[Illustration: Verlags-Signet.]
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1897
Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös
ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe
eine numerierte Ausgabe
veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier
hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert
(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis eines
solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf welche
jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.
Die Verlagshandlung.
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
[Illustration: _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt um 1641. Im
Buckinghampalast. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: _Rembrandts Gattin Saskia_, gemalt um 1640. In der königl.
Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Rembrandt.
[Illustration: Abb. 1. _Rembrandts Bildnis_, zubenannt mit den drei
Bartspitzen. Radierung des Meisters aus seiner Jugendzeit.]
Die holländische Malerei kann man füglich als ein Erzeugnis der staatlichen
Selbständigkeit Hollands bezeichnen. Solange die Niederlande ein Ganzes
bildeten, war von einer besonderen holländischen Kunst gegenüber der
tonangebenden flandrischen nicht die Rede. Die Verschiedenheit des Erfolges
aber, mit dem die nördlichen und die südlichen Provinzen aus dem langen,
blutigen Kriege gegen die spanische Herrschaft hervorgingen, hatte eine
ausgesprochene Verschiedenheit der Kunstentwickelung hier und dort zur
Folge, wenn auch die Stammverwandtschaft sich niemals ganz verleugnete und
namentlich in der Wesenseigentümlichkeit die flandrische und die
holländische Malerei übereinstimmten, daß in der Farbe mehr als in der Form
das Mittel dichterischen Ausdrucks gesucht und gefunden wurde. Das Jahr
1609, in welchem der Abschluß eines zwölfjährigen Waffenstillstandes
thatsächlich die Anerkennung der sieben vereinigten Provinzen als eines
selbständigen Staates in sich trug, war gewissermaßen das Geburtsjahr der
holländischen Malerei, die sich nunmehr in höherem Maße als jemals irgend
eine andere Kunst des christlichen Zeitalters als eine nationale
gestaltete. Ein lebendiges Kunstbedürfnis war in diesen Provinzen von
alters her vorhanden, und der hohe Wohlstand, der nach dem
Waffenstillstandsabschluß so unglaublich schnell aufblühte und der selbst
während der Wiederaufnahme der erst 1648 endgültig zum Abschluß gelangenden
Freiheitskämpfe fortwährend zunahm, brachte naturgemäß eine Steigerung
dieses Bedürfnisses mit sich. Aber der junge protestantische Freistaat
hatte mit allem gebrochen, was bisher der Malerei die höchsten Aufgaben
geboten hatte. Hier waren jetzt nicht mehr die Kirchen mit prunkvollen
Altargemälden auszustatten, die Fürstenpaläste nicht mit üppigen
Göttergeschichten und Thaten antiker Helden zu schmücken; es handelte sich
darum, die behagliche bürgerliche Häuslichkeit durch künstlerische Zierde
würdig zu verschönern und für Rathäuser und Gildehäuser Werke zu liefern,
die frei von jeder Überschwenglichkeit das Wesen nüchterner und stolzer
Bürgerlichkeit wahrten. Worin die Aufgabe bestand, die das neue Volk seinen
Künstlern stellte, faßt ein französischer Schriftsteller sehr zutreffend in
das Wort zusammen: »es verlangte, daß man ihm sein Abbild liefere«. Das ist
in der That der Inhalt der holländischen Malerei: das ehrliche,
wahrheitsgetreue Abbild von Land und Leuten und Dingen, die Wiedergabe der
schlichten Wirklichkeit, wie die Heimat und die Gegenwart sie zeigten und
im Künstlerauge sich spiegeln ließen, mag nun Bildnis, Genre, Landschaft,
Tierstück oder Stillleben der Gegenstand des Gemäldes sein. Dieses ehrliche
Abbilden der Wirklichkeit war ein großer Teil der Kunst des einen, der über
zahlreiche ausgezeichnete Maler hoch emporragend als der größte
holländische Maler dasteht; aber es war nicht seine ganze Kunst. Rembrandt
wußte seine staunenswürdige Befähigung zu geistreich treffender Wiedergabe
der Natur seinem eigenen freien Schaffensdrange dienstbar zu machen und
fand in ihr das Mittel, den Gebilden seiner eigenwilligen und lebhaften,
gelegentlich geradezu schwärmerischen Einbildungskraft eine Gestalt zu
verleihen, die nicht nur seinem eigenen Wesen entsprach, sondern auch seine
damaligen Landsleute unmittelbar ansprechen mußte. So offenbarte er sich,
unterstützt durch eine großartige Vollkommenheit in der Beherrschung seines
Handwerkszeuges, die ihn zu einem der allerbesten Maler und zum
geistreichsten Radierer aller Zeiten machte, als einer der selbständigsten
und eigengestaltigsten Künstler der Welt.
[Illustration: Abb. 2. _Rembrandts Mutter._ Radierung von 1628.]
[Illustration: Abb. 3. _Rembrandts Mutter._ Radierung. Das Monogramm ist
aus =RH= (Rembrandt Harmensz) und =L= (von Leiden) gebildet.]
Rembrandts Elternhaus stand zu Leiden, am Weddesteeg in der Nähe des Weißen
Thores (Wittepoort). Es war eine Mühle, Besitztum einer Familie, deren
einer Zweig vom Rhein, das heißt von dem Mündungsarm des Flusses, der
allein diesen Namen behält und der in mehreren Kanälen die Stadt
durchfließt, den Zunamen van Ryn führte. Als das fünfte von sechs Kindern
der Eheleute Harmen (Hermann) Gerritszoon (Gerrits oder Gerhards Sohn) van
Ryn und Neeltje (Cornelia) Willemsdochter wurde am 15. Juli 1606 oder 1607
-- die Jahreszahl steht nicht ganz fest -- der Knabe geboren, der in der
Taufe den ungewöhnlichen Vornamen Rembrandt erhielt und der daher, nach der
damals in Holland und auch anderwärts verbreiteten Sitte, den Vornamen des
Vaters dem eigenen hinzuzufügen, Rembrandt Harmenszoon (oder abgekürzt
Harmensz) van Ryn hieß.
