache sich Oktavian,

Das Muster schleichender Tyrannen,

Die je für Sklaverei auf schöne Namen sannen,

Mit Schlangenlist den Erdball unterthan;

Die Motten zehren an dem Rufe,

Den ihre Ohnmacht sich erwarb,

Und jedes Säkulum verdarb

An ihrem Tempel eine Stufe.

Hier steigt die Glorie im Streit der Elemente,

Und segnend färbt der Sonnenstrahl

Des Mannes Monument im Thal,

Wo sanft der Oelbaum nickt, und hoch am Firmamente,

Das Feuer glüht mir durch das Rückenmark,

Und hoch schlägt's links mir in der Seite stark;

Wer so ein Schöpfer werden könnte!

Oben am Sturz rund um das Felsenbette ist zwischen den hohen Bergen

ungefähr eine kleine Stunde im Umkreise eine schöne Ebene, die voll

umgehauener Oelbäume und Weinstöcke steht. Ich wollte schon den

Päpstlern über das Sakrilegium an der Natur fluchen, als ich hörte,

dieses sei im letzten Kriege eine Lagerstätte der Neapolitaner gewesen.

Sie schlugen hier Anfangs die Franzosen durch den alten Felsenberg

hinunter, und ich begreife nicht, wie sie mit gewöhnlicher Besinnung es

wagen konnten, sie weiter zu verfolgen. Sie gingen in das Manöver und

bezahlten für ihre Kurzsichtigkeit unten sehr theuer. Es ist traurig für

die Humanität, daß man sich mit Tigerwuth sogar unter den Zweigen des

friedlichen Oelbaums schlägt. So sehr ich zuweilen der Härte

beschuldiget werde, ein Oelbaum und ein Weizenfeld würde mir immer ein

Heiligthum seyn; und ich könnte mich gleich zur Kartätsche gegen

denjenigen stellen, der beides zerstört. Die Sonne ging unter, als ich

den schönen Olivenwald herabkam, und kaum konnte ich unter den

Weinstöcken noch einige Veilchen und Hyacinthen pflücken, die dort ohne

Pflege blühen.

Es war zu spät, noch die Reste des Theaters in dem Garten des Bischofs

zu sehen, und den andern Morgen wanderte ich nach Narni. Die Gegend von

Narni aus an der Nera hinunter ist furchtbar schön. Die Brücke bei

Borghetto über die Tiber ist zwar ein sehr braves Stück Arbeit, aber als

Monument für drei Päpste immer sehr kleinlich, wenn man sie nur gegen

die Reste des alten ^ponte rotto^ bei Narni über die Nera hält. Das sind

doch noch Triumphbogen, die Sinn haben, diese Brücke und der Trajanische

bei Ancona. Der schönste ist wohl der Wasserfall des Velino, der oben

für die ganze Gegend von Rieti schon über zweitausend Jahre eine

Wohlthat ist, weil er sie vor Ueberschwemmung schützt. Ich bekenne, daß

ich für zwecklose Pracht, wenn es auch Riesenwerke wären, keine

sonderliche Stimmung habe.

Eine halbe Stunde von Narni läßt man die Nera rechts und der Weg geht

links auf der Anhöhe fort, immer noch wild genug, aber doch nicht so

grauenvoll, wie zwischen Spoleto und Terni. Das Interamner Thal, das man

hier bei Narni zuletzt in seiner ganzen Ausdehnung an der Nera hinauf

übersieht, stand bei den Alten billig in großem Ansehen, und ist noch

jetzt bei aller Vernachlässigung der Kultur ein sehr schöner Strich

zwischen dem Ciminus und dem Apennin. In Otricoli, einem alten

schmutzigen Orte nicht sehr weit von der Tiber, wo ich gegen Abend

ankam, lud man mich gleich vor dem Thore höflich in ein Wirthshaus, und

ich trug kein Bedenken meinen Sack abzuwerfen und mich zu den Leutchen

an das Feuer zu pflanzen. Es hatte freilich keine sonderlich gute Miene;

aber ich hätte vielleicht Gefahr gelaufen, im Städtchen selbst ein

schlechteres oder gar keins zu finden und den Weg zurück zu machen, wo

ich dann nicht so willkommen gewesen wäre. Kaum hatte ich einige Minuten

ziemlich stumm dort gesessen, als ein ganz gut gekleideter Mann sich

neben mich setzte und mir mit einigen allgemeinen theilnehmenden

Erkundigungen Rede abzugewinnen suchte. Er war ein starker, heißer

Politiker, und, wie sehr natürlich, mit der Lage der Dinge und

vorzüglich mit den allerneuesten Veränderungen nicht sonderlich

zufrieden, und meinte weislich, die Sachen könnten so keinen Bestand

haben. Sein Ansehen versprach eben keinen ausgezeichneten Stand, und

doch war er einer der gescheidtesten, bewandertsten Männer, die ich noch

auf meiner Wanderung in Italien von seiner Nation gesehen habe.

Orthodoxie in Kirche und Staat schien seine Sache nicht zu seyn; und er

mußte etwas Zutrauen zu meinem Gesichtsentwurf gewonnen haben, daß er

mich ohne Zurückhaltung so tief in seine Seele sehen ließ. Er kannte die

heutigen Staatsverhältnisse ungewöhnlich gut und war in der alten

Geschichte ziemlich zu Hause. Der alte Römerstolz schien noch tief in

seinem Innern zu sitzen. Er sprach skoptisch vom Papste und schlecht von

den Franzosen; besonders hatte sein Haß den General Murat recht herzlich

gefaßt, von dessen schaamlosen Erpressungen er zähneknirschend sprach,

und der schon durch seinen Mameluckennamen allen Kredit bei ihm verloren

hatte. Dieser Otricolaner war seit langer Zeit der erste Mann, der

meinen Spaziergang richtig begriff, und meinte, daß sein Vaterland auch

jetzt noch ihn verdiene, so tief es auch gesunken sei. Wir schüttelten

einander freundschaftlich die Hände, und ich ging mit der folgenden

Morgendämmerung den Berg hinunter, neben den Ruinen der alten Stadt

vorbei, auf die Tiber zu.

Bis jetzt war es Vergnügen gewesen auch im Kirchenstaate zu reisen.

Jenseits der Berge vor und hinter Ancona, bei Foligno und Spoleto und

Terni und Narni war die Kultur doch noch reich und schön, und in den

Bergen waren die Scenen romantisch groß und zuweilen erhaben und

furchtbar. Man vergaß leicht die Gefahr, die sich finden konnte. Von der

Tiber und Borghetto an wird Alles wüst und öde. Die Bevölkerung wird

immer dünner und die Kultur mit jedem Schritte nachlässiger. Civita

Castellana gilt für das alte Falerii der Falisker, wo der Schurke von

Schulmeister seine Zöglinge ins feindliche Lager spazieren führte und

vom Kamill so brav unter den Ruthenstreichen der Jungen zurückgeschickt

wurde. Es ist angenehm genug, nach einer eingebildeten, militärischen

Topographie sich hier den wirklich schönen Zug als gegenwärtig

vorzustellen. Die Lage entspricht ganz der Idee, welche die Geschichte

davon giebt. Der Ort ist rund umher mit Felsen umgeben, die von Natur

unzugänglich sind. Der Anblick flößte mir gleich Respekt ein, und ohne

an Cluver zu denken, der, wie ich glaube, es ziemlich sicher erwiesen

hat, setzte ich sogleich eigenmächtig die alte Festung hierher. Von

Borghetto her führt eine alte Brücke über eine wilde, romantische

Felsenschlucht, und nach Nepi und Rom zu hat Pius der Sechste eine neue

Brücke gebaut, welche das Beste ist, was ich noch von ihm gesehen habe.

Es ist übrigens gar erbaulich, in welchem pompösen Styl diese Dinge in

Aufschriften erzählt werden: solche ^ampullae et sesquipedalia verba^

scheinen recht in der Seele der heutigen Römlinge zu liegen. Die alten

Römer thaten und ließen reden, und diese reden und lassen thun. Ich habe

auf meinem Wege von Ancona hierher viele erhabene Ehrenbogen gefunden,

welche in einer angeschwollenen Sprache weiter nichts sagten, als daß

Pius der Sechste hier gewesen war und vielleicht ein Frühstück

eingenommen hatte. Diese Bogenspanner verdienten einen solchen

Herrscher. Von Civita Castellana aus trennt sich die Straße; die alte

flaminische geht über Rignano, Malborghetto und Primaporta nach der

Stadt, und die neue von Pius dem Sechsten über Nepi und Monterosi, wo

sie in die Straße von Florenz fällt. Ich dachte mit dem alten

Sprichwort: »Nun gehen alle Straßen nach Rom;« und hielt mich halb

unwillkührlich rechts zu dem neuen Papst. Der alte Weg kann wohl nicht

viel schlimmer seyn, als ich den neuen fand. Doch von Wegen darf ich mit

meinen Landsleuten nicht sprechen; die sind wohl selten in einem andern

Lande schlimmer und gewissenloser vernachlässigt, als bei uns in

Sachsen.

Erlaube mir über die Straßen im Allgemeinen eine kleine vielleicht nicht

überflüssige Expektoration! Es ist empörend, wenn dem Reisenden Geleite

und Wegegeld abgefordert wird und er sich kaum aus dem Koth herauswinden

kann, um dieses Geld zu bezahlen. Die Straßen sind einer der ersten

Polizeiartikel, an den man fast überall zuletzt denkt. Geleite und

Wegegeld und Postregal haben durchaus keinen Sinn, wenn daraus nicht für

den Fürsten die Verbindlichkeit entspringt, für die Straßen zu sorgen;

und die Unterthanen sind nur dann zum Zuschuß verpflichtet, wenn jene

Einkünfte nicht hinreichen. Denn der Staat hat unbezweifelt die

Befugniß, die Natur und Zweckmäßigkeit und den gesetzlichen Gebrauch

aller Regalien zu untersuchen, wenn es nothwendig ist, und auf

rechtliche Verwendung derselben zu dringen. Das ergiebt sich aus dem

Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, wenn gleich nichts davon im

Justinianischen Rechte steht, welches überhaupt als ^jus publicum^ das

traurigste ist, das die Vernunft ersinnen konnte, so sehr es auch ein

Meisterwerk des bürgerlichen seyn mag. Bei den Straßen tritt noch eine

Hauptvernachlässigung ein, ohne deren Abstellung man durchaus auch mit

großen Summen und anhaltender Arbeit nicht glücklich seyn wird. Ich

meine, man sucht nicht mit Strenge das schädliche Spurfahren zu

verhüten. Es ist so gut, als ob keine Verfügungen deswegen vorhanden

wären, so wenig wird darauf gesehen. Es ist mathematisch zu beweisen,

daß die Gewohnheit des Spurfahrens, zumal der schweren Wagen, die beste,

festeste Chaussee in kurzer Zeit durchaus verderben muß. Ist einmal der

Einschnitt gemacht, so mag man schlagen und ausfüllen und klopfen und

rammeln, so viel man will, man gewinnt nie wieder die vorige Festigkeit;

die ersten Wagen fahren das Gleis wieder aus, und machen das Uebel

ärger. Fängt man an ein zweites Gleis zu machen, so ist dieses bald eben

so ausgeleiert; und so geht es nach und nach mit mehrern, bis die ganze

Straße ohne Hülfe zu Grunde gerichtet ist. Wenn aber der Weg nur

einigermaßen in Ordnung ist und durchaus kein Wagen die Spur des

vorhergehenden hält, so kann kein Gleis und kein Einschnitt entstehen;

sondern jedes Rad versieht, so zu sagen, die Stelle eines Rammels und

hilft durch die beständige Veränderung des Drucks die Straße bessern.

Man würde eben so sehr endlich den Weg verderben, wenn man ohne Unterlaß

mit dem Rammel beständig auf die nämliche Stelle schlagen wollte. Durch

das Nichtspurfahren verändern auch die Pferde beständig ihre Tritte, und

das Nämliche gilt sodann von den Hufen der Thiere, was von den Rädern

des Fuhrwerks gilt. Fast durchaus habe ich den Schaden dieser bösen

Gewohnheit gesehen, und nur im Hannöverischen hat man, so viel ich mich

erinnere, strengere Maßregeln genommen, ihn zu verhüten. Aber ich muß

machen, daß ich nach Rom komme.

Die Italiener müssen denn doch auch zuweilen ein sehr richtiges Auge

haben. Zwei etwas stattlichere Spaziergänger, als ich, begegneten mir

mit ihren großen Knotenstöcken bei Nepi, vermuthlich um ihre Felder zu

besehen, auf denen nicht viel gearbeitet wurde. »^Signore è Tedesco e va

a Roma!^« sagte mir einer der Herren sehr freundlich. Die Deutschen

müssen häufig diese Straße machen; denn ich hatte noch keine Sylbe

gesprochen, um mich durch den Accent zu verrathen. Sie riethen mir, ja

nicht in Nepi zu bleiben, sondern noch nach Monterosi zu gehen, wo ich

es gut haben würde. Ich dankte und versprach es. Es ist sehr angenehm,

wenn man sich bei dem ersten Anblick so ziemlich gewiß in einer fremden

Gegend orientiren kann. Nach meiner Rechnung mußte der mir links

liegende Berg durchaus der ^Soracte^ seyn, obgleich kein Schnee darauf

lag; und es fand sich so. Jetzt gehört er dem heiligen Sylvester, dessen

Namen er auch trägt; doch hat sich die alte Benennung noch nicht

verloren, denn man nennt ihn noch hier und da Soratte. Nun ärgerte es

mich, daß ich nicht links die alte flaminische Straße gehalten hatte;

dann hätte ich den Herrn Soratte, der sich schon von weitem ganz artig

macht, etwas näher gesehen, und wäre immer längs der Tiber hinunter

gewandelt. Der Berg steht von dieser Seite ganz isolirt; das wußte ich

aus Anmerkungen über den Horaz, und deßwegen erkannte ich ihn sogleich,

da mir seine Entfernung von Rom bekannt war. Hinten schließt er sich

durch eine Kette von Hügeln an den Apennin. Der Berg ist zwar ziemlich

hoch, aber gegen die Apenninen selbst hinter ihm doch nur ein Zwerg. Ich

will mir doch einmal ein recht schulmeisterlich hermenevtisches Ansehen

geben, und Dir hierbei eine pragmatische Bemerkung machen. Vielleicht

weißt Du sie schon: thut nichts; eine gute Sache kann man zweimal hören.

Du darfst von dem hohen Schnee des Horaz nicht eben auf die Höhe des

Berges schließen. Der Sorakte hat, weil er mit der großen Bergkette der

Apenninen verglichen, doch nicht außerordentlich hoch ist und tiefer

herab in der Ebene liegt, nur selten Schnee; und Herr Horaz wollte durch

seinen Schnee den ziemlich starken Winter anzeigen, wo man wohl thäte,

Kastanien zu braten und sich zum Kamin und Becher zu halten. Das finde

ich denn ganz vernünftig. Vielleicht war er eben damals in Tibur, wo er

von Mäcens Landgute bloß die Spitze des beschneiten Sorakte sehr

malerisch gruppirt vor sich hatte. Uebrigens thue ich dem Horaz keine

kleine Ehre, daß ich mich mit einem seiner Verse so lange beschäftige;

denn er ist durch seine Sinnesart mein Mann gar nicht, und es ist

schade, daß die Musen gerade an ihn so viel verschwendet haben.

Nepi könnte ein herrlicher Ort seyn, wenn die Leute hier etwas fleißiger

seyn wollten: aber je näher man Rom kommt, desto deutlicher spürt man

die Folgen des päpstlichen Segens, die durchaus wie Fluch aussehen.

Hinter Monterosi packte mich ein Vetturino, der von Viterbo kam und nach

Rom ging, mit solchem Ungestüm an, daß ich mich nothwendig in seinen

Wagen setzen mußte, wo ich einen stattlich gekleideten Herrn fand, der

eine todte Ziege und einen Korb voll anderer Viktualien neben sich

hatte. Die Ziege wurde eingepackt und der Korb beiseite gesetzt; ich

legte meinen Tornister zu meinen Füßen gehörig in Ordnung, und pflanzte

mich Barbaren neben den zierlichen Römer. Er belugte mich stark und ich

ihn nur obenhin; nach einigen Minuten fing das Gespräch an; und ich

schwatzte so gut ich in der neuen römischen Zunge konnte. Das ewige

Thema waren leider wieder Mordgeschichten, und der Herr guckte jede

Minute zum Schlage hinaus, ob er keine Pistolenholfter sähe. Ganz

spaßhaft ist es freilich nicht, wie ich nachher erfahren habe: aber eine

solche Furcht ist doch sehr possirlich und lächerlich. Diese Angst hielt

bei dem Mann an, bis wir an die Geierbrücke von Rom kamen, wo er sich

nach und nach wieder erholte. Am Volksthore, denn durch dieses fuhren

wir ein, fragten die päpstlichen Patrontaschen nach meinem Passe und

brachten ihn sogleich zurück mit der Bitte: »^Qualche cosa della grazia

pella guardia!^« So so; das fängt gut an: ich mußte wohl einige Paoli

herausrücken. Da hielten wir nun vor dem großen Obelisken und ich

überlegte, nach welcher von den drei großen Straßen ich auf gut Glück

hinunter gehen sollte. Eben hatte ich meinen Gesichtspunkt in die Mitte

hinab durch den Corso genommen und wollte aussteigen, als mein Kamerad

mich fragte, wo ich wohnen würde? »Das weiß ich nicht,« sagte ich; »ich

muß ein Wirthshaus suchen.« Er bot mir an, mich mit in sein Haus zu

nehmen. Er habe zwar kein Wirthshaus, ich solle es aber bei ihm so gut

finden, als es Gefälligkeit machen könne. Ich sah dem Manne näher ins

Auge und las wenigstens keine Schurkerei darin, dachte, hier oder da ist

einerlei, setzte mich wieder nieder und ließ mich mit fortziehen. Man

brachte mich, dem heiligen Franziskus mit den Stigmen gegenüber, in den

Palast Strozzi, wo mein Wirth eine Art von Haushofmeister zu seyn

scheint.

_Rom._

So bin ich denn unwidersprechlich hier an der gelben Tiber, und zwar in

keinem der letzten Häuser. Man hat hier im Hause viel Höflichkeit für

mich, und mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb ist: denn ich merke, daß ich

viel theurer leben werde, als in irgend einem Wirthshause; wie mir meine

Landsleute, die den römischen Rommel etwas verstehen, auch schon erklärt

haben. Ich habe meine Addressen aufgesucht. Uhden und Fernow empfingen

mich mit Humanität und freundschaftlicher Wärme. Du kennst die Männer

aus ihren Arbeiten, welche gut sind; aber sie selbst sind noch besser,

welches nicht immer der Fall bei literärischen Männern ist. Ich bin also

schon kein Fremdling mehr am Kapitole. Auch den selbstständigen,

originellen und etwas barocken Reinhart sah ich gleich den zweiten Tag,

und mehrere andere deutsche Künstler. Gmelin ist ein lebhafter,

jovialischer Mann, der nicht umsonst die Welt gesehn hat, und der eine

eigene Gabe besitzt, im Deutschen und Französischen mit der lebendigsten

Mimik zu erzählen.

Der Kardinal Borgia, an den ich einen Brief hatte, nahm mich mit vieler

Freundlichkeit auf. Ein Anderer würde in seinem Stil Herablassung sagen;

nach meinem Begriff läßt sich kein Mensch herab, wenn er mit Menschen

spricht: und wenn irgend ein sogenannter Großer in seinem Charakter noch

Herablassung nöthig hat, so steht er noch lange nicht auf dem rechten

Punkte. Ich war genöthigt meine Anrede französisch zu machen, da ich mir

im Italienischen nicht Wendung genug zutraute, mit einem solchen Manne

eine zusammenhängende Unterredung zu halten. Er antwortete mir in der

nämlichen Sprache; aber kaum hörte er, daß ich Latein wußte, so fuhr er,

für einen Kardinal drollig genug, lateinisch fort, dieser Sprache das

Lob zu reden, durch welche die Nationen so fest zusammenhangen. ^Haec

est illa lingua^, setzte er hinzu, ^quae nobis peperit Livios atque

Virgilios^. ^Et Tiberios et Nerones^, hätte ich fast durch die Zähne

gemurmelt. Ein Wort gab das andere, ich mußte ihm einiges von meiner

Kriegswanderung nach Amerika erzählen und von meinem Wesen in Polen, und

der alte Herr fiel mir mit vieler Gutmüthigkeit um den Hals, und faßte

mich im Ausbruch der Jovialität nicht allein beim Kopf, sondern sogar

bei den Ohren. Ein alter militärischer General Sr. Heiligkeit stand

dabei, und es wurde ein herzliches Trio gelacht, in das ich so

bescheiden als möglich mit einstimmte. Du wirst schon wissen, daß man in

Rom mehr Mönchsgenerale, als Kriegsgenerale antrifft. Beide spielen mit

Kanonen, und es wäre nicht schwer zu entscheiden, welche die ihrigen am

besten zu gebrauchen wissen. Ich erhielt die Erlaubniß ohne

Einschränkung immer zu dem Kardinal zu kommen, welches für einen Pilger,

wie ich bin, keine Kleinigkeit ist. Er stutzte gewaltig, als er hörte,

ich wolle übermorgen mein Bündel nehmen und des Weges weiter wandeln,

billigte aber meine Gründe lachend, als ich ihm sagte, ich wollte vor

der heißen Jahreszeit meinen Spaziergang nach Syrakus endigen und auf

meiner Rückkehr mich länger hier aufhalten. Er bot mir keine Empfehlung

nach Veletri an, um dort freieren Eintritt in das Familienkabinet zu

haben, worüber ich mich einigermaßen wunderte. Aber man hat

Schwierigkeiten mit den Franzosen gehabt, und Einige fürchteten sogar,

die Franzosen würden die ganze Sammlung wegschaffen lassen. Das

geschieht nun zwar, wie ich höre, nicht: aber es ist doch begreiflich,

daß dadurch etwas Furchtsamkeit und Unordnung entstanden seyn mag.

Uebrigens bin ich nicht nach Italien gegangen, um vorzüglich Kabinette

und Gallerien zu sehen und tröste mich leicht mit meiner

Laienphilosophie.

Eben habe ich Canova gesehen und unsere Freunde, Reinhart und Fernow. Es

ist überall wohlthätig, wenn sich verwandte Menschen treffen; aber wenn

sie sich auf so klassischem Boden finden, gewinnt das Gefühl eine eigne

Magie schöner Humanität. Canova hat eine zweite Hebe für die Pariser

gearbeitet, die mir aber mit den Veränderungen, die er gemacht hat und

die er doch für Verbesserungen halten muß, bei weitem nicht so wohl

gefällt, wie die venetianische. Du kennst meinen Enthusiasmus für diese.

Er hat, däucht mir, dem Urtheil und dem Geschmacke der Franzosen

geschmeichelt, denen ich aber in der Anlage einer Batterie eher folgen

wollte, als in der Kritik über reine Weiblichkeit. Es bleibt an allen

ihren schönen Weibern immer noch etwas von dem Charakter aus dem alten

Palais Royal zurück. Er hat auch zwei Fechter nach dem Pausanias

gemacht, die nach langer Ermüdung zur Entscheidung einander freien Stoß

geben. Der Eine hat so eben den furchtbarsten Schlag vor die Stirne

erhalten, -- dieses ist der Moment -- und reißt sodann mit entsetzlichem

Grimm seinem Gegner mit der Faust auf einen Griff das Eingeweide aus.

Sie gelten für Muster der Anatomie und des Ausdrucks. Da sie keine

Beziehung auf reine, schöne Humanität haben, konnten sie mich nicht so

sehr beschäftigen: denn Furcht und Grimm sind Leidenschaften, von denen

ich gerne mich wegwende. Die Stelle aus dem Pausanias ist mir nicht

gegenwärtig; ich weise Dich auf ihn. Demoxenus heißt, glaube ich, der

eine Fechter.

In einigen Tagen werde ich durch die Pontinen nach Terracina und sodann

weiter nach Süden gehen, damit ich vor der ganz heißen Jahrszeit, wenn's

glückt, wieder zurückkomme. Mißglückt es -- denn man spricht gar

wunderlich -- so mögen die Barbaren mich auf ihrer Seite haben. Ich will

mich nicht durch Furcht ängstigen, die auf alle Fälle kein guter

Hausgenosse in der Seele ist. Zu Ende des Jahres hoffe ich ^post varios

casus^ Dich wieder zu sehen.

_Terracina._

Du siehst, daß ich aus den Sümpfen heraus bin. Die Prophezeiung meiner

Freunde in Rom ist eingetroffen. Der Herr Haushofmeister in dem Palaste

Strozzi, dem heiligen Franz mit den Stigmen gegenüber, überließ es

meiner Großmuth, die seinige zu belohnen. Das heißt nun die Leute

meistens am unrechten Flecke angefaßt. Ich griff mich indessen an, so

viel ich konnte, und gab für drei Tage Wohnung und drei Mahlzeiten --

die übrigen hatte ich auswärts gehalten -- zwei Kaiserdukaten, welches

ich für ziemlich honett hielt. Der Mann machte in Rom ein flämisches

Gesicht, aber doch weiter keine Bemerkung, sondern begleitete mich noch

gefällig bis Sankt Johann von Lateran, wo er mir am Thore seine Adresse

gab, damit ich ihn bei meiner Rückkehr finden möchte. Er mochte doch die

Rechnung gezogen und überlegt haben, daß einen ganzen Monat

verhältnißmäßig das Geldchen noch mitzunehmen wäre. Das war nun aber mir

nicht gelegen; meine Börse wollte sich in die Länge nicht so großmüthig

behandeln lassen. Man hat der Ausgaben mehrere. Ich ging nun durch die

weitläufigen, halb verfallenen Gärten der Stadt und durch die ganze

wüste Gegend vor derselben nach Albano hinüber.

Einige Millien vor der Stadt wandelte links unter den Ruinen der alten

Wasserleitung, die vom Berge herabkamen, ein Mann mit einem Buch einsam

hin, suchte sich rund umher zu orientiren, und schloß sich, als ich

näher kam, an mich an. Es war ein Franzose, der sich in Velletri schon

lange häuslich niedergelassen hatte, in der Stadt gewesen war und jetzt

heimging. Seine Gesellschaft war mir hier höchst angenehm, da er mit der

Geschichte der Zeit und den Vorfällen des Kriegs bekannt war und rund

umher mir alle Auftritte erklärte. Links hinauf nach den Hügeln des

Albanerbergs hatten sich die Franzosen und Insurgenten hartnäckig

geschlagen. Die Insurgenten hatten zuerst einigen Vortheil und hatten

deßwegen nach der Weise der Revolutionäre angefangen, höchst grausam zu

verfahren: aber die Franzosen trieben sie mit ihrer gewöhnlichen Energie

bald in die Enge, und nun fehlte es wieder nicht an Gewaltthätigkeiten

aller Art. Einige Millien von Albano ist rechts am Wege eine Gegend,

welche Schwefelquellen halten muß; denn der Geruch ist entsetzlich und

muß in der heißen Sommerperiode kaum erträglich seyn. In einer

Peripherie von mehrern hundert Schritten keimt deßwegen kein Gräschen,

obgleich übrigens der Strich nicht unfruchtbar ist.

Die Albaner bilden sich ein, daß ihre Stadt das alte Alba Longa sei, und

sagen es noch bis jetzt auf Treu und Glauben jedem Fremden, der es hören

will. Die Antiquare haben zwar gezeigt, daß das nicht seyn könne, und

daß die alte Stadt, laut der Geschichte, an der andern Seite des Sees am

Fuße des Berges müsse gelegen haben: aber drei oder vier Millien, denken

die Albaner, machen keinen großen Unterschied; und es ist wenigstens

Niemand in der Gegend, der ein näheres Recht auf Alba Longa hätte, als

sie. Wir wollen sie also in dem ruhigen Besitz lassen. Die jetzige Stadt

scheint zur Zeit der ersten Cäsaren aus einigen Villen entstanden zu

seyn, von denen die des Pompejus die vorzüglichste war. Dadurch sieht es

nun freilich um das Monument der Kuriatier mißlich aus, das auf dem Wege

nach Aricia steht, und welches mir überhaupt ein ziemlich gothisches

Ansehen hat. Nach der Geschichte sind alle, die drei Kuriatier wie die

beiden Horatier, unten vor der Stadt Rom begraben, wo der Kampf geschah

und wo auch ihre Monumente standen; indessen läßt sich wohl denken, daß

die neuen Albaner aus altem Patriotismus ihren braven Landsleuten hier

ein neues Denkmal errichteten, als unten die alten verfallen waren.

Wenigstens ist nicht einzusehen, wozu das Ding mit den drei Spitzen

sonst sollte aufgeführt worden seyn. Ein Kastell zur Vertheidigung des

Weges wäre das Einzige, wozu man es machen könnte; aber dazu hat es

nicht die Gestalt.

In Albano fand mein Franzose Bekannte, bei denen er einkehrte, und ich

ließ mich auf die Post bringen, welche das beste Wirthshaus ist. Sobald

ich abgelegt hatte, trat ein artiger, junger Mann zu mir ins Zimmer, der

aus der Gegend war und mit vieler Gutmüthigkeit mir die Unterhaltung

machte. Mit ihm wandelte ich noch etwas in der schönen Gegend hin und

her, und namentlich an das Monument, von dessen Alterthum er indessen

auch nicht sonderlich überzeugt war. Antiquitäten schienen zwar seine

Sache nicht zu seyn; aber dafür war er desto bekannter mit der neuen

Welt. Er sprach Französisch und Englisch mit vieler Geläufigkeit, weil

er in beiden Ländern einige Zeit gewesen war; eine nicht gewöhnliche

Erscheinung unter den Italienern! »^Je m'appelle Prince^,« sagte er,

»^mais je ne le suis pas^;« indessen hatten ihn die Franzosen nach

seiner Angabe prinzlich genug behandelt, alle seine Oelbäume umgehauen,

und ihm auf lange Zeit einen jährlichen Verlust von zweitausend Piastern

verursacht. Die Wahrheit davon lasse ich auf seiner Erzählung beruhen.

Der junge Mann zeigte viel Offenheit, Gewandtheit und Humanität in

seinem Charakter. Sodann führte er mich einige hundert Schritte weiter

zu einer alten Eiche an dem Wege nach Aricia, nicht weit von dem

Eingange in den Park und die Gärten des Fürsten Chigi. Die Eiche sollte

von seltener Schönheit seyn, und sie ist auch wirklich sehr ansehnlich

und malerisch: aber wir haben bei uns in Deutschland an vielen Orten

größere und schönere.

Den Herren Fürsten Chigi kannte ich aus Charakteristiken von Rom, und

hätte wohl Lust gehabt seine Besitzungen näher zu besehen. Er selbst ist

als Dichter und Deklamator in der Stadt bekannt, und soll wirklich unter

diesen beiden Rubriken viel Verdienst haben. Er muß indeß ein

sonderbarer Bukoliker und Idyllendichter seyn; denn in seinem Park hat

er den schönsten und herrlichsten Eichenhain niederhauen lassen, und in

dem Ueberreste läßt er die Schweine so wild herumlaufen, als ob er sich

ganz allein von ihrer Mastung nähren wolle. Darüber sind nun besonders

die Maler und Zeichner so entrüstet, daß sie den Mann förmlich in

Verdammniß gesetzt haben, und ich weiß nicht, wie er sich daraus erlösen

will. Die Gegend ist dessen ungeachtet noch eine der schönsten in

Italien, und das romantische Gemisch von Wildheit und Kultur, die hier

zu kämpfen scheinen, macht, wenn man aus der Oede Roms kommt, einen

sonderbaren wohlthätigen Eindruck. Die Leute in dieser Gegend haben den

Ruhm, vorzüglich gute Banditen zu seyn.

Von Albano ging ich den andern Morgen über eben dieses Aricia, dessen

Horaz in seiner Reiseepistel von Rom nach Brindisi gedenkt, nach Gensano

und Velletri und immer in die Pontinen hinein. Die Leute von Gensano

sind mir als die fleißigsten und sittigsten im ganzen Kirchenstaate

vorgekommen, und sie haben wirklich ihre Fleckchen Land so gut

bearbeitet, daß sie den Wohlthaten der Natur Ehre machen. Die Lage ist

sehr schön; Berge und Thäler liegen in dem lieblichsten Gemische rund

umher, und der kleine See von Nemi, unter dem Namen der Dianenspiegel,

giebt der Gegend noch das Interesse der mythologischen Geschichte.

Vor Velletri holte mich ein Franzose ein; nicht mein gestriger, sondern

ein anderer, der bei der Condeischen Armee den Krieg mitgemacht hatte,

jetzt von Rom kam und mit Empfehlungen von dem alten General Suworow

nach Neapel zu Akton ging, von dem er Anstellung hoffte. In zwei Minuten

waren wir bekannt und musterten die Armeen durch ganz Europa. Nach

seinen Briefen mußte er ein sehr braver Officier gewesen seyn, der

selbst bei Perugia ein Detachement kommandirte; und ich habe ihn als

einen ehrlichen Mann kennen lernen. Wir aßen zusammen in Velletri und

schlenderten sodann ganz vergnügt die Berge hinab in die Sümpfe hinein,

die einige Stunden hinter der Stadt ihren Anfang nehmen. In Cisterne

wollten wir übernachten: aber das Wirthshaus hatte die schlechteste

Miene von der Welt, und die päpstlichen Dragoner trieben ein gewaltig

lärmendes Wesen. Uebrigens fiel mir ein, daß dieses vermuthlich der Ort

war, wo Horaz so sehr von den Flöhen gebissen wurde und noch andere

traurige Abenteuer hatte; daß auch der Apostel Paulus hier geschlafen

haben soll, ehe man ihn nach Rom in die Kerker des Kapitols einsperrte.

Das war nun lauter böses Omen. Wir beschlossen also, zumal da es noch

hoch am Tage war, noch eine Station weiter zu wandeln, bis ^Torre di tre

ponti^. Hier kamen wir aus dem Regen in die Traufe. Es war ein großes,

leeres Haus; der Wirth war nach Paris gereist, um, wenn es möglich wäre,

seine Habe wieder zu erhalten, die man ihm in die Wette geraubt hatte.

Erst plünderten die Neapolitaner, dann die Franzosen, dann wieder die

Neapolitaner, und die Streiter des heiligen Vaters zur Gesellschaft: das

ist nun so römische Wirthschaft. Es war im ganzen Hause kein Bett, und

die Leute sahen nicht außerordentlich freundlich aus. Der Wirth war

abwesend; es waren viele Fremde da, die in den pontinischen Sümpfen,

wohin sogar der Auswurf aus Rom flüchtet, kein großes Zutrauen einflößen

können. Die alte gutmüthige Haushälterin gab uns indessen eine große

Decke; wir verrammelten unsere Thüre mit Tisch und Stühlen, damit man

wenigstens nicht ohne Lärm hinein kommen könnte, legten uns beide, der

französische Oberstlieutnant und ich, in die breite mit Heu gefüllte

Bettstelle, stellten unsere Stöcke daneben, deckten uns zu und

schliefen, so gut uns die Kälte, die Flöhe und die quakenden Frösche

schlafen ließen. Den Morgen darauf war das Wetter fürchterlich und

machte den nicht angenehmen Weg noch verdrießlicher: vorzüglich fluchte

der Franzose nach altem Stil ^tous les diables^ mit allem Nachdrucke

durch alle Instanzen, die Yorick gegeben hat. Es konnte indessen nichts

helfen; ich Hyperboreer zog bärenmäßig immer weiter; der Franzmann aber

versteckte sich in ein altes leeres Brückenhaus über dem Kanal und

wollte den Sturm vorbeigehen lassen. Wenn man naß ist, muß man laufen,

ich ließ ihn ruhen, und versprach, hier in Terracina im Gasthofe auf ihn

zu warten.

Die letzte Station vor Terracina war für mich die abenteuerlichste. Die

alte appische Straße geht links etwas oben an den Bergen hin und macht

dadurch einen ziemlichen Umweg; aber die Neuen wollten dem Elemente zum

Trotz klüger seyn, und zogen sie unüberlegt genug gerade fort. Sie sieht

recht schön aus, wenn sie nur gut wäre. Das Wasser war groß; ich hatte

den Abweg links über eine alte Brücke nicht gemerkt, und ging die große

gerade Linie immer weiter. In einer halben Stunde stand ich vor Wasser,

das rechts aus der See hineingetreten war und links durch die Gebüsche

weit hinauf ging. Durch den ersten Absatz schritt ich rasch; aber es kam

ein zweiter und ein dritter noch größerer. Es war dabei ein furchtbarer

Regensturm und ich konnte nicht zwanzig Schritte sehen. Ich ging fast

eine Viertelstunde auf der Straße bis über dem Gürtel im Wasser, und

wußte nicht, was vor mir seyn würde. Einige Mal waren leere Plätze links

und rechts; und da stand ich in den Einschnitten wie im Meere. Nur die

Bäume, die ich dunkel durch den Regensturm sah, machten mir Muth

vorwärts. Endlich war ich glücklich durch die päpstliche Stelle, und zog

eine parallele zwischen den Alten und Neuen, die eben nicht zum

Vortheile meiner Zeitgenossen ausfiel. Wie ich heraus war, ward der

Himmel hell, und ich sah den Berg der göttlichen Circe in der Abendsonne

zu meiner Rechten und zu meiner Linken die Felsen von Terracina glänzen.

Es war wirklich als wenn die alte Generalhexe eben einen Hauptproceß

machte, und ich konnte froh seyn, daß ich noch so gut mit einem Bißchen

Schmutz davon gekommen war. Nachdem ich in der ^Locanda Reale^, einem

großen stattlichen Hause an dem Heerwege vor der Stadt, Quartier gemacht

hatte, recognoscirte ich oben den Ort auf dem weißen Felsen, wie ihn

Horaz nennt, wo man rechts und links von dem Circeischen Vorgebirge bis

an das Kajetanische und über die Inseln eine herrliche Aussicht hat. Ich

bekümmerte mich wenig um die Ruinen des alten Jupitertempels und um den

neuen Palast des Papstes, sondern weidete mich an der unter mir

liegenden Gegend, den herrlichen Orangegärten, die ich hier zuerst ganz

im Freien ausgezeichnet schön fand, und der üppigen Vegetation aller

Art. Auch mehrere Palmbäume fand ich hier schon, da in Rom nur ein

einziger als eine Seltenheit nicht weit vom Kolosseum gezeigt wird. Von

der letzten Station führt eine herrliche Allee der schönsten und größten

Aprikosenbäume in die Stadt.

Mein Franzose kam, und es fand sich, daß der arme Teufel mit seiner

Börse auf den Hefen war. Ich mußte ihn also doch nach Neapel hinüber

transportiren helfen. Zu Abend traf ich im Wirthshause ein Paar ziemlich

reiche Mailänder, die mit schöner Equipage von Neapel kamen, und wir

aßen zusammen. Die Herren waren ganz verblüfft zu hören, daß ich von

Leipzig nach Agrigent tornistern wollte, bloß um an dem südlichen Ufer

Siciliens etwas herumzuschlendern und etwa junge Mandeln und ganz

frische Apfelsinen dort zu essen. Die Unterhaltung war sehr lebhaft und

angenehm, und die Norditaliener schienen die schöne Neapel ^quovis

modo^, literärisch, ästhetisch und physisch genossen zu haben. Morgen

gehts ins Reich hinüber; denn so nennt man hier das Neapolitanische.

_Neapel._

Der Morgen war frisch und schön, als wir Anxur verließen, der Wind stark

und die Brandung hochstürmend, so daß ich am Strande eingenetzt war, ehe

ich daran dachte. Die Wogen schlugen majestätisch an den steilen Felsen

herauf. Am Eingange des Reichs hatte mein französischer Reisekamerad

Zwist mit der Wache, die ihn nicht recht gern wollte passiren lassen.

Meinen Paß vom Kardinal Ruffo besah man bloß, schrieb meinen Namen aus,

und ich war abgefertigt. Der Franzose packte seine ganze Brieftasche

aus, sprach hoch, erwähnte Suwarow, appellirte an den Minister und zwang

die Wache durch etwas Impertinenz in Respekt, die von ihrer Seite auch

wohl etwas über die Instruction gegangen seyn mochte. In Fondi, wo wir

zu Mittag aßen, trafen wir ziemlich viel Militär, unter dem mehrere

Deutsche waren. Die Stadt selbst liegt, wie es der Name zeigt, in einem

der angenehmsten Thäler, nicht sehr weit vom Meere. Der Weg von

Terracina dahin ist abwechselnd fruchtbar und lachend, durch hohe Felsen

und fruchtbare Felder. Nicht weit von Fondi sollen, glaube ich, links an

den Bergen noch die Ueberreste von der Villa des Nerva zu sehen seyn;

ich hielt mich aber an die Orangegärten, und vergaß darüber den Kaiser,

die alten Stadtmauern, den See, den heiligen Thomas und alle andere

Merkwürdigkeiten. Noch einige Millien nach Itri hinaus ist die Gegend

zwischen den Bergen ein wahres Paradies. Auf der Hälfte des Weges stand

in einem engen Felsenpasse eine Batterie aus dem vorigen Kriege, wo die

Franzosen tüchtig zurückgeschlagen wurden. Sie suchten sich aber einen

andern Weg über die hohen Berge; ein Einfall, von dem die Neapolitaner

sich gar nichts hatten träumen lassen! Das war eine etwas zu gutmüthige

Zuversicht; man thut besser zu glauben, daß die Feinde alle Gemsenjäger

sind, und in einer Entfernung von sechs deutschen Meilen ist es nie

unmöglich, daß sie die Nacht noch kommen werden. Die Neapolitaner sahen

den Feind im Rücken und liefen über Hals und Kopf nach Kajeta.

Itri war von den Franzosen häßlich mitgenommen worden. Man hatte die

Kirchen verwüstet und Pferdeställe daraus gemacht. Das ist nun freilich

nicht sehr human; von Religiosität nichts zu sagen. Der Ort liegt in

einer Bergschlucht tief begraben. Es standen hier nur wenige Soldaten

zur Polizei, deren Kommandant ein ehemaliger östreichischer Sergeant,

jetzt neapolitanischer Fähnrich war, der uns die Ehre that, mit uns

einige Stunden Wein zu trinken. Mein Franzose hatte keine Schuhe mehr;

ich mußte ihm also doch Schuhe machen lassen. Den Morgen darauf konnte

er nicht fort, weil seine Füße nicht mehr im baulichen Wesen waren, und

ich wollte nicht bleiben, er suchte mich überdieß zu überreden, ich

möchte mit ihm von Kajeta aus zur See gehen, weil er den Landweg nicht

aushalten würde. Das ging für mich nun nicht, denn ich wollte über den

Liris hinunter nach Kapua und Kaserta. Ich gab ihm also zu dem

Ausgelegten noch einen Kaiserdukaten, quittirte in Gedanken schon,

übergab ihn und mich dem Himmel, und wandelte allein ab. Fast hätte ich

vergessen, Dir eine etwas ernsthafte Geschichte von Itri zu erzählen,

nämlich ernsthaft für mich. Itri ist ein Nest; das Wirthshaus war

schlecht. Unsere Wirthin war eine ziemlich alte Maritorne, die ihren

Mann in der Revolution verloren und sich zur Haushaltung und den übrigen

Behufen einen jungen Kerl genommen hatte. Ich legte mich oben auf einem

Saale zu Bette, und mein Kamerad zechte unten noch eins mit dem Herrn

Fähnrich Kommandanten, der wiedergekommen war, und kam mir sodann nach.

Er war etwas über See und schlief sogleich ein; ich philosophirte noch

eins topsyturvy. Da hörte ich unten einen wilden Kerl nach dem andern

ankommen und sehr laut werden. Die Anzahl mochte wohl bis zehen oder

zwölf gestiegen seyn. Nun vernahm ich, daß es über unsere armen

Personalitäten geradezu herging und daß man über uns eine ziemlich

furchtbare Nachtinquisition hielt. »^Sono cattiva gente.^« hieß es in

einem hohen Ton einmal über das andere; und man that mehr als einmal den

Vorschlag, mit uns zu verfahren nach der Neapolitaner Revolutionsweise.

Mein Franzose schnarchte. Du kannst denken, daß mir nicht sonderlich

lieblich dabei zu Muthe ward. Man schlägt hier zum Anfang sogleich die

Leute todt, und macht sodann nachher -- eben weiter keinen Prozeß. Die

alte Dame, unsere Wirthin, nahm sich unser mit einem exemplarischen Muth

an, sprach und schrie was sie konnte, und behauptete, daß wir ehrliche

Leute wären; der Kommandant hätte unsere Pässe gesehen. Nun schien man

zum Unglück dem Kommandanten selbst in der Politik gerade nicht viel

Gutes zuzutrauen. Der Himmel weiß, wie es noch möchte geworden seyn. Ich

zog ganz stille Rock und Stiefeln an, nahm meine ganze Kontenanz und

mein ganzes Bißchen Italienisch zusammen, und machte Miene die Treppe

hinab unter sie zu gehen. »Meine Herren,« sagte ich so stark und

bestimmt als ich konnte, »ich bin ein fremder Reisender; ich dächte, im

Wirthshause, wo ich bezahle, dürfte ich zur Mitternacht Ruhe erwarten.

Ich höre, ich bin Ihnen verdächtig; führen Sie mich vor die Behörde,

wohin Sie wollen: aber machen Sie die Sache mit Ernst und Ruhe und als

ordentliche brave Leute ab!« Es ward stiller; die Wirthin und Einige von

ihnen baten mich oben zu bleiben, welches ich natürlich sehr gern that;

und nach und nach schlichen sie alle fort. Spaßhaft ist es nicht ganz;

denn dort geht man selten ohne Flinte und Messer, und jeder ist zur

Execution fertig.

Den andern Morgen wandelte ich also allein zwischen den Oelbergen nach

Mola di Gaeta hinüber. Die Amme ist durch dieses Etablissement ihres

Namens fast berühmter geworden, als ihr frommer Milchsohn. Warum war ich

nun nicht gestern noch bis hierher gegangen? Hier fand ich ein großes,

schönes, ziemlich billiges Gasthaus, wo ich bei frischen Eiern und bei

frischen Fischen, die nicht weit von mir aus dem Meere gezogen wurden,

und frischen herrlichen Früchten ein vortreffliches Frühstück hielt.

Unter mir stand ein Citronengarten in der schönsten Gluth der Früchte;

und links und rechts übersah ich die Bucht von der Spitze des

Vorgebirges rund herum bis hinüber nach Ischia und Procida. Es ist, in

der Entfernung von einigen hundert Meilen, das köstlichste Dessert, wenn

wir uns durch die Erinnerung irgend eines kleinen Vorfalles mit unsern

Freunden wieder in nähere Berührung setzen können. Hier auf der

nämlichen Stelle hatte vor mehrern Jahren _Friedrich Schulz_ gesessen

und Fische und Früchte gegessen, und mich aufgefordert, seiner zu

gedenken, wenn ich von Mola auf das klassische Land umher schauen würde.

Jetzt ist er nicht mehr, der Liebling seiner Freunde und der Grazien,

der die Freude bei den Fittigen zu halten verstand und sie rund umher

gab. Wo auch seine Asche ruht, ein Biederer müsse hingehen und sie

segnen! Keiner seiner Schwachheiten werde gedacht; er machte durch sein

Herz gut, was sein Kopf versah.

Nun ging ich vergnügt und froh die schöne magische Gegend hinauf und

hinab, bis hinunter, wo der Nachricht zufolge ehemals Cicero's Formiä

stand, bis an den Liris hinab. Langsam wallte ich dahin; mir däuchte,

ich sähe die Schatten des Redners und des Feldherrn, des Tullius und des

Marius, daher ziehen. Hier legte der Patriot den Kopf zur Sänfte heraus,

und ließ sich von dem Hauptmanne, dem er das Leben gerettet hatte,

entschlossen den Lohn für seine Philippiken zahlen. Es ist mir der

ehrwürdigste Moment in Cicero's Leben; der einzige vielleicht, wo er

wirklich ganz rein als selbstständiger Mann gehandelt hat. Als er gegen

Verres sprach, war es vielleicht Ruhmsucht, von der Rednerbühne zu

glänzen; Gefahr war nicht dabei; als er gegen Katilina donnerte, stand

seine Existenz auf dem Spiel und er hatte keine andere Wahl, als zu

handeln oder mit zu Grunde zu gehen; als er gegen Antonius wüthete,

trieben ihn wahrscheinlich Haß und Parteisucht. Im Glück prahlte er, im

Unglück jammerte er: er zeigte in seinem ganzen Leben oft viel

Ehrlichkeit und Wohlwollen, aber nur im Tode den Muth, der dem Manne

ziemt. Sein Tod hat mich in gewisser Rücksicht mit seinem Leben

ausgesöhnt; so wie es Männer in der Geschichte giebt, deren Tod fast das

Verdienst ihres Lebens auslöscht. Dort unten lag Minturnä; dort, stelle

ich mir vor, stand das Haus, wo der Cimbrer mit dem Schwerte kam, als

öffentlicher Henker den Ueberwinder seiner Nation zu tödten, und wo

dieser gefangene Ueberwinder ihn mit einigen Worten Todesschrecken in

die Glieder jagte. »Mensch, wagst du es, den Kajus Marius zu morden?«

Weiter hinab rechts ist die Sumpfgegend, wo nach der Flucht der erste

Mann der ersten Stadt der Welt sich im Schilfe verbarg, bis er sich

hinüber nach Afrika retten konnte. Ich setzte unter diesen Gedanken über

den Garigliano, und merkte kaum, daß ich diesseits von einer Menge

Mauleseltreiber umgeben war, die mir alle sich und ihre Thiere zum

Dienst anboten. Da half kein Demonstriren, sie machten die Kleinigkeit

der Forderung noch kleiner, und setzten mich halb mit Gewalt auf ein

lastbares Stück, schnallten meinen Reisesack in Ordnung, und so zog ich

mit der lieblichen Karavane weiter. Ein Kalabrese hatte mich in Mola

gebeten, ihm meine Gesellschaft zu erlauben, und ich konnte nichts

dawider haben. Ein Junge von ungefähr dreizehn Jahren hatte sich einige

Millien weiter herab angeschlossen, der in der Residenz sein Glück

versuchen wollte, weil seine Stiefmutter zu Hause den Kredit ihres

Namens etwas zu streng behauptete. Beide liefen nebenher. Es wurde bald

alles durchgefragt, und der Junge mußte etwas weitläuftig seine

Geschichte erzählen. Nun fing mein alter Eseltreiber an mit wahrhaft

väterlicher Wärme dem jungen Menschen die Gefahr vorzustellen, der er

entgegen liefe. Er that dieses mit einer Zärtlichkeit, einer Heftigkeit,

und zugleich mit einer Behutsamkeit im Vortrage, die mir den alten Mann

sehr werth machten. Wäre ich Sultan gewesen, ich hätte den Eselstreiber

zum Mufti gemacht, und es würde gewiß gut gegangen seyn. Diese schöne

bedachtsame Philanthropie wäre manchem unserer Moralisten zu wünschen.

Auch schien er über die ehrenvolle Gesellschaft durch seinen Verstand

und seinen heitern Ernst ein ziemliches Ansehen zu haben. Kurz vor Sessa

schieden wir; ich setzte mich von dem Esel wieder auf meine Füße. Er gab

dem jungen Menschen zu seinem Rathe noch etwas Geld; und ich griff

natürlich über dem Alten und dem Jungen auch etwas tiefer in die Tasche,

als wohl gewöhnlich. Mein Kalabrese begleitete mich, ich mochte wollen

oder nicht, auf die Post, als das beste Wirthshaus. Der Junge ging

weiter.

Da es noch hoher Tag war, spazirte ich hinauf nach Sessa, das, wie ich

hörte, viel alte Merkwürdigkeiten hat, und ehemals eine Hauptstadt der

Volsker war. Der Weg von der Post hinunter und in die Stadt hinauf ist

angenehm genug; und die Lage des Orts ist herrlich mit den schönsten

Aussichten, rechts nach Kajeta und links über die Niederung weg nach dem

Gaurus hinüber. Als ich in der Kathedralkirche stand und einen heiligen

Johannes, der enthauptet wird, betrachtete, und eben so sehr die Andacht

einiger jungen ganz hübschen Weiber beherzigte, die den schönen Mann auf

dem Bilde mit ihren Blicken festhielten, trat mein alter Eseltreiber,

der auf der andern Seite heraufgekommen war, zu mir, mich zu begrüßen.

Er hatte mich vielleicht wegen einiger Aeußerungen etwas lieb gewonnen,

und vermuthlich die Silberstücke gesehen, die ich dem Buben gegeben

hatte; und als wir aus der Kirche traten, führte er mich in den Zirkel

seiner Zunftleute und stellte mich wohl funfzig Eseltreibern aus Sessa

und der Gegend mit der freundschaftlichsten Theilnahme vor. Mir däucht,

wenn die Leute hier Wahltag gehabt hätten, sie hätten mich, dem Minister

zum Trotz, einstimmig zu ihrem Deputirten im Parlamente gemacht: so sehr

bezeigten sie mir alle ihr Wohlwollen; und ich kann Dir nicht läugnen,

es däuchte mir mit völligem Rechte wenigstens eben so wohl, als da mich

in Warschau die alte kommandirende Excellenz unter den Arm faßte, in dem

Zimmer herumführte und mir in vollem Kreise die Ausfertigung einer

Depesche ins Ohr flüsterte. Aus diesem Zirkel zogen mich einige sehr

artige junge Leute, die mich weiter herum begleiteten, und vorzüglich zu

den Augustinern führten, die hier für ihre Bäuche den behaglichsten

Ruheplatz mit der schönsten Aussicht nach allen Seiten ausgesucht

hatten. Der einzige Beweis, daß die Leute doch noch etwas klassischen

Geschmack haben müssen, ist, daß sie die Falerner Berge übersehen. Ihr

Gebäude ist für das Gelübde der Armuth eine Blasphemie. Doch daran bin

ich schon gewöhnt; man braucht eben nicht erst über den Liris zu gehen,

um so ausschweifende Pracht, so unsinnige Verschwendung zu sehen. An der

Ueberfahrt über den Garigliano oder Liris sieht man noch die

Substruktion einer alten Brücke, und nicht weit davon jenseits die Reste

einer Wasserleitung. Der Fluß selbst, der nicht sehr breit ist, muß,

trotz dem Prädikate der Stille, das ihm Horaz giebt, doch zuweilen

gefährlich zu passiren seyn: denn er ist ziemlich tief und jetzt im

Frühling sehr schnell; und man erzählte mir, daß, als die Franzosen

ungefähr zwei Stunden aufwärts mit der Reiterei durch denselben setzen

wollten, ihrer viele dabei umgekommen wären. An den Ufern desselben

weiden große Heerden Büffel.

Als ich wieder hinunter kam, setzte man mir auch Falerner Wein vor; für

die Aechtheit will ich indessen nicht stehen. Es ist bloß die klassische

Neugierde ihn getrunken zu haben; denn er hat schon längst seinen alten

Kredit verloren. Höchst wahrscheinlich ist die Ursache der Ausartung

Vernachlässigung, wie bei den meisten italienischen Weinen, die sich

besser halten würden, wenn man sie besser hielte. Als wir den Morgen

auswandelten, ward meinem Kalabresen entsetzlich bange; er behauptete,

das folgende große Dorf bestände aus lauter Räubern und Mördern, welche

die Passage von Montagne Spaccate zu ihrem Tummelplatz machten. Jeder

Windstoß durch das Gesträuch erschreckte ihn; und als wir vollends

einige bis auf die Zähne abgedorrte Köpfe in eisernen Käfichen an dem

Felsen befestigt sahen, war er der Auflösung seines Wesens nahe, ob er

gleich den Krieg als königlicher Kanonier mitgemacht hatte, und ein Kerl

wie ein Bär war. Er faselte von lauter ^mariuoli^, wie er sie nannte,

die gar fürchterliche Leute seyn sollten und von denen er erschreckliche

Dinge erzählte. Als ich mir eine Beschreibung der Kerle ausbat, sagte

er: man wüßte nicht, woher sie kämen und wohin sie gingen, sondern nur

was sie thäten; sie plünderten und raubten und schlügen todt, wo sie

könnten; gingen zu Dutzenden bewaffnet, und erschienen und verschwänden,

ohne sich um etwas zu bekümmern. Nach seiner Angabe kommen sie meistens

aus den Bergen von Abruzzo. Ich habe nun freilich zur Schande der

Regierung gefunden, daß der Mensch ziemlich Recht hat. Er pinselte mir

aber die Ohren so voll, daß ich ihm sagte, er möchte mich ungehudelt

lassen mit seinen erbärmlichen Litaneien; wenn ich todt geschlagen

werden sollte, so wollte ich mich doch wenigstens vorher nicht weiter

beunruhigen. Das kam dem Kerl sehr gottlos vor, und mir seine

Klagelieder sehr albern. Er trieb mich immer vorwärts, mich nur durch

die berüchtigte Felsenpassage zu bringen, und dankte allen Heiligen

inbrünstiglich, als wir aus der Gegend heraus waren. Er segnete meinen

Entschluß, als ich mich auf der Straße von einem Vetturino bereden ließ,

mich einzusetzen und mich mit ihm bis nach Kapua bringen zu lassen. Als

wir in Kapua ankamen, war der Gouverneur nach Kaserta gefahren, und man

wollte durchaus, ich sollte seine Rückkehr erwarten, damit er meinen Paß

ratificiren möchte. Endlich bestürmte ich den ^Capitaine du jour^ so

viel, daß er mir den Paß ohne Visirung zurück gab, und dem Officier an

dem Thore Befehl schickte, er solle mich gehen lassen; er selbst wolle

die Ausnahme verantworten.

Nun wollte ich über Altkapua nach Kaserta gehen; dazu war aber mein

Kalabrese durchaus nicht zu bringen; er meinte, das wäre der sichere

Tod; da wimmelte es von Mariuolen. Ich gab dem Schuft einige Karlin,

verstehe neapolitanische, ließ ihn rechts nach Aversa fortrollen, um

dort am rechten Orte seine attellanischen Fabeln zu erzählen, und schlug

mich links nach Altkapua. Einige ehrsame Bürger aus der Festung

Neukapua, die ich einholte und denen ich die lächerliche Furcht des

Menschen erzählte, meinten, es sei zwar etwas Gefahr, werde aber immer

übertrieben, und man habe nun doch schon seit einigen Wochen nichts

gehört. Die Herren schienen sich patriotisch ihrer vaterländischen

Gegend anzunehmen. Wo ehemals Kapua war, steht jetzt, glaube ich, der

Flecken Sankt Martin, ungefähr eine Stunde von der neuen Stadt, die

unten am Vulturnus in einer bessern militärischen Position angelegt ist.

Sankt Martin ist noch jetzt eine Lustpartie für die Bürger der neuen

Stadt, so sehr behauptet der alte Platz seinen Kredit. Es steht

bekanntlich noch der Rest eines alten Amphitheaters, das aus den Zeiten

der Römer und also verhältnißmäßig neu ist, welches die Antiquare

hinlänglich kennen, auf die ich Dich verweise. Ich ging durch die

Trümmern eines Thors, welches vermuthlich das nämliche ist, durch das

Hannibal seinen Ruhm hinein und nicht wieder heraus trug, ließ nach

kurzer Beschauung das Theater links liegen und pilgerte den Weg nach

Kaserta fort. Es stehen dort an der Straße links und rechts nicht weit

von einander ein Paar Monumente, die vermuthlich römische Begräbnisse

sind, und von denen eines wenigstens in sehr gutem Styl gearbeitet zu

seyn scheint.

Es wäre überflüssig, Dir eine Beschreibung des Schlosses in Kaserta

anzufangen, die Du hier und da gewiß weit genauer und besser finden

kannst. Der erste Anblick ist groß und wirklich imponirend. Die Garten

links, die schönen Pflanzungen rechts, der prächtige Schloßplatz und die

Gebäude rund umher, Alles beschäftigt. Vorzüglich wird das Auge

gefesselt von der Ansicht durch das große Thor, welche durch das ganze

Schloß und die Gärten bis weit hinaus auf die Berge geht, über welche

man die berühmte Wasserleitung herüber gebracht hat. Diese schöne,

reiche Kunstkaskade schließt den Grund der Partie. Man wird selten

irgendwo so etwas Magisches finden. Du weißt, daß auch hier die Franken

etwas willkührlich gehaus't haben: jetzt ist der Kronprinz und Seine

Sardinische Majestät hier.

Auf der Post empfing man mich, ob ich gleich Fußgänger war, mit vieler

Artigkeit, und ich hatte bald einen Trupp Neugieriger um mich her, die

mich von Adam bis Pontius Pilatus ausfragten; und Alle wunderten sich,

daß ich den Räubern noch nicht in die Hände gefallen wäre. Humane

Theilnahme und Billigkeit zeichnete das Haus vor vielen andern aus. Ich

hatte nur noch einige Stunden Zeit die Stadt zu besehen; dieß war aber

zur Auffassung eines richtigen Totaleindrucks genug. Den andern Morgen,

als ich abgehen wollte, arretirte mich wieder ein Vetturino an der Ecke

des Marktes: »^Volete audare in carozza, Signore?^« -- »^Ma si, si^,«

sagte ich, »^se partite presto presto^.« -- »^Questo momento; favorisca

montare.^« Ich stieg ein und setzte mich neben einen stattlichen dicken

Herrn; sogleich kamen noch zwei andere und wir rollten zum Thore hinaus.

Dieses ist als das schöne reiche, seelige Kampanien, das man, seit es so

bekannt ist, zum Paradiese erhoben hat, für das die römischen Soldaten

ihr Kapitol vergessen wollten! Es ist wahr, der Strich zwischen Aserva,

Kapua, Kaserta, Nola und Neapel, zwischen dem Vesuv, dem Gaurus und den

hohen Apenninen, oder das sogenannte Kampanerthal, ist von Allem, was

ich in der alten und neuen Welt bis jetzt noch gesehen habe, der

schönste Platz, wo die Natur alle ihre Gaben bis zur höchsten

Verschwendung ausgegossen hat. Jeder Fußtritt trieft von Segen. Du

pflanzest einen Baum, und er wächst in kurzer Zeit schwelgerisch breit

und hoch empor; Du hängst einen Weinstock daran und er wird stark, wie

ein Stamm, und seine Reben laufen weitausgreifend durch die Krone der

Ulme; der Oelbaum steht mit bescheidener Schönheit an dem Abhange der

schützenden Berge; die Feige schwillt üppig unter dem großen Blatte am

gesegneten Aste; gegenüber glüht im sonnigen Thale die Orange, und unter

dem Obstwalde wallt der Weizen, nickt die Bohne, in reichlicher

lieblicher Mischung. Der Arbeiter erntet dreifach auf dem nämlichen

Boden in Fülle, Obst und Weizen und Wein; und Alles ist üppige, ewig

jugendliche Kraft. Unter diesen magischen Abwechselungen kamen wir in

einigen Stunden in Parthenope an. Der stattliche dicke Herr, mein

Nachbar, schien die Deutschen etwas in Affektion genommen zu haben, war

ehemals einige Monate in Wien und Prag gewesen, wußte einige Dutzend

Wörter von unserer Sprache, und war die Gefälligkeit selbst. Er war aus

dem königlichen Hause, und mich wunderte deswegen seine Artigkeit etwas

mehr, da Höflichkeit in der Regel bei uns nicht mit zu den

ausgezeichneten Tugenden der Hausofficianten der Großen gehört. In

Neapel brachte er mich in einem eigenen Wagen in das Haus eines seiner

Bekannten an dem Ende des Toledo, bis ich den Herrn Heigelin aufgesucht

hatte, an den meine Empfehlung von Wien lautete. Es ist wirklich sehr

wohlthätig, wenn man, bei dem ersten Eintritt in so einen Ort, wie

Neapel ist, als Wildfremder eine so freundliche Hand zur Leitung findet,

bis man sich selbst etwas orientiren kann.

_Neapel._

Du mußt und wirst von mir nicht erwarten, daß ich Dir eine topische,

statistische, literarische oder vollständige kosmische Beschreibung von

den Städten gebe, wo ich mich einige Zeit aufhalte. Dazu ist mein

Aufenthalt zu kurz; die kannst Du von Reisenden von Profession, oder aus

den Fächern besonderer Wissenschaften gewiß besser bekommen. Ich erzähle

Dir nur freundschaftlich, was ich sehe, was mich vielleicht beschäftigt

und wie es mir geht. Meine Wohnung ist hier auf Monte Oliveto. Wie der

Ort zu dem Namen des Oelberges kommt, weiß ich nicht; er ist aber eine

der besten Straßen der Stadt, nicht weit vom Toledo, mit welchem er sich

oben vereiniget. Die Besitzerin des Hauses ist eine Französin, die sich

seit einigen Jahren der hiesigen Revolution wegen zu ihrer Sicherheit in

Marseille aufhält. Ich habe Ursache zufrieden zu seyn: es ist gut und

billig. Die Gesellschaft besteht meistens aus Fremden, Engländern,

Deutschen und Franzosen; die letzten machten jetzt hier die größte

Anzahl aus.

Seit einigen Tagen bin ich mit einem alten Genuesen, der halb Europa

kennt und hier den Lohnbedienten und ein Stück von Cicerone macht, in

der Stadt herumgelaufen. Der alte Kerl hat ziemlich viel Sinn und

richtigen Takt für das Gute und sogar für das Schöne. Er hielt mir einen

langen Sermon über die Landhäuser der Kaufleute rund in der Gegend

umher, und bemerkte mit censorischer Strenge, daß sie das Verderben

vieler Familien würden. Man wetteiferte gewöhnlich, wer das schönste

Landhaus und die schönste Equipage habe, wer auf seinem Casino die

ausgesuchtesten Vergnügen genieße und genießen lasse, und wetteiferte

sich oft zur Vergessenheit und endlich ins Unglück. Sitten und Ehre und

Vermögen würden vergeudet. Kaum habe der Kaufmann ein kleines

Etablissement in der Stadt, so denke er schon auf eines auf dem Lande;

und das zweite koste oft mehr, als das erste. Spiel und Weibergalanterie

und das verfluchte oft abwechselnde Cicisbeat seien die stärksten

Gegenstände des Aufwands; und doch sei das Cicisbeat hier noch nicht so

herrschend, als in Rom. Wenn Du mir einwendest, daß das ein

Lohnbedienter spricht; so antworte ich: »Jeder hat sein Wort in seinem

Fache, und hier ist der alte Kerl in dem seinigen. Seine Amtsbrüder in

Leipzig und Berlin können gewiß auch weit bessere Nachrichten über

gewisse Artikel geben, als man auf dem Rathhause finden würde. Jeder hat

seine Sphäre, der Finanzminister und der Thorschreiber.« Ich sah die

Kirche des heiligen Januar in der Stadt; Neapel sollte, däucht mir, eine

bessere Kathedrale haben. Das Vorzüglichste darin sind einige

merkwürdige Grabsteine und die Kapelle des Heiligen. Dieses ist aber

nicht der Ort, wo er gewöhnlich schwitzen muß; das geschieht vor der

Stadt in dem Hospital bei den Katakomben. In den Katakomben kroch ich

über eine Stunde herum, und beschaute das unterirdische Wesen, und hörte

die Gelehrsamkeit des Cicerone, der, wie ich vermuthete, Glöckner des

Hospitals war. Ueber den Grüften ist ein Theil des Gartens von Capo di

monte. Der Führer erzählte mir eine Menge Wunder, welche die Heiligen

Januarius und Severus hier ganz gewiß gethan haben, und ich war

unterdessen mit meinen Konjekturen bei der Entstehung dieser Grüfte.

Hier und da lagen in den Einschnitten der Zellen noch Skelette, und

zuweilen ganze große Haufen von Knochen, wie man sagte, von der Zeit der

großen Pest. Die römischen Katakomben habe ich nicht gesehen, weder nahe

an der Stadt noch in Rignano, weil mich verständige Männer und Kenner

versicherten, daß man dort sehr wenig zu sehen habe und es nun ganz

ausgemacht sei, daß das Ganze weiter nichts als Puzzolangruben gewesen,

die nach und nach zu dieser Tiefe und zu diesem Umfang gewachsen. Das

ist begreiflich und das Wahrscheinlichste.

Die heilige Klara hat das reichste Nonnenkloster in der Stadt und eine

wirklich sehr prächtige Kirche, wo auch die Kinder des königlichen

Hauses begraben werden. Die Nonnen sind alle aus den vornehmsten

Familien; und man hat ihre Thorheit und ihr Elend so glänzend, als

möglich zu machen gesucht. Mein alter Genuese, der ein großer Hermenevte

in der Kirchengeschichte ist, erzählte mir bei dieser Gelegenheit ein

Stückchen, das seinen Exegetentalenten keine Schande macht, und dessen

Würdigung ich den Kennern überlasse. Die heilige Klara war eine

Zeitgenossin des heiligen Franziskus und des heiligen Dominikus; und man

giebt ihr Schuld, sie habe beide insbesondere glauben lassen, sie sei

Jedem ausschließlich mit sehr feuriger christlicher Liebe zugethan.

Dieses thut ihr in ihrer Heiligkeit weiter keinen Schaden. Jeder der

beiden Heiligen glaubte es für sich und war selig, wie das zuweilen auch

ohne Heiligkeit zu gehen pflegt. Dominikus war ein großer, starker,

energischer Kerl, ungefähr wie der Moses des Michel Angelo in Rom, und

sein Nebenbuhler Franziskus mehr ein ätherischer, sentimentaler Stutzer,

der auch seine Talente zu gebrauchen wußte. Nun sollen auch die heiligen

Damen zu verschiedenen Zeiten verschiedene Qualitäten lieben. Der

handfeste Dominikus traf einmal den brünstigen Franziskus mit der

heiligen Klara in einer geistlichen Exstase, die seiner Eifersucht etwas

zu körperlich vorkam; er ergriff in der Wuth die nächste Waffe, welches

ein Bratspieß war, und stieß damit so grimmig auf den unbefugten

Himmelsführer los, daß er den armen schwachen Franz fast vor der Zeit

dahin geschickt hätte. Indeß der Patient kam davon, und aus dieser

schönen Züchtigung entstanden die Stigmen, die noch jetzt in der

christlichen Katholicität mit allgemeiner Andacht verehrt werden. Ich

habe, wie ich Dir erzählte, ihm in Rom gegenüber gewohnt, und sie dort

hinlänglich in Marmor dokumentirt gesehen. Mein Genuese sagte mir die

heilige Anekdote nur vertraulich ins Ohr, und wollte übrigens als ein

guter Orthodox weiter keine Glosse darüber machen, als daß ihm halb

unwillkührlich entfuhr: »^Quelles bêtises on nous donne à digérer!

Chacun les prend à sa façon.^«

Heute besuchte ich auch Virgils Grab. Die umständliche Beschreibung mag

Dir ein Anderer machen. Es ist ein romantisches, idyllisches Plätzchen;

und ich bin geneigt zu glauben, der Dichter sei hier begraben gewesen,

die Urne mag nun hingekommen seyn, wohin sie wolle. Das Gebäudchen ist

wohl nichts anderes, als ein Grab, nicht weit von dem Eingange der

Grotte Posilippo, und eine der schönsten Stellen in der schönen Gegend.

Ich weiß nicht, warum man sich nun mit allem Fleiß bemüht, den Mann auf

die andere Seite der Stadt zu begraben, wo er nicht halb so schön liegt,

wenn auch der Vesuv nicht sein Nachbar wäre. Ich bin nicht Antiquar;

aber die ganze Behauptung, daß er dort auf jener Seite liege, beruht

doch wohl nur auf der Nachricht, er sei am Berge Vesuv begraben worden.

Das ist er aber auch, wenn er hier liegt; denn der Berg ist gerade

gegenüber: in einigen Stunden war er dort, wenn er zu Lande ging; und

setzte er sich in ein Boot, so ging er noch schneller. Die Entfernung

eines solchen Nachbars, wie Vesuv ist, wird nicht eben so genau

genommen. Lag er dort, so hat ihn auf alle Fälle der Berg tiefer, halb

in den Tartarus gebracht. Aber alle übrigen Umstände sind mehr für diese

Seite der Stadt. Hier ist die reichste, schönste Gegend; hier waren die

vorzüglichsten Niederlassungen der römischen Großen, vornehmlich auf der

Spitze des Posilippo die Gärten des Pollio, der ein Freund war des

römischen Avtokrators und ein Freund des Dichters; nach dieser Gegend

lagen Puteoli und Bajä und Cumä, der Avernus und Misene, die

Lieblingsgegenstände seiner Dichtungen; diese Gegend war überhaupt der

Spielraum seiner liebsten Phantasie. Wahrscheinlich hat er hier gewohnt,

und wahrscheinlich ist er hier begraben. Donat, der es, wenn ich nicht

irre, zuerst erzählt, konnte wohl noch sichere Nachrichten haben, konnte

davon Augenzeuge gewesen seyn, daß das Monument noch ganz und wohl

erhalten war; hatte durchaus keine Ursache, diesem Fleckchen irgend

einen Vorzug vor den übrigen zu geben, und dieses ist der Ort seiner

Angabe: zwei Steine von der Stadt, an dem Wege nach Puteoli, nicht weit

von dem Eingange in die Grotte. Ich will nun auch einmal glauben -- man

hat für manchen Glauben weit schlechtere Gründe -- und also glaube ich,

daß dieses Maros Grab sei. Den Lorbeer suchst Du nun umsonst; die

verkehrten Afterverehrer haben ihn so lange bezupft, daß kein Blättchen

mehr davon zu sehen ist. Ich nahm mir die Mühe hinauf zu steigen, und

fand nichts, als einige wild verschlungene Kräuter. Der Gärtner beklagte

sich, daß die gottlosen vandalischen Franzosen ihm den allerletzten

Zweig des heiligen Lorbeers geraubt haben. Dichter müssen es nicht

gewesen seyn: denn davon wäre doch wohl etwas in die Welt erschollen,

daß der Lorbeer von dem Lateiner neuerdings auf einen Gallier

übergegangen sei. Vielleicht schlägt er für die Gläubigen am Grabe des

Mantuaners wieder aus. Man sollte wenigstens zur Fortsetzung der schönen

Fabel das Seinige beitragen; ich gab dem Gärtner geradezu den Rath.

Als ich hier und bei Sanazars Grabe nicht weit davon in der

Servitenkirche war, verfolgte mich ein trauriger Cicerone so

fürchterlich mit seiner Dienstfertigkeit, mir die Antiquitäten erklären

zu wollen, daß er durchaus nicht eher von meiner Seite ging, bis ich ihm

einige kleine Silberstücke gab, die er sehr höflich und dankbar annahm.

Ich habe mich nicht enthalten können, bei dieser Gelegenheit wahres

Mitleid mit dem großen Cicero zu haben, daß sein Name hier so erbärmlich

herumgetragen wird. Die Ciceronen sind die Plagen der Reisenden, und

immer ist einer unwissender und abenteuerlicher, als der andere. Den

vernünftigsten habe ich noch in Tivoli getroffen, der mir auf der

Eselspromenade zum wenigsten ein Dutzend von Horazens Oden rezitirte und

nach seiner Weise kommentirte.

Ich versuchte es an dem Fuße des Posilippo am Strande hinaus bis an die

Spitze zu wandeln: es war aber nicht möglich weiter als ungefähr eine

Stunde zu kommen: dann hörte jede Bahn auf, und das Ufer bestand hier

und da aus schroffen Felsen. Hier stehen in einer Entfernung von

ungefähr einer Viertelstunde zwei alte Gebäude, die man für Schlösser

der Königin Johanna hält, wo sie zuweilen auch ihr berüchtigtes Unwesen

getrieben haben soll. Sie sind ziemlich zu so etwas geeignet, gehen weit

ins Meer hinein, und es ließe sich sehr gut zeigen, wozu dieses und

jenes gedient haben könnte. Zwischen diesen beiden alten leeren Gebäuden

liegt das niedliche Casino des Ritters Hamilton, wo er beständig den

Vesuv vor Augen hatte; und man thut ihm vielleicht nicht ganz unrecht,

wenn man aus dem Orte seiner Vergnügungen auf etwas Aehnlichkeit mit dem

Geschmack der schönen Königin schließt, die von der bösen Geschichte

doch wohl etwas schlimmer gemacht worden ist, als sie war. Ich war

genöthigt wieder zurückzugehen, und nicht weit von der Villa Reale

nahmen mich eine Menge Bootsleute in Beschlag, die mich an die Spitze

hinausrudern wollten. Es schien mir für den Vormittag zu spät zu seyn;

deßwegen wollte ich nichts hören. Aber man griff mich auf der schwachen

Seite an; man blickte auf die See, welche sehr hoch ging, an den Himmel,

wo Sturm hing und auf mich mit einer Miene, als ob man sagen wollte: das

wird dich abhalten. Dieser Methode war nicht zu widerstehen, ich

bezahlte die Gefahr sogleich mit einem Piaster mehr, und setzte mich mit

meinem alten Genuesen in ein Boot, das ich erst selbst herunter ziehen

half. Der Genuese hatte auch mehrere Seereisen gemacht, und hatte Muth,

wie ein Delphin. Aber die Fahrt ward ihm doch etwas bedenklich; der

Sturm heulte von Sorrent und Capri gewaltig herüber, und die Wogen

machten rechts eine furchtbare Brandung, das Wasser füllte reichlich das

Boot, und der Genuese hatte in einem Stündchen die Seekrankheit bis zu

der letzten Wirkung. Ich wollte um das Inselchen Nisida herum gerudert

seyn; das war aber nicht möglich: wir mußten, als wir einige hundert

Schritte vor dem Einsiedler vorbei waren, umkehren und unsere Zuflucht

in ein einsames Haus nehmen, wohin man in der schönen Zeit von der Stadt

aus zuweilen Wasserpartien macht, wo es aber jetzt traurig genug aussah.

Indessen fütterte uns doch der Wirth mit Maccaroni und gutem Käse. Nicht

weit von hier, nahe an dem Inselchen Nisida, auf welchem auch Brutus vor

dem Tode der Republik sich einige Zeit aufgehalten hat, sind die

Trümmern eines alten Gebäudes, die aus dem Wasser hervorragen, und die

man gewöhnlich nur Virgils Schule nennt. Wenn man nun gleich den Ort

wohl sehr uneigentlich Virgils Schule nennt, so ist es doch sehr

wahrscheinlich, daß er hier oft gearbeitet haben mag. Es ist eine der

angenehmsten klassischen, mythologischen Stellen, welche die

Einbildungskraft sich nur schaffen kann. Vermuthlich gehörte der Platz

zu den Gärten des Pollio. Er hatte hier um sich her einen großen Theil

von dem Theater seiner Aeneide, alle Oerter, die an den Meerbusen von

Neapel und Bajä liegen, von den phlegräischen Feldern bis nach Sorrent.

