[Illustration: Prinz Adalbert von Preußen.]
„Das Band ist zerschnitten, war schwarz, rot und gold!“ so klang es
durch die Lande; wohl wurde an den Grenzen Deutschlands viel über
diesen unrühmlichen Ausgang gelacht, aber der Flottengedanke blieb
lebendig.
Mit der Auflösung der Bundesflotte hatte das preußische Marinewesen
eine größere Selbständigkeit erlangt. Zu den vom Reiche erworbenen
Schiffen kamen einige Neubauten. Im Jahre 1853 wurde eine eigene
Admiralität mit dem Prinzen Adalbert von Preußen an der Spitze
geschaffen. Die Entwicklung des Marinewesens war jetzt frei und
erfolgreich von Stufe zu Stufe; allerdings ging der Fortschritt nur
langsam. Im Jahre 1854 forderte Prinz Adalbert in einer Denkschrift
dreiundsechzig Kriegsfahrzeuge, er erhielt sie aber nicht. Dafür aber
ging man an den Bau von Werften; durch den Vertrag mit Oldenburg kam
Preußen in den Besitz von Wilhelmshaven. Freudig hat Prinz Adalbert für
den Marinegedanken gearbeitet, und vieles von dem, was er geschaffen
hatte, dient noch heute als Grundlage. Preußen fiel nach der Auflösung
der Bundesflotte die Aufgabe zu, die deutschen Interessen im Auslande
zu vertreten. An der Stelle der schwarz-rot-goldenen Fahne flog die
preußische Kriegsflagge über die Ozeane, überall mit Achtung begrüßt.
Die Berichte der preußischen Vertreter im Auslande weisen darauf hin,
daß die Sache der Landsleute durch die Zeigung der Flagge eine wirksame
Unterstützung erfahren habe. In den nachfolgenden Kapiteln wird noch
von namhaften Taten der jungen preußischen Kriegsmarine die Rede sein.
Im Jahre 1864, am Beginne des Krieges mit Dänemark, zählte Preußens
Kriegsflotte siebzig Fahrzeuge, die aber nur einen kleinen Tonnengehalt
hatten und dazu schwach armiert waren. Im Seegefecht von Jasmund, im
Treffen bei Helgoland, bei den Gefechten im Wattenmeer hat sich die
preußische Marine mit Tapferkeit geschlagen, einen entscheidenden
Einfluß auf den Gang der Kriegsereignisse jedoch noch nicht gehabt.
Die Erfahrungen im dänischen Kriege haben Moltkes Anschauungen von
der schwachen Flotte recht gegeben, und im Jahre 1865 forderte die
preußische Regierung 105 Millionen Mark sofort, sowie 15 Millionen Mark
jährlich, um eine Flotte von vierundvierzig leistungsfähigen Fahrzeugen
zu besitzen. An Leuten, die der Regierung die Mittel vorenthalten
wollten, fehlte es nicht. Jedoch Bismarck setzte ohne Einwilligung des
Landtages den Ausbau fort. Im Kriege von 1866 bot sich für die Flotte
keine Gelegenheit, sich hervorzutun.
[Illustration: Kampf brandenburgischer und spanischer Schiffe bei St.
Vincent.
Von Professor Hans Petersen.
]
Nachdem der Norddeutsche Bund begründet war, ging die preußische
Flotte an diesen über. Am 1. Oktober 1867 wurde auf den Schiffen die
preußische Flagge niedergeholt und durch die schwarz-weiß-rote Flagge
ersetzt. Der neue Reichstag zeigte ein größeres Verständnis für die
Flotte und stimmte damit auch einem Projekte zu, das 30 Millionen
Mark erforderte. Sechzehn Panzerschiffe, zweiundzwanzig Kanonenboote,
dreißig Korvetten für das Ausland und eine Anzahl kleinerer Schiffe
sollte die Flotte umfassen. Beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich
zählte sie fünf Panzerschiffe, neun Korvetten, zweiundzwanzig
Kanonenboote und einige kleinere Schiffe. Im Kriege selbst konnten
nur drei Schlachtschiffe verwendet werden. Die kleineren deutschen
Fahrzeuge legten dennoch gegenüber dem übermächtigen französischen
Gegner große Unerschrockenheit an den Tag. In bedeutende Entscheidungen
aber brauchte die Flotte nicht einzugreifen.
