Nach einem Bilderbogen im Besitze der Stadt Hamburg.]

Und nun zum jubelnden Empfang der Sieger! Die Geschütze lösten

Freudenschüsse, als die Hamburger mit ihren Schiffen in den Hafen

einfuhren. Der Rat der Stadt, an der Spitze die Bürgermeister, und

die vornehmen Bürgerkreise standen am Landungsstege bereit, um die

heimkehrenden Sieger zu begrüßen. Fröhliche Weisen der Stadtpfeifer

und Pauker ertönten, und die weithin schallenden Kirchenglocken boten

freundlichen und dankerfüllten Willkommengruß. Unermeßlicher Jubel

durcheilte die Scharen der Bürger, als Störtebeker und die Seinen, mit

schweren eisernen Ketten belastet, den Gang ins Gefängnis antraten.

Das Gefängnis im Keller unter dem Rathause nahm sie auf. Dort blieben

sie drei Monate, bis ihre Wunden geheilt waren, und dann traten sie den

letzten Gang, den Weg zum Henker, an.

Nun erlebte Hamburg noch einen Festtag. Es war am 10. Juni 1401, da

führte ein Zug die gefangenen Seeräuber zum Grasbrook hinaus. Hier

unten am Elbstrande harrte ihrer das Schafott. Bewaffnete Bürger zu

Fuß und zu Pferde begleiteten die Gefangenen, in einem langen Zuge

folgten Frauen und Jungfrauen. Am Grasbrooke wartete der Scharfrichter

Rosenfeld, ein starker und gewaltiger Mann. Von ihm wird berichtet, daß

er ein Schwert führte, das ein gewöhnlicher Sterblicher kaum zu heben

vermochte. Störtebeker fiel als der erste durch den Henker, dann kam

Wichmann an die Reihe; nach ihnen die siebzig anderen. Das Volkslied

singt davon:

„Der Büttel, der hieß Rosenfeld,

Der hieb so manchen stolzen Held

Zu Tod mit frischem Mute.

Er stund wohl in geschnürten Schuhn

Bis an die Enkel[10] im Blute.“

Die Sage erzählt aber weiter, daß auch Rosenfeld selbst unmittelbar

nach der Blutarbeit um einen Kopf kürzer gemacht worden sei. Denn

als der der Hinrichtung beiwohnende ehrbare Rat von Hamburg nach der

schweren Arbeit ihn teilnehmend fragte, ob er sehr ermüdet sei, lachte

der blutberauschte Scharfrichter grimmig, und höhnisch antwortete er,

es sei ihm nie wohler gewesen und er fühle noch genug Kraft, den ganzen

Rat zu köpfen. „Ob dieser verbrecherischen Antwort ist ein ehrbarer Rat

so empört und entsetzet gewesen, daß er den Kerl sofort abtun ließ.“

Die Heldentaten Störtebekers leben in Sage und Geschichte fort bis in

unsere Zeit. Vieles ist darüber berichtet worden. So soll der Mast

seines Schiffes hohl gewesen sein und eine Menge Gold und Edelsteine

enthalten haben. Mancherlei Andenken an die Zeit Störtebekers werden

in der Hansestadt Hamburg aufbewahrt. In der Sammlung hamburgischer

Altertümer finden sich eine Rüstung und ein Eisenhut, die angeblich

Störtebeker gehört haben sollen. Von einem eisernen runden Schild mit

einer Leuchte in der Mitte, der gleichfalls dort aufbewahrt wird,

behauptet man das gleiche. Im Schiffer-Armenhause findet sich im

Versammlungsraum der Schiffsalten ein 4 Kilogramm schwerer silberner

Becher, der aus dem Silber angefertigt sein soll, das man im Schiff

Störtebekers fand, und manche Hamburger glauben daran, daß die goldene

Krone des Katharinenkirchturms aus dem Golde Störtebekers angefertigt

sei.

In Sage und Geschichte und in allerlei Volksliedern wurden Störtebekers

Heldentaten besungen. Sie sind verloren gegangen, und nur weniges wurde

in unsere Zeit hinübergerettet.

[Illustration]

Der Tag von Stralsund.