Nicht weit von der Landspitze und von dem Wirthshause, wo ich einkehrte,

stand ehemals ein alter Tempel der Fortuna, von dem noch einige Säulen

und etwas Gemäuer zu sehen sind. Jetzt hat man an dem Orte ein

christliches Kirchlein gebauet und es der ^Madonna della fortuna^

geweiht. Man hat bekanntlich Manches aus dem Heidenthum in den

christlichen Ritus übergetragen, die Saturnalien, das Weihwasser und

vieles Andere; aber besser hätte man nicht umändern können: denn es ist

wohl auf der ganzen Erde, in der wahren Geschichte und in der Fabellehre

kein anderes Weib, das ein solches Glück gemacht hätte, als diese

Madonna. Ein wenig weiter landeinwärts sind in den Gärten noch die

gemauerten Tiefen, die man mit Wahrscheinlichkeit für die Fischhälter

des Pollio annimmt, und in dieser Meinung eine große marmorne Tafel an

der Thür angebracht hat, auf welcher lateinisch alle Gräuel abscheulich

genug beschrieben sind, die der Heide hier getrieben hat; wo denn

natürlich die Milde unserer Religion und unserer Regierungen ächt

kardinalisch gepriesen wird. Ich weiß nicht, ob man nicht vielleicht mit

dem britischen Klagemann sagen sollte: »^A bitter change, severer for

severe!^« Es ist jetzt kaum ein Sklave übrig, den Pollio in den Teich

werfen könnte.

Mein Genuese bat mich um alles in der Welt, ihn nicht wieder ins Boot zu

bringen. Auch ich war sehr zufrieden, auf einem andern Wege nach der

Stadt zurück zu kehren. Ich zahlte also die Bootsleute ab, und wir

gingen auf dem Rücken des Posilippo nach Neapel. Diese Promenade mußt Du

durchaus machen, wenn Du einmal hierher kommst; sie ist eine der

schönsten, die man in der herrlichen Gegend suchen kann. Lange Zeit hat

man die beiden Meerbusen von Neapel und Bajä rechts und links im

Gesicht, genießt sodann die schöne Uebersicht auf die Partie jenseits

des Berges nach Pozzuoli, welche die Neapolitaner mit ihrer verkehrten

Zunge nur ^chianura^ oder die Ebene nennen. Man kommt nach ungefähr vier

Millien des herrlichsten Weges in der Gegend von Virgils Grabe wieder

herunter auf die Straße. Der Spaziergang ist freilich etwas wild, aber

desto schöner.

Man sagte mir, die Regierung habe wollen eine Straße rund um den

Posilippo herum auf der andern Seite nach Pozzuoli führen, so daß man

nicht nöthig hätte, durch die Grotte und die etwas ungesunde Gegend

jenseits derselben zu fahren, sondern immer am Meere bliebe. Das wird in

der That einer der herrlichsten Wege werden; ungefähr eine halbe Stunde

ist gemacht: aber wenn doch die neapolitanische Regierung vorher das

Nöthige, Gerechtigkeit, Ordnung und Polizei, besorgte; das andere würde

sich dann so nach und nach schon machen.

Bekanntlich wird das Fort Sankt Elmo mit der darunter liegenden

Karthause für die schönste Partie gehalten; und sie ist es auch für

alle, die sich nicht weiter auf den Vesuv, oder zu den Kamaldulensern

bemühen wollen. Es ist ein ziemlicher Spaziergang auf die Karthause, den

unser schlesischer Landmann, Herr Benkowitz, schon für eine große

Unternehmung hält, auf welche er sich den Tag vorher vorbereitet. Ich

Tornisterträger steckte die Tasche voll Orangen und Kastanien und

wandelte damit zum Morgenbrote sehr leicht hinauf. In das Fort zu kommen

hat jetzt bei den Zeitumständen einige Schwierigkeit, und man muß vorher

dazu die Erlaubniß haben. Man sieht in der Karthause fast eben soviel,

nur hat man nicht das Vergnügen, zehen oder zwanzig Klaftern höher zu

stehen. Die Karthause hat der König ausgeräumt und sich die meisten

Schätze zugeeignet. Es ist jetzt nur noch ein einziger Mönch da, der den

Ort in Aufsicht hat. In der Kirche sind noch mehrere schöne Gemälde,

besonders von Lanfranc, und ein noch nicht ganz vollendetes Altarblatt

von Guido Reni; auch der Konventsaal hat noch Stücke von guten Meistern.

Um die schönste Aussicht zu haben, mußt Du zu den Kamaldulensern

steigen. Die Herren sind in der Revolution etwas decimirt worden, haben

aber den Verlust nicht schwer empfunden. Man geht durch die Vorstadt

Frascati und einige Dörfer immer bergauf und verliert sich in etwas

wilde Gegenden. Weil man nicht hinauf fahren kann, wird die Partie nicht

von sehr vielen gemacht. Wir verirrten uns, mein Genueser und ich, in

den Feigengärten und Kastanienwäldern, und ich mußte dem alten Kerl noch

mit meiner Topographie im Orientiren helfen. Das ärgerte mich gar nicht;

denn wir trafen in der wilden Gegend einige recht hübsche Partien nach

allen Seiten. Es gab Stellen, wo man bis nach Cajeta hinüber sehen

konnte. Da wir uns verspätet hatten, mußten wir in einem Dorfe am

Abhange des Berges zum Frühstück einkehren und einen zweiten Boten

mitnehmen. Dieser brachte uns auf einem der schönsten Wege an dem Berge

über dem Agnano hin in das Kloster. Es ist dort nichts zu genießen als

die Aussicht; die Kirche hat nichts Merkwürdiges. Ein Laienbruder führte

mich mit vieler Höflichkeit durch alle ihre Herrlichkeiten, und endlich

an eine ausspringende Felsenspitze des Gartens unter einige perennirende

Eichen, die vielleicht der schönste Punkt in ganz Italien ist. Von

Neapel sieht man zwar nicht viel, weil es fast ganz hinter dem Posilippo

liegt; nur der hohe Theil von Elmo, Belvedere und einige andere

Stückchen sind sichtbar. Aber rund umher liegt das ganze schöne magische

klassische Land unter Einem Blick. Portici, das auf der Lava der Stadt

des Herkules steht, der sich empor thürmende Vesuv mit dem Somma, Torre

del Greco, Pompeji, Stabiä, Sorrent, Massa, Capri, der ganze Posilippo,

Nisida, Ischia, Procida, der ganze Meerbusen von Bajä mit den Trümmern

der Gegend, Misene, die Thermen des Nero, der Lukriner See und hinter

ihm versteckt der Avernus, die Solfatara, bei heiterm Wetter die Berge

von Cumä, der Gaurus und weiter hin die beschneiten Apenninen, unten der

Agnano mit der Hundsgrotte, deren Eingang nur ein hervorspringender

Hügel bedeckt; der neue Berg hinter der Solfatara; alte und neue Berge,

ausgebrannte und brennende Vulkane, alte und neue Städte, Elysium und

die Hölle: -- alles dieses fassest Du mit Deinem Auge, ehe Du hier eine

Zeile liesest. Tief, tief in der Ferne sieht man noch Ponza und einige

kleinere Inseln. Da haben die Mönche wieder das Beste gewählt. Freund,

wenn Du einmal hörst, daß ich einmal unbegreiflich verschwunden bin, so

bringe mit unter Deine Muthmaßungen, daß ich vielleicht der schönsten

Natur zu Ehren die größte Sottise gemacht habe, und hier unter den

Anachoreten hause. Hier den Homer und Virgil, den Thucydides und etwas

von der attischen Biene, abwechselnd mit Aristophanes, Lucian und

Juvenal -- so könnte man wohl in den Kastanienwäldern leben und das

Bißchen Vernunft bei sich behalten: denn diese wird jetzt doch überall

wieder konterband. Also gehe zu den Kamaldulensern, wenn Du auch nicht

in Versuchung bist, bei ihnen oben zu bleiben!

Jetzt schließe ich und schreibe Dir vermuthlich noch einiges über

Neapel, wenn ich aus Trinakrien zurückkomme; denn eben muß ich zu

Schiffe nach Palermo.

_Palermo._

Wir hatten einige Tage auf leidlichen Wind zum Auslaufen gewartet:

endlich kam eine starke Tramontana und führte uns aus dem Zauberplatze

heraus. Es war gegen Abend, die sinkende Sonne vergoldete rund umher die

Gipfel der schönen Berge, der Somma glänzte, der Vesuv wirbelte

Rauchwölkchen, und die herrliche Königsstadt lag in einem großen, großen

Amphitheater hinter uns in den magischen Strahlen. Rechts war Ischia und

links Capri; die Nacht senkte sich nach und nach und verschleierte die

ferneren Gegenstände in tiefere Schatten. Ich konnte in dem

Abendschimmer nur noch deutlich genug die kleine Stadt auf Capri

unterscheiden. Die gemeinen Neapolitaner und Sicilianer nennen mit einer

ihnen sehr gewöhnlichen Metathesis die Insel nur Crap. Sie ist jetzt

ziemlich kahl. Ich hätte von Neapel aus gern eine Wasserfahrt dahin

gemacht, um einige Stunden auf dem Theater herum zu wandeln, von welchem

zur Schande des Menschenverstandes ein sybaritischer Wüstling einige

Jahre das Menschengeschlecht mißhandelte; aber ich konnte keine gute

Gesellschaft finden, und für mich allein wären nach meinen übrigen

Ausgaben die Kosten zu ansehnlich gewesen. Ueberdieß war es fast immer

schlechtes Wetter. Zur Ueberfahrt hierher hatte ich mich auf ein

Kauffahrteischiff verdungen, weil ich auf das Packetboot nicht warten

wollte. Der Wind ging stark und die See hoch, aber ich schlief gut: man

erkannte gleich daraus und aus meinem festen Schritt auf dem Verdeck,

daß ich schon ein alter Seemann seyn müsse. Da es Fasten war und die

Leute lauter Oel aßen, wollte sich der Kapitän mit dem Essen für mich

nicht befassen: ich hatte also auf acht Tage Wein, Orangen, Brot, Wurst

und Schinken für mich auf das Schiff bringen lassen. Den ganzen Tag ging

der Wind ziemlich stark und gut; aber gegen Abend legte er sich und die

See ward hohl. Doch hatten wir uns gegen Morgen, also in allem sechs und

dreißig Stunden, in den Hafen von Palermo hinein geleiert. Das war eine

ziemlich gute Fahrt. Auf der Höhe hatten wir immer die Kanonen scharf

geladen und ungefähr vierzig große Musketons fertig, um gegen die

Korsaren zu schlagen, wenn einer kommen sollte. Denn Du mußt wissen, der

Unfug ist jetzt so groß, und die neapolitanische Marine ist jetzt so

schlecht, daß sie zuweilen bis vor Capri und sogar bis vor die Stadt

kommen, um zu sehen, ob sie etwa Geschäfte machen können, wie sich auch

die Spielkaper in den deutschen Bädern ausdrücken. Das ist nun freilich

eine Schande für die Regierung, aber die Regierung hat dergleichen

Schandflecke mehr.

Wir kamen hier, ich weiß nicht zu welchem Feste an, wo in der Stadt so

viel geschossen wurde, daß ich die Garnison wenigstens für zehntausend

Mann stark hielt. Aber ich habe nachher die Methode des Feuerns gesehen.

Sie gehört zur einheimischen Frömmigkeit und ist drollig genug. Man hat

eine ungeheure Menge kleiner Mörser, die man in der Reihe nach einander

geladen hinstellt: absatzweise stehen etwas größere, die wie Artillerie

donnern. Sie sind alle so gestellt, daß, wenn am Flügel angezündet wird,

das Feuer regelmäßig schnell die ganze Fronte hinunter greift und am

Ende mit einigen großen Stücken schließt. Von weitem klingt es wie etwas

Großes; und am Ende besorgt es ein einziger alter, lahmer Konstabel.

Unser Hauptmann von der Aurora ließ sich mit seiner Artillerie stark

hören.

Ich wurde auf der Sanität, wohin ohne Unterschied alle Ankommende

müssen, mit vieler Artigkeit behandelt, und man ließ mich sogleich

gehen, wohin ich wollte, da die andern, meistens Neapolitaner, noch

warten mußten. Mein erster Gang, nachdem ich mich in einem ziemlich

guten Wirthshause untergebracht hatte, war zu dem königlichen

Bibliothekar, dem Pater Sterzinger, an den ich von dem Sekretär der

Königin aus Wien Briefe hatte. Der Güte dieses wirklich sehr ehrwürdigen

Mannes danke ich meine schönsten Tage durch ganz Sicilien. Er gab mir

durch die ganze Insel Empfehlungen an Männer von Wissenschaft und

Humanität, in Agrigent, Syrakus, Catanien und Messina. Der Saal der

Bibliothek ist unter seiner Leitung in herrliche Ordnung gebracht, und

mit allen sicilianischen Alterthümern sehr geschmackvoll ausgemalt

worden, so daß man hier mit einem Blick alles Vorzügliche übersehen

kann. Es finden sich in der hiesigen Bibliothek viele Ausgaben von

Werth, und mir ist sie im Fache der Klassiker reicher vorgekommen, als

Sankt Marcus in Venedig. Eine Seltenheit ist der chinesische Konfuzius

mit der lateinischen Interlinearversion, von den Jesuiten, deren

Missionsgeschäft in China damals glückliche Aussichten hatte. Hier habe

ich weiter noch nichts gethan, als Orangen gegessen, das Theater der

heiligen Cäcilia besehen, bin in der Flora und am Hafen herumgewandelt

und auf dem alten Erkte oder dem Monte Pellegrino gewesen.

Von hier aus, sagte man mir, ist es durchaus nicht möglich, ohne Führer

und Maulesel durch die Insel zu reisen. Selbst die Herren Bouge und

Caillot, an die ich von Wien aus wegen meiner fünf Dreier hier gewiesen

bin, sagen, es werde sich nicht thun lassen. Ich habe nicht Lust mich

jetzt noch hier länger aufzuhalten, lasse eben meine Stiefeln besohlen

und will morgen früh in die Insel hineinstechen. Da ich barfuß nicht

wohl ausgehen kann und doch etwas anderes zu schreiben eben nicht

aufgelegt bin, habe ich mich hingesetzt und in Sicilien einen Sicilier,

nämlich den Theokritus, gelesen. Der Cyklops kam mir eben hier so

drollig vor, daß ich die Feder ergriff und ihn unvermerkt niederschrieb.

Ich will Dir die Uebersetzung ohne Entschuldigung und Präambeln geben

und werde es sehr zufrieden seyn, wenn Du sie besser machst; denn ich

habe hier weder Apparat noch Geduld, und wäre mit ganzen Stiefelsohlen

wohl schwerlich daran gekommen. Also wie folgt:

Nicias, gegen die Liebe, so däucht mich, giebt es nicht andres

Pflaster und keine andere Salb', als Musengesänge.

Lindernd und mild ist das Mittel, doch nicht so leicht es zu finden.

Dieses weißt Du, glaub' ich, sehr wohl, als Arzt und als Liebling,

Als vorzüglicher Liebling der helikonischen Schwestern.

Also lebte bei uns einst leidlich der alte Cyklope

Polyphemus, da heiß er in Galateen entbrannt war.

Nicht mit Versen liebt' er und Aepfeln und zierlichen Locken,

Sondern mit völliger Wuth, hielt alles andre für Tand nur.

Oft, oft kamen die Schafe von selbst zurück von der Weide

Zu der Hürd', und der Hirt saß einsam und sang Galateen

Bis zum Abend vom Morgen schmelzend am Ufer im Riedgras,

Mit der schmerzlichen, schmerzlichen Wunde tief in dem Herzen,

Von der cyprischen Göttin, die ihm in die Leber den Pfeil warf.

Aber er fand das Mittel; er setzte sich hoch auf den Felsen,

Schaute hinaus in das Meer und hob zum Gesange die Stimme:

Ach Galatea, Du Schöne, warum verwirfst Du mein Flehen?

Weißer bist Du wie frischer Käs und zarter wie Lämmer,

Stolzer wie Kälber und herber wie vor der Reife die Traube.

Also erscheinest Du mir, wenn der süße Schlaf mich beschleichet;

Also gehst Du von mir, wenn der süße Schlaf mich verläßt;

Fliehest von mir wie ein Schaf, das den Wolf, den grauen, erblickte.

Mädchen, die Liebe zu Dir schlich damals zuerst in das Herz mir,

Als mit meiner Mutter Du kamst, Hyacinthen zu sammeln

Auf dem Hügel, und ich die blumigen Pfade Dich führte.

Seitdem schau ich immer Dich an, und kann es durchaus nun,

Kann es nicht lassen; doch kümmert es Dich, beim Himmel auch gar

nichts.

Ach ich weiß wohl, liebliches Mädchen, warum Du mich fliehest:

Weil sich über die ganze Stirne mir zottig die Braue,

Von dem Ohre zum Ohre gespannt, die einzige, lang zieht,

Nur ein Auge mir leuchtet, und breit mir die Nase zum Mund hängt.

Aber doch so wie ich bin hab' ich tausend weidende Schafe,

Und ich trinke von ihnen die süßeste Milch, die ich melke:

Auch geht mir der Käse nicht aus im Sommer, im Herbst nicht,

Nicht im spätesten Winter; die Körbe über den Rand voll.

Auch kann pfeifen ich schön, wie keiner der andern Cyklopen,

Wenn, Goldäpfelchen, Dich und mich den Getreuen, ich singe

Oft in der Tiefe der Nacht. Ich füttr' elf Hirsche mit Jungen.

Alle für Dich, und für Dich vier junge zierliche Bären.

Komm, ach komm nur zu mir! viel findest der Schätze Du mehr noch.

Laß Du die bläulichen Wogen nur rauschen am Felsengestade;

Süßer schläfst Du bei mir gewiß die Nacht in der Grotte.

Lorber hab' ich daselbst und schlanke, leichte Cypressen,

Dunkeln Epheu zur Laub' und süß befruchteten Weinstock;

Frisches Wasser, das mir der dicht bewaldete Aetna

Von dem weißesten Schnee zum Göttertranke herabschickt.

Sprich, wer wollte dagegen die Wogen des Meeres erwählen?

Und bin ich ja für Dich, mein liebliches Mädchen, zu zottig,

Ei, so haben wir eichenes Holz und glühende Kohlen:

Und von Dir vertrag' ich, daß Du die Seele mir ausbrennst,

Und, was am liebsten und werthsten mir ist, das einzige Auge.

Ach, warum ward ich nicht ein Triton mit Flössen zum Schwimmen?

Und ich tauchte hinab, Dir das schöne Händchen zu küssen,

Wenn Du den Mund mir versagst, und brächte Dir Lilienkränze,

Oder den weichesten Mohn mit glühenden, klatschenden Blättern.

Aber jenes blühet im Sommer und dieses im Spätjahr,

Daß ich Dir nicht alles zugleich zu bringen vermöchte.

Aber ich lerne gewiß, ich lern', o Mädchen, noch schwimmen,

Kommt nur ein fremder Schiffer zu uns hierher mit dem Fahrzeug,

Daß ich doch sehe, wie lieblich sich dort bei euch unten es wohnet.

Komm, Galatea, herauf, und bist Du bei mir, so vergiß dann,

Wie ich hier sitzend am Felsen, zurück nach Hause zu kehren!

Komm und wohne bei mir und hilf mit weiden und melken,

Hilf mir mit bitterem Lab die neuen Käse bereiten!

Ach, die Mutter nur ist mein Unglück, sie nur verklag' ich;

Denn sie redet bei Dir für mich kein freundliches Wörtchen.

Und sieht doch von Tage zu Tage mich magerer werden.

Sagen will ich ihr nun, wie Kopf und Füße mir beben,

Daß auch sie sich betrübe, da ich vor Schmerzen vergehe.

O Cyklope, Cyklope, wo ist dein Verstand hingeflogen?

Gingst Du doch hin und flöchtest Dir Körbe und mähetest Gras Dir,

Deine Lämmer zu füttern; das wäre fürwahr doch gescheidter.

Melke das Schäfchen, das da ist; warum verfolgst Du den Flüchtling?

Und Du findst Galateen; auch wohl eine schönere Andre.

Mädchen die Menge rufen mir zu zum Scherze die Nacht durch:

Alle kichern mir nach. So will ich denn ihnen nur folgen:

Denn ich bin auf der Welt doch wohl auch wahrlich ein Kerl noch.

Also weidete Polyphemus und sang von der Liebe,

Und es ward ihm leichter, als hätt' er Schätze vergeudet.

Ist es nicht Schade, daß wir das zärtliche Liebesbriefchen des

Polyphemus an seine geliebte Galatee von dem Tyrannen Dionysius nicht

mehr haben? Er wurde, glaube ich, durch einen Triton bestellt. Die

sicilischen Felsen machen alle eine eigene idyllische Erscheinung; und

wenn ich mir so einen verliebten Cyklopen Homers oder Virgils in

schmelzenden Klagen darauf sitzend vorstelle, so ist die Idee gewaltig

possirlich. Das giebt übrigens auch, ohne eben meine persönlichen

Verdienste mit den Realitäten des Polyphemus zu vergleichen, eigene,

nunmehr nicht unangenehme Reminiscenzen meiner übergroßen Seligkeit,

wenn ich ehemals meine theuer gekaufte Spätrose der kleinen Schwester

meiner Galatee geben konnte, und wenn ich drei hyperboreische Meilen auf

furchtbarem Wege in furchtbarem Wetter meinen letzten Gulden in das

Schauspiel trug, um aus dem dunkelsten Winkel der Loge nicht das

Schauspiel, sondern die Göttin zu sehen. Ich hatte mit meinem Cyklopen

gleiches Schicksal und brauchte mit ziemlichen Erfolg das nämliche

Mittel.

Eben hatte ich die letzten Verse geschrieben, als man mir meine Stiefeln

brachte; und diesem Umstande verdankst Du, daß ich Dir nicht auch noch

seine Hexe oder sein Erntefest bringe.

_Agrigent._

Siehst Du, so weit bin ich nun, und bald am Ende meines Spaziergangs,

der bei dem allen nicht Jedermanns Sache seyn mag. Von hier nach Syrakus

habe ich nichts zu thun, als an der südlichen Küste hinzustreichen; das

kann in einigen Tagen geschehen, wenn ich nun ein ächter Gelehrter oder

gar Antiquar wäre, so würde ich mich ärgern: denn ich habe viel

versehen. Ich wollte nämlich von Palermo über Trapani, Alcamo und

Sciacca gehen, um in Segeste und Selinunt die Alterthümer zu sehen, die

noch dort sind. Auch Barthels hat sie nicht gesehen, wenn ich mich recht

erinnere; und der Tempel von Segeste wäre doch wohl eine so kleine

Abschweifung werth. Ich wohnte in Palermo mit einem neapolitanischen

Officier, einem Herrn Canella aus Girgenti, zusammen, mit dem ich ein

langes und breites darüber sprach; und dieser hatte die Güte mir einen

Mauleseltreiber aus seiner Vaterstadt als Wegweiser zu besorgen. Nun

denke ich in meiner Sorglosigkeit weiter mit keiner Sylbe daran, und

glaube, der Kerl wird mich gerade an den Eryx bringen. Ich setze mich

auf und reite in der größten Andacht, in welcher ich meine Orangen nach

und nach aufzehre, wohl zwei Stunden fort, als mir einfällt, daß ich

doch zu weit links von der See abkomme. Der Eseltreiber versicherte mich

aber sehr ehrlich, das sei der rechte gewöhnliche Weg nach Agrigent. Ich

bin wieder einige Millien zufrieden. Endlich kommen wir bei Bei Frati

an, und ich finde mich zu sehr mitten in der Insel. Nun orientirte und

erklärte ich mich, und da kam denn zum Vorschein, daß sich der

Eseltreiber den Henker um meine Promenade bekümmert hatte, und mit mir

gerade den alten römischen Weg durch die Insel geritten war. Was war zu

thun? Rechts einlenken? Da war eine ganze Welt voll Berge zu

durchstechen, und Niemand wollte den Weg wissen: und das Menschenkind

verlangte nicht mehr als sechs goldene Unzen, um nach Palermo zurück und

den andern Weg zu machen. Das war meiner Börse zuviel: ich entschloß

mich endlich mit etwas Griesgrämlichkeit nun so fort zu reiten, und die

erycinische Göttin andern zu überlassen, die vielleicht ihren Werth

besser zu würdigen verstehen. Wir ritten von Palermo bis fast an die

Bagarie den Weg nach Termini, und stachen dann erst rechts ab. Die

Partien sind angenehm und könnten noch angenehmer seyn, wenn die Leute

etwas fleißiger wären. So wie man sich von der Hauptstadt entfernt, wird

es ziemlich wild. Wir kamen durch einige ziemlich unbeträchtliche

Oerter, und der Abfall der Kultur und des äußerlichen Wohlstandes war

ziemlich grell. Alles war weit theuerer, als in der Hauptstadt, nur

nicht die Apfelsinen, an denen ich mich erholte und von denen ich mein

Magazin nicht leer werden ließ. Nicht weit von Bei Frati blieb uns

rechts auf der Anhöhe ein altes Schloß liegen, das man Torre di Diana

nannte, und wo die Sarazenen ehemals mit den Christen viel Grausamkeit

getrieben haben sollen. Es war mir noch zu zeitig bei den schönen

Brüdern zu bleiben, zumal da das Wirthshaus geradezu der Revers des

Namens war; wir ritten also ungefähr fünf Millien weiter an ein anderes.

Hier war auch nicht einmal Maccaroni zu haben. Wir ritten also wieder

weiter; mein Eseltreiber und noch ein armer Teufel, der sich

angeschlossen hatte, fingen an sich vor Räubern zu fürchten, und ich war

es auch wohl zufrieden, als wir endlich ziemlich spät in Sankt Joseph,

nicht weit von einem Flusse, ankamen, dessen Namen ich vergessen habe.

Hier fanden wir eine ganze Menge Mauleseltreiber aus allen Theilen der

Insel und doch wenigstens Maccaroni. Aus Vorsicht hatte ich für mich in

Palermo Brot gekauft, das beste und schönste, das ich je gesehn und

gegessen habe. Hier war es mir eine Wohlthat, und ich selbst konnte

damit den Wohlthäter machen. Die Leutchen im Hause, unter denen ein

Kranker war, segneten die fremde Hülfe: denn das wenige Brot, das sie

selbst hatten, war sehr schlecht. Ist das nicht eine Blasphemie in

Sicilien, das ehemals eine Brotkammer für die Stadt Rom war? Ich konnte

meinen Unwillen kaum bergen.

Einen lustigen Streit gab es zum Dessert der Maccaroni. Die Eseltreiber

hatten mir abgelauert, daß ich wohl ihre Alterthümer mit besuchen

wollte, wie sich denn dieses in Sicilien einem Fremden sehr leicht

abmerken läßt. Da erhob sich ein Zwist unter den edelmüthigen

Hippophorben über die Vorzüge ihrer Vaterstädte in Rücksicht der

Alterthümer. Der Eseltreiber von Agrigent rechnete seine Tempel und die

Wunder und das Alter seiner Stadt her; der Eseltreiber von Syrakus sein

Theater, seine Steinbrüche und sein Ohr; der Eseltreiber von Alcamo sein

Segeste und der Eseltreiber von Palermo hörte königlich zu und sagte --

nichts. »Ihr könnt euch auch groß machen,« sagte der Treiber von

Catanien zu dem Treiber von Alcamo, »mit eurem Margarethentempelchen,

der nicht einmal euer ist,« und fing nun an auch die Alterthümer seiner

Vaterstadt, als der ältesten Universität der Erde, herauszustreichen,

wobei er den Alcibiades nicht vergaß, der in ihrem Theater geredet habe.

Du mußt wissen, Margarethe heißt bei den Siciliern durchaus ein

gefälliges, feiles Mädchen; das war für die Mutter des ehrsamen Mannes

der Aeneide kein sonderlicher Weihrauch. Ohne mein Erinnern siehst Du

hieraus, daß die sicilischen Mauleseltreiber sehr starke Antiquare sind,

ob sie die Sache gleich nicht immer außerordentlich genau nehmen; denn

der Agrigentiner rechnete den benachbarten Macaluba zu den Alterthümern

seiner Vaterstadt, ohne daß seine Gegner protestirten; und hätte der

Streit noch länger gedauert, so hätte der Catanier vielleicht den Aetna

auch mit aufgezählt.

Den Morgen darauf gingen wir durch die Jumarren, einen heillosen Weg,

unter sehr schlechtem Wetter. Nie habe ich eine solche Armuth gesehen,

und nie habe ich mir sie nur so entsetzlich denken können. Die Insel

sieht im Innern furchtbar aus. Hier und da sind einige Stellen bebaut;

aber das Ganze ist eine Wüste, die ich in Amerika kaum so schrecklich

gesehen habe. Zu Mittage war im Wirthshause durchaus kein Stückchen Brot

zu haben. Die Bettler kamen in den jämmerlichsten Erscheinungen, gegen

welche die römischen auf der Treppe des _spanischen_ Platzes noch

Wohlhabenheit sind; sie bettelten nicht, sondern standen mit der ganzen

Schau ihres Elends nur mit Blicken flehend in stummer Erwartung an der

Thüre. Erst küßte man das Brot, das ich gab, und dann meine Hand. Ich

blickte fluchend rund um mich her über den reichen Boden, und hätte in

diesem Augenblicke alle sicilische Barone und Aebte mit den Ministern an

ihrer Spitze ohne Barmherzigkeit vor die Kartätsche stellen können. Es

ist heillos. Den Abend blieb ich in Fontana Fredda, wo ich, nach dem

Namen zu urtheilen, recht schönes Wasser zu trinken hoffte. Aber die

Quelle ist so vernachlässiget, daß mir der Wein sehr willkommen war. Ich

mußte hier für ein Paar junge Tauben, das einzige, was man finden

konnte, acht Karlin, ungefähr einen Thaler nach unserm Gelde, bezahlen;

da ich doch mit dem ewigen Maccaroni mir den Magen nicht ganz

verkleistern wollte. Das Beste war hier ein großer, schöner, herrlicher

Orangengarten, wo ich aussuchen und pflücken konnte, so viel ich Lust

hatte, ohne daß es die Rechnung vermehrt hätte, und wo ich die

köstlichsten, hochglühenden Früchte, von der Größe einer kleinen Melone,

fand. Gegenüber hängt das alte Sutera traurig an einem Felsen, und Campo

Franco von der andern Seite. Das Thal ist ein wahrer Hesperidengarten

und die Segensgegend wimmelt von elenden Bettlern, vor denen ich keinen

Fuß vor die Thür setzen konnte; denn ich kann doch nicht helfen, wenn

ich auch alle Taschen leerte und mich ihnen gleich machte.

Der Fluß ohne Brücke über den ich in einem Strich von ungefähr drei

deutschen Meilen wohl funfzehn Mal hatte reiten müssen, weil der Weg

bald diesseits, bald jenseits gehet, ward diesen Morgen ziemlich groß;

und das letzte Mal kamen zwei starke cyklopische Kerle, die mich mit

Gewalt auf den Schultern hinüber trugen. Sie zogen sich aus bis aufs

Hemde, schürzten sich auf bis unter die Arme, trugen Stöcke wie des

Polyphemus ausgerissene Tannen, und suchten die gefährlichsten Stellen,

um ihr Verdienst recht groß zu machen: ich hätte gerade zu Fuße

durchgehen wollen, und wäre nicht schlimmer daran gewesen als am Ende

der pontinischen Sümpfe vor Terracina. Ihre Forderung war unverschämt,

und der Eseltreiber meinte ganz leise, ich möchte sie lieber willig

geben, damit sie nicht bösartig würden. Sie sollen sich sonst kein

Gewissen daraus machen, Jemand mit dem Messer, oder dem Gewehrlauf, oder

geradezu mit dem Knittel in eine andere Welt zu liefern. Die

Gerechtigkeit erkundigt sich nach solchen Kleinigkeiten nicht weiter.

Der Fluß geht nun rechts durch die Gebirge in den See. Ich habe seinen

eigentlichen Namen nicht gefaßt; man nannte ihn bald so, bald anders,

nach der Gegend; am häufigsten nannten ihn die Einwohner ^Fiume di San

Pietro^. Von nun an war die Gegend von hierher nach Agrigent abwechselnd

sehr schön und fruchtbar, und auch noch leidlich bearbeitet. Nur um den

Macaluba, den ich rechts von dem Wege ab aufsuchte, ist sie etwas mager.

Ich will Dir sagen, wie ich den Berg, oder vielmehr das Hügelchen fand.

Seine Höhe ist sehr unbeträchtlich und sein ganzer Umfang ungefähr eine

Viertelstunde. Rund umher sind in einer Entfernung von einigen Stunden

ziemlich hohe Berge, so daß ich die vulkanische Erscheinung Anfangs für

Quellwasser von den Höhen hielt. Diese mögen dazu beitragen; aber sie

sind wohl nicht die einzige Ursache. Die Höhe des Orts ist

verhältnißmäßig doch zu groß, und es giebt rund umher doch viel tiefere

Gegenden, die auch wirklich Wasser halten. Am wenigsten ließe sich seine

periodische Wuth erklären. Wo ich hinaufstieg, fand ich einen einzelnen,

drei Ellen hohen Kegel, aus einer Masse von Thon und Sand, dessen Spitze

oben eine Oeffnung hatte, aus welcher die Masse immer herausquoll und

herabfloß, und so den Kegel vergrößerte. Auf der Höhe des Hügels waren

sechs größere Oeffnungen, aus denen beständig eben dieselbe Masse

hervordrang; ihre Kegel waren nicht so hoch, weil die Masse flüssiger

war. Ich stieß in einige meinen Knotenstock gerade hinein, und fand

keinen Grund; so wie ich aber nur die Seiten berührte, war der Boden

hart. In der Mitte, und ziemlich auf der größten Höhe desselben, war die

größte Oeffnung, zu der ich aber nicht kommen konnte, weil der Boden

nicht trug, und ich befürchten mußte, zu versinken. Zuweilen, wenn es

anhaltend sehr warm und trocken ist, soll man auch zu diesem Trichter

sehr leicht kommen können. Ich sah der Oeffnungen rund umher größere und

kleinere, ungefähr dreißig. Einige waren so klein, daß sie nur ganz

kleine Bläschen in Ringelchen ausstießen, und ich konnte meinen Stock

nur mit Widerstand etwas hineinzwingen. Die Ausbrüche und die

Regenstürme ändern das Ansehen des Macaluba beständig; er ist daher noch

etwas wandelbarer, als seine größern Herren Vettern. Ihm gegenüber

liegt, in einer Entfernung von ungefähr zwei Stunden, auf einer

beträchtlichen Anhöhe eine Stadt, die von weitem ziemlich hübsch

aussieht, und, wenn ich nicht irre, Ravonna heißt. Die Einwohner dieses

Orts und einiger naheliegenden kleinen Dörfer wurden, wie man erzählte,

vor drei Wochen sehr in Schrecken gesetzt, weil der Zwergberg anfing

inwendig gewaltig zu brummen und zu lärmen. Es ist aber dießmal bei dem

Brummen geblieben. Von dem Diminutiv-Vulkan bis hierher sind ungefähr

noch acht Millien durch eine ziemlich rauhe Gegend über mehrere Berge.

Mein Eintritt in die Locanda hier war eine gewaltig starke

Ohrfeigenpartie. Das ging so zu. Als ich das Haus betrachtete, ob es mir

anstehen und ob ich hier bleiben würde, kam ein sehr dienstfertiger

Cicerone, der mich wahrscheinlich zu einem seiner Bekannten bringen

wollte. Ehe ich mir's versah, schoß ein junger starker Kerl aus einer

Art von Küche heraus, fuhr vor mir vorbei, und packte den höflichen

Menschen mit einer furchtbaren Gewalt bei der Gurgel, warf ihn nieder,

und fing an, ihn mit den Fäusten aus allen Kräften zu bearbeiten. Ich

sprach zum Frieden, so gut ich konnte, und er ließ den armen Teufel

endlich los, der auch sogleich abmarschirte. Ich sagte dem Fausthelden

so glimpflich als möglich, daß ich diese Art Willkommen etwas zu

handgreiflich fände; da trat er ganz friedlich und sanft vor mich und

demonstrirte mir, der Kerl habe seine Mutter geschimpft; das könne und

werde er aber nicht leiden. Nun machte man mir ein Zimmer bereit; und so

schlecht es auch war, so zeigten die Leute doch allen guten Willen; und

damit ist ein ehrlicher Kerl schon zufrieden. Nun suchte ich den Ritter

Canella, den Onkel meines militärischen Freundes in Palermo, und den

Kanonikus Raimondi auf. Beide waren sehr artig und freundschaftlich, und

der Ritter besuchte mich sogar in meinem Gasthause. Raimondi, welcher

Direktor der heiligen Schrift ist, führte mich in die alte gothische

Kathedrale, wo ich den antiken Taufstein sah und das akustische

Kunststück nicht hören konnte, da er den Schlüssel zu der verschlossenen

Stelle vergessen hatte, und es unbescheiden gewesen wäre, ihn wegen der

Kleinigkeit noch einmal zu bemühen. Man findet es in vielen Kirchen.

Wenn man an dem einen Ende ganz leise spricht, geht der Schall oben an

dem Bogen hin, und man hört ihn an der andern Seite ganz deutlich. Jetzt

hat man den Ort deßwegen verschlossen, weil man auf diese Weise die

Beichtenden belauschte. Der alte Taufstein, der die Geschichte des

Hippolytus enthält, ist aus den Reisenden und Antiquaren bekannt genug,

und ich fand bei Vergleichung auf der Stelle, daß Dorville, welcher bei

Raimondi lag, fast durchaus außerordentlich richtig gezeichnet hat.

Canella gab mir einen Brief an den Marchese Frangipani in Alicata. Mein

Mauleseltreiber kam beständig und machte den Bedienten und Cicerone. ^Io

saggio tutto, Signore, Io conosco tutte le maraviglie^, sagte er mit

einer apodiktischen Wichtigkeit, wider welche sich eben so wenig

einwenden ließ, als wider die Infallibilität des Papstes. Da ich das

meiste, was ich sehen wollte, schon ziemlich kannte, hatte ich weiter

nichts gegen die Gutherzigkeit des Kerls, der ein Bursche von ungefähr

neunzehn Jahren war. Ich hatte das ganze Wesen der alten Stadt schon aus

den Fenstern des Herrn Raimondi übersehen, steckte also den folgenden

Morgen mein Morgenbrot in die Tasche, und ging hinunter in die

ehemaligen Herrlichkeiten der alten Akragantiner. Was kann eine

Rhapsodie über die Vergänglichkeit aller weltlichen Größe helfen? Ich

sah da die Schutthaufen und Steinmassen des Jupiterstempels, und die

ungeheuern Blöcke von dem Tempel des Herkules, wie nämlich die Antiquare

glauben; denn ich wage nicht, etwas zu bestimmen. Die Trümmern waren mit

Oelbäumen und ungeheuren Karuben durchwachsen, die ich selten anderswo

so schön und groß gesehen habe. Sodann gingen wir weiter hinauf zu dem

fast ganzen Tempel der Concordia. Das Wetter war frisch und sehr windig.

Ich stieg durch die Celle hinauf, wo mir mein weiser Führer folgte, und

lief dann oben auf dem steinernen Gebälke durch den Wind mit einer

nordischen Festigkeit hin und her, daß der Agrigentiner, der doch ein

Mauleseltreiber war, vor Angst blaß ward, an der Celle blieb und sich

niedersetzte. Ich that das nämliche mitten auf dem Gesims, bot den

Winden Trotz, nahm Brot und Braten und Orangen aus der Tasche, und hielt

ein Frühstück, das gewiß Scipio auf den Trümmern von Karthago nicht

besser gehabt hat. Ich konnte mich doch einer schauerlichen Empfindung

nicht erwehren, als ich über die Stelle des alten, großen, reichen

Emporiums hinsah, wo einst nur ein einziger Bürger unvorbereitet

vierhundert Gäste bewirthete, und jedem die üppigste Bequemlichkeit gab.

Dort schlängelte sich der kleine Akragas, welcher der Stadt den Namen

gab, hinunter in die See; und dort oben am Berge, wo jetzt kaum noch

eine Trümmer steht, schlugen die Karthager, und das Schicksal der Stadt

wurde nur durch den Muth der Bürger und die Deisidämonie des feindlichen

Feldherrn aufgehalten. Wo jetzt die Stadt steht, war vermuthlich ehemals

ein Theil der Akropolis. Nun ging ich noch etwas weiter hinauf zu dem

Tempel der Juno Lucina und den übrigen Resten, unter denen man mehrere

Tage sehr epanorthotisch hin und her wandeln könnte. Die systematischen

Reisenden mögen Dir das Uebrige sagen; ich habe keine Entdeckungen

gemacht. Der jetzige König hat einige Stücke wieder hinauf auf den alten

Concordientempel schaffen lassen, und dafür die schöne alte Fronte mit

der pompösen Inschrift entstellt: »^Ferdinandus IV. Rex restaurauit.^«

Ich hätte den Giebel herunterwerfen mögen, wo die kleinliche Eitelkeit

stand.

Die beiden ziemlich gut erhaltenen Tempel stehen nicht weit von den

alten Mauern, in deren solidem Felsen eine Menge Aushöhlungen sind, aus

denen man nicht recht weiß, was man machen soll. Einige halten sie für

Gräber. Mir kommt es wahrscheinlicher vor, daß es Schlafstellen für die

Wache waren, eine Art von Kasernen; und sie sind vermuthlich nur aus der

neuern Zeit der Saracenen oder Gothen. Diese Mauern, so niedrig sie auch

gegen die hohen Berge umher liegen, sind doch als Felsen beträchtlich

genug, daß man von der See aus die Stadt das hohe Akragos nennen konnte;

und noch jetzt würden unsere Vierundzwanzig-Pfünder genug zu arbeiten

haben, eine Bresche hineinzuschlagen. Es ist wohl nicht ohne Grund

geschehen, daß man die schönsten Tempel der Mauer so nahe baute. Sie

waren das Heiligthum der Stadt; ihre Nähe beim Angriff mußte anfeuern,

wo die Bürger augenscheinlich ^pro aris et focis^ schlugen. Auch der

Tempel des Herkules muß unten nicht weit von der Mauer gestanden haben.

Dort sind aber die Mauern nicht so hoch und stark gewesen, weil die

Natur dort nicht so unterstützte; eben deßwegen setzte man dorthin den

Tempel des Herkules, um die Bürger an der schwachen Seite mehr an Kampf

und Gefahr zu erinnern; eben deßwegen liegen wahrscheinlich dort Tempel

und Mauer in Trümmern, weil vermuthlich daselbst die Stadt mehreremal

eingenommen wurde. Was ich aus dem sogenannten Grabmal Hierons machen

soll, weiß ich nicht; ich überlasse es mit dem Uebrigen ruhig den

Gelehrten. Ich habe nicht Zeit, gelehrt zu werden. Am kürzesten dürfte

ich nur meinem Maultiertreiber folgen; der sagt mir gläubig fest

bestimmt. »^Kischt' è il tempio di San Gregoli; Kischta Madonna è

antica^;« und wer es nicht glauben will, ^anathema sit^. Der gute Mensch

hat mich recht herzlich in Affektion genommen, und meint es recht gut;

vorzüglich zeigt er mir gewissenhaft alle Klöster, und sagt mir, wie

reich sie sind. Nun interessiren mich die Klöster und ihre Bewohner nur

[Griechisch: kat' antiphrasin tês kalokagathias]; ich sagte also diesen

Morgen zu einem solchen Rapport ganz unwillig murmelnd in meinem

Mutteridiom: »Ich wollte, es wären Schweinställe!« Weiß der Himmel, was

der fromme Kerl verstanden haben mochte: »^Si, si, Signore, dice bene^,«

sagte er treuherzig; »^kischt' è la cosa^.« Er rechnete es mir hoch an,

daß er Italienisch sprach, und nicht den Jargon seiner Landsleute, mit

denen ich gar nicht fortkommen würde: doch kam ich mit seinen

Landsleuten in ihrem Jargon noch so ziemlich ohne ihn fort. Auf der

heutigen Promenade erzählte er mir von einer kleinen Stadt, nicht weit

von Alcamo hinab in dem Gebirge, wo die Leute Griechisch sprächen, oder

gar Türkisch, so daß man sie gar nicht verstehen könnte, wie das oft der

Fall zu Girgenti auf dem Markte wäre. Hier führte er eine Menge ihrer

Wörter an, die ich, leider! wieder vergessen habe. »^Non sono cosi boni

latini, come noi autri^,« sagte er. Du siehst, der Mensch hat Ehre im

Leibe.

Den musikalischen Talenten und der musikalischen Neigung der Italiener

kann ich bis jetzt eben keine große Lobsprüche machen. Ich habe von

Triest bis hierher, auf dem Lande und in den Städten, auch noch keine

einzige Melodie gehört, die mich beschäftigt hätte, welches doch in

andern Ländern manchmal der Fall gewesen ist. Das Beste war noch von

eben diesem meinem ästhetischen Cicerone aus Agrigent, der eine Art

Liebesliedchen sang, und sehr emphatisch drollig genug immer

wiederholte: »^Kischta nutte, kischta nutte iu verrù, iu verrù.^«

(^Questa notte io verrò.^)

Eben bin ich unten am Hafen gewesen, der vier italienische Meilen von

der Stadt liegt. Der Weg dahin ist sehr angenehm durch lauter

Oelpflanzungen und Mandelgärten. Hier und da sind sie mit Zäunen von

Aloen besetzt, die in Sicilien zu einer außerordentlichen Größe wachsen;

noch häufiger aber mit indischen Feigen, die erst im September reif

werden, und von denen ich das Stück, so selten sind sie jetzt, in der

Stadt mit fast einem Gulden bezahlen mußte, da ich die Seltenheit doch

kosten wollte. Die Karuben, oder Johannisbrotbäume gewinnen hier einen

Umfang, von dem wir bei uns gar keine Begriffe haben. Sie sind so

häufig, daß in einigen Gegenden des südlichen Ufers das Vieh mit Karuben

gemästet wird. Der Hafen, wie er jetzt ist, ist vorzüglich von Karl dem

Fünften gebaut. Buonaparte lag einige Tage hier und auf der Rhede, als

er nach Aegypten ging: und damals kamen auch einige Franzosen hinauf in

die Stadt, wo gar keine Garnison liegt. Sie müssen sich aber nicht gut

empfohlen haben; denn der gemeine Mann und Bürger spricht mit Abscheu

von ihnen. Der Hafen ist ungefähr wie in Ancona, und keiner der besten.

Nicht weit davon sind eine Menge unterirdischer Getreidebehälter, weil

von Agrigent sehr viel ausgeführt wird. Die politische Stimmung durch

ganz Sicilien ist gar sonderbar, und ich behalte mir vor, Dir an einem

andern Orte noch einige Worte darüber zu sagen.

_Syrakus._

Dieß ist also das Ziel meines Spazierganges, und nun gehe ich mit

einigen kleinen Umschweifen wieder nach Hause.

Ich will Dir von meiner Wanderung hierher so kurz als möglich das

Umständliche berichten. Das Reisen zu Maulesel wird mir doch ziemlich

kostbar. Von Agrigent aus verlangte man für einen Maulesel nicht weniger

als eine Unze täglich, etwas mehr als einen Kaiserducaten; oder eine

Pezzo, wenn ich ihn selbst füttern und den Führer beköstigen wollte.

Dieß war nun sehr theuer; und mein eigener Unterhalt kostete, zumal auf

dem Lande, nicht wenig. Ich handelte also mit meinem Mauleseltreiber, er

sollte mich zu Fuße auf einer Ronde um die Insel begleiten; dafür sollte

er mit mir ordentlich leben, so gut man in Sicilien leben kann, und ich

wollte ihm täglich noch fünf Karlin, ungefähr einen deutschen Gulden,

geben: dabei könnte er doch zusammen während der kurzen Zeit drei

goldene Unzen Gewinn haben. Der Handel wurde gemacht; ich gab ihm zwei

Unzen voraus, um sich für die eine, eigene Bedürfnisse auf die Reise

anzuschaffen, und die zweite unterdessen seiner alten Mutter zu lassen.

Er kaufte mir einen Habersack, ungefähr wie man ihn den Mauleseln mit

dem Futter umhängt, that meine zwei Bücher, meine Hemden mit den übrigen

Quinquaillerien und etwas Proviant hinein, und trug ihn mir nach oder

vor. Meinen stattlichen Tornister hatte ich, um ganz leicht zu seyn, und

auch aus Klugheit, versiegelt in Palermo gelassen: denn er fand überall

so viel Beifall und Liebhaber, daß man mir einigemal sagte, man würde

mich bloß meines Tornisters wegen todtschlagen.

Noch muß ich hier eine Bekanntschaft nachholen, die ich in Agrigent

machte. Als ich in meinem Zimmer aß, trat ein stattlich gekleideter Mann

zu mir herein, und erkundigte sich theilnehmend nach allen gewöhnlichen

Dingen, nach meinem Befinden, und wie es mir in seinem Vaterlande

gefiel, und so weiter. Die Bekanntschaft war bald gemacht; er wohnte in

einem Zimmer mir gegenüber in dem nämlichen Wirthshause, bat um die

Erlaubniß, sein Essen zu mir bringen zu dürfen, und wir aßen zusammen.

Es fand sich, daß er eine Art Steuerrevisor von Palermo war, der in

königlichen Geschäften reiste. Die Sicilianer sind ein sehr gutmüthiges,

neugieriges Völkchen, die in der ersten Viertelstunde ganz treuherzig

dem Fremden Alles abzufragen verstehen. Ich fand nicht Ursache, den

Versteckten zu spielen; und so erfuhr denn der Herr Steuerrevisor über

Tische auf seine Frage, daß ich ein Ketzer war. Der dicke Herr legte vor

Schrecken Messer und Gabel nieder, und sah mich an, als ob ich schon in

der Hölle brennte; er fragte mich nun über unser Religionssystem, von

dem ich ihm so wenig als möglich, so schonend als möglich sagte. Der

Mensch war in der Residenz verheirathet, hatte zu Hause drei Kinder, und

mußte, nach seiner offenen Beichte, auf der Landreise jede Nacht zur

Bequemlichkeit, wo möglich, sein Mädchen haben; fluchte übrigens und

zotirte auf Lateinisch und Italienisch trotz einem Bootsknecht: aber er

konnte durchaus nicht begreifen, wie man nicht an den Papst glauben und

ohne Mönche leben könne. Dabei hatte er ziemliche Studien aus der

römischen Legende. Doch entschloß er sich, mit mir fortzuessen, fragte

aber immer weiter. Es fehlte ihm nicht an etwas Gutmüthigkeit und einem

Schein von Vernunft; aber er donnerte doch halb spaßhaft das

Verdammungsurtheil über uns Alle her: »^Siete tutti minchioni, siete

come le bestie.^« Das nenne ich mir Logik! indessen, lieber Freund, es

giebt dergleichen Logik noch viel in der Welt, ^in jure canonico, civili

et publico^, die uns für Sterling verkauft wird. Uebrigens trug der Mann

viel Sorge für mich, schloß sich brüderlich an mich an, und meinte, ich

ginge großen Gefahren entgegen. Das war nun nicht zu ändern. Als ich

abging, band er mich dem Eseltreiber auf die Seele, gab ihm für mich

seine Adresse in Palermo und ließ mich Ketzer doch unter dem Schutze

aller Heiligen ziehen.

So zog ich denn mit meinem neuen Achates den Berg hinunter, über den

kleinen Fluß hinweg nach dem Monte Chiaro hin, auf Palma zu, welches die

hiesigen Einwohner Parma nennen. Ein junger Mensch, der in Syrakus einen

Handel machen wollte, gesellte sich mit seinem Esel zu uns. Mir war das

nicht sehr lieb, weil ich immer die Ehre hatte für alle Eseltreiber der

ganzen Insel zu bezahlen. In Palma traf ich einige meiner Bekannten, die

Antiquare von Sankt Joseph, die sich über das Margarethentempelchen von

Segeste zankten. Diese Herren staunten über meine Verwegenheit, daß ich

zu Fuße reisen wollte. Hier hatte ich ein Unglück, daß mich auch den Weg

allein fortzusetzen zwang. Mein Begleiter von Agrigent war sehr fromm,

es war Fasten; er aß so viel Paste, daß ich über seine Capacität

erstaunte. Indeß ein Sicilianer dieser Art hat seine Talente, die unser

einer nicht immer beurtheilen kann. Ich mochte nichts sagen; er hätte

glauben können, es wäre wegen der Bezahlung. Wir gingen fort; aber kaum

waren wir eine halbe Stunde gegangen, so fing die Paste an zu schwellen,

und verursachte dem frommen Menschen fürchterliche Passionen. Ich fing

nun an ihm den Sermon zu halten, warum er so viel von dem Kleister und

nicht lieber etwas mit mir gegessen habe. Hier rührte ihn von neuem das

Gewissen, und er bekannte mir, er habe schon furchtbare Angst gehabt,

daß er mit mir in der Fasten zu Fontana Fredda eine halbe Taube

gegessen. Sein Beichtvater habe ihn hart darüber angelassen. Die Sache

ward nun schlimmer. Er fiel nieder, wälzte sich und schrie vor Schmerz

und konnte durchaus nicht weiter fort. Was sollte ich thun? Ich konnte

hier nicht bleiben. Nachdem ich ihm so derb und sanft als möglich den

Text über seinen unvernünftigen Fraß gelesen hatte, nahm ich ihm meinen

Sack ab, übergab ihn seinem Freunde und Landsmanne, überließ ihn seinen

Heiligen und ging allein weiter. Es war mir lieb, daß ich ihn so gut

versorgt sah; ich hätte ihm nicht helfen können; doch that es mir um den

armen dummen Teufel leid. Ich habe nachher erfahren, daß er sich erholt

hat. Wenn er gestorben wäre, wäre es gewiß zum Wunder bloß darum

gewesen, weil er in der Fasten mit einem Ketzer junge Tauben gegessen

hatte, und nicht wegen seines bestialischen Maccaronifraßes. Ich habe

vernünftige Aerzte in Italien darüber sprechen hören, daß jährlich in

der Fasten eine Menge Menschen an der verdammten Paste sich zu Tode

kleistern; denn der gemeine Mann hat die ganze lange Zeit über fast

nichts anderes als Makkaroni mit Oel.

Ich ging also nun allein auf gut Glück immer an der Küste hin, bald das

Meer im Auge, bald etwas weiter links in das Land hinein, nachdem mich

der Weg trug. Bei Palma ist wieder schöne, herrliche Gegend, mit

abwechselnden Hügeln und Thälern, die alle mit Oelbäumen und

Orangengärten besetzt sind. Die hier wachsenden Orangen sind etwas

kleiner, als die übrigen in der Insel, aber sie sind die feinsten und

wohlschmeckendsten, die ich gegessen habe; selbst die von Malta nicht

ausgenommen, deren man eine Menge in Neapel findet. Gegen Abend kam ich

in Alicata an, wo ich vor der Stadt zwei sehr wohlgekleidete

Spaziergänger antraf, die mich zu sich auf eine Rasenbank einluden und

in zehn Minuten mir meine ganze Geschichte abgefragt hatten. Wir gingen

zusammen in die Stadt; ich halte sie für die beste, die ich nach Palermo

bis jetzt noch auf der Insel gesehen habe. Das Wirthshaus, das ich fand,

war ziemlich gut, ich hatte also nicht Ursache, dem Marchese Frangipani,

an den ich empfohlen war, beschwerlich zu fallen. Indessen gab ich doch

meinen Brief ab, und er nahm mich mit vieler Artigkeit in seinem

ziemlich großen Hause auf, wo ich eine ansehnliche Gesellschaft fand.

Man nöthigte mich, mit den Damen etwas Französisch und mit den

geistlichen Herren, deren einige zugegen waren, Lateinisch zu sprechen.

Als man sich zum Spiele setzte -- ^c'est partout comme chez nous^ -- und

ich daran nicht Theil nehmen wollte, noch konnte, da ich nie ein

Kartenblatt anrühre, empfahl ich mich und befand mich in meinem

Wirthshause recht wohl. In der schönsten Abenddämmerung machte ich noch

einen Spaziergang an dem Strande und sah der Fischerei zu. Die hiesige

Rhede muß für die Schiffe nicht viel werth seyn, so viel ich von der

Lage mit einem Ueberblick urtheilen kann. Gleich vor Alicata, von Palma

her, liegt ein am Meere sich herziehender Berg, der von den Gelehrten

mit Grund für den Eknomos der Alten gehalten wird. Jenseits des

Salzflusses, oder des südlichen Himera -- denn der nördliche fließt bei

Termini -- ist ein anderer Berg, dessen Name, glaube ich, Phalarius

heißt: und diese beiden Berge paradiren in den karthagischen Kriegen.

Der Eknomos soll nach der Erklärung Einiger seinen Namen davon haben,

weil der agrigentinische Tyrann Phalaris den Perillischen Stier hier

aufgestellt haben soll. Dieses scheint aber mehr auf den Phalarius zu

passen. Wenn Du mir erlaubst eine Konjektur zu machen, so will ich

annehmen, daß der Eknomos deßwegen so genannt worden sei, weil er ganz

allein, isolirt, von der ganzen übrigen Bergkette rund herum abgesondert

liegt; die andern Berge hängen in einem großen Amphitheater alle

zusammen. Der griechische Name däucht mir, könne dieß bedeuten:

[Griechisch: ek tou nomou tôn allôn horôn keitai geôlophos]. Der Berg

ist jetzt ziemlich gut bebaut, mit schönen Oelgärten und mehreren

Landhäusern besetzt, und giebt der Gegend ein sehr freundliches Ansehen.

Links ist an dem Himera hinauf eine schöne große Ebene mit

Weitzenfeldern; eine der besten, die ich je gesehen habe. Alicata ist

der erste Ort, wo ich in Sicilien billig behandelt wurde.

Ueberall warnte man mich vor bösen Wegen und vorzüglich hier in Alicata,

wo man sagte, daß die achtzehn Millien von hier nach Terra Nuova die

schlimmsten in der ganzen Insel wären. ^Sono cattiva gente^, hieß es;

und ^cattivo^ war der ewige Euphemismus, wenn sie zu Ehre ihres Landes

nicht Räuber und Banditen sagen wollten. Hier hat mich wahrscheinlich

nur meine armselige Figur gerettet. Ich wandelte gutes Muthes am Strande

hin, las Muscheln und murmelte ein Liedchen von Anakreon, machte mit

meinen Gedanken tausend Circumherumschweife und blieb bei der schönen

Idee stehen, daß ich hier nun vermuthlich in die geloischen Felder käme:

da sah ich von weitem drei Reiter und zwar zu Pferde auf mich zu

trottiren. Die Erscheinung eines Maulesels oder Esels ist mir in

Sicilien immer lieber, als eines Pferdes. Mir war etwas unreimisch, und

ich nahm mir vor, so ernsthaft als möglich vor ihnen vorbeizugehen. Das

litten sie aber nicht, ob sie es gleich auch mit ziemlichem Ernst

thaten. Sie waren alle drei mit Flinten bewaffnet; der Dolch versteht

sich von selbst. Ich grüßte nicht ganz ohne Argwohn. Man rief mir Halt!

und da ich that, als ob ich es nicht gleich verstanden hätte, ritt einer

mit Vehemenz auf mich zu, faßte mich beim Kragen und riß mich so heftig

herum, daß das Schisma noch an meinem Rocke zu sehen ist. »Wer seid

Ihr?« -- Ein Reisender. -- »Wo wollt Ihr hin?« -- Nach Syrakus. --

»Warum reitet Ihr nicht?« -- Es ist mir zu theuer; ich habe nicht Geld

genug dazu. -- Einer meiner Freunde in Rom hatte mich in dem barocken

Aufzuge gezeichnet, den ich damals machte, damit ich, wie er mir sagte,

doch sagen könnte, ich habe mich in Rom malen lassen. Ich schicke Dir

die Zeichnung zur Erbauung, und Du wirst hier wenigstens meine Eitelkeit

nicht beschuldigen, daß sie sich ins beste Licht gesetzt hat. Man riß

meinen Sack auf und fand darin freilich keine Herrlichkeiten, ein Hemde,

zwei Bücher, ein Stück hartes Brot, ein Stückchen noch härteren Käse und

einige Orangen. Man besah mich aufmerksam von der Ferse bis zum

Scheitel. -- »Ihr habt also kein Geld zum Reiten?« -- Ich kann so viel

nicht bezahlen. -- Meine Figur und der Inhalt meines Sackes schienen

ihnen hierüber ein gleichlautendes Dokument zu seyn. Man nahm das weiße

Buch, in welches ich einige Bemerkungen geschrieben hatte, um die

Reminiscenzen zu erhalten: man fragte, was es wäre, und durchblätterte

es neugierig, und Einer, der etwas Ansehen über die beiden Andern zu

haben schien, machte Miene es einzustecken. Ich sagte etwas betroffen:

Aber das ist mein Tagebuch mit einigen Reisebemerkungen für meine

Freunde. Der Mensch betrachtete mich in meiner Verlegenheit, besann sich

einige Augenblicke, gab mir das Buch zurück und sagte zu dem Andern:

»Gieb ihm Wein!« Dieses hielt ich, und wohl mit Recht, für das Zeichen

der Hospitalität und der Sicherheit. Ob ich gleich nicht lange vorher

reichlich aus einem Felsenbache getrunken hatte, so machte ich doch

keine Umstände, der ehrenvollen Gesellschaft Bescheid zu thun, so gut

ich konnte, und trank aus der dargereichten engen Flasche. Diese

Flaschen mit sehr engen Mündungen sind, wie Du vielleicht schon weißt,

hier für das arme Klima sehr diätetisch eingerichtet. Man ist durchaus

genöthigt sehr langsam zu trinken, weil man doch nicht mehr schlucken

kann, als heraus läuft. Nun fragte man mich dieses und jenes, worauf ich

so unbefangen als möglich antwortete. -- »An wen seid Ihr in Syrakus

empfohlen?« -- An den Ritter Landolina. -- »Den kenne ich;« sagte Einer.

-- »Ihr seid also arm und wollt den Giro machen, und geht zu Fuße?« Ich

bejahte das. Nun fragte man mich: »Versteht Ihr das Spiel?« Ich hatte

die Frage nicht einmal recht verstanden: da ich aber, außer ein wenig

Schach, durchaus gar kein Spiel verstehe, konnte ich mit gutem Gewissen

Nein antworten. Diese Frage ist mir vorher und nachher in Sicilien oft

gethan worden, und die Erkundigung ist, ob man etwas vom Lotto verstehe,

welches auch hier, Dank sei es der schlechten Regierung, eine allgemeine

Seuche ist. Das gemeine Volk steht hier noch oft in dem Wahn, der Fremde

als ein gescheidter Kerl müsse sogleich ausrechnen, oder auszaubern

können, welche Nummern gewinnen werden. Man wünschte mir gute Reise und

ritt fort. Was war nun von den Leuten zu halten? Aus gewöhnlicher

Vorsicht hatte ich die Uhr tief gesteckt: sie war also nicht zu sehen:

mein Taschenbuch, in welchem ungefähr noch sieben und zwanzig Unzen in

Gold liegen mochten, war inwendig in einer Tasche hoch unter dem linken

Arm und wurde also nicht bemerkt. Die Leute hatten keine Uniform und

durchaus kein Zeichen als Polizeireiter: übrigens waren sie für Sicilien

sehr anständig gekleidet. Gewehr und Dolche trägt in Unteritalien zur

Schande der Justiz und Polizei jedermann. Wenn sie ehrlich waren, so

thaten sie wenigstens alles mögliche es nicht zu scheinen: und das ist

an der südlichen Küste von Sicilien fast eben so schlecht, als wenn bei

uns in feiner Gesellschaft ein abgefeimter Schurke gerade das Gegentheil

thut. Ich denke immer, meine anscheinende Armseligkeit hat mich

gerettet, und die Uhr und die Unzen hätten mir den Hals brechen können.

Vor Terra Nuova wurde ich wieder freundschaftlich angehalten. Die Leute

hoben Getreide aus ihren unterirdischen Magazinen, wahrscheinlich um es

einzuschiffen. Ich fragte nach einem Gasthause. Man lud mich ein, mich

dort ein wenig niederzusetzen und auszuruhen: ich war wirklich müde und

that es. Neugierigere Leute als in Sicilien habe ich nirgends gefunden;

aber im Ganzen fehlt es ihnen nicht an Gutherzigkeit. Was schlecht ist,

kommt alles auf Rechnung der Regierung und Religionsverfassung. Man

fragte mich sogar, ob ich eine Uhr trüge, und begriff wieder nicht, wie

ich es nur wagen könnte, so zu reisen. Und doch bin ich überzeugt, das

war immer noch die sicherste Art, da ich allein war.

In der Stadt im Wirthshause gab man mir ein Zimmer, worin kein Bett,

kein Tisch und kein Stuhl war, und sagte dabei, ich würde in der ganzen

Stadt kein besseres finden. Ich warf mich auf einen Haferspreu, die in

einem Winkel aufgeschüttet war, und schlief ein. Ein Stündchen mochte

ich vielleicht geschlafen haben und es war gegen Abend; da wurde ich

geweckt. Mein Zimmer, wenn man das Loch so nennen kann, war voll Leute

aller Art, einige stattlich gekleidet, andere in Lumpen. Vor mir stand

ein Mann im Matrosenhabit, der eine förmliche lange Inquisition mit mir

anhob. Er war ganz höflich, so viel Höflichkeit nämlich bei so einem

Benehmen Statt finden kann, fragte erst Italienisch, sprach dann etwas

Tyrolerdeutsch, da er hörte, daß ich ein Deutscher sei; dann

Französisch, dann Englisch und endlich Latein. Die Anwesenden machten

Ohren, Maul und Nase auf, um so viel als möglich zu kapiren. Man war

geneigt mich für einen Franzosen zu halten, fragte, ob ich der Republik

gedient habe, und so weiter: aber über die eigene Stimmung gegen die

Franzosen gaben sie selbst nicht das geringste Merkzeichen. Der Mann im

Matrosenkleide sagte, ich müßte Franzose seyn, weil ich das Französische

so gut spräche. Das konnte nur ihm so vorkommen, weil er es sehr

schlecht sprach. Das Examen ward mir endlich sehr widerlich und lästig,

so wie ein Bär am Pfahl zu stehen und mich auf diese Weise beschauen und

vernehmen zu lassen; ich sagte also bestimmt: »Wenn ich verdächtig bin,

mein Herr, so bringen Sie mich vor die Behörde, wo ich mich legitimiren

werde; oder wenn Sie selbst von der Polizei sind, so sprechen Sie offen,

damit ich mich darnach benehmen kann! Erlauben Sie mir übrigens etwas

Ruhe in einem öffentlichen Hause, wo ich bezahle; es ist warm und ich

bin müde.« Das sagte ich italienisch so laut und gut ich konnte, damit

es alle verstehen möchten; einer der Herren bat mich höflich um

Verzeihung, ohne weiter eine Erklärung zu geben; die Neugierigen

verloren sich; und nach einigen Minuten war ich wieder allein auf meiner

Haferspreu. Den Abend, nachdem ich bei einigen Seefischen sehr gut

gefastet hatte, brachte man mir Heu; und ein gutmüthiger Tabuletkrämer

aus Katanien gab mir zur Decke einen großen Schafpelz, welcher mir

lieber war als ein Bett, das man nicht haben konnte.

Den andern Morgen ging ich über den Fluß Gela und durch ein herrliches

Thal nach Santa Maria di Niscemi hinauf. Dieses Thal mit den Partien an

dem Flusse links und rechts hinauf machte vermuthlich die Hauptgruppe

der geloischen Felder aus. Wenn auch Gela nicht gerade da stand, wo

jetzt Terra Nuova steht, so lag es doch gewiß nicht weit davon, und

höchst wahrscheinlich nur etwas weiter bergabwärts nach dem Flusse hin,

wo noch jetzt einige alte Ueberreste von Gemäuern und Säulen zu sehen

seyn sollen. Das Thal ist auch noch jetzt in der äußersten

Vernachlässigung sehr schön, und es läßt sich begreifen, daß es ehemals

bei der Industrie der Griechen ein Zaubergarten mag gewesen seyn. Hier

in Niscemi ist es wahrscheinlich wo vor mehrern Jahren ein merkwürdiger

Erdfall geschehen ist, den Landolina beschrieben hat.

Von hier aus wollte ich nach Noto gehen, und von dort nach Syrakus. Aber

wenn man in Sicilien nicht bekannt ist und ohne Wegweiser reist, so

bleibt man, wenn man nicht todt geschlagen wird, zwar immer in der

Insel; aber man kommt nicht immer geraden Weges an den bestimmten Ort.

Einige Meilen in der Nachbarschaft der Hauptstadt ausgenommen, kann man

eigentlich gar nicht sagen, daß in Sicilien Wege sind. Es sind bloß

Mauleseltriften, die sich oft verlieren, daß man mit ganzer

Aufmerksamkeit den Hufen nachspüren muß. Der König selbst kann in seinem

Königreich nicht weiter als nach Montreal, Termini und einige Meilen

nach Agrigent zu im Wagen gehen: will er weiter, so muß Seine Majestät

sich gefallen lassen, einen Gaul, oder sicherer einen Maulesel zu

besteigen. Das läßt er denn wohl bleiben, und deßwegen geht es auch noch

etwas schlechter, als gewöhnlich anderwärts, wo es die Fürsten nur sehr

selten thun. Man rieth mir, von Santa Maria nach Caltagirone zu gehen;

das that ich als ein Wildfremder. Aber kaum war ich ein Stündchen

gegangen, als ich in einen ziemlich großen Wald perrennirender Eichen

kam, wo ich alle Spur verlor, einige Stunden in Felsen und

Bergschluchten herumlief, bis ich mich endlich nur mit Schwierigkeit

wieder links orientirte, indem ich den Gesichtspunkt nach einer hohen

Felsenspitze nahm. Hier fand ich vorzüglich schöne Weiden in den Thälern

und große zahlreiche Heerden. Um Caltagirone herum ist die Kultur am

leidlichsten; man kann sie noch nicht gut nennen. Die Stadt, welche auf

einer nicht unbeträchtlichen Höhe liegt, hat rund umher schöne

angrenzende Thäler, und es herrscht hier für Sicilien noch eine

ziemliche Wohlhabenheit. Ich war nun auf einmal wieder beinahe mitten in

der Insel. In der Stadt war auf dem Markte ein gewaltiger Lärm von

Menschen; man aß und trank, und handelte und zankte, und sprach überall

sehr hoch, als auf einmal das Allerheiligste vorbeigetragen wurde;

schnell war alles still und stürzte nieder, und der ganze Markt,

Schacherer und Fresser und Zänker, machte in dem Moment eine sonderbare

Gruppe. Ich konnte aus meinem Fenster bei einer Mahlzeit getrockneter

Oliven, die hier mein Lieblingsgericht sind, unbemerkt und bequem alles

sehen. Ein so gutes Wirthshaus hätte ich hier nicht gesucht; Zimmer,

Bett, Tisch, alles war sehr gut, und verhältnißmäßig sehr billig.

Von hier aus wollte ich nach Syrakus, ging aufmerksam den Weg fort, den

man mir bezeichnet hatte, und war, ehe ich mirs versah, durch eine sehr

abwechselnde bunte Gegend, in Palagonia, dem Stammhause des seligen

Patrons der Ungeheuer, barocken Andenkens. Wäre ich an seiner Stelle

gewesen, ich wäre hier geblieben; denn Palagonia gefällt mir viel

besser, als die Nachbarschaft von Palermo, wo er das Tabernakel seiner

ästhetischen Mißgeburten aufschlug. Wieland läßt den geächteten Diagoras

in der Gegend von Tempe, aus Aergerniß über Götter und Menschen, ein

ähnliches Spielwerk treiben; aber der Grieche thut es besser und

genialischer, als der Sicilianer. Palagonia liegt herrlich in einem

Bergwinkel des Thales Enna. Kommt man von Caltagirone herüber, so geht

man zuletzt durch furchtbare Felsenschluchten, und steigt einen Berg

herab, als ob es in die Hölle ginge: und es geht in ein Elisium. Schade,

daß die exemplarische sicilianische Faulheit es nicht besser benutzt und

genießt! Die Stadt ist traurig schmutzig. Ueber den Namen der Stadt habe

ich nichts gehört und gelesen; welches freilich nicht viel sagen will,

da ich sehr wenig höre und lese. Ich will annehmen, er sei entstanden

aus Paliconia, weil nicht weit davon rechts hinauf in den hohen Felsen

der Naphthasee der Paliker liegt, von dem die Fabel so viel zu erzählen

und die Naturgeschichte manches zu sagen hat. Wäre ich nicht allein

gewesen oder hätte mehr Zeit, oder stände mit meiner Börse nicht in so

genauer Rechnung, so hätte ich ihn aufgesucht.

Von hier aus wollte ich nun nach Syrakus. Einer der überraschendsten

Anblicke für mich war, als ich aus Palagonia heraustrat. Vor mir lag das

ganze große schöne Thal Enna, das den Fablern billig so werth ist.

Rechts und links griffen rund herum die hohen felsigen Bergketten die es

einschließen, und von Noto und Mazzara trennen; und in dem Grunde

gegenüber stand furchtbar der Aetna mit seinem beschneiten Haupte, von

dessen Schädel die ewige lichte Rauchsäule in der reinen Luft

emporstieg, und sich langsam nach Westen zog. Ich hatte den Altvater

wegen des dunkeln Wetters noch nicht gesehen, weder zu Lande noch auf

dem Wasser. Nur auf der südlichen Küste in Agrigent, vor dem Thore des

Schulgebäudes, zeigte man mir den Riesen in den fernen Wolken; aber mein

Auge war nicht scharf genug, ihn deutlich zu erkennen. Jetzt stand er

auf einmal ziemlich nahe in seiner ganzen furchtbaren Größe vor mir.

Katanien lag von seinen Hügeln gedeckt; sonst hätte man es auch sehen

können. Ich setzte mich unter einen alten Oelbaum, welcher der Athene

Polias Ehre gemacht haben würde, auf die jungen wilden Hyacinthen

nieder, und genoß eine Viertelstunde eine der schönsten und herrlichsten

Scenen der Natur. Das war wieder Belohnung, und ich dachte nicht weiter

an die Schnapphähne und das Examen von Terra Nuova. Ich würde rechts

hinaufgestiegen seyn in die Berge, wo viele Höhlen der alten sikanischen

Urbewohner in Felsen gehauen seyn sollen; aber ich konnte dem Orientiren

und der müßigen Neugierde in einer sehr wilden Gegend nicht so viel Zeit

opfern. Ich verirrte mich abermals, und kam, anstatt nach Syrakus, nach

Lentini. Es war mir indessen nicht unlieb, die alte Stadt zu sehen, die

zur Zeit der Griechen keine unbeträchtliche Rolle spielte. Sie ist in

dem Mißkredit der schlechten Luft, weßwegen auf einer größern Anhöhe

Karl der Fünfte, däucht mir, Carlentini anlegte. Ich spürte nichts von

der schlechten Luft; aber freilich kann man vom Ende des März keinen

Schluß auf das Ende des July machen. Der See giebt der Gegend ein

heiteres, lachendes Ansehen, und die Luft würde sich sehr bald sehr

gesund machen lassen, wenn man nur fleißiger wäre. Um die Stadt herum

ist alles ein wahrer Orangengarten; und Du kannst denken, daß ich mit

den schönen Hesperiden nicht ganz enthaltsam war, da ich doch nun nicht

hoffen durfte, Syrakusertrauben zu essen. Mir hat es gefallen in

Lentini; und wenn die Leute daselbst krank werden, so sind sie

wahrscheinlich selbst Schuld daran, nach allem, was ich davon sehe. Ich

war nun zwei Mal irre gegangen, und hielt es daher doch für besser,

einen Mauleselführer zu nehmen. Er erschien und wir machten bald den

Handel, da ich nicht viel merkantilisches Talent habe und gewöhnlich

gleich zuschlage. Nun wollte der Mensch die ganze Summe voraus haben:

das fand ich etwas sonderbar und meinte, wenn er mir nicht traute, so

müßten wir theilen. Damit war er durchaus nicht zufrieden; aber noch

drolliger war sein Grund. Er meinte, wenn ich geplündert, oder

erschlagen würde, wie sollte er sodann zu seinem Gelde kommen? Das war

mir zu toll; ich schickte ihn ärgerlich fort, und ging mit meinem

Schnappsack allein.

Von hier wollte ich endlich nach Syrakus; aber ich ging in den

Mauleseltriften der Bergschluchten und Höhen und Thäler abermals irre,

und kam, anstatt nach Syrakus, nach Augusta. Das erste Stündchen Weg war

schön und ziemlich gut bebaut: aber sodann war einige Stunden nichts als

Wildniß, wo rund umher Oleaster, fette Asphodelen und Kleebäume wuchsen.

Eine starke Stunde vor Augusta fing die Kultur wieder an, und hier ist

sie vielleicht am besten auf der ganzen Insel. Der Wein, den ich hier

sah, wird ganz dicht am Boden alle Jahre weggeschnitten, und die einzige

Rebe des Jahres giebt die Ernte. Das kann nun wohl nur hier in diesem

Boden und unter diesem Himmel geschehen. Es ist ein eigenes Vergnügen,

die Verschiedenheit des Weinbaues von Meißen bis nach Syrakus zu sehen;

und wenn ich ein weingelehrter Mann wäre, hätte ich viel lernen können.

