Lübeck. +Hans Satow.+

[Illustration]

+Erster Teil+.

Deutsche Flagge.

Deutsche Flagge,

Sei jubelnd gegrüßt!

Flatternd von tausend friedlichen Masten,

Trägst du, ob Sturm oder Sonne dich küßt,

Über die Meere die köstlichen Lasten.

Und von dem eisengepanzerten Bord

Sprichst du des Reiches donnerndes Wort,

Deutsche Flagge!

Deutsche Flagge --

Unsägliche Schmach

Haben wir, da du uns fehltest, erlitten!

Deutsche Hoffnung und Ehre zerbrach,

Da wir ohn’ Banner in Zwietracht gestritten.

Neben den Fähnlein allen kein Raum,

Wehtest den Deinen nur trauernd im Traum,

Deutsche Flagge!

Deutsche Flagge,

Da kam der Tag,

Flammenden Morgenröten entsprungen,

Daß wir siegend im Wetterschlag

Dich als herrlichen Preis uns errungen!

Scheuchend der Nebel nächtlichen Flor,

Stiegst du zum Lichte leuchtend empor,

Deutsche Flagge!

Deutsche Flagge

Schwarz, weiß und rot,

Öffne zu fernsten Welten die Tore,

Schütze die Deinen in Glück und in Not,

Birg in den Falten uns Sieg, Trikolore!

Doch wenn im Kampf wir darniedergestreckt,

Sei du’s, die einst noch im Tode uns deckt,

Deutsche Flagge!

Ernst Scherenberg.

Einleitung.

Wenn zur heißen Sommerzeit die Steinmauern und die Straßenpflaster der

Großstädte glühen, dann ziehen viele der Stadtbewohner hinaus ans Meer.

Dampfroß oder Dampfschiff bringen die wanderfrohen Städter in schneller

Fahrt an das Ziel ihrer Wünsche, und gleich unseren germanischen

Vorfahren, die vor einem Jahrtausend und noch früher Besitz nahmen

von den Küsten der Ost- und Nordsee, bauen die Städteflüchtigen am

Strande des Meeres Burgen mit starken Wällen und wehenden Fahnen,

welche die Künder sind der Freude und des Frohsinns der Burgbesitzer.

Nur kurze Zeit währt der Jubel, nur zu schnell sind die Ferientage

vorübergerauscht, und die Herbststürme peitschen wieder die

Meereswogen, die hochaufrauschend alle Herrlichkeiten der Sandburgen

zerstören; in ihnen fällt alles der zertrümmernden Gier des Meeres zum

Opfer.

An solchen Sturmtagen werden die Geister unserer Vorfahren wieder

lebendig.

Heute braust und brandet das Meer wie ehedem, seine schaumgekrönten

Wogen rinnen über blanken Seesand, über glatte und rauhe Kiesel; hier

und da häuft sich am Strand der Seetang, den das Spiel der Wellen aus

seinem Lager riß, an anderen Plätzen liegen Reste von Schiffsplanken

und Balken, deren dunkle Massen zu erzählen wissen von schrecklichem

Sturm, namenlosem Unglück, von Not und Tod.

Wir aber stehen am Strande und freuen uns über das sonnenbeglänzte

Meer, dessen leuchtende Wogen in rastloser Folge heranrauschen, jubelnd

ringt sich auch von unseren Lippen der alte Gruß: „Thalatta, sei uns

gegrüßt, du ewiges Meer!“

[Illustration: Lübeck um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts.]

