Nach einem späteren Stich.]

Im Jahre 1395 erhielt Albrecht von Schweden nach schmachvoller

Gefangenschaft gegen ein Lösegeld von 6000 Mark lötigen Silbers[8] die

Freiheit.

Damit war der Wunsch von Rostock und Wismar erfüllt und die Kaperbriefe

hinfällig geworden. Die Likendeeler aber liebten die Räubereien und

stellten das einträgliche Geschäft durchaus nicht ein, sondern setzten

es auf eigene Faust fort.

Im Jahre 1396 statteten sie dem hansischen Kontor in Bergen einen

ungebetenen Besuch ab. Trotz kräftiger Verteidigung konnten die Hansen

ihre Niederlassung nicht halten. Das Kontor und seine Lagerhäuser

wurden ausgeplündert, hansische Krieger und Kaufleute erschlagen und

die erbeuteten Waren in Rostock und Wismar verkauft. Nach diesem großen

Raubzuge teilten sich die Horden. Eine Abteilung segelte an die Küste

Ostfrieslands, der zweite Teil fuhr an die Newa, und eine dritte Gruppe

hielt sich an den spanischen Küsten auf, und außerdem zeigten sich auch

in der Ostsee genug Kaperschiffe.

Die Hansestädte hatten endlich die Sorge satt und rüsteten zahlreiche

Kriegsschiffe zum Kampf gegen die Räuber aus. Mehrmals eroberten die

Schiffe der Hansen zahlreiche Piratenfahrzeuge und bereiteten ihren

Besatzungen auf dem Schafott der Heimatstädte ein Ende.

Unter den Raubgesellen, von denen in Sage und Geschichte viel berichtet

wird, war Klaus Störtebeker einer der bedeutendsten. Er gehörte zu

den Lieblingen des Volkes, die in Liedern und Geschichten fortleben.

Mit ihm werden in der Geschichte genannt: Gödeke Michaels, Wigbold

und Wichmann, alle berühmt durch ihre Grausamkeit und ihren Wagemut.

Im Volke erzählte man sich Wunderdinge von der großen Körperkraft

Störtebekers, durch die er sich unter seiner wilden Raubgesellenschar

den nötigen Respekt erhielt. Einzelne Chroniken berichten, daß

Störtebeker ein Edelmann gewesen sein soll, der in der Gegend von

Verden beheimatet war. Nach einem wilden, zügellosen Leben, in dem

er Hab und Gut vergeudet hatte, selbst sein Rittergewand und sein

Rüstzeug dahingab, trat er unter die Vitalienbrüder, die ihn gern bei

sich aufnahmen. Wieder andere schreiben, daß er in Pommern geboren

wurde, die Angaben neuerer Geschichtsforscher bringen ihn nach Wismar.

Fest steht jedenfalls, daß es unter den Vitalienbrüdern mehrere

dieses Namens gab, und es ist sicher, daß um 1400 herum in Wismar

eine Familie namens Störtebeker beheimatet war. Der Name weist auf

die Trinkfestigkeit seines Trägers hin. Er erhielt die Bezeichnung

deswegen, so berichtet die Sage, weil er einen großen Becher Weins,

der drei Flaschen faßte, in einem einzigen Zuge zu leeren verstand.

‚Becherstürzer‘, plattdeutsch ‚Störtebeker‘, nannte ihn sein Raubvolk,

seinen wahren Namen hielt er verschwiegen.

Die Geschichtsforschung nimmt an, daß die Vorfahren Störtebekers

Krugwirte waren, denn die Bezeichnung Sturzbecker war üblich für einen

Becher mit einem Deckel oder Sturz, und nach ihm hat wohl die Familie

ihren Namen erhalten.

Als das Raubgesindel die Ostsee räumte, hielt es sich in Ostfriesland

auf. Im Gebiete des kleinen Ostfriesland regierte eine ganze Zahl

kleiner Edelleute. Unter diesen riß Keno then Broke, ein gefürchteter,

kriegerischer Häuptling, die Vorherrschaft im Lande an sich. Als

die Vitalienbrüder, von den Hansen verfolgt, in Ostfriesland einen

Stützpunkt suchten, räumte Keno ihnen Marienhave ein. Die Einfahrt

des durch vier große Pforten und starke, dicke Mauern befestigten

Ortes lief durch einen Stichkanal, der noch jetzt ‚Störtebekers

Tiefe‘ benannt ist. Auf den Wohlstand der Räuber weist heute noch

der Marienhavener Turm hin, den sie aus ihren Mitteln erbauten.