Während Rembrandts drei ältere Brüder zu handwerklichen Berufsarten erzogen
worden waren, wurde ihm eine gewähltere Ausbildung zu teil. Er ward in eine
Lateinschule geschickt und sollte später die Universität seiner Vaterstadt
besuchen, »um, wenn er das Alter erreicht hätte, durch seine Wissenschaft
der Stadt und dem Staate nützen zu können.« Aber seine ausgesprochene
Neigung und Begabung zur Malerei führte frühzeitig den Übergang zu diesem
Beruf herbei. Jakob van Swanenburgh, ein sonst kaum bekannter Leidener
Maler, wurde zuerst sein Lehrer; nachdem er dessen Unterricht drei Jahre
lang genossen, wurde Rembrandt nach Amsterdam zu Pieter Lastman geschickt,
von dem er nur sechs Monate lang unterrichtet worden sein soll. Beide Maler
hatten, wie man es zu ihrer Zeit für unbedingt erforderlich hielt, in
Italien studiert, und ihre Kunst ward von dem Bemühen, die Italiener
nachzuahmen, beherrscht; Lastman war in Rom ein Schüler des Frankfurters
Adam Elshaimer gewesen, der seinen fein gemalten Bildchen durch starke
Lichtwirkungen -- Lampen-, Feuer- und Mondschein -- einen besonderen Reiz
zu verleihen strebte. So untergeordnet die Stellung ist, welche Rembrandts
Lehrer in der Kunstgeschichte einnehmen, unzweifelhaft hat der gelehrige
Schüler aus ihren Unterweisungen großen Nutzen gezogen; von Lastman wurde
er vermutlich auch in der Kunst des Radierens unterrichtet. Nach Leiden
zurückgekehrt, bildete er selbst sich weiter, und man darf annehmen, daß
sein eigener Trieb ihn auf das eingehende Studium der Natur in einer Weise
hinwies, wie seine Lehrer es wohl schwerlich gethan hatten.
[Illustration: Abb. 4. _Selbstbildnis Rembrandts mit stieren Augen._
Radierung. (Auch unter der Bezeichnung »Der Mann mit dem beschnittenen
Barett« bekannt.)]
[Illustration: Abb. 5. _Kahlköpfiger Mann._ Radierung von 1630.]
Die ersten bezeichneten Gemälde des jungen Künstlers tragen die Jahreszahl
1627. Das eine derselben, »der Apostel Paulus im Gefängnis,« befindet sich
im Museum zu Stuttgart, das andere, »der Geldwechsler,« im Museum zu
Berlin. Beide Bilder besitzen keine hervorstechenden Reize; es sind glatt
gemalte Jugendwerke, die den unbefangenen Beschauer recht kalt lassen; und
dennoch kann man in ihnen schon diejenigen Eigenschaften gleichsam keimen
sehen, welche Rembrandt später so groß gemacht haben: der tiefe,
gedankenvolle Blick des gefangenen Apostels kündigt den zukünftigen Meister
des seelischen Ausdruckes an, das kleine Berliner Bild zieht den Beschauer
durch die von einer verdeckten Kerze in der Hand des Wechslers ausgehende
malerische Helldunkelwirkung an, obgleich diese Wirkung hier noch mehr an
die Bilder des Gerhard Honthorst, als an Rembrandts spätere Meisterwerke
erinnert. Zwei kleine Gemälde biblischen Inhalts aus dem Jahr 1628, beide
mit =R H= (Rembrandt Harmensz) und daran gehängtem =L= (als Hinweis auf des
Künstlers Vaterstadt Leiden) bezeichnet, sind durch die zu Berlin im Jahre
1883 zu Ehren der silbernen Hochzeit des damaligen Kronprinzenpaares
veranstaltete Ausstellung von im Berliner Privatbesitz befindlichen Werken
alter Meister weiteren Kreisen bekannt geworden. Das eine, im Besitz Seiner
Majestät des Kaisers, stellt Simsons Verrat durch Delila vor, das andere,
im Besitz von Herrn Otto Pein, den Apostel Petrus zwischen den Knechten des
Hohenpriesters; das letztere ist ein durch Feuer- und Kerzenlicht
wirkungsvoll gemachtes Nachtstück. Noch auf einige andere Bilder ist in
jüngster Zeit die Aufmerksamkeit gelenkt worden, in denen man
Erstlingsarbeiten des jungen Rembrandt erblicken zu dürfen glaubt,
namentlich auf einige malerisch beleuchtete Studienköpfe (in Kassel, Gotha
und an anderen Orten), die man für Selbstbildnisse des Künstlers hält.
Rembrandt hat nämlich während seines ganzen Lebens sich selbst mit Vorliebe
zu einem Gegenstand seines Studiums gemacht; mochte er eine Beleuchtung des
menschlichen Antlitzes, einen Ausdruck, eine kleidsame Tracht studieren
wollen, so fand er in seiner eigenen Person ein stets bereites und williges
Modell, das zugleich wegen seiner kräftigen, offenen und ansprechenden Züge
und seiner gesunden Farbe ein sehr dankbarer Gegenstand der Darstellung
war. Daher die außerordentlich große Anzahl der gemalten und der in Kupfer
geätzten Selbstbildnisse, die Rembrandt hinterlassen hat.
[Illustration: Abb. 6. _Der Mann mit dem breitkrempigen Hut._ Radierung von
1630.]
[Illustration: Abb. 7. _Unbärtiger Alter mit hoher Mütze._ Radierung.]
Das erste mit einer Jahreszahl bezeichnete Werk der Radiernadel Rembrandts,
von 1628, macht uns mit der ehrwürdigen Erscheinung seiner Mutter bekannt.
Dieses köstliche kleine Brustbild, so sprechend lebenswahr, so geistreich
und zugleich so liebevoll hingezeichnet, ist ein vollendetes Meisterwerk,
in der Ausführung ebenso unübertrefflich wie in der Auffassung (Abb. 2).
Außer in diesem Brustbildchen hat Rembrandt in den ersten Jahren seines
Schaffens für die Öffentlichkeit noch mehrmals die eigentümliche Schönheit
seiner betagten Mutter in Radierungen festgehalten. Darunter zeichnet sich
besonders eines aus (zubenannt »mit dem schwarzen Schleier«), welches die
alte Dame von der Seite, vor einem Tische sitzend, zeigt; man kann nur
staunen, wenn man sieht, wie lebensvoll hier wieder, bei weiter
durchgebildeter malerischer Ausführung, das von zahllosen Runzeln
durchfurchte, ausdrucksvolle Gesicht gezeichnet ist, wie wunderbar die
verschrumpfte Haut der alten Hände mit den hervortretenden Adern
wiedergegeben, wie meisterhaft die Stoffe behandelt sind (Abb. 3).
