Marias,« ein sehr großes, großartig geistreiches und wirkungsvolles Blatt.
Maria liegt in einem Himmelbett. Zu ihrer Rechten steht ein Priester mit
einem stabtragenden Knaben und einem Schleppträger, in phantastischer, dem
katholischen Bischofsornat in freier Umbildung entliehener Tracht; die
herabhängenden Hände ineinander faltend, blickt er die Sterbende ernst und
sinnend an; was seines Amtes war, hat er vollendet. Noch weiter im
Vordergrunde sitzt an einem Tische ein Vorleser in reicher morgenländischer
Tracht; er hat aufgehört zu lesen und wendet den Blick gleichfalls nach
Maria hin. Denn diese hat eben den letzten Atemzug gethan, schlaff liegen
Haupt und Hände in den Kissen. Wohl hebt Petrus, der vorderste der Apostel,
die sich im Verein mit Frauen, die den Ausbruch ihres Schmerzes
zurückzuhalten nicht mehr imstande sind, an der linken Seite des Bettes
zusammendrängen, mit dem Kopfkissen das Haupt Marias empor und versucht
durch ein Riechmittel, das er in ein Tuch gegossen hat, das Leben noch
einen Augenblick zu fesseln; ob noch eine Spur von Leben vorhanden sei,
sucht der mit einem Turban bekleidete Arzt am Puls zu erforschen. Aber die
Seele gehört der Erde nicht mehr an; während im Gemache überall die Trauer
über den irdischen Tod herrscht -- besonders schön ist die Gestalt des mit
ausgebreiteten Händen dastehenden Jüngers Johannes --, dringt vom Himmel
herab eine Wolke durch die Balkendecke des Zimmers; sie ist mit Licht
gleichsam gefüllt und wirft flutendes Licht auf das Bett und die Leiche. Im
Licht schwebt ein Engel herab, von Kinderengeln begleitet, um die Seele der
Reinsten in Empfang zu nehmen. -- Während die unteren Figuren, wenn auch
mit leichter Hand, so doch sehr sorgfältig ausgeführt sind, sind die Engel
und Wolken nur ganz flüchtig skizziert; aber was bei einem anderen Künstler
als grobe Nachlässigkeit erscheinen würde, dient hier als wirksamstes,
geistvollstes Mittel, um von dem Irdischen das Überirdische, Traumhafte,
Erscheinende, nicht mit dem materiellen Auge Wahrnehmbare und
Festzuhaltende zu sondern. Je länger wir das herrliche Blatt ansehen, um so
mehr werden wir davon hingerissen (Abb. 96).
[Illustration: Abb. 88. _Studie eines ruhenden Löwen._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 89. _Der Elefant._ Handzeichnung von 1637 in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 90. _Elieser und Rebekka._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 91. _Der (kleine) schlafende Hund._ Radierung.]
Nicht mit einer Jahreszahl bezeichnet, aber, seiner Behandlungsweise nach
zu urteilen, wohl um dieselbe Zeit entstanden ist das gleichfalls sehr
wirkungsvolle Blatt: »Der Triumph des Mardochai.« Von Haman geleitet, der
die Empfindung seiner Demütigung hinter gewaltsamer Gebärdensprache
verbirgt, reitet Mardochai, mit Scepter und goldener Halskette, mit
Fürstenhut und hermelinbesetztem Mantel ausgestattet, auf einem Schimmel
durch das Volk, das sich unterwürfig und jubelnd um ihn drängt, wie eben
die Menge dem Helden des Tages zu huldigen pflegt, mag sie auch gestern
noch dessen jetzt gedemütigtem Gegner zugejauchzt haben; von einer Art von
Balkon aus, in einer Säulenhalle, sehen der König Ahasverus und Esther dem
Schauspiel zu (Abb. 97). Ein Teil der Figuren ist auf diesem Blatte nur in
leichten Umrißlinien skizziert, aber dafür um so bewunderungswürdiger im
Ausdruck. Wir dürfen deshalb das Blatt nicht für unfertig halten: Rembrandt
hat diese Figuren so stehen lassen, weil er sah, daß ihre große Lichtmasse
der Bildwirkung des Ganzen zu gute kam. Übrigens hat Rembrandt auch manche
Platten unfertig liegen lassen und dennoch für die Liebhaber Abzüge davon
gemacht. Diese Abzüge haben den eigenen Reiz, daß sie erkennen lassen, in
welcher Weise der Meister bei seinen Radierungen zu Werke ging. Besonders
belehrend ist in dieser Beziehung das Blatt, welches den Titel »Pygmalion«
führt, aber weiter nichts vorstellt, als einen in seiner Werkstatt
sitzenden Maler -- wohl den Meister selbst --, der nach einem weiblichen
Modell eine Aktstudie zeichnet. Der größte Teil dieses Blattes ist mit
flüchtigen Umrissen so leicht angelegt, daß man nur eben erkennen kann, was
gemeint ist; dabei ist aber der obere Teil des Hintergrundes mit genauer
Aussparung der Umrisse bis zur letzten Vollendung ausgeführt; man sieht,
mit welcher unbedingten Sicherheit der Meister von vornherein wußte, was er
wollte.
[Illustration: Abb. 92. _Simsons Hochzeit._ Gemälde von 1638. In der
Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 93. _Joseph erzählt seine Träume._ Radierung von 1638.
(Zweiter Plattenzustand, »mit dem schwarzen Gesicht.«)]
[Illustration: Abb. 94. _Uytenbogaerd_, Steuereinnehmer von Holland (auch
»der Goldwäger« genannt). Radierung von 1639.]
Gleichsam zur Erholung von seinen gedanken- und empfindungsreichen
Schöpfungen radierte Rembrandt zwischendurch immer wieder einmal
Straßenbilder nach dem Leben. Die komische Figur eines armen alten Mannes
mit hoher Judenmütze trägt die Jahreszahl 1639 (Abb. 98). Auch die Übungen
nach den Köpfen bezahlter Modelle setzte der Meister nicht aus. So ist die
wunderbar fein gezeichnete Radierung von 1640 mit dem Brustbild eines
bärtigen Greises, der eine ungewöhnlich geformte Mütze trägt (hiernach als
»Mann mit der gespaltenen Mütze«, oder auch als »Greis mit dem viereckigen
Bart« bezeichnet), sicherlich kein bestelltes Bildnis, sondern nur eine
derartige Übungsarbeit (Abb. 99).
Ein in großem Format radiertes Kniestück, welches eine reichgekleidete
behäbige Frau mit kleinen Augen und dicken Lippen und mit prächtigem
aufgelösten Haar zeigt, bekannt unter dem Namen »die große Judenfrau« (Abb.
100), wird von einigen als ein Bild von Frau Saskia angesehen. Aber die
alte Bezeichnung dürfte doch zutreffender sein, so daß wir das Bildnis
einer reichen Jüdin vor uns hätten. Denn wenn Rembrandt auch bei den
Studien, die er nach sich selbst oder seiner Frau machte, es mit der
Ähnlichkeit nicht immer genau nahm, eine derartige Verhäßlichung Saskias
würde doch allzu befremdlich sein. Wie ungleich anmutiger die Gattin des
Meisters, obgleich sie inzwischen stärker und gesetzter geworden, um das
Jahr 1640 noch war, beweist uns das schöne Bild in der Dresdener Galerie,
welches die etwa Achtundzwanzigjährige zeigt, wie sie mit freundlichen
Blicken dem Beschauer eine Nelke hinreicht, während die an die Brust
gelegte linke Hand, welche die reizvollen Grübchen der Fingergelenke sehen
läßt, zu sagen scheint, daß die kleine Blumengabe herzlich gemeint sei
(Titelbild).
[Illustration: Abb. 95. _Selbstbildnis Rembrandts mit dem Federbarett._
Radierung.]
Eines der allerbesten Meisterwerke von Rembrandts Bildnismalerei trägt die
Jahreszahl 1640. Es ist das Bild des Vergolders, welcher Rembrandt die
Rahmen für seine Gemälde lieferte. Wie dieser ehrsame Handwerker, der sich
indessen mit der Würde, die einem Bürger der Stadt Amsterdam zukommt, zu
tragen weiß, mit seinen schlichten und ehrlichen Zügen so schlicht und
ehrlich wiedergegeben ist, das ist die denkbar wahrheitsgetreueste
Nachbildung der Wirklichkeit, dabei aber zugleich durch den künstlerischen
Reiz, der sich nicht erklären, sondern nur empfinden läßt, durch die
unfaßbare Poesie der Malerei eines der größten Kunstwerke aller Zeiten
(Abb. 101). Im Gegensatze zu der Farbenfreudigkeit jenes annähernd
gleichzeitigen Bildnisses der Saskia bewegt sich hier der Wohllaut der
Farben in den einfachsten Tönen: vor einem grauen Hintergrund ein schwarzer
Rock, ein schwarzer Hut, dazu eine weiße Krause und die gesunde
Gesichtsfarbe des Mannes; weiter nichts -- aber es war Rembrandt, der diese
Töne zusammengestimmt hat. Das Prachtgemälde bildete früher einen
Bestandteil der Sammlung des Herzogs von Morny zu Paris; seit dem Verkauf
dieser Sammlung im Jahre 1865 hat es mehrmals den Besitzer gewechselt und
befindet sich jetzt in den Händen des Herrn Havemeyer zu New York.
Von mehreren biblischen Gemälden, die Rembrandt 1640 vollendete, sind zwei,
eine Heimsuchung und eine Kreuzabnahme, in den Sammlungen englischer Lords
verborgen. Ein drittes, eine heilige Familie, befindet sich im Louvre.
Dieses kleine, schöne Bild ist ganz häuslich und ganz menschlich aufgefaßt,
es wird auch daher schlechtweg »die Familie des Tischlers« genannt. Auch
die Beleuchtung ist keine überirdische, sondern sie geht von einem ganz
natürlich zu erklärenden Sonnenstrahl aus. Wie aber trotzdem Rembrandt
durch die Poesie des Lichtes die Darstellung weit über das Alltägliche
hinauszuheben gewußt hat, daß wir das Göttliche ahnen, das in dieser
Handwerkerfamilie wohnt, das läßt sich nicht treffender schildern, als es
Charles Blanc mit meisterhaften Worten gethan hat: »Es ist die düstere
Werkstätte eines Zimmermanns; eine junge Frau hält ein Kind in den Armen,
die Großmutter beugt sich hin, um den Enkel zu betrachten, und neben dem
Fenster, welches einen grauen, bedeckten Himmel durchblicken läßt, läßt der
Handwerksmann seinen Hobel über ein Brett gleiten. Obgleich der Himmel
umwölkt ist, hat doch ein dünner Sonnenstrahl durch eine unsichtbare
Öffnung sich eingeschlichen, berührt das Kind, erwärmt, vergoldet,
überschwemmt es mit Licht und bricht sich sodann an allen Teilen des
Zimmers, in Bälde aber von dem Halbdunkel aufgezehrt. Das Gesicht der
jungen Mutter glänzt und erheitert sich, jenes der Alten leuchtet infolge
jener plötzlichen Heiterkeit, das Kind scheint selbst ein leuchtender
Körper zu sein! Doch wie? sind wir nicht in Marias Behausung? Diese Mutter
ist eine Jungfrau, und ihr Kind verheißt uns einen Gott!«
[Illustration: Abb. 96. _Der Tod der Maria._ Radierung von 1639 (stark
verkleinert).]
[Illustration: Abb. 97. _Der Triumph des Mardochai._ Radierung.]
[Illustration: Abb. 98. _Jude mit der hohen Mütze._ Radierung von 1639.]
Um diese Zeit fing Rembrandt an, einer neuen Gattung gewissenhaften
Studiums seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Von des Meisters großer Begabung,
seinen Kompositionen durch dichterisch erfundene Landschaft einen
stimmungsvollen Hintergrund zu geben, sind uns bisher schon manche Proben
geboten worden. Mit dem reizvollen Blatt »der Kanal« aber beginnt im Jahre
1640 die Reihe der Radierungen, in denen Rembrandt Stückchen seines
Heimatbodens schlicht und treu der Wirklichkeit nachzeichnete und dabei
Gegenden, die einem anderen ganz und gar poesielos erschienen wären,
künstlerische Reize abgewann, weil er sie eben mit Künstleraugen anschaute.
Das Jahr 1641 bringt uns von solchen geistvollen, der Natur
nachgeschriebenen Blättern zwei besonders berühmte, »die Windmühle« und
»die Strohhütte mit dem großen Baum.« Auf dem erstgenannten, das auch als
»die Mühle Rembrandts« bezeichnet wird, weil lange Zeit die irrige Meinung
verbreitet war, Rembrandt, der Müllerssohn, habe in einer Windmühle am
Rhein, zwischen Leiderdorp und Koudekerk, das Licht der Welt erblickt,
sehen wir nichts als eine Windmühle, ein paar Häuser und einen ganz flachen
Horizont; aber welcher feine, namenlose Reiz -- das unerklärbare Geheimnis
echter Kunst -- liegt in der Wahrheit, mit der dieses an und für sich so
reizlos scheinende Stück aus einer eintönigen Gegend wiedergegeben ist
(Abb. 102). Das andere, in bedeutend größerem Maßstabe ausgeführte Blatt
zaubert aus einer niedrigen alten Strohhütte und einem Lindenbaum, einem
zwischen flachen Wiesenufern regungslos hingleitenden Wasser, einigen in
der Ferne sichtbaren Windmühlenflügeln und einer den niedrigen Horizont
abschließenden Stadt ein hochpoetisches Bild hervor (Abb. 103). -- Drei
Skizzenbuchblätter Rembrandts aus der Handzeichnungensammlung der Albertina
mögen als weitere Beispiele dienen von des Meisters feinfühligem
landschaftlichen Sinn und seiner Gabe, auch im Unbedeutendsten das
künstlerisch Ansprechende zu sehen (Abb. 104, 105, 106). Dabei wendet der
Meister des Helldunkels bei solchen auf Spaziergängen gesammelten Studien
fast gar kein Wirkungsmittel von Hell und Dunkel an; er zeichnet fast nur
mit Umrißlinien, und mit diesen Umrißlinien weiß er eine ganze Stimmung zu
malen, er läßt uns den eigentümlichen Zauber einer ruhigen, spiegelnden
Wasserfläche und den feinen Reiz der in duftiger Zartheit schimmernden
weiten Ferne so vollständig empfinden, als ob alle Mittel der Farbenkunst
hier aufgeboten wären.
[Illustration: Abb. 99. _Der Greis mit dem viereckigen Bart_ (auch »der
Greis mit der gespaltenen Mütze« genannt). Radierung von 1640.]
[Illustration: Abb. 100. _Die (große) Judenfrau._ Radierung.]
Das Jahr 1641 weist wieder eine ansehnliche Zahl von Bildnissen auf. Zu
ihnen gehört das Prachtbild der Mutter des nachmaligen Bürgermeisters Jan
Six, welches sich noch im Besitz der Familie Six zu Amsterdam befindet.
Ferner das vor kurzem für das Berliner Museum erworbene Doppelbildnis des
Mennonitenpredigers Anslo und einer Dame in Witwentracht, die in tiefem
Leid den lebhaft vorgetragenen Trostworten des geistlichen Herren zuhört
(Abb. 107). -- Um die nämliche Zeit dürfte das in Abb. 108 wiedergegebene,
in der Ermitage zu Petersburg befindliche Bild entstanden sein, das
sorgfältig ausgeführte Porträt einer unbekannten ältlichen Dame in
Pelzmantel und schwarzem Schleier; die an sich harten Züge dieser Frau
gewinnen durch Rembrandts Auffassung etwas Liebenswürdiges, und wunderbar
schön sind die Hände gezeichnet. -- Wie der Künstler selbst um diese Zeit
aussah, zeigt uns ein prächtiges Brustbild in der Sammlung des
Buckinghampalastes (Titelbild).