Die Landzunge, auf welcher Augusta liegt, mit der Gegend einige Stunden

umher, gehört zu dem üppigsten Boden der Insel. Vor der Stadt machte man

Salz aus Seewasser, zu welcher Operation man einen großen Strich todtes

Erdreich brauchte. Nirgends habe ich so schwelgerische Vegetation

gesehen, als in dieser Gegend. Die Stadt ist ringsum vom Meere umgeben,

und es führt nur eine ziemlich feste Brücke hinüber. Von der Landseite

ist der Ort also gut genug vertheidigt, und es würde eine förmliche

Belagerung dazu gehören, ihn zu nehmen. Von der Seeseite scheint das

nicht zu seyn. Die wenigen Werke nach dem Wasser zu wollen nicht viel

sagen. Die Stadt selbst ist nicht viel kleiner, als die Insel Ortygia,

oder das heutige Syrakus. Ich wurde zum Stadthauptmann geführt, der

meinen Paß besah, und mir ihn sogleich ohne Umstände mit vieler

Höflichkeit zurückgab. Hier wurde ich, aus meinem Passe, Don Juan

getauft, welchen Namen ich sodann auf dem übrigen Wege durch die ganze

Insel bei allen Mauleseltreibern durch Ueberlieferung behielt. Der

Gouverneur, oder Stadthauptmann, was er seyn mochte -- denn ich habe

mich um seinen Posten weiter nicht bekümmert -- bewirthete mich mit dem

berühmten Syrakusischen Muskatensekt, den endlich dieser Herr wohl gut

haben muß, und mit englischem Ale und Biscuit. Das Ale war gut, und das

Biscuit besser; und über den Wein habe ich keine Stimme. Mir war er zu

stark und zu süß. Ein Perrukenmacher, der in dem Hause des

Stadthauptmanns war, führte mich gerades Weges in sein eigenes,

bewirthete mich ziemlich gut, und ließ mich noch besser bezahlen. Dafür

wurde ich aber so viel beexcelenzt, als ob ich der erste Ordensgeneral

wäre, der den großen päbstlichen Ablaß auf hundert Jahre herumtrüge. Man

erzählte mir, daß vor einigen Monaten ein Deutscher mit seiner Frau aus

Malta durch Sturm hier einzulaufen genöthigt worden sei, und, da er

keinen Paß gehabt, zwanzig Tage habe hier bleiben müssen, bis man Befehl

von Palermo eingeholt habe. Solche Guignons können eintreten!

Um nicht noch einmal in den Bergen herumzuirren, nahm ich nun endlich

einen Maulesel mit einem Führer hierher nach Syrakus. Ich hatte eine

große Strecke Weges an dem Meerbusen wieder zurückzumachen. So lange ich

mich in der Gegend von Augusta befand, war die Kultur ziemlich gut; aber

so wie wir Syrakus näher kamen, ward es immer wüster und leerer. Der

Aetna, der über die andern Berge hervorragte, rauchte in der schönen

Morgenluft. Der Mauleseltreiberpatron hatte mir zum Führer einen kleinen

Buben mitgegeben, der sich, sobald wir heraus waren, auf die Kruppe

schwang, mir einen kleinen eisernen Stachel zum Sporn gab, und so mit

mir und dem Maulesel über die Felsen hintrabte. Diese Thiere hören auf

nichts, als diesen Stachel, der ihnen, statt aller übrigen Treibmittel

am Halse applicirt wird. Wenn es nicht recht gehen wollte, rief der

kleine Mephistopheles hinter mir: »^Pungete, Don Juan, sempre pungete.^«

Siehst Du, so kurz und leicht ist die Weisheit der Mauleseltreiber und

der Politiker. Das scheint das Schiboletchen aller Minister zu seyn. Wie

der Hals des Staats sich bei dem Stachel befindet, was kümmert das die

Herren? Wenn es nur geht, oder wenigstens schleicht. Mein kleiner Führer

erzählte mir hier und da Geschichten von Todschlägen, so wie wir an den

Bergen hinritten. Rechts ließen wir die Stadt Melitta liegen, die auf

einer Anhöhe des Hybla noch eine ziemlich angenehme Erscheinung macht.

Sonst ist der Berg ziemlich kahl. Acht Millien von Syrakus frühstückte

ich an der Feigenquelle, wo der Feigen sehr wenig, aber viel sehr schöne

Oelbäume waren, fast der Halbinsel Thapsus gegenüber. Nun trifft man

schon hier und da Trümmern, die zwar noch nicht in dem Bezirk der alten

Stadt selbst, aber doch in ihrer Nähe liegen. Noch einige Millien weiter

hin ritt ich den alten Weg durch die Mauer des Dionysius herauf, und

befand mich nun in der ungeheuren Ruine, die jetzt eine Mischung von

magern Pflanzungen, kahlen Felsen, Steinhaufen und elenden Häusern ist.

Als ich in der Gegend der alten Neapolis zwischen den Felsengräbern war,

dankte ich meinen Führer ab, und spazierte nun zu Fuße weiter fort. Der

Bube war gescheidt genug, mir einen Gulden über den Akkord abzufordern.

In Syrakus ging ich durch alle drei Thore der Festung als Spaziergänger,

ohne daß man mir eine Sylbe sagte: auch bin ich nicht weiter gefragt

worden. Das war doch eine artige stillschweigende Anerkennung meiner

Qualität. Den Spaziergänger läßt man gehen.

Druck von B. G. Teubner in Leipzig.

J. G. Seume's

sämmtliche Werke.

Vierte rechtmäßige Gesammtausgabe

in acht Bänden.

Zweiter Band.

Leipzig,

Joh. Friedr. Hartknoch.

1839.

Spaziergang nach Syrakus

im Jahre 1802.

Zweiter Theil.

_Syrakus._

Heute will ich fröhlich, fröhlich seyn,

Keine Weise, keine Sitte hören,

Will mich wälzen und vor Freude schrein:

Und der König soll mir das nicht wehren.

So singt Asmus den ersten Mai in Wandsbeck; so kann ich doch wohl vier

Wochen früher, den ersten April, in Syrakus singen; so froh bin ich; ob

ich gleich vor einigen Stunden beinahe in dem Syrakasumpfe ersoffen oder

erstickt wäre. Wo fange ich an? Wo höre ich auf? Wenn man in Syrakus

nicht weit von der Arethuse sitzt und einem Freunde im Vaterlande

schreibt, so stürmen die Gegenstände auf den Geist: vergieb mir also ein

Bißchen Unordnung!

So wie ich zum Thore herein war und eine Straße herauf schlenderte, --

wohl zu merken, mein Sack hielt keine große Peripherie, und ich konnte

ihn mit seinem Inhalt leicht in den Taschen verbergen -- so rief mir ein

Mann aus einer Bude zu: »^Vous êtes étranger, Monsieur, et Vous cherchez

une auberge? -- Vous l'avez touché, Monsieur!^« sagte ich. »^Ayez la

bonté d'entrer un peu dans mont atelier: j'aurai l'honneur de Vous

servir.^« Ich trat ein. Der Mann war ein Hutmacher, Franzose von Geburt,

und schon seit vielen Jahren ansässig in Syrakus. Er begleitete mich in

ein ziemlich leidliches Wirthshaus, das auch Landolina nachher als das

beste nannte. Die Nahrung, wenigstens das Hutmachen ist in Syrakus so

schlecht, daß mein Franzose es gern zufrieden war, bei mir so ein

Mittelding von Haushofmeister und Cicerone zu machen. Ich traf Landolina

das erste Mal nicht; er war auf einem Landgute. In einer Festung kann

ich doch gutwillig nicht bleiben, wenn man mich nicht einsperrt; ich

lief also hinaus an den Hafen, nämlich an den großen, oder an den

Meerbusen; denn der kleinere auf der andern Seite nach den Steinbrüchen

zu hat jetzt nichts Merkwürdiges mehr, so viel auch Agathokles Marmor

daran verschwendet haben soll. Ich ging gerade fort über den Anapus,

weit hinüber über das Olympeum, und wäre vielleicht bis an die andere

Abtheilung des Berges hinunter gegangen, wenn der Tag nicht schon zu

tief gewesen wäre. Ich bin doch schon ziemlich weit gegen Süden

gewandelt; denn, wenn ich nicht irre, so segelte in den punischen

Kriegen der Römer Otacilius von hier aus nach Afrika, machte große Beute

in Utika, und war den dritten Abend wieder zurück. Ob Syrakus oder

Lilybäum der Ort war,[11] von dem er ausfuhr, darüber wird Dir Dein

Livius Bescheid geben: wer kann alles behalten? Du siehst doch, daß ich,

wenn ich sonst nur ein ächter Weidmann wäre, in einigen Tagen die

Jagdpartie des frommen Aeneas und der Frau Dido mitmachen könnte.

Plemnyrium liegt hier vor mir und sieht sehr wild aus, und hat jetzt

durchaus nichts mehr, das nur einen Spaziergang werth wäre. Eine zweite

Sumpfgegend hielt mich auf; sonst wäre ich doch wohl noch etwas weiter

gegangen. Auf dem Rückwege setzte ich mich ein Viertelstündchen an die

zwei Säulen, die für die Ueberreste von dem Tempel des Jupiter Olympius

gelten. Es versteht sich, daß die Tempel des Göttervaters meistens auch

eine schöne Aussicht gewähren; hier ist sie herrlich. Indem ich sie

genoß, setzte ich mich in die Zeit zurück, wo Dionysius eben so

willkührlich den Haushofmeister der Olympier, als den Zuchtmeister der

Sterblichen machte. Und die Geschichte des Mantels und Bartes ist eben

so charakteristisch als des Dichters, der seine Verse nicht loben

wollte. Als ich wieder über den Anapus herüber war, dachte ich gerade

nach Neapolis heraus zu schneiden und so einen etwas andern Weg zurück

zu nehmen. Die Sonne stand noch nicht ganz am Rande, ich sahe alles vor

mir und dachte den Gang noch recht bequem zu machen. Aber o Syraka!

Syraka! An solchen Orten sollte man durchaus mit der Charte in der Hand

gehen. Ehe ich mirs versah, war ich im Sumpfe; ich dachte es zu zwingen

und kam immer tiefer hinein: ich dachte nun rechts umzukehren, um keinen

zu großen Umweg zu machen: und da fiel ich denn einige Mal bis an den

Gürtel in noch etwas Schlimmeres als Wasser. Es ward Abend, und ich

fürchtete, man möchte das Thor schließen; wo man denn eben so

unerbittlich ist, als in Hamburg. Endlich arbeitete ich mich doch mit

vielem Schweiß in einem nicht gar erbaulichen Aufzug wieder auf den Weg,

und kam so eben vor Thorschluß herein. Mein Franzose, der auf mich in

meinem Wirthshause wartete, war schon meinetwegen in Angst, und erzählte

mir nun Wunderdinge von dem Sumpfe. Vor einiger Zeit, als die Franzosen

hier waren, hatten einige Offiziere gejagt. Einer der Herren verläuft

sich auf einem kleinen Abstecher in den Syraka, denkt wie ich, ist aber

nicht so glücklich, und sinkt bis fast unter die Arme hinein. Er kann

sich nicht herausbringen, ruft umsonst, und feuert mit seinem Gewehr um

Hülfe: darauf kommen seine Kameraden, und müssen ihn nach vielem

vergeblichen Rekognosciren von allen Seiten mit Stricken herausziehen.

Laß Dir es also nicht einfallen, wenn Du rechts am Anapus spazieren

gehest, gerade hinüber nach der schönen Anhöhe zu gehen: bleib hübsch

auf dem Wege; sonst kommst Du, wie wir in eine schmutzige Tiefe, in den

Syraka.

* * * * *

Eben komme ich von einem Spazierritte mit Landolina zurück. Der Mann

verdient ganz das enthusiastische Lob, das ihm mehrere Reisende geben:

ich habe es an mir erfahren. Er ist einige Mal mit wahrhaft

freundschaftlicher Theilnahme mit mir weit herum geritten und gegangen.

Du weißt, daß er Ritter ist, und er hatte versprochen, mich zu Pferde in

meinem Quartier abzuholen. Ich hatte mir also auch einen ordentlichen

Gaul bestellt, so stattlich als man ihn in Syrakus finden konnte, um dem

Manne durch meine zu barocke Kavalkade nicht Schande zu machen. Wir

ritten weit hinaus bis nach Epipolä, wo wir unsre Pferde ließen und nach

den äußersten Festungswerken der alten Stadt über viele Felsen zu Fuße

gingen. Hier besah ich mit dem besten Führer, den Du vermuthlich in ganz

Sicilien in jeder Rücksicht finden kannst, die Schlösser Labdalum und

Euryalus. Die ausführlichere Beschreibung mit dem Plan magst Du bei

Barthels sehen: alles würde doch bei mir, wie bei ihm, Landolina

gehören. Wir waren schon weit umher gestiegen, und setzten uns hier auf

eine der höchsten Stellen der alten Festung nieder, um rund um uns her

zu schauen. Ich halte dieses halbe Stündchen für eines der schönsten,

die ich genossen habe, wenn ich nur die Melancholie herauswischen

könnte, die für die Menschheit darin war. Von dieser Spitze übersah man

die ganze große ungeheure Fläche der ehemaligen Stadt, die nun halb als

Ruine und halb als Wildniß da liegt. Rechts hinunter zog sich die alte

Mauer nach Neapolis, dem Syraka und dem Hafen; links hinab ging bis ans

Meer die gegen vier Millien lange berühmte neuere Mauer, welche

Dionysius in so kurzer Zeit gegen die Karthager aufführen ließ. Von

beiden sieht man noch den Gang durch die Trümmern, und hier und da noch

mächtige Werkstücke aufgefügt. Tief hinunter nach der Insel, die jetzt

das Städtchen ausmacht, liegen die Scenen der Größe des ehemaligen

Syrakus, die nunmehr kaum das Auge auffindet. Rechts kommt der Anapus in

dem Thale zwischen den Bergen hervor, und weiter hin jenseits zieht sich

eine lange Kette des Hybla rund um die Erdspitze herum. Hinter uns lag

der ^mons crinitus^, wo die Athenienser bei der unglücklichen

Unternehmung gegen Sicilien standen. Dort unten rechts an der alten

Mauer, welche die Herren von Athen umsonst angriffen, stand das Haus des

Timoleon, wo man bei der kleinen Mühle noch die Trümmer zeigt. Links

hier unten brach Marcellus herein, drang dort hervor bis in die Gegend

des kleinen Hafens, wo der schöpferische Geist Archimeds mit dem Feuer

des Himmels seine Schiffe verzehrte; dort stand er im Lager und wagte es

lange nicht weiter zu gehen, weil er sich hier vor der starken Besatzung

der Außenwerke in Epipolä fürchtete. Dort weiter links hinunter auf der

Ebene liegt der Acker, den der Verräther erhielt, welcher die Römer

führte. Weiter hinab lag Thapsus, und in der Ferne Augusta, jenseit

eines andern Meerbusens. Hier hätte ich Tage lang sitzen mögen, mit dem

Thucydides und Diodor in der Hand. Diese Schlösser sind vielleicht das

Wichtigste, was wir aus dem Kriegswesen der Alten noch haben: und wenn

sich ein Militär von Kenntnissen und Genie Zeit nehmen wollte, sie zu

untersuchen, es würde eine angenehme, sehr lehrreiche Unterhaltung

werden. Die Werke sind von ziemlichem Umfang, und die Neuern haben an

Solidität und Größe schwerlich etwas Aehnliches aufzuweisen. Wenn sie

nicht etwas zu weit von der Stadt lägen, würden sie derselben von

unendlichem Nutzen gewesen seyn. Aber so waren es durch die Lage bloß

sehr feste Außenwerke, deren Wichtigkeit vorzüglich der peloponnesische

Krieg gezeigt hatte. Die Athenienser hatten die Mauer rechts von der

Seite des Anapus nicht zwingen können: ihre Anzahl war vermuthlich zu

geringe, und sie hatten keinen Alcibiades zum Führer mehr. Die Römer

drangen durch die große Linie links. Wäre diese Linie kürzer gewesen,

oder mit andern Worten, hätte die Hauptbefestigung nicht zu weit hinaus

gelegen; es wäre vielleicht dem Marcellus, trotz der Verrätherei, nicht

gelungen. Jede Dehnung schwächt, wo man sie nicht in der offenen

Schlacht zum Manöver benutzen kann.

Jetzt sitze ich hier und lese den Theokrit in seiner Vaterstadt. Ich

wollte, Du wärst bei mir und wir könnten das Vergnügen theilen, so würde

es größer werden. Mein eignes Exemplar hatte ich, um ganz leicht zu

seyn, aus Unachtsamkeit mit in Palermo gelassen, bat mir ihn also von

Landolina aus. Dieser gab mir mit vieler Artigkeit die Ausgabe eines

Deutschen, unseres Stroth: und dieses nämliche Exemplar war ein Geschenk

von Stroth an Münter, und von Münter an Landolina, und ich las nun darin

an der Arethuse. Der Ideengang hat etwas Magisches. -- Sei nur ruhig!

ich habe jetzt zu viel Vergnügen dabei und meine Stiefelsohlen sind noch

ganz; Du sollst hier mit keiner Uebersetzung geplagt werden.

Auch heute komme ich von einem Spaziergange mit Landolina zurück. Wir

waren nur in der Nähe, in der alten Neapolis, die aber wirklich das

Interessanteste der alten Ueberreste enthält. Die Antiquare sind dem

unermüdeten patriotischen Eifer Landolinas unendlich viel schuldig. Er

hat eine Menge Säulen des alten Forums wieder aufgefunden, welche die

Lage desselben genauer bestimmen. Es lag natürlich gleich an dem Hafen,

und besteht jetzt meistens aus Gärten und einem offenen Platze, gleich

vor dem jetzigen einzigen Landthore. Etwas rechts weiter hinauf hat

Landolina das römische Amphitheater besser aufgeräumt und hier und da

Korridore zu Tage gefördert, die jetzt zu Mauleseleien dienen. Die Römer

trugen ihre blutigen Schauspiele überall hin. Die Arena giebt jetzt

einen schönen Garten mit der üppigsten Vegetation. Weiter rechts hinauf

ist das alte große griechische Theater, fast rund herum in Felsen

gehauen. Rechts, wo der natürliche Felsen nicht weit genug hinaus

reichte, war etwas angebaut, und dort hat es natürlich am meisten

gelitten. Die Inschrift, über deren Aechtheit und Alter man sich zankt,

ist jetzt noch ziemlich deutlich zu lesen. Es läßt sich viel dawider

sagen, und sie beweist wohl weiter nichts als die Existens einer

Königin, Philistis, von welcher auch Münzen vorhanden sind, von der aber

die Geschichte weiter nichts sagt. Die Wasserleitung geht nahe am

Theater weg; vermuthlich brachte sie ehemals auch das Wasser hinein. Die

Leute waren etwas nachlässig gewesen, so daß ein Zug Wasser gerade auf

den Stein der Inschrift floß, die etwas mit Gesträuchen überwachsen war.

Landolina gerieth darüber billig in heftigen Unwillen, schalt den Müller

und ließ es auf der Stelle abändern. Gegenüber steht eine Kapelle an dem

Orte, wo Cicero das Grab des Archimedes gefunden haben will. Wir fanden

freilich nichts mehr: aber es ist doch schon ein eignes Gefühl, daß wir

es finden würden, wenn es noch da wäre, und daß vermuthlich in dieser

kleinen Peripherie der große Mann begraben liegt. Nun gingen wir durch

den Begräbnißweg hinauf und oben rechts herum, auf der Fläche von

Neapolis fort. Es würde zu weitläufig werden, wenn ich Dir alle die

verschiedenen Gestalten der kleinen und größern Begräbnißkammern

beschreiben wollte. Wir gingen zu den Latomien und zwar zu dem

berüchtigten Ohre des Dionysius. Akustisch genug ist es ausgehauen und

man hat ihm nicht ohne Grund diesen Namen gegeben. Ein Blättchen Papier,

das man am Eingange zerreißt, macht ein betäubendes Geräusch, und wenn

man stark in die Hand klatscht, giebt es einen Knall, wie einen

Büchsenschuß, nur etwas dumpfer. Wir wandelten durch die ganze Tiefe,

und darin hin und her. Landolina zeigte mir vorzüglich die Art, wie es

ausgehauen war, die ich Dir aber als Laie nicht mechanisch genau

beschreiben kann. Man hob sich von unten hinauf auf Gerüsten, wovon man

noch die Vertiefungen in dem Felsen sieht, und erhielt dadurch eine

Höhlung von einem etwas schneckenförmigen Gang, der ihm wohl vorzüglich

die lange Dauer gesichert hat. Bei Neapel habe ich, wenn ich nicht irre,

etwas Aehnliches in den Steingruben des Posilippo bemerkt. Nirgends ist

aber die Methode so vollendet ausgearbeitet, wie hier in diesem Ohre. Ob

Dionysius dasselbe habe hauen lassen, ließe sich noch bezweifeln,

obgleich Cicero der Meinung zu seyn scheint; aber daß er es zu einem

Gefängnisse habe einrichten lassen, hat wohl seine Richtigkeit. Cicero

nennt es einen schrecklichen Kerker. Hin und wieder sieht man noch Ringe

in dem Felsen, in der Höhe und an dem Boden, und auch einige

durchbrochene Höhlungen, in denen Ringe gewesen seyn mögen. Diese gelten

für Maschinen, die Gefangenen anzuschließen. Wer kann darüber etwas

bestimmen? Oben am Eingange ist das Kämmerchen, welches ehemals für das

Lauscheplätzchen des Dionysius galt. Es gehört jetzt viel Maschinerie

dazu, von unten hinauf, oder von oben herab dahin zu kommen. Ich bin

also nicht darin gewesen. Landolina erklärt das Ganze für eine Fabel,

die Tzezes zuerst erzählt habe. Dieses Behältniß hat durch Erdbeben sehr

gelitten; an der tiefen Höhle selbst aber, oder an dem eigentlichen

Ohre, ist kein Schade geschehen. Gleich am Eingange hat Landolina eine

eingestürzte Treppe entdeckt, die er mir zeigte. Die Stufen in den

zusammengestürzten Felsenstücken sind zu deutlich; und es läßt sich wohl

etwas Anderes nicht daraus machen, als eine Treppe. Man nimmt an, diese

habe durch einen verdeckten Gang in das Gefängniß geführt, durch welche

der Tyrann selbst Gefangene von Bedeutung hierher brachte. Mit dem

Dichter, der seine Verse nicht loben wollte, wird er wohl nicht so viel

Umstände gemacht haben. Landolina sagte mir, er habe sich vor einigen

Jahren durch Maschinen mit einigen Engländern in das obere kleine

Behältniß bringen lassen und eine Menge Experimente gemacht; man höre

aber nichts, als ein verworrenes dumpfes Geräusch.

Die Spießbürger von Syrakus lassen sich aber den hübschen Roman nicht so

leicht nehmen; und gestern Abend räsonnirte einer von ihnen gegen mich

bei einer Flasche Syrakuser verfänglich genug darüber ungefähr so: »Wozu

soll das Kämmerchen oben gewesen seyn?« Zum Anfange einer neuen

Steingrube, wozu man es gewöhnlich machen will, ist es an einem sehr

unschicklichen Orte, und rund umher sind weit bessere Stellen. Die

Treppe, welche Landolina selbst entdeckt hat, führt gerade dahin; kann

nach der Lage nirgends anders hinführen. Wenn man jetzt oben nichts

deutlich mehr hört, so ist das kein Beweis, daß man ehedem nichts

deutlich hörte, die Erdbeben haben an dem Eingange Vieles zertrümmert

und eingestürzt, also auch sehr leicht die Akustik verändern können. Man

sagt, Dionysius habe in dieser Gegend der Stadt keinen Palast gehabt.

Zugegeben, daß dieses wahr sei, so war dieses desto besser für ihn,

allen Argwohn seiner nahen Gegenwart zu entfernen. Er konnte deßwegen

bei wichtigen Vorfällen sich immer die Mühe geben von Epipolä hierher zu

kommen und zu hören; ein Tyrann ist durch seine Spione und Kreaturen

überall. Dionysius war keiner von den bequemen sybaritischen

Volksquälern. Damit läugne ich nicht, daß er draußen in Epipolä noch

mehrere Gefängnisse mag gehabt haben: »man hatte in Paris weit mehrere,

als wir hier in Syrakus.« Ich überlasse es den Gelehrten, die Gründe des

ehrlichen Mannes zu widerlegen; ich habe nichts von dem Meinigen hinzu

gethan. Mir däucht, für einen Bürger von Syrakus schließt er nicht ganz

übel.

In dem Vorhofe des sogenannten Ohres treiben jetzt die Seiler ihr Wesen,

und vor demselben sind die Intervallen der Felsenklüfte mit kleinen

Gärten, vorzüglich von Feigenbäumen, romantisch durchpflanzt. Weiter hin

ist ein anderer Steinbruch, der einer wahren Feerei gleicht. Er ist von

einer ziemlichen Tiefe, durchaus nicht zugänglich, als nur durch einen

einzigen Eingang nach der Stadtseite, den der Besitzer hat verschließen

lassen. Von oben kann man das ganze kleine magische Etablissement

übersehen, das aus den niedlichsten Partien von inländischen und

ausländischen Bäumen und Blumen bestehet. Die Pflaumen standen eben

jetzt in der schönsten Blüthe, und ich war überrascht, hier den

vaterländischen Baum zu finden, den ich fast in ganz Sicilien nicht

weiter gesehen habe. Er braucht hier in dem heißeren Himmelsstrich den

Schatten der Tiefe. Das Vorzüglichste, was ich mit Landolina auf diesem

Gange noch sah, war ein tief verschüttetes altes Haus, dessen Dach

vielleicht ursprünglich sich schon unter der Erde befand. Das Eigene

dieses Hauses sind die mit Kalk gefüllten irdenen Röhren in der

Bekleidung und Dachung, über deren Zweck die Gelehrten durchaus keine

sehr wahrscheinliche Konjektur machen können. Vielleicht war es ein Bad,

und der Eigenthümer hielt dieses für ein Mittel, es trocken zu halten,

da diese Röhren vermuthlich Luft von außen empfingen und die

Feuchtigkeit der Wände mit abzogen. Der enge Raum und die innere

Einrichtung sind für diese Vermuthung des Landolina. Nicht weit davon

ist eine alte Presse für Wein oder Oel in Felsen gehauen, die noch so

gut erhalten ist, daß, wenn man wollte, sie mit wenig Mühe in Gang

gesetzt werden könnte.

Bei den Kapuzinern am Meere, in der Gegend des kleinen Marmorhafens,

sind die großen Latomien, die vermuthlich die furchtbaren Gefängnisse

für die Athenienser im peloponnesischen Kriege waren. Ich bin einigemal

ziemlich lange darin herumgewandelt. Die Mönche haben jetzt ihre Gärten

darin angelegt, aus denen noch eben so wenig Erlösung seyn würde. Man

könnte sie noch heut zu Tage zu eben dem Behuf gebrauchen, und zehn Mann

könnten ohne Gefahr zehntausend ganz sicher bewachen. Der Gebrauch zu

Gefängnissen im Kriege mag sich auch nicht auf das damalige Beispiel

eingeschränkt haben; dieses war nur das größte, fürchterlichste und

gräßlichste. Die Mönche bewirtheten mich mit schönen Orangen, und

bedauerten, daß die Engländer schon die besten alle aufgegessen und

mitgenommen hätten, sagten aber nicht dabei, wie viel das Kloster

Geschenke dafür erhalten haben mag: denn man bezahlt gewöhnlich

dergleichen Höflichkeit ziemlich theuer. Hier hat man einen ähnlichen

Gang, wie das Ohr des Dionysius; er ist aber nicht ausgeführt worden,

weil man vermuthlich den Stein zu dem Behufe nicht tauglich fand. Man

kann stundenlang hier herum spaziren, und findet immer wieder irgend

etwas Groteskes und Abenteuerliches, das man noch nicht gesehen hat.

Wenn man nun die alte Geschichte zurückruft, so erhält das Ganze ein

sonderbares Interesse, das man vielleicht an keinem Platze des Erdbodens

in diesem Grade wieder findet. Besonders rührend war mir hier an Ort und

Stelle die bekannte Anekdote, daß viele Gefangene sich aus der

schrecklichen Lage bloß durch einige Verse des Euripides erlös'ten: und

mir däucht, ein schöneres Opfer ist nie einem Dichter gebracht worden.

In dem heutigen Syrakus, oder dem alten Inselchen Ortygia ist jetzt

nichts Merkwürdiges mehr, als der alte Minerventempel und die Arethuse.

Diese Quelle ist, wenn man auch mit keiner Sylbe an die alte Fabel

denkt, bis heute noch eine der schönsten und sonderbarsten, die es

vielleicht giebt. Wenn sie auch nicht vom Alpheus kommt, so kommt sie

doch gewiß von dem festen Boden der Insel; und schon dieser Gang ist

wundersam genug. Wo einmal etwas da ist, kommt es den Dichtern auf

einige Grade Erhöhung nicht an, zumal den Griechen. Ich habe bei

Landolina eine ganze ziemlich lange Abhandlung über die Arethuse

gesehen, die er mit vieler Gelehrsamkeit und vielem Scharfsinn aus der

ganzen Peripherie der griechischen und lateinischen Literatur von den

ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag zusammengetragen hat. In

Sicilien und Italien dankt ihm jetzt Niemand für diese Arbeit: es wäre

aber für die übrigen Länder von Europa zu wünschen, daß sie bekannter

würde. Vielleicht läßt er sie noch in Florenz drucken. Mehreres davon

ist durch seine Freunde schon im Auslande bekannt. Er hat eine Menge

sonderbarer Erscheinungen an der Quelle bemerkt, die mit dem Wasser des

Alpheus Analogie haben, und die vielleicht zu der Fabel Veranlassung

geben konnten. Sie quillt zuweilen roth, nimmt zuweilen ab und bleibt

zuweilen ganz weg, daß man trocken tief in die Höhle hineingehen kann;

und dieses zu einer Zeit, wo sie nach den gewöhnlichen physischen

Wetterberechnungen stärker quellen sollte: sie vertreibt Sommersprossen,

welches selbst Landolina zu glauben schien. Durch diese Gabe muß die

Nymphe nothwendig schon die Göttin der Damen werden. Aehnliche

Erscheinungen will man an dem Alpheus bemerkt haben. Nun kamen die

Griechen von dort herüber, und brachten ihre Mythen und ihre Liebe zu

denselben mit sich auf die Insel; so war die Fabel gemacht: das Andenken

des vaterländischen Flusses war ihnen willkommen. Die neueste

Veränderung mit der Quelle findet man, däucht mir, noch in Barthels zum

Nachtrage in einem Briefe, der höchst wahrscheinlich auch von Landolina

ist. Seitdem ist das Wasser süß geblieben, heißt es. Ich fand eine Menge

Wäscherinnen an der reichen, schönen Quelle. Das Wasser ist gewöhnlich

rein und hell, aber nicht mehr, wie ehemals, ungewöhnlich schön. Ich

stieg so tief als möglich hinunter und schöpfte mit der hohlen Hand: man

kann zwar das Wasser trinken, aber süß kann man es wohl kaum nennen; es

schmeckt noch immer etwas brackisch, wie das meiste Wasser der Brunnen

in Holland. Die Vermischung mit dem Meere muß also durch die neueste

Veränderung noch nicht gänzlich wieder gehoben seyn. Alles Wasser auf

der kleinen Insel hat die nämliche Beschaffenheit, und gehört

wahrscheinlich durchaus zu der nämlichen Quelle. In der Kirche Sankt

Philippi ist eine alte tiefe, tiefe Gruft mit einer ziemlich bequemen

Wendeltreppe hinab, wo unten Wasser von der nämlichen Beschaffenheit

ist; nur fand ich es noch etwas salziger; das mag vielleicht von der

großen Tiefe und dem beständig verschlossenen Raum herkommen. Landolina

hält es für das alte Lustralwasser, welches man oft in griechischen

Tempeln fand. Sehr möglich; es läßt sich gegen die Vermuthung nichts

sagen. Aber kann es nicht eben sowohl ein gewöhnlicher Brunnen zum

öffentlichen Gebrauche gewesen seyn? Er hatte unstreitig das nämliche

Schicksal mit der Arethuse in den verschiedenen Erderschütterungen. Man

weiß, die Insel machte bei den alten Tyrannen von Syrakus die

Hauptfestung aus. Man hatte außer der Arethuse wenig Wasser in den

Werken. Diese schöne Quelle liegt am Meere und war sehr bekannt. Der

Feind konnte Mittel finden, sie zu nehmen, oder zu verderben. War der

Gedanke, sich noch einen Wasserplatz auf diesen Fall zu verschaffen und

ihn vielleicht geheim zu halten, nicht sehr natürlich? Ich will die

Vermuthung nicht weiter verfolgen und eben so wenig hartnäckig

behaupten. Das Wasser als Lustralwasser konnte nebenher auch diese

politische Reservebestimmung haben.

Als ich hier in der Kirche saß, die eben ausgebessert wird, und den

Schlüssel zur erwähnten Gruft erwartete, gesellte sich ein

neapolitanischer Officier zu mir, der ein Franzose von Geburt und schon

über zwanzig Jahre in hiesigen Diensten war. Er sprach recht gut Deutsch

und hatte ehemals mehrere Reisen durch verschiedene Länder von Europa

gemacht. Wenn man diesen Mann von der Regierung und der Kirchendisciplin

sprechen hörte -- man hätte Feuer vom Himmel zur Vertilgung der Schande

flehen mögen. Alles bestätigte seine Erzählung, und bösartige

Unzufriedenheit und Murrsinn schien nicht in dem Charakter des Mannes zu

liegen. Vorzüglich war die Unzucht der römischen Kirche, nach seiner

Aussage, ein Gräuel, wie man ihn in dem weggeworfensten Heidenthume

nicht schlimmer finden konnte. Blutschande aller Art ist in der Gegend

gar nichts Ungewöhnliches und wird mit einem kleinen Ablaßgelde nicht

allein abgebüßt, sondern auch ungestraft fortgesetzt. Der Beichtstuhl

ist ein Kuppelplatz, wo sich der Klerus für eine gemessene, oft kleine

Belohnung sehr leicht zum Unterhändler hergiebt, wenn er nicht selbst

Theilnehmer ist. Wer profane Schwierigkeiten in seiner Liebschaft

findet, wendet sich an einen Mönch, oder sonstigen Geistlichen, und die

ehrsamste sprödeste Person wird bald gefällig gemacht. Der Mann sprach

davon dem Altare gegenüber, wie von gewöhnlichen Dingen, die Jedermann

wisse, und nannte mir mit großer Freimüthigkeit zu seinen Behauptungen

Namen und Beispiele, die ich gern wieder vergessen habe. Ich erzähle die

Thatsache, und überlasse Dir die Glossen.

Minerva hat, in ihrem Tempel, der heiligen Lucilie Platz machen müssen.

Man hat das Gebäude nach der gewöhnlichen Weise behandelt, und aus einem

sehr schönen Tempel eine ziemlich schlechte Kirche gemacht. Das Ganze

ist verbaut, so daß nur noch von innen und außen der griechische

Säulengang sichtbar ist. Das Frontispice ist nach dem neuen Styl schön

und groß, sticht aber gegen die alte griechische Einfachheit nicht sehr

vortheilhaft ab.

Bald wäre ich heute unschuldigerweise Veranlassung eines Unglücks

geworden. Ein Kastrat, der in der Kathedralkirche singt und nicht mehr,

als sechzig Piaster jährlich hat, war mein Gast in dem Wirthshause, weil

er sehr freundlich war und ein sehr gutmüthiger Kerl zu seyn schien. Ein

Geiger, sein Nebenbuhler, neckte ihn lange mit allerhand Sarkasmen über

seine Zuthulichkeit, und kam endlich auch auf einen eigenen eigentlichen

topischen Fehler seiner Natur, an dem der arme Teufel wohl ganz

unschuldig war, da ihn Andere vermuthlich ohne seine Beistimmung an ihm

gemacht hatten. Darüber gerieth das entmannte Bild plötzlich so in Wuth,

daß er mit dem Messer auf den Geiger zuschoß und ihn erstochen haben

würde, wäre dieser durch die Anwesenden nicht sogleich fortgeschafft

worden. Auch der Sänger konnte die Aergerniß durchaus nicht verdauen und

entfernte sich.

Eben sitze ich hier bei einem Gericht Aale aus dem Anapus, die hier für

eine Delikatesse der Domherren gelten, und die ich also wohl eben so

verdienstlos verzehren kann. Ich habe sie selbst auf dem Flusse gekauft

und halb mit gefischt. Ich fuhr nämlich heute Nachmittags mit meinem

Franzosen über den Hafen den Anapus hinauf, um das Papier zu suchen. Das

Papier fand ich auf der Cyane links bald in einer solchen Menge, daß wir

das Boot kaum durcharbeiten konnten: aber die schöne Quelle der Cyane

konnte ich nicht erreichen. Es war zu spät; wir mußten fürchten

verschlossen zu werden und kehrten zurück. Das ärgerte mich etwas; ich

hätte früher fahren müssen. Das Wasser ging hoch und wir kamen noch eben

wieder zum Schlusse an. Hier am Hafen wollten einige Köche der hiesigen

Schmecker mir durchaus meine Beute abhandeln und boten gewaltig viel für

meine Aale, machten auch Anstalt sich derselben provisorisch zu

bemächtigen, als ob das so Regel wäre: ich hielt aber den Fang fest und

sagte bestimmt, ich wollte hier in Syrakus meine Aale aus dem Anapus

essen, und würde sie weder dem Bischof, noch dem Statthalter, noch dem

König selbst geben, wenn er sie nicht durch Grenadire nehmen ließe. Die

Leute beguckten mich und ließen mich abziehen. Ueber das Papier selbst

und des Landolina Art es zuzubereiten habe ich nichts hinzuzufügen: ob

ich gleich glaube in den bisherigen Beschreibungen der Pflanze, zwar

keine Unrichtigkeiten, aber doch einige Unvollständigkeit entdeckt zu

haben. Die Sache ist indessen zu unwichtig. Unser schlechtestes

Lumpenpapier ist immer noch besser, als das beste Papier, das ich von

der Pflanze vom Nil und aus Sicilien gesehen habe. Wir können nun das

Sumpfgewächs und den Kommentar des Plinius darüber entbehren; es hat nur

noch das Interesse des Alterthums.

Eine drollige Anekdote darf ich Dir noch mittheilen, welche die

gelehrten Späher und Seher betrifft, und die mir der besten einer unter

ihnen, Landolina selbst, mit vieler Jovialität erzählte, als wir nach

einem Spaziergange in dem alten griechischen Theater saßen und

ausruhten. Landolina machte mit einer fremden Gesellschaft, von welcher

er einen unserer Landsleute, ich glaube den Baron von Hildesheim,

nannte, eine ähnliche Wanderung. Hier entstand nun ein Zwist über eine

Vertiefung in dem Felsen, die ein jeder nach seiner Weise interpretirte.

Einige hielten sie für das Grab eines Kindes irgend einer alten

vornehmen Familie, und brachten Beweise, die vielleicht eben so

problematisch waren, wie die Sache, welche sie beweisen sollten. Man

sprach und stritt her und hin. Das bemerkte ein alter Bauer nicht weit

davon, daß man über dieses Loch sprach. Er kam näher und erkundigte sich

und hörte, wovon die Rede war. »Das kann ich Ihnen leicht erklären,« hob

er an; »vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich es selbst gehauen, um meine

Schweine daraus zu füttern: da ich nun seit mehrern Jahren keine

Schweine mehr habe, füttere ich keine mehr daraus.« Die Archäologen

lachten über die bündige Erklärung, ohne welche sie unstreitig noch

lange sehr gelehrt darüber gesprochen und vielleicht sogar geschrieben

hätten. »So geht es uns wohl noch manchmal,« setzte Landolina sehr

launig hinzu.

Die hiesigen Katakomben unterscheiden sich wesentlich von denen zu

Neapel. Was beide ursprünglich gewesen seyn mögen, ist wohl schwerlich

zu bestimmen; aber daß beide in der Folge zu Begräbnißplätzen gedient

haben, ist ausgemacht. Von den syrakusischen ließe sich vielleicht aus

dem Bau mehr behaupten, daß sie ursprünglich dazu gehauen wurden. Der

große Unterschied der neapolitanischen und syrakusischen besteht darin,

daß in den neapolitanischen die Leichenbehälter von dem Boden aufwärts,

und hier in die Tiefe der Wand hineingearbeitet sind. Dort sind unten

die größern und dann an der Wand herauf die kleinern Behälter; hier sind

vorn die größern und dann weiter in der Felsenwand hinein die kleinern:

so daß in Neapel das Dreieck der Lage an der Seite aufwärts, in Syrakus

mit der Spitze einwärts niedergelegt zu denken ist. Beschreibung ist

schwer und Zeichnung macht noch mehr Umstände; ich weiß nicht, ob ich

Dir deutlich geworden bin. Ein avtoptischer Anblick giebt es in einem

Moment. In Neapel lagen die Kadaver in kleineren Nischen an der Wand

hinauf, unten die größeren und aufwärts immer kleinere; in Syrakus in

den Felsen hinein, vorn größere und hinterwärts immer kleinere. Hier

habe ich den einzigen vernünftigen Mönch als Mönch in meinem Leben

gesehen. Wo man sonst auch noch zuweilen gute und vernünftige trifft,

sind sie es wenigstens nicht als Mönche. Der Eingang in die Grüfte ist

hier eine alte Kirche des heiligen Johannes, wo nur noch selten

Gottesdienst gehalten wird. Dieser Mönch ist der einzige Bewohner der

Kirche und der Katakomben, Glöckner und Sakristan, und Abt und Kellner

und Laienbruder zugleich. Das erstemal, als wir kamen, war er nicht zu

Hause, sondern in der Stadt nach Lebensmitteln. Als wir umkehrten,

begegneten wir ihn in den Feigengärten, und gingen wieder mit ihm zurück

nach Sankt Johannis. Er machte für einen Religiosen einen etwas

sonderbaren genialischen Aufzug. Seine Eselin hatte gesetzt, und doch

hatte er sie nöthig, um seine Viktualien aus der Stadt zu holen; er nahm

sie also mit dem jungen Esel von dreiundzwanzig Stunden zusammen. Der

kleine Novize des Lebens konnte natürlich die große Tour nicht

aushalten. Der Mönch mit seinem langen Talar nahm seinen Zögling auf die

Schultern und ging voran, und die Mutter folgte in angeborner Sanftmuth

und Geduld mit den Körben. So fanden wir den Gottesmann. Er ist übrigens

ein ehrlicher Schuster aus Syrakus, der drei Söhne erzogen und zur Armee

und auf die See geschickt hat. Nach dem Tode seiner Frau, da seine

abnehmenden Augen dem Ort und dem Draht nicht mehr recht gebieten

wollten, hat ihn der Bischof hierher gesetzt; vielleicht das

Gescheidteste, was seit langer Zeit ein Bischof von Syrakus gethan hat!

Die Krypte der Kirche, wo noch Gottesdienst gehalten wird, ist auch

schon tief und schauerlich genug. Von den Gemälden in den verschiedenen

Abtheilungen der Katakomben läßt sich wohl nicht viel sagen; denn sie

sind meistens neu. Aus einer griechischen Inschrift habe ich auch nichts

machen können: das ist indessen kein Beweis, daß es andere nicht besser

verstehen. Die Leute fabeln hier, daß diese Katakomben bis nach Catanien

gehen; vermuthlich weil man ehemals dort auch Katakomben gefunden haben

mag. Das ist eben so, als wenn zuweilen der Führer der Baumannshöhle

versichert, daß sie sich bis nach Goßlar erstrecke.

Der Sommer muß hier zuweilen schon fürchterlich seyn; denn Landolina

erzählte mir von einem gewissen Südwestwinde, den man ^il ponente^

nennt, welcher zuweilen in einem Nachmittage durch seinen Hauch alle

Pflanzen im eigentlichen Sinne verbrenne, die Bäume entlaube und den

Wein verderbe. Der Sirocco soll ein kühlendes Lüftchen gegen diesen

seyn: man finde nachher in einem solchen Grade alles verdorret, daß man

es sogleich zu Asche reiben könne. Zum Glück sei er nur sehr selten.

Auch der Hagel, der hier zuweilen falle, sei so groß und scharf, daß er

die Stengel der Pflanzen und die Aeste der Bäume nicht zerknicke,

sondern zerschneide. Dieses seien die zwei gefährlichsten Landplagen in

dem südlichen Sicilien. Die Winter sind gewöhnlich von keiner Bedeutung;

nur der vergangene ist etwas hart gewesen, und man hat seit zehn Jahren

wieder den ersten Schnee, aber auch nur auf einige Stunden, in Syrakus

gesehen. Ein solcher Tag ist dann ein Fest, besonders für die Jugend,

welcher so etwas eine sehr große Erscheinung ist. Sonst sieht man den

Schnee nur auf den Gipfeln ferner Berge.

Syrakus kommt immer mehr und mehr in Verfall: die Regierung scheint sich

durchaus um nichts zu bekümmern. Nur zuweilen schickt sie ihre

Steuerrevisoren, um die Abgaben mit Strenge einzutreiben. Es war mir

eine sehr melancholische Viertelstunde, als ich mit Landolina oben auf

der Felsenspitze von Euryalus saß, der würdige patriotisch eifernde Mann

über das große traurige Feld seiner Vaterstadt hinblickte, das kaum noch

Trümmer war, und sagte: »Das waren wir!« und mit einem Blick hinunter

auf das kleine Häufchen Häuser: »Das sind wir!« Ich habe während der

vier Tage Umgang mit ihm, in ihm einen der reinsten und

liebenswürdigsten Charaktere gefunden, und er sprach mit schönem

Enthusiasmus von seinen nordischen Freunden Münter und Barthels und

einigen andern, die ihn besucht hatten, und von Heyne, den er noch nicht

gesehen hatte. Syrakus allein hatte ehemals mehr Einwohner, als jetzt

die ganze Insel. Nur der dritte Theil der Insel ist bebaut, und dieses

ziemlich schlecht. Das habe ich auf meinen Zügen gefunden, und

Eingeborne, die zugleich Kenner sind, bestätigen es durchaus. Ehemals

schickte man bei der großen Bevölkerung Korn nach Rom, und die Insel

wurde für ein Magazin der Hauptstadt der Welt gehalten. Neulich ist man

genöthigt gewesen, Getreide aus der Levante kommen zu lassen, damit die

wenigen ärmlichen südlichen Küstenbewohner nicht Hunger litten. Kann man

eine bessere Philippika auf die Regierung und den Minister in Neapel

schreiben? Man giebt der physischen Verschlimmerung des Landes durch die

Erdrevolutionen viele Schuld: aber die Berge sind noch alle fruchtbar

bis fast an die Spitzen. Wenn man die Gipfel der Riesen, des Eryx, des

Taurus und einige Felsenpartien ausnimmt, könnte von allen gewonnen

werden, wenn man Arbeit daran wagen wollte. Die Jumarren, diese

verschrieenen Gegenden, geben reichlich, wenn man fleißig ist. Sicilien

ist ein Land des Fleißes, der Arbeit und der Ausdauer. Man will aber

jetzt nur da bauen, wo man fast nicht nöthig hat zu arbeiten. Es sind

freilich wenig große Striche hier, die so schwelgerisch fruchtbar wären,

wie das Kampanerthal: aber es könnte viel schönes Paradies geschaffen

werden.

Der Hafen ist fast leer, und ist vielleicht einer der schönsten auf dem

Erdboden. Wenn man ein Fort auf Plemnyrium und eines auf Ortygia hat, so

kann keine Felucke heraus und hinein. Jetzt kreuzen die Korsaren bis vor

die Kanonen. Als im vorigen Kriege die Franzosen Miene machten, sich der

Insel zu bemächtigen, war hier schon alles entschlossen sich recht

tapfer zu ergeben. Man erzählte mir eine Anekdote, die mir unglaublich

vorkam; aber sie wurde verschieden im Publikum hier und da wiederholt.

Der Gouverneur, um ja durchaus außer Stande zu seyn, schnell zu handeln,

läßt alle Kaliber der Kugeln durch einander werfen und die Munition in

Unordnung bringen. Die Franzosen nahmen ihren Weg nach Aegypten und es

war weder Gefecht noch Ergeben nöthig; die Excellenz zog sich durch ein

sanftes seliges Ende aus allem Verdruß. Hätten die Franzosen ihren

Vortheil besser verstanden, anstatt an den Nil zu gehen vorher die Insel

anzugreifen; mit zehntausend Mann hätten sie dieselbe mit ihrer

gewöhnlichen Energie genommen und mit gehöriger Klugheit behauptet.

Freilich wären dazu andere Maaßregeln nöthig gewesen, als ihre Generale

und Kommissäre zur Schande der Nation und ihrer Sache hier und da

ergriffen haben. Sicilien wäre auch in einem östlichen Kriege ein ganz

anderer Zwischenpunkt als Malta; das zeigt die ganze Geschichte und

schon ein einziger Blick auf die Insel. -- Es kommen jetzt selten

Schiffe aus Syrakus. Bloß im vorigen Kriege war es ein Zufluchtsort

gegen die Stürme: und dabei hat die Stadt wenigstens etwas gewonnen.

Jetzt nach dem Frieden vermindert sich die Anzahl der Ankommenden

beständig wieder.

Noch etwas Literarisches muß ich Dir doch aus dem südlichen Sicilien

melden, damit Du nicht glaubest, ich sei ganz unter die Analphabeten

getreten. Landolina läßt jetzt in Florenz eine Abhandlung drucken, in

welcher er beweist, daß der heutige berühmte Syrakuser Muskatenwein der

[Griechisch: oinos pollios] oder [Griechisch: polios] der Alten sei. Die

klassischen Hauptstellen darüber sind, glaube ich, die Gärten des

Alcinous im Homer, und Hesiodus in seinen Tagewerken im sechshundert und

zehnten Vers. Im Homer heißt es, daß an den Weinstöcken reife Trauben

und grünende Blüthen zugleich gewesen seien, worüber sich unsere

Ausleger zuweilen quälen, sagte Landolina. Sie dürften nur die Sache

wörtlich nehmen und zu uns nach Syrakus kommen, so könnten sie sich bei

der ersten Ernte des Muskatenweins zu Anfang des July leicht überzeugen.

Aber nur die Muskatentraube hat diese Eigenschaft des Orangenbaums, daß

sie reife und unreife Früchte und Blüthen zu gleicher Zeit zeigt.

Landolina behauptet, diese Traube sei zunächst aus Tarent nach Syrakus

gekommen; das mag er beweisen. Dieses alles wird Dir, als einem

weingelehrten Manne, weit wichtiger seyn, als mir Abacchevten. Er hat

mir manche nicht unangenehme philologische Bemerkung über manche

griechische Stelle gemacht, für die ihm sein Freund Heyne in Göttingen

Dank wissen wird, dem er sie wahrscheinlich auch alle mitgetheilt hat.

An der Arethuse kann man freilich manches etwas besser sehen, als an der

Leine. Uebrigens sagte er noch, daß Homer, der, nach der Genauigkeit

seiner Beschreibung zu urtheilen, durchaus in Sicilien gewesen seyn

müsse, vielleicht nicht sonderlich hier aufgenommen worden sei, weil er

bei jeder Gelegenheit einen etwas bösartigen Tik gegen die Insel äußere.

_Catanien._

Du siehst, ich bin nun auf der Rückkehr zu Dir. Syrakus, oder vielleicht

schon Agrigent, war das südlichste Ende meines Weges. Vor einigen Tagen

ritt ich zu Maulesel wieder mit einem ziemlich kleinen Führer hierher.

Man kann die Reise in einem Sommertage sehr bequem machen; und wenn man

recht gut beritten ist, recht früh aufbricht und sich nicht sehr

umsieht, kann man wohl Augusta noch mitnehmen. Die Maulesel machen einen

barbarisch starken Schritt, und das ^Pungete, Don Juan, pungete!^ wurde

auch nicht gespart. Es war ein herrlicher warmer Regenmorgen, als ich

Syrakus verließ; der Himmel hellte sich auf, als ich aus der Festung

war, und die Nachtigallen sangen wetteifernd in den Feigengärten und

Mandelbäumen so schön, wie ich ihnen in Sicilien gar nicht zugetraut

hätte, da sie sich noch nicht sonderlich hatten hören lassen. Ich ging

wieder vor der Feigenquelle vorbei und durch einen Strich der schönen,

herrlichen Gegend von Augusta. Aber vor derselben und nach derselben war

es wüste, ununterbrochen wüste, bis diesseits der Berge an die Ufer des

Simäthus. In einem Wirthshause am Fuße der Berge, ungefähr noch zehn

Millien von Catanien, wo ich essen wollte, und wenigstens Maccaroni

suchte, gab der Wirth skoptisch zur Antwort: »in Catanien sind

Maccaroni; hier ist nichts.« Der Mensch hatte die trotzige, murrsinnige

Physiognomie der gedrückten Armuth und des Mangels, der nicht seine

Schuld war, und gewann nicht eher eine etwas freundliche Miene, als bis

ich seinen Kindern von meinem schönen Brote aus Syrakus gab; dann holte

er mir mein Lieblingsgericht, getrocknete Oliven. In der Gegend des

Simäthus war das Wasser ziemlich groß, das man auf die Felder umher auf

den Reis leitete. Mein Maulesel, den ich nordischer Reiter wohl nicht

recht geschickt lenken mochte, fiel in eine morastige Lache des Flusses,

und bekam meine halbe Personalität unter sich. Mein linker Fuß, der

wegen einer alten Kontusion nicht viel vertragen kann, wurde gequetscht

und etwas verrenkt und ich kam lahm hier an. Sehr leicht hätte ich eines

sehr unidyllischen schmutzigen Todes in dem Schlamme des Simäthus

sterben können: doch zürne ich deßwegen dem Flusse nicht; denn er ist

doch der einzige Fluß, der diesen Namen auf der Insel verdient, und

durchaus der größte; wenn gleich einige den Salzfluß bei Alicata, oder

gar den Himera bei Termini größer machen. Der Simäthus ist ein

eigentlicher Fluß, die Zierde und der Segen des eigentlichen Thales

Enna, und die andern sind nur Waldströme, die sich freilich zuweilen mit

vieler Gewalt von den Bergen herabwälzen mögen, wie ich schon selbst die

Erfahrung gemacht habe. Das dauert aber gewöhnlich nur einige Tage; dann

kann man wieder zu Fuß durch ihre Betten gehen. Nicht weit diesseit des

Simäthus, über den hier eine ziemlich gute Fähre geht, führte mich mein

unkundiger Eseltreiber tief in Büsche und Moräste hinein, daß weder ich,

noch er, noch der Esel weiter wußten. Mein Schmutz und mein Schmerz am

Fuße hatten mich etwas grämlich gemacht, so daß ich im Aerger dem Jungen

mit der Ruthe einige Schläge über das Kollet gab. Darüber fing er an

jämmerlich zu schreien; wir erholten uns beide, und er sagte mir sodann

mit vieler Eseltreiberweisheit, das sei sehr unklug von mir gewesen, daß

ich so wenig Geduld gehabt habe; ich habe zwar von ihm nichts zu

fürchten, weil er ehrlich sei! aber ich sei doch immer in seiner Gewalt.

Avis dem Leser! der Junge hatte Recht, und ich schämte mich meiner

Uebereilung; wir versöhnten uns, und ritten philosophisch weiter. Die

fernere Nachbarschaft von Catanien ist, für Catanien, schlecht genug

bebaut, die ganze Gegend des Simäthus könnte und sollte besser

bearbeitet seyn. In der Nähe der Stadt fängt die Kultur schöner an. Ich

ließ an dem Stadtthore den Jungen mit der Bezahlung laufen, und

spazierte oder hinkte vielmehr, etwas gesäubert, die Straße hinab,

wendete mich an die erste Physiognomie, die mir gefiel, und die mich

auch in dem Elephanten sehr gut unterbrachte. Für den beschädigten Fuß

gab mir ein Arzt bei dem Professor Gambino Muskatennußöl, und es ward

sogleich besser, und jetzt marschire ich schon wieder ziemlich fest. Das

habe ich auch nöthig; denn ich will auf den Aetna, wo sich mancher schon

den Fuß vertreten hat.

Eben stehe ich von einer ächt klassischen Mahlzeit auf, mein Freund, und

ich glaube fast, es wäre die beste in meinem Leben gewesen, wenn nur

einige Freunde, wie Du, aus dem Vaterlande mit mir gewesen wären. Aber

mein Tischgeselle war ein hiesiger Geistlicher, eben die Physiognomie,

die ich auf der Straße zum Führer bekam. Der Mann ist indessen für einen

sicilischen Theologen vernünftig genug, und hat mir eben, ich weiß nicht

wie, klassisch bewiesen, daß Catanien das Vaterland der Flöhe sei. Meine

Mahlzeit, Freund, war ganz vom Aetna, bis auf die Fische, welche aus der

See an seinem Fuße waren. Die Orangen, der Wein, die Kastanien, die

Feigen und die Feigenschnepfen, alles ist vom Fuße und von der Seite des

Berges. Ich bin Willens, ihn auf alle Weise zu genießen; deßwegen bin

ich hergekommen; und wohl nicht absichtlich, um das Unwesen der

Regierung und der Möncherei zu sehen. In Catanien ist es wohl von ganz

Sicilien und vielleicht von ganz Italien noch vielleicht am hellsten und

vernünftigsten; das hat Biskaris und einige seiner Freunde gemacht,

durch welche etwas griechischer Geist wieder aufgelebt ist. Es ist hier

sogar eine Art von Wohlstand und Flor, der den schlechten Einrichtungen

in der Insel Hohn spricht. Hier würde ich leben, wenn ich mich nicht bei

den Kamaldulensern in Neapel einsiedelte. Hier fängt man wenigstens an,

das Unglück des Vaterlandes, die Unordnungen und Malversationen aller

Art, die schrecklichen Wirkungen der Unterdrückung und des dummen

Aberglaubens recht lebhaft zu fühlen. Die Mönche haben den dritten Theil

der Güter in den Händen; und wenn ihre Mast das einzige Uebel wäre, das

sie dem Staate verursachen, so könnte der gräßliche Druckfehler des

Menschenverstandes doch vielleicht noch Verzeihung finden. Aber -- mein

Gott, wer wird ein Wort über die Mönche verlieren! Bonaparte wird sich

zu seiner Zeit ihrer schon wieder eben so thätig annehmen, wie der

Uebrigen, da sie mit ihnen zu seinem Systeme gehören. Es entfuhr mir aus

kosmopolitischem Ingrimm hier in einer Gesellschaft, daß ich etwas

unfein sagte: »^Les moines avec leur cortège sont les morpions de

l'humanité.^« Die Sentenz wurde mit lautem Beifall aufgenommen, und auf

manchen vorübergehenden Kuttenträger angewendet. Du begreifst, daß man

schon ziemlich liberal seyn muß, um so etwas nur zu vertragen: freilich

verträgt man es nicht überall; aber die Stimmung ist doch sehr lebendig

gegen das Ungeziefer des Staats. Die Franzosen haben in der ganzen Insel

keine geringe Partei; und diese nimmt es Bonaparte sehr übel, daß er

nach Aegypten ging, und nicht vorher kam und sie nahm, welches nach

ihrer Meinung etwas Leichtes gewesen wäre. Muth, Klugheit, allgemeine

Gerechtigkeit und Humanität, von welchen Eigenschaften er wenigstens die

erste Hälfte besitzt, hätten mit zehen tausend Mann die Sache gemacht:

und es ist leicht zu berechnen, was Sicilien für den Krieg gewesen wäre;

wenn es auch jetzt nicht mehr so wichtig ist, als in den karthagischen

Kriegen, oder unter den Normännern. Alle vernünftige Insulaner sind

völlig überzeugt, daß sie bei dem nächsten Kriege, an dem Neapel nur

entfernt Antheil nimmt, die Beute der Engländer, oder Franzosen seyn

werden; und ich gab ihnen mit voller Ueberlegung den Trost, daß sie sich

im Ganzen auf keinen Fall verschlimmern könnten, so sehr auch einzelne

Städte leiden möchten. Sie schienen das leicht zu begreifen, und sich

also nicht zu fürchten.

Es würde zu weitläuftig werden, wenn ich anfangen wollte, Dir nur etwas

systematisch über Literatur und Antiquitäten zu schreiben. Andere haben

das besser vor mir gethan, als ich es könnte. Es hat sich wesentlich

nichts geändert. Der thätige Geist des alten Biskaris scheint nicht ganz

auf seinen Nachfolger übergegangen zu seyn: obgleich auch dieser noch

immer die nämliche Humanität zeigt. Das Kabinet ist wohl nicht ganz in

der besten Ordnung. Was mich im Antikensaale vorzüglich beschäftigt hat,

waren einige sehr schöne griechische und römische Köpfe, ein Torso fast

von der nämlichen Gestalt, wie der jetzige Pariser, und den Einige

diesem fast gleich schätzen, und eine Büste der Ceres, die beste, die

ich gesehen habe. Es sind mehrere Statüen der Venus da; aber keine

einzige, die mir gefallen hätte. Unter den kleinen Bronzen zeichneten

sich für mich aus, ein Atlas, der Himmelsträger, ein Mars, ein Merkur

und ein Herkules. Es sind auch noch einige andere von vortrefflicher

Arbeit. Die Lampensammlung ist sehr beträchtlich, vorzüglich die

Matrimoniallampen, unter denen viele sehr niedliche, leichtfertige,

aphrodisische Mysterien sind, die dem Charakter nach aus den Zeiten der

römischen Kaiser zu seyn scheinen. Manches gehört wohl auf keine Weise

in eine solche Sammlung; vorzüglich nicht die Gewehre, welche wenig

Interesse für Künstler und Kenner haben: einzelne Anekdoten müßten denn

die Stücke merkwürdig machen. Vorzüglich schön ist noch eine längliche

Vase, wo Ulyß und Diomed die Pferde des Rhesus bringen.

Das Uebrige findet man besser und geordneter bei dem Ritter Gioeni,

dessen Fach ausschließlich die Naturgeschichte ist, und vorzüglich die

Naturgeschichte Siciliens. Man findet bei ihm alle vulkanische Produkte

des Aetna, des Vesuv und der liparischen Inseln, und es ist ein

Vergnügen, die Resultate eines anhaltenden Fleißes hier zusammen zu

sehen. Hier sind alle sicilischen Steine, von denen die Marmorarten

vorzüglich schön sind. Bei Landolina und Biskaris und Gioeni sind

Tische, die aus allen sicilischen Marmorarten gearbeitet sind. Das Fach

der Muscheln findet man wohl selten so schön und so reich, als bei dem

Letzten. Was mich besonders aufhielt, waren die verschiedenen niedlichen

Sorten von Bernstein, alle aus Sicilien, die ich hier nicht gesucht

hätte. Ich wußte wohl, daß man in Sicilien Bernstein findet, aber ich

wußte nicht, daß er so schön und groß angetroffen wird: und ich habe aus

der Ostsee keine so schöne Farben und Schattirungen davon gesehen. Die

Arbeiten waren sehr niedlich und geschmackvoll. In der neuern Chemie und

Physik muß man indessen nicht sehr gewissenhaft mit fortgehen: denn es

wurde zufällig von der Platina gesprochen, die Gesellschaft war nicht

ganz klein und nicht ganz gewöhnlich, und man gestand sogar Deinem

idiotischen Freunde eine Stimme über die specifische Schwere des

Metalles zu. Endlich mußte unser Landsmann Bergmann den Zwist

entscheiden, und ich war wirklich seinem Ausspruche am nächsten

gekommen. Der Ritter und sein Bruder sind Männer von vieler Humanität

und unermüdetem Eifer für die Wissenschaft.

Ich hatte das Vergnügen in dem Universitätsgebäude einer theologischen

Doktorkreation beizuwohnen. Der Saal ist groß und schön und hell. Rund

herum sind einige große Männer des Alterthums nicht übel abgemalt, von

denen Einige Catanier waren, nämlich Charondas und Stesichorus; auch

Cicero hatte für seinen Eifer für die Insel die Ehre hier zu seyn;

sodann der Syrakusier Archimed und einige andere Sicilier. Theokrit war

den frommen Leuten vermuthlich zu frivol; er war nicht hier. Der

Candidat war ein Dominikaner, und machte in ziemlich gutem Latein die

Lobrede der Stadt und der Akademie Catanien. Der Promotor hielt sodann

der Theologie eine Lobrede, die sehr mönchisch war, und die ich ihm bloß

der guten Sprache wegen nur in Sicilien noch verzeihe. Nun, dachte ich,

wird die Disputation angehen; und vielleicht vergönnt man sogar, da die

Versammlung nicht zahlreich und ich von einem hiesigen Professor

eingeführt war, mir Hyperboreer auch ein Wörtchen zu sprechen. Aber das

war schon alles ^inter privatos parietes^ mit dem Examen abgemacht: man

gab dem Candidaten den Hut, die Trompeter bliesen, und wir gingen fort.

Die Universitätsbibliothek ist nicht zahlreich, aber gut gewählt und

geordnet, und der Bibliothekar ist ein freundlicher, verständiger Mann.

Er zeigte mir eine erste Ausgabe vom Horaz, die mit den Episteln anfing,

und die, wie er mir sagte, Fabricius sehr gelobt habe.

In den antiken Bädern unter der Kathedrale, durch welche eine Ader des

Amenanus geleitet ist, die noch fließt, war die Luft so übel, daß der

Professor Gambino es nur einige Minuten aushalten konnte. Meine Brust

war etwas stärker; aber ich machte doch, daß ich wieder herauskam. Sie

werden selten besucht. Auch in den dreifachen Korridoren des Theaters

etwas weiter hinauf kroch ich eine Viertelstunde herum: von hier hat der

Prinz Biskaris seine besten Schätze gezogen. Auch hier ist ein Aquaedukt

des Amenanus, aber sehr verschüttet. Nicht weit davon ist ein altes

Odeum, das jetzt zu Privatwohnungen verbauet ist. Die Kommission der

Alterthümer hat aber nun die Oberaufsicht; und kein Eigenthümer darf

ohne ihre Erlaubniß einen Stein regen.

Das Kloster und die Kirche der reichen Benediktiner sind so gut, als man

eine schlechte Sache machen kann. Die Kirche gilt für die größte in ganz

Sicilien und ist noch nicht ausgebauet; an der Facade fehlt noch viel.

Sie mag dessen ungeachtet wohl die schönste seyn. Die Gemälde in

derselben sind nicht ohne Werth, und die Stücke eines Eingebornen, des

Morealese, werden billig geschätzt. Am meisten thut man sich auf die

Orgel zu gute, die vor ungefähr zwanzig Jahren von Don Donato del Piano

gebauet worden ist. Er hat auch eine in Sankt Martin bei Palermo

gebauet; aber diese hier soll, wie die Catanier behaupten, weit

vorzüglicher seyn. Man hatte die wirklich ausgezeichnete Humanität, sie

für einige Freunde nach dem Gottesdienste noch lange spielen zu lassen;

und ich glaube selbst in Rom keine bessere gehört zu haben. Schwerlich

findet man eine größere Stärke, Reinheit und Verschiedenheit. Einige

kleine Spielwerke für die Mönche sind freilich dabei, die durchaus alle

Instrumente in einem einzigen haben wollen: aber das Echo ist wirklich

ein Meisterstück; ich habe es noch in keiner Musik so magisch gehört.

Die Abenddämmerung in der großen, schönen Kirche, und dann die feierlich

schaurige Beleuchtung wirkten mit. Die Bibliothek und das Kabinet der

Benediktiner sind ansehnlich genug, und könnten bei den Einkünften des

Klosters noch weit besser seyn. Im Museum finden sich einige hübsche

Stücke von Guido Reni und, wie man behauptet, von Raphael. Mehrere

griechische Inschriften sind an den Wänden umher. Eine auf einer

Marmortafel ist so gelehrt, daß sie, wie man sagte, auch die

gelehrtesten Antiquare in Italien nicht haben erklären können: auch

Visconti nicht. Ich hatte nicht Zeit; und was wollte ich Rekrut nach

diesem athletischen Triarier? Doch kam es mir vor, als ob sie in einem

späteren griechischen Stile das Märterthum der heiligen Agatha

enthielte. Wenn Du nach Catanien zu den Benediktinern kommst, magst Du

Dein Heil versuchen. In der Bibliothek bewirthete man mich, als einen

Leipziger, aus Höflichkeit mit den ^Actis eruditorum^, die in einer

Klosterbibliothek in Catanien auch wirklich eine Seltenheit seyn mögen.

Die Byzantiner waren alle mit ^Caute^ in Verwahrung gesetzt, und werden

nicht jedem gegeben. Als einen sehr großen seltenen Schatz zeigte man

mir eine außerordentlich schön geschriebene Vulgata. Ich las etwas

darin, und verschüttete die gute Meinung der Herren fast ganz durch die

voreilige Bemerkung, es wäre Schade, daß der Kopist gar kein Griechisch

verstanden hätte. Man sah mich an: ich war also genöthigt zu zeigen, daß

er aus dieser Unwissenheit vieles idiotisch und falsch geschrieben habe.

Die guten Leute waren verlegen und legten ihr Heiligthum wieder an

seinen Ort, und ihre Mienen sagten, daß solche Schätze nicht für Profane

wären. Der Pater Secretär, ein feiner, gebildeter Mann, der in seinem

Zimmer ein herrliches Instrument hatte, gab mir einen Brief an ihren

Bruder oben am Berge im Namen des Abts, da er hörte, daß ich auf den

Berg wollte. Er schüttelte indessen zweifelhaft den Kopf und erzählte

mir schreckliche Dinge von der Kälte in der obern Region des Riesen: es

würde unmöglich seyn, meinte er, schon jetzt in der frühen Jahreszeit

noch zu Anfange des Aprils hinaufzukommen. Er erzählte mir dabei von

einigen Westphalen, die es noch bei der nämlichen Jahreszeit gewagt

hätten, aber kaum zur Hälfte gekommen wären und doch Nasen und Ohren

erfroren hätten. Ich ließ mich aber nicht niederschlagen; denn ich wäre

ja nicht werth gewesen, nordamerikanischen und russischen Winter erlebt

zu haben.

Das Kloster hat achtzigtausend Scudi Einkünfte, und steht in Kredit, daß

es damit viel Gutes thut. Das heißt aber wohl weiter nichts, als funfzig

Faulenzer ernähren hundert Bettler; dadurch werden beide dem Staate

unnütz und verderblich. So jemand nicht will arbeiten, der soll auch

nicht essen, sagt unser alter Sirach; und ich finde den Ausspruch ganz

vernünftig, auch wenn er mir selbst das Todesurtheil schriebe.

Eine schöne Promenade ist der Garten dieses nämlichen Klosters der

hinter den Gebäuden auf lauter Lava angelegt ist, und wo man links und

rechts und geradeaus die schönste Aussicht auf den Berg und das Meer und

die bebaute Ebene hat. Die Lavafelder geben dem Garten das Ansehen einer

großen, mächtigen Zauberei. Gleich neben diesem Garten, neben dem

Klostergebäude nach der Stadt zu, hat ein Kanonikus einen kleinen

botanischen Garten, wo er schon die Papierstaude von Syrakus als eine

Seltenheit hält. Noch angenehmer ist der Gang in die Gärten des Prinzen

Biskaris in der nämlichen Gegend. Als er ihn anlegte, hielt man es für

eine Spielerei; aber er hat gezeigt, was Fleiß mit Anhaltsamkeit und

etwas Aufwand thun kann. Er hat die Lava gezwungen; die Pflanzung grünt

und blüht mit Wein und Feigen und Orangen und den schönsten Blumen aller

Art. Der Gärtner brachte mir die gewöhnliche Höflichkeit, und ich legte

mehrere Blumen in mein Taschenbuch für meine Freunde im Vaterlande.

Das Jesuitenkloster in der Stadt ist zum Etablissement für Manufakturen

gemacht; und ob dieses Etablissement gleich noch nicht weit gediehen

ist, so ist doch durch die Vernichtung des Klosters schon viel gewonnen.

In der Kathedrale hängt in einer Kapelle ein schrecklich treues Gemälde,

ungefähr sechs Fuß im Quadrat, von der letzten großen Eruption des

Berges 1669, die fast die Stadt zu Grunde richtete. Ein ächter Künstler

sollte es nehmen und ihm in einer neuen Bearbeitung zur Wahrheit des

Ganzen auch Kunstwerth geben. Es würde ein furchtbar schönes Stück

werden, und das ganze Gebiet der Kunst hätte dann vielleicht nichts

Aehnliches aufzuweisen. Hier hätte Raphael arbeiten sollen; da war mehr

als sein Brand.

Unten wo der zertheilte Amenanus wieder aus den Lavaschichten

herausfließt, steht noch etwas von der alten Mauer Cataniens, ungefähr

in gleicher Entfernung zwischen dem Molo links und dem Lavaberge rechts,

der dort weiter in die See hinein sich emporgethürmt hat. An dem Molo

hat man schon lange mit vielen Kosten gearbeitet; ich fürchte aber, die

See wird gewaltiger seyn, als die Arbeiter. Wenn links ein Felsenufer

etwas weiter hervorgriffe und den Wogensturz von Calabrien her etwas

dämmte, so wäre eher Hoffnung zur Haltbarkeit. Die Erfahrung, von der

ich nichts wußte, hat schon meine Meinung bestätigt, und einige

verständige Leute pflichteten mir bei. Catanien wird sich wohl müssen

mit einer leidlichen Rhede begnügen, wenn nicht vielleicht einmal der

Aetna, der große Bauer und Zerstörer, einen Hafen bauet. Er darf nur

links einen solchen Berg ins Meer schießen, wie er rechts gethan hat, so

ist er fertig. Es fragt sich, ob das zu wünschen wäre. Die Straße

Ferdinande, von dem prächtigen Thore von Syrakus her, ist die

Hauptstraße: eine andere, die ihr etwas aufwärts parallel läuft, ist

fast eben so schön. Wenn Catanien so fortarbeitet, macht es sich nach

einem großen Plane zu einer prächtigen Stadt. Fast alle öffentlichen

Monumente sind von der Kommune aus eigenen Kräften bestritten, und es

sind derselben nicht wenig; des Hofes geschieht nur Ehrenerwähnung. Es

ist der lieblichste Ort, den ich in Sicilien gesehen habe, und übrigens

sehr wenig mit der Regierung in Kollision; so daß viel Gutes zu erwarten

ist. Die Dazwischenkunft der Höfe verderbt wie ein Mehlthau meistens das

natürliche Gedeihen der freien Industrie.

_Messina._

Ich muß mich etwas fassen, daß ich Dich den Weg über den Berg und

Taormina hierher mit mir nicht gar zu unordentlich machen lasse; ob Du

gleich Geduld genug wirst haben müssen, denn ich bin ein gar schlechter

Systematiker. Der Wirth im Elephanten in Catanien, in dessen Buche ich

viele Bekannte fand und der sich als einen sehr guten Hodegeten

ankündigte, besorgte mir eben nicht wohlfeil einen Mann mit einem

Thiere, der mit mir die Fahrt bestehen sollte. Ich packte meinen Sack

voll Orangen und ritt nun bergan. Wie viel ich Dörfer und Flecken

durchritt, ehe ich am Sandkloster ankam, weiß ich nicht mehr. Dieses

Kloster gehört bekanntlich den reichen Benediktinern unten in der Stadt,

die hier nur einen Laienbruder haben, welcher die Oeconomie besorgt,

denn sie haben rund umher weite Distrikte von Weinbergen. Bei den

Mönchen gilt selten das Sprüchwort: im Weine ist Wahrheit, sondern: im

Weine ist Schlauheit. Ich kann mir nicht helfen, und wenn mich die

Mönche zum Abt machten, ich würde sagen: je größer das Kloster, desto

größer die Sottise. Die Mönche unten sind gar feine Kauze, die das

Inconsequente und Bedenkliche und Kritische ihrer jetzigen Lage sehr gut

fühlen und die Kutte durchzuschauen wissen: diese waren freundlich und

höflich. Der Laienbruder hier im Sande war etwas grämelnd und

murrsinnig. Er nahm meinen Empfehlungsbrief, betrachtete ihn und sagte

mir ganz trocken: »Der Abt, mein Vorgesetzter, hat ihn nicht

unterschrieben; er geht mich also nichts an.« »Das ist schlimm für

mich,« sagte ich: »Ja wohl!« sagte er. »Was soll ich nun thun?« fragte

ich: »Was Sie wollen;« antwortete er. Er besann sich indessen doch

etwas; man trug eben das Essen auf. Er fragte mich, ob ich mitessen

wollte; und ich machte natürlich gar keine Umstände, weil ich ziemlich

hungrig war. Wir setzten uns also, und über Tische ward mein Wirth etwas

freundlicher. Mein Maulesel mit dem Führer wurde nach dem nächsten Orte

Nicolosi geschickt und mir Quartier und Pflege gesichert. Man meldete,

daß eine fremde sehr vornehme Gesellschaft ankommen würde, die auch auf

den Berg steigen wollte; das war mir lieb. Wir aßen dreierlei Fische.

Denke Dir, ein Laienbruder der Benediktiner in der höchsten Wohnung am

Aetna zur Fasten dreierlei Fische! Denn über diesem Kloster sind nur

noch einige Häuser links hinüber, und weiter nichts in der Waldregion

bis hinauf an die alte Geißhöhle. Ich spreche von dieser Seite; die

andern Pfade kenne ich nicht. Es kam ein anderer Herr, der uns trinken

half. Dieser schien ein etwas besseres Stück von Geistlichem zu seyn.