Deutschlands beispiellose Entwicklung setzte ein. Wirtschaftlich dehnte
und reckte sich das Land. Mit den Erfolgen der deutschen Industrie
wuchs auch die Notwendigkeit des Ausbaues der deutschen Flotte. Die
schwarz-weiß-rote Handelsflagge zeigte sich allüberall und mehr und
mehr in den Welthäfen. Die Tätigkeit des Kaufmanns, die Rührigkeit
der Industriellen bedingte, daß nicht nur ein starkes Heer, sondern
auch eine ausreichende Flotte zur Wacht und zum Schutze der deutschen
überseeischen Handelsinteressen bereit sei.
Die Lehre des Krieges von 1870 blieb nicht ungenutzt: man begriff,
trotz der enormen Erfolge des Landheeres, welchen Einfluß die
unbehinderte Freiheit des französischen Seeverkehrs auf die Entwicklung
der Ereignisse ausgeübt hatte.
Als für den Prinzen Adalbert die Zeit der Erfüllung seiner
langersehnten Wünsche nahte, da setzte am 6. Juni 1873 ein
Lungenschlag seinem für die Marine so tätigen Leben ein plötzliches
Ende. General von Stosch wurde zum Chef der Admiralität ernannt. Er
stand bis zum 20. März 1884 an der Spitze der Marineverwaltung. Mit
aufrichtiger Bewunderung haben seine Untergebenen zu ihm aufgeschaut,
denn er war eine in sich gefestigte Persönlichkeit, die mit eisernem
Fleiß und unbeugsamen Willen für die Entwicklung der Marine sich
betätigte. Sein Name ist verknüpft mit dem ersten auch wirklich
durchgeführten Flottengründungsplan vom 21. April 1873 und mit der am
1. Juli 1883 erschienenen Denkschrift über die Durchführung dieses
Planes. Der erste systematische Ausbau der deutschen Flotte begann:
sie sollte dem Schutze des Handels, der Verteidigung der Küste
und der Entwicklung des Offensivvermögens dienen. In der späteren
Behandlung legte General von Stosch den Schwerpunkt mehr auf die
Küstenverteidigung, weil das angriffsweise Vorgehen sich auf kleinere
Seemächte beschränke, die Entscheidung im Kriege immer beim Landheere
liege, und eine gewonnene Seeschlacht höchstens den Ausgangspunkt für
weitere Unternehmungen bilde. Diesen Voraussetzungen entsprach der
Schiffbau der Periode Stosch.
Neben den Schiffen umfaßte der Plan die personelle Entwicklung, den
Ausbau der Werften, Häfen und sonstigen Landanlagen.
Bei der kurzen Erörterung dieses Flottenplanes im Reichstag faßte
dieser aus seiner Mitte eine Entschließung, daß die vorhandene
Voraussicht des Baues einer größeren Anzahl von Kriegsschiffen die
deutsche Schiffbauindustrie stärke, um Deutschlands Wehrmacht zur
See vom Ausland unabhängig zu machen. Der Reichstag wünschte diese
‚eigentlich selbstverständliche‘ Entschließung, damit die deutschen
Werften sich auf ihre Aufgabe vorbereiteten. Stosch erblickte in
seinem Plan nur die allgemeinen Richtungslinien für seine Tätigkeit an
der Spitze der Marineverwaltung. Von der Festlegung der technischen
Einzelheiten sah er ausdrücklich ab.
Mit dem Schiffbau ging die Entwicklung der Werften Hand in Hand.