Herzog Erich von Pommern kam auf den Thron der drei nordischen

Königreiche, als die Königin Margarete im Jahre 1412 gestorben war. Der

neue König, eine stattliche Erscheinung, anfangs bei seinen Untertanen

beliebt, trat in eine offene Gegnerschaft zur Hanse. Seine Feindschaft

brachte er durch die Einführung des Sundzolles zum Ausdruck, seinen

Zweck, den deutschen Handel durch die Sperrung des Sundes zu schädigen

erreichte er nicht; vielmehr wurde er gerade durch diese Maßnahme in

einen erbitterten Krieg mit der Hanse verwickelt, den er schließlich

sogar verlor.

Im Jahre 1426 rüsteten Lübeck, Hamburg, Rostock, Stralsund,

Wismar und Lüneburg zum Kampfe gegen ihn, mit ihnen der Herzog

von Schleswig-Holstein. In jenen bewegten Zeiten erregte die

Einwohnerschaft Stralsunds am 4. Mai 1429 allerlei Kriegsgeschrei;

der Schall der Kartaunen und Donnerbüchsen erweckte sie aus dem

Morgenschlafe. König Erichs Gemahlin hatte unbemerkt eine Flotte

von siebzig Fahrzeugen ausgerüstet und mit zwölfhundert Gewappneten

bemannt, um die Stadt Stralsund einzunehmen. Die Mannschaften landeten

unbemerkt und waren nun bereit, einen Überfall auf die Stadtmauern zur

Ausführung zu bringen.

Wilhelm Jensen, der treffliche Romanschriftsteller, der besonders

hansische Geschichte in seinen Werken behandelt, erzählt auch den

Überfall von Stralsund; seinen Ausführungen folge ich bei der

Wiedergabe der nachfolgenden Schilderung.

An den Hafenmauern staute sich die Menge, wildes Kampfgetöse erschallte

dort, und hastig eilten in Wehr und Waffen immer neue Bürger dorthin.

Sie trafen noch rechtzeitig ein, um der bedrängten kleinen Mauerwache

Hilfe zu bringen. Immer dichter drang der Feindesschwarm heran; auf

Sturmleitern suchten sie die Mauerhöhe zu erklimmen. Die Stralsunder

hatten genug zu tun, um die Vorwitzigen, die die obersten Sprossen der

Leitern erreicht hatten, in die Tiefe zu stürzen. An der Ladebrücke

lagen die feindlichen Schiffe Mast an Mast. Drohend sahen die Geschütze

von den Schiffskastellen nach der Stadt hinüber.

Unbemerkt, im Nebel der Nacht war die Flotte herangekommen, und

siegesgewiß hoffte sie diesmal die Hansestadt zu erobern. Jedoch die

Rechnung war ohne die Stralsunder gemacht. Bald standen genügend Bürger

an der Stadtmauer bereit, die Angriffe der Feinde abzuwehren, die trotz

ihrer Überzahl gegenüber der gewaltigen Mauerstärke nichts ausrichten

konnten. Von den Schiffskastellen wurde der Angriff unterstützt.

Die Bliden (Wurfmaschinen) der Schiffe schleuderten schwere Steine,

Fässer mit Brennstoff und Tonnen mit Stinkpulver auf die Stadt; um

diesen Einwirkungen zu entgehen, hielten die Verteidiger ihre Nasen

mit Tüchern zu. Doch wie sehr auch die Dänen sich anstrengten: die

Bürgerschaft unter der Anführung des Bürgermeisters Klaus von der

Lippe, der die Seinen mit Umsicht führte, schlug die dänischen

Gewappneten zurück. Als diese die Aussichtslosigkeit ihres Beginnens

einsahen, stürmten sie fort, und in sinnloser Wut zerhieben ihre Fäuste

alles, was in der Nähe der Ladebrücke erreichbar war. Das Kloster St.

Jürgen und andere Bauwerke, die gleichfalls außerhalb der Stadtmauer

lagen, wurden ausgeplündert und in Brand gesetzt. Den mutvollen Bürgern

riefen sie ein uraltes Schimpfwort zu: „Tüdske Garper;“ es heißt so

viel wie „Deutsche Läuse“. So tobten die Dänen vor den Stadtmauern mit

Mordgeschrei bis gegen Mittag umher, und da durch dies Beginnen die

Stadtmauern nicht fielen, blieb ihnen nichts andres übrig, als die

Segel zu setzen und zu verschwinden, sie fuhren durch den Strelasund

nach Südost davon.