Die Art und Weise kennen zu lernen, wie die Seele des Menschen sich in
seinem Antlitz spiegelt und wie das Spiel der Gesichtsmuskeln zum Ausdruck
der Empfindungen wird, war für Rembrandt von Anfang an ein Gegenstand der
eifrigsten Beobachtung. Um das eingehend studieren zu können, setzte er
sich mit der Kupferplatte vor den Spiegel und machte sich selbst irgend
einen bestimmten Ausdruck vor, den er dann mit der Radiernadel festhielt.
So hat er sich lachend gezeichnet, mit verdrießlichem Gesicht, mit
verschlossener, finsterer Miene und mit dem Ausdruck starren Entsetzens
(Abb. 4); aber auch in der Ruhe seines natürlichen Ausdruckes hat er das
von den Sorgen des Lebens noch nicht belastete, jugendheitere Antlitz mit
dem ersten sprossenden Barte der Nachwelt durch die Kupferplatte
überliefert (Abb. 1). Personen aus seiner Umgebung, die wohl nicht daran
dachten, ein Kupferstichbildnis ihrer Person zu bestellen, die aber dem
jungen Künstler gutwillig ein paar Stunden still hielten, waren weitere
Gegenstände der Übung von Auge und Hand (Abb. 5 und 6).
[Illustration: Abb. 8. _Bettler und Bettlerin._ Radierung von 1630.]
[Illustration: Abb. 9. _Die Frau mit der Kürbisflasche._ Radierung.]
Eine ganze Anzahl von Radierungen legt ferner Zeugnis davon ab, wie
Rembrandt sich mit großem Fleiße übte, zufällig Gesehenes mit der denkbar
größten Schnelligkeit in wenigen treffenden Strichen festzuhalten oder auch
aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Ganz besonders reizten ihn Erscheinungen
aus den niedersten Volksschichten, die ihren Charakter am unverhülltesten
zur Schau trugen und deren zerlumpte Kleidung ebenso wie ihre Häßlichkeit
ihm eine eigentümliche Anregung boten, eben weil sie sich so
charakteristisch darstellen ließen. Es war der natürliche Widerwille gegen
die kalt und leer und dadurch abstoßend gewordene äußerliche
Schönheitssucherei der den Italienern nachtretenden Kunst, der sich in
dieser Weise -- bei Rembrandt nicht zuerst, aber bei ihm vielleicht am
kräftigsten -- äußerte. Da fielen ihm die verschmitzten Augen eines alten
Bettlers mit lächerlich hoher Mütze auf oder ein auf der Straße in
langatmigem Gespräch sich unterhaltendes Bettlerpaar und ähnliche lumpige
Gestalten, und er bannte sie auf die Kupferplatte; oder es reizte ihn, die
Erscheinung eines Bauern festzuhalten, der seine Verschlagenheit hinter
einer unglaublich dummen Miene verbirgt (Abb. 7-9, 12, 13). -- Aber auch
zur Niederschrift von Kompositionen, in denen der jugendliche
Schaffensdrang sich Luft machte, wurde die Radiernadel benutzt (Abb. 16).
[Illustration: Abb. 10. _Der Mann mit der Pelzmütze._ Radierung von 1631.]
Es fehlte dem jungen Maler nicht an Bestellungen. Aus dem Jahre 1630 ist
schon das Bildnis eines augenscheinlich den besten Ständen angehörigen, in
schwarzen Sammet gekleideten und mit doppelter goldener Kette geschmückten
alten Herrn vorhanden. Dieses in der Gemäldegalerie zu Kassel befindliche
Bild legt zugleich in seiner leichten und freien Behandlung Zeugnis ab von
Rembrandts schneller Vervollkommnung in der Ölmalerei. Mehrere um die
nämliche Zeit gemalte Studienköpfe, die in verschiedenen Sammlungen
aufbewahrt werden, erzählen von dem Fleiß und der Gewissenhaftigkeit
seiner Übungen und fordern durch die geistreiche Weise der Anpassung und
der Ausführung unsere höchste Bewunderung heraus (Abb. 11).
[Illustration: Abb. 11. _Bildnis eines alten Mannes_, um 1631 gemalter
Studienkopf. In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer
Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 12. _Bettler._ Radierung.]
Im Jahre 1631 verließ Rembrandt seine Vaterstadt Leiden, in die er nur zu
kurzen Besuchen zeitweilig zurückkehrte, und siedelte nach Amsterdam, der
stolzen und reichen Hauptstadt der vereinigten Provinzen, über, wo für
seine Thätigkeit das denkbar fruchtbarste Feld bereit sein mußte. In der
That gelangte der Vierundzwanzigjährige hier schnell zu großem Rufe, und es
sammelte sich bald eine Schar von Schülern um ihn; es wird erzählt, er habe
diese in gesonderten Zellen arbeiten lassen, zu dem Zwecke, daß das
Individuelle ihrer Begabung besser gewahrt bleibe und ihre Kunst vor
schulmäßiger Gleichförmigkeit behütet werde.
[Illustration: Abb. 13. _Bauer, die Hände auf dem Rücken haltend._
Radierung von 1631.]
[Illustration: Abb. 14. _Die heilige Familie._ Gemälde von 1631 in der
königl. Pinakothek zu München. (Nach einer Photographie von Franz
Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 15. _Bildnis eines polnischen Edelmannes_, gemalt 1631.