Mein Wirth zog den Brief aus der Tasche und ließ ihn von dem andern

vorlesen; da ergab sich mir denn erst, daß der Herr Laienbruder wohl gar

nicht lesen konnte. Der Brief lautete ungefähr, daß der Pater Secretär

ihn im Namen und auf Befehl des Abtes schreibe, den deutschen reisenden

Herrn, der von dem Minister sehr empfohlen wäre, nach Würden bestens zu

bewirthen. Von meiner Entfernung war nun gar nicht mehr die Rede. Der

Bruder ward gesprächiger und erzählte mir seine Reisen und seine

Schicksale, und daß ihn der Papst kenne. Bald kam er auf meine Ketzerei

und segnete sich. Er ließ sich mein Seelenheil und meine Bekehrung noch

etwas angelegener seyn, als der palermitanische Steuerrevisor in

Agrigent, fand mich aber ganz refraktarisch: er mußte mich also mit

seinem besten Futter in die Hölle gehen lassen. Der vornehmste Grund,

den er brauchte, mich zum Christen zu machen, war: Ich hätte doch einen

sehr gefährlichen Weg vor mir, es seien auf dem Berge schon Viele

umgekommen; nun könnte ich, wenn ich auch todt gefunden würde, nicht

einmal christlich begraben werden. Das war nun freilich ein triftiges

Argument; denn bei diesen Herren ist kein Akatholikus ein Christ. Ich

sagte ihm so sanft als möglich die Anekdote des Diogenes, der sich im

ähnlichen Falle ausbat, man möchte ihm nach dem Tode nur einen Stock

hinlegen, damit er die Hunde wegjagen könnte. Der Mann schüttelte den

Kopf und -- trank sein Glas. Nun wurde mir ein Führer bestellt, der

theuer genug war, und auf alle Fälle Alles in Ordnung gesetzt, wenn auch

die Gesellschaft nicht kommen sollte. Eben als die Einrichtung getroffen

war, wurde gemeldet, daß die Engländer nicht kommen würden, sondern in

Nicolosi blieben. Darüber war der Mann Gottes sehr ergrimmt und betete

etwas unsanft, wie Elisa, der Bärenprophet, über einige seiner Feinde

unten in Catanien und oben in Nicolosi. Ich machte einen Ausflug

gegenüber auf die ^Monti rossi^, die sich bei der letzten großen

Eruption gebildet haben, vermuthlich von der Farbe den Namen tragen und

von ihren Gipfeln eine herrliche Aussicht geben. Man hatte eine starke

Viertelstunde nöthig sie zu ersteigen, und von ihnen sieht man noch

jetzt den ganzen ungeheuren Lavastrom, der hier ausbrach, alles umwälzte

und zernichtete, einen großen Theil der Stadt zerstörte und tief hinter

derselben sich als eine hohe Felsenwand in der See stemmte. Ich weiß

wohl, daß Stollberg anderer Meinung ist; aber ich habe es hier so von

vielen Einwohnern gehört, unter denen auch manche ziemlich unterrichtete

Männer waren. Als ich herunterstieg, begegnete ich zwei Engländern von

der Partie aus Nicolosi, die den nämlichen Spaziergang hierher gemacht

hatten. Ihrer waren fünfe, lauter Officiere von der Garnison aus Malta,

die von Neapel kamen und unterwegs den Berg mitsehen wollten; ein Major,

ein Hauptmann und drei Lieutenants. Sie freuten sich noch einen zur

Partie zu bekommen, und ich holte flugs meinen Sack vom Mönche und zog

herunter zu den Engländern ins Wirthshaus nach Nicolosi, wo schon vorher

mein Führer einquartirt war. Der Mönch machte ein finsteres Gesicht,

murrte etwas durch die Zähne, vermuthlich einige Flüche über uns Ketzer

alle; ich dankte und ging.

Hier trieben wir nun, die fünf Briten und Dein Freund, unser Wesen sehr

erbaulich. Die Engländer hatten den Wirth vom goldenen Löwen aus

Catanien mitgebracht; ich trat zur Gesellschaft, man schaffte mir ein

Bett so gut als möglich, und wir legten uns nieder und schliefen nicht

viel. Die Herren erzählten ihre Abenteuer, militärische und galante, von

der Themse und vom Nil: und bald traf die Kritik einen General, bald ein

Mädchen. Vorzüglich war der Gegenstand ihrer Reminiscenzen eine gewisse

originelle Trompetersfrau, die sie nach allen kernigen Prädikamenten zur

Königin ihres Lagers in Aegypten erhoben. Gegen Mitternacht kamen die

Führer, und nun setzte sich die ganze Karavane zu Maulesel: sechs

^Signori forestieri^, zwei Führer mit Laternen und ein Proviantträger.

Es war, wenn ich nicht irre, den sechsten April zu Mitternacht, oder den

siebenten des Morgens. Den vorigen Tag war es trübes Wetter gewesen,

hatte den Abend ziemlich stark geregnet, hellte sich aber auf, so wie

wir aus dem Wirthshause zogen. Wir gingen bei meinem Mönche in Sankt

^Nicola del bosco ovver della rena^ vorbei. Es war frisch und ward bald

kalt, und dann sehr kalt. Wir trottirten und lärmten uns warm. Dann

deklamirte der Major Grays Kirchhof, dann sangen wir »^God save the

King^,« nach Händel, und »^Britannia, rule the waves^,« und andere

englischpatriotische Sachen. Jeder gab seinen Schnak. »^We are already

pretty high^,« sagte der Eine: »^it is a bitter nipping cold^,« der

Andere, »^Methinks, I hear the dogstar bark, and Mars meets Venus in the

dark^;« fuhr ein Dritter fort. »^Is that not smoke there?^« fragte ein

subalterner Myops; »^I believe I see already old Nick smoking his

pipe.^« -- »^But my dear^,« sagte der Major, »^You are purblind upon

your starbord eye: it is an oaktree.^« So war es: das gab Gelächter und

wir gingen weiter. Bald kamen wir aus der bebauten Region in die waldige

und gingen nun unter den Eichen immer bergauf. Ungefähr um ein Uhr kamen

wir in der Gegend der Geißhöhle an, die aber bis jetzt außer Gebrauch

kommt. Der Fürst von Paterno hat dort ein Haus gebaut, wo die Fremden

eintreten und sich bei einem Feuer wärmen können. Das Haus ist schlecht

genug, und ein deutscher Dorfschulze würde sich schämen, es nicht besser

gemacht zu haben. Indessen ist es doch besser als nichts, und

vermuthlich bequemer als die Höhle. Hier blieben wir eine kleine halbe

Stunde, bestiegen wieder unsere Maulthiere und ritten nunmehr aus der

waldigen Region in den Schnee hinein. Ungefähr eine Viertelstunde über

dem Hause und der Höhle hörte die Vegetation ganz auf und der Schnee

fing an hoch zu werden, der schon um das Haus her und hier und da neu

und alt lag. Wir mußten nun absteigen und unsere Maulthiere hier lassen.

Der Schnee ward bald sehr hoch und das Steigen sehr beschwerlich. Unsere

Führer riethen uns nur langsam zu gehen, und sie hatten Recht: aber die

Herren ruhten zu oft absatzweise, und darin hatten diese nicht Recht.

»^Methinks, I smell the morning air^,« sagte der Major, und fuhr ganz

drollig fort, als ein junger Lieutenant durch den hohlen Schnee auf ein

Lavastück fiel und über den Fuß klagte: »^Alack, what dangers do environ

the man that meddles with cold iron!^« Die Kälte des Morgens ward

schneidend und die Engländer, die wohl in Aegypten und Malta eine solche

Partie nicht gemacht hatten, schüttelten sich wie die Matrosen. Endlich

erreichten wir den Steinhaufen des sogenannten Philosophenthurms, und

die Sonne tauchte eben glühend über die Berge von Kalabrien herauf und

vergoldete was wir von der Meerenge sehen konnten, die ganze See und den

Taurus zu unsern Füßen. Ganz rein war die Luft nicht, aber ohne Wolken;

desto magischer war die Scene. Hinter uns lag noch Alles in Nacht, und

vor uns tanzten hier und da Nebelgestalten auf dem Ocean. Wer kann hier

beschreiben? Nimm Deinen Benda, und laß auf silbernem Flügel dem Mädchen

auf Naxos die Sonne aufgehen: und wenn Du nicht etwas von unserm

Vergnügen hast, so kann Dir kein Gott helfen.[12] So ging uns Titan auf;

aber wir standen über einem werdenden Gewitter: es konnte uns nicht

erreichen. Einer der Herren lief wehklagend und hoch aufschreiend um die

Trümmern herum; denn er hatte die Finger erfroren. Wir halfen mit Schnee

und rieben und wuschen, und arbeiteten uns endlich zu dem Gipfel des

Berges hinauf. Mir däucht, man müßte bis zum Philosophenthurm reiten

können; bis dahin ist es nicht zu sehr jäh: aber die Kälte verbietet es;

wenigstens möchte ich eben deßwegen ohne große Verwahrung nicht von der

Kavalkade seyn. Von hier aus kann man nicht mehr gehen; man muß steigen,

und zuweilen klettern, und zuweilen klimmen. Es scheint nur noch eine

Viertelstunde bis zur höchsten Spitze zu seyn, aber es ist wohl noch ein

Stückchen Arbeit. Die Briten letzten sich mit Rum, und da ich von diesem

Nektar nichts genießen kann, aß ich von Zeit zu Zeit eine Apfelsine aus

der Tasche. Sie waren ziemlich gefroren; aber ich habe nie so etwas

Köstliches genossen. Als ich keine Apfelsinen mehr hatte -- denn der

Appetit war stark -- stillte ich den Durst mit Schnee, arbeitete immer

vorwärts, und war zur Ehre der deutschen Nation der Erste an dem

obersten Felsenrande der großen ungeheuern Schlucht, in welcher der

Krater liegt. Einer der Führer kam nach mir, dann der Major, dann der

zweite Führer, dann die ganze kleine Karavane bis auf den Herren mit den

erfrorenen Fingern. Hier standen und saßen und lagerten wir, halb in dem

Qualm des aufsteigenden Rauchdampfes eingehüllt, und keiner sprach ein

Wort, und jeder staunte in den furchtbaren Schlund hinab, aus welchem es

in dunklen und weißlichen Wolken dumpf und wüthend herauftobte. --

Endlich sagte der Major, indem er sich mit einem tiefen Athemzuge Luft

machte: »^Now it is indeed worth a young man's while to mount and see

it; for such a sight is not to be met with in the parks of old

England.^« Mehr kannst Du von einem ächten Briten nicht erwarten, dessen

patriotische Seele ihren Gefährten mit Rostbeef und Porter ambrosisch

bewirthet.

Die Schlucht, ungefähr eine kleine Stunde im Umfange, lag vor uns, wir

standen alle auf einer ziemlich schmalen Felsenwand, und bückten uns

über eine steile Kluft von vielleicht sechzig bis siebenzig Klaftern

hinaus und in dieselbe hinein. Einige legten sich nieder, um sich auf

der grausen Höhe vor Schwindel zu sichern. In dieser Schlucht lag tief

der Krater, der seine Stürme aus dem Abgrunde nach der entgegengesetzten

Seite hinüber warf. Der Wind kam von der Morgensonne und wir standen

noch ziemlich sicher vor dem Dampfe; nur daß hier und da etwas durch die

Felsenspalten heraufdrang. Rund herum ist keine Möglichkeit, vor den

ungeheuern senkrechten Lavablöcken, bis hinunter ganz nahe an den Rand

des eigentlichen Schlundes zu kommen. Bloß von der Seite von Taormina,

wo eine sehr große Vertiefung ausgeht, muß man hineinsteigen können,

wenn man Zeit und Muth genug hat, die Gefahr zu bestehen: denn eine

kleine Veränderung des Windes kann tödtlich werden, und man erstickt,

wie Plinius. Uebrigens würde man wohl unten am Rande weiter nichts sehen

können. Hätte ich drei Tage Zeit und einen entschlossenen, der Gegend

ganz kundigen Führer, so wollte ich mir wohl die Ehre erwerben, unten

gewesen zu seyn, wenn es der Wind erlaubte. Man müßte aber mit viel

größerer Schwierigkeit von Taormina hinaufsteigen.

Nachdem wir uns von unserm ersten Hinstaunen etwas erholt hatten, sahen

wir nun auch rund umher. Die Sonne stand nicht mehr so tief, und es war

auch auf der übrigen Insel schon ziemlich hell. Wir sahen das ganze

große, schöne herrliche Eiland unter uns, vor uns liegen, wenigstens den

schönsten Theil desselben. Alles was um den Berg herum liegt, das ganze

Thal Enna, bis nach Palagonia und Lentini, mit allen Städten und Flecken

und Flüssen, war wie in magischen Duft gewebt. Vorzüglich reizend zog

sich der Simäthus aus den Bergen durch die schöne Fläche lang hinab in

das Meer, und man übersah mit Einem Blick seinen ganzen Lauf. Tiefer hin

lag der See Lentini und glänzte wie ein Zauberspiegel durch die

elektrische Luft. Die Folge wird zeigen, daß die Luft nicht sehr rein,

aber vielleicht nur desto schöner für unsern Morgen war. Man sah

hinunter bis nach Augusta und in die Gegend von Syrakus. Aber die

Schwäche meiner Augen und die Dünste des Himmels, der doch fast

unbewölkt war, hinderten mich weiter zu sehen. Messina habe ich nicht

gesehen: und mir däucht, man kann es auch von hier nicht sehen: es liegt

zu tief landeinwärts an der Meerenge und die Berge müssen es decken.

Palermo kann man durchaus nicht sehen, sondern nur die Berge umher. Von

den Liparen sahen wir nur etwas durch die Wölkchen. Nachdem wir rund

umher genug hinabgeschaut hatten, und das erste Staunen sich etwas zur

Ruhe setzte, sagte der Major nach englischer Sitte: »^Now be sure, we

needs must give a shout at the top down the gulf^;« und so stimmten wir

denn drei Mal ein mächtiges Freudengeschrei an, daß die Höhlen der

furchtbaren Riesen wiederhallten, und die Führer uns warnten, wir

möchten durch unsere Ruchlosigkeit nicht die Teufel unten wecken. Sie

nannten den Schlund nur mit etwas veränderten Mythus: »^la casa del

diavolo^« und das Echo in den Klüften »^la sua risposta^.«

Der Umfang des kleinen tief unten liegenden Kessels mag ungefähr eine

kleine Viertelstunde seyn. Es kochte und brauste und wüthete und tobte

und stürmte unaufhörlich aus ihm herauf. Einen zweiten Krater habe ich

nicht gesehen; der dicke Rauch müßte vielleicht ganz seinen Eingang

decken, oder dieser zweite Schlund müßte auf der andern Seite der Felsen

liegen, zu der wir wegen des Windes der den Dampf dorthin trieb, nicht

kommen konnten. Auch hier waren wir nicht ganz von Rauche frei; die

rothe Uniform der Engländer mit den goldenen Achselbändern war ganz

schwarzgrau geworden; mein blauer Rock hatte seine Farbe nicht merklich

verändert.

Ich hatte mich bisher im Aufsteigen immer mit Schnee gelabt; aber hier

am Rande auf der Spitze war er bitter salzig und konnte nicht genossen

werden. Nicht weit vom Rande lag ein Auswurf von verschiedenen Farben,

den ich für todten Schwefel hielt. Er war heiß und wir konnten unsere

Füße darin wärmen. Wir setzten uns an eine Felsenwand, und sahen auf die

zauberische Gegend unter uns, vorzüglich nach Catanien und Paterno

hinab. Die ^Monti rossi^ bei Nicolosi glichen fast Maulwurfshügeln, und

die ganze große ausgestorbene Familie des alten lebendigen Vaters lag

rund umher, nur er selbst wirkte mit ewigem Feuer in furchtbarer

Jugendkraft. Welche ungeheure Werkstatt muß er haben! Der letzte große

Ausbruch war fast drei deutsche Meilen vom Gipfel hinab bei Nicolosi.

Wenn er wieder durchbrechen sollte, fürchte ich für die Seite von

Taormina, wo nun die Erdschicht am dünnsten zu seyn scheint. Die Luft

war, trotz dem Feuer des Vulkans und der Sonne, doch sehr kalt, und wir

stiegen wieder herab. Unser Herabsteigen war noch belohnender, als der

Aufenthalt auf dem obersten Gipfel. Bis zum Philosophenthurm war viel

Behutsamkeit nöthig. Hier war nun der Proviantträger angekommen, und wir

hielten unser Frühstück. Die Engländer griffen zu der Rumflasche, und

ich hielt mich zum gebratenen Huhn und dann zum Schnee. Brot und Braten

waren ziemlich hart gefroren, aber der heiße Hunger thaute es bald auf.

Indem wir aßen, genossen wir das schönste Schauspiel, das vielleicht das

Auge eines Menschen genießen kann. Der Himmel war fast ganz hell, und

nur hinter uns über dem Simäthus hingen einige kleine lichte Wölkchen.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch an der Küste Kalabriens; die See war

glänzend. Da zeigten sich zuerst hier und da einige kleine Fleckchen auf

dem Meere links vor Taormina, die fast wie Inselchen aussahen. Unsere

Führer sagten uns sogleich, was folgen würde. Die Flecken wurden

zusehens größer, bildeten flockige Nebelwolken und breiteten sich aus

und flossen zusammen. Keine morganische Fee kann eine solche Farbengluth

und solchen Wechsel haben, als die Nebel von Moment zu Moment annahmen.

Es schoß in die Höhe und glich einem Walde mit den dichtesten Bäumen von

den sonderbarsten Gestalten, war hier gedrängter und dunkler, dort

dünner und heller, und die Sonne schien in einem noch ziemlich kleinen

Winkel auf das Gewebe hinab, das schnell die ganze nördliche Küste

deckte und das wir hier tief unter uns sahen. Der Gluthstrom fing an die

Schluchten der Berge zu füllen, und hinter uns lag das Thal Enna mit

seiner ganzen Schönheit in einem unnennbarem Halblichte, so daß wir nur

noch den See von Lentini als ein helles Fleckchen sahen. Dieses alles

und die Bildung des himmlischen Gemäldes an der Nordseite war das Werk

einer kleinen Viertelstunde. Ich werde eine so geschmückte Scene

wahrscheinlich in meinem Leben nicht wieder sehen. Sie ist nur hier zu

treffen; und auch hier sehr selten; die Führer priesen uns und sogar

sich selbst deßwegen glücklich. Wir brachen auf, um, wo möglich, unten

dem Regen zu entgehen: in einigen Minuten sahen wir nichts mehr von dem

Gipfel des Berges; alles war in undurchdringlichen Nebel gehüllt, und

wir selbst schossen auf der Bahn, die wir im Hinaufsteigen langsam

gemacht hatten, pfeilschnell herab. Ohne den Schnee hätten wir es nicht

so sicher gekonnt. Nach einer halben Stunde hatten wir die Blitze links,

immer noch unter uns. Der Nebel hellte sich wieder auf, oder vielmehr

wir traten aus demselben heraus, das Gewitter zog neben uns her nach

Catanien zu, und wir kamen in weniger, als der Hälfte Zeit wieder in das

Haus am Ende der Waldregion, wo wir uns an das Feuer setzten -- nämlich

diejenigen, die es wagen durften. Die Engländer hatten zu dieser

Bergreise eine eigene Vorkehrung getroffen. Weiß der Himmel, wer sie

ihnen mochte gerathen haben: die meinige war besser. Sie kamen in

Nicolosi in Stiefeln an, setzten sich aber dort in Schuhe, und über

diese Schuhe zogen sie die dicksten wollenen Strümpfe, die man sich

denken kann, und die sie sogar, wie sie mir sagten, schon in Holland zu

diesem Behufe gekauft hatten. Der Aufzug ließ sonderbar genug; sie sahen

mit den großen Aetnastöcken von unten auf alle ziemlich aus, wie

samojedische Bärenführer. Ich ging in meinem gewöhnlichen Reisezeug, mit

gewöhnlichen baumwollenen Strümpfen in meinen festen Stiefeln. Schon

hinaufwärts waren einige holländische Strümpfe zerrissen; herabwärts

ging es über die Schuhe und die Unterstrümpfe. Einige liefen auf den

Zehen, die sie denn natürlich erfroren hatten. Meine Warnung langsam und

fest, ohne abzusetzen, fortzugehen, hatte nichts geholfen. Mir fehlte

nicht das Geringste. Vorzüglich hatte einer der jungen Herren die

Unvorsichtigkeit gehabt, sich mit warmem Wasser zu waschen und an das

Feuer zu setzen. In einigen Minuten jauchzte er vor Schmerz, wie Homers

verwundeter Kriegsgott, und hat den Denkzettel mitgenommen. Vermuthlich

wird er in Catanien, oder noch in Malta zu kuriren haben. Du kannst

sehen, welcher auffallende Kontrast hier in einer kleinen Entfernung in

der Gegend ist; unten bei Catanien raufte man reifen Flachs, und die

Gerste stand hoch in Aehren; und hier oben erfror man Hände und Füße.

Nun ritten wir noch immer mit dem Gewitter durch die Waldregion nach

Nicolosi hinab, wo wir eine herrliche Mahlzeit fanden, die der Wirth aus

dem goldenen Löwen in Catanien kontraktmäßig angeschafft hatte. Wir

nahmen Abschied, die Engländer ritten zurück nach Catanien, und ich

meines Weges hierher nach Taormina.

Es ist vielleicht in ganz Europa keine Gegend mit so vielfältigen

Schönheiten, als die Umgebung dieses Berges. Seine Höhe kann ich nicht

bestimmen. In einem geographischen Verzeichnisse wurde er hier

beträchtlich höher angegeben, als die höchsten Alpen: das mögen die

Italiener mit den mathematischen Geographen ausmachen. Der Professor

Gambino aus Catanien will diesen August mit einer Gesellschaft hinauf

gehen, um oben noch mehrere Beobachtungen anzustellen. Man hat in der

Insel das Sprüchwort vom Aetna: »^On le voit toujours le chapeau blanc

et la pipe à la bouche.^« -- Der Schnee soll nie schmelzen: das ist in

einem so südlichen Klima viel. Man nennt ihn in Sicilien meistens, wie

bekannt, nur ^Monte Gibello^: aber man nennt ihn auch noch sehr oft

Aetna, oder den Berg von Sicilien, oder geradezu vorzugsweise den Berg.

Die letzte Benennung habe ich am häufigsten und zwar auch unten an der

Küste gefunden. Mir scheint es überhaupt, daß man jetzt anfängt, die

alten Namen wieder hervorzusuchen und zu gebrauchen. So habe ich auch

den Fluß unten nicht anders als Simäthus nennen hören.

Bis an das Bergkloster der Benediktiner ist der Aetna von dieser Seite

bebaut; weiter hinauf ist Wald und fast von lauter Eichen, die jetzt

noch alle kahl standen; und nicht weit von der Geißhöhle, oder dem

jetzigen Hause von Paterno hört die Vegetation ganz auf. Wir fanden von

dort an bis zum Gipfel Schnee. Die bebaute Region giebt eine

Abwechselung, die man vielleicht selten mehr auf dem Erdboden findet.

Unten reifen im lieblichsten Gemische die meisten Früchte des wärmern

Erdstrichs; alle Orangengeschlechter wachsen und blühen im goldenem

Glanze. Weiter hinauf gedeiht die Granate, dann der Oelbaum, dann die

Feige, dann nur der Weinstock, und die Kastanie; und dann nur noch die

ehrwürdige Eiche. Am Fuße triffst Du alles dieses zusammen in schönen

Gruppen, und zuweilen Palmen dazu.

Auf meinem Wege nach Taormina zeigte mir mein Führer, nur auf einem

Punkte, den alten, großen, berühmten Kastanienbaum in der Ferne. Kaum

kann ich sagen, daß ich ihn gesehen habe; ich wollte ihm aber nicht

einen Tag aufopfern. Die Nacht mußte ich in einem kleinen elenden

Dörfchen bleiben. Der Weg nach Taormina gehört zu den schönsten,

besonders einige Millien vor der Stadt. Dieser Ort, welcher ehemals

unten lag und nun auf einem hohen Vorsprunge des Taurus steht, hat die

herrlichste Aussicht nach allen Seiten, vorzüglich von dem alten

Theater, einem der kühnsten Werke der Alten. Rechts ist das ewige Feuer

des Aetna, links das fabelhafte Ufer der Insel, und gegenüber sieht man

weit, weit hinauf an den Küsten von Calabrien. Höchst wahrscheinlich ist

das Theater nur römisch; man hat es nach der Zerstörung durch die

Saracenen so gut als möglich wieder zusammengesetzt, scheint aber dabei

nach sehr willkührlichen Konjekturen verfahren zu seyn. Es ist

bekanntlich eines der erhaltensten, und Alles, was alt ist, ist sehr

anschaulich, aber für das neue Flickwerk möchte ich nicht stehen: und

doch hat eben der schönste, prächtigste Theil am meisten von den

Barbaren gelitten. Das alte Schloß, welches noch viel höher als die

Stadt liegt, muß schwer zu nehmen seyn. Die Patronin, die heilige Mutter

vom Felsen, müßte es also ziemlich leicht sehr gut vertheidigen, wenn

ihre Kinder verständige und brave Kriegsleute wären. Nach Taormina hatte

ich eine Empfehlung von Catanien an den Kommandanten, die einzige in

Sicilien, welche schlecht honorirt wurde. Man wies mich in ein

Wirthshaus unten am Fuße des Berges, welches aber eine Stunde hinunter

ist. Das konnte mir mein Mauleseltreiber auch sagen; und hätte ich oben

ein Wirthshaus finden können, so wäre ich dem Herrn gar nicht

beschwerlich gefallen. Bei den Kapuzinern sprach ich gar nicht ein; denn

ihre Ungefälligkeit und ihr Schmutz waren mir schon geschildert worden.

Ich schickte hier meinen Mauleseltreiber fort und wanderte wieder allein

zu Fuße weiter: denn an der See hinauf, dachte ich, kann ich nun Messina

nicht verfehlen. Ein alter Sergeant von Taormina, der mir sehr

freundlich den Cicerone machte, wollte mir eine Ordre an den

Kommandanten von Sankt Alexis, einen unter ihm stehenden Korporal,

mitgeben, daß er mir dort das Schloß auf der Felsenspitze zeigen sollte:

ich dankte ihm aber mit der Entschuldigung, daß ich nicht Zeit haben

würde. Der Weg hinauf und herab von Taormina ist etwas halsbrechend, hat

aber einige schöne, sehr gut bebaute Schluchten. Mein Aufenthalt oben

dauerte aus angeführten Ursachen nur zwei kleine Stunden, bis ich das

Theater gesehen, und Fische und Oliven mit dem Sergeanten gegessen

hatte. Der ehrliche alte Kerl wollte mich für die Kleinigkeit noch

einige Millien begleiten, damit ich den Weg nicht verlieren möchte.

Einen gar sonderbaren, langgezogenen, tiefen, nicht unsonorischen

Dialekt haben hier die Leute. Auf die Frage, wie weit ich noch zum

höchsten Orte habe, erhielt ich die Antwort: »^Saruhn incuhra cinquuh

migliah^:« welches Jeder ohne Noten verstehen wird.

Die Nacht blieb ich in einem kleinen Orte, der, glaube ich, Giumarrinese

hieß, und noch achtzehn Millien von Messina entfernt ist. Ein Seebad

nach einem ziemlich warmen Tage that mir recht wohl; und die frischen

Sardellen gleich aus der See waren nachher ein ganz gutes Gericht. Man

thut sich hier darauf etwas zu gute und behauptet mit Recht, daß man sie

in Palermo nicht so schön haben kann. Einige Millien von Messina fand

ich wieder Fuhrgleise, welches mir eine wahre Wohlthat war; denn seit

Agrigent hatte ich keinen Wagen gesehen. In Syrakus kann man nur eine

Viertelstunde an der See, bis an ein Kloster vor der Stadt und bis in

die Gegend des Anapus fahren: und eine geistliche Sänfte, von Mauleseln

getragen, die ich in den Bergschluchten zwischen Augusta antraf, war

Alles, was ich einem Fuhrwerk ähnliches gefunden hatte.

_Messina._

In der langen Vorstadt von Messina traf ich einige sehr gut gearbeitete

Brunnen, mit pompösen lateinischen Inschriften, worin ein Brunnen mit

Recht als eine große Wohlthat gepriesen wurde. Nur Schade, daß sie kein

Wasser hatten! Die Hafenseite ist noch eine furchtbare Trümmer, und doch

der einzige nahe Spaziergang für die Stadt. Noch der jetzige Anblick

zeigt, was das Ganze muß gewesen seyn; und ich glaube wirklich, die

Messinesen haben Recht gehabt, wenn sie sagten: es sei in der Welt nicht

so etwas Prächtiges mehr gewesen, als ihre Facade an dem Hafen, die sie

deßwegen nur vorzugsweise den Palast nannten, und ihn noch jetzt in den

Trümmern so nennen. Das Schicksal scheint hier eine schreckliche

Erinnerung an unsere Ohnmacht gegeben zu haben: »Das könnt ihr mit Macht

und angestrengtem Fleiß in Jahrhunderten; und das kann ich in einem

Momente!« Die Monumente stürzten, und die ganze Felsenküste jenseits und

diesseits wurde zerrüttet! -- Nur die Heiligennischen an den Enden

werden wieder aufgebauet und Bettelmönche hineingesetzt, den geistlichen

Tribut einzutreiben. Aufwärts in der Stadt wird sehr lebhaft und sehr

solid wieder aufgebauet. Die Häuser bekommen durchaus nicht mehr, als

zwei Stockwerke, um bei künftigen Erderschütterungen nicht zu sehr unter

ihrer Last zu leiden. Das unterste Stockwerk hat selbst in den

furchtbarsten Erdbeben überall nur wenig gelitten.

Messina ist reich an Statuen ihrer Könige, von denen einige nicht

schlecht sind. Ich habe stundenlang vor dem Bild Philipps des Zweiten

gestanden, und die Geschichte aus seinem Gesichte gesucht. Mir däucht,

er trägt sie darauf; und selbst Schiller scheint seinen Charakter

desselben von so einem Kopfe genommen zu haben. Die heilige Jungfrau ist

bekanntlich die vorzüglichste Patronin der Messinesen, und Du kannst

nicht glauben, wie fest und heilig sie noch auf ihren Schutzbrief

halten. Wenn sie hier nicht im Erdbeben hilft, so wie Agatha in Catanien

den Berg nicht zähmt, so müssen freilich die Sünder gestraft werden. Ich

hatte so eben Gelegenheit, eine große feierliche Ceremonie ihr zu Ehren

mit anzusehen. Die ganze Geistlichkeit mit einem ziemlich ansehnlichen

Gefolge vom weltlichen Arm hielt das Palmenfest. Mich wundert nicht, daß

die Palmen in Sicilien nicht besser fortkommen und immer seltener

werden, wenn man sie alle Jahre auf diese Art so gewissenlos plündert.

Alles trug Palmenzweige, und wer keinen von den Bäumen mehr haben

konnte, der hatte sich einen schnitzen und färben lassen. Der Aufzug

wäre possirlich gewesen, wenn er nicht zu ernsthaft gewesen wäre. Ein

Mönch predigte sodann in der Kathedralkirche eine halbe Stunde von der

heiligen Jungfrau und ihrem gewaltigen Kredit im Himmel und ihrer

besondern Gnade gegen die Stadt, und führte dafür Beweise an, über die

selbst der ächteste, gläubigste Katholik hätte ausrufen mögen: »^Credat

Judaeus Apella!^« Sodann kam der Erzbischof in einem ungeheuern, alten,

vergoldeten Staatswagen mit vier stattlichen Mauleseln, stieg aus und

segnete das Volk, und es ging selig nach Hause. Die Kathedrale hat in

ihrem Baue nichts Merkwürdiges, als die Säulen, die aus dem alten

Neptunustempel am Pharus sind. Der große, prächtige Altar war verhängt;

er gilt in ganz Sicilien für ein Wunder der Arbeit und des Reichthums.

Man machte mir Hoffnung, daß ich ihn würde sehen können, und nahm es

ziemlich übel, daß mir die Sache so gleichgültig schien.

Man sagt, die Hafenseite liegt deßwegen noch so ganz in Trümmern, weil

die Regierung sie durchaus eben so schön und ganz nach dem alten Plan

aufgebauet wissen wolle, die Bürger aber sie nur mit dem Uebrigen

gleich, zwei Stock hoch, aufzuführen gesonnen seien. Mir däucht, das

Ganze ob ich es gleich von sehr unterrichteten Leuten gehört habe, sei

doch nur ein Gerücht; und wenn es wahr ist, so zeigt es den guten

soliden Verstand der Bürger, und die Unkunde und Marotte der Regierung.

Die Statue des jetzigen Königs, Ferdinand des Vierten, hat man noch 1792

mitten unter die Trümmer gesetzt. Wenn hier der gute Herr nicht seinen

lethargischen Schnupfen verliert, so kann ihm kein Anticyra helfen. Was

die Leute bei der Aufstellung der Statue hier eben mögen gedacht haben,

ist mir unbegreiflich, da der König weder eine solche Ehre, noch eine

solche Verspottung verdient. Die Statue war auf alle Fälle hier das

Letzte, was man aufstellen sollte. In dem Hafen liegen eben jetzt vier

englische Fregatten, und es scheint, als ob die Briten über die Insel

Wache hielten; so bedenklich mag ihnen die Lage derselben vorkommen. Es

sind schöne, herrliche Schiffe, und so oft ich etwas von der englischen

Flotte gesehen habe, habe ich unwillkührlich den übermüthigen Insulanern

ihr stolzes »^Britania rule the waves^« verziehen; eben so wie dem

Pariser Didot sein »^Excudebam^,« wenn ich die Arbeit selbst

betrachtete.

Von der Wasserseite möchte es immer etwas kosten, Messina anzugreifen:

aber zu Lande von Scaletta würde man so ziemlich gleich gegen gleich

fechten, und der Ort würde sich nicht halten. Ich war hier an einem

Präpositus in einem Kloster empfohlen, der viel Güte und Freundlichkeit,

aber ziemlich wenig Sinn für Aufklärung hatte, welches man dem guten

Mann in seiner Lage so übel nicht nehmen muß. Er begleitete mich mit

vieler Gefälligkeit überall hin, und wollte mich in dem Kloster logiren;

aber ich hatte schon in der Stadt ein ziemlich gutes Wirthshaus. Die

Kirche des heiligen Gregorius auf einer ziemlichen Anhöhe ist reich an

Freskogemälden und Marmorarbeit: aber was mir wichtiger ist, als dieses,

sie giebt von ihrer Façade links und rechts die schönste Aussicht über

die Stadt und den Meerbusen; und mit einem guten Glase muß man hier

sehen können, was gegenüber am Ufer in Italien und in Reggio auf den

Gassen geschieht. In dem Hause des Herrn Marini, eines Patriciers der

Stadt, steht als neuestes Alterthum ein Stück von einer alten Säule mit

Inschrift, das vor einiger Zeit gefunden worden ist. Sie hat auf einem

Brunnen gestanden, und man behauptet, die Inschrift sei griechisch; aber

Niemand ist da, der sie erklären könnte. Ob ich gleich leidlich

griechisch lese, so konnte ich doch nicht einmal herausbringen, ob es

nur griechische Lettern wären. Vielleicht ist es altes phönizisches

Griechisch, und in diesem Falle vielleicht eins der ältesten Monumente.

Schrift und Marmor haben sehr gelitten, da sie lange unter der Erde

gelegen haben. Das Stück ist, so viel ich weiß, noch nicht bekannt, und

wird sorgfältig aufgehoben. Ich empfehle es Männern, die gelehrter sind,

als ich; da es doch vielleicht für irgend einen Punkt der Geschichte

nicht unwichtig ist.

Die Herren des Klosters luden mich ein, zum Fasttage bei ihnen zu essen.

Dieses ist die einzige Mahlzeit, die ich in Italien bei Italienern

genossen habe; und sie war stattlich. Von den übrigen Herren habe ich

viel Höflichkeit erhalten, aber nichts zu essen. Das ist nun so die

italienische Weise, die ich weder loben noch tadeln will. Das Kloster

bestand nur aus wenigen Geistlichen: der Laienbrüder, welche die

Bedienten machten, waren mehr. Man gab mir den Ehrenplatz und war sehr

artig und ich sollte daher wohl dankbar seyn; aber erst für Humanität --

^magis amica veritas^! Ich habe mir die Gerichte gemerkt, und muß sie

Dir nennen, damit Du siehst, wie man an einem sicilischen Klostertische

fastet. Zum Eingang kam eine Suppe mit jungen Erbsen und jungem

Kohlrabi; sodann kamen Maccaroni mit Käse; sodann eine Pastete von

Sardellen, Oliven, Kapern und starken aromatischen Kräutern; ferner ein

Kompott von Oliven, Limonen und Gewürz; ferner einige große herrliche,

goldgelbe Fische aus der See, die ich für die beste Art von Bärschen

hielt; weiter hochgewürzte, vortreffliche Artischocken; das Dessert

bestand aus Lattichsallat, den schönsten jungen Fenchelstauden, Käse,

Kastanien und Nüssen: Alles, und vorzüglich das Brot, war von der besten

Qualität, und schon einzeln ^quantum satis superque^. Vor allen habe ich

die Kastanien nirgends so schön und so delikat gebraten gefunden. Nun

frage ich Dich, heißt das nicht mit diesem Fasten einem ehrlichen Kerl

mit aller Gewalt die Erbsünde in den Leib jagen? Bei dieser Diät muß man

freilich orthodoxen Glauben gewinnen, der die Vernunft verachtet. Ich

ging hinaus und lief einige Meilen am Strande herum, bis zur Charybdis

hinunter; aber die frommen Gläubigen blieben zu Hause in der

Gottseligkeit. Das nenne ich einen Fasttag: nun denke Dir den Festtag!

Meine fußwandelnde Person war wohl nicht so wichtig, daß man deßwegen

eine Aenderung in der Klosterregel sollte gemacht haben. Nun führte man

mich oben in dem unausgebauten Kloster herum, und zeigte mir die Anlagen

und das Modell, das man dazu aus Rom hatte kommen lassen. Ich hoffe vom

Himmel zum Heile der Menschheit, die Sottise soll nicht fertig werden.

Ob so etwas auf meiner Nase mag gesessen, weiß ich nicht; die Herren

zeigten mir nichts mehr von ihren übrigen Herrlichkeiten. Hier las man

mir ein Manuscript von einem Abt Sacchio vor, das eine Beschreibung und

Geschichte der Stadt Messina enthielt und das man sehr hoch schätzte;

aber nach dem zu urtheilen, was davon gelesen wurde, brauchen wir es

nicht zu bedauern, daß der Schatz im Kloster liegt; die Abhandlung

scheint bloß für Mönche pragmatisch.

Die Festung zu sehen, muß man Erlaubniß haben, welches etwas schwer

hält. Ich bemühte mich nicht darum, da ich schon so viel aus der Anlage

sah, daß man mit zweitausend braven Grenadieren ohne Erlaubniß

hineingehen könnte. Alles ist nur auf einen Angriff zu Wasser berechnet.

Der Hafen hier und in Palermo sind noch die einzigen Oerter, wo ich in

Sicilien einige artige Weibergestalten gesehen habe. Anderwärts und

vorzüglich in Agrigent und Syrakus, war ich mit meinen griechischen

Idealen aus dem Theokrit traurig durchgefallen. Der Hafen ist auch hier

und in Palermo die einzige Promenade, und für den Menschen, der Menschen

studiren will, gewiß eine der wichtigsten; so bunt und kraus sind die

Gestalten vieler Nationen durch einander gruppirt! Schon in der Stadt

selbst wohnt eine große Verschiedenheit, und der Fremden sind eine

Menge. Einen der schönsten Augenblicke hatte ich gestern Abends, bei dem

ich als Mensch über die Menschen mich fast der Freudenthränen nicht

enthalten konnte. Ein fremdes Schiff kam aus dem mittelländischen Meer

die Meerenge herab. Ich weiß nicht, ob es durch Sturm oder irgend einen

andern Unfall gelitten hatte; es war in Gefahr und that Nothschüsse. Du

hättest sehen sollen, mit welchem göttlichen Enthusiasmus fast

übermenschliche Kraft zwanzig Boote von verschiedenen Völkern durch die

Wogen auf die Höhe hinausarbeitete, um die Leidenden zu retten.

Italiener, Franzosen, Engländer, Griechen und Türken wetteiferten in dem

schönsten Kampfe: sie waren glücklich und brachten Alles ohne Verlust in

den Hafen. In diesem Momente ärgerte ich mich fast, daß ich nicht reich

war, hier den Rettern ein menschliches Fest zu geben: aber ein zweiter

Augenblick gab mir Besinnung; das Fest war so schöner. Das brave bunte

Gewimmel war mehr belohnt durch die That; und ich war sehr glücklich,

daß ich sie gesehen hatte. Als ich zurückging, wurde ich an einer

Heiligennische ^per la santa vergine^ um ein Almosen gebeten; ich sah

den Mann forschend an und er fuhr fort: »^Date nella vostra idea, date

pure! sara bene impiegato.^« Der Mensch verstand wenigstens den

Menschen, wenn er ihn auch betrügen sollte: ich gab.

_Palermo._

Hier bin ich nun wieder von der Runde zurück. Der letzte Zug von Messina

hierher war der beschwerlichste, aber er hat auch viel Belohnendes. Die

Berge waren mir gar fürchterlich beschrieben worden; ich miethete mir

also einen Maulesel mit seinem Führer und setzte ruhig aus. Beschäftigt

mit den alten Messeniern, der eisernen Tyrannei der Spartaner, der

muthigen Flucht der braven Männer nach Zankle und allen ihren

Schicksalen, Unglücksfällen, Ausartungen und Erholungen, die Seele voll

von diesen Gedanken stieg ich neben meinem Maulesel den Berg hinauf und

blieb oft stehen, einen Rückblick auf zwei so schöne Länder zugleich zu

nehmen. Melazzo auf einer weitausgehenden Landzunge macht von fern einen

hübschen Anblick, und das Land umher scheint nicht übel gebauet zu seyn.

Auch diese Gegend hat viel im letzten Erdbeben gelitten. Unten am Pelor

sah ich zum erstenmal wieder grüne vaterländische Eichen und die

Nachtigallen schlugen wetteifernd aus den Schluchten. Mir war auf einmal

so heimisch wohl dabei, daß ich hier hätte bleiben mögen. Es geht doch

nichts über einen deutschen Eichenwald. Bei Barcellona, wie man mir den

Ort nannte, sah ich das schönste Thal in ganz Sicilien; und Andere sind,

däucht mir, schon vor mir dieser Meinung gewesen. Es ist ein reizendes

Gemische von Früchten aller Art, Orangen und Oel, Feigen und Wein,

Bohnen und Weizen; und die ausschließenden Berge sind nicht zu hoch und

zu rauh, sondern ihre Gipfel sind noch alle mit schöner Waldung bekrönt.

In Patti war kein Pferdestall zu finden: wir ritten also von einem Orte

zum andern immer weiter hin bis Mitternacht. Patti dankt, däucht mir,

seinen Ursprung, oder wenigstens seinen Namen, einem dort geschlossenen

Vergleiche in den punischen Kriegen. Den Ort meines Nachtlagers habe ich

vergessen, aber die Art nicht. Die See war furchtbar stürmisch, und es

hatte entsetzlich geregnet. Mit vieler Mühe konnten wir noch einige

Fische und Eier erhalten. Es hatten sich zwei Fremde zu mir gesellt, die

auch von Messina kamen und ins Land ritten. Wein war genug da, aber kein

Brot. Man gab mir aus Höflichkeit die beste Schlafstelle; diese war auf

einem steinernen Absatze neben der Krippe; die andern Herren legten sich

unten zu den Schweinen. Mein Mauleseltreiber trug zärtliche Sorge für

mich und gab mir seine Kaputze: und man begriff überhaupt nicht, wie ich

es habe wagen können, ohne Kaputze zu reisen. Diese sonderbare Art von

schwarzbraunem Mantel mit der spitzigen Kopfdecke ist in ganz Italien

und vorzüglich in Sicilien ein Hauptkleidungsstück. Ich hatte ganz

Geschmack daran gewonnen; und wenn ich von dieser Nacht urtheilen soll,

so habe ich Talent zum Kapuziner; denn ich schlief sehr gut. Den ersten

Tag machten wir fünfzig Millien.

In Sankt Agatha, einem Kloster von einer sehr angenehmen Lage, wollten

wir die zweite Nacht bleiben; und dort scheint kein übles Wirthshaus zu

seyn; aber es war noch zu früh und wir ritten mehrere Millien weiter bis

Aque Dolci, wo der schöne Name das beste war, wie vor Agrigent in

Fontana Fredda. Hier waren Leute, wie die sikanischen Urbewohner der

Insel, groß und stark und rauh und furchtbar; und hier, glaube ich, war

ich mit meiner Ketzerei wirklich in einer etwas unangenehmen Lage. Ein

Stück von Geistlichkeit hatte Lunte gerochen und nahm mich sehr in

Anspruch, und ich hielt ihn mir nur durch Latein vom Halse, vor dem er

sich zu fürchten schien. Anderwärts war der Bekehrungseifer gutmüthig

und wohlwollend sanft; hier hatte er etwas cyklopisches. Nicht weit von

dem Ort ist oben in dem Felsen eine Höhle, die man mir sehr rühmte und

in die man mich mit Gewalt führen wollte. Es war aber zu spät und ich

hatte auch nicht recht Lust, mit solchen Physiognomien allein in den

polyphemischen Felsenhöhlen herumzukriechen. Ich war hier nicht in

Adlersberg. Hier mußte ich für ein Bett sechs Karlin bezahlen, und als

ich bemerkte, daß ich für Bett und Zimmer zusammen in Palermo nur drei

bezahlte, sagte mir der Riese von Wirth ganz skoptisch: »Freilich; aber

dafür sind sie auch eben jetzt nicht in Palermo und bekommen doch ein

Bett.« Der Grund war in Sicilien so unrecht nicht.

Wir hatten schon, wie mir mein Führer sagte, mit Gefahr einige Flüsse

durchgesetzt. Nun kamen wir an einen, den sie Santa Maria nannten. Es

mußte oben fluthend geregnet haben; denn die Waldströme waren

fürchterlich angeschwollen. Dieses macht oft den Weg gefährlich, da

keine Brücken sind. Einer der Cyklopen, den man füglich für einen

Polyphem hätte nehmen können -- so riesenhaft war er selbst und so groß

und zackig der wilde Stamm, den er als Stock führte -- machte die Gefahr

noch größer. Die Gesellschaft hatte sich gesammelt; keiner wollte es

wagen zu reiten. Meinem Führer war für sich und noch mehr für seinen

Maulesel bange. Es war nichts. Die Insulaner sind an große Flüße nicht

gewöhnt. Man machte viele Kreuze und betete Stoßgebetchen zu allen

Heiligen, ehe man den Maulesel einen Fuß ins Wasser setzen ließ; und

dankte dann vorzüglich der heiligen Maria für die Errettung. An einem

solchen Strome, wo ich allein war, wollte mein Führer, ein Knabe von

funfzehn Jahren, durchaus umkehren und liegen bleiben, bis das Wasser

von den Bergen abgelaufen wäre. Das hätte mich Piaster gekostet und

stand mir nicht an. Ich erklärte ihm also rein heraus, ich würde reiten,

er möchte machen was er wollte. In der Angst für sein Thier und seine

Seele schloß er sich auf der Kruppe fest an mich an, zitterte und

betete; und ich leitete und schlug und spornte den Maulesel glücklich

hinüber. »Da haben uns die lieben Heiligen gerettet,« sagte er, als er

am andern Ufer wieder Luft schöpfte; »und mein Stock und der Maulesel,«

sagte ich. Der Bursche kreuzigte sich drei Mal über meine Gottlosigkeit,

faßte aber doch in Zukunft etwas mehr Muth zu dem meinigen. Sodann

blieben wir in einem einzigen isolirten Hause vor einem Orte, dessen

Namen ich auch wieder vergessen habe. Ich hätte gelehrter seyn sollen,

oder beständig einen Nomenklator bei mir haben. Das Donnerwetter hatte

mich diesen und den vorigen Tag verfolgt: und es schneite und graupelte

bis über einen Fuß hoch. Die Waldströme waren wirklich sehr hinderlich

und zuweilen vielleicht gar gefährlich für Leute, die nicht an das

Element gewöhnt sind und nicht Muth haben. Einmal verdankte ich aber dem

großen Wasser eine schöne Scene. Der Fluß war, nach der Meinung meines

Begleiters, unten durchaus nicht zu passiren, und er ritt mit mir immer

an demselben hinauf, wo er eine Brücke wußte. Der Weg war zwar lang und

ich ward etwas ungeduldig; aber ich kam in ein Thal, das einen so

schönen großen Orangenwald hielt, wie ich ihn auf der ganzen Insel noch

nicht gesehen hatte. Des Menschen Leidenschaft ist nun einmal seine

Leidenschaft. Für einige Kreutzer konnte mein Magen überall haben, so

viel er nur fassen konnte: aber meine Augen wollten noch zehren, und

diese brauchten mehr zur Sättigung, und ließen dann gern alles hängen

und liegen.

Endlich kamen wir in Cefalu an. Für große Schiffe ist hier wohl kein

Hafen zum Aufenthalt. Der Ort hat vermuthlich den Namen vom Berge, der

einer der sonderbarsten ist. Wir hatten bisher die liparischen Inseln

immer rechts gehabt; nun verschwanden sie nach und nach. Von Messina bis

Cefalu ist es sehr wild; von hier an fängt die Kultur wieder an etwas

besser zu werden. Es kommen nun viele Reißfelder. Bei Cefalu sah ich

eine schöne, lange, hohe, herrliche Rosenhecke, deren erste Knospen eben

zahlreich üppig aufbrachen. Diese Probe zeigte, was man hier schaffen

könnte. Ich hätte dem Pfleger die Hände küssen mögen; es waren die

ersten, die ich in ganz Unteritalien und Sicilien sah.[13] Die Leute

sind schändliche Verräther an der schönen Natur.

In Termini erholte ich mich; hier findet man wieder etwas Menschlichkeit

und Bequemlichkeit. Meine Wirthin war eine alte freundliche Frau, die

alles Mögliche that mich zufrieden zu stellen, welches bei mir sehr

leicht ist. Sie examinirte mich theilnehmend über alles; nur nicht über

meine Religion, ein seltener Fall in Sicilien; stellte mir vor, was

meine Mutter jetzt meinetwegen für Unruhe haben müßte, und rieth mir

ernstlich, nach Hause zu eilen; sie hätte auch einen Sohn auf dem festen

Lande, den sie zurück erwartete. Wenn ihre Theilnahme und Pflege auch

sehr mütterlich war, so war indessen doch ihre Rechnung etwas

stiefmütterlich.

Als ich in einer melancholisch ruhigen Stimmung über Vergangenheit und

Gegenwart hing und mit meinem Mäoniden in der Hand aus dem Garten auf

den Himerafluß hinabschaute, ward unwillkührlich eine Elegie in meiner

Seele lebendig. Es war mir, als ob ich die Göttin der Insel mit noch

mehr Schmerz, als über ihre geliebte Tochter am Anapus klagen hörte, und

ich gebe Dir ohne weitere Bemerkung, was aus ihrer Seele in die meinige

herüber hallte.

Trauer der Ceres.

Meine Wiege, wie bist Du verödet, Du liebliches Eiland,

Ach wie bist Du verödet, Du herrlicher Garten der Erde,

Wo die Götter der Sterblichen einst den Olympus vergaßen!

Zeus Kronion, Du Retter, o rette Trinakriens Schöne,

Daß sie nicht endlich ganz mit der letzten Trümmer vergehe!

Glühend rinnt mir die Thräne, wie sie Unsterblichen rinnet,

Rinnt mir schmerzlich die Thräne vom Aug' beim Jammer des Anblicks.

Wo, wo sind sie, die Kinder, die fröhlichen, seligen Kinder

Meiner Liebe, die einst mit Tethrippen die Wege befuhren,

Wo jetzt kaum ein ärmlicher Bastard des Langohrs hinzieht?

Ach wo find ich die Männer von Akragas, von Syrakusä,

Von Selinunt, die stolzen Söhne der stolzeren Väter,

Welche die hohe Karthago bedrohten mit Macht und mit Reichthum

Und die höhere Rom? Wo find' ich die Reihen der Jungfraun,

Die die heiligen Züge mir führten in bräutlichem Glanze,

Daß die Olympier selbst mit Scheelsucht neidisch herabsahn?

Schaaren von Glücklichen drängten sich einst aus marmornen Thoren

Durch die schattigen Haine der Götter, zu Traubengebirgen,

Durch die reichen Gefilde, die ich bedeckte mit Garben.

Eherne Krieger zogen zum Streit, dem Stolze des Fremdlings

Furcht und Verderben; es hallte von Felsen zu Felsen das

Schlachtwort,

Für die Sache der Freiheit und für des Vaterlands Sache.

Leben und Freude athmeten hoch vom Aetna zum Eryx,

Vom Simäthus, dem Heerdenernährer, zum fetten Anapus.

Zeus Kronion, wenn ich mit Stolz die Gesegneten sahe,

War ich die reichste Mutter und fühlte doppelt die Gottheit.

Ach wie bist Du gefallen, mein Liebling, wie bist Du gefallen

Tief in Jammer und Armuth, Zerstörung und furchtbares Elend!

Deine Städte, mein Stolz, sie liegen in Trümmern am Meere,

Ihre Tempel verwüstet und ihre Odeen zerstöret,

Ihre Mauern verschüttet und ihre Wege verschwunden.

Im Gefühl des unendlichen Werths des Menschengeschlechtes

Schritten erhabene Söhne der götterbefreundeten Hellas

Mächtig durch die Gebirge und schufen den Felsen zum Tanzsaal

Gegenüber des Aetna ewigen Feuerhaupte.

Jetzt durchwandelt die Thale der Jammer des bettelnden Volkes.

Einsam, scheu, mit Hunger im bleichen gesunkenen Auge,

Nur mit schmutzigen Lumpen die zitternde Blöße behangen;

Und im Antlitz furcht noch die Wuth des heiligen Unsinns.

Hymnen ertöneten einst den Göttern in glücklichen Chören.

Durch die Städte der Insel; melodisch pflügte der Landmann,

Schnitt der Winzer und zog die Netze der freundliche Fischer.

Finster lauscht jetzt Mißtraun tief in den Furchen der Stirne;

Stumm und einsam schleicht es daher, und, tönet die Seele

Unwillkührlich Gesang, so klingt er wie Aengste des Todes.

Gastlich empfingen den Fremdling einst Siciliens Küsten,

Und er wandelte froh, wie in den Fluren der Heimat;

Wildniß starret nunmehr dem kühnen Pilger entgegen,

Und mit der Miene der Mordlust ziehen die Räuber am Ufer.

Wie einst vor den unwirthlichen Zeiten der alten Cyklopen

Trägt das Land den Anblick der wildesten Höhlenbewohner,

Als besäß es noch nicht mein herrliches Aehrengebinde,

Nicht den friedlichen Oelbaum, nicht die erfreuliche Traube,

Und noch nicht der Hesperiden goldene Früchte.

Zeus Kronion, Du Retter, o rette Trinakriens Schöne,

Daß sie nicht endlich ganz mit der letzten Trümmer vergehe!

Von Termini aus kann der König wieder fahren. Indessen hätte der

Minister, der den Weg gebauet hat, ihn mit weniger Kosten vermuthlich

besser und dauerhafter machen können. Die Wasserleitung ist nicht

sonderlich beachtet. In der Bagaria sah ich von außen noch einige

sublime Grotesken des sublim grotesken Fürsten von Palagonia, die nun

nach seinem Tode nach und nach alle weggeschafft werden. Ich hatte weder

Zeit noch Lust das innere Heiligthum der Ungeheuer zu sehen. Wenn

indessen seine drollige Durchlaucht nur etwas zur Verschönerung der

Gegend umher beigetragen hat, so will ich ihm die Mißhandlung der

Mythologie, der ich übrigens selbst nicht außerordentlich hold bin, sehr

gern verzeihen. Die ganze Gegend um die Stadt, vorzüglich nach Palermo

hin, ist die bebauteste und ordentlichste, die man in Sicilien sehen

kann, wenn es gleich keine der schönsten und reichsten ist.

Mir ward es wirklich recht wohl, als ich wieder in die Nachbarschaft von

Palermo kam, wo ich mich nun schon als etwas heimisch betrachtete. Mein

Einzug in die Residenz war, als ob ich ihn noch bei dem hochseligen

Fürsten von Palagonia bestellt hätte. Es holte uns eine Sänfte irgend

eines Bischofs ein, vermuthlich des Bischofs von Cefalu. Sie war sehr

charakteristisch überall mit Schellen behangen, und wurde, nach der

Gewohnheit des Landes, von zweien der stärksten Maulesel getragen, die

von einigen reitenden Bedienten geführt wurden. Die Sänfte war ziemlich

geräumig und mochte bequem Platz haben für den Bischof und seine Nichte;

denn ich habe es in Sicilien durchaus gemerkt, daß die vornehmen

Geistlichen viel auf Nichten halten. Ein alter, dicker, satirischer

Eseltreiber setzte sich gravitätisch hinein, und fing an barock daraus

zu diakoniren und mit großen Grimassen den Segen zu spenden. Die

Schellen klangen, er nickte und machte ein Bocksgesicht, und die

Karavane lachte über die Posse, bis die Nähe der Stadt der Profanation

ein Ende machte. Nun zog die ganze originelle Kavalkade hinter mir mit

Schellengeläute in Palermo zum Seethor ein. In Leipzig hätte ich damit

ein Schauspiel für ein Quartir der Stadt machen können; in Palermo

lachten bloß zwei Visitatoren.

_Palermo_, auf dem Paketboote.

Mein alter Wirth hier schickte mich zu einem neuen, seinem Freunde, weil

sein Haus voll war. Ich war hier eben so gut wie dort, und noch etwas

billiger; und hatte überdieß die Aussicht auf den Hafen. Nun habe ich

wieder meinen Reisegefährten von Seehund, welcher den Maro mit einigen

andern Kameraden hält. Die Zeit wird mir aber so wenig lang, daß ich nur

selten die alten Knaster aus dem Felle nehme.

Vor einigen Tagen war hier Osterjahrmarkt am Hafen, auf welchen die

Palermitaner etwas zu halten scheinen, wo aber außer einigen

Quinquaillerien nicht viel zu haben ist. Man hat wenigstens dabei die

Gelegenheit, fast die ganze galante Welt von Palermo spazieren gehen und

fahren zu sehen. Man sieht hier mehr schöne Wagen als in Messina, ob

dort gleich im Allgemeinen mehr Wohlstand zu seyn scheint. Es herrscht

hier, wie fast an allen Höfen, Verschwendung und Armuth. In Messina ist

man in Gefahr, von den Wagen etwas gerädert zu werden; aber hier hat man

für die Fußgänger am Strande einige Wege gemacht, die für schön gelten.

Du magst darüber Herrn Hager lesen; ich kann Dir nicht alles erzählen.

Noch einmal habe ich die Promenade auf den Monte Pellegrino gemacht, als

ob ich auch ein heiliger Pilger wäre. Mich lockte bloß die Aussicht,

wiewohl auch die meisten andern Pilger bloß irgend eine Aussicht locken

mag. Das Wetter war mir wieder nicht günstig; ich ließ mich indessen

nicht abhalten, und stieg bis ziemlich auf den höchsten Gipfel des

Felsenbergs hinauf. Wo das Kloster steht, ist ein Absatz von etwas

fruchtbarem Erdreich, das noch sehr gutes Getreide hält. Ich ging hinaus

bis an die äußerste Spitze, wo eine Kapelle der heiligen Rosalia steht

mit ihrem Bilde, das füglich etwas besser seyn sollte. Die Fremden aller

Länder hatten sich hier verewigt und mir wenig Platz gelassen. Alles war

voll, und Stirne und Wange und Busen des heiligen Rosalienmädchens waren

beschrieben; es blieb mir also nichts übrig, als ihr meinen Namen auf

die Nasenspitze zu setzen. Vielleicht dachte Jeder durch Aufsetzung

seines Namens das Gemälde zu verbessern; die Nasenspitze ist wenigstens

durch den meinigen nicht verdorben worden: und dieses ist das einzige

Mal, daß ich auf der ganzen Wandlung meinen Namen geschrieben habe, wenn

mich nicht die Polizei dazu nöthigte.

Zwischen diesem isolirten Felsen und der höheren Bergkette liegt ein

herrliches kleines Thal, das sich von der Stadt immer enger bis an die

See vorzieht. Es ist von der Natur reichlich gesegnet, und der Fleiß

könnte noch mehr gewinnen. Hier muß nach der Topographie das Städtchen

Hykkara gelegen haben, aus welchem Nicias die schöne Lais holte und nach

Griechenland brachte. Weiter hinaus suchte ich mit meinen Hofmannischen

Augen den Eryx bei den Trapani, und knüpfte in vielen schnellen

Uebergängen Wieland, Aristipp und die erycinische Göttin zusammen. Weiß

der Himmel, wie ich in diesem Thema auf den Hudibras kam; die

Ideenverbindung mag wohl etwas schnell und gesetzlos gewesen seyn, und

ich halte es nicht für wichtig genug, sie wieder aufzusuchen. Ich guckte

also hin nach Trapani und sang oder murmelte vielmehr nach einer

beliebten Melodie aus Mozarts Zauberflöte die schönen harmonischen Verse

von Buttler, die ich immer für ein Meisterstück der Knittelrhythmik

gehalten habe. Sie paßten vortrefflich zur Melodie des Vogelfängers.

Also ich brummte:

^So learned Taliacotius from^

^The brawny part of porters bum^

^Cut supplemental noses, which^

^Would last as long as parent breech,^

^And as the date of Knock was out,^

^Off dropt the sympathetic snout.^

Ich hatte in meinem musicalischen Enthusiasmus nicht auf den Weg Achtung

gegeben; und kaum hatte ich die letzte Zeile gesungen und wollte die

erste wieder anfangen, so fiel ich auf die Nase, welches mir selbst auf

den Aetna nicht begegnet war, wo doch die Landsleute Buttlers in ihren

Strümpfen alle sehr oft zu Falle kamen. Hatte vielleicht die Göttin von

Amathunt und vom Eryx die Profanation rächen wollen? die Nase blutete

mir. Besser die Nase, als das Herz, dachte ich. Auch dieses war mir wohl

ehedem etwas enge gewesen; jetzt war ihm längst wieder leicht. Ich hatte

aus Gewohnheit noch ein kleines, niedliches Madonnenbildchen an einer

seidenen Schnur am Halse hangen, das mir oft das Prädikat der

Katholicität erworben hatte. Das Original hatte mich königlich

betrogen[14]. Jetzt nahm ich es unwillkührlich von der linken Seite,

nach welcher sich das Idolchen immer neigte, schloß unwillkührlich das

Glas auf, nahm das elfenbeinerne Täfelchen heraus und erschrak, als ich

es heftig unwillkührlich in zehn Stücke zersplittert zwischen dem Daumen

hielt. War das lauter Rache Rosaliens und der vom Eryx? Mögen sie sich

an niemand bitterer rächen! Ich hielt die Trümmerchen in der Hand;

Freund Schnorr mag verzeihen: er hatte mit Liebe an dem Bildchen

gepinselt. Einige Minuten hielt mich Phantasus noch mit Wehmuth am

Original; ich saß auf einem Felsenstücke des Erkta, und sah es im Geist

an der Spree im goldenen Wagen rollen. Rolle zu! und so flogen die

Stücke mit der goldenen Einfassung den Abgrund hinunter. Ehemals wäre

ich dem Bildchen nachgesprungen --; noch jetzt dem Original. Aber ich

stieg nun ruhiger den Schneckengang nach der Königsstadt hinab; die

röthlichen Wölkchen vom Aetna her flockten lieblich mir vor den Augen.

Ich vergaß das Gemälde: möge es dem Original wohl gehen!

Ich hatte mich bis tief in die Nacht verspätet, und wurde zu Hause

gräßlich bewillkommt. Aber da muß ich Dir noch Mehreres erzählen, ehe Du

dieses gehörig verstehst. Du erinnerst Dich des guten Steuerrevisors,

der sich in Agrigent meiner so freundschaftlich annahm, daß er mir fast

die Menschheit streitig machte. Kaum hatte ich in meinem Wirthshause die

erste Nacht ausgeschlafen, als mein Steuerrevisor zu mir hereintrat. Das

that mir nun recht wohl; denn wer freut sich nicht, daß sich jemand um

ihn bekümmert? Er erzählte mir, er sei meinetwegen in großem Schrecken

gewesen, als der Eseltreiber zurückgekommen, und habe geglaubt, ich

werde nun sicher umkommen, da ich allein ohne Waffen in der Insel

herumlaufe. Der Mauleseltreiberjunge, mein Begleiter, sagte er mir zum

Trost, sei völlig von der Paste wieder genesen, und er habe die zwei

Unzen, bis auf den Abzug einiger Kleinigkeiten, ihm wieder herausgeben

müssen. Gut, dachte ich; also wieder zwei Unzen gerettet; ich kann sie

brauchen. Sogleich nach seiner Ankunft in Palermo habe er sich nach

meinem Wirthshause erkundigt und es bald erfahren. Nun sei er seit acht

Tagen täglich da gewesen, um nachzufragen. Heute früh habe er meine

Ankunft erfahren und sei sogleich hierher zu mir geeilt. Nun lud er mich

ein, zu ihm in sein Haus zu ziehen. Das war mir indessen nicht ganz

recht; denn ich wäre lieber geblieben, wo ich war. Aber der Mann bat so

freundlich, war so besorgt gewesen; ich packte also ein, und ließ

hintragen. Er wohnte vor dem Thore nach Montreale. Wir aßen, und seine

Frau, eine heiße zelotische nicht unfeine Sicilianerin, fing nun meine

Bekehrung an. Das Examen ging über Tische und zum Dessert von Artikel zu

Artikel, von dem Papste und den Mönchen bis auf die unbefleckte

Empfängniß. Das Letzte war das Allerheiligste, von dem ich nichts wußte.

Die gute Frau hätte, wie es schien, lieber ihre eigene Keuschheit in

Gefahr gesetzt, als das geringste von der Jungferschaft Mariens

aufgegeben. Man sprach mit aller Wärme und Salbung, mich zu überzeugen;

aber vergebens. Man fing nun an mir Aussichten zu eröffnen: ja, lieber

Gott, wenn ich ein anderer Kerl wäre, als ich bin, könnte ich im

Vaterlande Aussichten haben, wo man sie doch am liebsten hat. ^Don Juan,

fatevi cristiano, e statevi in Sicilia. -- Ma lo sono. -- Ma non siete

cattolico. -- Io sono bene cosi; non si puo megliò.^ Die Frau aß im

Eifer Bonbons und trank Wein, und war heftig; und da ich denn trocken

halsstarrig fortblieb, rief sie in heiliger Wuth aus, indem sie den

Teller von sich stieß: »^Ma voi altri voi siete tutti baroni f-t-ti..^«

Ueber diese Naivetät erschrak ich, und wäre jetzt für zwei Unzen gern

zurück in meinem Wirthshause gewesen. Nach Tische ging ich zu Rosalien,

wie ich Dir erzählte. Ich glaubte das Haus meines neuen Wirths recht gut

gemerkt zu haben und irrte mich doch: ich kam in ein unrechtes. Nun

wollte ich eben fragen, ob hier Don Filippo wohne, als ein Kerl ^Ladro,

briccone, furfante^ herausschrie und wüthend mit dem Messer auf mich

zustürzte. Ich hob so schnell ich konnte die Eisenzwinge meines

Knotenstocks, flüchtete eben so schnell zum Hause hinaus und eilte die

finstere Gasse hinunter. Die Nachbarschaft gerieth in Lärm: eine schöne

Nachbarschaft; dachte ich, und ging in mein altes Gasthaus. Dort war ich

sehr willkommen. Ich hatte mich eben zu Bette gelegt, als der Herr

Steuerrevisor kam und mich aufsuchte. Er hatte den Lärm gehört und war

meinetwegen in Todesangst. Ich erzählte ihm mein Abenteuer und sagte,

daß ich in einer solchen Nachbarschaft nicht wohnen möchte; er ließ aber

nicht nach, bis ich ihm versprach, morgen wieder zu ihm zu kommen; denn

diesen Abend war ich nicht wieder aus dem Bette zu bringen. Den andern

Morgen war er wieder sehr früh da und holte mich ab. Nun lebten wir

leidlich ordentlich einige Tage, das Vorgefallene wurde bedauert und

meine Ketzerei weiter nicht mehr, als nur im Allgemeinen, in Anspruch

genommen. Aber wenn wir zuweilen zusammen ausgingen, welches der Herr

sehr gut zu veranstalten wußte, hatte er immer etwas zu kaufen und kein

Geld bei sich; ich war also ziemlich stark in Auslage und bezahlte jede

Mahlzeit dadurch sehr theuer. Ich mußte Geld haben von dem Kaufmann, und

er erbot sich sogar meine Geschäfte bei ihm zu machen, da ich doch der

Sprache nicht recht mächtig wäre. Aber dazu war ich bei aller meiner

indolenten Gutherzigkeit denn doch schon zu sehr gewitziget, dankte und

verbat seine Mühwaltung, und holte meine Baarschaft nicht eher, als bis

ich abreisen wollte. Er half mir zuletzt noch manches besorgen, und da

er sich meinetwegen bei Nacht etwas enrhümirt hatte, mußte ich bei dem

schlechten Wetter mit ihm doch wohl einen Wagen nehmen. Hier erzählte

mir der Mann sehr naiv etwas näher seine Amtsbeschäftigungen. Wir

müssen, sagte er, in der Insel herumreisen, die rückständigen Steuern

einzutreiben, und im Namen des Königs den Leuten Kleider, Betten und das

übrige Hausgeräthe wegnehmen, wenn sie nicht bezahlen können. Es packte

mich bei diesen trockenen Worten eine Kälte, daß ich im Wagen meine

Reisejacke dichter anzog und unwillkührlich nach meinem Halstuche griff.

Die zwei Unzen wurden vergessen, und ich erinnerte nicht; ob ich sie

gleich nun lieber dem Mauleseltreiber gelassen hätte, der so großen

unglücklichen Appetit an der Paste hatte. Ueberdieß war ich mit Vielem

in Auslage, und es war mir sehr lieb, als der Kapitän an Bord rufen

ließ. Er begleitete mich bis ans Wasser im Wagen mit seinen beiden

kleinen Mädchen, die in der That allerliebst niedliche Geschöpfchen

waren. Beim Abschied in meiner Kajüte bat er sich noch eine Unze zum

Geschenk für diese aus: ich ungalanter Kerl zog mürrisch die Börse und

gab ihm schweigend das Goldstück hin. Er hatte mir es sehr verübelt, daß

ich mir auf dem Packetboote ein Zimmer für mich genommen und mich an die

Tafel des Kapitäns verdungen hatte. Das war, nach seiner Meinung,

Verschwendung, und ich hätte für das Viertel der Summe mich lieber unter

die Takelage des Raums sollen werfen lassen. Ein erbaulicher Wirth, der

Herr Steuerrevisor! Der Wind blieb widrig; wir fuhren nicht ab, und ich

zog lieber wieder hinaus ins Wirthshaus: sogleich suchte er mich wieder

auf und wollte mich wieder zu sich haben. Der Mensch ward endlich

unerträglich zudringlich und weggeworfen unverschämt, und ich mußte noch

bei einigen Partien für ihn bezahlen. Um mich aber endlich recht

bestimmt, nach der schicklichsten Weise für ihn, zu benehmen, aß ich in

einem Speisehause unbefangen mit großem Appetit ein Gericht nach dem

andern, ohne ihn einzuladen, oder für ihn zu bestellen. Nun wünschte er

mir endlich gute Reise, und ich sah ihn nicht wieder, den Herrn

Steuerrevisor Don Filippo -- -- seinen Geschlechtsnamen will ich

vergessen. Sterzinger, mit dem ich nachher noch sprach, kannte ihn und

lachte. Er hatte in der Welt mehrere gelehrte und merkantilische

Metamorphosen gemacht, bis er zu seiner witzigen Würde gedieh. Der

Himmel lasse ihn meine Unzen zur Besserung bekommen!

Das Gebäude des botanischen Gartens hinter der Flora am Hafen ist nun

fertig. Der Franzose Julieu hat es gezeichnet und ein Palermitaner es

nach dem Riß aufgeführt. Die Sicilianer sind mit der Ausführung, aber

nicht mit der Idee zufrieden. Wo man rechts und links, auf der Insel und

dem festen Lande, noch so viele Monumente griechischer Kunst hat, ist

man freilich etwas schwierig. Die Säulen sind nicht rein und oben und

unten verziert. Der Saal ist nach der Anlage des Linneischen in

Schweden, und vielleicht einer der prächtigsten dieser Art. Rund umher

stehen die Büsten der großen Männer des Fachs in Nischen, von Theophrast

bis zu Büffon. Dem Zeichner des Gebäudes hat man die Ehre angethan, sein

Gesicht unter einem andern alten Namen mit darunter zu setzen; eine

eigene sonderbare Art von Belohnung!

Der alte Cassero oder Corso, in allen italienischen Städten von

Bedeutung die Hauptstraße, hat jetzt seinen Namen verändert und heißt

Toledo nach der Hauptstraße von Neapel; vermuthlich dem anwesenden Hofe

eine Schmeichelei zu machen. Uebrigens muß der Hof eben nicht

außerordentlich geliebt seyn; denn ich habe oft gehört, daß man nie so

schlechtes Wetter auf der Insel gehabt habe, als die vier Jahre, so

lange der Hof hier sei.

Die Polizei scheint hier nicht sehr genau zu seyn, oder berechnet Dinge

nicht, die es doch wohl verdienten. Vor einigen Tagen führte man auf

einer breiten Gasse öffentlich ein Banditendrama auf. Es war sogar

Militärwache dabei, um Ordnung zu halten, und die ganze Gasse war

gedrängt voll Zuschauer. Die Schauspieler arbeiteten gräßlich schön, und

der Held hätte dem Handwerk Ehre gemacht. Freilich wird er mit

poetischer Gerechtigkeit wohl im Stücke seine Strafe erhalten; aber

dergleichen Scenen, wo noch so viel natürliche heroische Kraft und

Deklamation ist, sind zu blendend, um in Unteritalien auf öffentlichen

Plätzen unter dem größten Zulauf gegeben zu werden. Man zahlt nichts;

jeder tritt hin und schaut und nimmt was und wie viel er will. Haben

doch sogar Schillers Räuber einmal Unfug bei uns angerichtet. Auf diese

Weise kommt man dem siedenden Blute nicht wenig entgegen. Auch ist das

Messer noch eben so sehr im Gebrauch und vielleicht noch mehr als vor

zwanzig Jahren. Ich hatte vor einigen Tagen ein Schauspiel davon. Ich

ging den Morgen aus; ein Kerl schoß blutig an mir vorbei und ein anderer

mit dem Dolche hinter ihm her. Es sammelte sich Volk, und in einigen

Minuten war einer erstochen, und der Mörder verwundet entlaufen. Die

Wache, welche nicht weit davon stand, that, als ob sie gar nichts dabei

zu thun hätte. Sie haben einen erschlagen, klingt in Sicilien und

Unteritalien nicht härter als bei uns, wenn man sagt, es ist einer

berauscht in den Graben gefallen. Nur gegen die Fremden scheinen sie,

aus einer alten religiösen Sitte, noch einige Ehrfurcht zu haben. Sie

erstechen sich unter einander bei der geringsten Veranlassung, hörte ich

einen kundigen wahrhaften Mann urtheilen; aber ein Fremder ist heilig.

Ich möchte mich freilich nicht zu sehr auf meine fremde Heiligkeit

verlassen, aber die Sache ist nicht ohne Grund. Ich blieb, zum Beispiel,

zwischen Messina und Palermo in einem einzelnen Hause, dessen zwei

handfeste Besitzer ich gleich beim ersten Anblick classificirt hatte.

Alles bestätigte meinen Argwohn und meine Besorgniß. Man speiste mich

indessen leidlich und machte mir sodann ein Lager auf einer Art von

Pritsche, so daß alle Schießgewehre und Dolche in einem Winkel zu meinem

Kopfe lagen. Man machte mich auch darauf aufmerksam, daß ich allein

bewaffnet wäre, und ich schlief nun ziemlich ruhig.

Nach Sankt Martin bin ich nicht gekommen, weil das Wetter beständig sehr

unfreundlich war, und ich mich die letzten Tage nicht entfernen durfte,

da man mit dem ersten guten Winde abfahren wollte. Die Mönche dort oben

sollen die prächtigste Mast in der ganzen Christenheit haben. Wenn das

Christenthum Schuld an allem Unheil wäre, das man bei seinen Priestern

und durch seine Priester sieht, so wäre der Stifter der hassenswürdigste

der Menschen. Das astronomische Observatorium auf dem Schlosse konnte

ich nicht füglich sehen, weil Piazzi nicht zugegen war. Uebrigens bin

ich auch ein Laie am Himmel. Vielleicht hat es eine wohlthätige Wirkung

auf die Insel, daß die Sicilianer nun ihre Göttin unter den Sternen

finden; bisher haben sie das Heiligthum der Ceres und ihre Geschenke

gewissenlos verachtet. Eine vaterländische Neuigkeit ist mir noch

aufgestoßen. Der Kaiser Karl der Fünfte hat um Sicilien große

Verdienste, und sein Andenken ist billig den Insulanern ehrwürdig.

Ueberall findet man noch Arbeiten von ihm, die seinen thätigen Geist

bezeichnen, und die jetzt vernachlässigt und vergessen werden. Die

Wachthürme rund umher, die er nach seiner afrikanischen Unternehmung

aufführen ließ, zeigen von seinem Muth und der damaligen Kraft der

Insel. Auch der Molo des Hafens von Agrigent ist von ihm. Seine

Bildsäule steht also in Palermo fast mitten in der Stadt am Toledo auf

einem freien Platze; aber mit einem Bombast, der nicht in der Natur des

Mannes lag. Er hat in der Inschrift eine lange Reihe Beinamen, und heißt

unter andern, vermuthlich wegen der Schlacht, auch der Sachse und Hesse.

Könnte man nun unsern Kurfürsten Moritz, dessen Enkomiast ich übrigens

nicht ganz unbedingt werden möchte, nicht wegen der Ehrenberger Klause

den Oestreicher und Spanier nennen? Sein Sieg war bedeutend genug, und

die Folge des Tages für die Protestanten auf immer wichtig.

_Bei Kapri._

Der Wind schaukelt uns ohne Fortkommen hin und her, und schon fast den

ganzen Tag tanzen wir hier vor Massa, Kapri und Ischia herum. Den ein

und zwanzigsten April Abends gab das Kriegsschiff, welches jetzt, glaube

ich, die ganze Flotte des Königs von Neapel ausmacht, das Signal, und

wir arbeiteten uns aus dem Hafen heraus. Den andern Morgen hatten wir

Sicilien und sogar Palermo noch ziemlich nahe im Gesichte; der

Rosalienberg und die Spitzen von Termini und Cefalu lagen ganz deutlich

vor uns: das andere war von dem trüben Wetter gedeckt. Mehrere Schiffe

mit Orangen und Oel hatten sich angeschlossen, um die sichere Fahrt mit

dem Kriegsschiffe und dem Packetboot zu machen. Das letztere hat auch

zwanzig Kanonen und ist zum Schlagen eingerichtet. Wir saßen lange

zwischen Ustika und den liparischen Inseln, und ich las, weiß der Himmel

wie ich eben hier auf diesen Artikel fiel, während der Windstille die

Georgika Virgils, die ich hier besser genoß, als jemals. Nur wollte mir

die Schlußfabel von dem Bienenvater nicht sonderlich gefallen: sie ist

schön, aber hierher gezwungen. Dann las ich, da der Wind noch nicht

kommen wollte, ob wir gleich in seinem mythologischen Vaterlande waren,

ein großes Stück in die Aeneis hinein. Hier wollte mir nun, unter vielen

Schönheiten im vierten Buche, die Beschreibung des Atlas wieder nicht

behagen, so herrlich sie auch klingt. Es ist dünkt mich, etwas Unordnung

darin, die man dem Herrn Maro nicht zutrauen sollte. Da ich eben nicht

viel zu thun habe, will ich Dir die Stelle ein wenig vorschulmeistern.