Unsere Augen folgen den Schiffen, die schwerbeladen ihren Weg

über das Meer suchen und nach den Hafenstädten eilen, deren rote

Ziegeldächer und schlanke Türme sich widerspiegeln im Wasser der

Küstenflüsse. Im Geiste sehen wir die Orte vor uns und hören auf

das, was sie zu erzählen wissen von der Tatkraft ihrer Bewohner und

vom Unternehmungsgeist der Vorfahren, die schon auf unbedeutenden

Fahrzeugen den Weg nach fremden Ländern fanden und die Produkte der

Heimat austauschten gegen die der Fremde. Die jahrhundertealten

Türme, die trutzigen Stadttore, die in ihrer Ruhe nicht mehr

hineinpassen in das Hasten unserer Tage, sind Zeugen der Tatkraft

und des Mutes ihrer Gründer, die sich und die Ihrigen zu schützen

wußten gegen räuberische und arglistige Feinde. Das reichgeschmückte

Innere der Bauten umfaßt herrliche Kunstschätze, Erinnerungszeichen

des Reichtums und der Freigebigkeit der Stifter. In Domen mit

mächtigen Kirchenschiffen, hohen Pfeilern, prächtigen Altären und

reichgeschnitzten Kirchenstühlen dankten die Zeitgenossen der Hanse

Gott, wenn er sie glücklich heimbrachte nach sturmreicher Fahrt. Jene

Tage der Hanse sahen ein stolzes Geschlecht. Fest verbündet hielt

es sich lange Zeit in Genossenschaften zusammen, immer bestrebt,

die Vorteile des Handels, die Quelle seines Reichtums, auszunützen.

Die Zeit der Hanse sah ein freiheitliebendes, mutiges Geschlecht.

Zahlreiche stattliche Schiffe sandten die Mitglieder des Bundes hinaus,

um fremde Staaten und fremde Fürsten zu bezwingen und botmäßig zu

machen, meerbeherrschend gebot lange Zeit die freie Reichsstadt Lübeck

als das Haupt der Hanse. An jene Glanzzeit erinnern Geibels Worte:

„Wie steigst, o Lübeck, du herauf

In alter Pracht vor meinen Sinnen

An des beflaggten Stromes Lauf,

Mit stolzen Türmen, schart’gen Zinnen.

Dort war’s, wo deiner Erker Zahl

Der Hanse Boten wartend zählten;

Dort, wo die Väter hoch im Saal

Ein Haupt für leere Kronen wählten.

Denn eine Fürstin standest du,

Der Markt war dein und dein die Wege;

Du führtest reich dem Süden zu,

Was nur gedieh in Nordens Pflege.

Es bot dir Norweg seinen Zoll,

Der Schwede bog sein Haupt, der Däne,

Wenn deine Schiffe segelvoll

Vorüberflohn, des Meeres Schwäne.“

Nur ein freies Geschlecht, geführt und geleitet von den tüchtigsten

unter seinen Einwohnern, konnte die herrlichen Bauwerke, die die

Jahrhunderte überdauerten, schaffen, nur jenes freie und stolze

Geschlecht fand nach Mißerfolgen, die auch ihm beschieden waren, den

Mut, neue Flotten hinauszuschicken zu neuen Ruhmestaten im Frieden und

im Kriege.

Von dieser Zeit der Pracht und der Macht des freien deutschen

Bürgertums, deren Zeugen die hochragenden Türme und die prächtigen

Rathäuser sind, sollen die folgenden Abschnitte erzählen.

[Illustration]

Geschichtlicher Rückblick auf die Zeit der Hanse.

Auf den Weltmeeren zeigt die deutsche Flagge ihre leuchtenden Farben,

freudig und stolz begrüßt von den Angehörigen der deutschen Nation,

respektvoll beachtet von den Konkurrenten Deutschlands im Welthandel.

Unsere an Ereignissen so reiche Gegenwart läßt die Tage der

Vergangenheit besonders lebendig werden, und die heutige Jugend hat die

Pflicht, sich mit der Geschichte der Hanse zu befassen, um an der Hand

der Erfahrungen einer ruhmreichen Vergangenheit zu erkennen, was die

Zeit von unserer Generation fordert.

Unsere Beziehungen zur See bedingen es, daß wir uns mehr mit der

glanzvollen Zeit der Hanse beschäftigen, damit unser Volksbewußtsein

sich stärkt und zu einer Quelle der Kraft wird für die Ereignisse der

Zukunft.

Wohl hat die Geschichte der Hanse etwas Eintöniges an sich, und doch

fehlt es jener Epoche der deutschen Geschichte nicht an Ereignissen und

Männern, die die tatenfrohe Jugend reizen, von ihnen zu hören und zu

lesen.