Im Museum der Ermitage zu St. Petersburg. (Nach einer Originalphotographie
von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
In Amsterdam fand Rembrandts Neigung, dem an und für sich Häßlichen
künstlerischen Reiz abzugewinnen, reiche Nahrung. Vor allem zog ihn das
Judenviertel mit seinen malerischen Erscheinungen an. Hier waren für Geld
die interessantesten Modelle zu haben, und mit wahrer Lust verewigte
Rembrandt die jüdischen Charakterköpfe; die an und für sich schon
auffallende Tracht der Amsterdamer Juden bereicherte er dabei gern in
phantastischer Weise durch bunte Stoffe und mancherlei Schmuckstücke aus
dem Vorrat seiner Werkstatt (Abb. 10). Rembrandts Werkstatt gestaltete sich
nämlich allmählich zu einer förmlichen Sammlung von malerischen
Kostbarkeiten und fremdartigen Kleidungsstücken; zu deren Anschaffung gab
es wohl nirgends bessere Gelegenheiten als in Amsterdam, wo Kaufleute von
allen Enden der Welt zusammenströmten und wo die Trödlerläden des
Judenviertels, das Rembrandt so gern durchstreifte, solcher Liebhaberei gar
einladend entgegenkamen. Übrigens suchte Rembrandt die jüdischen Modelle
nicht bloß um ihres persönlichen malerischen und charakteristischen Äußeren
willen als dankbare Vorwürfe für Radierungen und Studienbilder auf. Er
erblickte in ihnen auch die Vertreter des auserwählten Volkes, und es war
eine Art geschichtlicher Gewissenhaftigkeit, wenn er sie als die einzig
echten Modelle für biblische Kompositionen ansah, -- und Gewissenhaftigkeit
war ja der eigentliche Grundzug der holländischen Kunst. Die ehrwürdigen
Erscheinungen der alten Patriarchen wurden vor ihm lebendig, und er
versuchte, wenn auch fürs erste noch nicht in Gemälden, so doch in
Zeichnungen, die er nur für sich selber machte, Vorgänge aus deren Leben in
einer unmittelbar der Wirklichkeit abgelauscht scheinenden Weise zu
verbildlichen. Ein Beispiel gibt uns die anscheinend in dieser frühen Zeit
entstandene Federzeichnung in der Albertina zu Wien, welche den Vater Jakob
zeigt, wie er seinen Benjamin zärtlich zwischen den Knieen hält, während
Juda vor ihn hintritt und spricht: »Laß den Knaben mit mir ziehen; ich will
Bürge für ihn sein, von meinen Händen sollst du ihn fordern« (Abb. 17).
[Illustration: Abb. 16. _Ein Kampf._ Radierung.]
Das erste bedeutendere biblische Gemälde, welches Rembrandt ausführte --
die Probe eines gewaltigen Fortschritts gegen jene frühen Leidener
Versuche --, war eine »Darstellung im Tempel;« dasselbe befindet sich in
der königlichen Gemäldesammlung im Haag und ist mit der Jahreszahl 1631
bezeichnet. Den nämlichen Gegenstand behandelte die erste datierte
figürliche Komposition unter Rembrandts Radierungen. Vielleicht war das
eine Vorübung für das Gemälde. Das zart ausgeführte Blättchen, von 1630,
fesselt durch die Tiefe und Mannigfaltigkeit des Ausdrucks in den kleinen
Figuren; es führt den Beinamen, »mit dem Engel,« weil über der Gestalt der
Prophetin Hanna ein Engel herabschwebt, welcher der Greisin in dem Knäblein
den Erlöser zeigt. Auch in einer späteren, größeren Radierung desselben
Inhaltes -- denn Rembrandt liebte es, sich in einen Gegenstand, den er
einmal erfaßt hatte, immer von neuem zu vertiefen -- erscheint die greise
Seherin, eine hohe, feierliche Gestalt, im Mittelpunkt der Komposition als
deren eigentliche Hauptfigur; von oben senkt sich eine dunkle Wolke in die
dämmerigen Wölbungen des Tempels herab, von der Seite bricht ein
Lichtstrahl herein, und wo sich beide berühren, schwebt über dem Haupte
Hannas die Taube des heiligen Geistes. Dieses Blatt ist unvollendet
geblieben, zum Teil nur in leichten Umrissen angelegt; aber auch so macht
es einen mächtigen Eindruck durch die hohe Poesie der Lichtwirkung; ein
unübertreffliches Meisterwerk ist für sich allein schon der Kopf des alten
Simeon. In dem Gemälde von 1631 ist, nach der zumeist üblichen
Auffassungsweise, Simeon der Hauptträger der Handlung. Das Bild, in
kleinem Maßstab mit der größten Sorgfalt ausgeführt, offenbart den Maler
als den unvergleichlichen Meister des Helldunkels, der im Durchbrechen
geschlossener Schattenmassen durch strahlende Lichtwellen das Mittel
findet, seine dichterischen Empfindungen ergreifend zum Ausdruck zu
bringen. Während die phantastischen Formen des Tempelbaues im Dunkel
verschwimmen, sammelt das Licht sich auf der Hauptgruppe; es überflutet mit
vollem Glanze das Jesuskind, das ehrwürdige Haupt Simeons und die zum Segen
erhobene Hand des Oberpriesters und gleitet, schon etwas abgeschwächt, über
die knieende Gestalt Marias und die Gestalten ihrer Umgebung, um sich nach
und nach wieder im Dunkel zu verlieren. Der Vorgang selbst ist ganz
realistisch aufgefaßt, überirdische Erscheinungen sind nicht dabei
angebracht. Mit der Radierung von 1630 stimmt das Gemälde darin überein,
daß man im Hintergrunde eine große Treppe sieht, auf der sich viele
Gestalten im Halbdunkel bewegen.
[Illustration: Abb. 17. _Juda, Jakob und Benjamin._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Dieses Bild eröffnet die stattliche Reihe der gemalten Meisterwerke
Rembrandts. Der hervorstechendste Zug im Wesen Rembrandts war eine
unverwüstliche Arbeitslust; sein ganzes Leben hindurch, in guten und in
bösen Tagen, hat er mit unermüdlichem Fleiß gearbeitet. So ist es möglich
geworden, daß er weit über dreihundert Gemälde hinterlassen hat, abgesehen
von solchen, deren Echtheit fraglich ist, und von einigen zu Grunde
gegangenen. Dazu kommt eine gleich große Anzahl (353) eigenhändiger
Radierungen. Da er seine Arbeiten gern mit der Jahreszahl bezeichnete, so
läßt sich bis gegen das Ende seines Lebens seine Thätigkeit fast Schritt
für Schritt verfolgen.
Das Jahr 1631 sah außer der »Darstellung im Tempel« noch ein anderes aus
dem Evangelium geschöpftes Gemälde entstehen: die »Heilige Familie« der
Münchener Pinakothek. Es ist ein schönes, gemütvolles Bild. Das auf dem
Schoß der Mutter liegende Kind hat eben die Brust losgelassen und ist
eingeschlafen; es wird von Maria mit dem stillen Lächeln der Mutterlust
betrachtet; neben Maria steht die Wiege mit weißem Leinen; Joseph beugt
sich mit gedankenvoll betrachtendem Blick herüber (Abb. 14).
[Illustration: Abb. 18. _Diana und Endymion._ In der Liechtensteingalerie
zu Wien. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 19. _Rembrandts Schwester._ In der Liechtensteingalerie
zu Wien. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 20. _Die Anatomiestunde._ Gemälde von 1632 im königl.