Die kleineren Werke in Stralsund und Geestemünde wurden aufgegeben,
der Ausbau von Wilhelmshaven kräftig gefördert, und schon unter
Stosch wurde mit dem Bau einer zweiten Einfahrt daselbst der Anfang
gemacht. Die Werft in Kiel wurde erweitert. Kasernen und Lazarette,
Depots, sowie andere Bauten verschiedener Art schlossen sich an. Die
Ausbildung der Offiziere wurde verbessert, den Mannschaften durch
die Vierjährig-Freiwilligen aus der Landbevölkerung ein neuer Ersatz
zugeführt, und für einen guten Unteroffizierersatz durch Förderung
des Schiffsjungeninstituts vorgesorgt. Noch einem anderen wichtigen
Institut, der deutschen Seewarte in Hamburg, an deren Spitze der Chef
der Admiralität in der Person Neumayers einen überaus verdienten
Gelehrten stellte, hat Stosch während seiner ganzen Amtsführung eine
weitgehende Förderung zuteil werden lassen. Als Stosch nach zehn
Jahren aus seinem Amte schied, konnte er mit Befriedigung auf die
getane Arbeit zurückblicken. Als Beweis dafür sei eine Stelle aus dem
Hamburgischen Exporthandbuch hier wiedergegeben: „Als die deutsche
Reichsflagge stolz an der Gaffel deutscher Kriegsschiffe wehte, die
junge Reichsflotte mehr und mehr sich vergrößerte, da schlug man im
Auslande den Deutschen gegenüber einen anderen Ton an, man hatte
Respekt vor Deutschland bekommen.“ Die Marine war bereit für die
militärischen Anforderungen, die im Kriegsfall nach den damaligen
Voraussetzungen an sie herangetreten wären. Auch dem Verlangen des
Reichstages war die Marineverwaltung gefolgt, denn abgesehen von dem
Aviso ‚Zieten‘ waren alle Schiffe auf deutschen Werften gebaut worden.
Auch das Panzerplattenmaterial bezog man von deutschen Werken, die
Geschütze lieferte Krupp. Im Jahre 1883 kam zur geringen Freude des
Seeoffizierkorps wieder ein General von der Armee, der General von
Caprivi, der spätere Reichskanzler, als Nachfolger von Stosch an die
Spitze der Marine. Bei Stoschs Eintritt konnte noch kein Seeoffizier
auf den hohen Posten Anspruch machen; als Caprivi kam, durfte dieser
Grundsatz nicht mehr gelten. Während der Amtsführung Caprivis
wurde besonders der Bau der Torpedoboote bevorzugt. In die Ziele
des Kriegsschiffsbaues kam dadurch eine tiefgreifende Unsicherheit
hinein; selbst England sah damals für einige Zeit davon ab, große
Schlachtschiffe auf Stapel zu legen.
Der Bau der Torpedoboote wurde kräftig gefördert. Nur einige
Musterboote kamen aus England. Der deutsche Schiffbau bemächtigte sich
bald dieser Spezialität, und seine guten Leistungen erwirkten, daß
die fremden Marinen zahlreiche Bestellungen der Werft von Schichau
in Elbing beziehungsweise dem Stettiner ‚Vulkan‘ zukommen ließen.
Die Herstellung der Torpedos nahm Caprivi in eigene Verwaltung. Die
Torpedowerkstatt in Friedrichsort, deren Entwicklung in dieser Zeit
geschah, gelangte bald dahin, Torpedos in allen ihren Teilen zu erbauen
und technisch immer weiter zu vervollkommnen, ohne dabei in irgendeiner
Weise von der Privatindustrie abhängig zu sein. Die Küstenverteidigung
durch Minen und Festungen wurde nicht vergessen. Das Kriegsministerium
übergab die Befestigungen an der Elbe- und Wesermündung der Marine, die
nun von der Mitwirkung der Armeebehörden nicht mehr abhängig war.
Linienschiffe wurden in der Zeit Caprivis nicht gebaut. An dem
planmäßigen Ersatzbau von Kreuzern und Kanonenbooten wurde nichts
geändert. Auch in anderer Richtung nahm die Marine unter Caprivi eine
gute Entwicklung. Durch die Schaffung der Reservedivisionen wurde
dafür gesorgt, daß auf einem ständig im Dienst gehaltenen Panzerschiff
ein Stamm von Offizieren und Unteroffizieren derart in der Handhabung
dieser schwierigen Kriegsmaschinen in Übung blieb, daß selbst auf
unvorhergesehenen Befehl die Panzerdivision unbedenklich in See gehen
konnte. Seemannschaft und kühne Entschlußfähigkeit lernten Offiziere
und Mannschaften auf den Torpedobooten.
[Illustration: Admiral Friedrich von Hollmann.]