Ingrimmig stand Klaus von der Lippe auf der Stadtmauer und schaute den

enteilenden Schiffen nach, wutentbrannt über die Zerstörung, die sie am

Hafen angerichtet hatten. „Wenn sie hier einer festhielte,“ so dachte

er, „dann würde ich ihnen den ‚Lausekerl‘ heimzahlen!“ Ein schöner

Maitag war’s, kühl und kräftig blies der Nordwind, der die Dänenflotte

von Norden her hereingebracht hatte; aber den Schiffern schien es, als

würde der Wind bald nach Osten umspringen.

Klaus von der Lippe, begleitet von den Ratsherren und einer

vielköpfigen Menge von Bürgern, stieg zur Ladebrücke am Hafen herunter,

um die Zerstörungen zu betrachten. Plötzlich rief irgend jemand aus

der Menge: „Seht dort die Segel, die Dänen kommen um Rügen zurück!“

In der Tat machte es den Eindruck, als sei es die Dänenflotte, die

dort mit einem Schwarm durch den Wind mächtig aufgebauschter Segel

zurückkehrte. Aber schon riefen die andern Stimmen: „Das sind Hansen,

sie führen die Danziger Flagge!“ Nach einiger Zeit des Wartens und

des Zweifelns bewahrheitete es sich, daß es Hansen waren, die sich

draußen auf der See getroffen hatten und, wie’s Schiffsgebrauch war,

zusammenhielten, um gemeinsam nach Stralsund hineinzufahren. Und da

ihnen bei der Einfahrt der Wind von Osten her entgegenstand, nahmen sie

ihren Kurs um Rügen und liefen jetzt segelgeschwellt auf Stralsund

zu, ohne zu ahnen, was hier sich am Morgen zugetragen hatte. Die

erste unter den Koggen mit der Danziger Flagge war ein neuerbautes

Fahrzeug des Altbürgermeisters. Auf dem Vorderkastell stand der Sohn

des gestrengen Herrn, der junge Jörg von der Lippe. Sobald der Alte des

Sohns ansichtig wurde, leuchtete sein faltenreiches Gesicht, und seine

mächtige Gestalt durchzuckte es. Mit großer Stimme rief er über die

Menge hin: „Wahrlich, euch schickt der Himmel, ihr Danziger; wollt ihr

uns helfen, die Dänen zu züchtigen? Seht hier, was sie verübt haben.

-- Dort sind sie hinaus!“ Er streckte die Hand gen Süden. „Weit können

sie noch nicht sein, denn der Wind greift um, und sie können nicht

aus der Enge hinaus!“ Ein ungeheures Stimmgetöse warf den Ruf zurück

und wälzte sich dann fort durch die Straßen der Stadt. Allüberall

ertönten die Rufe: „Auf die Dänen, auf die Dänen, alle Mann auf Deck!

Die Danziger stellen ihre Schiffe zur Verfügung, jetzt Kraut und Lot

und Bombarden[11] geholt!“ Die Stadt schien einem Ameisenhaufen zu

gleichen, alles rannte und schleppte irgend etwas herbei, und emsige

Scharen eilten zu den Hafentoren.

In den Hansestädten kannte man in dringlichen Fällen die schnelle

Ausrüstung der Frachtfahrzeuge zu Kriegsschiffen.

Kaum waren einige Stunden vergangen, da fuhren schon die sechs Koggen

als Orlogschiffe gerüstet hinaus zum Kampf. Auf jedem Schiffe standen

hundert bewaffnete Bürger, dazu schauten drohend die Geschütze aus

den Kastellen hervor; in den Mastkörben standen Knallbüchsen mit

Hakenschützen, und zu ihnen hatten sich noch die Armbruster gesellt.

Niemand von ihnen dachte an die zehnfache Übermacht der Dänen. Sie alle

waren geblendet von dem Gedanken: der Sieg muß uns werden.

Kaum hatten die hansischen Koggen die kleine Insel Hela passiert, die

nur eine Viertelmeile vom Hafen entfernt liegt, da schwärmte die ganze

dänische Flotte gegen sie heran. Der heftige, nach Osten umgeschlagene

Wind und die hochgehende See versperrten den Dänen den Ausweg in den

Greifswalder Bodden; sie wollten darum ihren Kurs an der Stadt vorüber

durch den Gellen[12] nehmen, ahnten jedoch die Gefahr, die sich ihnen

in den sechs deutschen Schiffen näherte, nicht.