Museum im Haag. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie.
in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 21. _Kopf eines Hörers_ aus der »Anatomiestunde« im
königl. Museum im Haag. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Zu den ersten der in Amsterdam gemalten Bildnisse gehört ein stolz und kühn
blickender Mann mit großem Schnurrbart (in der Sammlung der Ermitage zu
Petersburg). Er trägt einen mit reicher Goldkette geschmückten
pelzbesetzten Mantel, eine ebenso geschmückte Pelzmütze, hat Perlengehänge
in den Ohren und hält einen Stock mit verziertem goldenen Knopf. Es ist
anscheinend ein polnischer Edelmann, den sein Weg einmal in den damaligen
Mittelpunkt des Weltverkehrs, nach Amsterdam, führte (Abb. 15).
Unter den Radierungen Rembrandts vom Jahre 1631 befindet sich eine, welche
durch ihren Gegenstand auffällt. Es ist eine Diana im Bade. Bei diesem
Titel denken wir unwillkürlich an eine klassische Schönheit oder doch
mindestens an eine Erscheinung von straffer Jugendlichkeit. Rembrandt aber
hat seine »Diana« nach einem grundhäßlichen, abgeblühten Modell mit
abschreckender Naturtreue gezeichnet. Es fehlte ihm aller und jeder Sinn
für das, was wir im Sinne der griechischen Kunst schön nennen. Wenn man
unter »Renaissance« den engeren Begriff der Veredelung der Kunst durch die
Kenntnis antiker Schönheit versteht, so ist für Rembrandt die Renaissance
gar nicht dagewesen; zu einem Freunde sagte er einmal, auf seine Sammlung
alter Stoffe, Waffen und Geräte zeigend: »Das sind meine Antiken.«
Rembrandts mythologische Kompositionen berühren uns denn auch mindestens
sehr fremdartig. Er hat deren freilich nicht viele geschaffen. Die
damalige internationale Kunst und somit auch die Schule, aus der Rembrandt
hervorgegangen war, wurde ja von einer Vorliebe für Darstellungen aus der
antiken Götterwelt beherrscht. Aber dem Wesen Rembrandts lagen derartige
Stoffe sehr fern, auch ist seine Kenntnis von diesen Dingen schwerlich groß
gewesen; sein Buch war die Bibel, und es scheint nicht, daß er überhaupt
viel anderes als dieses Buch gelesen hat. Übrigens hatten ebenso wie er
selbst seine Landsleute nicht mehr viel Geschmack für die Mythologie; dem
nüchternen Sinn und der protestantischen Strenggläubigkeit der Holländer
konnte die Verbildlichung heidnischer Götterfabeln nicht zusagen.
[Illustration: Abb. 22. _Köpfe von Hörern_ aus der »Anatomiestunde« im
königl. Museum im Haag. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Vielleicht das Hübscheste, was Rembrandt an mythologischen
Darstellungen geschaffen hat, ist ein in der Liechtensteingalerie zu
Wien befindliches Gemälde: »Diana und Endymion.« In der Flut des
Mondlichts schwebend hat die keusche Göttin sich auf die Erde
herabgesenkt; wie mondbeglänzte Wolkengebilde schimmern Schwäne, die
sie getragen, im Dunkel der Luft. Mit dem Jagdspeer in der Hand, groß
und stolz, tritt sie dem blöden Burschen entgegen, der ihr
Wohlgefallen erregt hat. Das Licht, das von ihr ausstrahlt, fällt ihm
ins Gesicht, da er, aus seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schlafen,
aufgestört, sich nach ihr umblickt, während seine derben Hunde scheu
die Hunde der himmlischen Jägerin anknurren (Abb. 18).
Das Gesicht der Göttin zeigt hier eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem
rotblonden Mädchen, das Rembrandt in den Jahren 1632 und 1633 wiederholt
gemalt hat. Man hält dieses Mädchen mit Grund für eine von seinen
Schwestern, die vielleicht mit ihm nach Amsterdam übergesiedelt war (Abb.
19).
[Illustration: Abb. 23. _Der vortragende Professor_ (Dr. Nikolaas Tulp) aus
der »Anatomiestunde« im königl. Museum im Haag. (Nach einer
Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
Paris.)]
Im Jahre 1632 wagte Rembrandt sich an einen figurenreichen mythologischen
Gegenstand: es ist der im Berliner Museum befindliche »Raub der
Proserpina.« Das merkwürdige Bild enthüllt in Farbe, Wirkung, Empfindung
und Ausdruck in der bezeichnendsten Weise Rembrandts künstlerische Vorzüge
und Besonderheiten. Es ist wie alle Gemälde dieser seiner frühen Zeit sehr
fein und sorgfältig gemalt. Die Kräuter des Vordergrundes, bei denen man
die einzelnen Äderchen der Blätter sieht, sind staunenswürdig, und ebenso
genau bis ins einzelste sind die etwa zollgroßen Köpfchen und die reichen
Stoffe ausgeführt. Bei dieser fast peinlichen Vortragsweise ist das Bild
indessen von wahrhaft gewaltigem Leben erfüllt. Die schwarzen Rosse des
Hades sausen wie eine flüchtige Erscheinung in den dampfenden Abgrund
hinein; schwarzer Wolkendampf liegt unter dem Himmelsblau festgeballt über
dem Eingang der Schlucht. Proserpina kratzt und schlägt ihren Entführer ins
Gesicht; entsetzt versuchen ihre Gespielinnen ihr Gewand festzuhalten, um
sie von dem goldenen Wagen herabzuziehen, dessen Schnelligkeit doch ihr
rasendes Nacheilen vereitelt.
[Illustration: Abb. 24. _Der Federschneider_ (angeblich des Amsterdamer
Schreib- und Rechenmeisters Coppenol Bildnis). In der königl.
Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in
München.)]
[Illustration: Abb. 25. _Der Perser._ Radierung von 1632.]