Als Kaiser Wilhelm II., der schon als jugendlicher Prinz tiefes
Verständnis und warmherziges Interesse der Marine entgegenbrachte,
den Thron bestieg, war Caprivis Amtsführung zu Ende. Der neue, dem
Seeoffizierkorps entnommene Chef der Admiralität holte eine lang
versäumte Maßnahme, den Bau von Linienschiffen, nach.
Man macht oft Caprivi zum Vorwurf, daß er fünf Jahre lang keine
Panzerschiffe baute. Ihren militärischen Wert schätzte er, wie die aus
seiner Zeit herrührenden Denkschriften beweisen, vollkommen richtig
ein. Dieser Vorwurf ist daher unbegründet. Die Flottenlisten der
fremden Nationen England und Frankreich weisen in der Zeitperiode des
Auftretens der Torpedowaffe fast gar keine Linienschiffbauten auf. Die
anderen unter den heutigen Seemächten kamen für jene Zeit überhaupt
noch nicht in Betracht. Der Bau der neuen Linienschiffe wurde energisch
gefördert. Im Jahre 1893 und 1894 traten sie in das aktive Geschwader
ein.
Eine andere bedeutungsvolle Maßnahme hob die geschaffene einheitliche
Admiralität auf. Neben ein rein militärisch gegliedertes
Oberkommando kam das Reichsmarineamt, dessen Chef als Vertreter
des Reichskanzlers den Etat der Marine vor dem Reichstag und die
Verwaltungsangelegenheiten als Chef der Verwaltung den militärischen
Marinebehörden gegenüber vertreten mußte. Im Jahre 1890 kam an die
Spitze dieser Behörde der Admiral Hollmann.
Der erste Gegenstand, der in seiner Amtstätigkeit in der Öffentlichkeit
viel erörtert wurde und die Flotte vorübergehend in den Hintergrund
treten ließ, war die Erwerbung und militärische Befestigung der Insel
Helgoland und die Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals.
Die bedeutsame Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes nahm ihren
Fortgang. Die starke Bevölkerungszunahme nötigte dazu, den Schwerpunkt
deutschen Erwerbslebens von der Landwirtschaft in die Industrie
zu verlegen. In immer erweitertem Maße steigerte sich die Einfuhr
überseeischer Rohstoffe, die eine ungeahnte Ausdehnung unseres
Seehandels bedingten. Wir wurden Mitbewerber, wo man uns bisher kaum
beachtet hatte. Allgemeine Zustimmung fanden die Kaiserworte: „Unsere
Zukunft liegt auf dem Wasser,“ und „Bitter not ist uns eine starke
Flotte!“
Eine schwere Aufgabe, im deutschen Volke breiten Schichten diese
Wahrheiten begreiflich zu machen! Wir waren berechtigt, auf dem
Weltmarkt mit gleichen Ansprüchen wie die übrigen Völker aufzutreten,
wir mußten mit ihnen Weltpolitik treiben.
Die Aufgabe wurde gelöst; heute erkennt das deutsche Volk, daß eine
starke Flotte ihm Freiheit und eine ungehinderte Entfaltung im
Welthandel gewährleistet. Seit 1897 ist Staatssekretär Tirpitz der
umsichtige Leiter des Marineamtes. Seine Maßnahmen, einen einheitlichen
militärischen Organisationsplan über Ausbau und Indiensthaltung zu
schaffen, welche trotz Änderungen, die durch den Wandel der Zeit
bedingt sind, ein festes Grundgepräge aufweisen, fanden die Zustimmung
der gesetzgebenden Faktoren.
Ende März 1898 kam nach mühseligen Verhandlungen der Grundplan, das
erste große Flottengesetz, zur Annahme. Die notwendigen erforderlichen
Erweiterungen des Grundplanes brachten die Flottennovellen von 1900,
1906 und 1911.
Das deutsche Volk hat jetzt die Gewähr, daß seine Marine den
Anforderungen, die an sie herantreten können, gewachsen ist. Ein großer
Fehler wäre es, das Gesetz aufzuheben, das eine weitblickende Regierung
schuf. Schwere Lasten brachten die Flottengesetze dem Volke, jedoch muß
unsere Generation sie tragen, um der künftigen die Ellbogenfreiheit
auf der See und damit im Welthandel und Weltverkehr zu sichern:
„Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser!“ und Deutschlands Flagge
soll in Ehren wehen!