Vom Gellen her kam noch der Wind. Er füllte die hansischen Segel, und

die Dänen, vom Ostwind getrieben, rauschten heran. Ein eigenartiges

Schauspiel! Im Augenblick hatten die Geschwader die zwischen ihnen

liegende Lücke durchfahren. Ein halbes Dutzend Hansen gegen siebzig

Schiffe der Dänen! Und die Berichte der Zeitgenossen sprechen davon,

es hätte ausgesehen „wie Kirchen neben Kapellen“. Zuschauer waren eine

Menge da. Auf der Stadtmauer drängte sich das Volk, Greise, Weiber und

Kinder, um das Schauspiel zu genießen, das sich ihnen darbot, denn seit

Jahrhunderten war so etwas nicht geschehen. Fast im Hafen entbrannte

die mörderische Seeschlacht. Doch einen deutlichen Ausblick konnten

sie nur für kurze Zeit genießen, bald war alles in dichten Pulverrauch

gehüllt. Nur von Zeit zu Zeit, wenn der Wind hindurchstrich, war ein

Durchblick möglich, dann zeigte sich die weiße Linie der Schiffe,

um bald wieder zu verschwinden. Hier und da zuckten Flammen auf und

erloschen wieder, dann wiederum rauschte das Meer, um ein sinkendes

Schiff aufzunehmen.

Des Bürgermeisters Kogge segelte auf das vorderste Dänenschiff los

und hatte dies bald mit seinem eisernen Sporn niedergerannt, ohne

daß eine Gegenwehr möglich war. Von den Schiffskastellen krachten

die Kartaunen, von den Mastkörben herunter schossen die Haken und

Arkebusen in die nächsten Feindesfahrzeuge hinein. Die Enterhaken

und fünfarmigen Anker an leichten Ketten flogen nach ihnen aus und

hielten die nächstfahrenden Schiffe gepackt, und wie ein wütender

Bergstrom stürzten die Stralsunder über die Schiffsbrüstungen,

schlugen und stießen auf die überraschten Dänen ein. Ehe die

nachfolgenden Dänenschiffe begriffen hatten, was vorn geschah, war

nahezu ein Dutzend der Dänenfahrzeuge zum Sinken gebracht, überrannt

oder durch Feuer zerstört. Dann erkannten sie vor sich eine neue

gewaltige Kogge als Verderbenbringerin; diese bot nun das neue Ziel

des Kampfes. Doch jetzt kamen die fünf anderen Hansen heran, fielen

den Angreifern in die Flanke, und das Getöse der Waffen, das Donnern

der Bombarden überhallten den Kriegsruf: „Dudesche Hanse!“[13] Immer

dichter wurde das Gedränge, und im Handgemenge entstand unter den

eng zusammengedrängten Schiffen der Dänen eine große Wirrnis. Sie

konnten die Zahl der Gegner nicht bemessen, und während die Dänen

noch abschätzten, wurden sie vom Enterhaken leicht gefaßt und von den

hochbordigen Hansenschiffen, die sie weit überragten, festgehalten.

Die Holzleiber der Schiffe krachten, und durch die zerstörten Planken

stürzten wild jauchzend die Hansen hinein. Schonungslos schleuderten

die mutigen Stralsunder brennende Pechkränze auf die ineinandergetürmte

Masse, und hellauf leuchteten die lodernden Flammen, die den

Dänenschiffen den sicheren Untergang brachten. „Das war eine Mandel,“

schrie irgend jemand, „lat uns dat Schock voll machen, dor krupen noch

veel to veel Garper up’t Water rüm!“[14] Wilde Scherze wurden laut

im Kampfe zwischen den hansischen Kaufleuten und den Dänen. Manch

einer der bewaffneten Stadtbürger mußte sein Leben lassen. Unter den

todesmutigen Scharen der Bürger räumten in der Schlacht Spieß und

Kugeln auf, aber für jeden Stralsunder fielen mindestens zehn Dänen,

versanken im nassen Wellengrabe oder deckten als Leichen die Trümmer

ihrer Schiffe, die durch das Spiel der Wellen auf die Sandbänke der

Insel Strela geworfen wurden. Schon nach der ersten verlustreichen

Stunde des Kampfes erkannten die Dänen, daß nur die Flucht ihnen

Rettung bringen konnte, denn auf zu engem Raum hatten die nordischen

Schiffe den Kampf zu führen; die Fahrzeuge, die nicht enteilen konnten,

blieben dem sicheren Untergange geweiht.

[Illustration: Klaus von der Lippe schlägt die dänische Flotte.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 22 / 97 题