In dem nämlichen Jahre 1632 malte Rembrandt ein größeres Gemälde, welches
Mit- und Nachwelt zur höchsten Bewunderung hingerissen hat: »die
Anatomiestunde.« Nachdem das Sezieren menschlicher Leichen zu
Unterrichtszwecken im Jahre 1555 gesetzlich gestattet worden war, wurde es
in mehreren Städten Hollands gebräuchlich, regelmäßige öffentliche Vorträge
über Anatomie stattfinden zu lassen. Diese Vorträge wurden in eigens dazu
bestimmten Sälen gehalten, welche in entsprechender, für unsere
Anschauungen bisweilen recht seltsamer Weise ausgestattet waren; ein
solches »=Theatrum anatomicum=« zeigte z. B. auf der Brüstung, welche den
Zuhörerraum abschloß, eine aus Gerippen gebildete Darstellung des
Sündenfalles. Regelmäßig gehörten zur Ausstattung dieser Säle die Bildnisse
der Wundärzte, welche in der betreffenden Stadt zu Ansehen gekommen waren;
wie im allgemeinen in Holland eine besondere Art der Bildnismalerei, das
Genossenschaftsbild, beliebt war, so ließen auch die Chirurgen gern ihre
Bildnisse in einem gemeinschaftlichen Bilde vereinigen, dessen Mittelpunkt
der an der Leiche oder am Gerippe erklärende Professor bildete. Eine
Aufgabe solcher Art war es, die Rembrandt als einem nun schon zu gutem
Namen gelangten Bildnismaler gestellt wurde durch den Auftrag, das Porträt
des Anatomieprofessors Nikolaas Tulp im Verein mit den sieben Vorstehern
der Amsterdamer Chirurgengilde zu malen. Rembrandt hat es mit hoher
Meisterschaft verstanden, aus der Nebeneinanderstellung einer Anzahl von
Bildnissen ein einheitliches, in sich abgerundetes und schon an und für
sich als Komposition den Beschauer fesselndes Kunstwerk, ein Bild im besten
Sinne des Wortes zu schaffen. Auf einem Tische liegt, verkürzt von unten
gesehen, die Leiche; sie ist in ihrer oberen Hälfte hell beleuchtet und
bildet so als große Lichtmasse ein Gegengewicht gegen die vereinzelt auf
den dunklen Kleidern und dem dunklen Hintergrunde hervorleuchtenden
Gesichter mit den weißen Halskrausen. Tulp, der den Hut auf dem Kopfe hat,
während seine Zuhörer ihn barhäuptig umgeben, hat an der Leiche den linken
Vorderarm der Haut entkleidet und erklärt dessen Muskulatur; er hebt gerade
einen der Beugemuskeln der Finger heraus, und indem er die Finger der
eigenen linken Hand beugt, veranschaulicht er die Thätigkeit, welche diesem
Muskel im Leben zukommt. Wir fühlen, wie der Anatom fast unabsichtlich die
Muskeln, über die er spricht, bei sich selbst in Wirkung setzt, und
bewundern Rembrandts feine und scharfe Beobachtung. Die Vorsteher der
Chirurgengilde, teils sitzend, teils sich herandrängend, folgen mit
verschiedenartig abgestufter Aufmerksamkeit dem Vortrage des Professors
(Abb. 20). Der Kopf des letzteren ist ein Meisterwerk der Bildniskunst
(Abb. 23). Wenn sich auch nicht das Gleiche von den sämtlichen Köpfen der
Hörer sagen läßt, so finden sich doch auch unter diesen einige ganz
vortreffliche und alle sind sie von innerem Leben erfüllt (Abb. 21 und 22).
Das Gemälde befand sich lange an seiner ursprünglichen Stelle, in der
»Snykamer« (Schneidezimmer) zu Amsterdam; 1828 kaufte König Wilhelm I
dasselbe der Chirurgengilde für 32000 Gulden ab, um es der Gemäldesammlung
im Haag einzuverleiben.
[Illustration: Abb. 26. _Der Rattengiftverkäufer._ Radierung von 1632.]
[Illustration: Abb. 27. _Der blinde Geigenspieler._ Radierung.]
Jedenfalls trug das Anatomiebild viel dazu bei, Rembrandts Ruf als
Bildnismaler zu erhöhen; aus dem Jahre 1632 sind mehr als zehn auf
Bestellung von ihm gemalte Einzelbildnisse nachgewiesen, unter denen
vielleicht das in der Kasseler Gemäldegalerie befindliche meisterhaft
gemalte, lebensvolle Bild eines Mannes, der sich die Feder schneidet,
angeblich des Amsterdamer Schreibmeisters Coppenol, das vorzüglichste ist
(Abb. 24).
[Illustration: Abb. 28. _Der heilige Hieronymus im Gebet._ Radierung von
1632.]
[Illustration: Abb. 29. _Die große Auferweckung des Lazarus._ Radierung
(stark verkleinert).]
[Illustration: Abb. 30. _Der barmherzige Samariter._ Radierung von 1633.]
Dabei ließ Rembrandt die Radiernadel niemals ruhen. Er setzte seine Studien
nach dem Leben unermüdlich fort, und neben Gestalten aus dem Volke hielt er
gelegentlich eine fremdartige ausländische Erscheinung fest, wie jenen
seltsam gekleideten Mann, der den Kupferstichsammlern unter dem Namen »der
Perser« bekannt ist (Abb. 25). Manches, was er in den Straßen der Stadt und
auf ländlichen Spaziergängen sah, gestaltete er zu seinen Genrebildchen,
denen er durch hochkünstlerische Ausführung einen unvergänglichen Reiz
verlieh. Ein köstliches Beispiel ist der »Rattengifthändler.« Es ist ein
schauderhafter Kerl, den wir da in einer Dorfstraße von Haus zu Haus ziehen
sehen, einen Säbel an der Seite und eine Stange mit einem Korb in der Hand,
von dem tote Ratten herabbaumeln, während auf seinem Rande eine lebende
Ratte herumklettert und ein anderes dieser Tiere auf der Schulter des
Mannes sitzt, um von dessen Macht über ihresgleichen sichtbares Zeugnis
abzulegen; fast noch schauderhafter als der Rattenfänger ist sein
Begleiter, der Knabe mit der Giftschachtel, ein Urbild körperlicher und
geistiger Verkommenheit; wir begreifen die Gebärde des Ekels, mit welcher
der alte Jude, der da auf den unteren Flügel seiner Hausthür gelehnt ins
Freie schaut, die Hand zurückweist, die ihm den Rattentod anbietet (Abb.