Merkur kommt von seinem Vater auf der Ambassade zu Frau Dido hierher.

Die Verse heißen, wie sie in meinem Buche stehen:

^-- jamque volans apicem et latera ardua cernit^

^Atlantis duri, coelum qui vertice fulcit;^

^Atlantis, cinctum assidue cui nubibus atris^

^Piniferum caput et vento pulfatur et imbre;^

^Nix humeros infusa tegit: tum flumina mento^

^Praecipitant senis, et glacie riget horrida barba.^

Die Verse sind unvergleichlich schön und malerisch: aber er bringt auf

dem obersten Scheitel Sturm und Regen, läßt den Schnee auf den Schultern

liegen, Flüsse aus dem Kinn strömen und weiter unten den Bart von Eis

starren. Das ist nun alles ziemlich umgekehrt, wenn ich meinem bißchen

Erfahrung glaube. Ich weiß nicht, was Heyne aus der Stelle gemacht hat.

So weit oben werden schwerlich noch Fichten wachsen. Ich überlasse es

Dir, Deinen Liebling zu vertheidigen: ich selbst bleibe hier in meiner

Hermenevtik etwas stecken. Wer in seinem Leben keine hohen Berge gesehen

und bestiegen hat, nimmt so etwas freilich nicht genau. Schade um die

schönen Verse!

Diese Nacht begegneten uns viele französische Schiffe, die ihre

Landsleute von Tarent holen wollen. Alles ist ungeduldig bald am Lande

zu seyn; aber Aeolus hat uns noch immer seinen Schlauch nicht gegeben,

und wir müssen aushalten. Das Essen ist recht gut und die Gesellschaft

noch besser; meine Geduld ist also weiter auf keiner sehr großen Probe;

und ich habe noch die ganze Odyssee zu lesen. Der russische und

englische Gesandte sind auf dem großen Schiffe; wir haben also noch die

Ehre, ihrentwillen recht langsam zu fahren, da das Kriegsschiff schwerer

segelt. Die Geschichte des Tages auf unserer Flotte sagt eben, daß der

Leibgaul der russischen Excellenz gefährlich krank geworden ist. Wie

viele von den Leuten seekrank sind, oder sterben, das ist eine

erbärmliche Kleinigkeit: aber bedenke nur, der Leibgaul des russischen

Gesandten! -- der ist ein Kerl von Gewicht. Man erzählt bei Tische dieß

und jenes: sogar die Geschichten der Hofleute aus ihrem eigenen Munde

bestätigen die schlechte Meinung, die ich durchaus von der

neapolitanischen Regierung habe. Es waren einige sybaritische Herren des

Hofes bei uns, die doch nicht lassen konnten, dann und wann etwas

vorzubringen und einzugestehen, was Stoff zu Aergerniß und Sarkasmen

gab. Meine Taciturnität nahm daraus die Quintessenz. -- Es ist wieder

tiefe Nacht im Golf geworden; der Wind bläst hoch und wirft uns

gewaltig. Ich habe auf allen meinen Fahrten, Dank sei es meiner guten

Erziehung, nie die Seekrankheit gehabt: ich lege mich also ruhig nieder

und schlafe.

_Neapel._

Ich erwachte im Hafen. Eine Mütze voll günstiger Wind und die

Geschicklichkeit des Kapitäns hatten uns hereingebracht. Nun machte ich

in drei Minuten meine Toilette, nahm den ersten besten Lazarone und

wandelte in mein altes Wirthshaus auf Montoliveto, wo ich sogar meine

alte Stube wieder leer fand. Das war mir sehr lieb; denn ich bin gar

kein Freund von Veränderung. Mein alter Genuese war bei einem andern

Fremden, und ich konnte den ersten Tag keinen Lohnbedienten erhalten,

weil man gehört hatte, daß ich sehr viel zu Fuße herumlief und laufen

wollte, ob ich mich gleich erbot einige Karlin mehr als gewöhnlich zu

zahlen. Das nenne ich kampanische Bequemlichkeit, von der man eine Menge

drollige Anekdoten hat. Den ersten Tag wollte mir keiner folgen; dann

wollte ich keinen haben.

Ich machte mich ganz allein mit der Morgenröthe auf nach Pozzuoli. Dort

fehlte es nicht an Wegweisern, und ich wurde gleich beim Eingange in

Beschlag genommen. Ich ließ mir gern gefallen, mich in dem Meerbusen von

Bajä herumzurudern und da die alten Herrlichkeiten zu sehen. Du kennst

sie aus andern Büchern; ich will Dich also mit ihrer Beschreibung

verschonen. Wenn ich Dir auch alle Säulen des Serapistempels anatomirte,

wir würden deßwegen in unsern Konjekturen nicht weiter kommen. Was ich

aus der sogenannten Brücke des Kaligula machen soll, weiß ich nicht: die

Meinung der Antiquare, daß es ein Molo gewesen seyn soll, will mir nicht

recht einleuchten. Es sind noch dreizehn Stücke davon übrig, die in

verschiedenen Distanzen aus dem Wasser hervorragen. Wenn es nicht zu

idiotisch klänge, würde ich sie wohl für die Reste der berüchtigten

Brücke halten. Die Entfernung von Pozzuoli nach Bajä ist nicht so groß,

daß es einem Menschen, wie das Stiefelchen, nicht hätte einfallen

können, so einen Streich zu machen. Damals war der Meerbusen

landeinwärts nach dem Monte Nuovo zu vielleicht noch etwas tiefer; der

Lukriner See hing mit dem Avernus zusammen und half den Julischen Hafen

bilden, der Umweg war also etwas größer als jetzt. Zum Molo für Pozzuoli

scheinen mir die Trümmern weder Gestalt, noch gehörige Richtung zu

haben. Meinetwegen sei es, wie man wolle! Ich stieg bei dem Lukriner See

aus, der durch die Erdrevolution sehr viel eingeengt worden ist. Jetzt

ist er nichts besser als ein großer Teich. Wir gingen, vermuthlich durch

den Einschnitt des Berges, hinein, durch welchen man ehemals die beiden

Seen, den Lukriner und den Averner, zusammen verbunden hatte, um den

Julischen Hafen zu bilden. Häufige Erdbeben und vulkanische Ausbrüche

haben alles geändert. Der Zugang zum Avernus ist noch jetzt romantisch

genug, und der Eintritt in die sogenannte Grotte der Sibylle wirklich

schön und schauerlich. Ich setzte mich am Eingange hin und sah rechts

gegenüber den alten Tempel, der für den Tempel des Apollo gilt. Es ist

ein Wunder, wie dieser Tempel bei der Erhebung des neuen Berges stehen

blieb, die doch ohne große Erschütterung der Nachbarschaft unmöglich

geschehen konnte. Man kann nichts Romaneskeres haben, als den kleinen

Gang von dem Averner See bis zum Eintritt in die Grotte, zumal wenn man

den Kopf voll Fabel hat. Hier zündeten wir die Fackel an und gingen nun

in dem Gewölbe hinter, bis man rechts tief hinunter in das Sakrarium

steigt. Vermuthlich hat Virgil seine Erzählung an diesem Orte

gearbeitet; denn das ^Facilis descensus Averni^ scheint wörtlich hier

weggenommen zu seyn. Es ging immer tiefer und tiefer, bis wir an ein

etwas weites Gemach kamen, welches ziemlich voll Wasser war. Hier mußte

ich mich auf den Rücken meines Führers setzen, und hinüber reiten.

Rechts und links fand ich jenseits einen langen Katalog von Neugierigen

aller Nationen. Mein Name steht oben auf dem Erkta, wo die Karthager so

brav und lange schlugen, der heiligen Rosalia auf der Nase; und damit

genug. So ganz allein mit einem Wildfremden in dieser Höhle

herumzuschleichen, mein Freund, macht doch etwas unheimisch.

Ein Schauerchen fuhr mir beim Fackelschein

Im Heiligthum durch das Gebein;

Das Wasser ging mir in der Höhle

Des Mütterchens bis an die Seele.

Mir ward so ernst und feierlich

Und voll von Eifersucht setzt' ich mich

An einem dreifach dunkeln Flecke

Auf einen Stein in einer Ecke.

Mein Führer ließ mir eben etwas Zeit

Mit seiner Stromgelehrsamkeit,

Und machte sich zur Fahrt ins Licht bereit:

Da hab' ich denn in aller Stille

Die alte kumische Sibylle

Für Dich und mich um Rath gefragt;

Sie hat mir aber -- nichts gesagt.

Mit Danke nahm ich ihr Orakel an,

Und glaube, sie hat wohlgethan.

Kaum hatte ich diese Verschen kumisirt, als mein Leiter mich aus meiner

Andacht mit der Bemerkung drollig genug weckte: »^Era questa Sibilla

gran puttana; ed era questo qui un gabinetto segreto, dove fece -- --^«

Hier brauchte er einige Töne, die in allen Sprachen ziemlich

verständlich sind. Nun war meine Prophetin sogleich eine gemeine

Zigeunerin. Was doch die Phantasie nicht Alles macht, nachdem man nur

die Sache ein wenig höher oder tiefer nimmt! Die Leute fabeln hier, daß

aus der Höhle ein Gang nach Bajä und ein anderer nach Cumä gegangen sei,

wo die Hexe ein zweites Heiligthum hatte. Das ist sehr leicht möglich

und war vielleicht weiter nichts, als der jetzige große Gang, der nach

dem Avernus führt und also nach Cumä offen und nach dem Lucriner, oder

nach Bajä verschüttet ist. Auch hier könnte er sehr leicht wieder

geöffnet werden. Die ganze Anlage ist ein Werk der Kunst, vielleicht

durch die schöne romantische Lage der Berge und Seen und einige

Felsenspalten veranlaßt; aber vermuthlich von hohem Alter. Die

Wasservögel schwimmen recht lustig auf dem Avernus herum, und die Luft

war auch nicht leer von Geflügel: so daß der Ort nunmehr die Antiphrase

seines Namens ist.

Nun wandelte ich an den Meerbusen hinunter und sah die ehemaligen

Thermen des Nero. Solltest Du glauben, daß ich nicht im Stande war,

hinunter zu steigen? Ich hatte mich ausgezogen, und versuchte es

zweimal. Der Dampf trieb mir aber auf den vierzig Schritten, die ich

ungefähr vorwärts ging, einen so entsetzlichen Schweiß aus, daß ich

umkehrte. Ich ließ den Kerl allein seine Eier kochen. Meine vornehmen

Landsleute, die unten gewesen seyn sollen, müssen den Schwitzkasten

besser vertragen können, als ich: das Experiment war mir zu heiß. Ob die

alten Gebäude, die am Strande hin stehen, Tempel oder Bäder gewesen,

vermag ich nicht zu entscheiden. Sie gehören augenscheinlich zu Bajä,

und zu Bajä waren viele berühmte Bäder; doch findet man sie sonst wohl

nicht leicht von dieser Tempelform. Es sind zwei Rotunden, jetzt

ziemlich hoch mit Erde angefüllt, und das Echo darin ist furchtbar

stark. Das sogenannte Grab Agrippinens verdient wohl gesehen zu werden,

es mag gehören, wem es will. Die Arbeit ist gut und die Wandverzierungen

sind sehr niedlich und geschmackvoll. Ich fand darin ein Stückchen

Bernstein von der Gestalt eines Diskus, mit einem kleinen Loche in der

Mitte, durch welches ein Draht oder Ring gegangen zu seyn schien. Der

Himmel mag wissen, ob es alt ist, oder wie es sonst dahin gekommen seyn

mag. Von dem Tempel des Herkules, in dessen Nähe Agrippina umgekommen

seyn soll, werden, hart unter dem Vorgebirge Misene, noch einige Trümmer

gezeigt. Baulä ist jetzt ein kleines, armseliges Dörfchen. Was die

Piscine und die Felsengänge, oder die sogenannten Gefängnisse des Nero

mögen gewesen seyn, darüber zanken sich noch die Gelehrten. Ich begreife

nicht, warum sie nicht von Menschen, wie die römischen Censoren von der

schlechtesten Sorte waren, zu Kerkern sollen gebraucht worden seyn. Sie

sind gräßlich und die Gefängnisse in Syrakus sind Ballsäle dagegen: wie

denn alles Grausame bei den Römern schrecklicher und scheußlicher war,

als bei den Griechen, die Spartaner vielleicht ausgenommen, die mehr

einen römischen Stempel trugen. Bis fast hinaus auf die Spitze des

Vorgebirges und bis hinab an die elysäischen Felder und das todte Meer

sind schöne Pflanzungen von Wein und Feigen. Misene ist eine von dieser

Seite auslaufende Erdzunge, die sich mit dem hohen Felsen dieses Namens

schließt. Gegenüber liegt nicht weit davon sogleich Procida, und man

erzählte, daß die Engländer im vorigen Kriege von dort herüber nach

Baulä geschossen haben. Das ist aber doch nicht wohl möglich; es muß aus

den Schiffen auf dem Passe zwischen Procida und Misene geschehen seyn.

Im Vorbeigehen darf ich Dir noch sagen, daß ich neulich in Rom in den

deutschen Propyläen eine Recension von Gmelins Blättern von dieser

Gegend gesehen habe, wo man sich fast ausdrückt, als ob das Mare morto

und der Avernus eine und die nämliche See wären; eine Unbestimmtheit,

die man doch in den Propyläen nicht antreffen sollte!

Ich ließ mich von Misene gern über den Meerbusen hinüber nach Pozzuoli

rudern, wo ich zwar etwas spät, aber mit desto besserm Appetit eine

herrliche Mahlzeit nahm. Der Bajische Meerbusen ist wegen seiner

Schönheiten berühmt: aber überall, wohin man blickt, findet man nur

Trümmer, Zerstörungen der Zeit, der Barbarei und der Erdrevolutionen,

als ob sich Alles vereinigt hätte, diesen Sitz der schändlichsten

Despotie zu vernichten und nur die Reize der Natur übrig zu lassen. Der

neue Berg wird jetzt ziemlich bearbeitet und giebt guten Wein, wie man

sagt. Die Leute behaupten hier mit Gewalt, hier habe ehemals der

Falerner Berg gestanden und sei in verschiedenen Erdrevolutionen mit

verschüttet worden; geben auch noch eine Sorte Wein für Falerner, der

allerdings besser seyn soll, als der ächte Falerner bei Sessa auf der

andern Seite des Gaurus. Eine sonderbare Phantasie ist mir vorgekommen;

ich weiß nicht, ob ich der Erste bin, der sie gehabt hat. Capri sieht

von hier, und noch mehr von der Spitze des Posilippo und bei Nisida aus,

wie der Kopf eines ungeheuern Krokodils, das seinen Rachen nach Sorrent

dreht. Diese Einbildung kam mir immer wieder, so oft ich dahin sah; und

sie giebt der Tiberiade einen abscheulichen Stempel.

Der Weg von Pozzuoli nach Neapel zurück geht durch ein üppig reiches

Thal an dem Posilippo hin. Die Gegend ist aber als sehr ungesund

bekannt, wegen der Solfatara und des Agnano, die links in der Nähe

liegen. Der beträchtliche Berg Posilippo liegt rechts vor Dir; Alles ist

geschlossen und nirgends eine Schlucht zu sehen, und Dir wird vielleicht

etwas bange vor der Auffahrt und Abfahrt. Diese ersparst Du; denn Du

fährst, wie ein Erdgeist, gerade durch den Berg hin. Dieß ist die

berühmte Grotte. Vermuthlich war die Veranlassung dazu der Steinbruch,

den man tief hineinarbeitete. Man konnte dabei leicht auf den Gedanken

kommen durchzugehen, und so einen geraden Weg zu machen. Der Eingang von

Neapel ist schöner, als von Pozzuoli, und wenn man bei einer gewissen

Mischung der Atmosphäre aus der Mitte in die schöne Beleuchtung

hinaussieht, ist es ein unbeschreiblicher Anblick. Auch von dieser

Arbeit ist die Zeit der Entstehung unbekannt. Zur Zeit der Römer muß das

Werk nicht unternommen worden seyn; denn diese hätten wahrscheinlich

etwas davon gezeichnet, weil sie, als sie hierher in diese Gegend kamen,

schon ziemlich eitel waren. In der Mitte der Höhle ist, links von Neapel

aus, ein Behältniß eingehauen, welches jeder Vernünftige sogleich einer

Polizeiwache anweisen würde. Aber hier giebt man es der heiligen

Jungfrau zur Kapelle, und dann und wann sollen sich Räuber darin

aufhalten und daraus die Gegend unsicher machen!

Eben komme ich vom Vesuv. Aber da ich auch von Pästum komme, muß ich vom

Anfange anfangen, wenn Du nur einigermaßen promeniren sollst. Meine

Absicht war, so ganz gemächlich über Salerno in einigen Tagen allein

hinunter nach Pästum zu gehen: aber ohne alle Kunde möchte es doch etwas

bedenklich gewesen seyn. Ueberdieß drückte mich die Hitze auf dem

staubigen Wege nach Pompeji unerträglich, meine Fußsohlen hatten durch

langen Gebrauch einige Hühneraugen gewonnen, die den Marsch in der Hitze

eben nicht befördern. Ich ließ mich also in Terre del Greco, wo jetzt

der beste Wein wächst, überreden, eine Karriole zu nehmen. Eine der

schönsten Partien, vielleicht in ganz Italien, ist der Weg von Pompeji

nach Salerno, vorzüglich um Cava herum. Ohne mich um die Alterthümer zu

bekümmern, ergötzte ich mich an dem, was da war; ob ich gleich nicht

läugnen kann, daß Fleiß und Anhaltsamkeit es hier und da noch schöner

hätten machen können.

In Salerno, wo ich sehr zeitig ankam, wollte ich die Nacht bleiben, und

den folgenden Morgen weiter fahren. Ich wandelte also in der Stadt

herum, und bald faßte mich ein Geistlicher bei der Krause, der mir alle

Herrlichkeiten seiner Vaterstadt zeigte. Die Kathedrale mit ihren

Wundern war das erste. Das Bassin am Eingange, von einem einzigen Stücke

gearbeitet, ließe sich wirklich auch in Rom noch sehen. Man zeigte mir

eine Menge Gräber von alten Erzbischöfen und Salernitaner Advokaten, die

den Leuten gewaltig wichtig waren. Einige schöne alte Basreliefs aus

Pästum hat man hier und da mit zur Verzierung neuer Monumente gebraucht.

Das Merkwürdigste sind mehrere sehr schöne antike Säulen, die man auch

aus Pästum geholt hat. Man führte mich in das Adyton der Krypte des

Schutzpatrons, welches Matthäus ist. Hier stand die ^statua biformis^

des Heiligen, die einem Janus ziemlich ähnlich sieht. Bei dieser

Gelegenheit wurden mir denn alle Wunder erzählt, die der Apostel zum

Heile der Stadt gegen die Saracenen gethan hatte. Es läßt sich wohl

begreifen, wie das zuging, und wie irgend ein Spruch von ihm und der

Enthusiasmus für ihn so viel wirkten, daß die Ungläubigen abziehen

mußten. Und nach der alten Rechtsregel, ^quod quis per alium^ -- kommt

ihm dann die Ehre billig zu. Das wissen die Spitzköpfe unter den Herren

gar trefflich zu amalgamiren: die Plattköpfe haben es gar nicht nöthig,

die nehmen es starkgläubig geradezu. Im Hintergrunde der Krypte stehen

noch ein Paar weibliche Heiligkeiten, deren Namen ich vergessen habe,

deren Blut aber noch beständig fließt. Ich hörte es selbst rauschen und

kann es also bezeugen; ich wagte gläubig keine Erklärung des

Gaukelspiels. Unter den vielen Narren war auch ein Vernünftiger, der mir

vorzüglich die Säulen aus Pästum alle und von allen Seiten in den

schönsten Beleuchtungen zeigte: er drückte mir stillschweigend die Hand,

als ich fortging. Nun brachte man mich noch mit Gewalt in eine andere

Kirche, wo eine schöne Kreuzigung, weder gemalt, noch gehauen, noch

gegossen, sondern ins Holz gewachsen war. Mit Hülfe einiger Phantasie

konnte man wohl so etwas heraus- oder vielmehr hineinbringen; und die

Wunder überlasse ich den Gläubigen. Einige wunderten sich, daß ich doch

gar nichts aufschriebe, wie andere Reisende, und einer der jungen

Herren, die mich begleiteten, sagte zu meinem Lobe, ich wäre von Allem

hinlänglich unterrichtet und überzeugt. Da sagte er denn in beidem eine

große Lüge. Als ich wegging, bat sich mein Hauptführer, der sich, glaube

ich, einen Kastellan des Erzbischofs nannte, etwas für die Armen aus;

das gab ich: sodann etwas zu einer Seelenmesse für mich; das gab ich

auch. Schadet Niemand und hilft wohl! Man muß die Gläubigen stärken,

lautet das Schibolet, das Göthens Reinecke der Fuchs von seiner Mutter

bekommt. Dann bat er sich auch etwas für seine Mühe aus. Dazu machte ich

endlich ein grämliches Gesicht und zog noch zwei Karlin hervor. Als ich

sie hinreichte, schnappte sie ein Profaner weg, der sich einen Korporal

nannte, und von dem ich eben so wenig wußte, wie er zur Gesellschaft,

noch wie er in den Dienst der Kirche gekommen war. Darüber entstand

Streit zwischen dem Klerikus und dem Laien. Der geistliche Herr sagte

mir ins rechte Ohr, daß der Korporal ein liederlicher Säufer wäre;

dieser zischelte mir ins linke, das Mönchsgesicht sei ein Gauner und

lebe vom Betruge: ich antwortete beiden ganz leise, daß ich das nämliche

glaube und es wohl gemerkt habe. Es ist ein heilloses Leben.

Mein Freund, Du suchest in Salerne

Den Menschensinn umsonst mit der Laterne

Denn, zeigt er sich auch nur von Ferne,

So eilen Kutten und Kaputzen,

Der heiligen Verfinsterung zum Nutzen,

Zum dümmsten Glauben ihn zu stutzen.

Da löscht man des Verstandes Zunder,

Und mischt mit Pfaffenwitz des Widersinnes Plunder,

Zum Trost der Schurkerei, zum Wunder:

Und jeder Schuft, der fromm dem Himmel schmeichelt,

Und wirklich dumm ist, oder Dummheit heuchelt,

Kniet hin und betet, geht und meuchelt,

Gewiß, Vergebung seiner Sünden

Beim nächsten Plattkopf lästerlich zu finden.

Ich kann mir nicht helfen, Lieber, ich muß es Dir nur gestehen, daß ich

den Artikel von der Vergebung der Sünden für einen der verderblichsten

halte, den die Halbbildung der Vernunft zum angeblichen Troste der

Schwachköpfe nur hat erfinden können. Es ist der schlimmste

Anthropomorphismus, den man der Gottheit andichten kann. Es ist kein

Gedanke, daß Sünde vergeben werde: Jeder wird wohl mit allen seinen

bösen und guten Werken hingehen müssen, wohin ihn seine Natur führt.

Eine mißverstandene Humanität hat den Irrthum zum Unglück des

Menschengeschlechts aufgestellt und fortgepflanzt: und nun wickeln sich

die Theologen so fein als möglich in Distinktionen herum, welche die

Sache durchaus nicht besser machen. Was ein Mensch gefehlt hat, bleibt

in Ewigkeit gefehlt; es läßt sich keine einzelne That aus der Kette der

Dinge herausreißen. Die Schwachheiten der Natur sind durch die Natur

selbst gegeben, und die Herrscherin Vernunft soll sie durch ihre Stärke

zu leiten und zu vermindern suchen. Der Begriff von Verzeihung hindert

meistens das Besserwerden. Gehe nur in die Welt, um Dich davon zu

überzeugen! Soll vielleicht dieser Trost großen Bösewichtern zu Statten

kommen? Alle Schurken, die sich nicht bessern können, die von Beichte zu

Beichte täglich schlechter, weggeworfener und niederträchtiger werden,

diese sollen, zum Heile der Menschheit, verzweifeln. Jeder soll haben,

was ihm zukommt. Die Verzweiflung der Bösewichter ist Wohlthat für die

Welt; sie ist das Opfer, das der Tugend und der Göttlichkeit unserer

Natur gebracht wird. Verzweifle, wer sich nicht bessern, sich nicht

vernünftig beruhigen kann! Die Vergebung der Sünden kann ich nicht

begreifen: sie ist ein Widerspruch, gehört zu den Gängelbändern der

geistlichen Empirik, damit ja Niemand allein gehen lerne. Man darf nur

die Länder recht beschauen, wo diese entsetzliche Gnade im größten

Umfange und Unfuge regiert. Kein rechtlicher Mann ist dort seiner

Existenz sicher. Die Geschichte belegt.

Hier in Salerno erhielt ich einen neuen Führer, der mir sehr

problematisch aussah. Er machte mich darauf aufmerksam, daß ich bei ihm

außerordentlich sicher sei, weil er alles schlechte Gesindel als

freundliche Bekannte grüßte, und meinte, in seiner Gesellschaft könne

mir nichts geschehen. Das begriff ich und war ziemlich ruhig, obgleich

nicht wegen seiner Ehrlichkeit. Er hatte mich öffentlich in der Stadt

übernommen; es galt also seine eigene Sicherheit, mich dahin wieder

zurückliefern: weiter hätte ich ihm dann nicht trauen mögen. Wir fuhren

noch diesen Abend ab, und blieben die Nacht an der Straße in einem

einzelnen Wirthshause, wo sich der Weg nach Pästum rechts von der

Landstraße nach Eboli und Calabrien trennt. Diese Landstraße geht von

hier aus nur ungefähr noch vierzig Millien; dann fängt sie an

Sicilianisch zu werden, und ist nur für Maulesel gangbar. Es war

herrliches Wetter; der Himmel schien mir an dem schönen Morgen

vorzüglich wohl zu wollen: meine Seele ward lebendiger, als gewöhnlich.

Ich eilte fort und Nachtigallen schlugen

Mir links und rechts in einem Zauberchor

Den Vorgeschmack des Himmels vor,

Und laue, leise Weste trugen

Mich im Genuß für Aug' und Ohr

Durch Gras wie Korn, und Korn, wie Rohr.

Balsamisch schickte jede Blume

Mir üppig ihren Wohlgeruch,

Der Göttin um uns her zum Ruhme,

Aus Florens großem Heiligthume;

Und rund umher las ich das schöne Buch

Der Schöpfung, jauchzend, Spruch vor Spruch

Die goldnen Hesperiden schwollen

Am Wege hin in freundlicher Magie,

Und Mandeln, Wein und Feigen quollen

Am Lebensstrahl des Segensvollen

In stillversteckter Eurhythmie,

Und Klee, wie Wald, begränzte sie.

Ich eilte fort, hochglühend ward die Sonne,

Und fühlte schon voraus die Wonne,

Mit Pästums Rosen in der Hand,

An eines Tempels hohen Stufen,

Wo Maro einst begeistert stand,

Die Muse Maros anzurufen.

Die Tempel stiegen, groß und her,

Mir aus der Ferne schon entgegen,

Da ward die Gegend menschenleer

Und öd' und öder um mich her,

Und Wein wuchs wild auf meinen Wegen.

Da stand ich einsam an dem Thore

Und an dem hohen Säulengang,

Wo ehmals dem entzückten Ohre

Ein voller Zug im vollen Chore

Das hohe Lob der Gottheit sang.

Verwüstung herrscht jetzt um die Mauer,

Wo einst die Glücklichen gewohnt,

Und mit geheimem tiefem Schauer

Sah ich umher und sahe nichts verschont;

Und meine Freude ward nun Trauer.

Umsonst blickt Titan hier so milde,

Umsonst bekrönet er im Jahr

Zwei Mal mit Ernte die Gefilde --

Du suchst von allem, was einst war,

Umsonst die Spur; ein zottiger Barbar

Schleicht mit der Dummheit Ebenbilde,

Ein Troglodyt, erbärmlicher als Wilde,

Um den verschütteten Altar.

Nur hie und da im hohen Grase wallt,

Den Menschensinn noch greller anzustoßen,

Dumpf murmelnd eine Mönchsgestalt.

Freund, denke Dir die Seelenlosen!

In Pästum blühen keine Rosen.

Ich gebe Dir zu, daß in diesen Versen wenig Poesie ist; aber desto mehr

ist darin lautere Wahrheit. Ich hielt mich hier nur zwei Stunden auf,

umging die Area der Stadt, in welcher nichts, als die drei bekannten

großen, alten Gebäude, die Wohnung des Monsignore, eines Bischofs, wie

ich höre, ein elendes Wirthshaus und noch ein anderes jämmerliches Haus

stehen. Das ist jetzt ganz Pästum. Hier dachte ich mir _Schillers_

Mädchen aus der Fremde; aber weder die Geberin, noch die Gaben waren in

dem zerstörten Paradiese. Ich suchte, jetzt in der Rosenzeit, Rosen in

Pästum für Dich, um Dir ein klassisch sentimentales Geschenk

mitzubringen; aber da kann ein Seher keine Rose finden. In der ganzen

Gegend rund umher, versicherte mich einer von den Leuten des Monsignore,

ist kein Rosenstock mehr. Ich durchschaute und durchsuchte selbst alles,

auch den Garten des gnädigen Herrn; aber die Barbaren hatten keine

einzige Rose. Darüber gerieth ich in hohen Eifer und donnerte über das

Piakulum an der heiligen Natur. Der Wirth, mein Führer, sagte mir, vor

sechs Jahren wären noch einige da gewesen; aber die Fremden hätten sie

vollends alle weggerissen. Das war nun eine erbärmliche Entschuldigung.

Ich machte ihm begreiflich, daß die Rosen von Pästum ehedem als die

schönsten der Erde berühmt gewesen, daß er sie nicht mußte abreißen

lassen, daß er nachpflanzen sollte, daß es sein Vortheil seyn würde, daß

jeder Fremde gern etwas für eine pästische Rose bezahlte; daß ich, zum

Beispiel, selbst jetzt wohl einen Piaster gäbe, wenn ich nur eine

einzige erhalten könnte. Das Letzte besonders leuchtete dem Manne ein;

um die schöne Natur schien er sich nicht zu bekümmern: dazu ist die

dortige Menschheit zu tief gesunken. Er versprach darauf zu denken, und

ich habe vielleicht das Verdienst, daß man künftig in Pästum wieder

Rosen findet: wenigstens will ich hiermit alle bitten, die nämlichen

Erinnerungen eindringlich zu wiederholen, bis es fruchtet.

Eine Abhandlung über die Tempel erwarte nicht. Ich setzte mich an einem

Rest von Altar hin, der in einem derselben noch zu finden ist, und ruhte

eine Viertelstunde unter meinen Freunden, den Griechen. Wenn einer ihrer

Geister zurückkäme und mich Hyperboreer unter den letzten Trümmern,

seiner Vaterstadt sähe! Hier ist mehr, als in Agrigent. Ich bin nicht

der Erste, welcher es anmerkt, was die Leute für gewaltig hohe Stufen

gemacht haben, hier und in Agrigent. Man muß sehr elastisch steigen,

oder man ist in Gefahr sich einen Bruch zu schreiten. Daß einer von den

Tempeln dem Neptun gehöre, beruht wahrscheinlich nur auf dem Umstand,

daß Neptun der vorzüglichste Schutzgott der Stadt war: so wie man eines

der Gebäude für eine Palästra hält, weil es anders, als die gewöhnlichen

Tempel, mit zwei Reihen Säulen über einander gebauet ist. Sollte dieses

nicht vielmehr ein Bulevterion gewesen seyn? Denn es läßt sich nicht

wohl begreifen, wozu die obere Säulenreihe in einer Palästra dienen

sollte. Vielleicht war es auch Bulevterion und Palästra zugleich; unten

dieses, oben jenes. Nicht weit von den Gebäuden zeigte man mir noch als

eine Seltenheit einen Stein, der nur vor kurzem gefunden seyn muß, weil

ich ihn noch von niemand angeführt gefunden habe. Es ist aber nur ein

gewöhnlicher Leichenstein, und zwar ziemlich neu aus der lateinischen

Zeit. Das Quadrat der Stadt ist noch überall sehr deutlich zu

unterscheiden durch die Trümmer der Mauern. Das Thor nach Salerno hin

hat noch etwas hohes Gemäuer, und das Bergthor ist noch ziemlich ganz

und wohl erhalten. Die beiden übrigen, die man mir als das Seethor und

Justizthor nannte, zeigen nur noch ihre Spuren. Die Hauptursache, warum

dieser Ort vor allen übrigen so gänzlich in Verfall gerathen ist,

scheint mir das schlechte Wasser zu seyn. Ich versuchte zwei Mal zu

trinken, und fand beide Mal Salzwasser: das Meer ist nicht fern, die

Gegend ist tief, und auch aus den nahen Bergen kommt Salzwasser. Das

süße Wasser mußte weit und mit vielen Kosten hergeleitet werden. Die

Vegetation rechtfertigt noch jetzt Virgils Angabe. Der Anblick ist einer

der schönsten und traurigsten. Als ich auf dem Rückwege zu Fuße etwas

vorausging, lag auf den Aesten eines Feigenbaumes eine Schlange

geringelt, die mich ruhig ansah. Sie war wohl stärker als ein Mannarm,

ganz schwarz von Farbe und ihr Blick war furchtbar. Sie schien sich gar

nicht um mich zu bekümmern, und ich hatte eben nicht Lust, ihre

Bekanntschaft zu machen. Es fiel mir ein, daß Virgil ^atros colubros^

anführt, die er eben nicht als gutartig beschreibt: diese schien von der

Sorte zu seyn.

Auf meiner Rückkehr hatte ich Gelegenheit, zwei sehr ungleichartige

Herrn von dem neapolitanischen Militär kennen zu lernen. Ich wurde

einige Millien von Salerno an der Straße angehalten, und ein Officier

nicht mit der besten Physiognomie setzte sich geradezu zu mir in die

Karriole, ohne eine Sylbe Apologie über ein solches Betragen zu machen,

und wir fuhren weiter. Ich hörte, daß mein Fuhrmann vorher

entschuldigend sagte: »^E un signore Inglese^:« das half aber nichts;

der Kriegsmann pflanzte sich ein. Als er Posto gefaßt hatte, wollte er

mir durch allerhand Wendungen Rede abgewinnen: seine Grobheit hatte mich

aber so verblüfft, daß ich keine Sylbe vorbrachte. Vor der Stadt stieg

er aus und ging fort ohne ein Wörtchen Höflichkeit. Das ist noch etwas

stärker, als die Impertinenz der deutschen Militäre hier und da gegen

die sogenannten Philister, die doch auch zuweilen systematisch ungezogen

ist. Als ich gegen Abend in der Stadt spaziren ging, redete mich ein

Zweiter an: »Sie sind ein Engländer?« -- Nein. -- »Aber ein Russe?« --

Nein. -- »Doch ein Pole?« -- Auch nicht. -- »Was sind Sie denn für ein

Landsmann?« -- Ich bin ein Deutscher. -- »Thut nichts; Sie sind ein

Fremder und erlauben mir, daß ich Sie etwas begleite.« -- »Sehr gern; es

wird mir angenehm seyn.« Ich sah mich um, als ob ich etwas suchte. Er

fragte mich, »ob ich in ein Kaffeehaus gehen wollte.« Wenn man Eis dort

hat: war meine Antwort. Das war zu haben: er führte mich und ich aß

tüchtig, in der Voraussetzung, ich würde für mich und ihn tüchtig

bezahlen müssen. Das pflegte so manchmal der Fall zu seyn. Aber als ich

bezahlen wollte, sagte die Wirthin, es sei alles schon berichtigt. Das

war ein schöner Gegensatz zu der Ungezogenheit vor zwei Stunden. Er

begleitete mich noch in verschiedene Partien der Stadt, besonders hinauf

zu den Kapuzinern, wo man eine der schönsten Aussichten über den ganzen

Meerbusen von Salerno hat. Ich konnte mich nicht enthalten, dem jungen,

artigen Manne das schlimme Betragen seines Kameraden zu erzählen. »Ich

bin nicht gesonnen,« sagte ich, »mich in der Fremde in Händel

einzulassen; aber wenn ich den Namen des Officiers wüßte und einige Tage

hier bliebe, würde ich doch vielleicht seinen Chef fragen, ob dieses

hier in der Disciplin gut heiße.« Der junge Mann fing nun eine große,

lange Klage über viele Dinge an, die ich ihm sehr gern glaubte. Wir

gingen eben vor einem Gefängnisse vorbei, aus dessen Gittern ein Kerl

sah und uns anredete. »Dieser Mensch hat vierzig umgebracht,« sagte der

Officier, als wir weiter gingen. Ich sah ihn an. »Hoffentlich kann es

ihm nicht bewiesen werden;« erwiederte ich. -- »Doch, doch; für

wenigstens die Hälfte könnte der Beweis völlig geführt werden.« Mich

überlief ein kalter Schauder: »und die Regierung?« fragte ich. »Ach

Gott, die Regierung,« sagte er ganz leise, -- »braucht ihn.« Hier faßte

es mich wie die Hölle. Ich hatte dergleichen Dinge oft gehört; jetzt

sollte ich es sogar sehen. Freund, wenn ich ein Neapolitaner wäre, ich

wäre in Versuchung, aus ergrimmter Ehrlichkeit ein Bandit zu werden und

mit dem Minister anzufangen. Welche Regierung ist das, die so

entsetzlich mit dem Leben ihrer Bürger umgeht! Kann man sich eine

größere Summe von Abscheulichkeit und Niederträchtigkeit denken? »Jetzt

wird er doch nun hoffentlich seine Strafe bekommen;« sagte ich zu meinem

unbekannten Freunde. »Ach nein,« antwortete er; »jetzt sitzt er wegen

eines kleinen Subordinationsfehlers, und morgen früh kommt er los.« --

Wieder ein hübsches Stückchen von der Vergebung der Sünde! Die Amnestie

des Königs hat die Armee und die Provinzen mit rechtlichen Räubern

angefüllt. Er nahm die Banditen auf, sie waren brav, wie ihr Name sagt;

er belohnte sie königlich, gab ihnen Aemter und Ehrenstellen, und jetzt

treiben sie ihr Handwerk als Hauptleute der Provinzen gesetzlich. Dieses

wird in der Residenz erzählt, auf den Straßen und in Provinzialstädten,

und es werden mit Abscheu Personen und Ort und Umstände dabei genannt.

Ich lief eine Stunde in Pompeji herum, und sah, was die andern auch

gesehen hatten, und lief in den aufgegrabenen Gassen und den zu Tage

geförderten Häusern hin und her. Die Alten wohnten doch ziemlich enge.

Die Stadt muß aber bei dem allen prächtig genug gewesen seyn, und man

kann sich nichts netter und geschmackvoller denken, als das kleine

Theater, wo fast alles von schönem Marmor ist; und die Inskription mit

eingelegter Bronze vor dem Proscenium ist, als ob sie nur vor wenigen

Jahren gemacht wäre. Die Franzosen haben wieder einen beträchtlichen

Theil ans Licht gefördert und sollen viel gefunden haben, wovon aber

sehr wenig nach Paris ins Museum kommt. Jeder Kommissär scheint zu

nehmen, was ihm am nächsten liegt, und die Regierung schweigt,

wahrscheinlich mit berechneter Klugheit. Es ist etwas mehr als unartig,

daß die alten schönen Wände so durchaus mit Namen bekleckst sind. Ich

habe viele darunter gefunden, die diese kleine Eitelkeit wohl nicht

sollten gehabt haben. Vorzüglich waren dabei einige französische

Generale, von denen man dieses hier nicht hätte erwarten sollen: bei der

Sibylle ist es etwas anders.

Von Salerno aus war ich mit einer Dame aus Caserta und ihrem Vater

zurückgefahren. Als diese hörten, daß ich von Portici noch auf den Berg

wollte, thaten sie den Vorschlag Partie zu machen. Ich hatte nichts

dagegen; wir mietheten Esel und ritten. Was vorherzusehen war, geschah:

die Dame konnte, als wir absteigen mußten, zu Fuße nicht weit fort und

blieb zurück; und ich war so ungalant, mich nicht darum zu bekümmern.

Der Herr Vetter strengte sich an, und arbeitete mir nach. Als wir an die

Oeffnung gekommen waren, aus welcher der letzte Strom über Torre del

Greco hinunter gebrochen war, wollte der Führer nicht weiter und sagte,

weiter ginge sein Akkord nicht. Ich wollte mich weiter nicht über die

Unverschämtheit des Betrügers ärgern und erklärte ihm ganz kurz und

laut, er möchte machen was er wollte; ich würde hinaufsteigen. »Doch

nicht allein?« meinte er. »Ganz allein,« sagte ich, »wenn Niemand mit

mir geht;« und ich stapelte immer rasch den Sandberg hinauf. Er besann

sich doch und folgte. Es ist eine Arbeit, die schwerer ist, als auf den

Aetna zu gehen; wenigstens über den Schnee, wie ich es fand. Der Sand

und die Asche machen das Steigen entsetzlich beschwerlich: man sinkt

fast so viel rückwärts, als man vorwärts geht. Es war übrigens

Gewitterluft und drückend heiß. Endlich kam ich oben an dem Rande an.

Der Krater ist jetzt, wie Du schon weißt, eingestürzt, der Berg dadurch

beträchtlich niedriger, und es ist gar keine eigentliche größere

Oeffnung mehr da. Nur an einigen Stellen dringt etwas Rauch durch die

felsigen Lavaritzen hervor. Man kann also hinuntergehen. Die Franzosen,

welche es zuerst thaten -- wenigstens so viel man weiß -- haben viele

Rotomontade von der Unternehmung gemacht: jetzt ist es von der Seite von

Pompeji ziemlich leicht. Fast jeder, der heraufsteigt, steigt hinab in

den Schlund; und es sind von meinen Bekannten viele unten gewesen. Ich

selbst hatte den rechten Weg nicht gefaßt, weil ich eine andere kleine

Oeffnung untersuchen wollte, aus welcher noch etwas Dampf kam und

zuweilen auch Flamme kommen soll. Die Zeit war mir nun zu kurz; sonst

wäre ich von der andern Seite noch ganz hinunter gestiegen. Gefahr kann

weiter nicht dabei seyn, als die gewöhnliche. Während mein Führer und

der Kasertaner ruhten und schwatzten, sah ich mich um. Die Aussicht ist

fast die nämliche, wie bei den Kamaldulensern: ich würde aber jene noch

vorziehen, obgleich diese größer ist. Nur die Stadt und die ganze Partie

vom Posilippo diesseits der Grotte hat man hier besser. Nie hatte ich

noch so furchtbare Hitze ausgestanden, als im Heraufsteigen. Jetzt

schwebten über Sorrent einige Wölkchen und über dem Avernus ein

Donnerwetter: es ward Abend und ich eilte hinab. Hinunter geht es sehr

schnell. Ich hatte schon Durst, als die Reise aufwärts ging; und nun

suchte ich lechzend überall Wasser. Ein artiges liebliches Mädchen

brachte uns endlich aus einem der obersten Weinberge ein großes, volles

Gefäß. So durstig ich auch war, war mir doch das Mädchen fast

willkommener, als das Wasser: und wenn ich länger hier blieb, ich glaube

fast, ich würde den Vulkan gerade auf diesem Wege vielleicht ohne Führer

noch oft besuchen. In einem großen Sommerhause, nicht weit von der

heiligen Maria, erwartete uns die Dame und hatte unterdessen Thränen

Christi bringen lassen. Aber das Wasser war mir oben lieber, als hier

die köstlichen Thränen, und die Hebe des ersten wohl auch etwas lieber,

als die Hebe der zweiten.

Es war schon ziemlich dunkel, als wir in Portici ankamen, und wir

rollten noch in der letzten Abenddämmerung nach Neapel. Mit dem Museum

in Portici war ich ziemlich unglücklich. Jetzt war es zu spät, es zu

sehen. Das erste Mal war es nicht offen und ich sah bloß das Schloß und

die Zimmer, die, wenn man die Arbeit aus Pompeji, einige schöne

Lavatische und die Statuen zu Pferde aus dem Herkulanum wegnimmt, nichts

Merkwürdiges enthalten. In dem Hofe des Museums liegen noch einige

bronzene Pferdeköpfe aus dem Theater von Herkulanum: die Statuen selbst

sind in der Lava zusammengeschmolzen. So viel ich von den Köpfen

urtheilen kann, möchte ich wohl diese Pferde haben, und ich gäbe die

Pariser von Venedig sogleich dafür hin. In dem Theater von Herkulanum

bin ich eine ganze Stunde herumgewandelt, und habe den Ort gesehen, wo

die Marmorpferde gestanden hatten, und den Ort, wo die bronzenen

geschmolzen waren. Bekanntlich ist es hier viel schwerer zu graben, als

in Pompeji: denn diese Lava ist Stein, jene nur Aschenregen. Dort sind

nur Weinberge und Feigengärten auf der Oberfläche; hier steht die Stadt

darauf: denn Portici steht gerade über dem alten Herkulanum; und fast

gerade über dem Theater steht jetzt oben eine Kirche. Die Dame von

Caserta gab mir beim Abschied am Toledo ihre Adresse: ich hatte aber

nicht Zeit, mich weiter um sie zu bekümmern.

Obgleich der Vesuv gegen den Aetna nur ein Maulwurfshügel ist, so hat er

doch durch seine klassische Nachbarschaft vielleicht ein größeres

Interesse, als irgend ein anderer Vulkan der Erde. Ich war den ganzen

Abend noch voll von der Aussicht oben, die ich noch nicht so ganz nach

meinem Genius hatte genießen können. Ich setzte mich im Geist wieder

hinauf und überschaute rund umher das schöne blühende magische Land. Die

wichtigsten Scenen der Einbildungskraft der Alten lagen im Kreise da;

unvermerkt gerieth ich ins Aufnehmen der Gegenstände um den Vulkan.

Vom Schedel des Verderbers sieht

Mein Auge weit hinab durch Flächen,

Auf welchen er in Feuerbächen

Verwüstend sich durch das Gebiet

Der reichgeschmückten Schöpfung zieht.

Wo steht der Nachbar ohne Grausen,

Wenn zur Zerstörung angefacht

Aus seinem Schlund der Mitternacht

Ihm hoch die Eingeweide brausen?

Wenn donnernd er die Felsen schmelzt,

Und sie im Streit der Elemente,

Als ob des Erdballs Asche brennte,

Hinab ins Meer hoch über Städte wälzt?

Der Riese macht mit seinem Hauche

Die schönste Hesperidenflur

Zur dürrsten Wüste der Natur,

Wenn er aus seinem Flammenbauche

Mit rother Glut und schwarzem Rauche

Die Brandung durch die Wolken hebt,

Und meilenweit was Leben trinket,

Wo die Zerstörung niedersinket,

In eine Lavanacht begräbt.

Parthenope und Pausilype bebt,

Wenn tief in des Verwüsters Adern

Die Feuerfluthen furchtbar hadern;

Und was im Meer und an der Sonne lebt,

Eilt weit hinweg mit blassem Schrecken,

Sich vor den Zorn des Tödtenden zu decken.

Es kocht am Meere links und rechts,

Bis nach Sorrent und bis zu Baja's Tannen,

Wo er die Bäder des Tyrannen

Aus der Verwandtschaft des Geschlechts,

Indem er weit umher verheeret,

Mit seinem tiefsten Feuer nähret.

Er macht die Berge schnell zu Seen,

Die Thäler schnell zu Felsenhöhen,

Und rauschend zeigen seine Bahn,

So weit die schärfsten Augen gehen,

Die Inseln in dem Ocean.

Wer bürget uns, wenn ihn der Sturm zerrüttet,

Daß er nicht einst in allgemeiner Wuth

Noch fürchterlich mit seiner Fluth

Den ganzen Golf zusammen schüttet?

Nicht alles noch, wo jetzt sein Feuer quillt,

Aus seiner Werkstatt tiefstem Grunde,

Von Stabiä bis zu dem Schwefelschlunde,

Mit seinen Lavaschichten füllt?

Hier brach schon oft aus seinem Heerde

Herauf, hinab des Todes Flammenmeer,

Und machte siedend rund umher

Das Land zum größten Grab der Erde.

Unter diesen Phantasien schlief ich ruhig ein. Ob ich gleich gern das

furchtbare Schauspiel eines solchen Vulkans in seiner ganzen

entsetzlichen Kraft sehen möchte, so bin ich doch nicht hart genug es zu

wünschen. Ich will mich mit dem begnügen, was mir der Aetna gegeben hat.

Der Vesuv kräuselt zuweilen einige Rauchwölkchen; aber ich fürchte, sein

Schlaf und sein Verschütten sind von schlimmer Vorbedeutung. Der Aetna

war auch verschüttet, ehe er Catanien überströmte, und in dem Krater des

Vesuvs waren zuweilen große Bäume gewachsen. Bei seinem künftigen

Ausbruche dürfte die Gegend von Portici, eben da, wo oben der heilige

Januar steht, um den Feind abzuhalten, am meisten der Gefahr ausgesetzt

seyn; denn dort ist, nach dem äußern Anschein, jetzt die Erdschale am

dünnsten. Man scheint so etwas gefühlt zu haben, als man den heiligen

Flammenbändiger eben hierher setzte.

Die Russen in Neapel machen eine sonderbare Erscheinung. Sie sind des

Königs Leibwache, weil man ganz laut sagt, daß er sich auf seine eigenen

Soldaten nicht verlassen kann. Wenn dieses so ist, so ist es ganz gewiß

seine eigene Schuld; denn ich halte die Neapolitaner für eine der

bravsten und besten Nationen, so wie überhaupt die Italiener. Was ich

hier und da Schlimmes sagen muß, betrifft nur die Regierung, ihre

schlechte Verfassung oder Verwaltung und das Religionsunwesen. Die

Russen haben sich sehr metamorphosirt und ich würde sie kaum wieder

erkannt haben. Du weißt, daß ich die Schulmeisterei in keinem Dinge

verachte, wenn sie das Gründliche bezweckt: aber ich glaube, sie haben

sich durch Pauls Veränderungen durchaus nicht gebessert. Brav werden sie

immer bleiben; das ist im Charakter der Nation: aber Paul hätte das Gute

behalten und das Bessere geben sollen. Ich habe nicht gesehen, daß sie

Linie und besser den Schwenkpunkt hielten, und fertiger die Waffen

handhabten: aber desto schlechter waren sie gekleidet, ästhetisch und

militärisch. Die steifen Zöpfe, die Potemkin mit vielen andern

Bocksbeuteleien abgeschafft hatte, geben den Kerlen ein Ansehen von ganz

possirlicher Unbehülflichkeit. Potemkin hatte freilich wohl manches

gethan, was nichts werth war; aber diese Ordonnanz bei der Armee war

sicher gut. Paul war in seiner Empfindlichkeit zu einseitig. Uebrigens

werden hier die russischen Officiere, wie ich höre, zuweilen nicht wegen

ihrer Artigkeit gelobt, und man erzählte sehr auffallende Beispiele vom

Gegentheil. Das sind hoffentlich nur unangenehme Ausnahmen; denn man

läßt im Ganzen der Ordnung und der Strenge des Generals Gerechtigkeit

widerfahren.

Der heilige Januarius wird als Jakobiner gewaltig gemißhandelt und von

den Lazaronen auf alle Weise beschimpft: es fehlt wenig, daß er nicht

des Patronats völlig entsetzt wird. Dafür wird der heilige Antonius sehr

auf seine Kosten gehoben; und es wird diesem sogar durch Manifeste vom

Hofe gehuldigt. Doch ist die Januariusfarce wieder glücklich von Statten

gegangen, und er hat endlich wieder ordentlich geblutet. Ich habe für

dergleichen Dinge wenig Takt, bin also nicht dabei gewesen, ob die

Schnurre gleich fast unter meinen Augen vorging. Einer meiner Freunde

erzählte mir von den furchtbaren Aengstigungen einiger jungen Weiber und

ihrer heißen Andacht, ehe das Mirakel kam, und von ihrer ausgelassenen

heiligen ekstatischen Freude, als es glücklich vollendet war. Womit kann

man den Menschen nicht noch hinhalten, wenn man ihm einmal seine

Unbefugnisse genommen hat?

_Rom._

Nun bin ich wieder hier in dem Sitz der heiligen Kirche, aber nicht in

ihrem Schooße. Wie Schade das ist! Ich habe so viel Ansatz und Neigung

zur Katholicität, würde mich so gern auch an ein Oberhaupt in

geistlichen Dingen halten, wenn nur die Leute etwas leidlicher,

ordentlich und vernünftig wären. Meiner ist der Katholicismus der

Vernunft, der allgemeinen Gerechtigkeit, der Freiheit und der Humanität;

und der ihrige ist die Nebelkappe der Vorurtheile, der Privilegien, des

eisernen Gewissenszwanges. Ich hoffte, wir würden einst zusammen kommen;

aber seit Bonapartes Bekehrung habe ich für mich die Hoffnung sinken

lassen. Dank sei es der Frömmelei und dem Mamelukengeist des großen

französischen Bannerherrn, die Römer haben nun wieder Ueberfluß an

Kirchen, Mönchen und Banditen. Er hat uns zum wenigsten wieder einige

hundert Jahre zurückgeworfen. ^Homo sum^ -- sagt Terenz; sonst könntest

Du leicht fragen, was mich das Zeug anginge. Aber ich will den Faden

meiner Wanderschaft wieder aufnehmen.

Den letzten Tag in Neapel besuchte ich noch den Agnano und die

Hundsgrotte. Schon Függer in Wien hatte mich gewarnt, ich möchte mich

dort in Acht nehmen; allein im Mai, dachte ich, hat so ein Spaziergang

wohl nichts zu sagen. Der Morgen war drückend und schwül, und über der

Solfatara und dem Kamaldulenser Berge hingen Gewitterwolken. Alles ist

bekannt genug; ich wollte nur aus Neugier das Lokale sehen und weiter

keinen Hund auf die Folter setzen. Nachdem ich aber ungefähr ein

Stündchen am See herumgewandelt war und mir die Lage besehen hatte, ward

mir der Kopf auf einmal sonderbar dumpf und schwer, und ich eilte, daß

ich durch die Bergschlucht wieder heraus kam. Es war ein eigenes

furchtbares Gefühl, als ob sich alle flüssigen Theile mischten und die

festen sich auflösen wollten. So wie ich mich von der Gegend entfernte,

kehrte mein heller Sinn zurück, und es blieb mir nur eine gewisse

Schwere und Müdigkeit von der Wärme. Eine eigene Erscheinung in meinem

Physischen war es mir indessen, als ich gleich nachher in einem

Wirthshause nicht weit von Posilippo aß, daß ich mir an einer eben nicht

harten Kastanie auf einmal drei Zähne bis fast zum Ausfallen locker biß.

Der Agnano und die Hundsgrotte kosten dich ein wenig zu viel, dachte

ich, und that schon Verzicht auf meine drei Vorderzähne. Aber

Veränderung der Luft und etwas Schonung haben sie bis auf einen wieder

ziemlich festgemacht; und dieser wird sich hoffentlich auch wieder

erholen. Will er nicht, nun so will ich ihn der Hundsgrotte opfern.

Von Rom nach Neapel war ich zu Fuße gegangen: von Neapel nach Rom fuhr

ich der Schnelligkeit wegen mit dem neapolitanischen Courrier. Noch die

Nacht fuhren wir über Aversa nach Kapua, und den Tag von Kapua nach

Terracina. Anstatt einer attellanischen Fabel erzählte man uns in Aversa

als wahre Geschichte, daß eben die Räuber vom Berge herunter gekommen

wären und einen armen Teufel um sechzig Piaster erschlagen. In Fondi

stahl ich mich mit etwas bösem Gewissen voraus, weil ich dem Herrn

Zolleinnehmer nicht gern in die Hände fallen wollte. Dieser Herr hatte

nämlich auf meiner Hinreise einen sehr großen Gefallen an meinem

Seehundstornister bekommen, wollte ihn durchaus haben, und bot mir bis

zu drei goldenen Unzen darauf. Ich wollte ihn nicht missen, hatte seiner

Zudringlichkeit aber doch einige Hoffnung gemacht, wenn ich zurückkäme:

und jetzt wollte ich ihn eben so wenig missen. Wer bringt nicht gern

Haut und Fell und alles wieder heil mit sich zurück? Durch die Pontinen

ging es dießmal die Nacht, welches ich sehr wohl zufrieden war. Der

Morgen graute, als wir in Velletri eintrafen. Nun kam aber eine ächt

italienische Stelle, über der ich leicht hätte den Hals brechen können.

Ich habe die Gewohnheit, beständig vorauszulaufen, wo ich kann. Zwischen

Gensano und Aricia ist eine schöne Waldgegend, durch welche die Straße

geht. Oben am Berge bat der Postillon, wir möchten aussteigen, weil er

vermuthlich den Hemmschuh einlegen wollte, und am Wagen etwas zu hämmern

hatte. Der Oficier blieb bei seinen Depeschen am Wagen, und ich

schlenderte leicht und unbefangen den Berg hinunter in den Wald hinein,

und dachte, wie ich Freund Reinhart in Aricia überraschen würde, der

jetzt daselbst seyn wollte. Ungefähr sieben Minuten mochte ich so

fortgewandelt seyn, da stürzten links aus dem Gebüsche vier Kerle auf

mich zu. Ihre Bothschaft erklärte sich sogleich. Einer faßte mich bei

der Krause, und setzte mir den Dolch an die Kehle; der andere am Arm,

und setzte mir den Dolch auf die Brust; die beiden übrigen blieben

dispositionsmäßig in einer kleinen Entfernung mit aufgezogenen

Karabinern. In der Bestürzung sagte ich halb unwillkührlich auf Deutsch

zu ihnen: »Ei so nehmt denn ins Teufels Namen alles, was ich habe!« Da

machte einer eine doppelt gräßliche Pantomime mit Gesicht und Dolch, um

mir zu verstehen zu geben, man würde stoßen und schießen, sobald ich

noch eine Sylbe spräche. Ich schwieg also. In Eile nahmen sie mir nun

die Börse und etwas kleines Geld aus den Westentaschen, welches beides

zusammen sich vielleicht auf sieben Piaster belief. Nun zogen sie mich

mit der vehementesten Gewalt nach dem Gebüsche, und die Karabiner

suchten mir durch richtige Schwenkung Willigkeit einzuflößen. Ich machte

mich bloß so schwer als möglich, da weiter thätigen Widerstand zu thun

der gewisse Tod gewesen wäre: man zerriß mir in der Anstrengung Weste

und Hemd. Vermuthlich wollte man mich dort im Busche gemächlich

durchsuchen und ausziehen, und dann mit mir thun, was man für gut finden

würde. Sind die Herren sicher, so lassen sie das Opfer laufen; sind sie

das nicht, so geben sie einen Schuß oder Stich, und die Todten sprechen

nicht. In diesem kritischen Momente -- denn das Ganze dauerte vielleicht

kaum eine Minute -- hörte man den Wagen von oben herabrollen und auch

Stimmen von unten: sie ließen mich also los, und nahmen die Flucht in

den Wald. Ich ging etwas verblüfft meinen Weg fort, ohne jemand zu

erwarten. Die Uhr saß, wie in Sicilien, tief, und das Taschenbuch stak

unter dem Arme in einem Rocksacke: beides wurde also in der

Geschwindigkeit nicht gefunden. Die Kerle sahen gräßlich aus, wie ihr

Handwerk; keiner war, nach meiner Taxe, unter zwanzig, und keiner über

dreißig. Sie hatten sich gemalt, und trugen falsche Bärte; ein Beweis,

daß sie aus der Gegend waren, und Entdeckung fürchteten. Reinhart traf

ich in Aricia nicht; er war noch in Rom. So hätte ich wohl noch leicht

in der schönen klassischen Gegend bleiben können. Dort spielt ein Theil

der Aeneide, und nach aller Topographie bezahlten daselbst Nisus und

Euryalus ihre jugendliche Unbesonnenheit; nicht eben, daß sie gingen,

sondern daß sie unterwegs so alberne Streiche machten, die kein

preußischer Rekrut machen würde. Wer wird einen schön polirten,

glänzenden Helm bei Mondschein aufsetzen, um versteckt zu bleiben? Herr

Virgil hat sie, vermuthlich bloß der schönen Episode wegen, so ganz

unüberlegt handeln lassen.

Hier in Rom brachte man mir die tröstliche Nachricht, daß zwei von den

Schurken, die mich in dem Walde geplündert hätten, erwischt wären, und

daß ich vielleicht noch das Vergnügen haben würde sie hängen zu sehen.

Dawider habe ich weiter nichts, als daß es bei der jetzigen Unordnung

der Dinge sehr wenig helfen wird. Ich habe hier etwas von einem

Manuscripte gesehen, das in kurzem in Deutschland, wenn ich nicht irre,

bei Perthes gedruckt werden soll, und das ein Gemälde vom jetzigen Rom

enthält. Du wirst Dich wundern, wenn ich Dir sage, daß fast alles darin

noch sehr sanft gezeichnet ist. Der Mann kann auf alle Fälle kompetenter

Beurtheiler seyn; denn er ist lange hier, ist ein freier, unbefangener,

kenntnißvoller Mann, bei dem Herz und Kopf gehörig im Gleichgewicht

stehen. Die Hierarchie wird wieder in ihrer größten Ausdehnung

eingeführt; und was das Volk eben jetzt darunter leiden müsse, kannst Du

berechnen. Die Klöster nehmen alle ihre Güter mit Strenge wieder in

Besitz, die Kirchen werden wieder geheiligt und alle Prälaten behaupten

fürs allererste wieder ihren alten Glanz. Da mästen sich wieder die

Mönche; und wer kümmert sich darum, daß das Volk hungert? Die Strassen

sind nicht allein mit Bettlern bedeckt, sondern diese Bettler sterben

wirklich daselbst vor Hunger und Elend. Ich weiß, daß bei meinem

Hierseyn an einem Tage fünf bis sechs Personen vor Hunger gestorben

sind. Ich selbst habe Einige niederfallen und sterben sehen. Rührt

dieses das geistliche Mastheer? Der Ausdruck ist empörend, aber nicht

mehr als die Wahrheit. Jedes Wort ist an seiner Stelle gut, denke und

sage ich mit dem Alten. Als die Leiche Pius des Sechsten prächtig

eingebracht wurde, damit die Exequien noch prächtiger gehalten werden

könnten, erhob sich aus dem gläubigen Gedränge ein Fünkchen Vernunft in

dem dumpfen Gemurmel, daß man so viel Lärm und Kosten mit einem Todten

mache, und die Lebendigen im Elende verhungern lasse. Rom ist oft die

Kloake der Menschheit gewesen, aber vielleicht nie mehr, als jetzt. Es

ist keine Ordnung, keine Justiz, keine Polizei; auf dem Lande noch

weniger als in der Stadt; und wenn die Menschheit noch nicht tiefer

gesunken ist, als sie wirklich liegt, so kommt es bloß daher, weil man

das Göttliche in der Natur durch die größte Unvernunft nicht ganz

ausrotten kann. Du kannst denken, mit welcher Stimmung ein vernünftiger

Philanthrop sich hier umsieht. Ich hatte mich mit einer bittern

Philippika gerüstet, als ich wieder zu Borgia gehen wollte. ^Nil valent

apud vos leges, nil justitia, nil boni mores; sagittantur sacerdotes,

perit plebs, caecutit populus; vilipenditur quodcunque est homini

sanctum, honestas, modestia, omnis virtus. Infimus et improbissimus

quisque cum armis per oppida et agros praedabundus incedit, furatur,

rapit, trucidat, jugulat, incendia miscet. Haec est illa religio

scilicet, auctoris ignominia, rationis opprobrium, qua vos homines

liberos et viros fortes ad servitia et latrones detrudere conamini.^ So

gohr es, und ich versichere Dich, Freund, es ist keine Sylbe Redekunst

dabei. Aber gesetzt auch, ein Kardinal hätte das hingenommen, warum

sollte ich dem alten, guten, ehrlichen Manne Herzklopfen machen? Es

hilft nichts; das liegt schon im System. Man wird schon Palliativen

finden: aber an Heilung ist nicht zu denken. Die Herren sind immer klug

wie die Schlangen; weiter gehen sie im Evangelium nicht. Die neuesten

Beweise davon kannst Du in Florenz und Paris sehen. Ich ging gar nicht

zu Borgia, weil ich meiner eigenen Klugheit nicht traute. Ueberdieß

hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit zurück. Die römischen

Vornehmen haben einen ganzen Haufen Bedienten im Hause und geben nur

schlechten Sold. Jeder Fremde, der nur die geringste Höflichkeit vom

Herrn empfängt, wird dafür von der Valetaille in Anspruch genommen. Das

hatte ich erfahren. Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich

nicht weniger als einen Piaster geben; und so viel wollte ich für den

Papst und sein ganzes Kollegium nicht mehr in Auslage seyn.

Ich will das Betragen der Franzosen hier und in ganz Unteritalien nicht

rechtfertigen: aber dadurch, daß sie die Sache wieder aufgegeben haben,

ist die Menschheit in unsägliches Elend zurückgefallen. Ich weiß, was

darüber gesagt werden kann, und von wie vielen Seiten alles betrachtet

werden muß: aber wenn man schlecht angefangen hat, so hat man noch

schlechter geendiget; das Zeugniß wird mit Zähneknirschen jeder

rechtliche Römer und Neapolitaner geben. Geschichte kann ich hier nicht

schreiben. Durch ihren unbedingten, nicht nothwendigen Abzug ist die

schrecklichste Anarchie entstanden. Die Heerstraßen sind voll Räuber;

die niederträchtigsten Bösewichter ziehen im Lande herum. Blos während

meiner kurzen Anwesenheit in Rom sind drei Courriere geplündert und fünf

Dragoner von der Begleitung erschossen worden. Niemand wagt es mehr,

etwas mit der Post zu geben. Der französische General ließ wegen vieler

Ungebühr ein altes Gesetz schärfen, das den Dolchträgern den Tod

bestimmt, und ließ eine Anzahl Verbrecher vor dem Volksthore wirklich

erschießen. Die Härte war Wohlthat; nun war Sicherheit. Jetzt trägt

jedermann wieder seinen Dolch und braucht ihn. Die Kardinäle sind immer

noch in dem schändlichsten Kredit, als Beschützer der Verbrecher. Man

erzählt jetzt noch Beispiele mit allen Namen und Umständen, daß sie

Mörder in ihren Wagen aus der Stadt in Sicherheit bringen lassen. --

Ueber öffentliche Armenanstalten bei den Katholiken ist schon viel

gesagt. Rom war auch in dieser Rücksicht die Metropolis. Jetzt sind

durch die Revolution fast alle öffentliche Armenfonds wie ausgeplündert,

und die Noth ist vor der Ernte unter der ganz armen Klasse schrecklich.

In ganz Marino und Albano ist keine öffentliche Schule, also keine Sorge

für Erziehung; in Rom ist sie schlecht. Der Kirchenstaat ist eine Oede

rund um Rom herum, deßwegen erlaubt aber kein Güterbesitzer, daß man auf

seinem Grunde arbeite. Das Feudalrecht könnte in Gefahr gerathen. Wenn

er nicht geradezu hungert, was gehn ihn die Hefen des Romulus an? Die

Möncherei kommt wieder in ihren crassesten Flor, und man erzählt sich

wieder ganz neue Bubenstücke der Kuttenträger, die der Schande der

finstersten Zeiten gleichkommen. Man sagt wohl, Italien sei ein

Paradies, von Teufeln bewohnt; das heißt der menschlichen Natur Hohn

gesprochen. Der Italiener ist ein edler, herrlicher Mensch; aber seine

Regenten sind Mönche, oder Mönchsknechte; die meisten sind Väter ohne

Kinder; das ist Erklärung genug. Ueberdies ist es der Sitz der Vergebung

der Sünde.

Ich will nur machen, daß ich hinauskomme, sonst denkst Du, daß ich

beißig und bösartig geworden bin. Die Partien rund herum sind ohne mich

bekannt genug: ich habe die meisten, allein und in Gesellschaft, in der

schönsten Jahreszeit genossen. Man kann hier seyn und sich wohl

befinden, nur muß man die Humanität zu Hause lassen. Mit Uhden habe ich

die Partien von Marino, Grottaferrata, Fraskati und den Albaner See

gesehen. Eines der ältesten Monumente ist am See der Felsenkanal, der

das Wasser aus demselben durch den Berg in die Ebene hinabläßt; und der,

wenn ich nicht irre, noch aus den Zeiten des Kamillus ist. Die

Geschichte seiner Entstehung ist bekannt. Man wirkt noch heute eben so

durch den Aberglauben, wie damals. Wenn der Gott von Delphi den

Ausspruch der Mathematiker nicht bestätigt hätte, wären die Römer

schwerlich an die Arbeit gegangen. Das ganze Werk steht noch jetzt in

seiner alten, herrlichen ursprünglichen Größe da und erfüllt den Zweck.

Uhden wunderte sich, daß Cluver, ein sonst so genauer und gewissenhafter

Beobachter, sagt, es seien noch Spuren da, da doch der ganze Kanal noch

eben so gangbar ist, wie vor zwei tausend Jahren. Mir däucht, zu Cluvers

Rechtfertigung kann man annehmen, daß der Eingang eben damals

verschüttet war, welches sich periodenweise leicht denken läßt: und der

Antiquar untersuchte nicht näher. Der Eingang ist ein sehr romantischer

Platz und der Gegenstand der Zeichner: vorzüglich wirkt die alte

perennirende Eiche an demselben. Das Schloß Gandolfo oben auf dem Berge

ist eine der schönsten Aussichten in der ganzen schönen Gegend. Hier

zeigte man mir im Promeniren einen Priester, der in einem Gefechte mit

den Franzosen allein achtzehn niedergeschossen hatte. Das nenne ich

einen Mann von der streitenden Kirche! Wehe der Humanität, wenn sie die

triumphirende wird! Wer auf Hadrian eine Lobrede schreiben will, muß

nicht hierher gehen, und die Ueberreste seiner Villa sehen: man sieht

noch ganz den Pomp eines morgenländischen Herrschers, und die Furcht

einer engbrüstigen tyrannischen Seele. Auch sogar sein Grabmahl hat die

päpstliche Zwittertyrannei zu ihrem Ergastel gemacht. Trajan hat

Monumente besserer Bedeutung hinterlassen. Wo bei Frascati

wahrscheinlich des großen Tullius Tuskulum gestanden hat, sieht man

jetzt sehr analog -- eine Papiermühle. Das Plätzchen ist sehr

philosophisch; nur würde Thucydides hier schwerlich die tuskulanischen

Quästionen oder gar ^de natura deorum^ geschrieben haben. Der schönste

Ort von allen antiken Gebäuden, die ich noch gesehen habe, ist

unstreitig die Villa des Mäcen in Tivoli. Man kann annehmen, daß der

Schmeichler Horaz hier mehrere seiner liebsten Oden gedichtet habe, für

den gewaltigen Mann, neben und unter den er hier haus'te. Man wollte

mich unten am Flusse jenseits nicht weit von den Ställen des Varus in

ein Haus führen, wo noch Horazens Bad zu sehen seyn soll; aber ich hatte

nicht Lust: es fiel mir seine Canidia ein. Virgil war ein feinerer Mann

und ein besserer Mensch. Kein Stein ist hier oben ohne Namen, und um die

Kaskade und die Grotte und um die Kaskadellen. Wenn ich Dir die

Kaskadellen von unserm Reinhart mitbringen könnte, das würde für Dich

noch Beute aus Hesperien seyn: ich bin nur Laie.

Von den Kunstschätzen in Rom darf ich nicht anfangen. Die Franzosen

haben allerdings Vieles fortgeschafft; aber der Abgang wird bei dem

großen Reichthume doch nicht sehr vermißt. Ueberdieß haben sie mit

wahrem Ehrgefühl kein Privateigenthum angetastet. Einigen ihrer

vehementesten Gegner haben sie zwar gedroht; doch ist es bei den

Drohungen geblieben: und die Privatsammlungen sind bekanntlich zahlreich

und sehr ansehnlich. Nur einige sind durch die Zeitumstände von ihren

Besitzern zersplittert worden; vorzüglich die Sammlung des Hauses

Colonna. Aus den Gärten Borghese ist kein einziges Stück entfernt. Bloß

der Fechter und der Silen haben einen klassischen Werth, wie ihn mehrere

der nach Paris geschafften Stücke nicht haben. Die größte Sottise, die

vielleicht je die Antiquare gemacht haben, ist, daß sie diesen Silen mit

dem lieblichen jungen Bacchus für einen Saturnus hielten, der eben auch

diese Geburt fressen wollte. Der erste, der diese Erklärung auskramte,

muß vor Hypochondrie Konvulsionen gehabt haben. Vorzüglich beschäftigte

mich noch eine Knabenstatue mit der Bulle, die man für einen jungen

Britanicus hält. Sei es wer es wolle, es ist ein römischer Knabe, der

sich der männlichen Toga nähert, mit einer unbeschreiblichen Zartheit

und Anmuth dargestellt. Ich habe nichts Aehnliches in dieser Art mehr

gefunden.

In der Gallerie Doria zog meine Aufmerksamkeit vornämlich ein weibliches

Gemälde von Leonardo da Vinci auf sich, das man für die Königin Johanna

von Neapel ausgab. Das kann Johanna nicht seyn, sagte ich, unmöglich;

ich wäre für das Original von Leukade gesprungen: das kann die

Neapolitanerin nicht seyn. Wenn sie es ist, hat die Geschichte gelogen,

oder die Natur selbst ist eine Falschspielerin. Man behauptete, es wär

ihr Bild und ich genoß in der Träumerei über den Kopf den schönen

Salvator Rosa im andern Flügel nur halb. Als ich nach Hause kam, fragte

ich Fernow; und dieser sagte mir, ich habe Recht; es sei nun ausgemacht,

daß es eine gewisse Gräfin aus Oberitalien sei. Ich freute mich, als ob

ich eine Kriminalinquisition los wäre.

Auf dem Kapitol vermißte ich den schönen Brutus. Dieser ist nach Paris

gewandelt, hies es. Was soll Brutus in Paris? Vor funfzig Jahren wäre es

eine Posse gewesen, und jetzt ist es eine Blasphemie. Dort wachsen die

Cäsarn, wie die Fliegenschwämme. Noch sah ich die alte hetrurische

Wölfin, die bei Cäsars Tode vom Blitz beschädigt worden seyn soll. Die

Seltenheit ist wenigstens sehenswerth. Von dem Thurme des Kapitols

übersah ich mit Einem Blick das ganze, große Ruinenfeld unter mir. Einer

meiner Freunde machte mir ein Geschenk mit einer Rhapsodie über die

Peterskirche; ich gab ihm dafür eine über das Kapitol zurück. Ich

schicke sie Dir hier, weil ich glauben darf, daß Dir vielleicht die

Aussicht einiges Vergnügen machen kann.

Du zürnst, daß dort mit breitem Angesichte

Das Dunstphantom des Aberglaubens glotzt

Und jedem Feuereifer trotzt,

Der aus der Finsterniß zum Lichte

Uns führen will; Du zürnst den Bübereien,

Dem Frevel und dem frechen Spott,

Mit dem der Plattkopf stiert, der Tugend uns und Gott

Zum Unsinn macht; den feilen Schurkereien,

Und der Harpye der Mönchereien,

Dem häßlichsten Gespenst, das dem Cocyt entkroch,

Das aus dem Schlamm der Dummheit noch

Am Leitseil der Betrügereien

Zehntausend hier, zehntausend dort ins Joch,

Dem willig sich die Opferthiere weihen,

Zum Grabe der Vernunft berückt,

Und dann mit Hohn und Litaneien

Aus seiner Mastung niederblickt:

Du zürnst, daß man noch jetzt die Götzen meißelt,

Und mit dem Geist der Mitternacht

Zu ihrem Dienst die Menschheit niedergeißelt,

Und die Moral zur feilen Dirne macht

Bei der man sich zum Sybariten kräuselt

Und Recht und Menschenwerth verlacht.

Dein Eifer, Freund, ist edel. Zürne!

Oft giebt der Zorn der Seele hohen Schwung

Und Kraft und Muth zur Besserung;

Indessen lau mit seichtem Hirne

Der Schachmaschinenmensch nach den Figuren schielt

Und von dem Busen seiner Dirne

Verächtlich nur die Puppen weiter spielt.

Geh hin und lies, fast ist es unsre Schande,

Es scheint, es war das Schicksal Roms,

In Geierflug zu ziehn von Land zu Lande;

Es schlug die Erde rund in Bande,

Und wechselt nur den Sitz des Doms.

Was einst der Halbbarbar ins Joch mit Eisen sandte

Beherrschet nun der Hierofante

Mit dem Betruge des Diploms.

Jetzt thürmet sich am alten Vatikane

Des Aberglaubens Burg empor,

In deren dumpfigen Arkane

Sich längst schon die Vernunft verlor,

Und wo man mit geweihtem Ohr

Und Nebelhirn zur neuen Fahne

Des alten Unsinns gläubig schwor.

Dort steht der Dom, den Blick voll hohen Spottes

Mit dem er Menschensinn verhöhnt;

Und mächtig stand, am Hügel hingedehnt,

Einst hier die Burg des Donnergottes,

Wo noch des Tempels Trümmer gähnt;

Und wer bestimmt aus welchem Schlunde

Des Wahnsinns stygischer Betrug

Der armen Welt die größte Wunde

Zur ewigen Erinnrung schlug?

Hier herrschten eisern die Katonen

Mit einem Ungeheur von Recht,

Und stempelten das menschliche Geschlecht

Despotisch nur zu ihren Frohnen;

Als wäre von Natur vor ihnen Jeder Knecht,

Den Zevs von seinem Kapitole

Mit dem Gefolge der Idole

Sich nicht zum Lieblingssohn erkohr;

Und desto mehr, je mehr er kühn empor

Mit seines Wesens Urkraft strebte

Und sklavisch nicht, wie vor dem Sturm das Rohr

Beim Zorn der Herr'n der Erde bebte.