Die Germanen waren Anwohner der Meeresküste zu der Zeit, aus der die

älteste Kunde uns von ihnen berichtet. Die Gestade der Nordsee hatten

sie ganz besetzt, an der Ostsee reichte ihr Einfluß bis etwa ans

Kurische Haff. Geschichtliche Zeugnisse beweisen, daß sie seekundig

waren, und die Besitzergreifung der englischen Inseln spricht für

ihren unternehmungsfrohen Seefahrergeist. Jedoch in den Tagen der

Völkerwanderung verschwanden die Germanen von den baltischen Küsten,

und die Slawen traten an ihre Stelle.

Als dann im 9. und 10. Jahrhundert sich ein gesondertes deutsches Reich

nach dem Vertrage zu Verdun im Jahre 843 zu entwickeln begann, stießen

an der Kieler Bucht Dänen und Wenden als Grenznachbarn aufeinander.

Karl der Große (768 bis 814) und Heinrich I. (919 bis 936), zwei

bedeutende Männer unter den deutschen Herrschern, die den Grund zu

unserem deutschen Städtewesen legten, indem sie Niederlassungen

an wichtigen Punkten gründeten und diesen dann Vorrechte und

Selbständigkeit verliehen, versuchten auch die deutsche Oberherrschaft

in den Küstengebieten auszudehnen, weil ihnen die Bedeutung der

Seefahrt und des Handels bekannt war. Heinrich I. besonders schützte

durch einen siegreichen Kriegszug gegen die Dänen den deutschen Handel

vor deren Räubereien, ihren König Gorm machte er sich tributpflichtig.

Otto der Große setzte die Bemühungen seines Vaters fort und wirkte noch

mittelbar für das Seewesen durch seinen Heereszug in die Nordmark im

Jahre 965, durch den er König Harald zwang, sein Lehnsmann zu werden.

Von nun an blieben Könige und Kaiser dem Meere fern, die deutschen

Seefahrer waren auf sich allein angewiesen, und bis zum Ende des 11.

Jahrhunderts beherrschten die kühnen Normannen die Küsten Deutschlands.

Der deutsche Seehandel erreichte trotz der Seeräubereien der Normannen

im 9. Jahrhundert eine große Ausdehnung. Seine Wege führten nach

England, nach den nordischen Königreichen und nach Rußland. Deutschen

Kaufleuten sollen schon um das Jahr 1000 in London besondere Vorrechte

bewilligt worden sein, die später Wilhelm der Eroberer ergänzte. Von

Köln kamen reiche Mengen Rheinwein nach England. Etwa um 1070 wurde

der Stahlhof am Strande in London gegründet und damit der Mittelpunkt

geschaffen, der jahrhundertelang die deutschen Kaufleute in England

vereinigte und so einen wichtigen Stützpunkt des deutschen Handels in

England bildete.

Im 12. und 13. Jahrhundert begann die große Kolonisation im

Ostseegebiet, die eine Ausdehnung des Seeverkehrs mit sich brachte

und dadurch zu einem der wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung

Deutschlands wurde. Bei Beginn der Regierung Kaiser Lothars im Jahre

1125 kannte die Ostseeküste keine deutschen Bewohner, und als im Jahre

1254 der letzte Hohenstaufenkönig starb, hatten Deutsche das ganze

Gebiet bis zum Finnischen Meerbusen inne. Blühende deutsche Gemeinwesen

reichten von Kiel bis nach Riga; sie bildeten den Boden, auf dem die

deutsche Hanse entstand.

Im Jahre 1158 begann das Werk. Das raschgewachsene, an Bedeutung

zunehmende Lübeck gründete in Wisby auf Gotland eine deutsche

Handelsgesellschaft. Die zentrale Lage von Wisby, das sich ungefähr

auf halbem Wege zwischen Newa und Trave, zwischen dem Sund und dem

Meerbusen von Riga, zwischen Weichsel und Mälarsee befand, wurde zu

einer bedeutsamen Station für die damalige Schiffahrt, die große Reisen

noch ängstlich vermied. Zu jener Zeit begann auch die Kolonisation

der Ostseeprovinzen, indem bremische Kaufleute am Meerbusen von Riga

Niederlassungen schufen, die erst mit dem Verfall der deutschen

Seemacht verloren gingen. Einige Jahrzehnte später kamen Mönche in

diese Gegenden, um das Christentum zu predigen, und ihnen folgten

niederdeutsche Kreuzfahrer, die diese Landstriche eroberten und die

Stadt Riga anlegten.