[Illustration: Abb. 101. _Bildnis von 1640_, bekannt unter der Bezeichnung
»_Rembrandts Rahmenmacher_.« Im Besitz von H. O. Havemeyer in New York.
(Nach einem Schabkunstblatt von J. Dixon.)]
[Illustration: Abb. 102. _Die Windmühle._ Radierung von 1641.]
Unter den radierten Bildnissen von 1641 zeichnet sich das in höchster
malerischer Weichheit ausgeführte Bild eines vornehmen jungen Mannes aus,
der vor seinem Schreibpulte sitzt; eben hat er ein Buch zugeschlagen und
denkt nun über etwas nach, das er niederschreiben will (Abb. 109). -- Von
sonstigen Radierungen dieses Jahres verdient das Blatt besondere
Erwähnung, welches die Madonna in den Wolken darstellt. Weder die Jungfrau
noch das Kind sind schön, und die starke Betonung der jüdischen
Stammeseigentümlichkeit und der Zugehörigkeit zu den niederen Ständen
berührt uns gar fremdartig; und dennoch liegt eine unbeschreibliche
Erhabenheit in dem gottergeben nach oben gewendeten Antlitz der Mutter und
in dem Zauber des Lichts, das von den beiden ausstrahlt und die
Wolkenränder beleuchtet, während in der Tiefe nächtliches Dunkel lagert.
Es ist bei Rembrandt etwas ganz Ungewöhnliches, daß er in seinen
Kompositionen den irdischen Boden so vollständig verläßt, wie er es in
diesem Blatte gethan hat. Häufiger gab er in dem Bestreben, die biblischen
Gestalten so recht glaubhaft zu verkörpern, den biblischen Darstellungen
ein so schlicht natürliches Ansehen, daß man einfache Genrebilder in ihnen
zu sehen glaubt. Dahin gehört das sehr feine kleine Blatt von 1641,
welches darstellt, wie Jakob den Laban, der ihn nicht heimziehen lassen
will, mit stolzem Selbstbewußtsein zur Rede stellt, das auch, wenn man den
Gegenstand einmal erkannt hat, als ein Meisterwerk des Ausdrucks
bewunderungswürdig ist, ohne daß man sich indessen darüber zu wundern
braucht, wenn das Blatt gewöhnlich nur »die drei Orientalen« genannt wird
(Abb. 110).
Im Ausdruck liegt auch in erster Linie das Bewunderungswürdige des in
Lebensgröße ausgeführten Gemäldes von 1641: »das Opfer des Manoah,« in der
Dresdener Galerie. Die beiden alten Leute, denen die Geburt des Simson
verheißen worden ist, knieen in frommer Demut vor dem Opferaltar; in
ruhiger Zuversicht betet das Weib, nicht minder gläubig, aber erschüttert
durch den Anblick des in der Lohe emporfahrenden Engels, der Mann.
Wunderbar ist es ausgedrückt, wie die Erscheinung des Engels sich
verflüchtigt -- im nächsten Augenblick wird er unsichtbar sein; nur schade,
daß die Gestalt des Verschwindenden gar so unglücklich in der Form
ausgefallen ist, so daß sie den Eindruck beeinträchtigt, den das sonst
durch die Einfachheit der Komposition und den Ernst der Farbenstimmung so
großartig wirkende Bild ausübt (Abb. 111).
[Illustration: Abb. 103. _Die Strohhütte mit dem großen Baume._ Radierung
von 1641 (stark verkleinert).]
Ein gleichfalls sehr großartiges, wirkungsvolles biblisches Gemälde aus dem
Jahre 1642 befindet sich in der Ermitage zu Petersburg. Es stellt die
Versöhnung Jakobs mit Esau dar: »Esau lief ihm entgegen und herzte ihn und
fiel ihm um den Hals und küßte ihn, und sie weinten.« Es liegt eine
seltsame Stimmung über dem Bilde. Dunkele Wolken bedecken den Himmel, die
nur an einer Stelle eine unbestimmte Helligkeit durchblicken lassen; die
begleitenden Völker der beiden Brüder verschwinden in der Finsternis: aber
sie selbst sind hell beleuchtet, daß der reiche Schmuck an ihren Kleidern
und an Esaus Kriegsschwert glänzt und blitzt. Niemand könnte sagen, woher
bei einer solchen Dunkelheit ein solches Licht kommt; es ist der
künstlerische Ausdruck einer Empfindung, das Licht der Bruderliebe, das wie
ein plötzlicher Himmelsstrahl in die Nacht des kampfbereiten Unfriedens
hereinbricht (Abb. 112).
Das Wirken eines geheimnisvollen Lichts, für das es keine natürliche
Erklärung gibt, dessen Quelle nur eine künstlerische Einbildungskraft ist,
welche an die Stelle alles dessen, was auf der Erde Licht spenden kann,
eine selbstgeschaffene Sonne setzt, beherrscht von nun an Rembrandts
Kompositionen. Mit seinem seltsam zauberischen Goldton beginnt es selbst
die natürlichen Lokalfarben aufzuzehren.
Nirgends tritt dieses Licht so stark, nirgends aber auch so befremdlich in
die Erscheinung, wie in dem größten und berühmtesten Gemälde des Meisters,
das er in dem nämlichen Jahre 1642 vollendete und das, weltberühmt unter
dem unzutreffenden Namen »die Scharwache« (oder »die Nachtwache«), den
stolzesten Besitz des Reichsmuseums zu Amsterdam bildet. Wie Rembrandt zehn
Jahre früher die Vorsteher der Chirurgengilde und den Professor Tulp in
einem gemeinschaftlichen Bilde abgemalt hatte, so wurde ihm jetzt die
Aufgabe gestellt, den Amsterdamer Schützenhauptmann Frans Banning Cock mit
seiner Kompanie in einem großen Gemälde zu verewigen, welches für deren
Gildenhaus bestimmt war. Aber hier war eine ungleich größere Anzahl von
Personen zu vereinigen, als in dem Chirurgenbild. Rembrandts Vorgänger
hatten derartige Aufgaben gelöst, so gut es ging, und sich bemüht, einem
jeden der Beitragzahler sein Recht zukommen zu lassen, daß er ebenso
deutlich gesehen und erkannt würde wie die übrigen; die Vereinigung der
Personen bei einem Festmahl war die beliebteste Art und Weise, Leben in die
Nebeneinanderstellung der vielen gleichmäßig beleuchteten Bildnisköpfe zu
bringen. Rembrandt aber schuf ein Bild voll bewegten Lebens, indem er den
Augenblick wählte, wie die Kompanie, im Begriff sich zu einem Zuge zu
ordnen, aber noch in voller Unordnung, das Schützenhaus verläßt. Und über
diesen bewegten Vorgang goß er sein Zauberlicht aus, mit dessen Hilfe er
aus dem Genossenschaftsbild der Amsterdamer Schützen ein in seiner Art ganz
einzig dastehendes, jeden Beschauer mit einer seltsamen Macht ergreifendes
Kunstwerk schuf. In der Mitte des Bildes schreitet an der Spitze seiner
Kompanie der Kapitän Frans Banning Cock. Ein voller Lichtstrahl trifft
seinen Oberkörper, und seine im Gespräch mit dem neben ihm gehenden
Leutnant Willem van Ruytenberg erhobene Hand wirft einen scharfen
Schlagschatten auf dessen helles Lederkoller. Der in vornehme dunkele
Tracht gekleidete Hauptmann führt als Würdezeichen nur einen Stab, der
Leutnant trägt die Partisane in der Hand. Hinter den beiden drängen sich
die mannigfaltig gekleideten und ausgerüsteten Schützen mit Arkebusen und
Spießen; Zugordner mit Hellebarden werden auf beiden Seiten sichtbar, und
eifrig rührt der Tambour seine Trommel. Neben einem der Schützen, der eben
beschäftigt ist, im Gehen sein Gewehr zu laden, läuft neckisch lachend ein
Knabe, der sich eine Sturmhaube aufgestülpt hat. Zwei andere Kinder,
besonders auffallend ein hellgekleidetes Mädchen, an dessen Gürtel ein
weißer Hahn -- wie vermutet wird, ein Schützenpreis -- hängt, bewegen sich,
den Zug quer durchkreuzend, am Fuß der Treppe, auf deren Höhe zwischen
anderen der Fahnenträger Jan Visser Cornelißen seine stolze Gestalt zeigt.
Die Namen der Schützen sind auf einer am Thorpfeiler angebrachten Tafel
angeschrieben. Es sind sechzehn Personen, die hier genannt werden; wir
können aus dieser Zahl die Summe berechnen, welche Rembrandt für seine
Arbeit bekam, da wir aus einer in Erbschaftsangelegenheiten gemachten
gerichtlichen Aussage eines der Beteiligten erfahren, daß der Beitrag des
einzelnen zu dem Bilde hundert Gulden betrug. Das Bild befand sich bis zum
Anfang des vorigen Jahrhunderts in dem am Singel gelegenen Vereinshause der
Bürgerschützen. Dann wurde es in das Stadthaus übergeführt, und bei dieser
Gelegenheit soll es, um es dem vorhandenen Raum zwischen zwei Thüren
anzupassen, an den Seiten beschnitten worden sein. In der That zeigt eine
in der Londoner Nationalgalerie befindliche alte Kopie (die wegen ihrer
guten Erhaltung, infolge deren sie manches deutlicher erkennen läßt als das
Original, unserer Abbildung zu Grunde gelegt ist) mehr von der Gestalt des
Trommlers als das Original, und gegenüber werden hinter dem auf einer
Brüstung sitzenden Sergeanten mit der Hellebarde noch zwei Figuren
sichtbar, welche dort gänzlich fehlen (Abb. 113).
[Illustration: Abb. 104. _Landschaft mit Windmühle._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 105. _Landschaft mit Häusern am Wasser._ Handzeichnung
in der Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Braun, Clément & Cie. in
Dornach i. E. und Paris.)]
In dem nämlichen Jahre, welches die Vollendung des Bildes sah, das allein
schon ausreichen würde, Rembrandts Namen die Unsterblichkeit zu sichern,
entriß der Tod dem Meister die Gattin. Saskia hatte Rembrandt in
siebenjähriger Ehe vier Kinder geschenkt, von denen aber nur das letzte,
ein Sohn, der am 22. September 1641 auf den Namen Titus getauft wurde, die
Mutter überlebte. Am 5. Juni 1642 machte Saskia, krank und bettlägerig, ihr
Testament. Vierzehn Tage später ward sie aus dem Hause in der Breestraat,
welches Rembrandt wenige Jahre vorher gekauft und mit künstlerischer Pracht
eingerichtet hatte, hinausgetragen und auf dem Friedhof der Alten Kirche
(=Oude Kerk=) begraben. -- Rembrandts Trost war seine Arbeit. Beim Anblick
der Radierungen, welche die Jahreszahl 1642 tragen, möchten wir denken, daß
der Meister hier einen Teil der Empfindungen, die ihn beim Verlust der
Gattin bewegten, verarbeitet hat. Wie der heilige Hieronymus, den er
darstellt, wie er tief versunken über dem Buch der Bücher sinnt und sich
nicht davon trennen kann, ob auch die Nacht hereinbricht und nur noch ein
spärlicher Dämmerungsschimmer durch das Fenster des Gemaches dringt, so
sucht auch er Beruhigung in der Einsamkeit und in der heiligen Schrift. Er
denkt an den Tod des Erlösers und skizziert mit wenigen ausdrucksvollen
Strichen eine ergreifende Darstellung der Kreuzabnahme auf eine
Kupferplatte (Abb. 114). Er vergegenwärtigt sich die Verheißungen des
Siegers über den Tod und schafft das hochpoetische Blatt, welches uns den
Heiland zeigt, wie er den Lazarus aus seinem in einer Felsengrotte
gelegenen Grabe ins Leben zurückruft, nicht wie auf jener älteren Radierung
mit machtvollem Gebot, sondern mit mildem und friedlichem Segensspruch
(Abb. 116). -- Dann versucht er sich das Bild der Verstorbenen so lebendig
zurückzurufen, daß er das, was in seinem Gedächtnis erscheint, auf die
Leinwand bannen kann, als ob Saskia noch leibhaftig vor ihm säße. Nicht
ohne Rührung können wir das im Jahre 1643 gemalte wunderbar schöne Bild im
Berliner Museum betrachten, welches uns die Gattin des Meisters in
verklärter Lieblichkeit, mit ihrem holdseligsten Lächeln zeigt.
Die Jahre 1644 und 1645 bringen außer Bildnissen wieder mehrere biblische
Gemälde. Von 1644 ist das figurenreiche und empfindungstiefe Bild in der
Londoner Nationalgalerie: »Die Ehebrecherin vor Christus.« Von den Werken
des folgenden Jahres besitzt das Berliner Museum zwei ganz kleine, aber
durch die feine Wirkung anziehende Bildchen: das eine stellt die Frau des
Tobias dar, wie sie die Ziege heimbringt, die ihr Mann nicht annehmen will
wegen des Verdachts, daß sie gestohlen sei; das andere, das sich durch die
Schönheit der Farbe ebenso wie durch diejenige der Wirkung auszeichnet,
zeigt den heiligen Joseph, dem im Traume der Engel erscheint, um ihm die
Flucht nach Ägypten zu befehlen.
[Illustration: Abb. 106. _Landschaft mit Kanal und Zugbrücke._
Handzeichnung in der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie
von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Wie Rembrandt 1643 seine Gattin in einem Bilde hatte wiederaufleben lassen,
so machte er sich 1645 das Andenken seines schon 1638 verstorbenen
Freundes, des Predigers Jan Cornelisz Silvius, lebendig, indem er dessen
ausdrucksvolle Züge in einem gemalten Bildnis, welches sich jetzt im
Besitze von Herrn A. von Carstanjen in Berlin befindet, und außerdem in
einer lebensvollen Radierung wiedergab.
Ein Hauptwerk von Rembrandts Porträtmalerei ist das mit der Jahreszahl 1645
bezeichnete Bild eines alten jüdischen Kaufmannes, der in dunkelbraunem
Rock, in braunem Pelzmantel und Pelzmütze dasitzt, die beiden mageren Hände
auf einen Stock gestützt, die Blicke kühl und ruhig auf den Beschauer
heftend. Dieses Gemälde ist schon in alter Zeit wiederholt kopiert worden;
das Original befindet sich in der Ermitage zu Petersburg, gute alte
Nachbildungen in den Galerien von London und Kassel. Das holländische
Reichsmuseum zu Amsterdam besitzt ein nicht minder vortreffliches Bildnis,
das um die nämliche Zeit entstanden sein muß, in dem Bild der bejahrten
Witwe des Admirals Swartenhondt, die in schwarzseidenem Kleide mit
Pelzbesatz, in weißem Kragen und weißer Haube im Lehnstuhl sitzt und mit
zusammengelegten Händen über dasjenige nachzudenken scheint, was sie eben
in der neben ihr liegenden Bibel gelesen hat. -- Ein Prachtbild aus
annähernd derselben Zeit ist auch das in Abb. 115 wiedergegebene Porträt
eines alten Rabbiners im Buckinghampalast.
Wenn wir solche Bildnisse mit den früheren vergleichen, so gewahren wir
eine augenfällige Veränderung der Vortragsweise. An die Stelle der
fleißigen Sorgfalt, mit der er sonst die Farben miteinander zu verschmelzen
pflegte, ist eine kühne Sicherheit getreten, welche das ganze Maß von
Vollendung scheinbar ganz mühelos erreicht, indem jeder Pinselstrich mit
Unfehlbarkeit die Stelle trifft, wo er sitzen soll. Mit den vierziger
Jahren beginnt, ungefähr gleichzeitig mit dem Auftreten der eigentümlichen
goldigen Beleuchtung, in Rembrandts Malerei die breite Vortragsweise, die
das Staunen und die Bewunderung aller ist, welche Rembrandts Werke mit
Handwerksinteresse betrachten.