Der Tag von Eckernförde.
(5. April 1849.)
Als die Schleswig-Holsteiner für ihre Freiheit im Kampfe gegen Dänemark
standen, schickte ihnen der Deutsche Bund Truppenunterstützungen,
die im Jahre 1849 unter dem Oberbefehl des Herzogs von Koburg-Gotha
standen. --
Es war am Abend des 4. April. Der Tischler Kalissen hatte von einem
schwankenden Gerüst oben an der Spitze des Gettorfer Kirchturms
Ausschau gehalten und die Ankunft eines starken dänischen Geschwaders
angezeigt, das einen Angriff auf Eckernförde zu planen schien. Sofort
rüsteten die vorhandenen Streitkräfte sich zur Gegenwehr; die geringe
Infanterie mußte den Strand besetzen, und die Küstenartillerie zwei
kleine Schanzen, die schon im Jahre 1848 zum Schutz des Hafens
errichtet worden waren. Die Nordbatterie führte sechs Geschütze und
ihr gegenüber die Südbatterie nur vier eiserne Kanonen. Für beide
standen zur Bedienung unter Hauptmann Jungmann vier Unteroffiziere
und zweiundsiebzig Artilleristen, durchweg Rekruten, bereit.
Eine nassauische Feldbatterie wurde aufgefahren, um einen etwa
beabsichtigten Landungsversuch der Dänen mit zu verhindern. Daß diese
kleine Schar vor den nahenden Kriegsschiffen mit ihrer viel größeren
Geschützstärke nicht einen Augenblick zitterte, war das Verdienst des
heldenmütigen Jungmann, der erst kurz vorher aus der Türkei, wo er die
starke Artillerie am Bosporus befehligte, zurückgekehrt war.
Die Mannschaften der Nordschanze standen unter Hauptmann Jungmann, den
Befehl in der Südschanze hatte bei dem Mangel an Offizieren ein junger
Holsteiner, der Freiwillige, Unteroffizier von Preußer, inne.
In der Frühe des Gründonnerstags fuhr das dänische Geschwader, das
während der Nacht draußen gekreuzt hatte, unter allen Segeln in den
Eckernförder Hafen ein. Das stolze Linienschiff ‚Christian VIII.‘
führte zweiundneunzig Kanonen und stand unter dem Befehl von Kapitän
Paludan, die Fregatte ‚Gefion‘ hatte vierundfünfzig Kanonen, die
Dampfschiffe ‚Hekla‘ sieben und ‚Geyser‘ sechs Geschütze.
Die einlaufende Flotte wollte die beiden Strandbatterien zerstören,
durch eine Truppenlandung sich der Stadt bemächtigen, alle gefundenen
Vorräte vernichten und dann schleunigst den Rückzug antreten. Wohl
stand der Wind dem Geschwader nicht günstig, trotzdem glaubten
die Schiffsführer im Vertrauen auf ihre starke Geschützzahl von
hundertneunundfünfzig Kanonen die kleinen Batterien am Strande
zum Schweigen zu bringen. Gegen acht Uhr kamen die Dänen in den
Schußbereich der Nordschanze. Sofort wurden sie von dort durch eine
gutgezielte Ladung begrüßt, die das heransteuernde Linienschiff nur mit
seinen Buggeschützen beantwortete.
[Illustration: Situationsplan der Zerstörung der dänischen Schiffe
‚Christian VIII.‘ und ‚Gefion‘ bei Eckernförde.]
Als beim Beginne des Geschützfeuers die ersten Kugeln in die kleine
deutsche Batterie einschlugen, entfiel den noch nicht kampfgewohnter
Soldaten der Mut. Plötzlich stand ihr Hauptmann Jungmann auf den
Brustwehr und begrüßte die rings um ihn in die Erde einschlagenden
Kugeln mit gezogenem Degen. Das wirkte Wunder. Jetzt erkannten die
jungen Kämpfer, daß nicht alle Kugeln trafen, und mutig standen sie
ihren Mann bei der Bedienung der Geschütze, obwohl die feindlichen
Schiffe ein furchtbares Feuer eröffneten. Dreißig bis vierzig Kugeln
sausten oft auf einmal heran, wenn das Linienschiff eine volle
Breitseite abgab. So wurden in kurzer Zeit Tausende von Geschossen
verschwendet, ohne großen Schaden anzurichten.