Nur wer von einem Räuber stammte,

Dem Fluch der Nachbarn, wessen Heldenherz,

Bepanzert mit dem dicksten Erz,

Zum Hohn der Menschheit lodernd flammte,

Wer alle Andern, wie Verdammte,

Zur tiefsten Knechtschaft von sich stieß

Und den Beweis in seinem Schwerte wies --

Nur der gelangte zu der Ehre,

Ein Mann zu seyn im großen Würgerheere.

Oft treibt Verzweiflung zu dem Berge,

Dem Heiligen, dem Retter in der Noth,

Wenn blutig des Bedrückers Scherge

Mit Fesseln, Beil und Ruthen droht:

Und, was erstaunt jetzt kaum die Nachwelt glaubet,

Dem größten Theil der Nation,

Dem ganzen Sklavenhaufen, raubet

Der Blutgeist selbst die Rechte der Person,

Und setzt ihn mit dem Vieh der Erde

Zum Spott der Macht in eine Heerde.

Der Wüstling warf dann in der Wuth,

Für ein zerbrochnes Glas, mit wahrer Römerseele

Den Knecht in die Muränenhöhle,

Und fütterte mit dessen Blut

Für seine schwelgerischen Tische

Die seltenen, weitgereis'ten Fische;

Und für die Kleinigkeit der Sklavenstrafe ließ

Mit Zorn der schlauste der Tyrannen,

Den seine Welt Augustus hieß,

Zehn Tage lang den Herrn von sich verbannen.

Nimm die zwölf Tafeln, Freund, und lies,

Was zum Gesetz die Blutigen ersannen;

Was ihre Zehner kühn gewannen,

Durch die man frech die Menschheit von sich stieß.

Wer zählet die Proskriptionen,

Die der Triumvir niederschrieb,

In denen er durch Henker ohne Schonen

Die Bande von einander hieb,

Die, das Palladium der Menschlichkeit zu retten,

Uns brüderlich zusammenketten.

Durch sie wird Latium in allen Hainen roth

Bis in die Grotten der Najaden,

Und mit dem Grimm des Schrecklichen beladen,

Des Fluchs der Erde, gingen in den Tod

An Einem Tage Myriaden:

Und gegen Sullas Henkergeist

Ist, zu der neuen Zeiten Ehre,

Der Aftergallier, der Blutmensch Robespierre,

Ein Genius, der mild und menschlich heißt.

Man würgte stolz, und hatte man

Mit Spott und Hohn die Unthat frech gethan,

So stieg man hier auf diesen Hügel

Und heiligte den Schreckenstag,

Der unter seiner Schande Siegel

Nun in der Weltgeschichte lag.

Man schickte, ohne zu erröthen,

Den Liktor mit dem Beil und ließ

Im Kerker den Gefangnen tödten,

Der in der Schlacht als Held sich wies,

Vor dessen Tugend man selbst in der Raubburg zagte

Und nicht sie zu bekämpfen wagte.

Dort gegenüber setzten sich

Die Cäsarn auf dem Palatine,

Wo noch die Trümmer fürchterlich

Herüber gähnt, und jetzt mit Herrschermiene

Auch aus dem Schutte der Ruine,

Wie in der Vorwelt Eisenzeit,

Mit Ohnmacht nur Gehorsam noch gebeut.

Dort herrschten, hebt man kühn den Schleier,

Im Wechsel nur Tyrann und Ungeheuer;

Dort grub der Schmeichler freche Zunft

Mit Schlangenwitz am Grabe der Vernunft:

Dort starben Recht und Zucht und Ehre;

Dort betete man einst Sejan,

Narciß und sein Gelichter an,

Wenn die Neronen und Tibere

Nur scheel auf ihre Sclaven sahn --

Sie selbst der Schändlichkeit Heloten,

Die Qual und Tod mit einem Wink geboten,

Dort ragt der Schandfleck hoch empor.

Wo, wenn des Scheusals Wille heischte,

Des Tigers Zahn ein Menschenherz zerfleischte,

Und wo der Sklaven grelles Chor,

Dem Blutspektakel Beifall kreischte,

Und keinen Zug des Sterbenden verlor;

Wo zu des Römerpöbels Freude

Nur der im Sand den höchsten Ruhm erwarb,

Der mit dem Dolch im Eingeweide

Und Grimm im Antlitz starb.

Von außen Raub und Sklaverei von innen,

Bei Cato, wie bei Seneka.

Stehst Du noch jetzt entzückt vor Deinen Römern da,

Und stellst sie auf des Ruhmes Zinnen?

Vergleiche, was durch sie geschah,

Von dem Sabiner bis zum Gothen,

Die Kapitolier bedrohten

Die Menschheit mehr als Attila,

Trotz allen preisenden Zeloten.

Betrachtest Du die Stolzen nur mit Ruh.

Für einen Titus schreibest Du

Stets zehn Domitiane nieder.

Behüte Gott nur uns und unsre Brüder

Vor diesem blutigen Geschlecht,

Vor Römerfreiheit und vor Römerrecht!

Wenn Peter stirbt, erwache Zevs nicht wieder!

In dem Palast Spada besuchte ich einige Augenblicke die Statue des

Pompejus, die man bekanntlich für die nämliche ausgiebt, unter welcher

Cäsar erstochen wurde. Dieses kann aber vielleicht so wahrscheinlich

gemacht werden, als solche Sachen es leiden. Die Statue hat sonst nichts

Merkwürdiges und ist artistisch von keinem großen Werth. Unter dieser

Statue sollten alle Revolutionäre mit wahren, hellen, gemäßigten

Philanthropen zwölf Mitternächte Rath halten, ehe sie einen Schritt

wagten. Was rein, gut oder schlecht in dem Einzelnen ist, ist es nicht

immer in der Gesammtheit; auf der Stufe der Bildung, auf welcher die

Menschheit jetzt stehet.

Die Peterskirche gehört eigentlich der ganzen Christenheit, und die

Hierarchie würde vielleicht gern das enorme Werk vernichtet sehen, wenn

sie das unselige Schisma wieder heben könnte, das über ihrem Bau in der

christlichen Welt entstanden ist. Etwas mehr gesunde Moral und Mäßigung

hätte damals die Päpste mit Hülfe des abergläubischen Enthusiasmus zu

Herren derselben gemacht: diese Gelegenheit kommt nie wieder. Ob die

Menschheit dadurch gewonnen, oder verloren hätte, ist eine schwere

Frage. Es ist, als ob man der stillen Größe der alten Kunst mit diesem

herkulischen Bau habe Hohn sprechen wollen. Du kennst das Pantheon, als

den schönsten Tempel des Alterthums. Stelle Dir vor, einen

verhältnißmäßigen ungeheuern Raum, als die Area des Heiligentempel, zu

einer großen Höhe aufgeführt, und oben das ganze Pantheon als Kuppel

darauf gesetzt, so hast Du die Peterskirche. Das Riesenmäßige hat man

erreicht. Wir saßen in dem Knopfe der Kuppel unser drei, und übersahen

die gefallene Roma. Diese Kirche wird einst mit ihrer Kolonnade die

größte Ruine von Rom, so wie Rom vielleicht die größte Ruine der Welt

ist.

In dem benachbarten Vatikan beschäftigten mich nur Raphaels Logen und

Stanzen und die Sixtinische Kapelle. Beide sind so bekannt, daß ich es

kaum wage, Dir ein Wort davon zu sagen. Ein Engländer soll jetzt das

jüngste Gericht von Michel Angelo in zwölf Blättern stechen. Das erste

Blatt ist fertig und hat den Beifall der Kenner. Er sollte dann

fortfahren und die ganze Kapelle nach und nach geben. Die Sibyllen haben

eben so herrliche Gruppirungen und sind eben so voll Kraft und Seele.

Vor der Schule Raphaels habe ich stundenlang gestanden und mich immer

wieder hingewendet. Nach diesem Sokrates will mir kein anderer mehr

genug thun. So muß Sokrates gewesen seyn, wie dieser hier ist; und so

Diogenes, wie dieser da liegt. Pythagoras hielt mich nicht so lange

fest, als Archimedes mit seiner Knabengruppe. In dieser hat vielleicht

der Künstler das vollendetste Ideal von Anmuth und Würde dargestellt.

Ich sah den Brand und im Vorzimmer die Schlacht: aber ich ging immer

wieder zu seiner Schule. Ich würde vor dem erhabenen Geiste des

Künstlers voll drückender Ehrfurcht zurückbeben, wenn ich nicht an der

andern Wand seinen Parnaß sähe, auf welchen er als den Apoll den

Kammerdiener des Papstes mit der Kremoneser Geige gesetzt hat. Aber ich

möchte doch lieber etwas angebetet haben, als eine solche

Vermenschlichung sehen -- den Apollo mit einer Kremoneser Geige! Die

Logen fangen an, an der Luftseite stark zu leiden. Sie sind ein würdiger

Vorhof des Heiligthums und vielleicht reicher, als das Adyton selbst.

Hier konnten die Gallier nichts antasten; sie hätten denn als Vandalen

zerstören müssen: und das sind sie doch nicht, ihre Feinde mögen sagen,

was sie wollen. Ich müßte Dir von Rom allein ein Buch schreiben, wenn

ich länger bliebe und länger schriebe: und ich würde doch nur wenig

erschöpfen.

Zum Schluß schicke ich Dir eine ganz funkelnagelneue Art von Centauren,

von der Schöpfung eines unserer Landsleute. Aber ich muß Dir die

Schöpfungsgeschichte erzählen, damit Du das Werk verstehst.

Es hält sich seit einigen Jahren hier ein reicher Britte auf, dessen

grilliger Charakter, gelinde gesprochen, durch ganz Europa ziemlich

bekannt ist, und der weder als Lord eine Ehre der Nation, noch als

Bischof eine Zierde der Kirche von England genannt werden kann. Dieser

Herr hat bei der Impertinenz des Reichthums die Marotte, den Kenner und

Gönner in der Kunst zu machen und den Geschmack zu leiten, und zwar so

unglücklich, daß seine Urtheile in Italien hier und da bei Verständigen

fast schon allein für Verdammung gelten. Vorzüglich haßt er Raphael und

zieht bei jeder Gelegenheit seine ^deos minorum gentium^ auf dessen

Unkosten hervor. Indessen er bezahlt reich, und es geben sich ihm, zur

Erniedrigung des Genius, vielleicht manche gute Köpfe hin, die er dann

ewig zur Mittelmäßigkeit stempelt. Viele lassen sich Vieles von dem

reichen Britten gefallen, der selten in den Grenzen der feinern

Humanität bleiben soll. Für einen solchen hielt er nun auch unsern

Landsmann; dieser aber war nicht geschmeidig genug sein Klient zu

werden. Er lief und ritt und fuhr mit ihm, und lud ihn oft in sein Haus.

Der Lord fing seine gewöhnlichen Ungezogenheiten gegen ihn an; fand aber

nicht gehörigen Knechtsgeist. Einmal bat er ihn zu Tische. Der Künstler

fand eine angesehene Gesellschaft von Fremden und Römern, welcher er von

dem Lord mit vielem Bombast als ein Universalgenie, ein Erzkosmopolit,

ein Hauptjakobiner vorgestellt wurde. Jakobiner pflegt man dort, wie

fast überall, Jeden zu nennen, der nicht ganz unterthänig geduldig der

Meinung der gnädigen Herren ist, und sichs wohl gar beigehen läßt,

Unbefugnisse in dem Menschen zu finden, die er behaupten muß, wenn er

Menschenwerth haben will. Dem Künstler mußte dieser Ton mißfallen, und

ein Fremder, der es merkte, suchte ihn durch Höflichkeit aus der

peinlichen Lage zu ziehen, indem er ihn nach seinem Vaterlande fragte.

»Ei was?« fiel der Lord polternd ein; »es ist ein Mensch, der kein

Vaterland hat, ein Universalmensch der überall zu Hause ist.« »Doch,

doch, Mylord,« versetzte der Künstler, »ich habe ein Vaterland, dessen

ich mich gar nicht schäme; und ich hoffe, mein Vaterland soll sich

meiner nicht schämen: ^Sono Prussiano.^« Man sprach Italienisch.

»^Prussiano? Prussiano?^« sagte der Wirth; »^Ma mi pare che siete

ruffiano.^« Das war doch Artigkeit gegen einen Mann, den man zu Tische

gebeten hatte! Der ehrliche brave Künstler machte der Gesellschaft seine

Verbeugung, würdigte den Lord keines Blicks und verließ das Zimmer und

das Haus. Nach seiner Zurückkunft in sein eigenes Zimmer schrieb er in

gerechter Empfindlichkeit ihm ungefähr folgenden Brief.

»Mylord.

»Ganz Europa weiß, daß Sie ein alter Geck sind, an dem nichts mehr zu

bessern ist. Hätten Sie nur dreißig weniger, so würde ich von Ihnen für

Ihre ungezogene Grobheit eine Genugthuung fordern, wie sie Leute von

Ehre zu fordern berechtigt sind. Aber davor sind Sie nun gesichert. Ich

schätze Jedermann, wo ich ihn finde, ohne Rücksicht auf Stand und

Vermögen, nach dem was er selbst werth ist; und Sie sind nichts werth.

Sie haben alles was sie verdienen -- meine Verachtung.«

Der Lord hielt sich den Bauch vor Lachen über die Schnurre; er mag an

solche Auftritte gewöhnt seyn. Aber der Zeichner setzte sich hin und

fertigte das Blatt, das ich Dir gebe. Das langgestreckte Schwein, die

vollen Flaschen auf dem Sattel, die leeren zerbrochenen Flaschen unten,

das Glas, der Finger, der Krummstab, der große antike Weinkrug, der an

dem Stocke lehnt, Alles charakterisirt bitter, auch ohne Kopf und Ohren

und ohne den Vers; aber Alles ist Wahrheit. Der alte fünf und

siebenzigjährige Pfaffe läßt noch kein Mädchen ruhig.

Auch seines Lebens letzten Rest

Beschäftigt noch Lucinde;

Wenn Ihn die Sünde schon verläßt,

Verläßt er nicht die Sünde.

Der Lord erhielt Nachricht von der Zeichnung, deren Notiz in den guten

Gesellschaften in Rom herumlief, und knirschte doch mit den Zähnen. Für

so verwegen hatte er einen Menschen nicht gehalten, der weder Bänder,

noch Geld hatte. Endlich sagte er doch, nach der gewöhnlichen Regel, wo

man zu bösem Spiele gute Miene macht: »^Il s'est vengé en homme de

génie.^« Die Zeichnung bekam ich und ich trage kein Bedenken sie Dir

mitzutheilen. Für solche Delinquenten ist keine Strafe, als die

öffentliche Meinung: und warum soll die öffentliche Meinung nicht --

öffentlich seyn und öffentlich dokumentirt werden? Die Parteien sind der

Maler Reinhart und Lord Bristol. Von Bristol ist nun wohl keine

Besserung zu erwarten; aber Andere sollen nicht so werden, wie er ist:

deßwegen wird es erzählt.

_Mailand._

Von Rom hierher ging ich halb im Wagen, halb zu Fuße: im Wagen, so weit

ich mußte, zu Fuße, so weit ich konnte. Man hatte während meines

Aufenthalts in Rom auf der Straße von Florenz Courriere geplündert,

Soldaten erschossen und große Summen geraubt. Es wäre Tollkühnheit

gewesen, allein zu wallfahrten, wenn man nicht geradezu ein Bettler war,

und sich durch das ^cantabit vacuus^ sichern konnte. Ich fuhr also mit

einer Gesellschaft nach Florenz. Von Ronciglione nach Viterbo gehts am

See hinauf über den Ciminus. Auf dem Berge empfehle ich Dir die Aussicht

rechts hinüber nach dem Soratte; sie ist herrlich. Man sieht hinüber

nach Nepi und Civitacastellana, bis fast nach Otricoli, und weiter hin,

in die noch beschneiten Apenninen. Die Nebelwölkchen kräuselten sich

herrlich und bezeichneten den Lauf der Tiber. Trotz der gedrohten Gefahr

konnte ich doch nicht im Wagen bleiben, und trollte meistens zu Fuße

voraus und hinterher. Nicht weit von Viterbo begegnete uns eine

Gesellschaft, die, nach aller Beschreibung, die ich schon in Rom von

ihnen hatte, eine Karavane deutscher Künstler war, welche von Paris nach

Rom gingen. Der Wagen fuhr eben bergab sehr schnell, und ich konnte mich

nicht erkundigen.

Du kannst denken, daß ich auf Thümmels Empfehlung in Montefiascone den

Estest nicht vergaß. Er ist für mich der erste Wein der Erde; und doch

hatte ich nicht bischöfliches Blut: zwei Flaschen trank ich den Manen

unsers Landsmannes. Ich brauchte mich nicht hineinzubemühen in die

Stadt, deren Anblick auch sehr wenig einladendes hatte: der Wirth

erzählte unaufgefordert die Geschichte des seligen Herrn, und machte mir

mit der Landsmannschaft ein Kompliment. Es war gut, daß ich nicht hier

bleiben konnte; ich glaube, ich wäre Küster bei dem Bischofe geworden,

und hätte hier lernen Wein trinken. Aus dem Munde des Wirths lautete die

Grabschrift; »^Est, est, est, et propter nimium est dominus Fuggerus hic

mortuus est.^« Ob nun der Herr Bischof, der sich hier an den herrlichen

Wein in die selige Ewigkeit hinübertrank, wirklich aus unserm edeln

Geschlecht dieses Namens war, das überlasse ich den geistlichen

Diplomatikern. Ich lief rüstig vor dem Wagen her, nach Bolsena zu, am

See hin, nach Sankt Lorenz, dem Lieblingsorte Pius des Sechsten. Die

ganze Gegend um Bolsena ist romantisch. Daß unten Altlorenzo so

außerordentlich ungesund seyn soll, kann ich nicht begreifen. Daran

scheint nur die Indolenz der Einwohner Schuld zu seyn, die die

Schluchten nicht genug aushauen und bearbeiten.

Als eine Neuigkeit des Tages erzählte man hier die Geschichte von einem

Komplott in Neapel. Murat, den ich selbst noch in Neapel gesehen habe,

soll die Rädelsführer durch seine Versprechungen zur Entdeckung der

ganzen Unternehmung sehr fein überredet und sodann die ganze Liste dem

Minister überreicht haben. Weiß der Himmel, wie viel daran ist! Ganz

ohne Grund ist das Gerücht nicht. Denn schon in Rom wurde davon

gesprochen, und der König von Sardinien war aus Caserta daselbst

angelangt, wie man laut sagte, aus Furcht vor Unruhen in Neapel, und

wohnte im Palast Colonna. Die neapolitanische Regierung hatte dabei in

ihrem Ingrimm ihre gewöhnliche alte, unüberlegte Strenge gebraucht. In

Montefiascone traf ich einen Franzosen, der zwei und zwanzig Jahre in

Livorno gehandelt hatte und ein gewaltiger Royalist war. »Ich wollte

schon vor zwölf Jahren zurückgehen,« sagte er mir, »aber mein Vaterland

ist diese ganze Zeit über eine Mördergrube und ein verfluchtes Land

gewesen. Die Republikaner und Demokraten sind alle Bösewichter. Nun, da

Bonaparte wieder König ist, werde ich nach Hause gehen und mein Alter in

Ruhe genießen.« Der Mann sagte dieses alles mit den nämlichen Worten;

ich bin nur Uebersetzer.

Acquapendente an dem Flusse macht eine schöne Partie und ist für den

Kirchenstaat eine nicht unbeträchtliche Stadt. »Was das für eine

närrische Benennung der Oerter ist,« sagte ein Engländer, »Acquapendente

und Acquafiascone.« Vor Radikofani an der Grenze bei Torricelli hatte

man auch den Courrier geplündert, und ein toskanischer Dragoner war

dabei umgekommen. Siena ist ziemlich leer. Der heilige Geruch des

Erzbischofs benahm mir alle Lust, nur aus dem Wirthshause zu gehen. Es

ist der nämliche Herr, der zur Zeit Josephs des Zweiten päpstlicher

Legat in den Niederlanden war, und daselbst allem Guten sehr thätig

widerstrebte. Neuerlich in der Revolution hat er sich durch seine

heroische Unvernunft ausgezeichnet. Die Juden mochten bei Ankunft der

Franzosen den Glauben gewonnen haben, daß sie auch Menschen seien, und

sich also bürgerlich einige Menschlichkeiten erlaubt haben. Nach Abzug

der Franken hielt der christgläubige Pöbel zu Siena im Sturm über die

verruchten Israeliten Volksgericht, und führte dreizehn der Elenden

lebendig zum Scheiterhaufen. Einige muthige vernünftige Männer baten den

Erzbischof, sein Ansehn zu interponiren, damit die Abscheulichkeit nicht

ausgeführt würde. Die Energie des Glaubens aber weigerte sich standhaft

gegen die Zumuthungen der Menschlichkeit, und die Unglücklichen wurden

zum frommen Schauspiel der Christenheit lebendig gebraten. Als die

Volksexecution nach Hause zog, gab der geistliche Vater den Kindern mit

Wohlgefallen seinen Segen. Doch dieses ist in Italien noch Humanität.

Von Siena nach Florenz ist ein schöner, herrlicher Weg; und so wie man

Florenz näher kommt, wird die Kultur immer besser und endlich

vortrefflich. Von Monte Cassino, dem letzten Ort vor Florenz, ist die

schönste Abwechselung von Berg und Thal bis in die Hauptstadt. Was

Leopold für Toskana gethan hat, wird nun eilig alles wieder zerstört,

und die Mönche fangen hier ihr Regiment eben so wieder an, wie in Rom.

Der allgemeine große Wohlstand, der durch die östreichische, hier sehr

liberale, Regierung erzeugt worden war, wird indeß nicht sogleich

vertilgt. Hier sind Segen und Fleiß zusammen. Der neue König wird nicht

geachtet; jedermann sieht ihn als nicht existirend an: bloß der römische

Hof gewinnt durch seine Schwachheit Stärke. Dieser Leopold, sagt der

Nuntius, hat vieles gethan als ein ungehorsamer Sohn, das durch den

Willen des heiligen Vaters und das Ansehen der Kirche ^ipso jure^ null

ist. Du kannst denken, wie stark man sich am Vatikan fühlen und wie

schwach man die am Arno halten muß, daß man eine solche Sprache wagt.

Aber sie wissen, daß sie mit dem Herrn in Paris zusammengehen; das

erklärt und rechtfertigt vielleicht ihre Kühnheit. Die größte Anzahl

seufzt hier nach der alten Regierung; Neuerungssüchtige hoffen auf

Verbindung mit den Herren jenseits des Berges, oder gar mit den

Franzosen; die jetzige Regierung hat den kleinsten Anhang. Der König ist

nicht gemacht, ihn zu vergrößern: das hat man sehr wohl gewußt, sonst

hätte man ihn nicht zum Schattenspiel brauchen können. In der Stadt

läuft die Anekdote sehr laut herum, daß er in seinem Privattheater den

Balordo vortrefflich macht, und niemand wundert sich darüber.

Es wurde hier über Meyers Nachrichten von Bonapartes Privatleben

gesprochen; und Leclerc, der ihn doch wohl etwas näher kennen muß, soll

darüber ganz eigene Berichtigungen gemacht haben. Die Feinheit der

Kardinäle zeigte sich vorzüglich in der Papstwahl. Pius der Siebente

war, als Bischof von Imola, Bonapartes Gastfreund gewesen; auf diesen

Umstand und den individuellen Charakter des korsischen Beherrschers der

Franzosen ließ sich schon etwas bauen. Du siehst, es ist gegangen.

Vielleicht halfen die Rothhüte dem Korsen erst deutlich sein System

entwickeln. In Imola kann man gut Maskerade spielen. Der Papst und seine

Gesellen vergessen das Gebot des heiligen Anchises noch nicht, das er

seinem frommen Sohne beim Abschied aus der Hölle gab; und wo ein Mittel

nicht hilft, hilft das andere. In eine eigene Verlegenheit kamen

indessen die Herren mit der Madonna von Loretto, welche bekanntlich die

Franzosen mit sich genommen hatten. Ein Mönch kommt nach ihrer

Entfernung und sagt: Das habe ich gefürchtet, daß sie das heilige

Wunderbild wegführen würden: deßwegen habe ichs verborgen und ein

anderes dafür hingestellt: hier ist das ächte. Dieses wird nun den

Gläubigen zur Verehrung hingesetzt, ohne daß man in Rom sogleich etwas

davon erfährt. -- Ich habe es in Loretto selbst gesehen, mich aber um

die Aechtheit des einen und des andern wenig bekümmert. -- Nun

unterhandelt man in Rom über das Pariser, und die Franzosen schicken es

mit Reue zurück. Es kommt in Rom an, wo es noch stehen soll. Nun fragt

sich, welches ist das ächte? Eins ist so schlecht wie das andere, und

beide thun natürlich Wunder in die Wette!

Von den hiesigen Merkwürdigkeiten ist das Beste in Palermo: die

Mediceerin, die Familie der Niobe und die besten Bilder; wenigstens hat

man mich in dem leeren Saale so berichtet: doch hat die Gallerie immer

noch sehr interessante Sachen, vorzüglich für die Deutschen. Mit der

Mediceischen Venus ist es mir sonderbar genug gegangen. Ich wünschte

vorzüglich auf meiner Pilgerschaft das Wunderbild zu sehen, und es ist

mir nicht gelungen. In Palermo habe ich mit Sterzinger in dem nämlichen

Hause gegessen, wo oben die Schätze unter Schloß und Siegel und Wache

standen. Sie waren durchaus nicht zu sehen. Der Inspektor von Florenz,

der mit in Palermo war, hatte Hoffnung gemacht, ehe alles wieder

zurückginge, würde er die Stücke zeigen. In Rom und Neapel wußte man

öffentlich gar nicht recht, wo sie waren: denn man hatte absichtlich

ausgesprengt, das Schiff, welches alles aus Livorno nach Portici und

weiter nach Palermo schaffen sollte, sei zu Grunde gegangen, um die

Aufmerksamkeit der Franzosen abzuziehen. Es steht aber zu befürchten,

sie werden eine gute Nase haben, und sich die Dame mit ihrer

Gesellschaft nachholen. So viel ich Abgüsse davon gesehen habe, keiner

hat mich befriedigt. Sie ist, nach meiner Meinung, wohl keine himmlische

Venus, sondern ein gewöhnliches Menschenwesen, das die Begierden

vielleicht mehr reizen, als beschwichtigen kann. Mir kommt es vor, ein

Künstler hat seine schöne Geliebte zu einer Anadyomene gemacht; das Werk

ist ihm ungewöhnlich gelungen: das ist das Ganze. Ueber die Stellung

sind alle Künstler, welche Erfahrung haben, einig, daß es die

gewöhnlichste ist, in welche sich die Weiblichkeit setzt, sobald das

letzte Stückchen Gewand fällt, ohne je etwas von der Kunst gehört zu

haben. Ich selbst hatte einst ein eigenes ganz naives Beispiel davon,

das ich Dir ganz schlicht erzählen will. Der russische Hauptmann Graf

Desessarts -- Gott tröste seine Seele! er ist, wie ich höre, an dem

Versuche in Quiberon gestorben, den ich ihm nicht gerathen habe -- er

und ich, wir gingen einst in Warschau in ein Bad an der Weichsel. Dort

fanden sich, wie es zu gehen pflegt, gefällige Mädchen ein, und eine

junge, allerliebste, niedliche Sünderin von ungefähr sechszehn Jahren

brachte uns den Thee, um wahrscheinlich auch gelegentlich zu sehen, ob

Geschäfte zu machen wären. Wir waren beide etwas zu ernsthaft. »Das arme

artige Geschöpfchen dauert mich,« sagte der Graf; aber der Franzose

konnte doch seinen Charakter nicht ganz verläugnen. »^Je voudrois

pourtant la voir tout entière^,« sagte er, und machte ihr den Vorschlag

und bot viel dafür. Das Mädchen war verlegen und bekannte, daß sie für

einen Dukaten in der letzten Instanz gefällig seyn würde; aber zur Schau

wollte sie sich nicht verstehen. Mein Kamerad verstand seine Logik,

brachte mit feiner Schmeichelei ihre Eitelkeit ins Spiel, und sie gab

endlich für die doppelte Summe mit einigem Widerwillen ihr Modell.

Sobald die letzte Falte fiel, warf sie sich in die nämliche Stellung.

»^Voilà la coquine de Medicis!^« sagte der Graf. Es war ein gemeines

polnisches Mädchen mit den Geschenken der Natur, die für ihren

Hetärensold sich nur etwas reizend gekleidet hatte; eine Wissenschaft,

in der die Polinnen vielleicht den Pariserinnen noch Unterricht geben

könnten! Allemal ist mir bei einem Bilde der Aphrodite Medicis die Polin

eingefallen und meine Konjektur kam zurück: und mancher Künstler war

nicht übel Willens meiner Meinung beizutreten. Urania könnte in der

Glorie ihrer hohen siegenden Unschuld keinen Gedanken an die bedeckten

Kleinigkeiten haben, die nur ein Satyr bemerken könnte. Ihr Postament

war jetzt hier leer.

Es ist vielleicht doch auch jetzt noch keine unnütze Frage, ob Moralität

und reiner Geschmack nicht leiden durch die Aufstellung des ganz Nackten

an öffentlichen Orten. Der Künstler mag es zu seiner Vollendung

brauchen, muß es brauchen: aber mir däucht, daß Sokrates sodann seine

Grazien mit Recht bekleidete. Kabinette und Museen sind in dieser

Rücksicht keine öffentlichen Orte; denn es geht nur hin, wer Beruf hat

und wer sich schon etwas über das Gewöhnliche hebt. Sonst bin ich dem

Nackten in Gärten und auf Spaziergängen eben nicht hold, ob mir gleich

die Feigenblätter noch weniger gefallen. Empörend aber ist es für

Geschmack und Feinheit des Gefühls, wenn man in unserm Vaterlande in der

schönsten Gegend das häßlichste Bild der Aphrodite Pandemos mit den

häßlichsten Attributen zuweilen aufgestellt sieht. Das heißt die

Sittenlosigkeit auf der Straße predigen; und bloß ein tiefes Gefühl für

Freiheit und Gerechtigkeit hat mich gehindert, die schändlichen

Ausgeburten zu zertrümmern, oder in die Tiefe des nahen Flusses zu

stürzen.

Auf der Ambrosischen Bibliothek zu studiren hatte ich nicht Zeit. Die

Philologen müssen in die Bibliothek des Grafen Riccardi gehen, wo sie

für ihr Fach die besten Schätze finden. Mir war es jetzt wichtiger, in

der Kirche Santa Croce die Monumente einiger großen Männer aufzusuchen,

die sich zu Bürgern des ganzen Menschengeschlechts gemacht haben. Rechts

ist vorn das Grabmal Buonarottis, und weiter hinunter auf der nämlichen

Seite Machiavellis, und links der Denkstein Galileis. Es verwahrt wohl

kaum ein Plätzchen der Erde die Asche so vortrefflicher Männer nahe

beisammen.

Für den Antiquar und den Gelehrten ist von unserer Nation jetzt in

Florenz noch ein wichtiger Mann, der preußische Geheimerath, Baron von

Schellersheim, ein Mann von offenem, rechtlichem Charakter und vielen

feinen Kenntnissen, dem sein Vermögen erlaubt, seiner Neigung für Kunst

und Wissenschaft mehr zu opfern, als ein anderer. Er besitzt vielleicht

mehr antike Schätze, als irgend ein anderer Privatmann. Was ich bei ihm

gesehen habe, war vorzüglich eine komplette alte, römische Toilette von

Silber; ein großes, altes, silbernes, ziemlich kubisches Gefäß, welches

ein Hochzeitsgeschenk gewesen zu seyn und Hochzeitsgeschenke enthalten

zu haben scheint. Auf den vier Seiten sind von der ersten Bewerbung bis

zur Nachhauseführung die Scenen der römischen Hochzeitgebräuche

abgebildet. Dieses ist vielleicht das größte silberne Monument der alten

Kunst, das man noch hat. Ferner hat er vier silberne Sinnbilder der vier

Hauptstädte des römischen Reichs, Rom, Byzanz, Antiochia und Alexandria,

welche die Konsuln, oder vielleicht auch die andern kurulischen

Magistraturen, an den Enden der Stangen ihrer Tragsessel führten. Diese

müssen, der Geschichte nach, etwas neuer seyn. Weiter besitzt er einige

alte komplette silberne Pferdegeschirre mit Stirnstücken und

Bruststücken. Aber das Wichtigste sind seine geschnittenen Steine, unter

welchen sich mehrere von seltenem Werth finden, und seine römischen

Goldmünzen; mehrere konsularische von Pompejus an, und fast die ganze

Folge der Kaisermünzen von Julius Cäsar bis Augustulus. Hier fehlen nur

wenige wichtige Stücke. Du siehst, daß dieses eine Liebhaberei nicht für

Jedermann ist. Ich schreibe Dir dieses etwas umständlicher, weil es Dich

vielleicht interessirt und Du es noch nicht in den Büchern findest: denn

seine Sammlung ist noch nicht alt, und sie konnte nur in den

Verhältnissen des Besitzers so bald, so reich gemacht werden.

Die schönen Gegenden um Florenz zwischen den Bergen an dem Flusse auf

und ab sind bekannt genug, und Du erwartest gewiß nicht, daß ich als

Spaziergänger Dir alle die andern Merkwürdigkeiten aufführe. Das hiesige

Militär kam mir traurig vor; schöne Leute, aber ohne Wendung und

Geschicklichkeit! Zum Abschiede sah ich den Morgen noch die amalfischen

Pandekten; und die Franzosen haben sich etwas bei mir in Kredit gesetzt,

daß sie diesen Kodex nicht genommen haben; und gegen Abend wohnte ich

auf dem alten Schlosse noch einer Akademie der Georgophilen bei. Hier

hielt man eine Vorlesung über die vortheilhafteste Mischung der Erdarten

zur besten Vegetation, und sodann las einer der Herren eine Einleitung

zu einem chemisch physischen System. Zum Ende zeigte man einige seltene

neue Naturprodukte. Neben meinem Zimmer im Bären wohnte eine

französische Familie, nur durch eine dünne Wand getrennt; diese betete

den Abend über eine ganze Stunde ununterbrochen so inbrünstig und laut,

daß mir über der Andacht bange ward. Seit Ostern ist, wie ich höre,

überall das Religionswesen wieder Mode; und in Frankreich scheint Alles

durchaus nur als Mode behandelt zu werden.

Nach Bologna hatte ich mich über den Berg wieder an einen Vetturino

verdungen, und fand im Wagen einen französischen Chirurgus, der von der

Armee aus Unteritalien kam, und eine italienische Dame mit ihrem kleinen

Sohn auf dem Schooße; und endlich kam noch ein schweizerischer

Kriegskommissär mit einem furchtbar großen Säbel, der in

Handelsgeschäften seines Hauses gereis't war. Die Dame, eine Frau von

Rosenthal, deren Mann östreichischer Officier war, ging allein mit ihrem

Kinde, einem schönen sehr lieblichen Knaben von ungefähr anderthalb

Jahr, nach Venedig, um dort ihren Mann zu erwarten, der in Livorno und

anderwärts noch Dienstgeschäfte hatte. Da der Junge ein überkomplettes

Persönchen im Wagen und doch so allerliebst war, machte er die Ronde von

der Mutter zu uns allen. Die Gesellschaft lachte über meine grämliche

Personalität mit dem Kleinen auf dem Arm, und ich kam mir wirklich

selbst vor, wie der Silen im Kabinet Borghese mit dem jungen Bacchus. Du

siehst, daß ich mir gehörige Ehre wiederfahren zu lassen weiß. Die

Leutchen mußten das Nämliche meinen; denn die Gruppirung fand Beifall,

und der Junge war gern bei mir.

Der Berg von Florenz aus ist ein wahrer Garten bis fast auf die größte

Höhe. Du kannst denken, daß ich viel zu Fuße ging; der Franzose leistete

mir dann zuweilen Gesellschaft. Der Schweizer mit dem großen Säbel kam

selten aus dem Wagen. Etwas unheimisch machen es oben auf dem Bergrücken

die vielen Kreuze, welche bedeuten, daß man hier jemand todt geschlagen

hat, weil man gewöhnlich auf die Gräber Kreuze setzt. Die Römer sind in

diesem Falle etwas weniger fromm und politischer, und setzen nichts

darauf; denn sonst würde der ganze Weg bei ihnen eine Allee von Kreuzen

seyn. Ich muß Dir bekennen, daß ich von dem Kreuze gar nicht viel halte.

Warum nimmt man nicht etwas Besseres aus der Bibel? Das Emblem scheint

von der geistlichen und weltlichen Despotie in Gemeinschaft erfunden zu

seyn, und alles kühne Emporstreben der Menschennatur zur knechtischen

Geduld niederzudrücken, und diese subalterne Tugend zur höchsten

Vollkommenheit der Moral zu erheben. Wozu braucht man Gerechtigkeit,

Großmuth und Standhaftigkeit? Man predigt Geduld und Demuth. Demuth ist

nach der Etymologie Muth zu dienen, und die zweideutigste aller

Tugenden. In der alten griechischen und römischen Moral findet man diese

Tugenden nicht; und die Einführung ist eben kein Vorzug der

christlichen. Sie kann nur im Evangelium der Despoten stehen, welche sie

aber für sich selbst doch sehr entbehrlich finden. Es ist freilich auch

philosophisch besser, Unrecht leiden, als Unrecht thun; aber es gibt ein

Drittes, das vernünftiger und edler ist als beides: mit Muth und Kraft

verhindern, daß durchaus kein Unrecht geschehe. In unserm lieben

Vaterlande hat man das Kreuz zwar meistens weggenommen, aber dafür den

Galgen hingesetzt. So schlecht auch dieser ist, kommt er mir doch etwas

besser vor. Das Kreuz verhält sich zum Galgen, wie die Mönche zu den

Soldaten: die ersten sind die Instrumente und die zweiten die Handlanger

der geistlichen und weltlichen Despotie; die permanente Guillotine der

Vernunft. Christus hat gewiß seiner Religion keinen so jämmerlichen

Anstrich geben wollen, als sie nachher durch ihre unglücklichen Bonzen

bekommen hat. Freilich, wenn man den Gekreuzigten nicht an allen

Feldwegen zeigte, könnte es doch wohl der Menge einfallen, ihre

Unbefugnisse etwas näher zu untersuchen, und zu finden, daß keine

Konsequenz darin ist, sich durch den Druck des Feudalsystems und durch

das Privilegienwesen ohne Aufhören kreuzigen zu lassen. Berechnet ist es

ziemlich gut, wenn es nur gut wäre.

Bei Pietramala sah ich oben den zweideutigen Vulkan nicht, weil er zu

weit rechts hinüber in den Felsen lag, und der Wagen nicht anhalten

wollte. Nun hatten wir von den Oelbäumen Abschied genommen; auf dieser

Seite des Apennins sind sie nicht mehr zu finden. Auf der Südseite sind

Oelbäume, auf der Nordseite nach Bologna herüber Kastanien. Man kommt

nun wieder dem lieben Vaterlande näher; alles gewinnt diesseits des

Berges schon eine etwas mehr nördliche Gestalt. Mein alter gelehrter

Cicerone in Bologna hatte eine große Freude, mich glücklich wieder zu

sehen; und ich lief mit ihm so viel herum, als man in zwei Tagen laufen

konnte. Aber der Schweizer Kriegskommissär führte mich mehr in die

Kaffeehäuser, als in die Museen. Ein polnischer Hauptmann von der

Legion, der, wie ich in Mailand fand, eigentlich nur Fähnrich war, und

sich selbst einige Grade avancirt und hier geheirathet hatte, schloß

sich geflissentlich an uns an, und freute sich, mit Deutschen deutsch zu

plaudern: denn er war lange kaiserlicher Unterofficier gewesen. Der

Mensch sagte, er sei in seinem Leben kein Republikaner gewesen -- das

ließ sich von einem polnischen Edelmanne sehr leicht denken -- und er

sei nun froh, daß die H--e von Freiheit nach und nach wieder abgeschafft

werde. Man hatte eben das Wappen über dem Generalzollhause geändert, und

anstatt der Freiheit die Gerechtigkeit hingesetzt, welches eigentlich

Eins ist. Die wahre Freiheit ist nichts anders als Gerechtigkeit: nur

behüte uns der Himmel vor Freiheiten und Gerechtigkeiten! Sodann erhob

er die Tapferkeit und die Kriegszucht der Polen, von der ich selbst

Beweise hatte, und an welcher ich also nicht zweifelte.

Von allen Merkwürdigkeiten, die ich in Bologna noch zu sehen genöthigt

war, will ich Dir nur die Gallerie Sampieri erwähnen. Sie ist nicht

groß, aber köstlich. Die Plafonds sind von den drei Caracci, Hannibal,

Ludwig und August, und könnten mit Ehren in Rom unter den besten stehen.

Das schönste Stück der Sammlung, und nach Einigen die beste Arbeit von

Guido Reni, ist der reuige Petrus. Die Kunst mag allerdings dieses

Urtheil der Kenner rechtfertigen; aber mich hat weit mehr beschäftigt

die Hagar von Guercino. Dieser Künstler hat den Mythus gefaßt, wie

Rechtlichkeit und Humanität es fordern, nicht wie die leichtgläubige

Frömmigkeit ihn herbetet. Hagar ist ein schönes, herrliches, Ehrfurcht

gebietendes Weib, das in dem Gefühl seines Werths dasteht; der Vater der

Gläubigen ist ein jämmerlicher Sünder unter dem Scepter seiner

Ehehälfte, und diese kann halb versteckt ihre kleine, boshafte,

neidische Seele kaum verbergen. Nur dem Knaben Ismael wäre vielleicht

jetzt schon etwas mehr von dem kühnen Trotze zu wünschen, der ihn in der

Folge so vortheilhaft auszeichnete. Es kann mit der Volksbildung nicht

wohl weiter gedeihen, so lange man noch dieses Buch als göttliche Norm

der Moral aufdringt, und jedes Jota desselben mit Theopnevstie stempelt.

Es enthält so vielen schiefen Sinn, so viele Unsittlichkeiten in

Beispielen und Vorschriften, daß ich oft mit vieler Ueberlegung zu sagen

pflege, der Himmel möge mich vor Davids Frömmigkeit und Salomons

Weisheit behüten. Man windet sich aus Betrachtungen hierüber eben so

schlecht, wie bei der Vergebung der Sünden. Wenn man das Ganze als ein

Gewebe menschlicher Thorheiten und Tugenden, als einen Kampf der

erwachenden Vernunft mit den despotischen und hierarchischen Kniffen

nähme, so wäre das Gemälde unterhaltend genug, und als das älteste

Dokument der Menschenkunde heilig: aber wozu dieses dem Volke, das davon

nichts brauchen kann? Das Papstthum hat vielleicht keinen glücklichern

Einfall gehabt, als dem Volke dieses Buch zu entziehen; wenn man ihm nur

etwas reineres und besseres dafür gegeben hätte. Die Legenden der

Heiligen aber und die Ausgeburten des Aberglaubens aus dem Mittelalter

sind freilich noch viel schlimmer. Was den ersten heiligen Geboten der

Vernunft widerspricht, das kann kein heiliger Geist als Wahrheit

stempeln.

Von Bologna aus nahm ich meinen Tornister wieder auf die Schulter und

pilgerte durch die große schöne Ebene herüber nach Mailand. In Modena

gefiel mir's sehr wohl, ohne daß ich den erbeuteten Eimer sah. Die Stadt

ist reinlich und lebendig und lachend; die Wirthshäuser und Kaffeehäuser

sind gut und billig. Ein ganzes Dutzend Tambours schlugen den

Zapfenstreich durch die ganze Stadt, ohne daß ein einziges Bajonett

dabei gewesen wäre. In der neuen Republik ist man wenigstens überall

sicher; die Polizei ist ordentlich und wachsam, und alles bekommt ein

rechtliches Ansehen. Massena, der hier kommandirte, ergriff eine

herrliche Methode Sicherheit zu schaffen. Einige Schweizer Kaufleute

waren in der Gegend geplündert worden; der General hieß sie arretiren

und die Sache strenge untersuchen; die Angabe war richtig. Nun wurden

die Gemeinheiten, in deren Bezirke die Schurkerei geschehen war,

gezwungen das Geld zu ersetzen, und man ließ die Fremden ziehen. Ich

finde darin, wenn es durchaus mit Strenge und Genauigkeit geschieht,

keine Ungerechtigkeit. Wenn man die Räuber hübsch ordentlich henkte und

eine Kasse zur Wiedererstattung, wie die Brandkasse, anlegte, das würde

die öffentliche Sicherheit recht sehr befördern.

In Reggio lag ein polnisches Bataillon, und ein Unterofficier desselben,

der am Thore die Wache hatte und ein Anspacher war, freute sich höchlich

wieder einen preußischen Paß zu sehen, den ich mir von dem preußischen

Residenten in Rom hatte geben lassen, weil ich ihn mit Recht zu meiner

Absicht für den besten hielt.

Nun wollte ich den Abend in Parma bleiben und einen oder zwei Tage dort

ausruhen und Bodoni sehen, an den ich Briefe von Rom hatte. Aber höre,

wie schnurrig ich um das Vergnügen gebracht wurde! Am Thore wurde ich

den achten Juni mit vieler Aengstlichkeit examinirt und sodann mit einem

Gefreiten nach der Hauptwache geschickt. Ich kannte die Bocksbeutelei,

ob sie mir gleich auf meiner Wanderung hier zum ersten Mal begegnete.

Unterwegs freuete ich mich über die gutaussehenden Kaffeehäuser und saß

schon im Geist bei einer Schaale Eis: denn ich hatte einen warmen Marsch

gehabt. Die Parmesaner saßen gemüthlich dort und schienen viel Bonhommie

zu präsentiren; nur hier und da zeigte sich ein breites aufgedunsenes

Gesicht, wie ihr Käse. Auf der Hauptwache las der Officier meinen Paß,

rief einen andern Gefreiten und befahl ihm, mit mir zu gehen. Ich

glaubte, ich sollte zu dem Kommandanten gebracht werden, und hoffte

schon auf eine ähnliche Bewirthung, wie in Augusta in Sicilien. Aber der

Zug dauerte mir sehr lange; ich fragte und erfuhr nun, ich müßte zum

Thore hinaus: ich dürfte nicht in der Stadt wohnen. Es war mir gleich

aufs Herz gefallen, als ich auf dem Markte die Grenadire so schön

gepudert sah. Die Kerle trugen hinten Haarwülste, so groß wie das

Kattegat. Ich forderte, man sollte mich zum Kommandanten bringen. »^Ma,

mio caro, non posso mica^;« sagte mein Begleiter. Ich drang darauf.

»^Ma, mio caro, non sapete il servizio; questo non posso mica.^« Ich

alter Kriegsknecht mußte mir die Sottise gefallen lassen. Warum hatte

ich mich vergessen? Der Mensch hatte Recht. Wir kamen ans Thor, und ich

fragte den Officier, indem ich ihm meinen Paß wies, ob das eine humane

Art wäre, einen ehrlichen Mann zu behandeln. Er sah mich an, sagte mir

höfliche Worte und berief sich auf Befehl. Ich verlangte noch einmal,

zum Kommandanten gebracht zu werden; ich wollte hier bleiben, ich hätte

Geschäfte. Er zuckte die Schultern; ein alter Sergeant, der ein etwas

liberaleres Antlitz hatte, meinte, man könnte mich doch hinschicken; der

Officier war unschlüssig: »^Ma, mio caro, non possiamo mica^,« sagte der

Gefreite von der Hauptwache, der noch dabei stand. Der Officier sagte

mir, er könne mir jetzt nicht helfen; ich könne morgen wieder

hereinkommen und dann thun was ich wolle. Jetzt ging ich trotzig den Weg

zum Thore hinaus. Der Gefreite hätte keine bessere Charakteristik von

Parma und den Parmesanern geben können: »^Ma, mio caro, non possono

mica.^« Aergerlich und halb lachend ging ich in ein Wirthshaus eine gute

Strecke vor dem Thore. Das nenne ich mir eine aufmerksame, besorgliche

Polizei! Ich hatte mir in Reggio den Bart machen lassen, ein reines,

feines Hemd angezogen, mich geputzt und gebürstet. Ihre problematischen

Landsleute zwischen Alicate und Terra Nuova, und ihre nicht

problematischen Landsleute zwischen Gensano und Aricia hatten mir zwar

bei ihrer braven Visitation einige Schismen in Rock und Weste gebracht;

aber dessen ungeachtet hatte man noch in Bologna in guter Gesellschaft

meinen Aufzug für sehr polito erklärt. Ich zog bei dem Officier einige

Mal meine goldne Uhr und erbot mich zehn Louisd'or Kaution zu machen,

und im Passe war ich stattlich mit Signor betitelt: nichts, man

gestattete mir kein Quartir in der Stadt. Und nun denkst Du, daß ich den

andern Morgen hineinging und mich des fernen erkundigte? Das ließ ich

hübsch bleiben. Wenn ich im Himmel abgewiesen werde, komme ich nicht

wieder: diese Ehre erhalten die Parmesaner nicht. Ich aß gut und schlief

gut, und schlug den andern Morgen den Weg nach Piacenza ein. Man merkte

sogleich, daß die Leute hier in Parma noch orthodox und nicht von der

Ketzerei ihrer Nachbarn angesteckt sind; denn ich sah hier weder viele

Dolche und Schießgewehre, wie bei den Italienern jenseits der Berge. Die

Nachtigallen sangen folgenden Morgen so herrlich und so schmetternd, und

ich wunderte mich, wie sie in der Nähe eines so konfiscirten Orts noch

einen Ton anschlagen könnten. Aber sie schlugen fort, und endlich vergaß

ich das Eis, den Käse, Bodoni und Mica, und wandelte auf den Po zu. Ich

hatte in Rom ein herrliches Gemälde von dem Uebergange über den Fluß aus

dem letzten Kriege gesehen: der Künstler war hier gewesen und hatte nach

der Natur gearbeitet und ein Meisterstück der Perspektive gemacht. Jetzt

suchte ich mich zu orientiren. Der Ort ist sehr leer und öde, aber der

Fluß macht schöne Partien.

In Lodi aß ich wohl ruhiger zu Mittage, als Bonaparte, wenn ich mir

gleich nicht so viel Ruf erwarb, und konnte gemächlich den Posten

besehen, wo man geschlagen hatte. Unter andern guten Sachen traf ich

hier die schönsten Kirschen, die ich vielleicht je gegessen habe. Wenn

gleich das alte Laus Pompeji nicht gerade hier lag, so ist doch wohl der

Name daraus gemacht und der Ort daraus entstanden: wenigstens wird das

hier auf einem Marmor am Rathhause behauptet. Die Männer von Lodi müssen

ein sinnreiches Geschlecht seyn; das sah man an ihren Schildern. Unter

andern hatte ein Schuhmacher auf dem seinigen einen Genius, der sehr

geistreich das Maaß nahm.

Hier in Mailand verlasse ich nun Hesperien ganz, und bin schon längst

nicht mehr im Lande, wo die Zitronen blühn. In Rom sagte man, daß das

Erdbeben vorigen Monat den Dom von Mailand sehr beschädigt habe; es ist

aber kein Stein heruntergeworfen worden. Dieses gothische Gebäude

streitet vielleicht mit dem Münster in Straßburg um den Vorzug, ob es

gleich nicht vollendet ist, und es nun vielleicht auch nie werden wird.

In der Kapitale der italischen Republik geht alles nach gallischen

Gesetzen; und hier und dort, wie Du weißt, alles nach dem Willen des

korsischen Avtokrators. Wenn es nur gut ginge, wäre vielleicht nicht

viel dawider zu sagen. Man scheint hier der goldenen Freiheit nicht

durchaus außerordentlich hold zu seyn. Einer meiner Bekannten begleitete

mich etwas durch die Stadt und unter andern auch in die Kathedrale.

Hinter der kunstreichen Krypte des heiligen Borromeo steht in einer

Nische der geschundene heilige Bartolomeo, mit der Haut auf den

Schultern hangend. Er gilt für eine gräßlich schöne Anatomie. Der

Italiener stand und betrachtete ihn einige Minuten: »das sind _wir_,«

sagte er endlich; »die Augen hat man uns gelassen, damit wir unser Elend

sehen können.« Die Franzosen machen eine schöne Parade vor dem Pallast

der Republik; nur wird es mir schwer, die allgewaltigen Sieger in ihnen

zu erkennen, vor denen Europa gezittert hat. Das alte weitläuftige

Schloß vor der Stadt wird sehr verengt und vor demselben der Platz

Bonaparte gemacht: jetzt ist dort noch alles wüste und leer.

Vor allen Dingen besuchte ich noch das berühmte Abendmahlsgemälde von

Leonardo da Vinci in dem Kloster der heiligen Maria. Das Kloster ist

jetzt leer, und das Refektorium, wo das Gemälde an der Wand ist, war

während der Revolution, wie man sagt, einige Zeit sogar ein Pferdestall.

Das Stück ist einige Mal restaurirt. Volpato hat es zuletzt gezeichnet

und Morghen gestochen, und wahrscheinlich ist der Stich, der für ein

Meisterstück der Kunst gilt, auch bei euch schon zu haben: Du magst ihn

also sehen und urtheilen. Ich sah ihn in Rom zum ersten Mal. Auch in dem

verfallenen Zustande ist mir das Original noch weit lieber, als der

Stich, so schön auch dieser ist. Volpato ist vielleicht etwas

willkührlich bei der Kopirung zu Werke gegangen, da das Stück dem

gänzlichen Verfalle sehr nahe ist. Wir sind indessen dem Künstler Dank

schuldig für die Rettung. Ich sage nichts von dem schönen Charakter der

übrigen Jünger; mit vorzüglich feinem Urtheil hat der Maler den

Säckelmeister Judas Ischariot behandelt, damit er die ehrwürdige

Gesellschaft nicht durch zu grellen Kontrast schände. Auch der Geist des

Mannes ist nicht verfehlt. Er sitzt da, wie ein kühner, tiefsinniger,

mit sich selbst nicht ganz unzufriedener Finanzminister, der einen

großen Streich wagt; er rechnete für die Gesellschaft, nicht für sich.

Auch psychologisch ist Ischariot noch kein Bösewicht; nur ein

Unbesonnener. Ein Bösewicht hätte sich nachher nicht getödtet. Er

glaubte, der Prophet würde sich mit Ehre retten. Ich möchte freilich

nicht Judas seyn und meinen Freund auf diese Weise in Gefahr setzen;

aber vielleicht eben nur darum nicht, weil ich nicht so viel Glauben

habe, als er. -- Jetzt muß man auf einer Leiter hinuntersteigen in den

Saal, der untere Eingang ist vermauert: und nun leidet das Stück durch

feuchte, dumpfe Luft vielleicht eben so sehr, als vorher durch andere

üble Behandlung.

Hier sah ich seit der heiligen Cecilie in Palermo wieder das erste

Theater. In Neapel brachte mich Januar darum, weil acht Tage vor und

acht Tage nach seinem Feste kein Theater geöffnet wird. Ohne Spiel

wollte ich auch das Karlstheater nicht sehen. In Rom machten mir meine

Freunde eine so schlimme Schilderung von dem dortigen Theaterwesen, daß

ich gar nicht Lust bekam, eins zu suchen. Man sagt, das Haus sei hier

eben so groß, als das große in Neapel. Der Gesang war nicht

ausgezeichnet, und für das große Haus zu schwach. Man erzählte mir hier

eine Anekdote von Demoiselle Strinasacchi, die jetzt in Paris ist. Ich

gebe sie Dir, wie ich sie hörte: sie ist mir wahrscheinlich, weil uns

etwas Aehnliches mit ihr in Leipzig begegnete, nur daß weder unser

Mißfallen, noch unser Enthusiasmus so weit ging, als die italienische

Lebhaftigkeit. Die Natur hat ihr nicht die Annehmlichkeiten der Person

auf dem Theater gegeben. Bei ihrer ersten Erscheinung erschrak hier das

ganze Haus so sehr vor ihrer Gestalt und gerieth so in Unwillen, daß man

sie durchaus nicht wollte singen lassen. Der Direktor mußte erscheinen

und es sich als eine große Gefälligkeit für sich selbst erbitten, daß

man ihr nur eine einzige Scene erlaubte, dann möchte man verurtheilen,

wenn man wollte. Die Wirkung war vorauszusehen; man war beschämt und

ging nun in einen rauschenden Enthusiasmus über: und nach Endigung des

Stücks spannte man die Pferde vom Wagen und fuhr die Sängerin durch

einen großen Theil der Stadt nach Hause. Es wäre eine psychologisch

nicht unwichtige Frage, das aufrichtige Bekenntniß der Weiber zu hören,

ob sie das Zweite für das Erste erkaufen wollten. Die Heldin selbst hat

keine Stimme mehr über die Sache.

Das Ballet war schottisch und sehr militärisch. Man arbeitete mit einer

großen Menge Gewehr und sogar mit Kanonen: und das Ganze machte sich auf

dem großen Raume sehr gut. Der Charaktertanz war aber mangelhaft,

vorzüglich bei der Mutter. Man hatte gute Springer, aber keine Tänzer;

ein gewöhnlicher Fehler, wo das Ganze nicht mit Einer Seele arbeitet!

Ich habe nie wieder so gute Pantomime gesehen, als in Warschau aus der

Schule des Königs Poniatowsky. An ihm ist ein großer Balletmeister

verloren gegangen und ein schlechter König gewonnen worden.

In Rom hatte ich einige Höflichkeitsaufträge an den General Dombrowsky

erhalten, und er nahm mich mit vieler Freundlichkeit auf und lud mich

mit nordischer Gastfreiheit auf die ganze Zeit meines Hierseyns an

seinen Tisch. Hier fand ich mit ihm und andern von Polen aus Berührung.

Ich hatte ihn einige Mal in Suwarows Hauptquartire gesehen; und er hatte

von seinem ersten Dienst unser Vaterland Sachsen noch sehr lieb. Er ist

einer von den heutigen Generalen, die die meiste Wissenschaft ihres

Faches haben; und Du findest bei ihm Bücher und Charten, die Du

vielleicht an vielen andern Orten vergebens suchst. Er ist ein sehr

freier, strenger Beurtheiler militärischer Zeichnungen, fordert das

Wesentliche und bekümmert sich nicht um zierliche Kleinigkeiten. Er hat

eine schöne Sammlung guter Kupferstiche von den Köpfen großer Männer;

besonders ist darunter ein Gustav Adolph, der sehr alt und

charakteristisch ist, und auf den er viel hält. Eine Anekdote aus diesem

nur geendigten Kriege wird Dir vielleicht nicht unangenehm seyn.

Dombrowsky liebte Schillers dreißigjährigen Krieg und trug ihn in seinen

Feldzügen in der Tasche. Bei Trebbia oder Novi schlug eine Kugel gerade

auf den Ort, wo unten das Buch lag, und dadurch wurde ihm wahrscheinlich

das Leben gerettet. Ich habe das durchschlagene Exemplar selbst in Rom

gesehen, wo er es einem Freunde zum Andenken geschenkt hat, und die

Erzählung aus dem eigenen Munde des Generals. Er sagte mir lachend:

»Schiller hat mich gerettet, aber er ist vielleicht auch Schuld an der

Gefahr: denn die Kugel hat eine Unwahrheit herausgeschlagen. Es stand

dort: die Polen haben bei Lützen gefochten; das ist nicht wahr; es waren

Kroaten. Die Polen haben nie für Geld geschlagen; selbst jetzt schlugen

wir noch für unser Vaterland; ob es gleich nunmehr unwiderbringlich

verloren ist.« Das gab etwas Sichtung der vergangenen Politik. Ich

meinte, es wäre vorauszusehen gewesen, daß für Polen keine Rettung mehr

war. Die Franzosen würden sich in ihrer noch kritischen Lage nicht der

ganzen Wirkung der furchtbaren Tripleallianz bloßstellen, um ein

Zwitterding von Republik wieder zu etabliren, an deren Existenz sie nun

gar kein Interesse mehr hatten. Eifersucht zwischen den großen,

mächtigen Nachbarn ist wahrscheinlich und ihnen vortheilhaft. Wenn die

Polen noch unter einem einzigen Herrn wären, so ließe sich durch eben

diese Eifersucht noch Rettung denken. Das schienen sie vorher selbst zu

fühlen, und thaten, da die Katastrophe nun einmal herbeigeführt war,

hier und da etwas, um nur unter Einen Herrn zu kommen. Ich weiß selbst,

daß ich als russischer Officier in Posen vor der Hauptwache vor den

preußischen Kanonen von einem Dutzend junger Polen belagert wurde, die

mir's nahe an's Herz legten, daß doch die Kaiserin sie alle nehmen

möchte; sie sollte ihnen nur einige Bataillone Hülfe schicken, so

wollten sie die Preußen zurückschlagen. Sie brachten eine Menge

scheinbare Gründe, warum sie lieber russische Unterthanen zu seyn

wünschten; aber die wahren verbargen sie gewiß. Sie dachten unstreitig:

bleiben wir nur beisammen, so können wir durch irgend eine Konjunktur

bald wieder politische Existenz gewinnen. -- Der General fand die

Schlußfolge ziemlich bündig, sagte aber, ein Patriot dürfe und müsse

auch die letzte schwache Hoffnung für sein Vaterland versuchen. Das ist

brav und edel.

Die Polen haben hier noch ganz ihre alte Organisation und tragen ihre

alten Abzeichen, so daß man die alten Officiere noch für Sachsen halten

könnte. Der Mangel im Kriege muß in Italien zuweilen hoch gestiegen

seyn; denn es wurde erzählt, daß einmal die Portion des Soldaten auf

acht Kastanien und vier Frösche reducirt gewesen sei. Die Zufriedenheit

wird gegenseitig mit einer ganz eigenen Art militärisch drolliger

Vertraulichkeit geäußert. So sagten die Franzosen von den Polen: »^Ah,

ce sont de braves coquins; ils mangent comme les loups, boivent

diablement, et se battent comme les lions.^« Die polnischen Officiere

konnten den französischen Soldaten nicht Lob genug ertheilen über ihren

Muth, ihre Unverdrossenheit und ihren pünktlichen Gehorsam. Wo die

Franzosen nicht durchdrangen: waren gewiß alle Mal ihre Anführer Schuld

daran. Es wurde behauptet, daß das polnische Corps bei der letzten

Musterung noch 15000 Mann stark gewesen sei; und jetzt wird eben in

Livorno ein Theil davon nach Sankt Domingo eingeschifft. Es hat das

Ansehen, als ob Bonaparte alle Truppen, die ihm zu seinen Absichten in

Europa als etwas undienstlich vorkommen, auf diese gute kluge Weise

fortzuschaffen suche, welches man auch hier und da zu merken scheint.

Auch werden die Unruhen dort vielleicht geflissentlich nicht so schnell

gedämpft, als wohl sonst die französische Energie vermöchte.

Die freundliche Aufnahme des Generals hielt mich mehrere Tage länger

hier, als ich zu bleiben gesonnen war; und in den Mußestunden lese ich

mit viel Genuß Wielands Oberon, den mir ein Landsmann brachte. Die

ersten Tage hatte man mich im Wirthshause mit einem gewissen Mißtrauen

wie einen gewöhnlichen Tornisterträger behandelt; da ich aber täglich

zum General ging, feine Hemden in die Wäsche gab, artige Leute zum

Besuch auf meinem Zimmer empfing, und vorzüglich wohl, da ich einige

schwere Goldstücke wechseln ließ, ward das ganze Haus vom Prinzipal bis

zum letzten Stubenfeger ungewöhnlich artig. Noch muß ich Dir bemerken,

daß ich in Mailand von ganz Italien nach meinem Geschmack die schönsten

Weiber gefunden habe: auch den Corso in Rom nicht ausgenommen. Ich

urtheile nach den Promenaden, die hier sehr volkreich sind, und nach den

Schauspielen. Hier im Hause hatte ich nun vermuthlich, wie in Italien

oft, das Unglück, für einen reichen Sonderling zu gelten, den man nach

seiner Weise behandeln müsse. Ich mochte in Unteritalien und Sicilien

oft protestiren, so viel ich wollte, und meine Deutschheit behaupten, so

war ich ^Signor Inglese^ und ^Eccellenza^; und man machte die Rechnung

darnach. So etwas mochte man auch nach verjüngten Maßstabe in Mailand

denken. Die Industrie ist mancherlei. Ich saß an einem Sonntag Morgens

recht ruhig in meinem Zimmer, und las wirklich zufällig etwas in den

Libertinagen Katulls; da klopfte es und auf meinen Ruf trat ein Mädchen

ins Zimmer, das die sechste Bitte auch ohne Katull stark genug

dargestellt hätte. Die junge, schöne Sünderin schien ihre Erscheinung

mit den feinsten Hetärenkünsten berechnet zu haben. Ich will durch ihre

Beschreibung mein Verdienst weder als Stylist, noch als Philosoph zu

erhöhen suchen. »^Signore, comanda qualche cosa?^« fragte sie in

lieblich lispelndem Ton, indem sie die niedliche Hand an einem Körbchen

spielen ließ und Miene machte es zu öffnen. Ich sah sie etwas betroffen

an und brauchte einige Augenblicke, ehe ich etwas unschlüssig »^No^«

antwortete. »^Niente?^« fragte sie, und der Teufel muß ihr im Ton

Unterricht gegeben haben. Ich warf den Katull ins Fenster und war höchst

wahrscheinlich im Begriff, eine Sottise zu sagen, oder zu begehen, als

mir schnell die ernstere Philosophie still eine Ohrfeige gab.

»^Niente^,« brummte ich grämelnd, halb mit mir selbst im Zwist; und die

Versucherin nahm mit unbeschreiblicher Grazie Abschied. Wer weiß, ob ich

nicht das Körbchen etwas näher untersucht hätte, wenn die Teufelin zum

drittenmal mit der nämlichen Stimme gefragt hätte, ob gar nichts

gefiele. So war die Sache, mein Freund; und wäre sie anders gewesen, so

bin ich nicht so engbrüstig und könnte sie Dir anders, oder gar nicht

erzählt haben. Ich ging also nur leidlich mit mir selbst zufrieden zum

General.

_Zürich._

Nun bin ich bei den Helvetiern und fast wieder im deutschen Vaterlande,

und bereite mich, in einigen Tagen einen kleinen Abstecher zu den

Galliern zu machen. Viel Erbauliches wird nach allen Aspekten dort jetzt

füglich nicht zu sehen und zu hören seyn: indessen da ich einmal in

Bewegung bin, will ich doch an die Seine hinunterwandeln. Wenn ich

wieder fest sitze, möchte es etwas schwer halten.

Den vierzehnten Juni ging ich aus Mailand und ging diesen Tag herüber

nach Sesto am Ticino, den ich nicht für so beträchtlich gehalten hätte,

als ich ihn fand. In der Gegend von Mailand war schon eine Menge

Getreide geerntet und Alles war in voller Arbeit; und als ich über den

Berg herüberkam, fing das Korn nach Altdorf herunter eben erst an zu

schossen: das ist merklicher Kontrast. Die größte Wohlthat war mir nun

wieder das schöne Wasser, das ich überall fand. Von Mailand hatte ich

die beschneiten Alpen mit Vergnügen gesehen und nun nahte ich mich ihnen

mit jedem Schritte, und kam bald selbst hinein. Von Sesto aus fuhr ich

auf dem Tessino und dem Lago maggiore herauf, bloß um die schöne Gegend

zu genießen, die wirklich herrlich ist. Ich kam aus Unteritalien und

Sicilien, und gab mir also keine große Mühe, die Borromeischen Inseln in

der Nähe zu sehen, da mein Schiffer mir sagte, es würde mich einen Tag

mehr und also wohl zwei Dukaten mehr kosten. Ich sah also bei Varone

links an der Anhöhe den gigantischen heiligen Karl Borromeo aus der

Ferne, und fuhr dann sowohl bei der schönen Insel, als bei der

Mutterinsel vorbei. Man hätte mir höchst wahrscheinlich dort nur

Orangengärten gezeigt, die ich in Unteritalien besser gesehen habe, und

hätte mir gesagt, hier hat Joseph, hier Maria Theresia und hier

Bonaparte geschlafen. Das wäre mir denn zusammen kaum so wichtig

gewesen, als da mich der Kastellan von dem Schlosse zu Weißenfels

belehrte, hier in diesem Bette schlief Friedrich der Zweite nach der

Schlacht bei Roßbach. Die Fruchtbarkeit an dem See ist hier zuweilen

außerordentlich groß, und wo die Gegend von den rauheren Winden

geschützt wird, findet man hier Früchte, die man in der ganzen Lombardei

umsonst sucht. Man sieht noch recht schöne Oelbäume, die man diesseits

der Apenninen nur selten findet, und sogar indische Feigen in der freien

Luft. Ich schlief am Ende des Sees in Magadino, wo der obere Tessin

hineinfällt, in einem leidlichen Hause, schon zwischen rauhen Bergen.

Den andern Morgen trat ich den Gang an dem Flusse herauf über Belinzona

an, der mich nach einigen Tagen über den Gotthard herüber brachte. Zwei

Tage ging ich am Flusse immer bergauf. Die Hitze war unten in der

Schlucht ziemlich drückend, bis nach Sankt Veit, wo man, ich glaube zum

Frohnleichnamsfeste einen Jahrmarkt hielt, der mir besser gefiel, als

der Ostermarkt in Palermo, obgleich für mich weiter nichts da war, als

Kirschen. Den ersten Abend blieb ich in einem kleinen Orte, dessen Name

mir entfallen ist. Der Tessin stürzte unter meinem Fenster durch die

Felsen hinunter; gegenüber lag am Abhange ein Kloster, und hinter

demselben erhob sich eine furchtbar hohe Alpe in schroffen Felsenmassen,

deren Scheitel jetzt, fast zu Johannis, mit Schnee bedeckt war. Die

Bewirthung war besser, als ich sie in diesen Klüften erwartet hätte;

vorzüglich waren die Forellen aus dem Tessin köstlich. Die Leute

schienen viel ursprüngliche Güte zu haben. Mein größter Genuß waren

überall die Alpenquellen, vor denen ich selten vorbeiging, ohne zu ruhen

und zu trinken, wenn auch beides nicht nöthig war, und in den Schluchten

um mich her zu blicken, und vorwärts und rückwärts die Gegenstände fest

zu halten. Jetzt schmolz eben der Schnee auf den Höhen der Berge, und

oft hatte ich vier bis sechs Wasserfälle vor den Augen, die sich von den

nackten Häuptern der Alpen in hundert Brechungen herabstürzten, und von

denen der kleinste doch immer eine sehr starke Wassersäule gab. Der

Tessin macht auf dieser Seite schönere Partien, als die Reuß auf der

deutschen; und nichts muß überraschender seyn, als hier hinauf und dort

hinunter zu steigen. Ayrolles war mein zweites Nachtlager. Hier sprach

man im Hause Deutsch, Italienisch und Französisch fast gleich fertig,

und der Wirth machte mit seiner Familie einen sehr artigen Zirkel, in

dem ich sogleich heimisch war. Suworow hatte einige Zeit bei ihm

gestanden, und wir hatten beide sogleich einen Berührungspunkt. Er war

ganz voll Enthusiasmus für den alten General, und rühmte vorzüglich

seine Freundlichkeit und Humanität, welches vielleicht Vielen etwas

sonderbar und verdächtig vorkommen wird. Aber ich sehe nicht ein, was

den Wirth in Ayrolles oben am Gotthardt bestimmen sollte, eine Sache zu

sagen, die er nicht sah. Suworow war nicht der einzige General, der ihm

im Kriege die Ehre angethan hatte, bei ihm zu seyn: er zeichnete sie

alle, wie er sie gefunden hatte. Mehrere davon sind allgemein bekannt.

Ich habe das zweideutige Glück gehabt, für den Enkomiasten des alten

Suworow zu gelten, und ich suchte doch nur seinen wahren Charakter zu

retten und einige Phänomene zu erklären, die ihm zur Last gelegt werden.

In Prag hat er zu einem häßlichen Gemälde gesessen. Der Löwe ist todt

und nun wird zugeschlagen. Ich weiß sehr wohl, daß das ganze Leben

dieses Mannes eine Kette von Eigenheiten war; aber wenn man seine

Nichtfreunde in Prag und Wien hörte, wäre er ein ausgemachter alter,

mürrischer Geck von einem weggeworfenen Charakter gewesen; und der war

er doch gewiß nicht. Sonderbarkeit war überhaupt sein Stempel: und in

Prag war er in einer eigenen Stimmung gegen ihn. Die politischen

Verhältnisse lassen vermuthen, in welcher peinlichen Lage er damals von

allen Seiten sich befand. Weder sein eigener Monarch, noch der

östreichische Hof waren mit seinem Betragen zufrieden. Er hatte ohne

Schonung über Fehler aller Art und ohne Rücksicht der Personen

gesprochen. Er war alt und kränklich und sah dem Ende seines Lebens

entgegen. Seine Grillen konnten unter diesen Umständen sich nicht

vermindern. Die Ungezogenheiten einiger seiner Untergebenen wurden

wahrscheinlich ihm zur Last gelegt; und er selbst war freilich nicht der

Mann, der durch schöne Humanität und Grazie des Lebens immer seinen

Charakter hätte empfehlen können. Seines Werthes sich bewußt, fest

rechtlicher Mann, aber eisern consequenter Soldat, war er voll

Eigenheiten, von denen viele, wie Bizarrerien und Marotten aussahen; war

äußerst strenge gegen sich und sodann auch in seinen Forderungen gegen

Andere, und sprach skoptisch und sarkastisch über Alles. Seine

Bigotterie war sehr wohl berechnet, und unstreitig nicht so tadelhaft,

als sie an der Seine gewesen wäre; aber auch in diesem Stücke

verläugnete ihn sein eigener Charakter nicht und gab ihr ein Ansehen von

Possirlichkeit. Er soll in Prag eine schmutzige Filzerei gezeigt haben,

weggefahren seyn, ohne einen Kreuzer zu bezahlen, und nichts, als einen

alten Nachttopf zurückgelassen haben, den man als eine Reliquie ganz

eigener Art aufbewahrt. Dies ist nun gewiß wieder ein barockes

Quidproquo: denn Geiz war so wenig in seinem Charakter, als prahlerische

Verschwendung. Wenn ich diese Dinge nicht von wahrhaften Leuten hätte,

würde ich nur den Kopf schütteln und sie zu den lächerlichen Erfindungen

des Tages setzen. Aber man muß auch den Teufel nicht schwärzer machen,

als er ist; und ich bin fest überzeugt, daß Suworow durchaus ein

ehrlicher Mann und kein Wüthrich war, wenn er auch eine starke Dose

Excentricität hatte, und mit der Welt im Privatleben oft Komödie

spielte, so wie man seine Energie im öffentlichen zu lauter

Trauerspielen brauchte. Du weißt, daß ich dem Manne durchaus nichts zu

danken habe, und kannst also in meinen Aeußerungen nichts, als meine

ehrliche Meinung finden. Wenn wir einigen Engländern glauben wollen, die

durch ihren persönlichen Charakter ihre Glaubwürdigkeit nicht verwirkt

haben, so ist der Nordländer Suworow, wenn auch Alles wahr war, was von

ihm erzählt wird, immer noch ein Muster der Humanität gegen den Helden

des Tages, Bonaparte, der auf seinen morgenländischen Feldzügen die

Gefangenen zu Tausenden niederkartätschen ließ.

Hier oben behauptete man, wenn Suworow Zeit gehabt hätte, nur noch

sechstausend Mann über den Berg hinüber nach Zürich zu werfen, so wäre

die Schlacht eben so fürchterlich gegen die Franzosen ausgefallen, wie

nun gegen die Russen. Alle Franzosen, mit denen ich über die Geschichte

gesprochen habe, gestehen das Nämliche ein, und sagen, bloß die

Entfernung des Erzherzogs, der in die Falle des falschen Manövers am

Unterrhein ging, sei die Ursache ihres Glücks gewesen; und sie bekennen,

daß sie im ganzen Kriege meistens nur durch die Fehler der Gegner

gewonnen haben. Hier in Zürich habe ich rund umher mich nach dem

Betragen der Russen erkundigt, und man giebt ihnen überall das Zeugniß

einer guten Aufführung, die man doch anderwärts als abscheulich

geschildert hat. Man beklagt sich weit mehr über die Franzosen, deren

Art Krieg zu führen dem Lande entsetzlich drückend seyn muß, da sie

selten Magazine bei sich haben, und nur zusammentreiben was möglich ist.

Das geht einmal und zweimal, das drittemal muß es gefährlich werden,

welches die Schlauköpfe auch sehr wohl wissen. Sie berechnen nur klug;

Humanität ist ihnen sehr subalterner Zweck. Dieses ist einigen Generalen

und Kommissären, und nicht der ganzen Nation zuzurechnen.

Ayrolles ist der letzte italienische Ort, und diesseits des Berges in

Sankt Ursel ist man wieder bei den Deutschen. Zwei Tage war ich

beständig bergauf gegangen; Du kannst also denken, daß der Ort schon auf

einer beträchtlichen Höhe steht. Rund umher sind Schneegebirge, und der

Tessin bricht rauschend von den verschiedenen Abtheilungen des Berges

herab. Ich schlief unter einem Gewitter ein; ein majestätisches

Schauspiel hier in den Schluchten der höchsten Alpen. Der Donner brach

sich an den hohen Felsenschädeln, und rollte sodann furchtbar in das

Thal hinunter, durch das ich heraufgekommen war. Ein solches Echo hörst

Du freilich nicht auf der Ebene von Lützen.

In dem Wirthshause zu Ayrolles saß ein armer Teufel, der sich leise

beklagte, daß seine Börse ihm keine Suppe erlaubte. Du kannst denken,

daß ich ihm zur Suppe auch noch ein Stückchen Rindfleisch schaffte; denn

ich habe nun einmal die Schwachheit, daß es mir nicht schmeckt, wenn

Andere in meiner Nähe hungern. Er war ein ziemlich alter wandernder

Schneider aus Konstanz, der, wie er sagte, nach Genua gehen wollte,

einen Bruder aufzusuchen. Er hörte aber überall so viel von der

Theuerung und der Unsicherheit in Italien, daß er lieber wieder zurück

über die Alpen wollte, und erbot sich, mir meinen Reisesack zu tragen.