Eine ergreifende Schöpfung ist die kleine Radierung von 1645, welche
Abraham und Isaak auf dem Weg zur Opferstätte zeigt. Sie sind auf der
einsamen Höhe des von Wolken umzogenen Berges angelangt. Abraham, der in
der reichen morgenländischen Tracht erscheint, die Rembrandt sich für die
Patriarchen ersonnen hatte, hat das Feuerbecken zu Boden gesetzt und hat
sich nach seinem Knaben umgewendet; der aber steht erstaunt und hält das
Holzbündel, das er von der Schulter genommen hat, noch unschlüssig vor
sich; seine Augen suchen fragend nach dem Opfertier, das unter dem breiten
Schächtmesser, welches der Vater am Gürtel trägt, verbluten soll; sein
kindlicher Verstand kann nicht fassen, was der Vater mit einem Gesicht,
dessen Muskeln zu zucken scheinen, um die Rührung gewaltsam
niederzukämpfen, und mit aufwärts deutender Hand ihm sagt, daß Gott sich
schon das Opferlamm ersehen habe (Abb. 117). Dem Gedanken nach zu diesem
Blatt gehörig, wenn auch vielleicht nicht gleichzeitig mit demselben
entstanden, ist ein anderes, welches die Schwere des Opfers, das
darzubringen Abraham sich dort anschickt, durch ein gemütvolles Genrebild
hervorhebt: Abraham sitzt vor der Thür seines Hauses und seine knochige
Hand gleitet zärtlich über die runde Wange des Knaben, den er lieb hat und
der sich, fröhlich lachend, mit einem Apfel in der Hand, zwischen die Kniee
des Vaters schmiegt (Abb. 118 gibt den seltenen ersten Plattenzustand der
Radierung wieder). -- Mehrere nach der Natur radierte Landschaften tragen
die Jahreszahl 1645. Davon ist die »Ansicht von Omval« ein vorzüglich
reizendes Blatt: ein Blick über das Wasser auf einen kleinen Ort mit
Windmühlen und spitzem Kirchturm, im Vordergrund eine malerische
Weidengruppe mit tiefen Schatten. Das unter dem Namen »die Sixbrücke«
bekannte sehr seltene Blatt -- ein Kanal mit ein paar Kähnen, eine flache
Fernsicht, vorn eine Brücke und ein paar Bäumchen -- verdient besondere
Erwähnung wegen des Geschichtchens, das sich an seine Entstehung knüpft.
Rembrandt wurde von Jan Six häufig auf dessen Landgut mitgenommen. Bei
einem dieser Ausflüge, so wird erzählt, als die beiden Freunde sich zu
Tisch setzen wollten, bemerkten sie, daß der Senf fehlte, und Six schickte
seinen Diener in das Dorf, um solchen zu holen; da Rembrandt die
Langsamkeit des Dieners kannte, so bot er Six die Wette an, er werde eine
Radierung ausführen, bevor der Diener zurück sei; er nahm eine der
Kupferplatten, die er bei sich zu tragen pflegte, radierte die vom Fenster
aus sich darbietende Aussicht und gewann die Wette. Das Blatt ist in
derselben Weise mit Umrißlinien gezeichnet, wie Rembrandt es mit seinen
landschaftlichen Stift- oder Federzeichnungen nach der Natur zu thun
pflegte. Gelegentlich begegnen wir unter seinen landschaftlichen
Skizzenbuchblättern aber auch solchen, in denen er kräftige Licht- und
Schattenwirkungen festgehalten hat, die in der Natur ihm ähnliche
Erscheinungen vor Augen führten, wie seine Einbildungskraft sie zu schaffen
liebte; dahin gehört die angetuschte Federzeichnung in der Albertina,
welche ein paar alte Strohhütten in der grellen Beleuchtung zeigt, die
entsteht, wenn die tiefstehende Sonne ihre Strahlen unter schweren,
schwarzen Gewitterwolken hersendet (Abb. 119).
Wenn Rembrandt Landschaftsbilder malte, so pflegte er im Gegensatz zu
seinen gewissenhaften Zeichnungen sich nicht an die Wirklichkeit zu halten,
sondern sich in freien Phantasien zu ergehen. Ein anspruchsloses Stückchen
abgemalter Wirklichkeit aber zeigt uns die ganz kleine reizende
Winterlandschaft von 1646 in der Galerie zu Kassel, die uns mit drei Tönen
-- einer blauen Luft, einer bräunlichen Reihe von Gebäuden und einer goldig
überstrahlten Eisfläche -- mitten in einen sonnigen holländischen Wintertag
versetzt, an dem die Schlittschuhläufer vergnügt in der erfrischenden Luft
sich tummeln.
An Figurenbildern bringt das Jahr 1646 eine Anbetung der Hirten, in der
Nationalgalerie zu London, und eine heilige Familie, in der Kasseler
Galerie. Das letztgenannte versetzt uns ebenso wie das Pariser Bild von
1640 und ein 1645 gemaltes Bild des nämlichen Gegenstandes, das sich in der
Ermitage zu Petersburg befindet, in die ärmliche Behausung eines
Handwerkers. Aber welche Fülle heimlichster häuslicher Poesie, die das
scheinbare Genrebild weit über das Alltägliche hinaushebt, hat der Meister
dahineingearbeitet! Die junge Mutter sitzt in bescheiden bürgerlichem
Hauskleid da und drückt den Knaben an sich, der ihr zärtliche Wörtchen ins
Ohr flüstert. Man glaubt zu sehen, wie sie den Oberkörper vorwärts und
rückwärts wiegt, während sie in das auf dem Estrich brennende Feuer blickt,
an dem das irdene Breitöpfchen für den Kleinen gewärmt wird. Ein warmes
Licht, wie von eben erloschener Abendsonne, erhellt das Gemach; seine
Strahlen sammeln sich auf dem frischen Linnen der Korbwiege und werfen von
da aus goldige Reflexe auf die dürftige Bettstatt. Draußen aber, wo vor der
Thüre der fleißige Hausvater noch mit Holzhacken beschäftigt ist, herrscht
schon kühle Dämmerung; während drinnen die Koseworte, die Mutter und Kind
austauschen, von dem traulichen Knistern der Flamme und von dem
behaglichen Schnurren der neben dem Feuer liegenden Hauskatze begleitet
werden, glaubt man in den Wipfeln der Bäume, die man durch das Fenster und
den offenen Eingang erblickt, den Abendwind leise rauschen zu hören. Um
auch äußerlich etwas dafür zu thun, daß das Gemälde nicht für ein
alltägliches Familienbild gehalten werde, hat Rembrandt dasselbe so
dargestellt, als ob es ein für gewöhnlich verdecktes und eben nur für kurze
Zeit dem Beschauer enthülltes geweihtes Bild sei, -- die Sitte,
Kirchenbilder an den Wochentagen mit einem Vorhang zu verdecken, besteht in
den Niederlanden noch heute --; er hat einen reich verzierten Goldrahmen um
die Darstellung herumgemalt, an dem oben eine Stange befestigt ist mit
einem das Bild für gewöhnlich verhüllenden, jetzt aber beiseite gezogenen
rotseidenen Vorhang. Bei dem Petersburger Bild aus dem vorhergegangenen
Jahre hatte Rembrandt ein anderes Mittel angewendet, um das Familienbild in
das Gebiet des Göttlichen zu erheben; dort schweben leuchtende
Engelgestalten über Mutter und Kind.
[Illustration: Abb. 107. _Der Mennonitenprediger Cornelis Claes Anslo und
eine Witwe._ Gemälde von 1641 im königl. Museum zu Berlin.]
[Illustration: Abb. 108. _Bildnis einer alten Dame._ In der Ermitage zu St.
Petersburg. (Nach einem Schabkunstblatt von Richard Earlom.)]
[Illustration: Abb. 109. _Bildnis eines Unbekannten._ (Der Mann mit Kette
und Kreuz.) Radierung von 1641.]
Aus dem Jahre 1647 besitzt das Berliner Museum ein ganz kostbares kleines
Gemälde: »Susanna im Bade.« Es ist eine Schöpfung voll wunderbaren
Farbenzaubers; den Lichtpunkt bildet das weiße, jugendwarme Fleisch der
Susanna, die sich in dem saftig grünen Dunkel des Gartens sorglos
entkleidet und ihren roten Rock neben sich gelegt hat. Ebenso
bewunderungswürdig wie die Licht- und Farbenwirkung ist der Ausdruck der
Figuren; in ganz unvergleichlicher Weise ist die nichtswürdige Lüsternheit
der beiden Alten gekennzeichnet, die geräuschlos wie Diebe von hinten
heranschleichen.
[Illustration: Abb. 110. _Die drei Orientalen._ (Jakob und Laban.)
Radierung von 1641.]
In dem nämlichen Jahre schuf Rembrandt seine berühmteste Bildnisradierung.
Er bildete den damals als Sekretär in der städtischen Verwaltung thätigen
nachmaligen Bürgermeister Six in ganzer Figur ab, wie er an einem Fenster
seiner vornehm eingerichteten Wohnung lehnt und irgend ein wichtiges
Aktenstück aufmerksam durchliest. Es liegt ein unbeschreiblicher Zauber in
der diesmal ganz naturgetreuen Beleuchtung, die durch das große Fenster
zwischen den dunklen Vorhängen voll einfällt, den Kopf des Mannes und seine
Hände, die das Schriftstück ins Helle halten, mit gesammelter Kraft trifft,
sich dann auf dem Boden verbreitert, einen mit weiteren Aktenstößen
beladenen Stuhl hervorhebt und weiter seitwärts im Zimmer befindliche
Gegenstände mit blitzartigen Streiflichtern berührt.
Wenn wir aus den Bildnissen, die Rembrandt anfertigte, auf seinen Umgang
schließen dürfen, so verkehrte er in der allerbesten Gesellschaft von
Amsterdam. Mit Six jedenfalls war er in aufrichtiger Freundschaft
verbunden. Dagegen scheint er mit seinen Kunstgenossen nur wenig Verkehr
gepflogen zu haben; wenigstens sind die Malerbildnisse selten unter seinen
Werken. Er stand in seiner Eigenart den übrigen Malern -- abgesehen
natürlich von seinen Schülern -- fremdartig gegenüber, und seine
Abgeschlossenheit mag zum großen Teil die seltsamen Gerüchte veranlaßt
haben, die in jenen Kreisen über ihn umliefen. Doch porträtierte Rembrandt
im Jahre 1647 den Tier- und Landschaftsmaler Nikolaas Berchem, der gleich
ihm ein Sammler von Kunstgegenständen und Merkwürdigkeiten war, nebst
seiner Frau (beide Gemälde befinden sich in einer englischen Sammlung) und
radierte das Bildnis des hauptsächlich durch italienische Landschaften
bekannten Malers Jan Asselyn, der in Freundeskreisen wegen seiner nicht
gerade vorteilhaften Gestalt den Beinamen =het Crabbetje=
(Verkleinerungsform von Krabbe) führte. An diese schöne Bildnisradierung
(Abb. 120) knüpft sich eine drollige Geschichte, die einem Fälscher
widerfahren sein soll. Auf dem Tische, auf welchen Asselyn seine Rechte
stützt, erblicken wir neben mehreren Büchern Pinsel und Palette;
ursprünglich hatte Rembrandt das Malgerät noch durch eine hinter dem Tische
stehende Staffelei -- auf holländisch =ezel= -- vervollständigt. Da ihm
aber dieses Gestell die Bildwirkung störte, so beseitigte er dasselbe
wieder, nachdem er eine geringe Anzahl von Abzügen genommen hatte. Eben
wegen der Seltenheit aber wurde nun »_=Asselijn met den ezel=_« von den
Sammlern besonders geschätzt und teuer bezahlt; daher verfiel ein deutscher
Kupferstecher auf den Gedanken, solche Abdrücke fälschlich herzustellen; er
kopierte das Bildnis des Asselyn und fügte im Hintergrunde -- nicht etwa
eine Staffelei, sondern, das holländische Wort mißverstehend, einen Esel
hinzu; natürlich hatte er damit bei den Sammlern Rembrandtscher Radierungen
wenig Glück, und man sagte ihm, er habe sein eigenes Bild neben dasjenige
Asselyns gesetzt. Ob die Geschichte wahr ist, kann dahingestellt bleiben,
aber sie ist bezeichnend für die Beliebtheit, deren sich Rembrandts Blätter
gleich nach ihrem Erscheinen erfreuten, so daß die Anfertigung
betrügerischer Nachbildungen als ein einträgliches Geschäft angesehen
werden konnte. -- Ein Maler, zu dem Rembrandt in näherer Freundschaft
stand, war Hercules Seghers. Dieser sonst wenig bekannte Künstler hat
seinen Namen hauptsächlich durch landschaftliche Radierungen auf die
Nachwelt gebracht, und Rembrandt hat es nicht verschmäht, die
stimmungsvollen Landschaftskompositionen seines Freundes mit Figuren zu
»staffieren« (Abb. 122).
[Illustration: Abb. 111. _Das Opfer des Manoah._ Gemälde von 1641, in der
königl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Photographie von Franz
Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 112. _Die Aussöhnung Esaus und Jakobs._ Gemälde von
1642 im Museum der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einer
Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
Paris.)]
Es war damals sehr beliebt, dichterisch erfundenen Landschaften dadurch,
daß man einen biblischen oder mythologischen Vorgang in ihnen sich
abspielen ließ, eine höhere Bedeutung zu geben. Rembrandt selbst verstand
sich meisterhaft darauf, die landschaftliche Stimmung mit der figürlichen
Darstellung einheitlich zu verweben, und so kann es uns nicht wunder
nehmen, wenn wir auch einmal einem Bilde von ihm begegnen, welches einen
biblischen Gegenstand in überwiegend landschaftlicher Weise behandelt. Die
Londoner Nationalgalerie besitzt von ihm eine reizvolle Abendlandschaft, in
welcher der Blick an einem dunklen Waldessaum vorbei in eine weite,
hügelige Ferne schweift; man fühlt die Einsamkeit, und man ahnt, daß ein
Wanderer, der hier die Sonne hat untergehen sehen, noch rüstig ausschreiten
muß, um vor Einbruch der gefahrdrohenden Finsternis eine Herberge zu
finden; der Wanderer aber, den wir hier erblicken, braucht nichts zu
fürchten: es ist Tobias, und neben ihm schreitet der Engel.
[Illustration: Abb. 113. _Die Scharwache._ Genossenschaftsbild einer
Amsterdamer Schützenkompanie, gemalt 1642. (Nach einer alten Kopie, welche
das Bild ohne die später vorgenommenen seitlichen Beschneidungen zeigt,
photogr. von Braun & Cie.)]
[Illustration: Abb. 114. _Christi Abnahme vom Kreuz._ Radierung von 1642.]
Ein großes Meisterwerk im kleinsten Maßstabe ist das 1647 gemalte Bildnis
des gelehrten Arztes Ephraim Bonus, eines portugiesischen Juden, das sich
in der Sammlung des Herrn Six zu Amsterdam befindet. Das Bildchen ist nur
20 Centimeter hoch, kaum größer als die Radierung, in welcher Rembrandt das
Bildnis desselben Mannes weiteren Kreisen überlieferte.
Sein eigenes Bildnis hat Rembrandt im Jahre 1647 mehrmals gemalt. Wohl
zeigt seine Haltung noch ein vornehmes Selbstbewußtsein, aber der Ernst,
der seinen Zügen schon lange eigen war, hat etwas geradezu Düsteres
angenommen, und selbst das einst so leuchtende Auge blickt trübe und müde.
Man ahnt nicht, welche Fülle von Schaffenslust noch hinter dieser jetzt
schon stark gefurchten Stirn wohnt (Abb. 121).