Die Städte, die auf dem Kolonialboden, der an Größe Deutschland

glich, entstanden, wurden Träger eines regen Warenaustausches,

einerlei, ob sie im Binnenlande oder an der See lagen; namentlich die

letzteren gaben die Mittelpunkte ab für die Verkehrswege nach den

nordeuropäischen Meeren. Die vielseitige und umfangreiche Tätigkeit der

Städte ließ die deutsche Hanse entstehen. Die Bildung der deutschen

Handelsgesellschaft in Wisby, von der oben die Rede war, weist auf die

Begründung der Hansen hin. Das Wort Hansen ist eine vlämisch-gotische

Zusammensetzung für den Ausdruck Genossenschaft und schließt die

Bedeutung „Verbindung zu gemeinsamem Zweck mit Zahlung von Beiträgen“

in sich. Um das Jahr 1200 bildete sich die erste Hanse in Brügge, die

sogenannte flandrische Hanse, die eine Genossenschaft von siebzehn

Städten umfaßte und regelmäßigen Großhandel mit England betrieb. Ihr

Vorort war Brügge, damals die erste Handelsstadt Nordeuropas.

[Illustration: Wisby zur Zeit der Hanse. Nach einem Stich von Merian.]

Im Jahre 1229 schlossen die deutschen Kaufleute von Wisby ein Abkommen

mit dem Fürsten von Smolensk, das für Lübeck, Bremen, Riga, Groningen,

Münster, Soest und Dortmund Gültigkeit hatte. Zum ersten Male traten

deutsche Kaufleute in der Ferne einig auf, um sich durchzusetzen,

und für ihre Verbindung prägten sie das Wort: ‚Der gemeine deutsche

Kaufmann‘. Die Bezeichnung ‚Hanse‘ brachte eine spätere Zeit auf. Die

Vorrechtstellung von Wisby, an dessen Größe und Herrlichkeit noch heute

die Ruinen der mächtigen Stadtmauer, die hohen Gewölbe der ehemals

prächtigen Kirchen und die alten Treppengiebelhäuser erinnern, gründete

sich insbesondere auch auf die Privilegien, die sich die ‚Kaufleute von

Gotland‘ im Jahre 1257 von Heinrich III. in England erwarben. Handels-

und Zollfreiheit wurden ihnen zugesichert; dies war nicht ein Vorrecht

der Gotländer oder der Bürger von Wisby, sondern der gotländischen

deutschen Genossenschaft, deren Mitglieder aus den verschiedensten

Städten vom Rhein bis zum Finnischen Meerbusen stammten und im Osten

wie im Westen Handel trieben. Den Angehörigen der Genossenschaften

sollte der Weg nach beiden Richtungen offen stehen.

[Illustration: Die Schlacht bei Bornhöved am 22. Juli 1227. Nach einer

alten Lithographie.]

Der Einfluß und die Bedeutung der Genossenschaft wuchs, als eine

der in der Vereinigung vertretenen Städte -- Lübeck -- die Führung

an sich brachte. Die günstige Lage am inneren Winkel der Ostsee,

die Nähe der Salzwerke Lüneburgs, der schiffbare Strom, dazu die

gesicherte Lage auf einem Hügel zwischen Trave und Wakenitz machten

es zu einer Niederlassung, in der die Fäden der Handelswege zwischen

Westdeutschland und den baltischen Plätzen zusammenliefen. Mächtig

förderte Herzog Heinrich der Löwe Lübeck, und die ihr verliehenen

Vorrechte blieben der Stadt erhalten zum Vorteil der deutschen Sache,

als Friedrich Barbarossa Lübeck im Jahre 1188 zur Reichsstadt erhob.