Der Hauptangriff des Linienschiffes galt zunächst der Nordschanze,
während der Zeit beschoß die Fregatte die Südbatterie. Die dänischen
Artilleristen zielten schlecht, die meisten Geschosse flogen hoch über
die deutsche Batterien hinweg auf den Strand, oder sie zerstörten
die Brustwehr und die etwas höher gelegenen Deckungsschanzen für die
Infanterie.
Damit wuchs der Mut der Verteidiger mehr und mehr. Als in der
Nordbatterie eine Bombe auf die Pulverkammer fiel, stürzte sich ein
alter Feldwebel auf den gefährlichen Gast und machte ihn unschädlich.
Wenige Augenblicke später warf eine große Vollkugel ein Geschütz um;
nur wenige Minuten, und der Schaden war wiederhergestellt. Mit großer
Ruhe ward gezielt und geschossen! Jede Kugel traf mit Sicherheit ihr
Ziel. Eine spätere Untersuchung der ‚Gefion‘ ergab, daß nur sechs
Geschosse fehlgingen, alle übrigen saßen sämtlich im Schiffsrumpf dicht
über dem Wasserspiegel.
Auch das Segelwerk der Schiffe litt; als auf dem Linienschiff dichter
Qualm aufstieg, gab er Kunde, daß eine deutsche Bombe gezündet hatte
und das Feuer das Schiff bedrohte. Noch schlimmer stand es um die
Fregatte. Sie war durch einen Schuß in das Steuer beinahe zu jedem
Manöver unfähig. Durch Notzeichen rief sie die Dampfboote herbei,
aber keines vermochte die Schußlinie der beiden Strandbatterien zu
durchfahren. Schwer beschädigt mußten die beiden auf ihre eigene
Rettung bedacht sein und die Kriegsschiffe ihrem Schicksal überlassen.
Nach den Berichten der Augenzeugen sahen viele Zuschauer von der
Anhöhe am Hafen in fieberhafter Aufregung dem Kampf zu. Schwieg die
Nordschanze eine Weile, dann bemächtigte sich Kummer und Verzweiflung
der harrenden Menge; sowie sie aber die Kanonenschüsse der Dänen
auch nur mit einem Schuß erwiderte, drückten die Zuschauer sich
freudetrunken die Hände und riefen einander zu: „Sie hält sich, die
Schanze hält sich! Gott schütze Schleswig-Holstein!“ Mehrere Stunden
hielten die wackeren Batterien dem furchtbaren Angriff stand, aber sie
wären schließlich doch unterlegen, wenn die Elemente sich nicht als
gute Verbündete erwiesen hätten.
Eine schwache östliche Brise wurde allmählich immer stärker und
trieb die Dänenflotte tief in den Hafen hinein, so daß sie auch von
den Feldgeschützen der nassauischen Batterie mit Kartätschenfeuer
bestrichen werden konnte; das hinderte die Mannschaften an einem
Aufenthalt auf Deck und in den Wanten. Die Not der ‚Gefion‘ stieg aufs
höchste, sie bat noch einmal dringend um Hilfe, der Dampfer ‚Geyser‘
eilte heran, schon lag das Bugsiertau an der Fregatte, da zerschnitt
eine Kugel das Seil -- das Schicksal der ‚Gefion‘ war besiegelt; sie
war verloren. Dem Kapitän blieb nichts weiter übrig, als die Flagge zu
streichen.
Das Linienschiff ‚Christian VIII.‘ litt nicht weniger unter dem Feuer
der Strandbatterien, dazu brannte das Schiff, aber der Herd des Feuers
war nicht zu entdecken. Immerzu schlugen glühende Kugeln krachend
in den Rumpf des Schiffes ein. Sie mußten aufgesucht und über Bord
geworfen werden, wenn nicht an hundert Stellen zugleich der Brand
auflodern sollte. Nach siebenstündigem Kampf stieg in der Mittagsstunde
am Mast die weiße Parlamentärflagge auf, das Feuer schwieg auf beiden
Seiten, und ein dänisches Boot nahte mit einer Botschaft des Kapitäns
Paludan.