In der That war das Jahr 1648 eines der fruchtbarsten in Rembrandts Leben,
und unter den mit dieser Jahreszahl bezeichneten Werken befinden sich
viele, die zu den glücklichsten Schöpfungen des Meisters zählen. In einer
Radierung von prächtiger Helldunkelwirkung zeigt er sich selbst in der
Emsigkeit der Arbeit. Mit einem runden Hut auf dem Kopf sitzt er an einem
kleinen Fenster und zeichnet in ein vor ihm liegendes Heft; die Gewißheit
des sicheren künstlerischen Erfassens leuchtet aus dem scharf beobachtenden
Blick. Aber was er uns in diesem Jahre bringt, sind nur zum geringsten
Teile die unmittelbaren Ergebnisse seiner scharfen Beobachtung. Allerdings
fehlen auch die geistvollen Wiedergaben des in der Wirklichkeit Gesehenen
nicht. Das kostbare Prachtblättchen, das uns in eine Synagoge blicken läßt,
wo verschiedene alte Juden kommen und gehen und sich in einer Weise
unterhalten, daß wir das Durcheinandersummen der gedämpften Stimmen zu
hören glauben, ist wie aus dem Leben abgeschrieben (Abb. 123). Das
wunderbar schön radierte Blatt, welches uns eine Bettlerfamilie zeigt, die
an einer Hausthür von einem freundlichen Greis mit einer Gabe bedacht wird,
ist eine der vollendetsten von des Meisters meisterhaften Schilderungen aus
dem Leben der Armen (Abb. 124). Aber vorzugsweise vertiefte Rembrandt jetzt
sich in die Welt des Wunderbaren. Man möchte sagen, daß die geheimnisvolle
Lichtquelle selbst, die Rembrandts Bilder beleuchtet, sich uns in einer
gespensterhaften Erscheinung offenbart, wenn wir das unvergleichliche Blatt
»Doktor Faust« betrachten. Die Sage von dem wissensdurstigen, mit Hilfe
böser Mächte in übernatürliche Geheimnisse eingedrungenen Dr. Johannes
Faustus war seit dem XVI. Jahrhundert in Deutschland und in England ein
beliebter Gegenstand volkstümlicher Bearbeitung. Das 1588 zu Frankfurt am
Main erschienene Volksbuch war fast in alle abendländischen Sprachen
übersetzt worden, die Erzählung konnte daher Rembrandt sehr wohl bekannt
sein. Die Darstellung eines Dr. Faust bot damals der bildenden Kunst
weniger Schwierigkeiten als heutzutage; denn auch die Gebildeten glaubten
damals noch allgemein an die Möglichkeit eines persönlichen Verkehrs mit
den Mächten der Finsternis und an die Möglichkeit, mit deren Hilfe ein
höheres Wissen zu erlangen, als sonst den Sterblichen beschieden ist; und
es gab wohl kaum jemand, der an der buchstäblichen Wahrheit dessen, was das
Buch erzählte, gezweifelt hätte. So hat denn Rembrandts »Faust« den Reiz
der vollsten Ursprünglichkeit, man möchte fast sagen der Wahrhaftigkeit.
Wir blicken in ein dunkeles Gemach, das mit allerlei Geräten der
Gelehrsamkeit vollgepfropft ist; Tag und Nacht hat der Gelehrte über die
Geheimnisse der schwarzen Kunst gegrübelt und hat sich nicht Zeit genommen,
seine Morgenkleidung mit einem anderen Anzug zu vertauschen. Endlich ist
ihm eine Beschwörung gelungen; aus dunkelen Dämpfen, welche den unteren
Teil des großen Fensters verhüllen, leuchtet eine strahlende Lichtscheibe
empor und trifft mit einem blitzenden Strahl das vertrocknete Gesicht des
Gelehrten. Dieser ist aufgesprungen, und beide Hände aufstützend, den
Oberkörper vorwärts beugend, blickt er mit Spannung und Erregung in den
Spiegel, den nebelhafte Hände, die unterhalb der Lichtscheibe sich aus den
Dämpfen gebildet haben, ihm zeigen. Wird seine Wissensbegehrlichkeit da
eine Befriedigung finden? Wiederholt ihm der Zauberspiegel nur die
kabbalistischen Worte, die in dem Lichtgespenst erscheinen? Das einzige für
uns verständliche Wort in den kreisenden Schriftreihen ist der Name des
ersten Menschen; und in der Mitte des Lichtes erscheinen in den vier
Winkeln eines Kreuzes die vier Buchstaben _=INRI=_; heißt das »=Jesus
Nazarenus Rex Judæorum=,« und wird damit dem Schwarzkünstler die Warnung
erteilt, daß der Abkömmling Adams sich die Offenbarungen des Christentums
genügen lassen und nicht weiter nach dem Unbegreiflichen forschen soll? Daß
dieser Gedanke in der Darstellung verborgen liege, hat bei Rembrandts
streng christlicher Gesinnung nichts Unwahrscheinliches (Abb. 125).
[Illustration: Abb. 115. _Bildnis eines Rabbiners._ Gemälde im
Buckingham-Palast. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E., Paris und New York.)]
[Illustration: Abb. 116. _Die (kleine) Auferweckung des Lazarus._ Radierung
von 1642.]
[Illustration: Abb. 117. _Abraham und sein Sohn Isaak auf der Opferstätte._
Radierung von 1645.]
[Illustration: Abb. 118. _Abraham, Isaak liebkosend._ Radierung. (Erster
Plattenzustand.)]
Zur Behandlung eines heidnischen Stoffes wurde der Meister veranlaßt durch
die Veröffentlichung des von seinem Freunde Six gedichteten Trauerspiels
»Medea.« Dazu lieferte er die große Prachtradierung »Vermählung des Jason
mit Krëusa.« Archäologische Studien hatte Rembrandt nicht gemacht. Eine
Hochzeit im griechischen Sagenalter dachte er sich als eine religiöse
Feier, deren Formen den christlichen Kirchengebräuchen entsprachen. Wir
blicken in einen phantastisch erdachten Säulenbau, in dessen Bogen und
Wölbungen ungeachtet der Seltsamkeit ihrer Konstruktion die eigentümliche
Poesie lagert, welche den hochgewölbten mittelalterlichen Kirchen
innewohnt. Auf der Chorerhöhung steht der Altar, auf dem die Opferflamme
lodert; darüber thront das Bild der Ehegöttin Juno, die der Pfau an ihrer
Seite kenntlich macht. Am Altar steht der Priester, dessen Kopfbedeckung
und Stab phantastische Umbildungen der bischöflichen Ornatstücke sind, und
spricht den Segen über das in fürstlicher Tracht vor ihm knieende Paar;
vornehme Zuschauer erfüllen das Schiff der Kirche, und dem Altar gegenüber
hat auf einer Emporbühne der Sängerchor Platz genommen. Eine festliche
Helligkeit dringt durch die hohen Fenster in den Raum, nur der Chorumgang
hinter dem Altar liegt im Dunkel; hier erblicken wir eine vornehm
gekleidete Gestalt, der ein kleiner Diener die Schleppe trägt. Die
Gesichtszüge dieser Frau verschwimmen im dämmerigen Schatten; aber wie sie
da ungesehen einherschleicht, das hat etwas Unheimliches, und auch ohne
den Ausdruck ihres Gesichts zu erkennen, ahnen wir, daß sie Verderben
bringt. Könnten wir nicht erraten, daß dies die verlassene Medea ist, so
würden uns die Verse der Unterschrift darüber belehren, die in
hochdeutscher Übersetzung also lauten:
»Krëus' und Jason hier einander Treu' geloben;
Medea, Jasons Frau, unrecht beiseit' geschoben,
Wird angefacht vom Zorn, der Rachsucht nachzugehn.
Ach, ungetreuer Sinn, was kommst du teu'r zu stehn!«
Die ersten Abdrücke dieses Blattes zeigen das Junobild mit bloßem Kopfe;
später befand es der Künstler für nötig, demselben durch Aufsetzen einer
Krone ein würdevolleres Ansehen zu geben; im dritten Plattenzustand sind
die Namensunterschrift Rembrandts mit der Jahreszahl 1648 und die
angeführten Verse hinzugekommen (Abb. 126). Das Blatt gehörte zu
denjenigen, von denen man als Kunstliebhaber mindestens zwei Abdrücke
besitzen mußte, ein »Junochen ohne Krone« und ein »Junochen mit Krone.«
[Illustration: Abb. 119. _Landschaft mit Gewitterstimmung._ Handzeichnung
in der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Bei dem großen Wert, den die Sammler allen seinen Radierungen damals schon
beilegten, so daß sie mit wahrer Begierde immer neuen Blättern
entgegensahen, konnte es Rembrandt sich schon erlauben, auch solche
Platten, an denen ihm die Lust vergangen war, so daß er sie unfertig liegen
ließ, durch Hinzufügung seiner Namensunterschrift für abgeschlossen zu
erklären und die Abzüge derselben in den Handel zu bringen. Ein sprechendes
Beispiel ist der »große heilige Hieronymus« von 1648, ein Blatt, auf dem
fast nichts Weiteres ausgeführt ist, als ein Weidenstamm im Vordergrund.
Freilich hat das Blatt auch so einen unbestreitbaren hohen Kunstwert; denn
das Gesicht des Heiligen, der mit einer Brille bewaffnet an seiner
Übersetzung des heiligen Wortes schreibt, ist, obgleich erst mit wenigen
Strichen angedeutet, ein Wunderwerk des Ausdrucks.
Zweimal malte Rembrandt in diesem Jahre die Erscheinung des Erlösers zu
Emmaus. Das eine dieser Bilder befindet sich im Museum zu Kopenhagen, das
andere, das zu den ausdrucksvollsten Meisterwerken Rembrandts zählt, zu
Paris im Louvre. Der Augenblick des Erkennens ist dargestellt. Ganz
überwältigt blicken die beiden Jünger den Heiland an, der, von
geheimnisvollem Licht umflutet, die Augen nach oben wendet und das Brot
bricht; die schmerzlichen Züge seines Antlitzes spiegeln noch das
überstandene Erdenleiden wieder. Einen wirkungsvollen Gegensatz gegen die
weihevolle Ergriffenheit, mit der die Jünger das Wunderbare erkennen,
bildet die verhaltene blöde Verwunderung des jungen Dieners, der eben ein
Gericht auf den Tisch zu setzen sich anschickt und der das Staunen der
beiden nicht begreift; man meint zu sehen, wie seine Augen von jenem auf
diesen und dann wieder auf den dritten wandern (Abb. 127).
[Illustration: Abb. 120. _Jan Asselyn_, Maler. Radierung von 1647.]
Ein ebenso fesselndes Meisterwerk aus demselben Jahr besitzt die
Louvresammlung in dem Bilde »der barmherzige Samariter,« in welchem dem
Meister die Lösung dieser wiederholt von ihm behandelten Aufgabe am
glücklichsten gelungen ist. Es ist Abend; in dem Gasthaus, das vor dem
Thore einer Stadt an der Landstraße liegt, beginnt es lebendig zu werden;
mehrere Pferde sind neben dem Brunnen am Hause angebunden, und die Gäste
legen sich, da sie wieder Hufschläge gehört haben, mit gewohnheitsmäßiger
Neugier ins Fenster der Wirtsstube, um zu sehen, wer da noch ankommt. Die
Wirtin eilt dienstbeflissen an die Treppe des Hauses, um den neuen
Ankömmling in Empfang zu nehmen. Es ist ein gut gekleideter Mann, der da
die Treppe hinansteigt; aber nicht diesen soll sie beherbergen, sondern den
unglücklichen Verwundeten, nach dem jener mit liebevoller Besorgnis sich
umsieht. Dieser Verwundete ist ein Bild des Jammers, er stöhnt, jede
Bewegung der beiden Knechte, die ihn eben vom Pferde gehoben haben,
verursacht ihm Schmerzen. Niemand kann ihn ohne Bedauern ansehen, außer dem
Stalljungen, der das Pferd hält und der sich mit der Mitleidslosigkeit des
Knabenalters, bloß von Neugierde erfüllt, auf die Zehen hebt, um über den
Rücken des Pferdes hinweg besser sehen zu können (Abb. 128).
Die großen weltgeschichtlichen Ereignisse des XVII. Jahrhunderts gingen im
allgemeinen fast unbemerkt an den holländischen Malern vorüber. Aber der
Abschluß des Westfälischen Friedens, der ja für den niederländischen
Freistaat die endgültige Anerkennung seiner Unabhängigkeit brachte, ward
wie von den Dichtern, so auch von den Malern gefeiert. Zumeist beschränkten
sich die bildlichen Verherrlichungen des Ereignisses auf die Abbildung von
Festmahlzeiten, die zur Feier des Friedens stattfanden. Rembrandt aber
widmete dem Ereignis eine große allegorische Komposition. Es ist eine
Skizze, vielleicht zur Ausführung in großem Maßstabe, die dann aber nicht
zur That wurde, bestimmt; unter dem Namen »die Eintracht des Landes« wird
sie im Boymans-Museum zu Rotterdam aufbewahrt. Allegorien waren freilich
nicht Rembrandts Fach, und es ist ein Gemisch von Großartigkeit und
Sonderbarkeiten, was wir da vor uns sehen. Es ist dem Maler nicht gelungen,
die Fülle der Gedanken, die er zum Ausdruck bringen wollte, im einzelnen
verständlich zu machen, und es sind Stöße von Erklärungsversuchen über
dieses unter Rembrandts Werken ganz vereinzelt dastehende Bild geschrieben
worden.
[Illustration: Abb. 121. _Rembrandt im Alter von vierzig Jahren._
Schabkunstblatt von Wrenk nach einem vielleicht nicht von dem Meister
selbst, sondern von seinem begabten Schüler Ferdinand Bol ausgeführten
Gemälde.]
[Illustration: Abb. 122. _Die Landschaft mit der Flucht nach Ägypten._
Radierung. Landschaft von Hercules Seghers, die Figuren von Rembrandt.]
Als das Hauptwerk des Jahres 1649 gilt ein in der Sammlung des Lord Cowper
zu Panshanger befindliches Reiterbild, welches den Marschall Turenne, der
sich gerade in jenem Jahre in Holland aufhielt, vorstellen soll.
Dem Jahre 1650 gehören mehrere von den feinen landschaftlichen Radierungen
des Meisters an: die köstlich gezeichnete »Landschaft mit dem Turm,« die
von den Resten eines alten Turmes, welche in der Ferne über einer von
Bäumen umgebenen Hütte sichtbar werden, den Namen führt, und das in seiner
Einfachheit so reizende Blättchen »der Kanal mit den Schwänen.« Auf diesem
letzteren Blatt hat der Meister zu den heimatlichen, von Gehölz umsäumten
und von ruhig fließendem Wasser durchzogenen Wiesen Höhenzüge, wie die
Wirklichkeit sie ihm nicht zeigte, hinzukomponiert (Abb. 129). Eine
ähnliche Verbindung von holländischer Landschaft mit Geländen, zu denen er
in den Mappen seiner Freunde, welche in Italien gewesen waren, die
Vorbilder fand, zeigt das berühmteste Landschaftsgemälde Rembrandts, die um
eben diese Zeit entstandene »große Landschaft mit Ruinen auf dem Berge« in
der Galerie zu Kassel. In träumerischer Dämmerung liegt die Ebene da, von
einem Bache durchschlängelt, den eine Brücke überspannt und den ein leise
dahingleitender Kahn und mehrere Schwäne beleben; am jenseitigen Ufer liegt
eine leere reichgeschmückte Gondel, diesseits sitzt ein Angler, und ein
einsamer Reiter verfolgt den am Bach entlang gehenden Weg. Jenseits des
Wassers werden zwischen dichten Baumgruppen die roten Ziegeldächer eines in
feierlicher Abendruhe daliegenden Gehöftes sichtbar, weiter nach vorn
schließt sich eine Windmühle an. Hinter den Gebäuden erhebt sich der Boden
zu einem ansehnlichen Bergrücken, der an einer Seite in schroffer Felswand
abfällt. Nahe dem Abhang bekrönen Trümmermassen die Höhe, die in einem
hochragenden Bauwerk gipfeln, das wie ein Überbleibsel eines antiken
Rundtempels aussieht. Ein wunderbarer goldiger Dämmerungston verbindet Berg
und Thal, in weiter Ferne verschmelzen duftige Höhenzüge mit dem lichten
Blau des Himmels, der den letzten Schimmer des untergegangenen
Tagesgestirnes festhält, und den eine an den Rändern noch beleuchtete dünne
Wolkenschicht zum Teil überzieht. Selten wohl ist es einem Landschafter
alter oder neuer Zeit gelungen, eine solche Tiefe der Stimmung im Beschauer
hervorzurufen; es liegt eine stille Feierlichkeit und ein leiser Anflug von
Schwermut über dem Bilde, die uns um so unwiderstehlicher einnehmen, je
länger wir dasselbe betrachten (Abb. 130). -- Zu den stimmungsvollen
Landschaftskompositionen gehört auch die prachtvoll farbig gezeichnete
Radierung mit der nur angelegten Figur des in die Schrift vertieften
heiligen Hieronymus, neben dem der Löwe sich wie ein sorglicher Wärter
umschaut. Wegen der eigentümlichen schwermütigen Poesie, des
Formenreichtums und der bis in die kleinsten Einzelheiten gehenden
Ausführung der Landschaft wird dieses Blatt durch die Bezeichnung »in
Dürers Geschmack« von den zahlreichen anderen Hieronymusbildern Rembrandts
unterschieden (Abb. 131).