Die Jahre des Zerwürfnisses zwischen Hohenstaufen und Welfen brachten

den Aufstieg Dänemarks und eine Ausbreitung seines Gebietes. Im Jahre

1214 überließ Friedrich II. die Siedelungen bis nach Vorpommern dem

Dänenkönig Waldemar. Erst die glücklich verlaufene Schlacht bei

Bornhöved in Holstein im Jahre 1227 brachte den deutschen Ländern und

den Städten, darunter auch Lübeck, die ersehnte Befreiung. Jetzt begann

die Stadt sich emporzuarbeiten; die Anerkennung des Kaisers als freie

Reichsstadt erhielt Lübeck. Dänemark ließ nicht leichten Kaufes die

aufblühende Stadt fahren und schloß im Jahre 1234 Lübeck zur See und

zu Lande ein. Lübecks Kriegskoggen, schnell ausgerüstet, durchbrachen

die dänische Sperrflotte und vernichteten sie gänzlich, und damit

hefteten sie den ersten deutschen Seesieg über eine bedeutende

feindliche Übermacht an ihre Fahnen. Dieser erfolgreiche Kriegszug

begründete, gestützt auf die Tüchtigkeit der lübeckischen Flotte, die

Vormachtstellung dieser Stadt. Zum ersten Male waren die Deutschen

Herren der Ostsee. Im Jahre 1241 ging Lübeck ein Bündnis mit Hamburg

ein, um eine Flotte zu schaffen, deren Unterhaltung auf gemeinsame

Kosten geschah und deren Aufgabe Offenhaltung des Seeverkehrs war.

Lübecks Flotte verheerte wenige Jahre darauf in einem Kriege mit

Dänemark die dänische Küste. Sie zerstörte das Schloß von Kopenhagen

und zertrümmerte auch das den Dänen unterworfene Stralsund. Trotz

einiger Fehlschläge erbrachte der Friede vom Jahre 1254 nur Günstiges

für die Stadt.

In der deutschen Geschichte begann die Periode der kaiserlosen, der

schrecklichen Zeit, in der Zuchtlosigkeit und Raub herrschten. Die

deutschen Städte an den Seeküsten, die sich bis dahin immer noch

auf deutsche Fürsten stützen konnten, blieben mehr auf sich allein

angewiesen und mußten ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. ‚Der

gemeine deutsche Kaufmann‘ hatte sich dank seiner Tüchtigkeit und

Rührigkeit im Auslande günstige Stellungen erworben. Weitgehende

Vorrechte kamen ihm sehr zustatten und brachten ihm Erfolge. In Brügge,

London, Bergen, Nowgorod, überall hatten die deutschen Kaufleute ihre

besonderen Kontore, denen die Landesherren jener Gebiete Vorrechte

überließen, und die damit zu wertvollen Stützpunkten des Handels

wurden. Von ihnen soll weiter unten noch die Rede sein.

In jener Zeit schloß Lübeck ohne besonderen Auftrag im Namen ‚des

gemeinen Kaufmannes römischen Reiches‘ Verträge, in denen es die

gleichen Vorteile für alle deutschen Städte forderte. Eine edle

Gesinnung, ein weitblickender staats- und kaufmännischer Geist

sprachen aus solchem Vorgehen, das außerdem das Gefühl nationaler

Zusammengehörigkeit offenbarte. Gerade die Berührung mit dem Auslande

brachte die Anschauung hervor, daß der Deutsche ohne Unterschied des

Standes oder Wohnortes als Angehöriger und Gleichberechtigter angesehen

wurde.

Wie im Binnenlande gegen das Raubrittertum ein rheinischer Städtebund

aus siebzig Städten, die von den Niederlanden bis hinauf nach Basel

lagen, sich bildete, um durch die Selbsthilfe der Bürger sich in

der Zeit der Gesetzlosigkeit zu schützen, so vereinigten sich auch

die Seestädte. Über etwaige Verhandlungen, die über den engeren

Zusammenschluß der späteren Hansestädte gepflogen worden sind, wird

nichts in den Chroniken berichtet. Um das Jahr 1260 trat der erste

Hansetag in Lübeck zusammen. Das Jahr kann nicht genau angegeben

werden; nur spärliche Nachrichten berichten über diesen wichtigen

geschichtlichen Vorgang. Schon die Zahl der Städte, die sich dem

Hansebund anschlossen, schwankt. Man darf als sicher betrachten, daß

manche der binnenländischen Städte die Verbindung mit der Hanse nur

wegen der damit verknüpften Handelsvorteile suchten; dem Geschick des

Bundes brachten sie nur geringe Anteilnahme entgegen.