[Illustration: Niederlage der dänischen Schiffe ‚Christian VIII.‘ und
‚Gefion‘ in der Eckernförder Bucht.]
In einem Schreiben, das an die ‚Oberste Zivil- und Militärbehörde in
Eckernförde‘ gerichtet war, verlangte der dänische Befehlshaber freien
und unbehinderten Abzug der Schiffe; sollte das verweigert werden, so
würde er die Stadt in Brand schießen.
Der Magistrat der Stadt überließ Hauptmann Jungmann die Entscheidung,
der in Verbindung mit Hauptmann von Irminger, dem Kommandeur
des dritten schleswig-holsteinischen Reservebataillons, und dem
Etappenkommandeur Wigand das Schreiben folgendermaßen beantwortete:
„Wir sehen uns nicht veranlaßt, Ihre Schiffe zu schonen. Sollten
Sie Ihre Drohung, eine offene Stadt zu beschießen, verwirklichen,
so würde ein solcher Vandalismus der Fluch Dänemarks werden, dessen
Vertreter Sie hier sind.“
Diese Antwort war von der Bevölkerung in der ernsten Stunde mit Jubel
aufgenommen worden. Zweifellos hätte jede feindliche Kugel ein Haus der
nahen Stadt zerstört, aber trotzdem riefen die Bürger entschlossen:
„Wir wären ehrlos und verdienten den Fluch ganz Deutschlands, wenn
wir die Schiffe entkommen ließen; darum bestehen wir darauf, daß der
Vorschlag der Dänen abgelehnt werde.“
Gegen fünf Uhr nachmittags begann der Entscheidungskampf. Er sollte
nicht lange dauern. Ein großartiges Schauspiel bot sich für die
Zuschauer; sie beobachteten, wie fast jede Kugel der Batterien traf und
nach jeder abgefeuerten Breitseite der Schiffe Dampf- und Staubwolken
die ausdauernden Kanoniere einhüllten. Diese wurden mit Jubel begrüßt,
wenn die Wolken sich verzogen hatten und die schwarz-rot-goldene
Flagge, wohl vielfach durchlöchert, immer noch auf den Batterieständen
wehte.
Die sonst so vortreffliche dänische Artillerie hat in dem Kampf bei
Eckernförde sich schlecht bewährt. Wie später bekannt geworden ist,
flüchteten die Kanoniere vor dem Feuer der Deutschen von den Kanonen,
und an ihre Stellen traten Seekadetten. Aber auch deren Aufopferung
konnte die stolzen Schiffe nicht retten.
Als die Abendsonne am Himmel verschwand, sank auf den Dänenschiffen der
stolze Danebrog. Zwei schöne Fahrzeuge bildeten die Beute einer kleinen
Schar umsichtig geleiteter, tapferer Kanoniere. Ein tausendfaches Hurra
der Zuschauer begrüßte das Ende des Kampfes. Das Feuer schwieg, und
dann war alles still. -- --
Im Erfolg erst erwies sich die wahre Heldengröße der Sieger. Nirgends
hörte man lauten, übermütigen Jubel, in tiefer Bewegung reichten
die Braven sich still die Hände und blickten dankbar zum Himmel
auf. Unteroffizier von Preußer bemerkte, daß die Dänen alle Boote
herabließen und in eiliger Flucht von dem brennenden Schiffe zu
entkommen suchten. Preußers Entschluß war rasch gefaßt. Mit einigen
seiner Leute sprang er in ein Boot, ermahnte die Fischer, ihm mit ihren
Kähnen zu folgen, und steuerte dem Kriegsschiff zu, aus dessen Luken
schwarze Rauchwolken emporwirbelten. Nach wenigen Minuten war er an
Bord des von Blut und Leichen bedeckten Schiffes. Mit übermenschlicher
Anstrengung bemühte er sich um die Rettung der Verstümmelten und
Entkräfteten. Unterdessen griff das Feuer rasend um sich, bedrohte die
Pulverkammer und das Leben der heldenmütigen Retter.