[Illustration: Abb. 123. _Juden in der Synagoge._ Radierung von 1648.]
[Illustration: Abb. 124. _Die Bettler an der Hausthür._ Radierung von 1648.
(Verkleinert.)]
[Illustration: Abb. 125. _Dr. Faust._ Radierung von 1648. (Verkleinert.)]
Von 1651 sind einige ganz vorzügliche Radierungen. Da ist das wunderbar
feine kleine Blatt »der blinde Tobias,« die treffendste und rührendste
Darstellung der Hilflosigkeit eines Erblindeten, der mit Stab und Hand vor
sich her tastend, sich in seinem eigenen Zimmer zurechtsuchen muß. Dann das
treffliche Bildnis des Clemens de Jonghe, der einer der berühmtesten
Kupferstichhändler und Verleger seiner Zeit war und der uns hier mit seinen
klugen Augen so bestimmt und ruhig anschaut (Abb. 133). -- Ein prächtiges
gemaltes Bildnis eines unbekannten jungen Mannes im Louvre trägt die
nämliche Jahreszahl (Abb. 132). Ein biblisches Gemälde aus diesem Jahre
besitzt die herzogliche Gemäldesammlung zu Braunschweig in der großartig
wirkungsvollen, ergreifenden Darstellung der Erscheinung des Auferstandenen
vor Maria Magdalena.
Ein ganz herrliches Bild von 1652 besitzt die Gemäldegalerie zu Kassel. Es
ist das Kniestück des Nikolaas Bruyningh, der als Sekretär an der
Gerichtsabteilung für Zahlungsunfähige zu Amsterdam angestellt war. Es ist
ein lebensfroher junger Mann, den wir da in vornehmer schwarzer
Atlaskleidung vor uns sitzen sehen; mit munterer Bewegung hat er sich auf
dem Stuhle umgedreht und blickt lächelnd vor sich hin; eine Fülle
dunkelblonder Locken umwallt das freundliche Gesicht (Abb. 134).
[Illustration: Abb. 126. _Die Hochzeit Jasons und Krëusas._ Radierung von
1648. (Verkleinert.)]
Die nämliche Jahreszahl trägt ein allerliebstes Blättchen: »der
zwölfjährige Jesus unter den Schriftgelehrten.« Die Radierung ist nur ganz
leicht angelegt, fast ohne Andeutung einer malerischen Wirkung, und dennoch
ist sie unbeschreiblich fesselnd. Man hört die milden und verständigen
Worte des Knaben, man sieht die mannigfaltigen Regungen, mit welchen die
gelehrten alten Juden -- jeder ein Charakterbild -- dieselben aufnehmen:
Aufmerksamkeit, Spott, Dünkel der Überlegenheit, ernstes Nachsinnen. Eine
andere nicht minder ansprechende Komposition desselben Gegenstandes zeigt
uns eine schnell und geistreich hingeschriebene Federzeichnung in der
Albertina, welche den Gegensatz zwischen der Kindlichkeit des Knaben und
dem Gelehrtenstolz der Rabbiner noch stärker hervorhebt (Abb. 135). Die
Betrachtung der zahlreichen Kompositionsentwürfe Rembrandts, welche diese,
alle ähnlichen Sammlungen an Reichtum weit überbietende Wiener Sammlung
beherbergt, ist überhaupt ein hoher Genuß. Von Rembrandts unvergleichlicher
Fähigkeit, mit wenigen Strichen unendlich viel zu sagen, bekommen wir die
staunenerregendsten Proben; als eines der sprechendsten Beispiele sei die
ganz flüchtige Federzeichnung angeführt, welche darstellt, wie Christus zum
Verhör vor Kaiphas gebracht worden ist und wie dieser, vom Richterstuhl
sich erhebend, ausruft: »Ihr habt gehört die Gotteslästerung, was dünkt
euch?« (Abb. 136.)
[Illustration: Abb. 127. _Die Jünger zu Emmaus._ Gemälde von 1648. Im
Museum des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Wenn wir die Jahreszahlen von 1649 bis 1653 verhältnismäßig selten auf
Werken Rembrandts vermerkt finden, so folgt daraus nicht, daß der Meister
in diesen Jahren weniger thätig gewesen sei. Im Gegenteil fallen mehrere
seiner allervorzüglichsten Schöpfungen in diese Zeit, wie man nach dem
Vergleich mit anderen mit Bestimmtheit sagen kann, wenn auch die
Jahresbezeichnung fehlt. Dahin gehört das herrliche Gemälde im Berliner
Museum, welches das Gesicht Daniels am Wasser Ulai (Daniel 8, 3) zum
Gegenstand hat, ein Meisterwerk großartiger traumhafter Stimmung. In
erhabener Berglandschaft kniet der Prophet, mit einem olivenfarbenen Rock
bekleidet, und wartet mit Schauern der Ehrfurcht auf das, was der Engel,
der in leuchtend weißem Gewande hinter ihn tritt, ihm zeigen wird: dämmerig
erscheint jenseits der Schlucht der Widder mit den seltsamen Hörnern.
Ferner werden einige in lebensgroßen Figuren ausgeführte biblische Gemälde,
die sich in der Ermitage zu Petersburg befinden, dieser Zeit zugeschrieben:
»Jakob weint beim Anblick von Josephs blutigem Rock« und »der Herr
erscheint Abraham im Thal Mamre.« Bei dem letzteren Bilde wird namentlich
die für Rembrandt ungewöhnliche äußere Schönheit der Engel bewundert. Eine
hochpoetische Komposition des nämlichen Gegenstandes hat der Meister in
einer Federzeichnung hinterlassen, die sich in der Albertina befindet.
Jehovah selbst ist als erhabener Greis von seinen beiden jugendlichen
Begleitern unterschieden; die ganze Gruppe der drei Männer, vor der sich
Abraham zu Boden geworfen hat, ist eine großartige Lichterscheinung, in der
irdischen Umgebung aber ist die natürliche Tagesstimmung, »da der Tag am
heißesten war,« mit einigen Tuschlagen meisterhaft zur Anschauung gebracht:
der tiefe Ton des wolkenlosen Himmels, von dem alles Beleuchtete sich hell
abhebt, läßt uns die Sommerglut empfinden, und einladend winkt der Schatten
des Baumes, unter dem der Patriarch die himmlischen Gäste bewirten wird
(Abb. 137).
[Illustration: Abb. 128. _Der barmherzige Samariter._ Gemälde von 1648. Im
Museum des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 129. _Der Kanal mit den Schwänen._ Radierung von 1650.]
Sein Bestes aber hat Rembrandt in dieser Zeit in zwei großen Radierungen
gegeben, welche die Heilsthätigkeit des Erlösers schildern. Das eine der
beiden Blätter zeigt Christus als Lehrer. Ein Bild der Menschenliebe, wie
kein Künstler es wärmer zu gestalten vermocht hat, steht der Heiland in
einem dunkelen Raum auf einer hell beleuchteten Erhöhung und spricht mit
erhobenen Händen zu dem Volke, das sich um ihn geschart hat. Nur wenige der
Zuhörer tragen eine einigermaßen ansehnliche Kleidung; bei weitem die
meisten, die da aufmerksam stehen und sitzen, sind Leute, auf denen die
tiefste Not des Daseins lastet; ärmlich ist auch der Raum und ärmlich die
Gasse, in welche wir durch eine niedrige Thoröffnung blicken. Die
Mühseligen und Beladenen sind es, die da erquickt werden; welchen Reichtum
müssen die Worte spenden, denen diese Hörer so regungslos lauschen! Wie in
der dunkelen Umgebung, von der sich die mild erhabene Gestalt des Lehrers
leuchtend abhebt, ein helles Sonnenlicht auf dem Kreise der Hörer liegt, so
ist das Ganze eine unvergleichliche malerische Dichtung über das Wort: »Ich
bin das wahre Licht« (Abb. 139).
[Illustration: Abb. 130. _Die große Landschaft mit den Ruinen auf dem
Berge._ In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie
von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 131. _Der heilige Hieronymus_, zubenannt »in Dürers
Geschmack.« Radierung.]
[Illustration: Abb. 132. _Bildnis eines unbekannten jungen Mannes_, gemalt
1651. Im Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie.
in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 133. _Clemens de Jonghe_, Kupferstichhändler. Radierung
von 1651.]
Das andere, größere Blatt ist eine geistvolle Verbildlichung der Vorgänge,
die das 19. Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt. Wieder blicken wir in
einen dunkelen Raum, und in der Mitte steht hell beleuchtet der Heiland
zwischen gedrängten Gruppen von Menschen, die seine Gegenwart angezogen
hat. »Es folgte ihm viel Volkes nach, und er heilte sie daselbst.«
Gebrechliche aller Art haben sich zu seinen Füßen gelagert, und weitere
kommen herbei oder werden herbeigebracht, wenn sie selbst sich nicht mehr
schleppen können. Man hört die Bitten der für sich oder für die Ihrigen in
gläubigem Vertrauen um Hilfe Flehenden, und man kann nicht zweifeln, daß
ihnen allen geholfen wird. Die armen Kranken füllen die rechte Hälfte des
Bildes aus; man ahnt, daß durch die Thüröffnung, die man da sieht, noch
viele herbeikommen werden. An der anderen Seite des Bildes gewahren wir
neben den Jüngern, die mit den Blicken am Munde ihres Meisters hängen und
mit schlichter Einfalt seine Worte erfassen, eine Schar von Männern ganz
anderer Art, in weite Gewänder stattlich gekleidet, mit dem Ausdruck des
Selbstbewußtseins und des Weisheitsdünkels auf den Gesichtern; mit
lebhaften Mienen und Gebärden reden sie untereinander und können sich nicht
einigen. Das sind die Pharisäer, die herangetreten waren, um Jesus zu
versuchen. Was sie erregt, ist der eben vernommene Ausspruch, der ihre
Angriffe abgeschnitten hat: »Das Wort fasset nicht jedermann, sondern
denen es gegeben ist.« Mit den Worten: »Wer es fassen kann, der fasse es!«
hat der Heiland sie stehen lassen, um sich einer Gruppe zuzuwenden, die ihm
vom Vordergrunde her naht. »Da wurden Kindlein zu ihm gebracht, daß er die
Hände auf sie legte und betete.« Einer der Jünger -- die herkömmliche
Tracht von Haar und Bart läßt ihn als Petrus erkennen -- will die junge
Frau, die ihren Säugling zu Jesus emporhebt, unwillig zurückschieben. Jesus
aber streckt ihr seine Rechte entgegen, und indem er die andere Hand
beschwichtigend erhebt, spricht er mit himmelsmildem Blick die Worte:
»Lasset die Kindlein und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen!« Zwischen
der Gruppe der Mütter und den Pharisäern sehen wir einen jungen Mann mit
langen Locken, in reicher, mit Stickereien verzierter Kleidung, am Boden
sitzen; nachdenklich stützt er sein Gesicht in die Hand. Das ist der reiche
Jüngling, den die Frage bewegt, was er thun soll, um das ewige Leben zu
haben, und der, um diese Frage an Jesus zu stellen, auf dessen Weggehen aus
der umgebenden Menge wartet. Damit ist in dem Bilde auch auf das, was dem
unmittelbar zur Anschauung Gebrachten nach dem Bericht des Evangelisten
folgt, ein Hinweis gegeben. Die ganze, an Inhalt in Beziehungen und
Gegensätzen so reiche Darstellung ist ein Meisterwerk des Ausdrucks, wie es
nichts Vollkommeneres gibt, und in der Poesie des Lichtes hat Rembrandt
hier sein Höchstes geleistet. Das ist mehr als Sonnenlicht, was hier die
Gestalten fast schattenlos einhüllt und dort seinen weichen Wiederschein
voraussendet in die Gruppen derer, die aus dem Dunkel herauskommen; es ist
das Licht der Erlösung, das in die Nacht des menschlichen Daseins scheint
(Abb. 138). Das Blatt war von jeher das berühmteste unter allen Radierungen
Rembrandts. Es führt von alters her die Bezeichnung »das
Hundertguldenblatt.« Über die Entstehung dieser Bezeichnung wird folgendes
erzählt: Eines Tages kam ein Kupferstichhändler aus Rom und bot Rembrandt
einige Stiche von Marcantonio Raimondi zum Kauf an, für die er zusammen
hundert Gulden forderte; da bot ihm Rembrandt als Bezahlung für die Stiche
einen Abdruck dieses eben fertig gewordenen Blattes an, und der Verkäufer
ging auf den Handel ein, sei es nun -- fügt der Gewährsmann hinzu --, daß
er dadurch Rembrandt sich verpflichten wollte, sei es, daß er wirklich mit
dem Tauschgeschäft zufrieden war. Heute ist die Bezeichnung
»Hundertguldenblatt« nicht mehr ganz zeitgemäß, denn bei einer
Versteigerung im Jahre 1867 erzielte ein schöner Abdruck des Blattes den
Preis von 27500 Francs.
[Illustration: Abb. 134. _Kopf des Nikolaas Bruyningh_, aus dem Gemälde von
1652. In der königl. Galerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz
Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 135. _Der Knabe Jesus im Tempel._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Eine Anzahl von Meisterwerken der Radierkunst trägt die Jahreszahl 1654. Da
ist vor allem das durch die reizvolle Einfachheit des Vortrags doppelt
ansprechende Blatt, welches den von dem Meister schon so oft behandelten
Gegenstand der Erscheinung des Erlösers in Emmaus in neuer künstlerischer
Schönheit wiederbringt. Wie auf dem Gemälde von 1648 hat der Künstler auch
hier, in gebührender Unterordnung, aber in einer für die innere und für die
äußere Abrundung des Ganzen nicht unwesentlichen Bedeutung, den
aufwartenden Diener hinzugefügt; der mit der Wirtsschürze bekleidete
Bursche schickt sich eben an, die Kellertreppe hinabzusteigen, hält aber
plötzlich inne, da er gewahrt, daß bei den Gästen etwas Merkwürdiges vor
sich geht, für das ihm die Erklärung fehlt; ihm ist es natürlich unfaßbar,
warum die beiden den dritten, der doch als ihresgleichen mit ihnen gekommen
war, mit solcher Ergriffenheit anstaunen, in dem Augenblick, wo er jedem
von ihnen mit milder Freundlichkeit ein Stück Brot darreicht (Abb. 140). --
Ein sehr sorgfältig ausgeführtes Blatt zeigt uns den heiligen Hieronymus,
wie er an einem stillen Plätzchen im Freien sitzend sich in das Lesen der
Bibel vertieft. Das ist wieder ein Meisterwerk der Stimmung; wir empfinden
die feiertägliche Ruhe, den heiligen Frieden dieser sonnigen Einsamkeit,
und wir würden uns einen hohen Kunstgenuß unnötigerweise verkürzen, wenn
wir daran Anstoß nehmen wollten, daß der Löwe, der sich so behaglich in der
Sonne reckt, in seinen Formen etwas dürftig geraten ist (Abb. 141).