Doch wenden wir uns nun den besonderen Merkmalen der Hanse zu. Die

Eigenart der Vereinigung wurde gekennzeichnet durch das Fehlen einer

festen Organisation. Eine zentrale Gewalt gab es nicht. Gemeinsame

Streitkräfte zu Wasser und zu Lande waren nicht vorhanden, und

darum erübrigte sich auch eine gemeinsame Finanzverwaltung. Die

Gleichberechtigung aller Mitglieder gestand dem Vororte Lübeck nur die

freiwillige Leitung zu, weil seine Bürgermeister und Ratsherren sich

durch politischen Blick und staatsmännisches Geschick auszeichneten.

Lübeck war weitsichtig und auch opferfreudig genug, die Lasten der

Unterhaltung einer Kriegsschiffsflotte zu übernehmen.

Die deutschen Fürsten wehrten sich oft gegen das Reich- und

Mächtigwerden der Städte. Wenn sie nicht zu bestimmten Zeiten des

Beistandes der freien Reichsstädte dringend bedurften, standen

sie ihnen feindlich gegenüber. Und doch umschlossen die Städte in

jenen Tagen die Mittelpunkte des religiösen, wissenschaftlichen und

künstlerischen Lebens.

[Illustration: Hamburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.]

Nicht nur gegen ausländische Feinde mußten sich die Hansestädte wehren,

-- denn alle fremden seefahrenden Nationen waren ihre Konkurrenten,

die ihren Einfluß geltend machten, um die Handelswege der Hansen zu

stören, -- sondern oft hatten die Städte eine Frontstellung gegen

einheimische Fürsten inne. Aus dieser Schilderung erkennt man die

Schwierigkeiten des Bundes, die nur eine ebenso vorsichtige wie

kluge Leitung überwinden konnte. Auch an inneren Reibereien und

Feindseligkeiten fehlte es dem Bunde nicht. Die Wünsche der Seestädte

und der Binnenstädte gingen oft weit auseinander, und das einzige

Zwangsmittel, das den Bund in sich festigte, war das ‚Verhansen‘,

das heißt: Ausscheiden und in Verruf erklären. Mit dem in Verruf

erklärten Orte durfte kein Verkehr gepflogen werden. Eine Polizei, die

die Durchführung der Maßnahmen des Bundes überwachte, gab es nicht.

Beschwerden konnten nur auf den regelmäßig stattfindenden Hansetagen,

die von den Abgesandten der Bundesstädte besucht waren, vorgebracht

werden. Wie wirksam die Verhansung sein konnte, erfuhr Bremen, das im

Jahre 1355 in die Acht kam und nach drei Jahren, nachdem es schwere

Verluste erlitten hatte, um seine Wiederaufnahme ersuchte.

Die Städte, die das Gebiet der Hanse umfaßten, gliederten sich in drei

Gruppen. Zur wendischen Gruppe gehörten: Lübeck, Hamburg, Wismar,

Rostock, die pommerschen Städte Stralsund, Greifswald, Anklam, Stettin,

Kolberg usw. Sie hießen die Osterlinge. Zur friesisch-holländischen

Gruppe gehörten Köln, die westfälischen Städte Soest und Dortmund,

ferner Groningen usw. Sie wurden die Westerlinge genannt. Die letzte

Gruppe bestand aus Wisby und den Städten in den Ostseeprovinzen: Riga

usw.

Die Hanse wuchs aus den Verhältnissen ihrer Zeit heraus und war die

Form, welche der deutsche Kaufmann zu seiner Machtstellung im Auslande

sich schuf. Der hansische Kaufmann, namentlich der Lübecker, erkannte

den Wert der Seemacht und stellte deshalb die Mittel bereit, die zur

Unterhaltung see- und kampftüchtiger Schiffe dienten. Die Machthaber

der Hanse errangen mit Geschick günstige Stellungen im Handel der Nord-

und Ostseegebiete. Nicht unangebracht wäre es, das Wort Monopol dafür

zu setzen. Ihr Streben richtete sich darauf, in den fremden Staaten

große Vorrechte zu erhalten, wie freie Niederlassung, freien Betrieb

des Handels, geringen oder gar keinen Zoll für Waren, Freiheit von

Abgaben, Gründung von eigenen Häusern und Höfen und schließlich eine

eigene Gerichtsbarkeit. Die hansischen Handelsherren, namentlich die

von Lübeck, nutzten vortrefflich die Schwächen der Nachbarstaaten für

sich aus. In den umliegenden Ländern wußten sich die Hansen nach den

verschiedensten Seiten hin unentbehrlich zu machen, so daß dort die

Erkenntnis aufkam, der Verkehr mit den deutschen Seestädten schließe

einen Vorteil in sich. Um diese Vormachtstellung für die Hansen zu

erringen, war man in der Wahl der Mittel nicht immer ängstlich.