Vergebens beschwor von Preußer seine Freunde, nach dem Land
zurückzukehren, vergebens trieben die dänischen Matrosen zur Eile.
Plötzlich ertönte eine furchtbare Explosion, ‚Christian VIII.‘ war in
die Luft geflogen. Ein Augenzeuge schrieb darüber:
„Die Dunkelheit wich plötzlich größester Tageshelle. Eine Feuergarbe,
groß und breit wie das Linienschiff, stieg empor. Der Hafen glich einem
Feuermeer. Eine ungeheure schwarze Rauchwolke schwebte über dem Ganzen.
Brennende Balken und Masten bildeten riesige Sterne darin, und die in
der Luft platzenden Bomben durchzuckten wie Blitze, denen der Donner
unmittelbar folgte, diese Wolkenmasse. Es war ein unbeschreiblich
großartiger, furchtbar schöner Anblick.“ -- Der heldenmütige Retter von
Preußer fand mit zweiundneunzig Mann beim Untergang des Schiffes seinen
Tod.
[Illustration]
Das Preußendenkmal auf dem Friedhofe zu Gibraltar -- ein
Erinnerungszeichen an das Gefecht bei Tres Forcas.
Auf dem Friedhofe der Felsenfestung Gibraltar erhebt sich ein einfaches
Denkmal, das an der Spitze als Zierat einen preußischen Adler trägt.
Unter dem Gedenkstein schlummern ein Offizier und vier Mann der
ehemaligen preußischen Marine; sie haben im Jahre 1856 unter Prinz
Adalbert im Kampfe gegen die Riffpiraten den Heldentod gefunden.
Im August des Jahres 1856 ankerte Prinzadmiral Adalbert mit der
Raddampfkorvette ‚Danzig‘ im Hafen zu Gibraltar, um dort Kohlen und
Proviant einzunehmen. Die Weiterreise, an der afrikanischen Küste
entlang gehend, verfolgte das Ziel, über die Kabylenstämme an der Küste
Erkundigungen einzuziehen; insbesondere forschte man nach dem Stamme,
der einige Jahre früher eine preußische Brigg ‚Flora‘ geplündert hatte.
In der Frühe des 7. August kam die ‚Danzig‘ in die Nähe von Tres
Forcas. Um die Küste noch genauer zu erkunden, wurden die leichten
vier Schiffsboote bemannt und auch mit Seesoldaten besetzt. Gegen
die Bevölkerung sollte keine feindliche Haltung eingenommen werden.
Doch es kam anders. Während die Boote an der steilen Küste entlang
fuhren, sammelten sich auf den Anhöhen bewaffnete Araber. Als die
Landungsabteilung um eine schroffe Felswand herum in eine kleine
Bucht einbog, fielen von den Höhen Schüsse, deren Kugeln dicht neben
den Booten ins Wasser schlugen. Die preußische Flagge stieg am Mast
empor, und mehrere Musketensalven antworteten den Angreifern. Auch
die ‚Danzig‘ ging näher an die Küste und warf einige Granaten nach
den Anhöhen, sodann zogen sich die Boote nach dem Schiffe zurück. An
Bord wurde Generalmarsch geschlagen und das Schiff klar zum Gefecht
gemacht. Der Prinzadmiral hielt mit seinen Offizieren Kriegsrat. Der
Angriff auf die preußische Flagge mußte gerächt werden. Alle Boote
wurden voll bemannt und mit dem nötigen Schießbedarf ausgerüstet; der
Prinz übernahm selbst die Führung. Um die frechen Kabylen zu strafen,
verfolgte er die Absicht, mit den Mannschaften zu landen und die
Riffbewohner anzugreifen. Das Kriegsschiff begleitete seine Boote
an die Küste und säuberte auch durch einige Kartätschenschüsse die
vorderen Hügel vom Feinde. An einem Sandstrande sollte gelandet werden.
Aber ehe noch die Boote anlegten, füllten sich die Höhen ringsum wieder
mit bewaffneten Kabylen, die die Preußen mit heftigem Gewehrfeuer
empfingen. Diese sprangen rasch auf den Strand; in Schützenlinien
ging’s mit Hurra den steilen Abhang empor.
[Illustration: Prinz Adalbert bei Tres Forcas.