Rembrandt verschmähte es auch jetzt nicht, Figuren aus dem Alltagsleben auf
die Kupferplatte zu skizzieren. Ein unter dem Namen »das Kolef«
(Kolbenspiel) bekanntes Blatt, welches weniger dieses im Freien geübte
Spiel, als einen in behäbiger Nichtbeteiligung dabei sitzenden Mann zum
Gegenstand hat, eine in schnellen Zügen hingeworfene Abschrift der Natur,
trägt die Jahreszahl 1654. Auch das köstliche Bildchen, welches, gleich
ansprechend durch die unmittelbare Lebenswahrheit wie durch die malerische
Wirkung, uns ein paar arme wandernde Musikanten vorführt, die im Vorraum
eines Hauses, von dem aus der Stube kommenden Licht beleuchtet, mit
Leierkasten und Dudelsack einem Bauernpaar und dessen dickem Sprößling
einen bescheidenen Kunstgenuß bereiten, mag dieser Zeit angehören (Abb.
142). Wenigstens werden wir aufs lebhafteste an diese Musikanten erinnert
beim Anblick des alten Hirten mit dem Dudelsack, der seine Genossen in der
heiligen Nacht vor die Krippe zu Bethlehem führt, auf einem in der
Ausführung nur derb hingestrichelten, in der Empfindung aber
hochvollendeten, im Gedanken und in der Wirkung so wunderbar poetischen
Blatt (Abb. 143). Daß dieses im Jahre 1654 entstanden ist, beweist die
Jahreszahl auf einem gleich großen, offenbar als Gegenstück dazu in ganz
gleichartiger Behandlung ausgeführten Blatt, welches die Beschneidung des
Jesusknaben vorstellt.
Zu einem in spanischer Sprache geschriebenen Buche des Manasseh-ben-Israel,
welches unter dem Titel »=Piedra gloriosa=« im folgenden Jahre zu Amsterdam
erschien, radierte Rembrandt vier Kupfer, welche in kleinstem Maßstab
großartige Darstellungen, wie Jakobs Traum von der Himmelsleiter und das
Gesicht des Propheten Hesekiel, brachten.
[Illustration: Abb. 136. _Christus vor Kaiphas._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 137. _Abraham vor Gott und den zwei Engeln._
Handzeichnung in der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie
von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Unter den Gemälden von 1654 befindet sich eins, das zu den schönsten
Schöpfungen des Meisters gehört: »Joseph wird bei Potiphar von dessen Frau
verklagt,« im Berliner Museum. Das Weib sitzt neben dem hell beleuchteten
Bett, und während sie mit der Linken den halbentblößten Busen zu verhüllen
sucht, deutet sie mit dem Daumen der rechten Hand auf Joseph, der im Gefühl
seiner Unschuld aufwärts blickt und die Hand beteuernd emporhebt; sie
vermeidet es, beim Vorbringen ihrer erlogenen Anschuldigung den Gatten
anzusehen, der hinter ihr steht und seine aufkeimende Entrüstung über
Joseph noch hinter der Miene vornehmer Gelassenheit und ernsten Erwägens
verbirgt. In der Farbenwirkung hat Rembrandt hier Wunderbares, im Ausdruck
Unglaubliches geleistet; »nein, wie die Frau lügt!« war die erste Äußerung
eines feinfühligen und unbefangenen Kunstfreundes beim Anblick dieses
Bildes. Verführerische Reize besitzt diese Frau nach unseren Anschauungen
allerdings nicht. Rembrandt hat in zwei Gemälden des nämlichen Jahres, von
denen das eine in ganz schlichtem Realismus eine junge Frau im Bade zeigt
(in der Londoner Nationalgalerie), das andere (im Louvre) die Bathseba
darstellt, wie sie, eben dem Bade entstiegen, mit widerstreitenden Gefühlen
die Botschaft Davids liest, auffallender noch als in den gleichartigen
Gemälden der dreißiger Jahre bewiesen, daß er für weibliche Formenschönheit
keinen Sinn hatte. Aber in seiner Weise, durch den Reiz der Farbe wußte er
die unverhüllte Frauengestalt zu verherrlichen. Die Züge des nämlichen
Modells, das zu diesen beiden Bildern die Anregung gegeben hat, erkennt man
in dem Brustbild einer jungen Frau, das als eins der allergrößten
Meisterwerke der gesamten Malerei einen Ehrenplatz im =Salon carré= des
Louvre einnimmt und ebenbürtig neben Leonardo da Vincis weltberühmter
»=Gioconda=« hängt.
Die Galerie zu Kassel besitzt von 1654 ein eigentümlich düsteres Gemälde,
das unter dem Namen »die Wache« bekannte lebensgroße Bildnis (Kniestück)
eines mit eisernem Vollharnisch bepanzerten Mannes, der sich mit beiden
Händen auf einen Speer stützt und finster zur Seite blickt. Eine gewisse
Düsterheit wird ungefähr seit dieser Zeit in Rembrandts Gemälden
vorherrschend; der goldige Ton verdunkelt sich häufig zu einem tiefen
Braun, aus welchem die Zauberlichter des Meisters um so wirkungsvoller
hervorleuchten. Augenfälliger noch ist eine Veränderung der Vortragsweise:
die handsichere Breite der Behandlung geht in eine eigentümliche malerische
Weichheit über, welche die scharfen Umrisse der Gegenstände zu verwischen
liebt, ohne daß diese dadurch von ihrer Bestimmtheit einbüßten.
[Illustration: Abb. 138. _Christus Kranke heilend und die Kinder zu sich
rufend._ Radierung, bekannt unter dem Namen »das Hundertguldenblatt.«]
[Illustration: Abb. 139. _Christus predigend._ Radierung.]
[Illustration: Abb. 140. _Christus und die Jünger in Emmaus._ Radierung von
1654.]
Diese Art der malerischen Auffassung und Behandlung stimmt in der
vortrefflichsten Weise mit der innerlichen Auffassung überein bei mehreren,
gerade dieser Zeit angehörigen Bildern alter Leute. Die Petersburger
Galerie besitzt fünf Bildnisse von Greisen und Greisinnen, die mit der
Jahreszahl 1654 bezeichnet sind. Darunter sind namentlich zwei weibliche
Halbfiguren bemerkenswert durch die weiche Stimmung einer durch inneren
Frieden verklärten Lebensmüdigkeit, die den unter dunkelen Kopftüchern
hervorblickenden welken Gesichtern etwas eigentümlich Rührendes verleiht
(Abb. 144). Auch in anderen Sammlungen gibt es ähnlich empfundene Bildnisse
alter Frauen; es paßt zu dem vergeistigten Ausdruck der betagten Matrone,
wenn sie sich in das Lesen der Bibel versenkt (Abb. 145). Gewöhnlich führen
diese Gemälde die Bezeichnung »Rembrandts Mutter.« Die liebevolle
Auffassung macht diese Namensgebung erklärlich, deren Irrigkeit sich,
abgesehen von der nicht vorhandenen Ähnlichkeit mit den früheren Porträts
der Mutter Rembrandts, aus der Entstehungszeit der Bilder ergibt.
Ein Selbstbildnis des Meisters aus dem Jahre 1654 (oder 1655, die letzte
Ziffer ist nicht ganz deutlich), ebenfalls in dunkelem Ton gehalten,
befindet sich in der Gemäldegalerie zu Kassel. Dieses Bild mit den
umdüsterten Zügen läßt uns erkennen, daß Rembrandt damals schon über seine
Jahre hinaus gealtert war. Aber seine Schaffenskraft bewahrte ihre
unverwüstliche Frische.
[Illustration: Abb. 141. _Der heilige Hieronymus._ Radierung von 1654.]
Mehrere prächtige Radierungen hat Rembrandt im Jahre 1655 der
Leidensgeschichte Christi gewidmet. Wie Pilatus den gefesselten Dulder von
der Terrasse des Amtsgebäudes dem schreienden, höhnenden Volke darstellt,
hat er in einem ergreifenden Blatte geschildert, das durch die
Eigentümlichkeit der Ausführung -- die Figuren sind fast nur mit
meisterhaften Umrißlinien gezeichnet, dazwischen stehen hier und da,
namentlich in der Architektur, einige fast schwarze Schatten -- eine
seltsam packende Wirkung ausübt. Ein figurenreiches Blatt von wunderbar
großartiger, traumhafter Lichtwirkung zeigt den Erlöser am Kreuz zwischen
den beiden Schächern, von Fluten himmlischen Lichtes verklärt, ein
Gegenstand spottenden oder gleichgültigen Gesprächs für die Menge, die sich
anschickt, den Richtplatz zu verlassen, mit namenlosem, erschütterndem
Schmerz von seinen Getreuen beklagt und von dem ergriffen aufs Knie
gesunkenen heidnischen Hauptmann angebetet. Die Krone dieser Darstellungen
aber ist die Kreuzabnahme, vielleicht die poetischste von allen Schöpfungen
Rembrandts. Das Blatt führt den Beinamen »mit der Fackel,« weil das helle
Licht, das sich auf dem bereits herabgenommenen und in einem
untergebreiteten Leintuch getragenen Leichnam und seiner nächsten Umgebung
sammelt, hier eine natürliche Erklärung in einer herzugehaltenen Fackel
findet; im Vordergrunde, auf dem von zertretenem Grase bedeckten,
taufeuchten Boden breitet Joseph von Arimathia ein zweites Leintuch über
die bereit stehende Bahre. Die Nacht ist vollständig finster, nur die
höchstgelegenen Gebäude von Jerusalem schimmern in der Ferne in einer
matten Helligkeit, deren Quelle uns verborgen bleibt (Abb. 146). -- Die
Beschäftigung mit dem Opfertode des Christus mag den Meister veranlaßt
haben, auch dessen altes Vorbild, die Opferung Isaaks, wieder einmal zu
verbildlichen. Er hat den Augenblick gewählt, wie Abraham, der
Kopfbedeckung und Mantel abgelegt hat, mit der einen Hand seinem Knaben,
der entkleidet dakniet und sich geduldig wie ein Lamm, mit opferwillig
vorgestrecktem Halse über das Knie des Vaters legt, die Augen zuhält und
mit dem gezückten Messer in der anderen Hand sich eben anschickt, das
Schwerste zu vollbringen und das Blut seines geliebten Kindes in das am
Boden stehende Becken fließen zu lassen; aber in diesem Augenblicke ist in
einem Lichtstrahle, der den Wolkendampf der Bergeshöhe durchbricht, ein
Engel herniedergeflogen und fällt dem Patriarchen von hinten in die Arme.
Unter dem rechten Flügel des Engels gewahrt man im Dunkelen den Widder, der
sich mit den Hörnern im Gesträuch verfangen hat; seitwärts werden am
Bergesabhange der Esel und die beiden Knechte, die hier zurückgeblieben
sind, sichtbar, und ganz in der Ferne erblickt man zwei Männer, welche den
Hang des gegenüberliegenden Berges beschreiten (Abb. 147).
[Illustration: Abb. 142. _Wandernde Musikanten._ Radierung.]
Im folgenden Jahre schöpfte Rembrandt aus der Geschichte Abrahams eine
merkwürdige Darstellung der Bewirtung der drei Himmlischen durch Abraham.
Der Patriarch, der die Weinkanne bereit hält, um seine überirdischen Gäste
zu bedienen, horcht mit demütiger Verneigung auf die Worte des Herrn, der
in der Gestalt eines ehrwürdigen Greises an seinem Tische Platz genommen
hat; die beiden Begleiter Jehovahs sind durch Fittiche als Engel
gekennzeichnet, aber sie sind nicht in der sonst üblichen und auch von
Rembrandt früher gebrauchten Weise als Jünglinge, sondern als gereifte
Männer dargestellt, und diese Verbindung von bärtigen Gesichtern und
Engelsflügeln hat für uns etwas gar Befremdliches; in der Schrift ist
allerdings von Männern und nicht von Jünglingen die Rede. Hinter der
Hausthür horcht Sara verstohlen und lächelt ungläubig über die Verheißung
eines Sohnes; vor der Hausthür aber übt sich Hagars Sohn Ismael, der
zukünftige Stammvater der Araber, im Bogenschießen (Abb. 148).
Eine seiner meisterhaftesten Porträtradierungen ließ Rembrandt 1656 in dem
unübertrefflich malerischen und lebenswahren Bildnis des berühmten
Goldschmieds Janus Lutma aus Groningen entstehen, das uns einen
freundlichen alten Herrn zeigt, der, von Geräten seines Gewerbes umgeben,
behaglich im Lehnstuhl sitzt (Abb. 149). -- In dem nämlichen Jahre malte
der Meister seinen alten Freund Six in einem Prachtbildnis ab, das sich
heute noch im Besitz von dessen Nachkommen zu Amsterdam befindet. Ein nicht
minder berühmtes Porträt ist dasjenige des Dr. Tholinx in einer Pariser
Privatsammlung. Diese Persönlichkeit bildete Rembrandt etwas später auch in
einer dem Bilde Lutmas ebenbürtigen Radierung ab, von der es erwähnt sein
mag, daß im Jahre 1883 in England für einen Abdruck die Summe von 37750
Francs, wohl der höchste Preis, den jemals ein Kupferstich erzielt hat,
bezahlt wurde. -- Für die veränderte Malweise Rembrandts ist das schöne
Bild eines nachdenklich dasitzenden Architekten, in der Galerie zu Kassel,
sehr bezeichnend, welches die weiche Behandlung auch in der
photographischen Verkleinerung noch deutlich wahrnehmen läßt (Abb. 150).
[Illustration: Abb. 143. _Die Geburt Jesu._ Radierung.]
Die Kasseler Galerie besitzt aus dem nämlichen Jahre 1656 ein in
lebensgroßen Figuren ausgeführtes biblisches Gemälde, das gleich
ausgezeichnet ist durch die milde Schönheit der das Ganze in weichen Tönen
überziehenden Farbe und durch die großartige Einfachheit, mit welcher hier
ein Stück patriarchalischen Familienlebens geschildert ist: »Jakob segnet
seine Enkel.« Der ehrwürdige Greis liegt unter einer mattroten Bettdecke,
deren stumpfe Farbe den graugoldigen Ton des übrigen Bildes wunderbar
hervorhebt; er ist mit einer hellen Jacke und einem weiß und gelben
Mützchen bekleidet; über die fröstelnden Schultern hat man ihm einen Mantel
von Fuchspelz gelegt, als er sich mit noch einmal zusammengerafften Kräften
aufrichtete. Sein Sohn Joseph, dessen Haupt ein großer Turban bedeckt,
steht neben ihm; er unterstützt ihn und versucht ehrfürchtig und schonend
die Hand des dem Tode nahen Greises vom Haupt des blondlockigen Ephraim,
der mit verständnisvoller Ehrfurcht den Segen empfängt, auf dasjenige des
dunkelhaarigen Erstgeborenen Manasseh hinüberzuführen. Josephs Gattin
Asnath, mit einem olivenfarbigen Kleide, mit Haube und Schleier bekleidet,
steht daneben; sie läßt ihre Augen zärtlich auf den Kindern ruhen und
scheint zugleich, den Verheißungsworten Jakobs folgend, in eine ferne
Zukunft zu schauen (Abb. 151). Die Züge dieser Frau, die hier ein so
schöner Ausdruck verklärt, haben eine Ähnlichkeit mit dem erwähnten
Frauenbildnis im =Salon carré= des Louvre, und es wird vermutet, daß wir
hier das Bildnis der Persönlichkeit vor uns haben, die damals Rembrandt am
nächsten stand.