26). Ein Beispiel anderer Art ist die rührende Gestalt des von seinem
Hündchen geführten blinden Geigenspielers (Abb. 27). In allen seinen
Darstellungen entfaltet Rembrandt neben der Gabe, die Persönlichkeiten, so
wie er sie gesehen oder sich gedacht hat, aufs treffendste zu
charakterisieren, die noch unvergleichlichere Gabe, den Beschauer in den
Gesichtern lesen zu lassen, was die Persönlichkeiten in dem gegebenen
Augenblick denken, und ebenso wie die stärksten Empfindungen die feinsten
Regungen der Seele zum Ausdruck zu bringen. Er thut nichts dazu, eine
Darstellung launig oder ernst wirken zu lassen; er gibt nur immer die Sache
selbst, und durch die Unmittelbarkeit, mit welcher das scharf und richtig
Geschaute -- im Geist oder in der Wirklichkeit Geschaute -- wiedergegeben
wird, wirkt ganz von selbst, wie im Leben, so in der Verbildlichung das
Komische komisch und das Ernste ernst. Diese Tiefe der Auffassung verleiht
auch Rembrandts religiösen Darstellungen einen so hohen Wert, wenn uns auch
deren äußere Form, weil uns ungewohnt, fremdartig vorkommen mag. Niemals
wohl sind die Empfindungen eines Mannes, der in heißem Gebet um Erleuchtung
fleht, mit größerer Tiefe und in schlichterer Klarheit zum Ausdruck
gebracht worden, als in dem Blatt von 1632: »der heilige Hieronymus« (Abb.
28). Zugleich läßt dieses Blatt, das mit leichter und schneller Hand
ausgeführt ist, Rembrandts große Begabung für das Landschaftliche erkennen.
-- Im Besitz einer unübertrefflichen Fertigkeit in der Handhabung der
Radiernadel begnügte sich Rembrandt nicht mehr damit, Studien und
Kompositionen in kleinerem Maßstabe, mehr für sich selbst als für andere,
in Kupfer zu ätzen. Er trat mit großen, sorgfältig ausgeführten und in
Wirkung gebrachten Radierungen biblischen Inhaltes an die Öffentlichkeit.
An der Spitze dieser Blätter steht die »Auferweckung des Lazarus,« die zum
Unterschied von einem späteren, kleineren Blatte desselben Inhalts »die
große« genannt wird. Es ist eine Äußerung stärkster und kühnster Phantasie,
seltsam beim ersten Anblick, aber unmittelbar ergreifend durch die
malerische Wirkung von hell und dunkel und wie mit Zaubermacht fesselnd bei
näherer Betrachtung. Wir befinden uns in einer phantastischen Räumlichkeit;
der Gruftbau ist mit Vorhängen ausgestattet und an den Wänden mit den
Waffen des Verstorbenen geschmückt; von dem eigentlichen Grabe ist die Erde
beiseite geschaufelt und so das enge Steinbett bloßgelegt worden; die
Vorhänge des Eingangs sind zurückgezogen, so daß ein volles Licht von
draußen her in das Dunkel des Todes hineinflutet. Über ein herangelegtes
Brett ist der Heiland an den Rand des Grabes getreten, und in erhabener
Ruhe, nur mit einer machtvollen Gebärde der Hand, ruft er den Toten empor,
der sich langsam, wie von schwerem Traum befangen, aufzurichten beginnt.
Dem Wiedererweckten stürzen die Schwestern entgegen, noch etwas zagend die
eine, mit freudig ausgebreiteten Armen die andere. Staunend sehen die
übrigen Anwesenden den unglaublichen Vorgang; überzeugender sind niemals
von einem Künstler die mannigfaltigen Äußerungsformen des höchsten Staunens
über das Unbegreifliche geschildert worden (Abb. 29). Unter den Radierungen
Rembrandts ist dieses Blatt zu allen Zeiten eins der gesuchtesten gewesen.
Beachtenswert ist die Gewandung des Christus; strenger -- um nicht mit
einem viel mißbrauchten Ausdruck zu sagen stilvoller -- gezeichnet, als es
sonst bei Rembrandt vorkommt, verrät sie noch die Nachwirkungen der
italienischen Schule, in der sich Rembrandts Lehrer gebildet hatten.
[Illustration: Abb. 31. _Die Flucht nach Ägypten._ Radierung von 1633.]
[Illustration: Abb. 32. _Rembrandt mit dem Tuch um den Hals._ Radiertes
Selbstbildnis des Meisters von 1633.]
Während hier, bei der Verbildlichung eines Wunders, Rembrandt sich ganz dem
freien Fluge seiner Dichterkraft hingab, versuchte er in anderen Fällen,
biblische Erzählungen durch die äußerste Natürlichkeit der Darstellung so
recht glaubhaft zu veranschaulichen und sich und dem Beschauer menschlich
nahe zu legen. Ein Beispiel ist die gleichfalls in ziemlich großem Maßstabe
ausgeführte Radierung von 1633: »der barmherzige Samariter.« Dieses Blatt
gehört nicht zu den glücklichsten Schöpfungen Rembrandts: namentlich stört
uns das sehr hölzern ausgefallene Pferd, von dem der Verwundete
herabgehoben wird. Aber die Absicht, das Erzeugnis seiner Einbildungskraft
so zu gestalten, als ob er etwas in der Wirklichkeit Gesehenes wiedergäbe,
ist dem Meister vortrefflich gelungen; in diesem Sinne ist selbst der
häßliche Hund im Vordergrunde nicht ohne Bedeutung; er trägt mit dazu bei,
den Anschein zu erwecken, als ob das Ganze sozusagen ein Augenblicksbild
nach dem Leben wäre (Abb. 30). Wie Rembrandt, auch von dem allerleisesten
Anflug von äußerlichem Idealismus frei, sich die heiligen Gestalten so
vorstellte, wie er in der ihn umgebenden Wirklichkeit die Armen und
Bedürftigen sah, das zeigt uns recht sprechend die feine kleine Radierung
aus demselben Jahre: »die Flucht nach Ägypten.« Unedler in der äußeren
Erscheinung läßt sich der Nährvater Joseph füglich nicht denken. Aber
Rembrandt wirkt nicht durch körperliche, sondern durch sittliche Schönheit.