Im Jahre 1398 schlossen Lübeck und Hamburg im Verein mit Margarete

einen Bund, um die nördlichen Meere von dem Raubgesindel zu befreien.

Um 1400 einigte sich die Hanse dahin, mit vereinter Kraft das

geplante Vorgehen zu unterstützen. Zwei Hamburger Ratsherren wurden

abgeordnet, um Keno then Broke zu verwarnen, den Raubgesellen fürderhin

keinen Aufenthalt mehr zu geben. Störtebeker war inzwischen Kenos

Schwiegersohn geworden, und in seiner Gegenwart verpflichtete sich Keno

then Broke, den Vitalienbrüdern in Zukunft keinen Schutz angedeihen

zu lassen; der damals aufgesetzte Vertrag „Keno then Broke und seine

Genossen geloben den Bürgermeistern und Ratmannen der Stadt Hamburg

und ihren Nachfolgern, als Mitgliedern der Hanse, alle Vitalienbrüder

von sich zu lassen und sie durchaus nicht weiter schützen zu wollen“

wird noch heute im Archiv der Stadt Hamburg aufbewahrt, und neben

der Unterschrift Keno then Brokes finden sich die einer ganzen Reihe

friesischer Hauptleute. Als die Sendboten der Hanse aus der Halle

traten, in der die Verhandlungen geführt waren, da eiferte Klaus

Störtebeker gegen seinen Schwiegervater, weil er solche Bedingungen

angenommen habe. Einer der Ratmannen, der seine Handschuhe vergessen

hatte, kehrte zurück, um sie zu holen, und vernahm dabei die Antwort

Keno then Brokes an Störtebeker, daß er durchaus nicht gewillt sei, den

Vertrag zu halten. Die zurückkehrenden Ratmänner Albert Schreie und

Johann Nanne berichteten getreulich und verschwiegen auch nicht das

Eingeständnis des Friesenhäuptlings. Hamburg rüstete eine starke Flotte

aus, die unter der Anführung der beiden oben genannten Ratsherren

stand. Mit ihnen vereinigten sich die Lübecker an der Elbe bei Stade.

Am 22. April segelte eine stattliche Flottenmacht nach dem Gebiet der

Ems, um hier den Kampf gegen die Piraten zu führen.

Der Kampf entwickelte sich sehr bald. Bord an Bord lagen die Schiffe

der Hansen mit denen der Räuber, und über die Enterbrücken hinweg

tobten todesmutige Streiter, um im Nahkampf mit kurzen Beilen,

Streitbolzen, Enterhaken, den Hauptwaffen der damaligen Zeit, den

Sieg auf ihre Seite zu bringen. Voller Todesverachtung wehrten sich

die Seeräuber, denn nur zu genau kannten sie ihr Schicksal, wenn sie

in die Gefangenschaft gerieten. Lange wogte der Streit hin und her.

Endlich konnten die Hansen den Sieg für sich in Anspruch nehmen.