Ich sagte ihm, ich wollte auf seine Entschließung durchaus keinen

Einfluß haben, er müßte seine Umstände am besten wissen, ich wäre

gewohnt meinen Sack selbst zu tragen. Er wollte aber bestimmt wieder

zurück, und ich trug nun kein Bedenken, ihn meinen Tornister umhängen zu

lassen. Wir stiegen also den kommenden Morgen, den achtzehnten Juni,

rüstig den Gotthardt hinauf. Es war nach dem Gewitter sehr schlechtes

Wetter, kalt und windig, und in den obern Schluchten konnte man vor

Nebel, und noch weiter hinauf vor Schneegestöber, durchaus nichts sehen;

links und rechts blickten die beschneiten Gipfel aus der Dunkelheit des

Sturms drohend herunter. Nach zwei starken Stunden hatten wir uns auf

die obere Fläche hinaufgearbeitet, wo das Kloster und das Wirthshaus

steht, und wo man im vorigen Kriege geschlagen hat. Das erste liegt

jetzt noch wüst, und der Schnee ist von innen hoch an den Wänden

aufgeschichtet; das Wirthshaus ist ziemlich wieder hergestellt, und man

hat schon wieder leidliche Bequemlichkeit. Es muß eine herkulische

Arbeit gewesen seyn, hier nur kleine Artilleriestücke heraufzubringen,

und es war wohl nur in den wärmsten Sommermonaten möglich. Der Schnee

liegt noch jetzt auf dem Wege sehr hoch, und ich fiel einigemal bis an

die Brust durch. Den höchsten Gipfel des Berges zu ersteigen würde mir

zu nichts gefrommt haben, da man im Nebel kaum zwanzig Schritte sehen

konnte. Es ist vielleicht in den Annalen der Menschheit aus diesem

Kriege ein neues Phänomen, daß man ihn hier zuerst über Wolken und

Ungewitter herauftrug: ^coelum ipsum petimus stultitia^. Das Wasser auf

der obersten Fläche des Berges hat einen ziemlichen Umfang; denn es

gießt sich rund umher die Ausbeute des Regens und Schnees von den

höchsten Felsen in den See, aus dem sodann die Flüsse von mehreren

Seiten hinabrauschen. Es müßte das größte Vergnügen seyn, einige Jahre

nach einander Alpenwanderungen machen zu können. Welche Verschiedenheit

der Gemälde hat nicht allein der Gotthardt? Kornfelder wogen um seine

Füße, Heerden weiden um seine Kniee, Wälder umgürten seine Lenden, wo

das Wild durch die Schluchten stürzt; Ungewitter donnern um seine

Schultern, von denen die Flüsse nach allen Meeren herabstürmen, und das

Haupt des Adula schwimmt in Sonnenstrahlen. Das gestrige Gewitter mochte

vielleicht Ursache des heutigen schrecklichen Wetters seyn: doch war die

Veränderung so schnell, daß in einer Viertelstunde manchmal dicker

Nebel, Sturm, Schneegestöber, Regen und Sonnenschein war, und sich die

Wolken schon wieder von Neuem durch die Schluchten drängten. Als ich

oben gefrühstückt hatte, ging ich nun auf der deutschen Seite über Sankt

Ursel, durch das Ursler Loch und über die Teufelsbrücke herab. Denke Dir

das Teufelswetter zu der Teufelsbrücke, wo ich links und rechts kaum

einige Klaftern an den Felsen in die Höhe sehen konnte, und Du wirst

finden, daß es eine Teufelspartie war: ich möchte aber doch ihre

Reminiscenz nicht gern missen. Als wir weiter herabkamen ward das Wetter

heiter und freundlich, und nur einige Schluchten in den furchtbaren

Schwarzwäldern waren noch hoch mit Schnee gefüllt, und die Spitzen der

Berge weiß. Mein Schneider von Konstanz erzählte mir Manches aus seinem

Lebenslaufe, der eben nicht der beste war, wovon aber der Mensch gar

keine Ahnung zu haben schien. Sehr naiv machte er den Anfang mit dem

Bekenntniß, daß er in seinem ganzen Leben nicht gearbeitet habe, und nun

in seinem achtundvierzigsten Jahre nicht erst anfangen werde. -- »So,

so, das ist erbaulich; und was hat Er denn gethan?« -- »Ich habe

gedient.« -- »Besser ist arbeiten als dienen.« -- Nun erzählte er mir,

wo er überall gewesen war: da war denn meine Personalität eine Hausunke

gegen den Herrn Hipperling von Konstanz. Er kannte die Boulevards

besser, als seine Hölle, und hatte alle Weinhäuser von Neapel diesseits

und jenseits der Grotte versucht. Zuerst war er kaiserlicher Grenadier

gewesen, dann Reitknecht in Frankreich, dann Kanonir in Neapel und

zuletzt Mönch in Korsika. Er fluchte sehr orthodox gegen die Franzosen,

die ihm seine Klosterglückseligkeit geraubt hatten, weil sie die Nester

zerstörten. Jetzt machte er Miene, mit mir wieder nach Paris zu gehen.

Ich gab ihm meinen Beifall über seine ewige unstäte Landläuferei nicht

zu erkennen, und er selbst schien zu fühlen, er hätte doch wohl besser

gethan, sich treulich an Nadel und Fingerhut zu halten. Wir schlenderten

eine hübsche Partie ab, da wir in einem Tage von Ayrolles den Berg

herüber bis herab über Altorf nach Flüren am See gingen. Altorf, das vor

einigen Jahren durch den Blitz entzündet wurde und fast ganz abbrannte,

wird jetzt recht schön, aber eben so unordentlich wieder aufgebauet. Die

Berggegend sollte doch wohl etwas mehr Symetrie erlauben. Eine Stunde

jenseit Altorf war das Wasser sehr heftig aus den Bergen

heruntergeschossen und konnte nicht schnell genug den Weg in die Reuß

finden, so daß wir eine Viertelstunde ziemlich bis an den Gürtel auf der

Straße im Wasser waden mußten. Es war kein Ausweg. Den andern Morgen

nahm ich ein Boot herüber nach Luzern, ohne weiter den Ort besehen zu

haben, wo Tell den Apfel abgeschossen hatte. Nicht weit von der Abfahrt

stürzt rechts ein Wasserfall von sehr hohen Felsen herab, nicht weit von

Tells Kapelle, und man erzählte mir, daß oben in den Alpen ein

beträchtlicher See von dem Wasser der noch höhern Berge wäre, der hier

herabflösse. Schade, daß man nicht Zeit hat, hinaufzuklettern; die

Partie sieht von unten aus schon sehr romantisch, und oben muß man eine

der herrlichsten Aussichten nach der Reuß und dem Waldstädtersee haben.

Die Fahrt ist bekannt, und Du findest sie in den meisten

Schweizerreisen. In dem seligen Republikchen Gersau frühstückten wir,

und die Herren beklagten sich bitter, daß ihnen die Franzosen ihre

geliebte Autonomie genommen hatten. Die ganze Fahrt auf dem Wasser herab

bis nach Luzern ist eine der schönsten; links und rechts liegen die

kleinen Kantone, und höher die Schneealpen, in welche man zuweilen weit

weit hineinsieht. Der Pilatusberg vor Luzern ist nur ein Zwerg, der den

Vorhof der Riesen bewacht. In Luzern fand ich im Wirthshause unter der

guten Gesellschaft einige Freunde von Johannes Müller, die mit vieler

Wärme von ihm sprachen. Nachdem ich die Brücken und den Fluß beschaut

hatte, ging ich zum General Pfeiffer, um seine wächserne Schweiz zu

sehen. Die Sache ist bekannt genug, aber kein so unnützes Spielwerk, wie

wohl Einige glauben. Der Mann hat mit Liebe viele schöne Jahre seines

Lebens daran gearbeitet, und mit einer Genauigkeit, wie vielleicht nur

wenig militärische Charten gemacht werden. Die Franzosen haben das auch

gefühlt, und Lecourbe, gegen den der alte General zuerst eine

entschiedene Abneigung zeigte, wußte durch seine Geschmeidigkeit endlich

den guten Willen des Greises so zu gewinnen, daß er sich nun als seinen

Schüler ansehen konnte. Die Schule hat ihm genützt; und es wird

allgemein nicht ohne Grund behauptet, er würde den Krieg in den Bergen

nicht so vortheilhaft geführt haben, ohne des Alten Unterricht. Die

Wachsarbeit ist bekannt: es ist Schade, daß ihm die Jahre nicht

erlauben, das Uebrige zu vollenden. Dieser Krieg hat die Bergbewohner in

Erstaunen gesetzt: man hat sich in ihrem Lande in Gegenden geschlagen,

die man durchaus für unzugänglich hielt. Die Feinde haben Wege gemacht,

die nur ihre Gemsenjäger vorher machten; vorzüglich die Russen und die

Franzosen. Man hat sich auf einmal überzeugt, daß die Schweiz bisher nur

vorzüglich durch die Eifersucht der großen Nachbarn ihr politisches

Daseyn hatte. Die Russen und Franzosen kamen auf Pfaden in das Murter

Thal, die man nur für Steinböcke gangbar hielt. Die Katholicität scheint

hier sehr gemäßigt und freundlich zu seyn. Das Merkwürdigste für mich

war noch, daß mir der Kellner im Gasthofe erzählte, man habe in dem See

zweiunddreißig Sorten Forellen, so daß man also bei der kleinsten

Wendung der Windrose eine andere Sorte hat. Diejenigen, welche man mir

gab, hätten einen Apicius in Entzücken setzen können; und ich rathe Dir,

wenn Du hierher kommst, Dich an die Forellen zu halten, wenn Du gleich

nicht alle Sorten des Kellners finden solltest.

Von Luzern ließ ich mich auf dem Wasser wieder zurückrudern, durch die

Bucht links, ging über den kleinen Bergrücken herab an den Zuger See,

setzte mich wieder ein, und ließ mich nach Zug bringen. Wäre ich etwas

frömmer gewesen, so wäre ich rechts fort zur heiligen Mutter von

Einsiedel gegangen. Auf dem Bergrücken zwischen diesen beiden Seen steht

die bekannte andere Kapelle Tells mit der schönen Poesie. Alles ist sehr

gut und sehr patriotisch; aber ich fürchte, nicht sehr wahr: denn wenn

auch die Schweizer noch die Alten wären, würden sie sich doch in diesen

Konjunkturen schwerlich retten. Man nimmt die größeren fruchtbaren

Kantons und läßt die Alpenjäger jagen und hungern; sie werden schon

kommen und bitten. Bloß die Eifersucht gegen Oestreich gab der Schweiz

Existenz und Dauer.

Von Zug aus nahm ich meinen Tornister selbst wieder auf den Rücken. Der

Schneider sah einige Minuten verblüfft, brummte und bemerkte sodann ich

müsse doch sehr furchtsam seyn, daß ich ihm meinen Reisesack nicht

anvertrauen wolle. Ich machte ihm begreiflich, daß hier zwischen Zug und

Zürich gar nichts zu fürchten sei, daß mich allenfalls mein Knotenstock

gegen ihn schütze, daß ich ihm aber keine Verbindlichkeit weiter haben

wolle: seine Gesellschaft sei mir auch zu theuer, er sei unbescheiden

und fast unverschämt; ich wolle weiter nichts für ihn bezahlen. Dabei

erklärte ich ihm, daß ich in Luzern für meine eigne Rechnung

vierunddreißig Batzen, und für die seinige sechsunddreißig bezahlt habe;

das stehe mir nicht an. Er entschuldigte sich, er habe einen Landsmann

gefunden und mit ihm etwas getrunken, und der Wirth habe zu viel

angeschrieben. »Vielleicht ist beides,« sagte ich. »Er hat zu viel

getrunken, und Jener hat noch mehr angeschrieben, ob mir das gleich von

dem ehrlichen Luzerner nicht sehr wahrscheinlich vorkommt: aber, mein

Freund, Er hat vielleicht der Landsleute viele von Neapel bis Paris; ich

zahle gern eine Suppe und ein Stück Fleisch und einige Groschen, aber

ich lasse mich nur Einmal so grob mitnehmen.« Er verließ mich indessen

doch nicht; wir wandelten zusammen den Albis hinauf und herab, setzten

uns unten in ein Boot und ließen uns über den See herüber nach Zürich

fahren wo ich dem Sünder noch einige Lehren und etwas Geld gab, und ihn

laufen ließ. Er wird indessen beides schon oft bekommen haben.

Hier bin ich nun wieder unter vaterländischen Freunden, und könnte bald

bei Dir seyn, wenn ich nicht noch etwas links abgehen wollte. In Zürich

möchte ich wohl leben; das Oertliche hat mir selten anderwärts so wohl

gefallen. Ich trug einen Brief aus Rom zu Madame Geßner, der Wittwe des

liebenswürdigen Dichters, und ging von ihr hinaus an das Monument, das

die patriotische Freundschaft dem ersten Idyllensänger unserer Nation

errichtet hat, an dem Zusammenflusse der Siehl und der Limmat. Das

Plätzchen ist idyllisch schön, und ganz in dem Geiste des Mannes, den

man ehren wollte; und der Künstler, sein Landsmann, hat edle Einfalt

nicht verfehlt, welche hier erfordert wurde. Akazien, Platanen

Silberpappeln und Trauerweiden umgeben den heiligen Ort. Einige Zeit

verwendete ich darauf, die Schlachtgegend zu überschauen; und ich kann

nicht begreifen, wie die Oestreicher ihre Stellung verlassen konnten.

Ich verschone Dich mit Beschreibungen, die Du in vielen Büchern

vielleicht besser findest. Eine eigne Erscheinung war es mir hier, daß

bei Vidirung des Passes zwei Batzen bezahlt werden mußten. Ich möchte

wohl wissen, wie man dieses mit liberaler Humanität, oder nur mit

Rechtlichkeit in Uebereinstimmung bringen wollte.

Nun erlaube mir noch, Dir fragmentarisch etwas über meinen Gang durch

Italien im Allgemeinen zu sagen! Du hast aus meiner Erzählung gesehen,

daß es jetzt wirklich traurig dort aussieht; vielleicht trauriger, als

es je war. Ich bin gewissenhaft gewesen, und jedes Wort ist Wahrheit, so

weit man historische Wahrheit verbürgen kann. Daß Brüdone in Sicilien

gewesen ist, bezweifelt niemand; aber Viele haben Vieles gegen seine

schönen Erzählungen. So viel weiß ich, daß in Sicilien selbst, und

vorzüglich in Agrigent und Syrakus, man sehr übel mit ihm zufrieden ist;

aber Barthels ist doch vielleicht zu strenge gegen ihn verfahren.

Mehrere Rügen, die ich hier nicht aufzählen kann, haben ihre

Richtigkeit; und sein Hauptfehler ist, daß er seiner poetischen

Phantasie zu viel Spielraum gab. Die Besten über die Insel von den

Neuern sind wohl Barthels und Münter. Dorville habe ich fast durchaus

sehr genau gefunden, so viel ich auf dem Fluge habe bemerken können.

Das ganze Königreich Neapel ist in der traurigsten Verfassung. Ein

Courier, der von Messina über Rheggio nach Neapel gehen soll, hält den

Weg immer für gefährlicher als einen Feldzug. Der Officier, mit dem ich

nach Rom reis'te, war sechszehnmal geplündert worden, und dankte es nur

seiner völligen Resignation, daß er noch lebte. Ich könnte sprechen,

sagte er, aber dann dürfte ich keine Reise mehr machen, oder ich wäre

auf der ersten ein Mann des Todes. Alle Gräuel, die wir von Paris

während der Revolution gehört haben, sind noch Menschlichkeit gegen das,

was Neapel aufzuweisen hat. Was die Demokraten in Paris einfach thaten,

haben die royalistischen Lazaronen und Kalabresen in Neapel zehnfach

abscheulich sublimirt. Man hat im eigentlichen Sinne die Menschen

lebendig gebraten, Stücken abgeschnitten und ihre Freunde gezwungen

davon zu essen; der andern schändlichen Abscheulichkeiten nicht zu

erwähnen. Ein wahrhafter, durchaus rechtlicher Mann sagte mir, man sei

mit einer Tasche voll abgeschnittener einzelner Nasen und Ohren zu ihm

gekommen, habe aufgezählt, wer die Eigenthümer derselben gewesen, und er

habe seine ganze Standhaftigkeit und Klugheit nöthig gehabt, nicht zu

viel Mißbilligung zu zeigen, damit er nicht selbst unter die Opfer

geriethe. Das ist unter Ruffo geschehen, dessen Menschlichkeit sogar

noch hier und da gerühmt wird. Die Geschichte der Patrioten von Sankt

Elmo ist bekannt. Nelson und seine Dame, die Exgemahlin Hamiltons,

ließen im Namen der Regierung die Kapitulation kassiren, und die Henker

hatten volle Arbeit. Auf diese Weise kann man alles was heilig ist

niederreißen. Man nennt den Namen des Admirals und noch mehr den Namen

der Dame mit Abscheu und Verwünschung, und bringt Data zur Belegung. In

Kalabrien soll jetzt allgemeine Anarchie seyn. Das ist begreiflich.

Bildung ist nicht, und das Bißchen Christenthum ist, so wie es dort ist,

mehr ein Fluch der Menschheit. Die Franzosen kamen und setzten in

Revolution; die Halbwilden trauten und wurden verrathen. Ruffo kam im

Namen des Königs, und versprach: die Betrogenen folgten und wütheten nun

unter ihm bis zur Schande der menschlichen Natur in der Hauptstadt.

Jetzt sagen sie, der König habe sie noch ärger betrogen, als die

Franzosen. Wer kann bestimmen, wie weit sie Recht haben? Die Regierung

des Dey kann kaum grausamer seyn; schlechter ist sie nicht. Im ganzen

Königreich und auf der Insel zusammen sind jetzt kaum funfzehn tausend

Mann Truppen: diese haben einen schlechten Sold, und dieser schlechte

Sold wird noch schlechter bezahlt. Du kannst die Folgen denken.

Unzufriedenheit gilt für Jakobinismus, wie fast überall. Ich habe die

meisten Städte des Reichs gesehen, und nach meinem Ueberschlage ist die

Zahl der Truppen noch hoch angenommen. Die sogenannten Patrioten

schreien über Verrätherei der Franzosen und knirschen die Zähne über die

Regierung. Mäßigung und Gerechtigkeit ist in Neapel kein Gedanke. Mit

fünf tausend Franzosen will ich das ganze Reich wieder reformiren und

behaupten, sagte mir ein eben nicht zelotischer Parteigänger. Die

rechtlichsten Leute wurden gezwungen der Revolution beizutreten, um sich

zu retten, und wurden hernach wegen dieses Zwanges hingerichtet.

Vorzüglich traf dieses Schicksal die Aerzte. Es wurden Beispiele mit

Umständen erzählt, die Schauder erregen. Filangieri war zu seinem Glücke

vorher gestorben. Die Regierung nimmt bei ihrer gänzlichen

Vernachlässigung noch alle Maßregeln, die Gemüther noch mehr zu

erbittern; ist saumselig, wo rechtliche Strenge nöthig wäre, und

grausam, wo weise Mässigung frommen würde. In Sicilien treibt das

Feudalsystem in den gräßlichsten Gestalten das Unheil fort: und obgleich

mehr als die Hälfte der Insel wüste liegt, so würde doch kein Baron

einen Fuß Land anders, als nach den strengsten Lehnsgesetzen bearbeiten

lassen. Die Folgen sind klar. Wie geachtet die Regierung und geliebt der

Minister ist, davon habe ich selbst ein Beispielchen von den Lazaronen

in Neapel gehört. Es kam ein Schiff von Palermo an mit etwas Ladung aus

der Haushaltung des Königs. Unter andern wurde ein großer, schöner

Maulesel ausgeschifft; das neugierige Volk stand wie gewöhnlich gedrängt

umher. »^Kischt' è il primo minischtro^,« sagte ein Kerl aus dem Haufen,

und die ganze Menge brach in ein lautes Gelächter aus. Ohne Zweifel ist

der Minister nicht so schlecht, als ihn seine Feinde machen; aber er ist

doch genug, um ein schlechter Minister zu seyn. Das Facit liegt am Tage:

das Reich verarmt täglich mehr, und der Minister wird täglich reicher.

An Manufakturen wird gar nicht gedacht: die Engländer und Deutschen

versorgen alle Provinzen. In Neapel brauchte ich Strümpfe; die waren

englisch: in Syrakus war nichts Einheimisches zu finden. Ueberall sind

fremde Kaufleute, die mit fremden Artikeln handeln. Man sagt in Neapel

auf allen Straßen ganz laut, der Minister verkaufe als Halbbrite die

Nation an die Engländer. Man schreit über die öffentliche Armuth und die

öffentliche Verschwendung; man lebe von der Gnade der Franzosen und

halte drei Höfe, in Palermo und Kaserta und Wien. Einzeln erzählte

Vorfälle sind empörend. Der König ist ein Liebhaber von schönen Weibern.

Das mag er: andere sind es auch, ohne Könige zu seyn. In der Revolution

wurde eine Dame als Staatsverbrecherin mit ergriffen, und das Tribunal

verurtheilte sie zum Tode. Die vornehme interessante Frau appellirte an

den König, und ihre Freunde brachten es so weit, daß sie zur endlichen

Entscheidung ihres Schicksals nach Palermo geschickt wurde. Der König

lebte dort in ihrer Gesellschaft einige Zeit nach der Liebhaber Weise;

endlich drangen die strengen Strafprediger an sein Gewissen: die Frau

wurde nach Neapel zurückgeschickt und -- hingerichtet. Sie erzählte das

Ganze selbst vor ihrem Tode auf dem Blutgerüste. Das ist verhältnißmäßig

eben so schlimm, als die eingesalzenen Nasen und Ohren. Man hat mir

Namen und Umstände und den ganzen Prozeß wiederholt genannt.

Die Kassen sind leer, die Offizianten müssen warten, und dabei soll man

Jagdpartien geben, die über 50,000 neapolitanische Dukaten kosten. Der

General Murat erhielt Geschenke, deren Werth sich auf 200,000 Thaler

belief. Ich weiß nicht, wer mehr Unwillen erregt, ob der König, oder

Murat? Jener handelt nicht als König, und dieser schlecht, als

Republikaner. Anders that Fabricius. Die Räuber streifen aus einer

Provinz in die andere, und plündern und morden, ohne daß die Justiz

weiter darnach fragt. Man läßt die Leute so gut und so schlecht seyn,

als sie wollen; nun sind der Schlechten fast immer mehr als der Guten,

zumal bei solchen Vernachlässigungen: so ist die Unordnung leicht

erklärt. Die Beschaffenheit des Landes hilft dem Unfuge; die Berge

bergen in ihren Schluchten und Winkeln die Bösewichter, gegen welche die

Regierung keine Vorkehrungen trifft. Ich habe in dem ganzen Reiche keine

einzige militärische Patrouille gesehen, aber Haufen Bewaffnete bis zu

fünf und zwanzig. Diese sollen auch Polizei seyn: aber sie tragen kein

Abzeichen, sind von den Schurken nicht zu unterscheiden, und alle

ehrliche Leute fürchten sich vor ihnen.

Ueberhaupt habe ich in Neapel jetzt drei Parteien bemerkt, die Partei

des Königs und der jetzigen Regierung, zu welcher alle Anhänger des

Königs und des Ministers gehören; die Partei der Kronprinzen, von dem

man sich ohne vielen Grund etwas Besseres verspricht; und die Partei der

Malkontenten, die keine Hoffnung von Vater und Sohn haben, und glauben,

keine Veränderung könne schlimmer werden. Die letzte scheint die

stärkste zu seyn, weiß aber nun, da sie von den Franzosen gänzlich

verlassen worden ist, in der Angst selbst nicht, wohin sie den

Gesichtspunkt nehmen soll.

In Rom arbeitet man mit allen Kräften an der Wiederherstellung aller

Zweige der Hierarchie und des Feudalsystems: Gerechtigkeit und Polizei

werden schon folgen, so weit sie sich nämlich mit beiden vertragen

können. Die Mönche glänzen von Fett, und segnen ihren Heiland Bonaparte.

Das Volk hungert und stirbt, oder flucht und raubt, nachdem es mehr

Energie, oder mehr fromme Eselsgeduld hat. Es wird schon besser werden,

so viel es das System leidet.

In Hetrurien weiß man sich vor Erstaunen über alle die Veränderungen zu

Hause und auswärts noch nicht zu fassen. Die Meisten, da die Menschen

nun doch einmal beherrscht seyn müssen, wünschen sich wieder das sanfte

östreichische Joch, wie es unter Leopold war. Die Vernünftigern klagen

leise oder auch wohl laut über die Anmaßlichkeit des römischen Hofes und

die Schwachheit der Regierung; und die hitzigen Polypragmatiker hoffen

auf eine Veränderung diesseits der Berge.

Die italienische Republik windet sich, trotz den Eigenmächtigkeiten und

Malversationen der Franzosen, ihrer Herren Nachbarn, nach und nach aus

der tausendjährigen Lethargie. Hier war an einigen Orten viel

vorgearbeitet: aber auch das alte Päpstliche erholt sich und wird etwas

humaner. Das Päpstliche diesseits der Apenninen scheint indessen nie so

tief gesunken zu seyn, als in der Nähe des Heiligthums. Weit von dem

Segen war immer etwas besseres Gedeihen. Alles liegt hier noch im Werden

und in der Krise. Die großen Städte klagen zwar über Verlust, aber das

platte Land hebt sich doch merklich. Das läßt sich wieder sehr leicht

erklären. In Italien scheinen überhaupt die Städte das Land verzehrt zu

haben, welches wohl weder politisch, noch kosmisch gut ist.

Die Franzosen im Allgemeinen haben sich in Italien gut betragen, so wie

man ihnen das nämliche Zeugniß auch wohl in Deutschland nicht versagen

kann. Man erzählt Beispiele von Aufopferung und Edelmuth, die dem

humanen Zuhörer außerordentlich wohl thun, und seine sympathetische

Natur für den Gegensatz entschädigen, der sich zuweilen zeigt. Einzelne

Generale, Kommissäre und Officiere machen oft grelle Ausnahmen. Unter

den Generalen wird Murat als Erpresser und Plagegeist überall genannt;

und mir däucht, der Augenschein bestätigt die Beschuldigung: er wird bei

einem großen Aufwand reich. Ich habe eine ewige Regel, deren Richtigkeit

ich mir nicht abstreiten lasse: Wer in dem Dienst des Staats reich wird,

kann kein Mann von edelm Charakter seyn. Jeder Staat besoldet seine

Diener nur so, daß sie anständig leben und höchstens einen

Sicherheitspfennig sparen können: aber zum Reichthum kann es auf eine

ehrenvolle Weise keiner bringen. Es giebt nach meiner Meinung nur zwei

rechtliche Wege zum Reichthum, nämlich Handel und Oekonomie; einige

wenige Glücksfälle ausgenommen. Ist der Staatsdiener zugleich

Handelsmann, so hört er eben dadurch auf, einem wichtigen Posten gut

vorzustehen. Die Kommissäre haben einmal das unselige Privilegium, die

Nationen zu betrügen, weil man ihnen unmöglich alles genau durchschauen

kann; und die französischen sollen es sehr ausgedehnt gebraucht haben.

Empörend ist es für mich gewesen, wenn ich hörte, daß viele französische

Officiere frei durch alle Provinzen reis'ten, mit oder ohne Geschäft,

sich nach ihrem Range für sich und ihre Begleitung eine Menge Pferde

zahlen ließen und doch allein gingen und knickerisch nur zwei nahmen,

und das Geld für die übrigen einsäckelten. Manche arme Kommune, die kaum

noch Brot hatte, mußte bei dergleichen Gelegenheiten exekutorisch ihren

letzten Silberpfennig zusammenbringen, um den fremden, so genannten

republikanischen Wohlthäter zu bezahlen. Das nenne ich Völkerbeglückung!

Man muß bekennen, daß die Franzosen selbst über diese Schändlichkeit

fluchten; aber sie geschah doch oft. Wo Murat als General kommandirt,

fällt so etwas nicht auf; Moreau würde sich und seine Nation von solchen

Schandflecken zu retten wissen. So viel ich von den Franzosen in Italien

gemeine Soldaten und Unterofficiere gesehen habe, und ich bin manche

Meile in ihrer Gesellschaft gegangen, habe ich sie als gesittet, artig,

bescheiden und sehr unterrichtet gefunden. Sie urtheilten meistens mit

Bündigkeit und Bestimmtheit und äußerten durchaus ein so feines Gefühl,

daß es mir immer ein Vergnügen war, solche Gesellschaft zu treffen. Das

alte vornehme Zotenreißen und Fluchen ist sehr selten geworden, und sie

sprechen über militärische Dispositionen mit einer solchen Klugheit und

zugleich mit einem solchen Subordinationsgeist, daß sich nur ein

schlechter Officier andere Soldaten wünschen könnte.

In Ansehung des Physischen ist ein Gang von Triest nach Syrakus und

zurück an den Züricher See, wenn er auch nur flüchtig ist, mit vielen

angenehmen Erscheinungen verbunden. Auf der Insel ist das lieblichste

Gemisch des Reichthums aller Naturprodukte, so viel man ohne Anstrengung

gewinnen kann; Orangen aller Art, Palmen, Karuben, Oel, Feigen, indische

und gemeine, Kastanien, Wein, Weitzen, Reiß. Bei Neapel werden die

indischen Feigen, die Karuben und Palmen schon selten; diesseits der

Apenninen Oel und Feigen. Die südliche Seite des Berges, von Florenz

aus, hat noch die herrlichsten Oelpflanzungen; beim Herabsteigen nach

Bologna findet man sie nicht mehr: alles sind Kastanienwälder. In der

Lombardei ist der Trieb üppig an Wein und Getreide; aber alles ist schon

mehr nördlich. Ein einziger Weinstock macht noch eine große Laube, und

auf einem einzigen Maulbeerbaume hingen zuweilen sechs Mädchen, welche

Blätter pflückten: aber ein Oelbaum ist schon eine Seltenheit. Die

südlichen Seiten der Alpenberge geben durch ihre Lage hier und da noch

Früchte des wärmern Erdstrichs, und am Lago maggiore hat man noch

Orangengärten, Olivenpflanzungen und sogar, obgleich nur spärlich,

indische Feigen. Am Tessino herauf trifft man noch Kastanien die Menge

und sehr schöne und große Bäume, und bis Ayrolles wächst gutes Getreide.

Dann hört nach und nach die Vegetation auf. An der Reuß diesseits kann

man weit tiefer herabgehen, ehe sie wieder anfängt. Sankt Ursel liegt

vielleicht tiefer als Ayrolles und man hat dort nichts von Getreide.

Kastanien trifft man auf dieser Seite nicht mehr oder nur höchst selten,

und der Nußbaum nimmt ihre Stelle ein. Weiter herab ist alles

vaterländisch.

_Paris._

Von Zürich hierher ist ein hübsches Stück Weges, und ich schreibe Dir

davon so wenig, als möglich, weil alles ziemlich bekannt ist. Einige

Freunde begleiteten mich den 24sten Juni ein Stündchen von Zürich aus,

und schickten mich unter des Himmels Geleite weiter. Bei Eglisau

begrüßte ich das erste Mal den herrlichen Rhein und ging von da nach

Schafhausen, bloß um den Fall zu sehen. Er hat an Masse freilich weit

mehr, als der Velino; aber ich wäre sehr verlegen, welchem ich die

größte malerische Schönheit zugestehen sollte. Dort ist die Natur noch

größer als hier, und der Sturz noch weit furchtbarer. Mir däucht, ich

habe gehört, ein Engländer habe versucht, den Fall herunterzufahren: und

ich glaube, die Donquischotterie ist allerdings nicht unmöglich, wenn

der Fluß voll ist. Bei kleinem Wasser würde man unfehlbar zerschmettert.

Nur müßte die Seite von Laufen gewählt werden; denn die von Schafhausen

würde ziemlich gewisser Tod seyn. Ich sage nicht, daß man nicht auf der

Unternehmung umkommen könne: aber gesetzt, ich würde auf der Seite von

Laufen oben verfolgt und sähe keine Ausflucht, so würde ich kein

Bedenken tragen, mich in einem guten Boot den Fall hinabzuwagen und

würde meine Rettung nicht unwahrscheinlich finden. In der Krone in

Schafhausen war sehr gute Gesellschaft von Kaufleuten, Kommissären und

Engländern.

Den 25sten stach ich in den Breisgau herüber. Laufenburg, wo ich die

Nacht blieb, ist ein ärmlicher Ort, wo der Rhein einen zweiten kleinen

nicht so gefährlichen Fall bildet: doch ist auch dieser Schuß zwischen

den Felsen sehr malerisch. Weiter hin stehen in den Dörfern noch

Franzosen bis zum Austrag der Sache, und die Einwohner sind in

Verzweiflung über den Druck von allen Seiten. Bloß unsere geringe Anzahl

verhindert uns, sagte man mir laut, gewaltsame Mittel zu unserer

Befreiung zu versuchen. Die Franzosen müssen hier sehr schlechte,

abscheuliche Mannszucht halten: denn ich habe wiederholt erzählen hören,

daß sie durchreisende Weiber mit Gewalt hinauf in den Wald zur

Mißhandlung schleppen. An den Eingeborenen wagen sie sich nicht zu

vergreifen, weil sie unfehlbar todtgeschlagen würden, es entstände

daraus was wolle: diese Unordnung fürchten sie doch. Jeder Einquartierte

muß täglich zwei Pfund Brot, ein Pfund Fleisch und eine Flasche Wein

erhalten. Seit einiger Zeit müssen die Wirthe für den Wein zehn Kreuzer

täglich bezahlen: dafür werden den Soldaten Kittel angeschafft. Das ist

denn doch für die große Nation verächtlich klein. Dieses ist heute den

26sten Juni unseres Jahres 1802; und der Kommandant der Truppen mag

seine Ehre retten, wenn er kann: ich sage, was ich vielfältig gehört

habe.

Die Gegend am Rhein herunter ist fast durchaus schön, und besonders bei

Rheinfelden. In Basel am Thore lud man mich zum Kriegsdienste der

Spanier ein, die hier für junges Volk von allen Nationen freie Werbung

hatten, ausgenommen die Franzosen und Schweizer. Mir war das nicht

unlieb, ob ich gleich die Ehreneinladung bestimmt ausschlug: denn es

zeigt wenigstens, ich sehe noch aus, als ob ich eine Patrone beißen und

mit schlagen könne. Im wilden Manne war die Gesellschaft an der

Wirthstafel ziemlich zahlreich und sehr artig. Der französische

Kommandant, zu dem ich wegen meines Passes ging, war freundlich und

höflich. Der preußische Paß war in Mailand revidirt worden, und der

General Charpentier hatte daselbst bloß darauf geschrieben, daß er durch

die Schweiz nach Paris gültig sei. In Basel wies man mich an den ersten

Grenzposten, ungefähr noch eine Stunde vor der Stadt. Als ich dort

ankam, sah der Officier nur flüchtig hinein, gab ihn zurück und sagte:

»^Vous ètes bien en règle. Bon voyage!^« und seitdem bin ich nirgend

mehr darnach gefragt worden. So wie ich in das französische Gebiet trat,

war alles merklich wohlfeiler und man war durchaus höflicher und

artiger. In einem Dorfe nicht weit von Belfort hielt ich eine herrliche

Mittagsmahlzeit mit Suppe, Rindfleisch, Zwischengericht, Braten,

zweierlei Dessert und gutem Wein und zahlte dafür dreißig Sols. Dafür

hätte ich jenseits der Alpen wenigstens dreimal so viel bezahlen müssen.

Den nämlichen Abend, vier Meilen von Basel, zahlte ich für ein recht

gutes Quartier mit Zehrung nur sechsundvierzig Sols. So ging es

verhältnißmäßig immer fort; und auch nicht viel theurer ist es in Paris.

Mir thut die Humanität und das allgemeine Wohlbefinden besser, als der

wohlfeile Preis. Man spricht dort noch etwas deutsch und Leute von

Erziehung bemühen sich, beide Sprachen richtig und angenehm zu reden.

Das Dorf war ziemlich groß und als ich gegen Abend noch einen Gang an

den Gärten und Wiesen hin machte, hörte ich in der Ferne an einem

kleinen buschigen Abhange einen Gesang, der mich lockte. Das war mir in

ganz Italien nicht begegnet; und als ich näher kam, hörte ich eine

schöne einfache ländliche Melodie zu einem deutschen Texte, den ich für

ein Gedicht von Matthison hielt. Die Sängerinnen waren drei Mädchen, die

man wohl in der Abendröthe für Grazien hätte nehmen können. Die Zuhörer

mehrten sich und ich war so heimisch, als ob ich an den Ufern der Saale

gesessen hätte.

Nun ging ich über Besançon und Auxonne nach Dijon herunter. Es war ein

Vergnügen zu wandeln; überall sah man Fleiß und zuweilen auch Wohlstand.

Wenigstens war nirgends der drückende Mangel und die exorbitante

Theurung, die man jenseits der Alpen fand: und doch hatte hier die

Revolution gewüthet und der Krieg gezehrt. Besançon ist wohl mehr ein

Waffenplatz, als eine Festung. Der Ort ist seit Cäsars Zeiten immer ein

wichtiger Posten gewesen. Aber bei einer Belagerung würde jetzt die

Stadt bald zu Grunde gehen und der Ort sich kaum halten. In Auxonne

wurden alle Festungswerke niedergerissen, und jedermann ging und ritt

und fuhr ungehindert und ungefragt aus und ein. Das fand ich selbst

gegen die Schweiz sehr liberal. Einen Abend blieb ich in Genlis, dem

Gute der bekannten Schriftstellerin. Die Besitzung ist sehr nett, aber

sehr bescheiden; und die Dame wird, trotz allem, was ihre Feinde von ihr

sagen, hier sehr geliebt.

Dijon hat ungefähr eine Stunde im Umfange und rund um die Stadt einen

ziemlich angenehmen Spaziergang. Der Ort empfindet die Folgen der

Revolution vor allen übrigen, weil sie hier vorzüglich heftig war. Die

Leute wissen bis jetzt vor Angst noch nicht, wo sie mit ihrer Stimmung

hin sollen: die Meisten scheinen königisch zu seyn. Mein Wirth, der sehr

höflich mit mir herumlief, erzählte mir in langen Klagen den ganzen

Verlauf der Sachen in ihrer Stadt, und die schreckliche Periode unter

Robespierre, wo viele brave Leute theils guillottinirt wurden, theils in

den Gefängnissen vor Angst und Gram starben. Die Sache hat freilich

mehrere Seiten. Viele scheinen nur das Anhängsel der ehemaligen Reichen

vom Adel und der Geistlichkeit zu machen; diese können allerdings bei

keiner vernünftigen Einrichtung gewinnen. Alle große Städte, die nicht

auf Handel, Fabriken und Industrie beruhen, die Hauptstadt ausgenommen,

müssen durch die Veränderung nothwendig verlieren, da die

Parlamentsherren, der reiche Adel und die reiche Geistlichkeit nicht

mehr ihr Vermögen daselbst verzehren. Aber deßwegen ist dieses noch kein

wesentlicher Verlust für die Nation. Der Park des Prinzen Condé vor dem

Petersthore ist jetzt verkauft und ein öffentlicher Belustigungsort. Im

Ganzen ist die Stadt sehr todt.

Von Dijon fuhr ich, weil mir das Wetter zu heiß ward, mit dem Courrier

nach Auxerres und von dort mit der Diligence nach Paris. Auxerres ist

eine Mittelstadt, aber ziemlich lebhaft, wenigstens weit lebhafter, als

Dijon. Zum Friedensfeste hatte man an dem Boulevardkaffee der Hebe einen

Tempel aufgeführt, der der französischen Kunst eben keine Ehre macht.

Die Gesellschaft war aber angenehm und die Bewirthung gut und billig.

Die Wirthin, ein Prototyp der alten ächt französischen Höflichkeit und

Gutherzigkeit, setzte sich zu mir in die Gartenlaube, hielt mir bei

Gelegenheit der Bezahlung einen langen Unterricht über den Geldkurs, und

gab mir Warnungen, damit ich als Fremder mit der Münze nicht betrogen

würde; welches indessen, zur Ehre der Nation, nur sehr selten geschehen

ist. In Italien war der Fall häufiger, und auch in der Schweiz.

Die Gesellschaft in der Diligence war besser, als der einsylbige

Courrier von Dijon. Ein alter General von der alten Regierung, ein

fremder Edelmann aus der Schweiz, ein Landpfarrer, der zugleich

Mediciner war, ein Kaufmann, ehemals Adjutant des Generals Lecourbe, ein

Gelehrter von Auxerres, der vorzüglich in der Oekonomie stark zu seyn

schien und einige andere Unbekannte machten eine sehr bunte

Unterhaltung. Ich saß zwischen dem Geistlichen und dem Gelehrten im

Fond, und vor mir der General auf dem Mittelsitze. Der General hatte

ehemals in Domingo kommandirt, wäre fast bei seiner Rückkehr in Brest

guillotinirt worden, und nur die Intervention vieler angesehener

Kaufleute hatte ihn gerettet, die seiner politischen Orthodoxie in der

damaligen Zeit das beste Zeugniß gaben. Der Geistliche war ausgewandert

gewesen und hatte als Arzt einige Zeit auf der Gränze gelebt, war aber

mit vieler Klugheit zu rechter Zeit zurückgekommen und hatte seitdem

nach dem Winde lavirt. Jetzt zeigte er nun wieder mehr seinen

eigentlichen Geist. Er war ein Mann von vielen Kenntnissen und vielem

Scharfsinn und vieler Verbindung mit den ehemaligen Großen; also

allerdings kein Plattkopf, sondern ein Spitzkopf.

Er erzählte, als ob das so seyn müßte, eine Menge heilige Schnurren

seiner Jugend, die sogar in seinem eigenen Munde zwar unterhaltend, aber

eben nicht salbungsreich waren. So war er bei Sens einmal als falscher

Bischof gereist und hatte falsche Officialien gehalten, und man hatte

sich todt gelacht, als er den Spaß entdeckte. Ein andermal hatte er

einst als Chorschüler gesehen, daß ein Bauer seinem Beichtvater einen

großen, schönen Karpfen brachte und ihn unterdessen in den Weihkessel

setzte. Schnell stahl ihn der Hecht mit seinen Gesellen zum Frühstück,

und hatte seine große Freude, als der absolvirte Bauer kam und in und

unter dem Weihkessel umsonst den eingesetzten Karpfen suchte, um ihn nun

in die Küche des geistlichen Herrn abzuliefern. Dergleichen Schnurren

hatte er zu Dutzenden, und erzählte sie besser, als ich. Noch eine

Drolerie zeichnete sich aus, aus der alten französischen Geschichte. Es

lebte unweit Sens ein Kanzler von Frankreich auf seinen Gütern, und war

als sehr guter Haushalter bekannt. Einst kommt ein Bauer von seinem Gute

in die Beichte und beichtet, er habe dem Kanzler die Perrücke gekämmt.

»Nun, seid ihr denn ein Perrückenmacher?« fragte der Beichtvater. --

»Nein; ich habe sie ihm nur so gekämmt.« -- »Das sind Possen; die könnt

ihr künftig bleiben lassen: was gehn euch des Kanzlers Perrücken an?« --

Dieser geht mit der Absolution fort und ein anderer kommt und beichtet,

er habe dem Kanzler die Perrücke gekämmt. Die nämliche Sünde, der

nämliche Verweis, die nämliche Vergebung: da kommt ein dritter mit der

nämlichen Beichte. Da fällt dem geistlichen Herrn plötzlich auf, das

müsse eine ganz eigene Kämmerei seyn. Die Vorhergehenden hielten in der

Kirche noch etwas Andacht; »^Écoutez donc, Messieurs les perruquiers^,«

ruft er ihnen zu, »^venez encore en peu ici! il y a encore à peigner^.

Was hat das für ein Bewandtniß mit der Perrücke?« Nun erklärte denn das

beichtende Kleeblatt, der Kanzler habe sehr schöne Heuschober draußen

auf der Wiese stehen, und sie gingen zuweilen mit dem Rechen hinaus und

zögen rund herum bedächtig herunter, daß es niemand merkte: das nennten

sie des Kanzlers Perrücke kämmen. Die neue Manier die Perrücke zu

behandeln wurde also nun scharf gerügt, untersagt und schwer verpönt.

Nun fing der Herr an im Ernst sehr fromm zu erzählen, was die heiligen

Reliquien hier und da in der Nachbarschaft von Paris wieder für Wunder

thäten, und dem Himmel zu danken, daß man endlich wieder anfange an die

allerheiligste Religion zu denken und sie nun wieder wagen dürfe, ihr

Haupt empor zu heben. Er erzählte wenigstens ein halbes Dutzend ganz

nagelneue Wunder, von denen ich natürlich keins behalten habe. Er selbst

hatte mit heißem, heiligem Eifer ^Un abrégé précis sur la vérité de la

religion chrétienne^ geschrieben, so hieß, glaube ich, der Titel, und

das Buch dem Kardinal Caprara zugeschickt. Nach dem Tone zu urtheilen,

kann ich mir die Gründe denken. Der Kardinal habe ihm, wie er sagte, ein

schönes Belobungsschreiben gegeben und ihn aufgemuntert, in seinem Eifer

muthig fortzufahren. Einen komplettern Beweis für die Wahrheit in dem

Buche kann man nun füglich nicht verlangen, als das Urtheil und den

Stempel des Kardinals Caprara.

Nun wurde von den alten Zeiten gesprochen, die Ceremonien und

Feierlichkeiten des Hofs beschrieben und nicht ganz leise angedeutet,

daß man die glückliche Rückkehr derselben bald hoffe. Der geistliche

Herr, der den Sprecher machte und wirklich gut sprach, erhob nun

vorzüglich die Mätressen der Könige von Frankreich, von der schönen

Gabriele bis zur Pompadour und weiter herunter. Es wurde dabei das

Ehrengesetz der Galanterie nicht vergessen: ^Les rois ne font que des

princes^, ^les princes font des nobles et les nobles des roturiers.^ Er

behauptete aus gar nicht unscheinbaren Gründen, daß alle diese Damen

sehr gutmüthige Geschöpfe gewesen, und ich bin selbst der Meinung, daß

sie dem Reiche weit weniger Schaden zugefügt haben als die Minister und

die Könige selbst, deren Schwachheiten gegen beide oft unerhört waren.

Nur klang die Apologie aus dem Munde eines sehr orthodoxen Geistlichen

etwas drollig. Gegen Bonaparte hatte er weiter nichts, als daß er zu

schnell gehe, daß man aber von dem großen Manne noch nicht urtheilen

dürfe. Da hatte ich denn freilich gesündigt; denn ich hatte nun leider

einmal geurtheilt. Das Urtheil über öffentliche Männer, es mag nun wahr

oder falsch seyn, kommt nie zu früh, aber oft zu spät. Mit frommer

Andacht meinte er noch, ^que Bonaparte seroit le plus grand homme de

l'univers et de toute l'histoire^, ^s'il mettoit en se retirant le vrai

rejetton sur le tròne^. Schwerlich wird der Konsul den Pfarrer zu seinem

geheimen Rath machen. Das alles wurde ohne viele Vorsicht öffentlich in

der Diligence geäußert: Du siehst, daß sich die Fahne sehr gedreht hat.

Man sagte laut, daß die Mehrheit den König wünsche, und ihre

Zuchtmeister mögen ihnen wohl den Wunsch ausgepreßt haben. Die Generale

nannte man nur ^les mangeurs de la république^, und das ohne Zweifel mit

Recht.

Unter diesen und andern Ventilationen kamen wir den 6. July in Paris an,

wo man mich in das ^Hôtel du Nord^ in der Straße Quincampoi brachte, wo,

wie ich höre, der berüchtigte Law ehemals sein Wesen oder Unwesen trieb.

Das war mir zu entfernt von den Plätzen, die ich besuchen werde. Mein

erster Gang war Freund Schnorr aufzusuchen[15]. Ich fand mit der Adresse

sogleich sein Haus und hörte zu meinem großen Leidwesen, daß er vor

sieben Tagen schon abgereist war. Seine Stube war aber noch leer, der

Colonnade des Louvre gegenüber; ich zog also wenigstens in seine Stube;

und aus dieser schreibe ich Dir, in der Hoffnung Dich bald wieder zu

sehen; denn meine Börse wird mich bald genug erinnern, die väterlichen

Laren zu suchen.

_Paris._

Es würde anmaßlich seyn, wenn ich Dir eine große Abhandlung über Paris

schreiben wollte, da Du davon jeden Monat in allen Journalen ein Dutzend

lesen kannst. Mein Aufenthalt ist zu kurz; ich bin nur ungefähr vierzehn

Tage hier und mache mich schon wieder fertig abzusegeln.

Nach Paris kam ich ohne alle Empfehlung, ausgenommen ein Papierchen an

einen Kaufmann wegen meiner letzten sechs Dreier. Ich habe nicht das

Introductionstalent, und im Allgemeinen auch nicht viel Lust, mich

sogenannten großen Männern zu nahen. Man opfert seine Zeit, raubt ihnen

die ihrige und ist des Willkommens gewiß; trifft sie vielleicht selten

zur schönen Stunde, und hätte mehr von ihnen gehabt, wenn man das erste

beste ihrer Bücher, oder ihrer öffentlichen Verhandlungen vorgenommen

hätte. Das ist der Fall im Allgemeinen; es wäre schlimm, wenn es nicht

Ausnahmen gäbe. Mir däucht, man ist in dieser Rücksicht auch zuweilen

sehr unbillig. Man erwartet, oder verlangt vielleicht sogar von einem

berühmten Schriftsteller, er solle in seiner persönlichen Erscheinung

dem Geist und dem Witz in seinen Büchern gleich kommen, oder ihn noch

übertreffen; und man bedenkt nicht, daß das Buch die Quintessenz seiner

angestrengtesten Arbeiten ist, und daß die gesellschaftliche

Unterhaltung ein sonderbares Ansehen gewinnen würde, wenn der Mann

beständig so in Geburtsnoth seyn sollte. Die Zumuthung wäre grausam, und

doch ist sie nicht ungewöhnlich. Es giebt zuweilen glückliche Geister,

deren mündlicher extemporärer Vortrag besser ist, als ihre gesichtetste

Schrift; aber dieses kann nicht zur Regel dienen.

Ich ging zu Herrn Millin, weil ich dort Briefe zu finden hoffte. Diese

fand ich zwar nicht, aber man hatte ihm meinen Namen genannt, und er

nahm mich sehr freundlich auf; und ich bin, so wie ich ihn nun kenne,

versichert, ich würde auch ohne dieß freundlich aufgenommen worden seyn.

Millin ist für die Fremden, die in literärischer Absicht Paris besuchen,

eine wahre Wohlthat. Der Mann hat eine große Peripherie von Kenntnissen,

die ächte französische Heiterkeit, selbst eine schöne Büchersammlung in

vielen Fächern und aus vielen Sprachen, und eine seltene Humanität.

Mehrere junge Deutsche haben den Vortheil, in seinen Zimmern zu arbeiten

und sich seines Raths zu bedienen. Ich habe ihn oft und immer gleich

jovialisch und gefällig gesehen. Auf der Nationalbibliothek herrscht

eine musterhafte Ordnung und eine beispiellose Gefälligkeit gegen

Fremde. Daß in der öffentlichen Gerechtigkeit große Lücken sind, ist

bekannt, und daß ihre gepriesene Freiheit täglich preßhafter wird,

leidet eben so wenig Zweifel. Ich hatte selbst ein Beispielchen. Die

Kaiserin Katharina die Zweite hatte dem Papst Pius dem Sechsten ein

Geschenk mit allen russischen Goldmünzen gemacht; schon der Metallwerth

muß beträchtlich gewesen seyn. Diese lagen mit den übrigen Schätzen im

Vatikan. Die Franzosen nahmen sie weg, um sie nach Paris zu den übrigen

Schätzen zu bringen. In Rom sind sie nicht mehr; aber deßwegen sind sie

nicht in Paris. Man sprach davon; ich fragte darnach. -- »Sie sind nicht

da.« -- »Aber sie sollten da seyn.« -- »Freilich.« -- »Wer hat denn die

Besorgung gehabt?« -- Man schwieg. -- »Der Kommissär muß doch bekannt

seyn.« -- Man antwortete nicht. -- »Warum untersucht man die Sache

nicht?« -- Man zuckte die Schultern. -- »Aber das ist ja nichts mehr als

die allergewöhnlichste Gerechtigkeit und die Sache der Nation, über die

jeder zu sprechen und zu fragen befugt ist.« -- »Wenn die Herren an der

Spitze,« sagte man leise, »die doch nothwendig davon unterrichtet seyn

müssen, es nicht thun, und es mit Stillschweigen übergehen -- wer will

es wagen?« -- »Wagen, wagen!« brummte ich; »so so, das ist schöne

Gerechtigkeit, schöne Freiheit!« Meine Worte und mein Ton setzten die

Leutchen etwas in Verlegenheit; und es schien, ich war wirklich seit

langer Zeit der Erste, der nur so eine Aeußerung wagte. Wo keine

Gerechtigkeit ist, ist keine Freiheit; und wo keine Freiheit ist, ist

keine Gerechtigkeit; der Begriff ist eins; nur in der Anwendung verirrt

man sich, oder vielmehr man sucht andere zu verwirren.

In dem Saale der Manuscripte arbeiten viel Inländer und Ausländer, und

unter andern auch Doctor Hager an seinem chinesischen Werke. Ich ließ

mir den Plutarch von Sankt Markus in Venedig geben, um doch auch ein

gelehrtes Ansehen zu haben, bin aber nicht weit darin gekommen. Es wird

mir sauer, dieses zu lesen, und ich nehme lieber den Homer von Wolf,

oder den Anakreon von Brunk, wo mir leicht und deutlich alles vorgezogen

ist. In der Kupferstichsammlung hängt an den Fenstern herum eine

gezeichnete Kopie von Raphaels Psyche aus der Farnesina; aber sie

gewährt kein außerordentlich großes Vergnügen, wenn man das Original

noch in ganz frischem Andenken hat.

Mein erster Gang, als ich ins Museum im Louvre kam, war zum Laokoon. Ich

hatte in Dresden in der Mengsischen Sammlung der Abgüsse und in Florenz

bei der schönen Kopie des Bandinelli einen Zweifel aufgefangen, den man

mir dort nicht lösen konnte. Man sagte mir, es sei so im Original; und

das konnte ich nicht glauben, oder ich beschuldigte den alten großen

Künstler eines Fehlers. Die Sache war: das linke Bein, um welches sich

an der Wade mit großer Gewalt die Schlange windet, war im Abguß und in

der Marmorkopie durchaus gar nicht eingedrückt. Ich weiß wohl, daß die

große Anstrengung der Muskeln einen tiefen Eindruck verhindern muß: aber

eine solche Bestie, wie diese Schlange war, und auf dem Kunstwerk ist,

mußte mit ihrer ganzen Kraft der Schlingung den Eindruck doch ziemlich

merklich machen. Hier sah ich die Ursache der Irrung auf einen Blick.

Das Bein war an der Stelle gebrochen, und so auch die Schlange; man

hatte die Stücke zusammengesetzt: aber eine kleine Vertiefung der Wade

unter der Pressung war auch noch im Bruche sichtbar. Beim Abguß und der

Kopie scheint man darauf nicht geachtet zu haben, und hat die Wade im

Druck der Schlange so natürlich voll gemacht, als ob sie nur durch einen

seidenen Strumpf gezogen würde. Ich überlasse das Deiner Untersuchung

und Beurtheilung; mir kommt es vor, als ob die so verschönerte Wade

deßwegen nicht schöner wäre.

Den Apollo von Belvedere will man jetzt, wie ich höre, zum Nero, dem

Sieger machen. Klassische Stellen hat man wohl für sich, daß Nero in

dieser Gestalt existirt haben könne; es kommt nur darauf an, daß man

beweise, er sei es wirklich. Es wäre Schade um das schöne, hohe Ideal

der Künstler, wenn seine Schöpfung eine solche Veranlassung sollte

gehabt haben. Indessen bin ich fast in Gefahr, in der Miene und

besonders um den Mund des Gottes etwas Neronisches zu finden. Der

Musaget gefällt mir nicht, so wenig als einige seiner Mädchen: aber

dafür sind andere dabei, die hohen Werth haben. Unter der Gesellschaft

steht ein Sokrateskopf, nach welchem Raphael den seinigen in seiner

Schule gemacht haben soll. Wie könnte ich Dir den Reichthum beschreiben,

den die Franken hergebracht haben! Ich wollte nur, die Mediceerin wäre

auch da, damit ich doch das Wunderbild sehen könnte. Vorzüglich

beschäftigten mich einige Geschichtsstatüen und Geschichtsköpfe,

meistens Römer; und vor allen die beiden Brutus, die man links am

Fenster in ein ziemlich gutes Licht gesetzt hat, welches im Ganzen nicht

der Fall ist; denn die meisten Kunstwerke, selbst der Laokoon und der

Belvederische Apoll, stehen schlecht. Ich bin oft in dem Saale auf und

ab gewandelt, und habe links und rechts die Schätze betrachtet; aber ich

kam immer wieder zu den Köpfen und vorzüglich zu diesen Köpfen zurück.

Ich gestehe Dir meine Schwachheit, daß ich lieber Geschichtsköpfe sehe,

als Ideale: und auch unter den Idealen finde ich mehr Porträts und

Geschichte, als die Künstler vielleicht zugestehen wollen.

Die Gemäldesammlung oben ist verhältnißmäßig noch reicher und kostbarer,

als der Antikensaal unten; aber die Ordnung und Aufstellung ist

vielleicht noch fehlerhafter. Wenige Stücke, ausgenommen der große

Vordersaal, haben ein gutes Licht. Die Madonna von Foligno war bei

Madonna Bonaparte, und die Transfiguration war verschlossen unter den

Händen der Restauratoren: ich habe sie also nicht gesehen. Dafür war ich

so glücklich, den Saal der Zeichnungen offen zu treffen. Wie sehr

bedauerte ich, daß Schnorr nicht mehr hier war! er wäre hier in seinem

eigentlichen Element gewesen. Das Wichtigste darunter ist doch wohl auf

alle Fälle die völlig ausgearbeitete Skizze Raphaels von seiner Schule,

mir däucht, fast so groß, wie das Gemälde selbst. Er hat bekanntlich

nachher im Vatikan in der Arbeit einige wenige Veränderungen gemacht.

Ich genoß, und ließ die andern gelehrt vergleichen; nahm hier wieder den

Sokrates und Diogenes und Archimedes. Im nämlichen Saale sah ich auch

die Vasen und einige Tische. Die bekannte Mengsische Vase mit der

doppelten griechischen Aufschrift zeichnet sich durch Schönheit vor den

meisten übrigen aus. Daß die eine Inschrift [Griechisch: Depas] heißt,

ist die höchste Wahrscheinlichkeit: aber die Entzifferung der andern

beruht wohl nur auf Konjektur des Gegenstandes; denn man könnte aus den

Zügen eben so gut [Griechisch: Korakas], als [Griechisch: Êepauso]

machen. Die Vermuthung ist indessen sinnreich, wenn sie auch nicht

richtig seyn sollte. Vielleicht giebt irgend eine Stelle eines alten

Schriftstellers einigen Aufschluß darüber.

Ich hatte gewünscht, David zu sehen, hörte aber in Paris so viel

Problematisches über seinen Charakter, daß mir die Lust verging. Ich sah

ihn nur ein einziges Mal in seinem kleinen Garten am Louvre, und sein

Anblick lud mich nicht ein, ihm näher zu kommen. Das that mir leid, denn

ich finde in dem Manne sonst Vieles, was mich hingezogen hätte. Aber

reine Moralität ist das Erste, was ich von dem Manne fordere, den ich zu

sehen wünschen soll. Vielleicht thut man dem strengen, etwas finstern

Künstler auch etwas zuviel; desto besser für ihn und für uns Alle! Sein

Sohn hatte die Höflichkeit mich in das Atelier seines Vaters zu führen,

wo Brutus der Alte steht, ein herrliches Trauerstück. Man nennt es hier

nur die Reue des Brutus, und ich begreife nicht, wie man zu dieser Idee

gekommen ist. Die Leichen der jungen Menschen werden eben

vorbeigetragen, der weibliche Theil der Familie unterliegt dem Gewicht

des Schmerzes, die Mutter wird ohnmächtig gehalten. Diese Gruppirung ist

schön und pathetisch. Der alte Patriot sitzt entfernt in der Tiefe

seines Kummers; er fühlt ganz die Verwaisung seines Hauses. Dieß ist,

nach meiner Meinung die ganze Deutung des Stücks. Reue ist nicht auf

seinem Gesichte, und kann, so viel ich weiß, nach der Geschichte nicht

darauf seyn. Diese Arbeit hat mir besser gefallen als die Sabinerinnen,

welche in einem abgelegenen Saale für 36 Sols Entrée gezeigt werden. Ich

weiß nicht, ob David es nöthig hat, sich Geld zahlen zu lassen: aber die

Methode macht weder ihm, noch der Nation Ehre. Ich hatte nichts gezahlt,

weil mich sein Sohn führte. Es thut mir in seine und jedes guten

Franzosen Seele leid, daß die Kunst hier so sehr merkantilisch ist.

Ueber das Stück selbst schweige ich, da ich im Ganzen der Meinung der

andern deutschen Beurtheiler bin.

In Versailles war ich zweimal; einmal allein, um mich umzusehen; das

zweitemal in Gesellschaft mit Landsleuten, als die Wasser sprangen. In

Paris sah man Alles unentgeltlich, und überall war zuvorkommende

Geselligkeit: in Versailles war durchaus eine Begehrlichkeit, die gegen

die Pariser Humanität sehr unangenehm abstach. Ich zahlte einem

Lohnlakei für zwei Stunden einen kleinen Thaler; darüber murrte er und

verlangte mehr. Ich gab dem Mann in den ehemaligen Zimmern des Königs

dreißig Sols; dafür war er nicht höflich. Alles war theurer und

schlechter und alle Gesichter waren mürrischer. Das scheint mir nun so

die eingewurzelte Natur des alten Hofwesens zu seyn. Du wirst mir die

Beschreibung der Herrlichkeiten erlassen. Unten das Naturalienkabinet

ist sehr artig, und enthält mehrere Kuriositäten, muß aber freilich viel

verlieren, wenn man einige Tage vorher den botanischen Garten in Paris

gesehen hat. Eine eigene Erscheinung ist in dem hintersten Zimmer eine

Zusammenhäufung der Idole der verschiedenen Kulten des Erdbodens.

Darunter stand auch das Kreuz und mich wundert, daß man es nach

Abschließung des Konkordats noch nicht wieder von hier weggenommen hat,

da es doch sonst durchaus wieder in seine Würde gesetzt ist. Die Gemälde

auf den Sälen oben sind alle aus der französischen Schule, und es sind

viele Stücke darunter, die durch Kunst und noch mehr durch

Geschichtsbeziehung interessant sind. Der Garten und vorzüglich die

Orangerie wird in guter Ordnung gehalten. Sie ist schön, und es ist wohl

wahrscheinlich, was man sagt, daß Bäume dabei sind, die schon unter

Heinrich dem Vierten hier gestanden haben. Die Partien nach Trianon

hinüber sind noch eben so schön, als sie vor zwanzig Jahren waren. Die

Versailler, welche unstreitig von allen am meisten durch die Revolution

verloren haben, und bei denen das monarchische Wesen vielleicht noch am

festesten sitzt, schmeicheln sich, daß der Hof wieder hierher kommen

werde, damit sie doch nicht gänzlich zu Grunde gehen. Das ist geradezu

ihre Sprache und ihr Ausdruck; und sie haben wohl daran nicht Unrecht.

Wenn sie vom Großkonsul sprechen, nennen sie sein Gefolge seinen Hof;

und wenn man die Sache recht ohne Vorurtheil nimmt, ist er absoluter und

despotischer, als irgend ein König von Frankreich war, von Hugo Capet

bis zum letzten unglücklichen Ludwig. Jetzt wird St. Cloud für ihn

eingerichtet.

Gestern habe ich ihn auch endlich gesehen, den Korsen, der der großen

Nation mit zehnfachem Wucher zurückgiebt, was die große Nation seine

kleine seit langer Zeit hat empfinden lassen. Es war der vierzehnte Juli

und ein großes Volksfest, wo der ganze Pomp der seligen Republik hinter

ihm herzog. Früh hielt er große Parade auf dem Hofe der Tuilerien, wo

alles Militär in Paris und einige Regimenter in der Nachbarschaft die

Revue passirten. Ich hatte daher Gelegenheit, zugleich die schönsten

Truppen von Frankreich zu sehen. Die Konsulargarde ist unstreitig ein

Corps von den schönsten Männern, die man an einem Orte beisammen denken

kann: nur kann ich mir in den französischen Soldaten, ich mag sie

besehen, wie ich will, immer noch nicht die Sieger von Europa

vorstellen. Wir sind mehr durch den Geist ihrer Sache und ihren hohen

Enthusiasmus, als durch ihre Kriegskunst, geschlagen worden. Die

taktische Methode des Tiraillirens, die aber vielleicht nur der

Ueberlegene an Anzahl brauchen kann, hat das Ihrige auch gethan. Von

Bonaparte sollte ich wohl lieber schweigen, da ich nicht sein Verehrer

bin. Einen solchen Mann sieht man auf zweihundert Meilen vielleicht

besser, als auf zehn Schritte. Es scheint aber in meinem Charakter zu

liegen, Dir über ihn etwas zu sagen; und das will ich denn mit Offenheit

thun. Ich bin keines Menschen Feind, sondern nur der Freund der

Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Neid und Herabsetzungssucht sind

meiner Seele fremd; ich nehme immer nur die Sache. Ich bin dem Manne von

seiner ersten Erscheinung an mit Aufmerksamkeit gefolgt, und habe seinen

Muth, seinen Scharfblick, seine militärische und politische Größe nie

verkannt. Problematisch ist er mir in seinem Charakter immer gewesen,

und ist es jetzt mehr, als jemals, wenn man ihn nicht geradezu verdammen

soll. Bis auf den Tag von Marengo, wo ihn Desaix's Tod aus den

republikanischen Grenzen heraushob, hat er als Republikaner im

Allgemeinen handeln müssen: seitdem hat er nichts mehr im Sinne eines

Republikaners gethan.

Als er aus Aegypten kam, trat er die Krise seines Charakters an. Wir

wollen sehen, was er in Paris thut, dachte ich, und dann urtheilen. Ich

tadle ihn nicht, daß er das Direktorium stürzte: es war keine Regierung,

die unter irgend einem Titel die Billigung der Vernünftigen und

Rechtschaffenen hätte erhalten können. Ich tadle ihn nicht, daß er so

viel als möglich in der wichtigen Periode das Ruder des Staats für sich

in die Hände zu bekommen suchte: es war in der Vehemenz der Faktionen

vielleicht das einzige Mittel, diese Faktionen zu stillen. Aber nun

fängt der Punkt an, wo sein eigenster Charakter hervorzutreten scheint.

Seitdem hat er durchaus nichts mehr für die Republik gethan, sondern

Alles für sich selbst -- eben da er aufhören sollte, irgend etwas mehr

für sich selbst zu thun, sondern Alles für die Republik. Jeder Schritt,

den er that, war mit herrlich berechneter Klugheit vorwärts für ihn, und

für die Republik rückwärts. Land gewinnen heißt nicht die Republik

befestigen. Die erste Konstitution zeigte zuerst den Geist, den er

athmen würde. Sie wurde mit dem Bajonett gemacht, wie fast alle

Konstitutionen. Es that mir an diesem Tage wehe für Frankreich und für

Bonaparte. Das Schicksal hatte ihm die Macht in die Hände gelegt, der

größte Mann der Weltgeschichte zu werden: er hatte aber dazu nicht

Erhabenheit genug und setzte sich herab, mit den übrigen Großen auf

gleichen Fuß. Er ist größer, als die Dionyse und Cromwelle; aber er ist

es doch in ihrer Art, und erwirbt sich ihren Ruhm. Daß er nicht sah, daß

seine Konstitution die neue Republik zertrümmern und dem vollen

Despotismus die Wege bahnen würde, das läßt sich von seinem tiefen Blick

nicht denken: und über seine Absichten mag ich nicht Richter seyn. Ich

habe wider das Konsulat nichts, nichts wider das erste Konsulat. Aber

seine Macht war sogleich zu exorbitant, und die Dauer war nicht mehr

republikanisch. Ich gebe zu, daß die Dauer der römischen Magistraturen

von einem Jahre zu kurz war, zumal bei der Unbestimmtheit und

Schlaffheit ihrer Gesetze ^de ambitu^; aber die Dauer der neuen

französischen von zehn Jahren war zu lang. Der letzte Stoß war, daß der

alte Konsul wieder gewählt werden konnte. Ein Mann, der fast zehn Jahre

lang eine fast grenzenlose Gewalt in den Händen gehabt hat, müßte ein

Blödsinniger, oder schon ein öffentlicher, verächtlicher Bösewicht seyn,

wenn er nicht Mittel finden sollte, sich wieder wählen zu lassen, und

sodann nicht Mittel, die Wahl zum Vortheil seiner Kreaturen zu

beherrschen. Kleine Bedienungen mögen und dürfen in einer Republik

lebenslänglich seyn; wenn es aber die großen sind, geht der Weg zur

Despotie. Das lehrt die Geschichte. Ich hätte nicht geglaubt, daß es so

schnell gehen würde; aber auch dieses zeigt den Charakter der Nation.

Fast sollte man glauben, die Franzosen seien zur bestimmten Despotie

gemacht, so kommen sie ihr überall entgegen. Sie haben während der

ganzen Revolution viel republikanische Aufwallung, oft republikanischen

Enthusiasmus, zuweilen republikanische Wuth gezeigt, aber selten

republikanische Vernunft. Nicht, als ob nicht hier und da einige Männer

gewesen wären, die das Letzte hatten; aber der Sturm verschlang sie. Es

sind durch diese Staatsveränderung freilich Ideen in Umlauf gekommen und

furchtbar bis zur Wuth gepredigt worden, die man sich vorher nur sehr

leise sagte, und die so leicht nicht wieder zu vertilgen seyn werden:

aber die halbe und falsche Aufklärung dieser Ideen und der Mißbrauch

derselben geben den etwas gewitzigten Gegnern die Waffen selbst wieder

in die Hände. Die Republik Frankreich trägt, so wie die römische, und

zwar weit näher, als jene, ihre Auflösung in sich, wenn man keine

haltbarere Konstitution bauet, als bis jetzt geschehen ist. Mir thut das

leid; ich habe vorher ganz ruhig dem Getümmel zugesehen und immer

geglaubt und gehofft, daß aus dem wildgährenden Chaos endlich noch etwas

Vernünftiges hervortauchen würde. Seitdem Bonaparte die Freiheit

entschieden wieder zu Grabe zu tragen droht, ist mir, als ob ich erst

Republikaner geworden wäre. Ich bin nicht der Meinung, daß eine große

Republik nicht dauern könne. Wir haben an der römischen das Gegentheil

gesehen, die doch, trotz ihrer gerühmten Weisheit, schlecht genug

organisirt war. Ich halte dafür, daß in einer wohlgeordneten Republik am

meisten Menschenwürde, Menschenwerth, allgemeine Gerechtigkeit und

allgemeine Glückseligkeit möglich ist. Beweis und Vergleichung weiter zu

führen, würde wenig frommen und hier nicht der Ort seyn. Wo nicht der

Knabe, der diesen Abend in der letzten Strohhütte geboren wurde, einst

rechtlich die erste Magistratur seines Vaterlandes verwalten kann, ist

es Unsinn von einer vernünftigen Republik zu sprechen. Privilegien aller

Art sind das Grab der Freiheit und Gerechtigkeit. Schon das Wort erklärt

sich. Eine Ausnahme vom Gesetz ist eine Ungerechtigkeit, oder das Gesetz

ist schlecht. In Deutschland hat man klüglich die Geistlichen und

Gelehrten in etwas Theil an manchen Privilegien nehmen lassen, damit der

Begriff nicht so leicht unbefangen auseinander gesetzt werde, und die

Beleuchtung Publicität gewinne. In Frankreich hat man zwar die

Privilegien mit einem einzigen Machtspruche zertrümmert und glaubt nun

genug gethan zu haben. Aber sie werden sich schon wieder einschleichen

und festsetzen; und man arbeitete schon selbst dadurch für sie, daß man

auf der Gegenseite ohne Schonung stürmte, und zu weit ging. »Die

Republik der Fische ist durch die freie Fischerei zerstört,« sagte der

geistliche Herr ganz skoptisch in dem Postwagen; »und die freie Jagd

giebt der Polizei genug zu thun; denn es macht allerhand Gesindel im

Lande allerhand Jagd.« Muß man denn bei Abstellung der Ungebühr durchaus

die Jagd frei geben? Oder ist dieses nur ein Rechtsbegriff? Sie kann

nicht frei seyn. In jedem wohlgeordneten Staate ist sie nur ein Recht

der Eigenthümer; und nur der Eigenthümer kann die Befugniß haben, das

Wild auf seinem Grundstücke zu tödten, und hat den Prozeß gegen den

Nachbar, der es zum Schaden seiner Nachbarn nicht thut. Das Lehnsystem

ist in Frankreich abgeschafft. Es wird sich aber von selbst wieder

machen; denn man hat keine Vorkehrungen dagegen getroffen. Nach meiner

Ueberzeugung ist die Grundlage der Freiheit und Gerechtigkeit in einem

Staate, daß der Staat durchaus nur reine Besitzungen giebt und sichert,

und dafür reine Pflichten fordert. Durch diesen Grundsatz allein werden

die Rechtsverhältnisse vereinfacht, und die Beeinträchtigung aller Art

aufgehoben. Es entsteht daraus zwar nothwendig ein Gesetz, das eine

Einschränkung des Eigenthumsrechts zu seyn scheint; dieses ist aber

nicht weiter, als insofern gar Niemand ein Eigenthumsrecht zum

Nachtheile des Staats haben kann und darf. Niemand darf nämlich die

Erlaubniß haben, seine Grundstücke mit Lasten zu verkaufen, oder auf

immer zu vergeben, sondern muß sie durchaus rein veräußern. Nur durch

dieses Gesetz wird der Rückkehr des Feudalsystems der Weg versperrt,

werden alle Frohnverhältnisse, alle Leistungen an Subordinirte,

Emphyteusen, alle Erbpachtungen aufgehoben. Denn alles dieses ist der

Weg zum Lehnsystem, und dieses ist der Weg zu Ungerechtigkeiten aller

Art und zur Sklaverei. Wo es noch erlaubt ist, mit Lastklauseln

Grundstücke umzutauschen, kann in die Länge keine wahre Freiheit und

Gerechtigkeit bestehen. Dagegen sind wohl schwerlich gültige

Einwendungen zu machen. Wenn jemand zu viele Grundstücke hat, daß er sie

nicht durch sich und seine Familie verwalten, oder durch Pächter

besorgen und bestellen lassen kann, so hat er eben deßwegen für den

Staat in jeder Rücksicht schon zu viel; er ist ihm zu reich. Er mag dann

verkaufen, aber rein verkaufen und ohne Bedingung, so theuer, als er

will. Intermediäre Lasten können nicht bleiben: der Bürger kann Niemand

Pflichten schuldig seyn, als dem Staate: und Bürger ist jeder, der nur

einen Fuß Landes besitzt. ^In detrimentum reipublicae^ finden keine

Besitzungen Statt. Es versteht sich von selbst, daß dann alle

Steuerkataster nach der Regel Detri gemacht werden: und die erste

Realimmunität ist der erste Schritt zur Despotie. So lange unsere

Staaten nicht nach diesen Grundsätzen gemacht werden, dürfen wir nicht

allgemeine Gerechtigkeit, nicht allgemeines Interesse, nicht Festigkeit

und Dauer erwarten. In Frankreich ist kein Gesetz, das den belasteten

Verkauf der Grundstücke untersagte; die Folge ist vorauszusehen.

Die Errichtung der Ehrenlegion mit Anweisung auf Nationalgüter ist der

erste beträchtliche Schritt zur Wiedereinführung des Lehnsystems; das

ward allgemein gefühlt: aber Niemand hat die Macht, dem Allmächtigen zu

widerstehen, der den Bajonetten befiehlt. Die Bajonette sind, wie

gewöhnlich, sehr fein mit ins Spiel gezogen, und die meisten Führer

derselben nehmen sich nicht die Mühe, bis auf übermorgen vorwärts zu

denken. Wo die Regierung militärisch wird, ist es um Freiheit und

Gerechtigkeit gethan. Rom fiel, sobald sie es ward. Die Geistlichkeit

spricht wieder hoch und laut. Freilich wird sie nicht so schnell wieder

zu der enormen Höhe steigen, wo sie vorher stand, so wenig, wie der

Adel. Aber das alte System wurde auch nicht in einem Tage gebauet. Ich

erinnere mich, daß vor einiger Zeit ein Emigrant in Deutschland, der

übrigens nicht Schuld daran war, daß die Esel keine Hörner haben, sich

höchlich freute, daß nun wenigstens ein Edelmann allein an der Spitze

stehe: das Uebrige werde sich schon machen. Der Mann muß in seiner

Unbefangenheit eine prophetische Seele gehabt haben. Es hat wirklich

alles Ansehen, sich zu machen. Man sagt, Caprara habe schon auf

Wiederherstellung der Klöster angetragen, sei aber von Bonaparte

zurückgewiesen worden. Bonaparte müßte nicht der kluge Mann seyn; der er

ist, wenn er ohne Noth solche Sprünge machen wollte, oder mehr gäbe, als

er zu seinem Behufe muß. Es ist das Glück des Adels und der

Geistlichkeit, daß sie mit Modificationen in seine Zwecke gehören. Wenns

Noth thut, wird sich schon Alles geben. Daß die Katholicität in

Frankreich noch vielen Anhang, theils aus Ueberzeugung, theils aus

Gemächlichkeit, theils aus Politik hat, beweist das Konkordat sehr

deutlich. Man hat wirklich den Katholicismus zur Staatsreligion, das

heißt zur herrschenden, gemacht, und ich stehe nicht dafür, wenn es so

fort geht, daß man in hundert Jahren das Bekehrungsgeschäft nicht wieder

mit Dragonern treibt. Ich selbst wurde durch die Rolle, die Bonaparte

dabei spielte, gar nicht überrascht; es war seine Konsequenz: er war bei

der Osterceremonie der nämliche, welcher er in Aegypten war, wo er sein

Manifest anfing: »Im Namen des einzigen Gottes, der keinen Sohn hat!« Er

dachte ^mundus vult -- ergo --^; aber das Sprichwort ist nicht wahr: und

es wäre zu wünschen gewesen, daß er nicht so gedacht hätte. »^Il est un

peu singe, mais il est comme il faut^;« sagte der geistliche Herr im

Postwagen. Wenn er Bonaparte dadurch richtig gezeichnet hat, so ist es

zugleich ein gräßliches Verdammungsurtheil für seine Nation. Nur die

Zeit kam erleuchtend. Der Mann ist von seiner Größe herabgestiegen. Es

wird erzählt, er habe die Fahnen weihen wollen, sei aber durch das

Gemurmel der alten Grenadiere davon abgehalten worden, die doch

anfingen, die Dose etwas zu stark zu finden. Ein Mann, der in Berlin und

Petersburg entschieden republikanische Maßregeln nimmt, gilt dort mit

Grund für widerrechtlich und die Regierung verfährt gegen ihn nach den

Gesetzen; das Gegentheil muß aus dem nämlichen Grunde seit zehn Jahren

in Frankreich gelten: man müßte denn in der Berechnung etwas höher

gehen; welches aber sodann jedem Revolutionär ^in utramque partem^ zu

Statten kommen würde.