[Illustration: Abb. 144. _Bildnis einer alten Frau_, gemalt im Jahre 1654.
In der kaiserl. Gemäldesammlung der Ermitage zu Petersburg. (Nach einer
Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
Paris.)]
[Illustration: Abb. 145. _Bildnis einer alten Frau._ In der Sammlung des
Herzogs von Buccleugh zu London. (Nach einem Schabkunstblatt von James Mc.
Ardell.)]
Die Einsamkeit des häuslichen Herdes nach dem Tode Saskias mochte dem
Meister allmählich unerträglich werden. Mit der alten Amme, welcher die
Erziehung des heranwachsenden Titus überlassen blieb, hatte er üble
Erfahrungen gemacht, er hatte die Gerichte zu Hilfe nehmen müssen, um sich
ihrer Anmaßlichkeit zu entledigen. Im Herbst 1649 hatte er dann Hendrikje
Stoffels, ein junges Mädchen von bäuerlicher Abkunft, das statt der
Namensunterschrift nur drei Kreuzchen machen konnte, in sein Haus genommen;
allmählich trat diese dem Herzen Rembrandts näher, und bald durfte sie
sich als die Nachfolgerin Saskias in dem stattlichen Hause der Breestraat
betrachten.
[Illustration: Abb. 146. _Christi Abnahme vom Kreuz_ (zubenannt »mit der
Fackel«). Radierung von 1655.]
Wie es in diesem Hause aussah, darüber gibt uns ein urkundliches
Schriftstück aus dem Jahre 1656 genaue Auskunft. Schon im Flur waren die
Wände mit Gemälden bedeckt, darunter viele Studien -- Landschaften, Tiere,
Köpfe und anderes -- von der Hand des Meisters, mehrere Genrebilder von
Rubens' berühmtem Schüler Adriaan Brouwer und Landschaften von Jan Lievensz
und Hercules Seghers; außerdem sah man da Kinderfiguren in Gips und eine
Gipsbüste; die Stühle waren zum Teil mit schwarzen Kissen bedeckt, zum Teil
mit Leder bezogen. Im Vorzimmer hingen einige fünfzig Bilder, neben Werken
von Rembrandt und verschiedenen zeitgenössischen holländischen und
vlämischen Malern auch solche italienischen Ursprunges, eines von Palma
Vecchio und eines, das dem Raffael zugeschrieben wurde; unter den eigenen
Werken des Meisters zeichnete sich hier eine in reichem Goldrahmen
prangende große »Kreuzabnahme« aus. Ein Spiegel in Ebenholzrahmen, ein
Tisch von Nußbaumholz mit einem kostbaren Teppich, sieben spanische Stühle
mit grünen Sammetkissen und ein marmornes Kühlbecken vervollständigten die
Einrichtung des Vorzimmers. Ein anstoßendes Zimmer war einfacher
eingerichtet, an den Wänden aber gleichfalls mit Gemälden geschmückt; neben
Bildern und Skizzen von der Hand des Hausherrn und seiner Zeitgenossen
hingen da auch Werke der alten niederländischen Meister, von van Eyck war
der Kopf eines alten Mannes da; ferner Kopien nach Annibale Caracci und
Kopien nach Rembrandt, die letzteren wohl Arbeiten, die seine Schüler ihm
verehrt hatten. In dem sogenannten Saal prangten zwischen den
niederländischen Bildern, von denen die meisten wieder von Rembrandt
selbst, eines von seinem Lehrer Lastmann war, Werke von Giorgione und
Raffael; der Tisch war von Eichenholz, der Tischteppich war gestickt, die
Stühle mit blauen Kissen bedeckt. Hier stand auch das Bett, mit blauen
Vorhängen umzogen; ein Wäscheschrank von Cedernholz und eine aus demselben
Holz angefertigte Wäschemangel bekundeten, daß hier das Bereich der Frau
vom Hause war. Ein besonderer Raum war das Kunstkabinett. Da sah man
Standbilder und Kopfe römischer Kaiser, vielleicht auch den einen oder
anderen wirklich antiken Kopf, neben indischen Gefäßen und chinesischen
Porzellanfiguren, eine eiserne Rüstung und mehrere Helme, auch einen
japanischen Helm und Gerätschaften wilder Völker, ferner Erdkugeln,
mineralische und zoologische Gegenstände, sowie eine Anzahl von
Gipsabgüssen nach dem Leben, darunter den Abguß eines Negers. Auf einem
Gestell befanden sich eine Menge von Muscheln und Seegewächsen,
Naturabgüsse »und viele andere Kuriositäten.« Da waren mancherlei Waffen,
ein kostbarer, mit Figuren geschmückter eiserner Schild, eine Totenmaske
des Prinzen Moritz von Oranien und die plastische Gruppe eines Löwen mit
einem Stier. Auch eine geschnitzte und vergoldete Bettstelle stand da. Den
reichsten Schatz aber bargen die Mappen. Mehrere Mappen waren ganz mit
Kupferstichen von Rembrandts berühmtem Landsmann Lukas von Leiden
angefüllt, andere mit den Stichen Marcantonios nach Raffael; eine enthielt
die Werke des Andrea Mantegna, eine andere die Holzschnitte und
Kupferstiche Lukas Cranachs, ein ganzer Schrank war mit den Werken von
Martin Schongauer, Israel von Meckenen, Hans Brosamer und Holbein gefüllt;
Stiche nach fast allen Bildern Tizians und nach den Schöpfungen
Michelangelos waren gesammelt. Man sieht, Rembrandt kannte die großen
Meister der Renaissance ganz genau, aber er war zu selbständig, um sich von
ihnen beeinflussen zu lassen. Er besaß eine Sammlung von Abbildungen der
römischen Baudenkmäler, die er doch gar nicht in seinen Schöpfungen
verwertete; eher mögen die gleichfalls in einer Mappe vereinigten Bilder
aus dem Morgenlande, welche Melchior Lorch und andere gestochen hatten,
gelegentlich von ihm benutzt worden sein, freilich auch nur sozusagen ganz
von weitem und in der freiesten Weise. Die Zahl der Mappen, in denen er
weitere Stiche von und nach berühmten früheren und gleichzeitigen Meistern
der Niederlande und Italiens bewahrte, war außerordentlich groß; Rembrandt
kannte und schätzte die Werke seiner Zeitgenossen, so verschieden ihre
Weise auch von der seinigen sein mochte.
[Illustration: Abb. 147. _Abrahams Opfer._ Radierung von 1655.]
[Illustration: Abb. 148. _Abraham bewirtet Jehovah._ Radierung von 1656.]
Ein Teil des Kupferstichkabinetts war nicht in Mappen untergebracht,
sondern lag in indischen und chinesischen Körbchen zur bequemen
Besichtigung auf. Natürlich fehlten auch Rembrandts eigene Radierungen
nicht in der Sammlung; die Stiche des van Vliet nach Rembrandts Gemälden
nahmen einen besonderen Schrank ein. Zu den Stichen kamen die
Handzeichnungen, die sorgfältig geordneten Studien und Entwürfe des
Meisters selbst, Studien von Lastmann, nach der Herstellungsart, ob
Federzeichnungen oder Rötelzeichnungen, gesondert, und solche von anderen
Meistern. In diesem Kunstkabinett, das noch manche andere Dinge, einen
Schrein voll Teller, eine Sammlung Fächer, einen ausgestopften
Paradiesvogel und sonstige bunte Sachen enthielt, befand sich auch
Rembrandts Bibliothek; diese war nicht groß: eine alte Bibel, das
Trauerspiel »Medea« von Six, Dürers Proportionslehre, mehrere Bücher in
hochdeutscher Sprache, die wohl nur um ihrer Holzschnitte willen da waren,
und fünfzehn nicht näher bezeichnete Bände. Im Vorzimmer des
Kunstkabinetts sah man wieder mancherlei Bilder und plastische Bildwerke,
auch eingerahmte Stiche. Mit diesem Raum stand die Werkstatt, die aus einem
kleinen und einem großen Atelier bestand, in Verbindung. Das erstere
zerfiel in mehrere Abteilungen, die in verschiedenartiger Weise
ausgestattet waren; die erste war mit alten Arkebusen und Blasrohren
geschmückt, die zweite mit Büchsen und mit Bogen und Pfeilen, Wurfspießen
und Keulen aus Indien; die dritte enthielt Trommeln und Pfeifen, die vierte
Gipsabgüsse von Händen und Köpfen, außerdem eine Harfe und einen türkischen
Bogen; die fünfte umschloß außer Naturabgüssen, Bogen, Armbrüsten, alten
Helmen und Schilden eine Sammlung von Hirschgeweihen, ferner eine Anzahl
von Standbildern und Büsten, die zum Teil als antik galten, eine kleine
Kanone, eine Sammlung von alten bunten Stoffen, sieben Saiteninstrumente
und zwei kleine Gemälde von Rembrandt. In dem großen Atelier befanden sich
Hellebarden, Degen und indische Fächer, vollständige indische Kleidungen,
eine hölzerne Trompete, ein großer Helm und fünf Brustharnische, ein Bild
mit zwei Mohren von Rembrandt und eine Kinderfigur -- es ist nicht gesagt,
ob eine gemalte oder eine plastische -- von Michelangelo. Der Flur vor dem
Atelier war mit zwei Löwenfellen, einem großen Bilde, welches Diana
vorstellte, und einer Naturstudie nach einer Rohrdommel geschmückt. Zehn
größere und kleinere Gemälde des Meisters zierten ein kleines Zimmer, in
dem ein hölzernes Bett stand. -- Was sich in der Küche und im Gange befand,
dürfte den Leser wenig interessieren.
[Illustration: Abb. 149. _Janus Lutma_, berühmter Goldschmied zu Groningen.
Radierung von 1656.]
Es ist eine traurige Urkunde, der wir diesen Einblick in das Innere von
Rembrandts Wohnung verdanken. Es ist das von der Insolventenkammer behufs
öffentlicher Versteigerung aufgenommene Verzeichnis der beweglichen Habe
des Meisters. Rembrandt muß zu allen Zeiten bedeutende Einnahmen gehabt
haben; er selbst sagte zur Zeit seiner Ehe mit Saskia, als er der
Verschwendung beschuldigt wurde, gerichtlich aus, daß er überreichlich mit
Gütern versehen sei. Aber er gab das Geld mit vollen Händen aus; als Saskia
nicht mehr da war, um Juwelen über Juwelen von ihm zu empfangen, verschlang
der Sammeleifer des Kunstliebhabers alle Einnahmen des Künstlers; auch das
nicht unbeträchtliche Vermögen, welches Saskia hinterlassen hatte, reichte
nicht aus.
Seit Beginn des Jahres 1653 hatte Rembrandt mehrere größere Summen
geliehen, die er nicht zur Zeit zurückgeben konnte, und so brach im Sommer
1656 das Verhängnis über ihn herein, daß er für zahlungsunfähig erklärt
wurde. Als Rembrandt die Unvermeidlichkeit dieses Ereignisses vor sich sah,
im Mai 1656, übertrug er das Eigentumsrecht an seinem Hause seinem noch
minderjährigen Sohne Titus, um diesen, dem die Hälfte von Saskias
Vermächtnis zukam, wenigstens einigermaßen sicher zu stellen. Aber nachdem
gegen Ende 1657 der größte Teil der beweglichen Habe Rembrandts und in
einer zweiten Versteigerung einige Zeit nachher der noch übrige Teil seiner
Zeichnungen und Stiche verkauft worden war, wurde im Januar 1658 auch sein
Haus versteigert. Dies führte zu langwierigen Prozessen zwischen dem
Vormund des jungen Titus und den Gläubigern Rembrandts. Erst im Jahre 1665
wurde diese Sache endgültig zu Gunsten des ersteren entschieden, und im
November 1665 kam Titus van Ryn in den vollständigen Besitz des Vermögens,
das ihm als mütterliches Erbteil zustand.
Als Rembrandts Haus ausgeleert wurde, suchte er mit Titus, Hendrikje und
einem Töchterchen Cornelia, welches diese ihm im Oktober 1654 geschenkt
hatte, im Gasthof »Zur Kaiserkrone« Unterkommen, und in eben diesem
Gasthaus fand die Versteigerung seiner Habe statt.
Um dem Meister die Möglichkeit zu verschaffen, so sorglos, wie es unter
diesen Umständen möglich war, seiner Arbeit zu leben, fing Hendrikje in
Gemeinschaft mit Titus, der sich anfänglich ohne großen Erfolg auf die
Malerei gelegt hatte, einen Handel mit Bildern, Kupferstichen,
Holzschnitten und Kuriositäten an. Am 15. Dezember 1660 wurde diese
Geschäftsvereinigung in aller Form vor einem Notar und zwei Zeugen
abgeschlossen und dabei ausdrücklich erklärt, daß Rembrandt ohne
Entschädigung für Kost und Wohnung bei den Geschäftsinhabern, denen er sich
nach Möglichkeit nützlich machen werde, bleiben solle.
Unter so beklagenswerten Verhältnissen verlor Rembrandt weder den
Schaffensmut noch die Schaffenskraft. In dem Zimmer eines Gasthofes, wo er
kümmerlich auf Borg lebte -- die Rechnung der »Kaiserkrone«, welche 1660
bezahlt wurde, ist noch vorhanden --, später in Mietswohnungen, die er
immer nach kurzer Zeit wechselte, alles dessen beraubt, was sonst seiner
Werkstatt Behaglichkeit und Schmuck verliehen hatte, fuhr er fort, die
herrlichsten Werke zu schaffen. In dem verhängnisvollen Jahre 1656 malte er
außer den schon erwähnten Bildern noch ein Gegenstück zu seinem früheren
Anatomiebild für die Chirurgengilde; leider ist dieses Gemälde im vorigen
Jahrhundert bei einem Brand zu Grunde gegangen, bis auf ein kleines und
beschädigtes Bruchstück, das im Amsterdamer Museum aufbewahrt wird. Ferner
gehörte eine »Verleugnung Petri« in der Ermitage zu Petersburg
wahrscheinlich diesem Jahre an.
Im folgenden Jahre entstand ein wirkungsvolles Prachtbild, die in der
Sammlung des Buckinghampalastes befindliche »Anbetung der drei Weisen.«
Maria sitzt demütig und bescheiden vor der Hütte und hält das von
himmlischem Lichte hell bestrahlte Kind dem ältesten der drei Könige
entgegen, der mit zwei Gefolgsleuten niedergekniet ist und seine Gabe
darreichend die Stirn gegen des Kindes Füße senkt. Joseph hält sich ganz
bescheiden im Schatten unter dem Strohdach des Stalles. Der zweite König
nimmt aus den Händen eines Pagen, dem er mit schweigender Gebärde beiseite
zu treten gebietet, das kostbare Geschenk, welches er darbringen will. Der
dritte tritt mit einer Bewegung des Staunens, daß er in solcher Ärmlichkeit
den neugeborenen König findet, aus dem Dunkel in das Licht, dessen
Wiederschein den Gold- und Juwelenschmuck seiner eigenen reichen
Königskleidung funkeln macht. Im Dunkel der Nacht verschwinden die
Gestalten des Gefolges, der Schirmträger und die übrigen prächtig
gekleideten Leute, die unter himmlischem Geleit vor diese Hütte gekommen
sind. Im Zauber der Lichtwirkung gehört das Bild zu den reizvollsten
Schöpfungen Rembrandts; ein gleiches Maß von Ausdruck der innersten
Frömmigkeit, wie die drei vor dem Christkind knieenden Figuren sie zeigen,
hat kaum je ein anderer der größten Meister erreicht, Ähnliches enthalten
in dieser Beziehung vielleicht nur die tiefstempfundenen Werke der
spätgotischen Zeit (Abb. 152).
[Illustration: Abb. 150. _Bildnis eines Architekten_, gemalt 1656. In der
königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz
Hanfstängl in München.)]