Achtzig Freibeuter fanden dabei den Tod. Ihre Leichen warf man ins

Meer; sechsunddreißig fielen in die Gefangenschaft und der übrige Rest

rettete sich durch Schwimmen ans Land. Von den Schiffen der Piraten

fielen drei in die Hände der Sieger. Der heimgekehrten siegreichen

Flotte wurde ein fröhlicher Empfang, eine dichtgedrängte Menschenmenge

begrüßte die Heimkehrenden am Hafen. Im großen Zuge geleitete sie die

beiden Ratsmänner, die die Flotte geführt hatten, zum Rathause. Den

gefangenen Räubern bereitete der Büttel auf dem Grasbrook ein Ende. Wie

eine alte Stadtrechnung berichtet, erhielt der Scharfrichter pro Kopf

8 Reichsmark, so daß sein Lohn 288 Reichsmark ausmachte. Zur Warnung

wurden die Köpfe der Hingerichteten auf Pfähle gesteckt und am Ufer zur

Schau gestellt. --

Um das Jahr 1401 herum, zu Beginn des Frühjahres, hielt sich

Klaus Störtebeker mit seinem Hauptmann Wichmann wieder einmal mit

zahlreichen Raubschiffen vor der Elbmündung auf, um die Hamburger

Englandfahrer zu nehmen und sich bei ihnen reiche Beute zu holen. Sein

Kampfgenosse Gödeke Michaels besetzte während jener Zeit den Sund,

um die Schiffe der Hansen, die aus dem Gebiet der Ostsee kamen, mit

Krieg zu überziehen. Sobald die ersten Nachrichten von dem Aufenthalte

Störtebekers dem Hamburger Rate bekannt wurden, rüstete er zahlreiche

Schiffe aus, um den Kampf mit dem verwegenen Seeräuber zu wagen. Alte

Sagen und Berichte nennen den späteren Ratsherrn und Bürgermeister

Simon von Utrecht den Haupthelden als Anführer im Kampfe der Hamburger

Flotte gegen Störtebekers Schiffe. Nachdem die Hamburger ihre Schiffe

bemannt und ausgerüstet hatten, segelten sie unter Anführung der

Ratsherren hinaus. Sie trafen Klaus Störtebeker und seine Schar auf

frischer Tat, denn kurz zuvor war ein Bierschiff den Seeräubern in die

Hände gefallen, und an dem edlen Gerstensafte hatten sie sich gütlich

getan. Als die kleine, aber starke Flotte der Hamburger in die Nähe

kam, hielt Störtebeker sie für die erwarteten Englandfahrer, denn der

Nebel hinderte einen scharfen Ausblick. Jedoch sehr bald wurde der

Seeräuberhauptmann gewahr, daß es Hamburger Kriegsschiffe waren, die

mit günstigem Winde auf ihn zusegelten. Das führende Schiff, ‚die bunte

Kuh‘ rannte auf das von den Seeräubern erbeutete Bierschiff, so daß

dieses manövrierunfähig wurde.

„De bunte Koh uut Flandern kam,

Dat Roov-Schipp öp de Höörn nahm

Un stött es wiß in Stücken.“[9]

[Illustration: Störtebekers Gefangennahme.]

Die Jubelgelage und die Trinkfestlichkeiten der Seeräuber fanden nun

ein schnelles Ende. Der Kampf begann, und ein starkes und großes

Fechten hielt, wie die Sage kündet, drei Tage und Nächte an. Mit

dumpfem Getöne segelten die Hamburger auf die Seeräuberfahrzeuge.

Das Krachen und Knirschen der gewaltigen Enterhaken zeigte, daß die

Schiffe Bord an Bord lagen und nun die Einzelmannschaften in einem

blutigen Nahkampf aufeinander losschlugen. Auf seiten der Hamburger

war zuversichtlicher Mut, der Sieg konnte nicht fehlen; auf seiten

der Seeräuber war der Mut der Verzweiflung, der Kampf um den Kopf.

Störtebeker, den schon seine Zeit mit dem Scheine des Heldentums

umgeben hatte, ein Mann von großer Kraft, von kühnem und verwegenem

Mute, der Ketten wie Zwirnfäden zerriß, kämpfte, wie nur ein Mensch

kämpfen kann. Und ihm zur Seite standen seine todesmutigen, seine

erprobten Seeräuber, alles wilde, trotzige Männer; sie alle verkauften

ihr Leben so teuer wie möglich. Und Schwertgeklirr und Schlachtgeschrei

durchhallte das Rauschen der Wogen, dazu die lauten Kommandorufe. Hier

und da ächzten die Verwundeten oder stöhnten die tödlich Getroffenen,

und auf den Wellen stießen die mit dem Tode Ringenden ihre letzten

Hilferufe aus. An den Mast seines Schiffes gelehnt, stand der

Hauptmann; so war sein Rücken gedeckt; unentwegt feuerte er die Seinen

zum Widerstande an. Tapfer hielt er sich, immer und immer wieder wußte

er den eindringenden Hamburgern Verluste beizufügen. Der Boden vor

ihm war mit Verwundeten und Toten bedeckt, die unter seinen Streichen

fielen. Endlich kam auch der Augenblick, der ihm die Streitaxt entriß.

Ein wohlgezielter Bolzenschuß traf seinen rechten Arm. Er griff zum

Schwerte, aber zu spät; schon hatte ein riesiger Schiffsmann der

Hamburger ihn umklammert und zu Boden gerissen, laut dröhnend schlug

sein Kopf auf das Verdeck, dann wurde er überwältigt und mit festen

Seilen zusammengebunden. Jubelgeschrei der Hansen! Der gefürchtete

Seeräuberhauptmann war endlich in ihrer Hand. Mit Störtebeker gerieten

nach langen Kämpfen noch siebzig Seeräuber in die Hände der Hansen. Der

Sieg der Hamburger war schwer erkauft, und manche hamburgische Familie

hatte einen ihrer Angehörigen in diesem Kampfe verloren.

[Illustration: Heimkehr der Hamburger Englandfahrer nach Bekämpfung der

Seeräuber.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 20 / 97 题