Verhalfen Geschenke und Bestechungen nicht zum gewünschten Erfolg, so

schufen der Angriff zur See und zu Lande, Gewalttaten allerlei Art

meistens eine zufriedenstellende Lösung. --

Im nun folgenden geschichtlichen Überblick können nur einige der

wichtigsten Abschnitte der Hanse gekennzeichnet werden, weil die

deutsche Geschichte des Mittelalters, wie auch die der nordischen

Reiche eine Mannigfaltigkeit von rasch wechselnden Ereignissen in sich

birgt, die nicht alle berücksichtigt werden können.

Es war im Jahre 1280. -- Lübeck und Wisby schützten gemeinsam

den Handel im Gebiete der Ostsee. Schon drei Jahre später nach

diesem Seepolizeidienst verband sich die Hanse mit den Herzögen

von Mecklenburg und Pommern gegen die Markgrafen von Brandenburg,

um den Frieden zu erhalten, und König Erich Glipping von Dänemark

trat dem Bündnis bei, da er in Verwicklungen mit Norwegen stand.

Der erste, der die Stärke des neuen Bundes fühlte, war König Erich

von Norwegen, genannt ‚der Priesterfeind‘. Die enge Verbindung der

Hansen mit Dänemark beantwortete der norwegische König mit allerlei

Gewaltmaßregeln, durch die er die Hansen ernstlich treffen wollte. Der

Norweger beschlagnahmte nicht nur in Bergen deutsche Handelsschiffe,

sondern eignete sich auch das dort lagernde deutsche Handelsgut an, um

den Handel der Hansen zu stören.

Unter der Oberleitung Lübecks rüsteten die wendischen Städte Wismar,

Rostock, Stralsund, Greifswald, Stettin, ferner Riga und Wisby eine

Flotte aus, auch verboten sie die Getreide- und Bierausfuhr an die

arme Küste. Norwegische Häfen wurden eingeschlossen oder verwüstet,

die Schiffe fortgenommen, so daß dem bedrängten Fürsten nichts weiter

übrigblieb, als mit den Hansen den Frieden zu Kalmar im Jahre 1285

zu schließen. 6000 Mark Silber zahlte König Erich, dazu lieferte er

die beschlagnahmten Schiffe aus, ferner bestätigte und erweiterte

er die alten Vorrechte der Deutschen, dazu versprach er, in allen

künftigen Streitigkeiten mit Dänemark sich dem Schiedsspruche von drei

Hansestädten zu unterwerfen. Unerwartet hatte damit die Hanse eine

bedeutende Hebung errungen, sie wurde Schiedsrichterin in Streitfällen

zwischen den nordischen Reichen.

Die innere Ordnung der Verhältnisse in Dänemark unter Erich Menved

(1286 bis 1319) raubte der Hanse wieder die Vorrechtsstellung,

merkwürdigerweise wurde Lübeck diesem Dänenfürsten untertan. Im Jahre

1307 stellte es gegen Zahlung eines jährlichen Tributs sich wegen der

schweren Angriffe der holsteinischen Grafen auf zehn Jahre unter seinen

Schutz. König Erich umschloß Rostock mit Hilfe ‚aller deutschen und

slawischen Fürsten jener Gegend‘ zu Wasser und zu Land, und er bezwang

die Stadt trotz des Beistandes von Stralsund. Aus diesen Kriegen ging

die Hanse geschwächt hervor, ihr Waffenruhm war für eine Zeit dahin.

Die Gründe für das überraschende Ergebnis, dreißig Jahre nach

großen Kriegserfolgen, hat man in den Mängeln der politischen und

militärischen Ordnung des Bundes zu suchen. Außerdem haben die Fehden

mit ihren deutschen Nachbarn schwer auf die Städte gedrückt. Zwei Jahre

nach diesen Schlägen bot das Glück den Hansen wieder die Hand. König

Erich Menved starb, und damit hörte die Ruhe und Ordnung in seinen

Staaten auf. Die Dänen, die mit sich selbst genug zu tun hatten,

gaben ihre auswärtigen Errungenschaften auf, im Jahre 1320 kauften die

Lübecker die dänische Feste von Travemünde zurück, die Rostocker wurden

die Danskeburg vor dem Hafen los.