Des Meisters eigenes Bildnis aus dem Jahre 1657 besitzt die Dresdener
Galerie; man vermeint ein leises Lächeln die Lippen des Malers umschweben
zu sehen; solange er sich im Vollbesitz seiner Kunst weiß, darf er über
jedes Mißgeschick lächeln. So trägt er auch das Haupt mit vornehmem Stolz
aufrecht in dem vielleicht ein Jahr später entstandenen prächtigen
Selbstbildnis, welches die Münchener Pinakothek besitzt (Abb. 153). -- Ein
Meisterwerk der Porträtmalerei ist auch das Brustbild eines langlockigen
jungen Mannes im Louvre, von 1658.
Mit eben dieser Jahreszahl ist eine Radierung bezeichnet, welche Christus
und die Samariterin am Brunnen darstellt. Eine getuschte Federzeichnung in
der Albertina hat mit diesem Blatte, von dem sie übrigens ebenso wie von
der inhaltsgleichen Radierung aus des Meisters Jugendzeit als Komposition
ganz verschieden ist, den Umstand gemein, daß eine malerische
Landschaftsstimmung wesentlich zur Wirkung des Ganzen beiträgt (Abb. 154).
Um diese Zeit fing der Meister übrigens an, die Lust am Radieren zu
verlieren. Ein sehr wirkungsvolles Blatt ließ er im Jahre 1659 entstehen in
einer Darstellung der Heilung des Lahmgeborenen durch Petrus unter der
Schönen Pforte des Tempels (Abb. 156).
Ein biblisches Gemälde von 1659 besitzt das Berliner Museum: »Jakob ringt
mit dem Engel.« Um dieselbe Zeit ist das ebenda befindliche Bild »Moses
zertrümmert die Gesetztafeln« entstanden. Ein meisterhaftes Bildnis von
1659, die Halbfigur eines alten Mannes, befindet sich in der Londoner
Nationalgalerie.
Sich selbst hat der Meister im Jahre 1660 abgemalt in seiner
Arbeitskleidung, das ergrauende Haar mit einem weißen Tuch bedeckt, mit der
Palette in der Hand; seine Haut ist welk geworden, aber die Augen leuchten
noch voll Leben unter den Brauen hervor. Die Louvresammlung besitzt dieses
bewunderungswürdige Bildnis, welches sogar die ebendort befindlichen
älteren Selbstbildnisse des Meisters in Schatten stellt.
Im folgenden Jahre vollendete er das vollkommenste unter allen seinen
Werken: die Bildnisgruppe der Vorsteher (»Probenmeister«) der
Tuchmacherzunft von Amsterdam. Wie er in seiner Jugendzeit in der
»Anatomiestunde« und in seiner Blütezeit in der »Scharwache« sein Bestes
geschaffen hatte, so krönte er auch im Alter seine Thätigkeit wieder durch
ein Genossenschaftsbild. Aber während er in jenem Gemälde sich die
strengste Naturwahrheit als Ziel gestellt und in diesem den Versuch gemacht
hatte, aus der an sich trockenen Aufgabe ein malerisches Gedicht zu
gewinnen, so vereinigte er jetzt mit gereifter Kraft die beiden Seiten
seines Könnens. Er schuf ein Bild von der ungesuchtesten Natürlichkeit und
mit schlichter, gleichmäßiger Beleuchtung, ohne von dem Zauber seiner ihm
allein eigentümlichen Farbe das Geringste zu opfern; er dichtete in Farben,
ohne der überzeugenden Lebenswahrheit auch nur im mindesten Eintrag zu
thun. In diesem Bilde von großartiger Einfachheit hat Rembrandt das letzte
Wort seiner Kunst gesprochen. An einem Tische, den ein orientalischer
Teppich von rotem Grundton bedeckt, sitzen vier Herren, mit dem Prüfen der
Rechnungen beschäftigt, ein fünfter erhebt sich eben vom Stuhl; alle fünf
sind gleichmäßig mit schwarzen Röcken, breiten weißen Kragen und schwarzen
Filzhüten bekleidet; hinter ihnen steht barhäuptig ein Diener, gleichfalls
in schwarzem Rock mit weißem Kragen; die Wand des Zimmers ist mit braunem
Holz getäfelt. Aus so wenigen Farben hat der Meister ein Bild von
unbeschreiblicher Harmonie zusammengewoben; jeder Gegenstand hat deutlich
und bestimmt die Farbe, die ihm zukommt: aber das Ganze ist gleichsam mit
einem braungoldigen Ton durchtränkt. Dabei ist das denkbar höchste Maß von
Körperhaftigkeit erreicht und nicht minder die sprechendste, zweifelloseste
Porträtähnlichkeit in jeder einzelnen Persönlichkeit. Diese ehrbaren Männer
leben vor unseren Augen (Abb. 155). Das Bild befand sich ursprünglich im
sogenannten Staalhof; jetzt prangt es im Reichsmuseum zu Amsterdam und
verdunkelt die trefflichsten Porträtbilder anderer Meister.
[Illustration: Abb. 151. _Jakob segnet seine Enkel Ephraim und Manasse._
Gemälde von 1656 in der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer
Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 152. _Die Anbetung der Weisen._ Gemälde von 1657 in der
königl. Galerie des Buckinghampalastes. (Nach einer Originalphotographie
von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
1661 ist die letzte Jahreszahl, die auf einer Radierung des Meisters
vorkommt. Dieses letzte datierte Werk seiner Ätzkunst ist das Bildnis
seines nunmehr zweiundsechzigjährigen alten Freundes Coppenol, den er im
Laufe seines Lebens mehrmals mit Farben und mit der Radiernadel abgebildet
hatte.
[Illustration: Abb. 153. _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt um 1658. In der
königl. Pinakothek in München. (Nach einer Photographie von Franz
Hanfstängl in München.)]
Aus dem nämlichen Jahre besitzt die Louvresammlung ein mit fast verwegener
Meisterschaft gemaltes Bild, welches den Evangelisten Matthäus darstellt.
-- Ebendort befindet sich aus etwas späterer Zeit ein Gemälde, das uns eine
reichgekleidete wohlbeleibte Holländerin mit einem Knaben auf dem Schoße
zeigt; der Knabe hat Flügel an den Schultern, und daran merken wir, daß
hier Venus und Amor vorgestellt werden sollen. Daß Rembrandt sich auf
derartige Gegenstände nicht verstand, ist in diesem seinen letzten
mythologischen Gemälde endgültig dargethan. Aber als den großen Meister
biblischer Darstellungen bewährte er sich noch einmal in einem ergreifenden
Gemälde, welches in lebensgroßen Figuren die Rückkehr des verlorenen Sohnes
schildert (in der Ermitage zu Petersburg). -- Ein dem Gegenstande nach
nicht ganz verständliches Bild von 1662 besitzt das Museum van der Hoop in
Amsterdam. Dieses farbenprächtige Gemälde führt den Namen »die jüdische
Braut« und zeigt eine reich gekleidete junge Frau, der ein ältlicher Mann
mit würdevollem Äußeren zärtlich entgegentritt.
[Illustration: Abb. 154. _Christus und die Samariterin._ Handzeichnung in
der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Es liegt etwas, man möchte sagen Aufgeregtes in der Art und Weise, wie
diese Gemälde aus Rembrandts letzten Lebensjahren behandelt sind; man
könnte glauben, der Meister, der sein ganzes Leben lang so gewissenhaft an
seiner Ausbildung gearbeitet und der immer Fortschritte gemacht hatte, habe
nach der Vollendung des nicht mehr zu überbietenden Tuchmacherbildes in
unerhörten Kühnheiten der Malweise eine Möglichkeit, noch mehr zu
erreichen, gesucht. Sehr auffallend tritt dieses auch bei dem großen,
schönen Familienporträt im Museum zu Braunschweig zu Tage, auf dem ein
Mann, eine Frau und zwei Kinder abgebildet sind.
[Illustration: Abb. 155. _Die Vorsteher der Tuchmacherzunft_ (=de
staalmeesters=). Gemälde von 1661 im Ryksmuseum zu Amsterdam. (Nach einer
Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
Paris.)]
Die Jahreszahl 1666 tragen das Bildnis einer alten Dame in der Londoner
Nationalgalerie und dasjenige des Dichters Jeremias de Decker in der
Ermitage. Der letztere war ein alter Freund Rembrandts; vor fast dreißig
Jahren hatte er dessen jetzt im Buckinghampalast befindliches Gemälde
»Christus erscheint der Magdalena« in einem Sonett gefeiert; in einem
Gedicht dankte er nun auch dem Meister für das Bildnis, das dieser ihm
»nicht aus Aussicht auf Gewinn, sondern aus Freundschaft« gemalt hatte, und
er pries den Ruhm, den Rembrandt errungen habe, »dem Neid zum Trotze, dem
verruchten Tier.« -- Seine unverwüstliche Frische der Auffassung und seine
Schärfe der Beobachtung bewies der Meister auch noch in einer ganzen Anzahl
von Selbstbildnissen, mit denen er seine Künstlerlaufbahn beschloß, wie er
sie damit begonnen hatte (Abb. 157).
Als seine letzte Schöpfung gilt das in der Gemäldesammlung des
großherzoglichen Schlosses zu Darmstadt befindliche ergreifende Bild:
»Christus an der Martersäule.« Es ist mit der Jahreszahl 1668 bezeichnet.
Ein bitteres Gefallen an der Verbildlichung des Qualvollen spricht aus der
Darstellung. Der Heiland wird durch zwei Schergen in eine grausame Stellung
zum Empfang der Geißelhiebe gebracht; der eine zieht ihm die gefesselten
Hände vermittelst einer Rolle gewaltsam in die Höhe, während der andere ihm
die Füße in Eisen legt; die Magerkeit des entblößten Körpers erhöht die
Peinlichkeit des Anblicks. Das Gemälde ist in seinem schwarzgoldigen Ton
noch ein echtes Werk Rembrandts, und zugleich ist es das echte Werk eines
müden alten Mannes, mit vollem Können, aber ohne Herzenswärme gemalt.
[Illustration: Abb. 156. _Petrus und Johannes an der Schönen Thür des
Tempels._ (Heilung des Lahmgeborenen.) Radierung von 1659.]
Hendrikje Stoffels war wahrscheinlich schon bald nach 1661 gestorben, und
ihr Töchterchen Cornelia scheint nicht über das Kindesalter hinausgekommen
zu sein. Seinen Sohn Titus verlor Rembrandt im September 1668, nachdem
derselbe kurz zuvor geheiratet hatte. Er selbst war eine neue Ehe
eingegangen mit Catharina van Wyck, von der er noch zwei Kinder bekam. Der
Meister beschloß sein arbeitsames, von Ruhm und glänzenden Erfolgen
erhelltes und von harten Schicksalsschlägen verdüstertes Leben im Herbst
1669. Die Begräbnisliste der Westerkirche zu Amsterdam verzeichnet den 8.
Oktober 1669 als den Tag seiner Beerdigung.
[Illustration: Abb. 157. _Rembrandts Selbstbildnis aus seiner letzten
Lebenszeit._ In der Sammlung des Herzogs von Buccleugh zu London. (Nach dem
Schabkunstblatt von Rich. Earlom.)]
Die Geschichte seines Lebens verschwand auffallend schnell im Dunkel. Ein
Gemisch von schülerhaften Werkstattgeschichtchen und von böswilligen
Verleumdungen, das aus den Kreisen seiner eigenen Schüler hervorging, hat
die Stelle seiner Lebensbeschreibung vertreten müssen, bis in unserem
Jahrhundert holländische Forscher die urkundliche Wahrheit ans Licht
förderten. Sein Künstlerruhm aber war zu groß, um vom Neide berührt zu
werden. Die besten Meister der Kupferstecherkunst bemühten sich, die
Gemälde Rembrandts zu vervielfältigen. Namentlich wurde in der sogenannten
Schabkunstmanier, welche gegen das Ende des Dreißigjährigen Krieges in
Deutschland erfunden wurde und alsbald besonders in England zu großer
Beliebtheit gelangte, ein sehr geeignetes Mittel gefunden, die
Rembrandtsche Helldunkelwirkung wiederzugeben. Die Abbildungen 38, 56, 75,
101, 122, 145 und 157 sind nach solchen Schabkunst- (oder
Schwarzkunst-)Blättern deutscher und englischer Meister aus dem XVII. und
XVIII. Jahrhundert angefertigt. In der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts hat der größte Kupferstecher jener Zeit, der preußische
Hofkupferstecher G. F. Schmidt, zahlreiche Rembrandtsche Gemälde durch
Radierungen, welche Rembrandts eigene Radiermanier nachahmten,
vervielfältigt. So trefflich diese Radierungen sind, so geben sie doch
Rembrandts Werke nicht mit unbedingter Treue wieder; jene Zeit war nicht
unbefangen genug, um sich in eine andere Zeit ganz rückhaltslos vertiefen
zu können: namentlich fällt es uns auf, daß G. F. Schmidt als echter Sohn
seiner Zeit die einfache Natürlichkeit des Ausdruckes, die für uns heute
einer der höchsten Ruhmestitel von Rembrandts Kunst ist, nicht begriffen
hat; der Zopfkünstler hat, gewiß unabsichtlich, fast überall etwas
Schauspielerisches in die Augen der Rembrandtschen Figuren gelegt, was doch
den Originalen so ganz und gar fremd ist. Durch wirklich zweifellos getreue
Vervielfältigung die weit zerstreuten Schöpfungen des Meisters größeren
Kreisen bekannt zu machen, blieb der Photographie in ihrer heutigen
Vollkommenheit vorbehalten. Neben den prachtvollen photographischen
Abbildungen, welche in der letzten Zeit von den Schätzen einzelner
Sammlungen veröffentlicht worden sind -- auf die Photographien von F.
Hanfstängl in München nach den Gemälden der Galerie zu Kassel sei ganz
besonders hingewiesen -- muß die Thätigkeit des Verlags von A. Braun & Co.
in Dornach (Elsaß) in erster Reihe hervorgehoben werden. Diese Firma hat,
wie von Raffael, Holbein und anderen Meistern, so auch von Rembrandt in den
verschiedenen Sammlungen Europas, von Madrid bis Petersburg und von London
bis Neapel, die Hauptwerke aufgesucht und in unübertrefflichen
Photographien wiedergegeben. Ein besonderes Verdienst dieser Firma ist es,
daß sie auch die Handzeichnungen des Meisters photographiert und so einen
dem großen Publikum vordem so gut wie gar nicht bekannten kostbaren Schatz
der Öffentlichkeit übergeben hat. Handzeichnungen Rembrandts kennen zu
lernen, hat heute, wo dieser Meister mehr als je geschätzt wird, das
höchste Interesse. Von Rembrandt kann man sagen, daß sein Ruhm stets
gewachsen ist; denn die Stimmen einzelner Kunstkenner vom Ende des vorigen
und dem Anfange unseres Jahrhunderts, denen für einen Meister, auf welchen
sich eine die Nachahmung der Antike als Grundlage aller Kunst ansehende
Kunstbeurteilung allerdings ganz und gar nicht anwenden ließ, das
Verständnis fehlte -- von Empfindung gar nicht zu reden --, fallen nicht
allzu schwer ins Gewicht. Der Bewunderung Rembrandts kommt freilich seinen
älteren Ruhmesgenossen gegenüber auch das zu gute, daß beim Beginn seiner
Blütezeit die letzten, welche ihm als ebenbürtig gelten konnten, tot waren,
-- denn die mitlebenden beiden großen Meister der spanischen Malerei kamen,
da sie außerhalb ihres Heimatlandes fast unbekannt blieben, nicht in
Betracht --, daß also das Parteinehmen und Vergleichen -- die Zerstörung
alles Kunstgenusses -- wegfiel, und daß nach ihm keiner gekommen ist,
dessen Name neben dem seinigen genannt werden dürfte. Er war der letzte
wirklich große Maler.