Jetzt lebte er einsam und mißtrauisch, mehr, als je ein Morgenländer.

Friedrich versäumte selten eine Wachparade; der Konsul hält alle Monate

nur eine einzige. Er erscheint selten und immer nur mit einer starken

Wache, und soll im Schauspiel in seiner Loge sogar Reverberes nach allen

Seiten haben, die ihm Alles zeigen, ohne daß ihn Jemand sieht. Bei

andern liberalern Maßregeln könnte er als Fremdling, wie eine

wohlthätige Gottheit unter der Nation herumwandeln, und sein Name würde

in der Weltgeschichte die Größe aller andern niederstrahlen. Nun wird er

unter den Augusten, oder wenigstens unter den Dionysen glänzen; dafür

hat er auf den kleinlichen Ruhm eines Aristides Verzicht gethan. Ich

könnte weinen; es ist mir, als ob mir ein böser Geist meinen Himmel

verdorben hätte. Ich wollte so gern einmal einen wahrhaft großen Mann

rein verehren; das kann ich nun hier wieder nicht.

Man sagt sich hier still und leise mehrere Bonmots, die seinen Stempel

tragen. Von dem Tage des ägyptischen Manifestes an hat sich meine Seele

über seinen Charakter auf Schildwache gesetzt. Das Konkordat und die

Osterfeier sind das Nebenstück. Als ihn ein zelotischer Republikaner in

die ehemaligen Zimmer des Königs führte, die er nun selbst bewohnen

wollte, und ihm dabei bedeutend sagte: »^Citoyen, vous entrez ici dans

la chambre d'un tyran^;« antwortete er mit schnellem Scharfsinn: »^S'il

avoit été tyran, il le seroit encore.^« Eine furchtbare Wahrheit aus

seinem Munde! Als ihm vorgestellt wurde, das Volk murre bei einigen

seiner Schritte, er möchte bedenken, erwiederte er: »^Le peuple n'est

rien pour qui le sait mener.^« Dem Sieyes, den die Partei des Konsuls

bei jeder Gelegenheit als einen Flachen, sehr subalternen Kopf

darstellt, soll er auf eine Erinnerung sehr skoptisch gesagt haben: »^Si

j'avois été roi en 1790, je le serois encore; et si j'avois dit alors la

messe, j'en ferois encore de même.^« Ich sage Dir, was man hier und

bedächtlich an öffentlichen Orten spricht; denn laut zu reden wagt es

Niemand, weil seine ^lettres de cachet^ eben so sicher nach Bicetre

führen, als unter den Königen in die Bastille. Als das bekannte Buch

über das lebenslängliche Konsulat erschien und er es nicht mehr

unterdrücken konnte und doch den Verfasser, der ein angesehener und von

der Nation allgemein geachteter Mann war, willkührlich gewaltsam in der

Krise anzutasten nicht wagte, begnügte er sich zu sagen: »Es sei Alles

sehr gut, aber jetzt nur etwas zu früh.« Jedermann, der etwas weiter

blickte, behauptete, es sei leider etwas zu spät. Das gesetzgebende

Corps nennt man hier nur die Versammlung, durch welche er Gesetze giebt.

Als ein Kommissär mit dem feinen Vorschlag des lebenslänglichen

Konsulats nicht sogleich überall erwünschten Eingang fand, sondern

vielmehr Schwierigkeiten aller Art antraf, soll er bei dem schnellen

Rapport ungeduldig mit den Fingern geknackt und gesagt haben: »^Ah, je

saurai les attraper.^« Das hat er gehalten. Er schmiedete das Eisen

schnell, weil es warm war: nach vierzehntägigen Abkühlungen und

Ueberlegungen möchte die Sache anders gegangen seyn. Ueber die Stimmung

werden sonderbare Anekdoten erzählt; aber sie ist nun geschehen.

Man nennt ihn hier mit verschiedenen Namen, ^le premier consul^, ^le

grand consul^, ^le consul^ vorzugsweise. Die beiden andern, die auch nur

das Drittheil der Wache haben, sind neben ihm Figuranten und ihrer wird

weiter nicht gedacht, als in der Form der öffentlichen Verhandlungen.

Scherzweise nennt man ihn auch ^Sa Majesté^, und ich stehe nicht dafür,

daß es nicht Ernst wird. Auch heißt er ziemlich öffentlich ^empereur des

Gaules^; vielleicht die schicklichste Benennung für seinen Charakter,

welche die Franzosen auch zugleich an die mögliche Folge erinnert! Auf

Cäsar folgte August, und so weiter.

Die Feier des Tages des Bastillensturms beschloß ein Konzert in den

Tuilerien, wo in dem Gartenplatze vor dem Orchester am Schlosse eine

unzählige Menge Menschen zusammen gedrängt stand. Die ganze

Nationalmusik führte es aus, und that es mit Kunst und Fertigkeit und

Würde. Die Musik selbst gefiel mir nicht, ein Marsch ausgenommen, der

durch seinen feierlichen Gesang eine hohe Wirkung hervorbrachte. Ich

habe den Meister nicht erfahren. Das erste Orchester und vielleicht die

erste Versammlung der Erde hätte bessere Musik haben sollen. Auf dem

Balkon waren alle hohen Magistraturen der Republik, wie sie noch heißt,

in ihrem Staatsaufzuge, und von den fremden Diplomatikern diejenigen,

denen der Rang eine solche Ehre gab. Der erste Konsul ließ sich

einigemal sehen, ehe man Notiz von ihm nahm. Endlich fingen einige der

Vordern an zu klatschen; es folgte aber nur ein kleiner Theil der Menge.

Der Platz hielt vielleicht über Hunderttausend, und kaum der hundertste

Theil gab die Ehrenbezeigung. Der Enthusiasmus war also nicht so

allgemein, als man für ihn in seiner neuen Würde hätte erwarten sollen.

Auch die Illumination war nicht die Hälfte von dem, was sie voriges Jahr

gewesen seyn soll: und man sprach hier und da davon, daß die

republikanischen Feste nach und nach eingehen sollten. Das ist

begreiflich. Indessen werden sie doch etwas länger dauern, als die

Republik selbst; wie die meisten Zeichen länger währen, als die Sache

selbst.

Von den Merkwürdigkeiten in Paris darf ich nicht wieder anfangen wenn

ich kein Buch schreiben will; und dazu habe ich weder Lust, noch Zeit,

noch Kenntniß. Die bunte Scene wandelt sich alle Tage interessant. Bloß

der Garten der Tuilerien mit den elysäischen Feldern, welcher die

Hauptpromenade der Pariser in dieser Gegend ausmacht, gewährt täglich

eine unendliche Verschiedenheit. Die Preßfreiheit ist hier

verhältnißmäßig eingeschränkter, als in Wien, und ich bin fest

überzeugt, wenn der Tartüffe jetzt erschiene, man würde ihn eben sowohl

verdammen, als damals; und Moliere könnte wieder sagen: »^Monsieur le

président ne veut pas, qu'on le joue.^« Die Dekaden sind durch das

Konkordat und die Einführung der römischen Religion nothwendig geradezu

wieder abgeschafft; sie heben einander auf. Auch rechnet man in Paris

fast überall wieder nach dem alten Kalender und zählt nach Wochen. Die

öffentlichen Verhandlungen werden bald folgen. Die Fasten werden in den

Provinzen in Frankreich hier und da strenger gehalten, als selbst in

Italien. In Italien konnte ich fast überall essen nach Belieben; in

Dijon mußte ich einigemal, sogar an der Wirthstafel, zur Fasten mit der

Gesellschaft Froschragout essen: es war kein anderes Fleisch da. Mir war

es einerlei, ich esse gern Frösche; aber diese Mahlzeit ist doch sonst

nicht Jedermanns Sache. So ging mir es noch mehrere Mal auf der Reise.

In Paris nimmt man freilich noch keine Notiz davon; aber man that es

auch ehemals nicht. Die alten Namen der Oerter und Gassen treten nach

und nach alle wieder ein, und eine republikanische Charte von der Stadt

ist fast gar nicht mehr zu brauchen. Viele stellen sich, als ob sie die

neuen Namen gar nicht wüßten; so sah mich ein sehr wohlgekleideter Mann

glupisch an, als ich in die ^rue de loi^ wollte, wies mich aber sehr

höflich weiter, als ich sie ^rue de Richelieu^ nannte. Das Pantheon

heißt wieder die heilige Genoveve, und wird höchst wahrscheinlich nur

unter dieser Rubrik vollendet werden. Ob sich dieses alles so sanft

wieder machen wird, weiß der Himmel. Man scheint jetzt von allen Seiten

mit gehörigen Modificationen darauf hinzuarbeiten. Die wieder

eingewanderten und wieder eingesetzten Geistlichen treten schon überall

von neuem mit ihren Anmaßlichkeiten hervor, und finden Engbrüstigkeit

genug für ihre Lehre. Sie versagen, wie man erzählt, hier und da die

Absolution, wenn man die Güter der Emigranten nicht wieder herausgeben

will. Das kann in einzelnen Fällen sogar republikanische Gerechtigkeit

seyn: aber der Mißbrauch kann weit führen. Man erzählt viele Beispiele,

daß die französischen Roskolniks durchaus keine gemischten Ehen

gestatten. Laßt nur erst die Geistlichkeit in die Justiz greifen, so

seid ihr verloren! Vor einigen Tagen las ich eine ziemlich sonderbare

Abhandlung in einem öffentlichen Blatte, wo der Verfasser eine Parallele

zwischen dem französischen und englischen Nationalcharakter zog. Man

blieb ungewiß, ob das Ganze Ernst, oder Ironie war. Er ließ den Briten

wirklich den Vorzug des tiefern Denkens, und behauptete für seine Nation

durchaus nur die schöne Humanität und den Geschmack. Wenn sich das

Letzte nur ohne das Erste halten könnte. Die Ausführung war wirklich

drollig. Er sagt nicht undeutlich, die ganze Revolution sei eine Sache

des Geschmacks und der Mode gewesen; und wenn man die Geschichte

durchgeht, ist man fast geneigt, ihm Recht zu geben. Aber diese Mode hat

Ströme Blut gekostet; und wenn man so fortfährt, wird fast so wenig

dadurch gewonnen werden, als durch jede andere Mode der Herren von der

Seine.

Die Polizei ist im Allgemeinen außerordentlich liberal, wenn man sich

nur nicht beigehen läßt, sich mit Politik zu bemengen. Das ist man in

Wien auch. Der Diktator scheint das alte Schibolet zu brauchen: ^panem

et circenses^. Wenn ich in irgend einer großen Stadt zu leben mich

entschließen könnte, so würde ich Paris wählen. Die Franzosen haben

mehr, als eine andere Nation dafür gesorgt, daß man in der Hauptstadt

noch etwas schöne Natur findet. Die Tuilerien, die elysäischen Felder,

die Boulevards, Luxenburg, der botanische Garten, der Invalidenplatz,

Frascati und mehrere andere öffentliche Orte gewähren eine schöne

Ausflucht, die man durchaus in keiner andern großen Stadt so trifft.

Eine meiner sentimentalen Morgenpromenaden war, die Wachparade der

Invaliden zu sehen; in meinem Leben ist mir nichts rührender gewesen,

als diese ehrwürdige Versammlung. Kein einziger Mann, der nicht für sein

Vaterland eine ehrenvolle Wunde trug, die ihm die Dankbarkeit seiner

Mitbürger erwarb! Zur Ehre unserer Chirurgie und Mechanik wandelten

Leute ohne beide Füße so fest und trotzig auf Holz, als ob sie morgen

noch eine Batterie nehmen wollten. Die guten Getäuschten glauben

vielleicht immer noch für Freiheit und Gerechtigkeit gefochten zu haben

und verstümmelt zu seyn.

Morgen will ich zu Fuße fort, und bin eben bloß aus Vorsicht mit meinem

Passe auf der Polizei gewesen; denn man weiß doch nicht, welche

Schwierigkeiten man in der Provinz haben kann. Meine Landsleute und

Bekannten hatten mir gleich beim Eintritt in die Stadt gesagt, ich müßte

mich mit meinem Passe auf der Polizei melden, und redeten viel von der

Strenge. Ich fand keinen Beruf hinzugehen. Es ist die Sache der Polizei,

sich um mich zu bekümmern, wenn sie will; ich weiß nichts von ihrem

Wesen. Man hat von Basel aus bis hierher nicht nach meinem Passe

gefragt; auch nicht hier an der Barriere. Der Wirth schrieb meinen Namen

auf und sagte übrigens kein Wort, daß ich etwas zu thun hätte. »Wenn

mich die Polizei braucht,« sagte ich, »wird sie mich schon holen lassen;

man hätte mir das Nöthige an der Barriere im Wagen oder im Wirthshause

sagen sollen.« Es fragte auch niemand. Indessen, da ich fort will, ging

ich doch hin. Der Officier, der die fremden Pässe zu besorgen hatte,

hörte mich höflich an, besah mich und den Paß und sagte sehr freundlich,

ohne ihn zu unterschreiben: »Es ist weiter nichts nöthig; Sie reisen so

ab, wenn Sie wollen.« -- Der Paß war noch der Preußische von Rom aus. --

»Wenn Sie ihn allenfalls vom Grafen Lucchesini wollen vidiren lassen,

das können Sie thun; aber nöthig ist es nicht.« Ich dankte ihm und ging.

In dergleichen Fällen thue ich nicht gern mehr, als ich muß; ich ging

also nicht zu dem Gesandten.

_Frankfurt._

Dem Himmel sei Dank, nun bin ich wieder diesseits des Rheins im

Vaterlande. Ich werde Dir über meinen Gang von Paris hierher nur wenig

zu sagen haben, da er so oft gemacht wird, und bekannter ist, als eine

Poststraße in Deutschland.

Den ein und zwanzigsten ging ich aus Paris und schlief in Meaux. Der Weg

ist angenehm und volkreich, wenn gleich nicht malerisch; und die

Bewirthung ist überall ziemlich gut, freundlich und billig. Wenn ich

zwischen Rom und Paris eine Vergleichung ziehen soll, so fällt sie in

Rücksicht der Literatur und des Lebensgenusses allerdings für Paris,

aber in Rücksicht der Kunst immer noch für Rom aus. Du darfst nur das

neueste sehr treue Gemälde von Rom lesen, um zu sehen, wie viel für

Humanität und Umgang dort zu haben ist; für Wissenschaft ist fast nichts

mehr. Alte Geschichte und alles was sich darauf bezieht, ist das

einzige, was man dort an Ort und Stelle gründlich und geschmackvoll

studiren kann. In Paris sind die öffentlichen vortrefflichen

Büchersammlungen für Jedermann, und es gehört sogar zum guten Tone,

wenigstens zuweilen eine Promenade durch die Säle zu machen, die Fächer

zu besehen, die Raritätenkasten zu begucken und einige Kupferstiche zu

beschauen. Wer sie benutzen will, findet in allen Zweigen Reichthümer;

und alles wird mit Gefälligkeit gereicht. In Rom wurde die vatikanische

Bibliothek, so lange ich dort war, nicht geöffnet. Die Schätze schlafen

in Italien, und es ist vielleicht kein Unglück, daß sie etwas geweckt

und zu wandern gezwungen worden sind.

Mit der Kunst ist es anders. Wäre ich Künstler und hätte die Wahl

zwischen Rom und Paris, ich würde mich keine Minute besinnen und für das

erste entscheiden. Die Franzosen hatten allerdings vorher eine hübsche

Sammlung, und haben nun die Hauptwerke der Kunst herüber geschafft: aber

dadurch haben sie Rom den Vortheil noch nicht abgewonnen. In Gemälden

mag vielleicht kein Ort der Welt seyn, der reicher wäre, als Paris; aber

die ersten Meisterwerke der größten Künstler, die lauter Frescostücke

sind, konnten doch nicht weggeschafft werden. Die Logen, die Stanzen,

die Kapelle, die Farnesina, Grottaferrata und andere Orte, wo Michel

Angelo, Raphael, die Caracci, Domenichino und andere den ganzen

Reichthum ihres Geistes niedergelegt haben, mußten unangetastet bleiben,

wenn man nicht vandalisch zerstören wollte. Die Schule von Athen allein

gilt mehr, als eine ganze Gallerie. Die venezianischen Pferde, welche

vor dem Hofe der Tuilerien aufgestellt sind, mögen sehr schöne Arbeit

seyn; aber mir gefallen die meisten Statüen in Italien besser. Die Rasse

der Pferde ist nicht sehr edel. Ich zweifle, ob sie unter den

Pferdekennern so viel Lärm machen werden, als sie unter den Künstlern,

oder vielmehr unter den Antiquaren gemacht haben. Das Pferd des Mark

Aurel auf dem Kapitol ist mir weit mehr werth, und die beiden

Marmorpferde aus Herkulanum in Portici würde ich auch vorziehen. Der

einzige Vorzug, den sie haben, ist, daß sie vielleicht die einzigen

alten Tethrippen sind, die wir noch übrig haben: und auch dazu fehlt

ihnen noch viel. Schlecht sind sie nicht und man sieht sie immer mit

Vergnügen; aber für die schöne Arbeit sollten es schönere Pferde seyn.

Man hat ihnen die gallischen Hähne zu Wächtern gegeben. Gegen das

Kapitol haben diese nicht nöthig zu krähen, wie die Gänse gegen die

Gallier schrieen; wenn sie nur sonst die wichtigste Weckstunde nicht

vorbei lassen.

* * * * *

Die Franzosen haben übrigens nur öffentliche Sammlungen, die

vatikanische und kapitolinische, in Kontribution gesetzt. Es ist kein

Privateigenthum angegriffen worden. Die Privatsammlungen machen aber in

Rom vielleicht den größten Theil aus. In der Villa Borghese steht alles,

wie es war; und der Fechter und der Silen mit dem Bacchus sind Werke,

die an klassischem Werth in Paris ihres Gleichen suchen. Die schönsten

Basreliefs sind noch in Rom in dem Garten Borghese und auf dem Kapitol

und sonst hier und da. Sarkophage, freilich sehr untergeordnete

Kunstwerke und Badegefäße sind in Rom noch in großer Menge von

ausgesuchter Schönheit: in Paris sind von den letztern nur zwei ärmliche

Stücke, die man in Rom kaum aufstellen würde. Uebrigens ist die Gegend

um Rom selbst mehr eine Wiege der Kunst. Die Natur hat ihren Zauber

hingegossen, den man nicht wegtragen kann. Man hat zwar die Namen

Frascati und Tivoli nach Paris gebracht und alles schön genug

eingerichtet: aber Frascati und Tivoli selbst werden für den Maler dort

bleiben, wenn man auch alles umher zerstört. Der Fall, die Grotte, die

Kaskadellen und die magischen Berge können nicht verrückt werden, und

stehen noch jetzt, wie vor zweitausend Jahren, mit dem ganzen Zauber des

Alterthums. Das Haus des Mäcen verfällt, wie die Häuser des Flaccus und

Katullus: man zieht keine Musen mehr aus ihrem Schutt hervor: aber die

Gegend hat noch tausend Reizungen, ohne sie. Man hat in Paris keinen

Albaner-See, kein Subiaco, kein Terni in der Nähe. Der Gelehrte gehe

nach Paris; der Künstler wird zur Vollendung immer nach Rom gehen, wenn

er gleich für sein Fach auch hier an der Seine jetzt zehnmal mehr

findet, als vorher. Sobald die Franzosen Raphaele und Buonaroti haben

werden, sind sie die Koryphäen der Kunst, und man wird zu ihnen

wallfahrten, wie ins Vatikan.

Függer und David scheinen mir indessen die einzigen großen Figurenmaler

zu seyn. Die Italiener haben, so viel ich weiß, keinen Mann, den sie

diesen beiden an die Seite stellen können. Dafür haben die andern keinen

Canova. Ein großer Verlust für die Kunst ist Drouais Tod, und es giebt

nicht gemeine Kritiker, die seinen Marius allen Arbeiten seines Lehrers

vorziehen.

Den zweiten Tag trennte sich der Weg, und ohne weitern Unterricht schlug

ich die Straße rechts ein, war aber diesmal nicht dem besten Genius

gefolgt. Sie war sehr öde und unfruchtbar, die Dörfer waren dünn und

mager, und es ward nicht eher wieder konfortabel, bis die Straßen bei

Chalons wieder zusammenfielen. Ich verlor dadurch einen großen Strich

von Champagne, und die schönen Rebhühneraugen in Epernay, auf die ich

mich schon beim Estest in Montefiascone gefreut hatte. Das liebe Gut,

das man mir dort in den Wirthshäusern unter dem Namen Champagner gab,

kann ich nicht empfehlen. Einige Stunden von Chalons schlief ich die

Nacht an einem Ort, der Pogny heißt, und der seinem Namen nach

vielleicht der Ort seyn kann, wo Attilla sehr tragisch das Nonplusultra

seiner Züge machte. Dann übernachtete ich in Longchamp, dann in Ligne en

Barrois. In Nancy, wo ich Vormittags ankam, besah ich Nachmittags das

Schloß und die Gärten, welche jetzt einen angenehmen öffentlichen

Spaziergang gewähren und ziemlich gut unterhalten werden. Hier hatte ich

den 26sten Juli schon reife, ziemlich gute Weintrauben. Der Professor

Wilmet, den ich mit einem Briefe von Paris besuchte, macht seinem

holländischen Namen durch wahre Philanthropie Ehre, ob er gleich weder

Deutsch, noch Holländisch spricht. Er ist Millins Pflegevater und

spricht mit vieler Zärtlichkeit von ihm, so wie dieser oft mit

kindlicher Dankbarkeit in Paris den Professor nannte. Wilmet war mit der

deutschen Literatur und besonders mit dem Zustande der Chemie und

Naturgeschichte in Deutschland sehr gut bekannt und schätzte die

Genauigkeit und Gründlichkeit der deutschen Untersuchungen.

Von da ging ich über Toul immer nach Straßburg herauf. Von Nancy aus

pflegt man die Notiz auf den Wirthshausschildern in französischer und

deutscher Sprache zu setzen, wo denn das Deutsche zuweilen toll genug

aussieht. Bei Zabern ist die Gegend ungewöhnlich schön und es muß in den

Bergen hinauf romantische Partien geben. Da ich den letzten Abend noch

gern nach Straßburg wollte, nahm ich die letzte Station Extrapost und

ließ mich in die Stadt Lion bringen. Das Wetter ward mir wieder zu heiß

und ich wollte den andern Morgen mit der Diligence nach Mainz fahren:

aber des alten wackern Oberlins Höflichkeit und einige neue angenehme

Bekanntschaften hielten mich noch einige Tage länger bis zur nächsten

Abfahrt. Oberlin traf ich auf der Bibliothek und er hatte die Güte, mir

ihre Schätze selbst zu zeigen. Unter den bronzenen Stücken ist mir ein

kleiner weiblicher Satyr aufgefallen, der nicht übel gearbeitet war. Die

Seltenheit solcher Exemplare erhöht vielleicht den Werth. Der alte

verstorbene Hermann hatte auf der Bibliothek die Stücke der

verstümmelten Statüen vom Münster mit sarkastischen Inschriften auf die

vandalischen Zerstörer aufbewahrt, wo Rühl und einige andere sich nicht

über ihre Enkomien freuen würden. Das schöne Wetter lockte mich mit

einer Gesellschaft über den Rhein herüber, und ich betrat nach meiner

Pilgerschaft bei Kehl zuerst wieder den vaterländischen Boden, und sah

die Verschüttungen des Forts und die neuen Einrichtungen der Regierung

von Baden. Es ist schon sehr viel wieder aufgebaut. Daß ich mich etwas

auf dem Münster umsah, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Man hat eine

herrliche Aussicht auf die ganze, große, schöne, reiche Gegend und den

majestätischen Fluß hinauf und hinab. Es wäre vielleicht schwer zu

bestimmen, ob der Dom in Mailand, oder diese Kathedrale den Vorzug

verdient. Diese beiden Gebäude sind wohl auf alle Fälle die größten

Monumente gothischer Baukunst. Als ich in der Thomaskirche das schlecht

gedachte und schön gearbeitete Monument des Marschall Moritz von Sachsen

betrachtete, kamen einige französische Soldaten zu mir, die sich

wunderten, wie hierher ein Kurfürst von Sachsen käme, und ich mußte

ihnen von der Geschichte des Helden so viel erzählen, als ich wußte, um

sie mit sich selbst in Einigkeit zu setzen. Auf der Polizei wunderte man

sich, daß mein Paß nirgends unterschrieben war und ich wunderte mich

mit, und erzählte meine ganze Promenade von Basel bis Paris und von

Paris bis Straßburg; da gab man auch hier das Papier ohne Unterschrift

zurück.

Nun fuhren wir über Weißenburg, Landau, Worms und so weiter nach Mainz.

Nach meiner alten Gewohnheit lief ich bei dem Wechsel der Pferde in

Landau voraus und hatte wohl eine Stunde Weges gemacht. Die Deutschen

der dortigen Gegend und tiefer jenseits des Rheins herauf haben einen

gar sonderbaren Dialekt, der dem Judenidiom in Polen nicht ganz

unähnlich ist. Ich glaube doch ziemlich rein und richtig Deutsch zu

sprechen: desto schnurriger mußte es mir vorkommen, daß ich dort wegen

eben dieser Aussprache für einen Juden gehalten wurde. Ich saß nämlich

unter einem Nußbaum und aß Obst, als sich ein Mann zu mir setzte, der

rechts hereinwanderte. Ich fragte, »ob ich nicht irren könnte und ob die

Diligence hier nothwendig vorbei müßte?« Er bejahte dieses. Ein Wort gab

das andere, und er fragte mich in seiner lieblichen Mundart; »Der Härr

sayn ain Jüd, unn rähsen nacher Mähnz?« -- »Ich reise nach Mainz; aber

ich bin kein Jude. Warum glaubt Er, daß ich ein Jude sei?« -- »Wähl der

Härr okkeroth sprücht wü ain Jüd.« Man hat mir zu Hause wohl manches

Kompliment über meine Sprache gemacht; aber ein solches war nicht

darunter.[16]

Von der Gegend von Weißenburg kann ich militärisch nichts sagen, da es

noch ziemlich finster war, als wir dort durchgingen. Landau ist weiter

nichts, als Festung, und alles was in der Stadt steht, scheint bloß auf

diesen einzigen Zweck Beziehung zu haben. Wir kamen in Mainz gegen

Morgen an und man schickte mich in den Mainzer Hof, welcher, wie ich

höre, für den besten Gasthof gilt. In Mainz sieht man noch mehr Spuren

von Revolutionsverwüstungen, als an irgend einem andern Orte. Der Krieg

hat verhältnißmäßig weniger geschadet. Ich hielt mich nur einen Tag auf,

um einige Männer zu sehen, an die ich von Oberlin Addressen hatte. Auch

unser Bergrath Werner von Freiberg war hier und geht, wie ich höre, nach

Paris. Sein Name ist in ganz Frankreich in hohem Ansehen.

Den andern Tag rollte ich mit der kaiserlichen Diligence durch einen der

schönsten Striche Deutschlands hierher.

Auf meinem Wege von Paris hierher fragte man mich oft mit ziemlicher

Neugierde nach Zeitungen aus der Hauptstadt, und nahm die Nachrichten

immer mit sehr verschiedener Stimmung auf. Sehr oft hörte ich vorzüglich

die Bemerkung über den Konsul wiederholen: »^Mais pourtant il n'est pas

aîmé^;« besonders von Militären. Das ist begreiflich. Es giebt

Regimenter und ganze Korps, die ihn nie gesehen haben und die doch auch

für die Republik brave Männer gewesen sind. Diese wünschen sich ihn

vielleicht sehr gern zum General, aber nicht zum Souverain, wie es ganz

das Ansehen gewinnt. »^Il faut diablement des choses, ce petit corporal

d'Italie; cela va loin!^« sagte man; und ein Wortspieler, der ein

katonischer Republikaner war, bezeichnete ihn mürrisch mit folgendem

Ausdruck: »^Bonaparte qui gloriam bene partam male perdit.^« In der

Gegend von Straßburg habe ich hier und da gehört, daß man bei seinem

Namen knirschte, und behauptete, er führe allen Unfug geradezu wieder

ein, den man auf immer vertrieben zu haben glaubte. Was ein einziger

Mann wieder einführen kann, ist wohl eigentlich nicht abgeschafft. »Man

wollte in der ersten Konstitution,« sagten sie, »dem König keine

ausländische Frau erlauben, und jetzt haben wir sogar einen fremden

Abenteurer zum König, der willkührlicher mit uns verfährt, als je ein

Bourbonide: wer ihm mißfällt, ist Verbrecher, und ihm mißfällt jeder,

der selbstständige Freiheit und Vernunft athmet. Er weiß sich

vortrefflich die ehemalige Wuth und den Haß der Parteien zu Nutze zu

machen.«

Weiter nach Mainz redete man nichts mehr von der Republik und den

öffentlichen Geschäften, sondern klagte nur über den Druck und die

Malversation der Kommissäre, und jammerte über die neue Freiheit. »Den

Zehnten geben wir nicht mehr, den behalten wir,« sagen die Bauern mit

Bitterkeit. Eine grausamere Aposiopese kann man sich kaum denken, wenn

auch die neun Zehntheile eine große Hyperbel sind. Ein Zeichen, daß die

Regierung wenig nach vernünftigen Grundsätzen verfährt, ist nach meiner

Meinung immer, wenn sie militärisch ist und wenn man anfängt,

ausschließlich den Bürger von dem Krieger zu trennen. In Frankreich

macht der Soldat wieder alles, und was ein General sagt, ist Gesetz in

seinem Distrikt. Die nächsten Militäre nach dem Konsul bezeichnen ihren

Charakter genug durch ihre Bereicherung. Der allgemeine Liebling der

Nation ist Moreau, und der Mann verdient ohne Zweifel die große, stille

Verehrung seines ganzen Zeitalters. Ich bin nirgends gewesen, in

Deutschland, Italien und Frankreich, wo man nebst seinen Kriegstalenten

nicht seine tadellose Rechtlichkeit, seine Mäßigung und Humanität

gepriesen hätte. Er soll es ausgeschlagen haben, Officier der

Ehrenlegion zu werden, die so eben errichtet werden soll, und die jeder

Republikaner für unrepublikanisch und für die Wiederauflebung des

Feudalwesens hält. Man thut ihm vielleicht keinen Dienst, ihn mit dem

öffentlichen System in Kollision zu setzen; aber seine Unzufriedenheit

wird überall ziemlich laut erzählt. Seine Parteigänger, die weniger

Mäßigung haben, als er selbst, wünschten ihn hier und da laut am Ruder,

und sagen bedeutend nur, ^Moreau grand consul^; zogen aber die Worte so

sonderbar, daß es klang wie ^Mort au grand consul^. Die Sprache

erleichtert viel solche Spiele, hinter welche sich die Parteisucht

versteckt.

Das System des Konsuls liegt nun wohl ziemlich am Tage, und leidet keine

Mißdeutung. Alles ist gekommen, wie vorherzusehen war, nur mit etwas

schnelleren Schritten. Das Buch _Napoleon Bonaparte und das französische

Volk_, giebt den Gang der Dinge ziemlich richtig an; wenn man nur die

Vehemenz gegen die Person und einige unwichtige Irrthümer und

gleichgültige Personalitäten abrechnet. Die Zeichnung der Nation ist in

demselben, trotz der klassischen Gelehrsamkeit, zu grell; und jedes

andere Volk würde in den nämlichen Umständen höchst wahrscheinlich das

nämliche seyn. Die Briten, als die entgegengesetzteste Nation, haben es

bei ihrer Revoluzion auch bewiesen. Bonaparte ist unstreitig der

vollendetste Mann seiner Art; die Geschichte hat bis jetzt keinen

größern. Er erschöpft ganz den griechischen Sinn des griechischen Worts.

Traurig ist es für den geläuterten Menschensinn, daß solche

Erscheinungen bei unserm gepriesenen Lichte noch möglich sind: aber

zermalmend für alle bessern Hoffnungen, daß man sie sogar als nothwendig

annehmen muß. Alles, was zur Grundlage einer vernünftigen Freiheit und

Gerechtigkeit dienen konnte, ist wieder zerstört. Die militärische

Regierung ist mit dem eisernsten Zwange wieder eingeführt; alle Wahlen

sind so gut, als aufgehoben, die Juries, als das letzte Palladium der

Freiheit, sind vernichtet: und damit die emporstrebende Vernunft der

Despotie keine Streiche spiele, ist durch eine gemessene Erziehung sehr

klug jeder liberale Forschergeist in Philosophie und Naturrecht

verbannt. Ob Bonaparte mit seinem Anhang dabei die menschliche Natur

ganz richtig berechnet habe, ist sehr zu bezweifeln. Mir selbst ist es

ziemlich klar, daß er auf diesem Wege das alte Herrschersystem mit

seinem ganzen Unwesen wieder gründen wird, oder eine neue Revoluzion

nothwendig macht. ^Tertium non datur.^ Die Folge für die Humanität ist

dabei leicht zu berechnen. Er hätte ein Heiland eines großen Theils der

Menschheit werden können, und begnügt sich, der erste wiedergeborne Sohn

der römischen Kirche zu seyn. Er läßt sich halten, wo er hätte stehen

können. Er hat eine lichtvolle Ewigkeit gegen das glänzende Meteor eines

Herbstabends, Ehre gegen Ruhm ausgetauscht. Noch ist er zwar nicht bis

zu Dionysens Nußschaale und Pferdehaar gekommen; aber die Umschanzung

von seinen Söldlingen und Trabanten zeigt hinlänglich von der unsichern

Angst, welche das System nothwendig macht.

Ob Moreau schuldig, oder unschuldig ist, ist ein Problem, dessen Lösung

das Publikum wohl schwerlich erfahren wird. Sind aber die

Beschuldigungen gegen ihn gegründet, so gehört seine Sache vor die

Aerzte, ehe sie vor die Richter kommt. Das Papier ist geduldig; und

Glauben verdient nichts, als was in sich konsequent und durch rechtliche

Zeugen faktisch erwiesen ist. Daß Moreau nicht des Konsuls Freund war,

und daß er für sein Vaterland anderes Heil sah und wünschte, ist leicht

zu begreifen: daß er sich aber zu einem solchen Complott mit den Feinden

der Nation wegwerfen sollte, konnte man nur von einem Bedlamiten

erwarten. Er hätte dadurch seinen tadellosen Charakter, seinen von der

Nation geliebten und von ganz Europa geachteten Namen in den Koth

geworfen, ohne den geringsten Gewinn für sich selbst, als ewige Schande,

und ohne einigen Anschein von Wohlthat für sein Volk. Wäre dieses

dennoch, so hätte allerdings der Franzos Recht, welcher von ihm sagte:

Moreau hat nur zwischen dem Rhein und der Donau Verstand.

Die beiden letzten Jahrzehende scheinen dazu geeignet zu seyn, dem

aufmerksamen Beobachter eine Synopse der Menschengeschichte zu geben; so

glänzend und so göttlich, und so unsinnig und verächtlich erscheint

unser Geschlecht in der nämlichen Periode! Die neapolitanischen Gräuel,

die Wassertaufen, und der Schandfleck bei Rastadt mit den letzten

Missionsniederträchtigkeiten sind Erscheinungen, die nur an Größe des

Umfangs hinter der Bartholomäusnacht und den Riesenverbrechen der

römischen Triumvirn zurückbleiben, und die einem rechtlichen Manne eine

momentane Scham abzwingen, daß er ein menschliches Gesicht trägt. Man

schwor ehedem sogar in Rußland bei Pichegrüs Namen: und welcher ehrliche

Mann wollte den letzten Theil seines Lebens gelebt haben, hätte auch der

erste noch zehn Mal mehr Glanz und Größe? Mir ist es allemal mehr um den

Charakter eines Mannes zu thun, als um sein Schicksal. Hat er diesen

verloren, so wird dieses höchst gleichgültig. Nemesis schlage jeden mit

ihrer Ruthe! Leider möchte man bei einem Blick über die Sache der

Menschheit halb phrenetisch ausrufen: heiliger Aristides, bitte für uns!

Ach der große Moment fand nur ein kleines Geschlecht.

In der Postkutsche von Mainz hierher war ein Gewimmel von Menschen, und

einige segneten sich wirklich ganz laut, daß sie aus der vermaledeiten

Freiheit einmal heraus wären, in der man sie blutig, so sklavisch

behandle. Dies waren ihre eigenen Ausdrücke. Und doch waren sie mit

ihrem ganzen Vermögen noch jenseits des Rheins in der Freiheit. Vor

Hochheim wandelte ich in Gesellschaft eines Spaziergängers der Gegend,

wie es schien, den Berg herauf. Der Mann nahm mit vielem Murrsinn von

der ersten muntern hübschen Erntearbeiterin im Felde Gelegenheit, eine

furchtbare Rhapsodie über die Weiber zu halten, hatte aber ganz das

Ansehen, als ob er der Misogyn nicht immer gewesen wäre und nicht immer

bleiben würde; denn alles Uebertriebene hält nicht lange. Er nahm seine

Beispiele nicht bloß von den Linden weg und aus dem Egalitätspalaste,

und mußte tiefer in die Verdorbenheit der Welt mit dem Geschlecht

verflochten seyn. Er machte mit lebhaftem Kolorit ein Gemälde, gegen

welches Juvenals ^lassata viris^ noch eine Vestalin war; und ich war

froh, als mich der Wagen auf der Ebene wieder einholte und ich wieder

einsteigen konnte. Du weißt, ich habe eben nicht Ursache, geflissentlich

den Enkomiasten der Damen zu machen; indessen muß man ihnen doch die

Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß sie -- nicht schlimmer sind, als

die Männer: und die meisten ihrer Sünden leiden vielleicht noch etwas

mehr Apologie, als die Sottisen unseres Geschlechts.

Frankfurt muß, dem Anscheine nach, durch den Krieg weit mehr gewonnen

als verloren haben. Der Verlust war öffentlich und momentan, der Gewinn

ging fast durch alle Klassen und war dauernd. Es ist überall Wohlstand

und Vorrath; man bauet und bessert und erweitert von allen Seiten, und

die ganze Gegend rund umher ist wie ein Paris; besonders nach Offenbach

hinüber. Man glaubt in Oberitalien zu seyn. Unser Leipzig kann sich

nicht wohl mit ihm messen, ob es gleich vielleicht im Ganzen netter ist.

Von hier kann Dir jeder Kaufmann Nachrichten genug von der Messe

mitbringen. Ich besuchte nur einige alte Bekannte und machte einige

neue. Wenn ich ein Kerl mit der Börse ^à mon aise^ wäre, würde ich

vermuthlich Frankfurt zu meinem Aufenthalt wählen. Es ist eine

Mittelstadt, die gerade genug Genuß des Lebens giebt für Leib und Seele,

um nicht zu fasten und sich nicht zu übersättigen. Im Fall eines Krieges

mit den Franzosen liegt es freilich schlimm: die Herren können alle

Nächte eine Promenade von Mainz herüber machen, den Morgen hier zum

Frühstück und zum Abendbrote wieder zu Hause seyn.

Bei der Frau von Laroche in Offenbach traf ich den alten Grafen

Metternich, wenn ich nicht irre, den Vater des kaiserlichen Gesandten in

Dresden. Er war ehemals Minister in den Niederlanden; und nie habe ich

einen Mann von öffentlichem Charakter gesehen, zu dem ich in so kurzer

Zeit ein so großes reines Zutrauen gefaßt hätte: so sehr trägt sein

Gesicht und sein Benehmen den Abdruck der festen Redlichkeit mit der

feinsten Humanität!

_Leipzig._

Meine Runde ist nun vollendet und ich bin wieder bei unsern väterlichen

Laren an der Pleiße. Von Frankfurt aus ging ich über Bergen in

Gesellschaft nach dem Oertchen Bischofsheim, wo man mir ein freundliches

Mahl zugedacht hatte. Bei Bergen und Kollin haben unsere Landsleute

gezeigt, daß sie nicht Schuld an den übeln Streichen bei Pirna waren.

Vor Hanau ging ich vorbei und hielt mich immer die Straße nach Fulda

herein. Die Hitze des vorzüglich heißen Sommers drückte mich zwar

ziemlich, aber ich nahm mir Zeit, ruhte oft unter einem Eichbaume und

war die Nacht mit den schlechten Wirthshäusern zufrieden. Auf meiner

ganzen Reise hatte ich sie nicht so schlecht gefunden, als hier einige

Mal in Hessen. Zwischen Fulda und Hühnefeld drückte mich die Hitze

furchtbar und der Durst war brennend; und auf meiner ganzen Wanderung

habe ich vielleicht keine so große Wohlthat genossen, als da ich sodann

links an der Straße eine schöne Quelle fand. Leute, welche einen guten

Flaschenkeller im englischen Wagen mit sich führen, haben von dieser

Erquickung keinen Begriff. Der Hitze haben sie im Wagen zwar nicht viel

weniger, aber die Erfrischung können sie nicht so fühlen. Du darfst mir

glauben, ich habe dieses und jenes versucht. In Hünefeld war Schießen,

die Gesellschaft der Honoratioren speiste in meinem Wirthshause, und ich

hatte das Vergnügen, die Musik so gut zu hören, als man sie

wahrscheinlich in der Gegend und aus Fulda hatte auftreiben können. Wenn

auch zuweilen eine Kakophonie mit unter läuft, thut nichts; sie können

das Gute doch nicht ganz verderben, eben so wenig als man es in der Welt

durch Verkehrtheit und Unvernunft ganz ausrotten kann.

In Vach hatten mich die Handlanger des alten Landgrafen in Beschlag

genommen und nach Ziegenhain und Kassel und von da nach Amerika

geliefert. Jetzt sollen dergleichen Gewaltthätigkeiten abgestellt seyn.

Doch möchte ich den fürstlichen Bekehrungen nicht zu viel trauen; sie

sind nicht sicherer, als die demagogischen. Es wäre unbegreiflich, wie

der Landgraf seit langer Zeit so unerhört willkührlich, zum Verderben

des Landes und einzig zum Vortheil seiner Kasse, mit seinen Leuten

geschaltet und förmlich den Seelenverkäufer gemacht hat, wenn es nicht

durch einen Blick ins Innere erklärt würde. Die Landstände wurden selten

gefragt, und konnten dann fast keine Stimme haben. Der Adel ist nicht

reich und unabhängig vom Hofe. Die Minister und Generale hatten ihren

Vortheil, dem Herrn zu Willen zu leben. Jeder hatte vom Hofe irgend

etwas, oder hoffte etwas, oder fürchtete etwas, für sich oder seine

Verwandten. Die großen Officiere gewannen Geld und Ehre, die kleinen

Unterstützung und Beförderung. Die Uebrigen litten den Schlag. Das Volk

selbst ist bis zum Uebermaaß treu und brav. Hier und da war

Verzweiflung; aber der alte Kriegsgeist half. Die Hessen glauben, wo

geschlagen wird, müssen sie dabei seyn. Das ist ihr Charakter aus dem

tiefsten Alterthum. Ich erinnere mich in einem Klassiker gelesen zu

haben, daß die Katten lange vor Christi Geburt als Hülfstruppen unter

den Römern in Afrika schlugen. Jetzt hat der Landgraf, wie versichert

wird, die fremden Verbindungen dieser Art aufgegeben.

Von Vach wollte ich Post nach Schmalkalden zu meinem Freunde Münchhausen

nehmen. Der Wirth verpflichtete sich, da nicht sogleich Postpferde zu

haben waren, mich hinüberzuschaffen, ließ sich die Posttaxe für zwei

Pferde und den Wagen bezahlen und gab mir einen alten Gaul zum Reiten.

Das nenne ich Industrie. Was wollte ich machen? Ich setzte mich auf,

weil ich fort wollte. Doch kam ich zu spät an. Es war schon tief Nacht,

als ich den Berg hinein ritt, und gegen zehn Uhr war ich erst in dem

Thale der Stadt. Die Meinungschen Oerter und Dörfer, durch die ich ging,

zeichneten sich immer sehr vortheilhaft aus. Das Einzige, was mir dort

nicht einleuchten wollte, war, daß man überall so viel herrliches Land

mit Tabakspflanzungen verdarb. Dieses Giftkraut, das sicher zum

Verderben der Menschen gehört, beweist vielleicht mehr, als irgend ein

anderes Beispiel, daß der Mensch ein Thier der Gewohnheit ist. In

Amerika, wo man noch auf fünfhundert Jahre Land genug hat, mag man die

Pflanze auf Kosten der Nachbarn immer pflegen, aber bei uns ist es

schlimm, wenn man durchaus die Oekonomie mehr merkantilisch, als

patriotisch berechnet.

Ich ließ mich den andern Morgen meinem Freunde ohne meinen Namen, als

einen Bekannten melden, der von Frankfurt käme. Wir hatten uns seit

neunzehn Jahren nicht gesehen und unser letztes Gespräch waren einige

Worte auf dem Ocean, als der Zufall unsere Schiffe so nahe zusammen

brachte. Die Zeit hatte aus Jünglingen Männer gemacht, im Gesichte

vielleicht manchen Zug verändert, verwischt und eingegraben. Ich wußte,

vor wem ich stand und konnte also nicht irren. Er schien schnell seinen

ganzen dortigen Zirkel durchzugehen, stand vor mir und kannte mich

nicht. Hier habe ich ein kleines Empfehlungsschreiben, sagte ich, indem

ich ihm meinen Finger hinhielt, an dem sein Bild von ihm selbst in einem

Ringe war. Es war, als ob ihn ein elektrischer Schlag rührte, er fiel

mir mit meinem Namen um den Hals und führte mich im Jubel zu seiner

Frau. Dieses war wieder eine der schönsten Minuten meines Lebens. Einige

Tage blieb ich bei ihm und seinen Freunden, und genoß, so weit mir meine

ernstere Stimmung erlaubte, der frohen Heiterkeit der Gesellschaft.

Mir ist es oft recht wohl gewesen, wenn ich durch das Gothaische und

Altenburgische ging. Man sieht fast nirgends einen höhern Grad von

Wohlstand. Es herrscht daselbst noch eine gewisse alte Bonhommie des

Charakters, daß ich viele Gesichter fand, denen ich ohne weitere

Bekanntschaft meine Börse hätte anvertrauen wollen, um sie an einen

bezeichneten Ort zu bringen, wo ich sie sicher wieder gefunden haben

würde. Ich habe in diesem Ländchen weniger Bekanntschaft, als sonst

irgendwo: Du kannst also glauben, daß ich nicht aus Gefälligkeit rede.

So oft ich darin war, habe ich immer die reinste Hochachtung und

Verehrung gegen den Herzog gefaßt. Um einen Fürsten zu sehen, braucht

man nicht eben seine Schlösser zu besuchen, oder gar die Gnade zu

genießen, ihm vorgestellt zu werden. Oft sieht man da am wenigsten von

ihm. Seine Städte und Dörfer und Wege und Brücken geben die beste

Bekanntschaft -- vorausgesetzt, er ist kein junger Mann, der die

Regierung erst antrat. In diesem Falle könnte ihm viel Gutes und

Schlimmes unverdienter Weise angerechnet werden. Wo das Bier schlecht

und theuer und das Brot theuer und schlecht ist, wo ich die Dörfer

verfallen und elend und doch die Visitatoren nach dem Sacke lugen sehe,

da gehe ich so schnell als möglich meines Weges. Nicht das Predigen der

Humanität, sondern das Thun hat Werth. Desto schlimmer, wenn man viel

spricht und wenig thut.

Schon in Paris hatte ich gehört, die Preußen wären in Erfurt, und

wunderte mich jetzt, da ich sie noch nicht hier fand. Diese

Saumseligkeit ist sonst ihre Sache nicht, wenn etwas zu besetzen ist.

Fast sollte man glauben, die langsame Bedächtlichkeit habe einen

pathologisch moralischen Grund. Hier erinnerte mich ein heimlicher

Aerger, daß ich ein Sachse bin. Ich hielt mir lange Betrachtungen über

die Großmuth und Uneigennützigkeit der königlichen Freundschaften; ich

verglich den Verlust des Königs mit seinem Gewinn; ich überdachte die

alten, rechtlichen Ansprüche, die Sachsen wirklich noch machen konnte

und machen mußte. Wenn Sachsen eine Macht von hundert tausend Mann wäre,

so würde die gewöhnliche Politik das Verfahren rechtfertigen. Jetzt mag

es alles seyn, was Du willst, nur ist es nicht freundschaftlich. Mir

däucht, daß man in Dresden doch wohl etwas lebendigere, wirksamere

Maßregeln hätte nehmen können und sollen. Es war alles voraus zu sehen.

Die Leipziger werden die Folgen spüren. Freilich wird man vielleicht die

ersten zehn Jahre nichts, oder wenig thun: aber man hat doch nun die

Kneipzange von beiden Seiten in den Händen, und kann sicher das ^festina

lente^ spielen. Politisch muß man immer das Schlimmste denken und

glauben; was geschehen kann, wird geschehen. Die Geschichte und das

Naturrecht rechtfertigen diese Maxime: in bürgerlichen Verhältnissen ist

man durch Gesetze geschützt; hier sichert nur Klugheit und Kraft, selten

Gerechtigkeit. Der gegenwärtige Schritt rechtfertigt die Furcht vor dem

künftigen. Zutrauen giebt das nicht. Ich hätte von Berlin in diesen

Verhältnissen zu Dresden solche Resultate nicht erwartet.

In Weimar freute ich mich, einige Männer wieder zu sehen, die das ganze

Vaterland ehrt[17]. Der Patriarch Wieland und der wackere Böttiger

empfingen mich mit freundschaftlicher Wärme zurück. Die Herzogin Mutter

hatte die Güte, mit vieler Theilnahme sich nach ihren Freunden diesseits

und jenseits der Pontinen zu erkundigen und den unbefangenen Pilger mit

Freundlichkeit zu sich zu laden. Jedermann kennt und schätzt sie als die

verehrungswürdigste Matrone, wenn sie auch nicht Fürstin wäre.

Als ich den andern Morgen durch das Hölzchen nach Naumburg herüber

wandelte, begegnete mir ein preußisches Bataillon, das nach Erfurt zog.

Wenn man in dem nämlichen Rocke, mit der nämlichen Chaussüre über Wien

und Rom nach Syrakus und über Paris zurückgegangen ist, mag der Aufzug

freilich etwas unscheinbar werden. Es ist die nicht löbliche Gewohnheit

unserer deutschen Landsleute, mit den Fremden zuweilen etwas unfein

Neckerei zu treiben. Die Soldaten waren ordonnanzmäßig artig genug; aber

einige Officiere geruhten sich mit meiner Personalität ein Späßchen zu

machen. Ich ging natürlich den Fußsteg am Busche hin, und der Heereszug

zog den Heerweg. Einer der Herren fragte seinen Kameraden in einem etwas

ausgezeichneten pommerischen Dialekte, den man auf dem Papier nicht so

angenehm nachmachen kann: »Was ist das für ein Kerl, der dort geht?« Der

andere antwortete zu meiner Bezeichnung: »Er wird wohl gehen und das

Handwerk begrüßen.« »Nein,« antwortete eine andere Stimme, »ich weiß

nicht, was es für ein närrischer Kerl seyn mag; ich habe ihn gestern bei

der Herzogin im Garten sitzen sehen.« Uebersetze das erst etwas ins

Pommerische, wenn Du finden willst, daß es mir ziemlich schnakisch

vorkam. Indessen glaube ich unmaßgeblich, die Herren hätten ihre

Untersuchung und Beurtheilung über mich etwas höflicher doch wohl einige

Minuten sparen können, bis ich sie nicht mehr hörte. Aber mit einem

Philister macht bekanntlich ein preußischer Officier nicht viel

Umstände[18]. Ob das recht und human ist, wäre freilich etwas näher zu

bestimmen.

Meiner alten guten Mutter in Posern bei Weißenfels war meine Erscheinung

überraschend. Man hatte ihr den Vorfall mit den Banditen schon erzählt,

und Du kannst glauben, daß sie meinetwegen etwas besorgt war, da sie als

orthodoxe Anhängerin Luthers überhaupt nicht die beste Meinung von dem

Papst und seinen Anordnungen hat. Sie erlaubte durchaus nicht, daß ich

zu Fuße weiter ging, sondern ließ mich bedächtlich in den Wagen packen

und hierher an die Pleißenburg bringen. Du kannst Dir vorstellen, daß

ich froh war meine hiesigen Freunde wieder zu sehen. Schnorr war der

erste, den ich aufsuchte, und das enthusiastische Menschenkind warf

komisch den Pinsel weg, zog das beste seiner drolligen Gesichter und

machte mit einem Sprung einen praktischen Kommentar auf Horazens Stelle,

daß man bei der Rückkehr eines Freundes von den Cyklopen wohl ein

Bischen närrisch seyn könne.

Morgen gehe ich nach Grimma und Hohenstädt, und da will ich ausruhen

trotz Epikurs Göttern. Mir däucht, daß ich nun einige Wochen ehrlich

lungern kann. Wer in neun Monaten meistens zu Fuße eine solche Wanderung

macht, schützt sich noch einige Jahre vor dem Podagra. Zum Lobe meines

Schuhmachers, des mannhaften, alten Heerdegen in Leipzig, muß ich Dir

noch sagen, daß ich in den nämlichen Stiefeln ausgegangen und

zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen, und daß diese

noch das Ansehen haben, in baulichem Wesen noch eine solche Wanderung

mit zu machen.

Bald bin ich bei Dir, und dann wollen wir plaudern; von manchem mehr als

ich geschrieben habe, von manchem weniger.

Anmerkungen

zum

Spaziergang nach Syrakus

von

V. H. Schnorr v. K.

Vorerinnerung.

Seume war mein Freund und ich der Seinige im wahren Sinne des Wortes:

unsere Freundschaft war auf gegenseitiges tiefes Gefühl für Redlichkeit

und Rechtlichkeit gegründet.

Ich war sein Begleiter bis Wien, wo ich dem Rath einiger Männer von

Bedeutung zufolge, denen ich empfohlen war, zurückbleiben mußte. Man

erlaube mir also, Seume'n im Geiste weiter zu folgen, und hier und da

ein Wort für die Leser einzuschalten, die er interessirt.

Meine Anmerkungen betreffen bloß die Individualität des Reisenden, und

daß ich _dazu_ einigen Beruf fühle, möge der Umstand rechtfertigen, daß

Seume neun Jahre lang mein Tischgenosse und täglich in meinem Hause war.

Er ist nicht mehr, und ich und die Meinigen -- haben Einen redlichen

Freund verloren.

[Fußnote 3: Ich bin mir bewußt &c.

Das wird Niemand läugnen, der S. näher gekannt hat; und er befand sich

nicht wohler, als in dem häuslichen Kreis einer rechtlichen Familie. Er

war auch bei weitem nicht so grießgrämig, als Manche vielleicht

glaubten, und nahm, wenn er aufgefordert wurde, selbst Antheil an der

Ausführung kleiner Possen, zuweilen als Dichter, zuweilen als

mitspielende Person.

So übernahm er einmal die Rolle des Heroldes, als wir in der herrlichen,

romantischen Gegend bei Grimma, in Pölen, auf freiem Felde den Don

Quixote im abenteuerlichsten Kostüm aufführten, und die Kleopatra machte

er selbst in seinem Schnurrbarte, als wir die Posse von Kotzebue in

Hohenstädt gaben, um Freund G. eine heitere Stunde zu machen.

So finster sein Blick und so ernsthaft er überhaupt war, so näherten

sich ihm doch bald selbst die kleinen Kinder, die er mit innigem, tiefem

Gefühl in seine Arme schloß.

Sein größter Kummer war, nicht selbst Weib und Kind zu haben. Das

Schicksal war ihm nicht günstig gewesen, und er hatte in dieser Hinsicht

bittere Erfahrungen gemacht. Dieses zeigt schon sein früheres Gedicht:

»der Abschied an Münchhausen.« In seinen spätern Gedichten und besonders

im gegenwärtigen Buche hat er sich darüber hier und da deutlicher

ausgesprochen.

So sagt er einmal zu mir: »_Wenn es nicht wider meine Grundsätze wäre_,

so möchte ich wohl von einem gesunden Bauermädchen einen Jungen haben.«

S. war durchaus streng sittlicher Mensch. Hörte er von einer Handlung

schöner Humanität sprechen, so war seine Aeußerung kurz: »_Nun, das ist

vernünftig! das ist human, das ist brav!_« Aber sein Herz wurde

wohlthätig erwärmt.

Ein solches herzerhebendes Freudenfest gab ihm auch jenes Ereigniß, das

er in diesem Buche aus Messina selbst erzählt.

Er pflegte immer zu sagen: »das Gute lobt und belohnt sich selbst.«

Ueber Niederträchtigkeiten aber, über Herabwürdigung und Entehrung der

Menschenwürde ergrimmte er zähneknirschend in seinem Innersten, so

tolerant er auch immer menschliche Schwachheiten beurtheilte.

Das Wohl der Menschen, auf allgemeine Gerechtigkeit und Freiheit -- für

seine Ansichten eigentlich nur Synonyma -- gegründet, lag ihm zu sehr am

Herzen. Indessen war er besonnen. Mit den Individuen aus dem Volke ließ

er sich nie, weder in politische, noch in religiöse Gespräche ein. »Das

kann da nichts helfen,« pflegte er zu sagen: »das Vernünftige muß von

oben herabkommen und allgemein gemacht werden.« Und so gab er auch nicht

einmal seiner Mutter und seinen Verwandten seine Schriften. »Ihr

versteht das nicht,« sagte er. »Gehorcht ihr den Gesetzen und geht in

eure Kirche.«

Er war nie mit den _schnellen, sogenannten_ Aufklärern zufrieden, störte

Niemand in seinem Glauben, und schätzte wackere, gewissenhafte Prediger

sehr.

Unter seiner Mutter Bildniß, das ich einmal vor ohngefähr 15 Jahren für

ihn zum Andenken gezeichnet und radirt hatte, ließ er Folgendes stechen:

_Regina Christina Seumin._

_Liebe und Hochachtung den Aeltern, Treue den Freunden, Ehrfurcht der

Religion, Gehorsam den Gesetzen, Muth dem Vaterlande, Gerechtigkeit und

Menschlichkeit Allen._]

[Fußnote 4: Man wirft mir vor, daß ich kein Amt suche &c.

Oft hörte ich ihn sagen: »was soll ich mit dem Amte, da -- dort -- oder

gar am Hofe?«

»Das dauert vier Wochen und -- ihr sehet mich wieder.« Rücksichten zu

nehmen, war ihm in öffentlichen Angelegenheiten unmöglich, darum vermied

er lieber die Kollisionen. So wurde er einmal aufgefordert, ein

politisch-literarisches Zeitungsblatt zu schreiben; er dankte aber sehr

dafür, so groß der Gewinn geschildert ward, so glänzend ihm auch die

Aussichten eröffnet wurden. -- S. würde das Naturrecht vortrefflich

gelesen haben -- er hatte große Lust dazu -- allein, es würde ihm bald

untersagt, und ein geschriebenes konfiscirt worden seyn.

Am passendsten würde für ihn eine Inspektion über den allgemeinen

Straßenbau gewesen seyn; und ich bin überzeugt, wir würden im

Vaterlande, wenn auch keine spanischen Chausseen, doch bessere Wege

haben; denn daß diese mitunter recht schlecht sind, darüber ist unter

allen Reisenden nur eine Stimme.

Allgemeines Menschenglück beschäftigte ihn vor Allem. Sein Herz war voll

von dem Gedanken einer allgemeinen Gerechtigkeit. Es belebten ihn

zuweilen große Hoffnungen, so weit er auch den Zeitpunkt besserer Zeiten

hinaussetzte.

Er war indeß nicht müssig und hat manches Gute gewirkt, mehrere junge

Leute von Herz und Kopf, die er unterrichtete und die sehr redliche,

achtungswürdige Menschen geworden sind, haben gestanden, daß sie Seume's

rechtlichen, festen Grundsätzen unendlich viel zu verdanken haben.

Selbst viele junge, studirende Adelige, denen er wahrlich um keinen

Preis schmeichelte, kamen doch immer wieder, aus wahrer Achtung gegen

den Mann und seine Grundsätze. Mit einem Worte, S. genoß als allgemein

anerkannt redlicher Mann eine allgemeine Achtung, und ich hoffe mit

Zuversicht, sie wird ihm ewig bleiben.]

[Fußnote 5: Man hat alten Stabsofficieren Dinge von großer Wichtigkeit

abgenommen und sie mir übergeben &c.

Als der General von Schwerin, Neffe des bekannten großen Schwerin, vor

ungefähr 10 Jahren in Leipzig war und mir zum Malen saß, fragte er nach

S. Ich zeigte ihm einige Briefe von ihm; »ja, ja! das ist seine Hand,«

sagte er, »ich kenne sie.«

Von der unfreundlichen Behandlung, die er auf dem Rückwege aus Rußland

von dem alten Igelström erfuhr, erzählt er in seinem Sommer (seiner

letzten Reise nach Rußland) selbst. So fallen -- nicht eben sehr selten

-- die Belohnungen für geleistete, redliche Dienste aus!]

[Fußnote 6: Man trifft so viele trübselige Gesichter &c.

Das war in seinem moralischen Ingrimme gesprochen, wo seine Phantasie

und die Rückerinnerung an so manche Herabwürdigung der Menschenwürde,

besonders in den Residenzen, auf ihn einstürmte. Er empfand dieses

damals tief und giebt dieses Gefühl hier zu erkennen. Er wollte aber

keinesweges dadurch eine ganze Stadt beleidigen, wie sich von selbst

versteht.]

[Fußnote 7: S. hatte einige griechische und lateinische Autoren und ich

etwas Italienisches in den Tornister gepackt. In Peterswalde fing er an

zu lesen, -- ich glaube den Florus -- und riß, mit mancher drolligen und

sarkastischen Bemerkung, ein gelesenes Blatt nach dem andern heraus und

warf zuletzt die Schale in den Ofen. Diese Prozedur machte er planmäßig

mit mehreren Büchern, die ihn weniger interessirten, um nach und nach

den Tornister wieder leichter zu machen. Den Homer, Virgil und Horaz

brachte er wieder zurück und verschenkte sie an seine Freunde.]

[Fußnote 8: Gestern war ich bei Füger &c.

Die damaligen Momente sind mir noch ganz gegenwärtig, und mich dünkt,

Seume zeigt hier, daß er nicht so sehr Profaner war, als er auf der

ersten Seite selbst sagt. Er hatte für Kunstwerke, besonders nach seiner

Zurückkunft aus Italien, einen sehr richtigen Takt, vorzüglich was den

Charakter und Ausdruck betrifft. Ich habe seinem Umgange auch in dieser

Hinsicht Vieles zu danken. Seine Aeußerungen waren fast immer treffend.]

[Fußnote 9: Schnorr hatte als Hausvater billig Bedenken getragen.

Es sei mir hier vergönnt, mit wenig Worten die Gründe anzuführen, durch

welche ich bewogen wurde, den Gang nach Italien und Sicilien aufzugeben,

und zwar um so mehr, da man hier und da an meinem Muthe gezweifelt haben

mochte.

Ich verließ Leipzig mit frohem Gemüthe, mit wahrem Vertrauen auf die

Vorsehung. Es kam mir kein Gedanke von Furcht in die Seele, wie es wohl

bei Menschen, beseelt von Enthusiasmus für irgend etwas Gutes und bei

reiner Absicht, der Fall zu seyn pflegt. Als ich aber in Wien meine

Empfehlungsbriefe, besonders die von Weiße (dem Verfasser des

Kinderfreundes) an Männer abgab, denen ich besonders als Familienvater

an das Herz gelegt worden war, so rieth man mir einstimmig, nicht weiter

zu gehen, da so häufig jetzt Straßenräubereien vorgefallen seien. »Wenn

wir nun auch nicht annehmen wollen,« sagte Füger, »daß Sie

todtgeschlagen werden; zur Vereitelung Ihres ganzen Endzweckes ist es

schon genug, wenn Sie einige Male Ihres Geldes beraubt werden. Mit einem

Worte, er rathe mir, dieses Mal meinen Enthusiasmus, Italien und

Sicilien zu sehen, zu bekämpfen und als Familienvater ohne alles

Vermögen, meine sauer ersparten einige hundert Thaler nicht zu wagen.«

Füger's Sprache war so herzlich, daß ich, tief gerührt, an Weib und

Kinder dachte, und zu bleiben beschloß. Seume konnte dieses selbst nicht

mißbilligen; er war zu sehr redlicher Mann und Freund, und völlig

bekannt mit meinen Verhältnissen, als daß er egoistisch mir hätte

zureden sollen. Die Trennung that uns Beiden weh!!]

[Fußnote 10: Jetzt sind alle Wasser so schön und hell &c.

Reines, schönes Wasser war für S. wirklich ein großer Genuß, und wo wir

dergleichen trafen, wurde mit Frohsinn geschöpft.

Aus Wein machte er sich in der That nichts, Champagner war noch der

einzige Wein, den er liebte.

Wasser war für ihn ein universelles Mittel für Alles: er kurirte selbst

den verdorbenen Magen damit, wie er mir in Mähren zu meiner Verwunderung

durch folgenden Vorfall bewies.

Wir waren mit vielem Appetit und durchfroren zur Abendmahlzeit im

Wirthshause angelangt. Sehr fetter, kalter Schweinsbraten und

säuerliches Bier, statt des schlechten Wassers machte unsere ganze

Mahlzeit aus. Wir begaben uns darauf in eiskalte Betten zur Ruhe.

Mitten in der Nacht wurde ich plötzlich durch ein ängstliches, lautes

Stöhnen und Röcheln aus meinem Schlafe geweckt. Blitzschnell aus dem

Bette springen, mit dem Gedanken an Mord meinen Stock ergreifen und nach

meines Freundes Bette fliegen, war das Werk eines Augenblicks.

Entschlossen auf Tod und Leben erfaßte ich in der tiefsten Finsterniß

gewaltsam ein menschliches Wesen und war eben im Begriff zu kämpfen, als

sich auf einmal das Räthsel löste -- und ich bemerkte, daß ich Seume'n

selbst gefaßt hatte. Die ganze Mordgeschichte endigte sich mit Lachen.

So wie wir des Morgens das Haus verließen, griff S., trotz meinen

Vorstellungen, nach reinem Schnee, bis wir Wasser fanden, hungerte und

genas.

S. war bis in sein vierundvierzigstes Jahr, bis nach seiner letzten

Zurückkunft aus Rußland, ohngeachtet der vielen Strapazen, in seinem

Leben nie krank gewesen, als sich nachher bei ihm ein Uebel nach dem

andern entwickelte, welche besonders durch Mangel an Bewegung befördert

wurden. Dem Letzteren wurde er durch das häufige Vertreten seines durch

eine frühere Kontusion geschwächten linken Fußes ausgesetzt, wohin sich

nach und nach eine stärkere Geschwulst zog.

Auch glaube ich, daß ihm die häufigen Einladungen an reichbesetzte

Tafeln im Kontrast seiner gewohnten, einfachen Lebensweise Schaden

gethan haben.]

[Fußnote 11: ^Lilybaeum^. ^Liv.^ 23, 41. (_Clodius._)]

[Fußnote 12: Wer kann hier beschreiben? &c.

S. hatte in seinem Leben viel Musik gehört, liebte sie -- besonders die

Vokalmusik, und sein Urtheil darüber war voll richtiger Empfindung.

Aber keine Musik ergriff ihn so gewaltig, als die Ouverture aus Benda's

»Ariadne auf Naxos.« Und war er auch durch Weltereignisse und zuletzt

durch seine Krankheit noch so mißgestimmt, und er hörte diese Musik gut

vortragen, so gerieth sein Innerstes in frohen Aufruhr, und sein Geist

erhob sich über alles Irdische und Kleinliche dieser Erde. Sein Auge

strahlte hohe Freude und sein Ausdruck sprach eine hohe Ahnung eines

unsterblichen, ewigen Wesens aus.

Er hatte diese Musik unter ganz eigenen Umständen, in einer eigenen

Situation seines Lebens zum ersten Male und zwar gut gehört. So eröffnet

zuweilen ein Moment eine unversiegbare Quelle der wohlthätigsten

Empfindungen durch die Erinnerung in unserm Herzen.]

[Fußnote 13: Ich hätte dem Pfleger die Hände küssen mögen &c.

S. liebte die Blumen sehr, vorzüglich die Rosen. Ein Rosengarten war ihm

der erfreulichste Anblick und er bezahlte zuweilen die Erlaubniß, die

Rosen selbst abschneiden zu dürfen -- ein wahres Fest für ihn --

ziemlich theuer. Handeln war überhaupt seine Sache nicht: hatte er auf

die Forderung etwas weniger geboten und man war nicht sogleich

zufrieden, so gab er das Geforderte, ohne weiter ein Wort zu verlieren;

oder machte militärisch links um und ging. Es war zuweilen possirlich,

ihn kaufen zu sehen; auch fühlte er sehr gut, daß ihm das Handelstalent

abging, und wir mußten daher so manches für ihn besorgen. Hier einige

seiner Aufträge in schnurrigen Knittelversen:

Mein lieber Herr Gevatter Schnorr,

Wohl unsern freundlichen Gruß zuvor.

Ihr wißt, daß wir mit jedem Wind

Wohl Euer treuer Gevatter sind,

Als bitten wir, Ihr wollet dann

Auch einen Dienst uns lobesann

Aus lauter Gunst und guten Willen

Uns thun und hübsch mit Fleiß erfüllen:

Ihr wollet nämlich unsre Sachen

Bei Meister Brohm zusammenmachen

Und nach und nach für die Gebühren

Zu uns herüber expediren.

Da sich's auf eins nicht tragen läßt,

So könnt Ihr wohl den Ueberrest

Bei Euch behalten, bis man ihn

Gemächlich kann herüber ziehn.

Sodann behändigt diesen Brief,

Der, wie Ihr seht, ein wenig schief

An Göschen, der wird Euch sofort

Für mich zu weiterem Transport

Wohl achtzig Thaler zahlen lassen;

Ihr kennt Herr Rothen an der Ecke,

Der half mir rüstig aus dem D....e;

Nun diesem zahlet zwanzig Thaler,

Dabei entschuldigt den Bezahler,

Daß er nicht selbst von Angesicht

Mit seinem alten Freunde spricht:

Es thut mir selber herzlich leid;

Allein jetzt hab' ich keine Zeit.

Und zwanzig laßt Ihr bei Euch liegen,

Die will ich bald in's Kleine kriegen;

Und vierzig schickt Ihr mir herüber:

Das ist die Summe bis zum Stüber.

Sodann noch eins; allein verzeiht

Die Schererei, mein lieber Veit:

Kauft mir doch ein halb Dutzend Paar

Von Strümpfen wie im vor'gen Jahr.

Sodann noch eins: Es ist uns fast

Das Leben ohne Ton zur Last;

Drum schafft uns doch in unsern Nöthen

Nur eine von den alten Flöten,

Damit, wenn uns die Grillen hudeln,

Wir doch ein Stückchen können nudeln.

Und das vor Allem, hört ihr, Veit!

Denn mit den Strümpfen hat es Zeit.

Wir hoffen übrigens, daß Ihr

Euch immer werdet, so wie wir,

In Eurer lieben Stadt der Linden

Mit Euren Leuten baß befinden,

Und wünschen, daß Ihr mich recht bald

In meinem _Grimm'gen_ Aufenthalt

Besuchen werdet. -- Meinen Gruß!

Ich büffle jetzt mit Kopf und Fuß.

_Seume._

Er hatte überhaupt manche Eigenheiten. Dahin gehört, daß er nicht gern

allein aß, daher genoß er selten etwas zu Hause. Zur Gurkenzeit pflegte

er des Morgens zu kommen und Gurken mitzubringen. Meine Kinder, die

seine Gewohnheit kannten, holten dann schwarzes Brot, Pfeffer und Salz,

und so genoß er die Gurken mit vielem Appetit. Fand er in einem Garten

Zwiebelbeete, so war er ganz Spanier; und mit seinen Freunden Früchte

abzunehmen war ihm ein großes Fest.]

[Fußnote 14: Das Original hatte mich königlich betrogen &c.

Ich schalte hier Seume's eigene Expektorationen an sein Idolchen, wie er

es selbst nennt, ein.

Erster Brief an M...

Eben will ich mich schlafen legen, liebes Mädchen, und es ist recht

spät, und ich bin recht müde, weil ich viel Zeugs gearbeitet habe, was

mir kein Vergnügen macht: aber Dir muß ich doch vorher schreiben. Das

gehört zu meinem Dessert des Abends. Wenn Du die Briefe und Briefchen

alle zusammenzählst, Mädchen, die ich Dir schon geschrieben habe; ich

glaube, man könnte das Augsburger Archiv damit anfüllen. Und was mag ich

Dir wohl immer Alles geschrieben haben? Was kann das seyn? Und wenn ich

tausend Foliobände an Dich schriebe, so würde Alles nur Liebe seyn.

Wenigstens mußt Du jede Zeile aus meinem Briefe streichen, die nicht

etwas von Liebe athmet.

Und wenn ich hundert Jahre schriebe,

Ich schriebe Dir doch nichts als Liebe.

Der Puls, der Dir nicht Liebe schlägt,

Der Wunsch, der mich zu Dir nicht trägt,

Gehöret nicht zu meinem Wesen,

Ist meiner Seele fremd gewesen.

Die Liebe nur belebt mein Herz

Und hebet froh es himmelwärts;

Die Liebe, die Du mir zum Leben

Und für die Ewigkeit gegeben.

Ich sah und sog mit tiefem Geiz

Von Deinem Antlitz jeden Reiz,

Ich kam und nahm aus Deinen Blicken

Der Seele süßestes Entzücken

Ich sah Dich und ein neuer Schmerz

Zog wonnevoll mir in das Herz.

Du sprachst mir, und von Deiner Lippe

Floß sanft der Strom der Aganippe.

Du sahst mich an, und denkend stand

Ich wie gefesselt hingebannt.

Ach, einsam bin ich oft gelaufen,

Um mir mit Weisheit Ruh' zu kaufen;

Die Weisheit schlug vor meiner Ruh',

Wenn ich erschien, die Laden zu.

Ich kam mit Deinem holden Bilde

Zurück vom herbstlichen Gefilde,

Mit jedem Tritte folgtst Du mir,

Und selig war ich stets mit Dir.

Da wagt' ich endlich nah' zu treten

Und meine Seele vorzubeten.

Die Angst, die mich gefoltert hat,

Hast Du in Deinen bängsten Stunden

Gewiß im Leben nicht empfunden;

Die Freude, die mich schnell durchlief,

Als ich den ersten lieben Brief

Mit Beben las, den Du geschrieben,

Ist mir noch heute so geblieben,

Wie damals sie mein Herz empfand,

Als ich wie neu geschaffen stand,

Vergieb mir, Mädchen meiner Seele,

Wenn ich Dir mein Geschwätz erzähle;

Ich denk' an jeden Augenblick,

Wo ich Dich einst nur sah, zurück,

Und jauchze bei der Göttergabe,

Daß ich Dich, Mädchen, Dich nun habe.

Nun bin ich Gottes liebster Sohn;

Ich singe mit dem schönen Lohn

Trotz jedem König hohe Psalmen,

Und ihre Scepter sind nur Halmen.

Was kümmert mich ihr Flittergold;

Du, liebes Mädchen, bist mir hold;

Ich lege mich zu Deinen Füßen,

Und Du bückst Dich herab zu Küssen.

Von nun an soll mir ganz allein

Nur Deine Liebe Weisheit seyn;

Aus Deinen seelenvollen Blicken

Soll sie mich nur allein beglücken;

Und dann von diesem Glücke warm,

Studir' ich nur in Deinem Arm,

Und was ich Dir am Herzen lerne,

Ist schöner als die Morgensterne.

Ach wäre nur die Zeit erst da,

Die ich schon oft im Traume sah!

Wo Du Dich lieblich an mich schmiegest

Und Dich in meinem Arme wiegest,

Wo Du mir Deinen Feuerkuß

Zum Morgen- und zum Abendgruß

Mit froher, froher Liebe bringest,

Und mir ein Lied der Freude singest;

Dann kann ich meinen besten Kuß

Zum Morgen- und zum Abendgruß

Dir mit der frohsten Liebe bringen,

Und dir ein Lied der Freude singen.

Die Verse sehen wohl etwas schläfrig aus? Es ist Mitternacht, Mädchen!

da ist es ganz natürlich. Du mußt mit mir Schwätzer recht viel Geduld

haben. Wenn Du mich einmal ganz hast, so magst Du mich nach Deiner Weise

ziehen; wenn Du nämlich noch etwas Taugliches an mir findest. Folgsam

will ich wohl seyn, wenn Du mir das Gute ordentlich vordemonstrirst. Was

machst Du Liebe? Werde ja gesund! Werden Papa und Mama nicht bald wieder

irgend einen Schmaus haben? Ich wünsche den Leuten recht viel

Geselligkeit. Grüße Schwesterchen; und werde ja gesund; das ist sehr

wichtig, durchaus, hörst Du? Schreib mir bald, daß Du besser bist.

Ich küsse Dir mit Zärtlichkeit Hand und Mund.

Ewig Dein Treuer; werd' ja bald gesund!

Sämmtliche Werke 1-2: Mein Leben / Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 Vierte rechtmäßige Gesammtausgabe in acht Bänden · 第 1 / 6 题