Als Christoph II., der Bruder und Nachfolger von König Erich, von den

Großen seines Reiches verjagt wurde, hielten sich die Lübecker zu ihm

und führten ihn in sein Land zurück. Aus Dankbarkeit gewährte er dem

deutschen Kaufmann wiederum große Handelsvorteile. Dies gleiche führte

auch Magnus von Norwegen im Jahre 1343 wieder durch, trotzdem er der

Hanse keineswegs günstig gesinnt war. In jenen Jahren verschwand der

Handel der nordischen Reiche und der russischen Gebietsteile aus der

Ostsee. Englands Handel spielte eine minder bedeutende Rolle, die Hanse

aber herrschte von der Newa bis an die Küste Hollands, ihr Einfluß über

die See und über den Handel war so groß wie nie zuvor. Auch in England

faßte die Hanse wieder festeren Fuß, weil der bedrängte König Eduard

IV. mit hansischer Unterstützung aus seiner Lage befreit wurde. Für

die ihm gewährten Geldunterstützungen verpfändete er die Zolleinnahme

auf Wolle, die Zinngruben in Cornwall und anderes mehr an die Hansen.

Die große Zeit der Hanse begann, ihre machtgebietende Stellung in

Nord- und Ostsee gab ihr eine Ruhezeit, in der sie sich kräftigte für

die kriegerischen Auseinandersetzungen mit König Waldemar IV. von

Dänemark. Von 1340 bis 1375 führte Waldemar das Regiment in Dänemark,

und ihm glückte es, nachdem er zwei Jahrzehnte an der Festigung und

an der Mehrung seiner Macht gearbeitet hatte, ohne mit den Hansen in

Streit zu geraten, Kräfte seines Landes für auswärtige Unternehmungen

freizubekommen.

Wohl erkannte der Hansebund, daß die Erstarkung Dänemarks eine Gefahr

für ihn bedeute, jedoch raffte sich die Hanse zu keinem Entschluß auf,

die Entwicklung Dänemarks mit Gewalt zu hindern, auch ließen innere

Streitigkeiten die Lösung dieser Aufgabe zurücktreten.

Die Hansen glaubten genug getan zu haben, wenn sie durch Anstiftung von

Unruhen in Dänemark die Kräftigung des dänischen Staates hinderten.

Ihre Bemühungen blieben ohne Erfolg. Im Jahre 1360 traf Waldemar

durch die Eroberung von Schonen zum ersten Male den Hansebund; noch

zauderten die Städte mit dem Losschlagen, da traf sie auch schon der

zweite Schlag. Waldemar landete im Jahre 1361 auf Gotland, nahm das

reiche Wisby und plünderte es gegen ein gegebenes Versprechen. Die Sage

berichtet:

„Nach Zentnern wogen die Goten das Gold,

Zum Spiel dienten die edelsten Steine;

Die Frauen spannen mit Spindeln von Gold,

Aus silbernen Trögen fraßen die Schweine --“

Eine Menge Kostbarkeiten, viele Wertsachen und Vorräte wurden eine

Beute König Waldemars. Wie die Sage weiter berichtet, gelang es ihm

nicht, die geraubten Schätze nach Dänemark zu bringen. Bei einem

mächtigen Sturm in der Nähe der Karlsinseln versanken sie in die

Fluten, und der König rettete mit genauer Not sein Leben.

Jetzt waren den Hansen die Augen geöffnet, und die Ratssendboten

der preußischen und wendischen Städte, die in Greifswald versammelt

waren, beschlossen am 1. August, vier Tage nach dem Einzuge Waldemars

in Wisby, ein Handelsverbot gegen Dänemark. Noch in demselben Monat

verbanden sich die wendischen Städte mit den Königen von Schweden und

Norwegen.

[Illustration: Brandschatzung der schwedischen Hansestadt Wisby durch

den dänischen König Waldemar IV.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 3 / 97 题