Könnte wohl eine edlere Gestalt so tiefes, warmes Gefühl durchblicken
lassen, wie dieser ärmliche Handwerker, der in banger Sorge sein Liebstes
in Sicherheit zu bringen sucht, der mit pochendem Herzen und bebenden
Knieen das Reittier an seiner Hand mit immer beschleunigteren Schritten
über die unwegsamen Waldpfade leitet? Wie streitet in dem flüchtig
gezeichneten Gesicht der Maria, die, in einen großen Mantel eingewickelt,
das sorglich eingehüllte Kind vorsichtig in den Armen haltend, auf dem mit
spärlichem Gepäck belasteten Esel sitzt, die Furcht mit dem Vertrauen auf
den Führer! Ein Kleinod reizvoller Erfindung ist dabei die Landschaft; man
fühlt, daß das Tageslicht, welches den Wanderern lange Schatten voranwirft,
dem Erlöschen nahe ist und daß bald die Schrecken der Finsternis die
Flüchtigen umgeben werden (Abb. 31). In mehreren anderen Blättern, welche
die Flucht nach Ägypten, einen von Rembrandt oft bearbeiteten Gegenstand,
behandeln, versetzt der Künstler uns in diese Nacht. Da sehen wir, wie
Joseph mit dem spärlichen Scheine einer flackernden Laterne den unebenen
Pfad zu erhellen sucht, und ein anderes Mal, wie die Flüchtlinge, an der
Grenze ihrer Kräfte angekommen, unter einem Baume ausruhen; an einem Aste
ist die Laterne aufgehängt und bescheint mit unsicherem Lichte die
dichtbelaubten Zweige und die todmüden Wanderer.
[Illustration: Abb. 33. _Das widrige Geschick._ Radierung von 1633.
(Zweiter Plattenzustand.)]
Ein radiertes Selbstbildnis brachte Rembrandt im Jahre 1633 in Gestalt
einer Beleuchtungsstudie. Wir sehen ihn bei scharf auf seinen Rücken
einfallendem Lichte mit ganz beschattetem Gesicht, aus dem nur die Augen
blitzend hervorleuchten; die vom Licht gestreiften Locken hängen lang und
wirr auf die Schultern herab (Abb. 32). Man liest auf den meisten Abdrücken
dieser Radierung, die nach dem Halstuch, das der Künstler hier
umgeschlungen hat, benannt zu werden pflegt, anscheinend ganz deutlich die
Jahreszahl 1653; aber die scheinbare Ziffer 5 ist eine 3, die ihren auf den
ersten Abdrücken klar ausgeprägten obersten Strich durch die Abnutzung der
Platte verloren hat.
[Illustration: Abb. 34. _Jan Cornelisz Silvius_, Prediger zu Amsterdam.
Radierung von 1633. (Erster, sehr seltener Plattenzustand.)]
Jetzt bekam Rembrandt auch Bestellungen auf Radierungen. Ein Amsterdamer
Buchhändler beauftragte ihn mit der Anfertigung des Titelkupfers für ein
Werk, das im folgenden Jahre (1634) herausgegeben wurde: »De Zeevaerts Lof«
(Lob der Seefahrt), und Rembrandt führte für diesen Zweck das Bild aus, das
unter dem Titel »das widrige Geschick« bekannt ist. In einer Barke, die mit
fröhlichen Menschen -- genießenden und thätigen -- angefüllt ist, steht
Fortuna und hält Mast und Segel des Schiffes; sie wendet dem Beschauer den
Rücken, und so auch einem lorbeerbekränzten Reiter, dessen Roß gestürzt ist
und der jammernd dem davonsegelnden Schiffe nachblickt; hinter ihm sieht
man eine große Herme des Janus mit dem Doppelantlitz, das vorwärts und
rückwärts schaut, und in größerer Entfernung einen Tempel, auf dessen
Treppe viel Volk sich drängt. Die Darstellung bezieht sich, wie der
Begleittext erläutert, auf die Schlacht bei Actium, und der gestürzte Held
ist Antonius (Abb. 33). -- Angesehene Persönlichkeiten, deren Bild zu
besitzen der Wunsch größerer Kreise war, ließen gern ihr Bildnis in
Kupferstich herstellen, wie dies schon im Anfang des XVI. Jahrhunderts
aufgekommen war; oder wenn sie selbst es nicht thaten, so veranlaßten wohl
ihre Freunde die Anfertigung eines solchen Bildes. Daß einem Porträtmaler
wie Rembrandt, der die Radiernadel so gewandt handhabte, derartige Aufträge
in Fülle zugingen, versteht sich von selbst. Den Anfang machte das im Jahre
1633 radierte Bildnis des Predigers Jan Cornelisz Silvius (Janus Silvius).
Selbstredend erforderten solche Blätter eine ganz andere, bildmäßigere
Durcharbeitung, als wenn der Künstler nur zu seiner Übung oder zu seiner
und seiner Angehörigen Freude einen Kopf nach dem Leben radierte. So war er
denn auch mit den ersten Abdrücken, welche er von der Platte mit dem Bilde
des Silvius abzog, nicht zufrieden; er bearbeitete, wie er dies überhaupt
öfters that, die Platte von neuem; durch Vertiefung der Schatten suchte er
das Bild zu beleben, zerstörte dabei aber einigermaßen die Einheitlichkeit
der Wirkung. Daher besitzen die von der Platte in ihrem ersten Zustand
genommenen Abdrücke des überhaupt ziemlich seltenen Blattes einen
besonderen Wert, nicht nur wegen ihrer großen Seltenheit, sondern auch weil
sie das treffliche Bildnis in größerer Schönheit zeigen (Abb. 34).
[Illustration: Abb. 35. _Der Dichter Jan Hermansz Krul_, gemalt 1633. In
der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer Photographie von Franz
Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 36. _Kopf des Mannes aus dem Doppelbildnis »Der
Schiffsbaumeister und seine Frau,«_ gemalt 1633, in der Sammlung der
Königin von England im Buckinghampalast. (Nach einer Originalphotographie
von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 37. _Bürgermeister Pancras und seine Frau._ Gemälde im
Buckinghampalast. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Die Zahl der gemalten Bildnisse aus dem Jahre 1633 ist sehr groß. Rembrandt
wurde der gesuchteste Porträtmaler Amsterdams. Herren und Damen der besten
Gesellschaft wendeten sich an ihn, und er schuf in ihren Bildnissen
Meisterwerke ersten Ranges. Dahin gehören, um nur einige der bekanntesten
zu nennen, das Kniestück des Dichters Jan Hermansz Krul in der
Gemäldegalerie zu Kassel (Abb. 35) und das prächtige Doppelbildnis eines
Schiffsbaumeisters und seiner Frau in der Sammlung der Königin von England
im Buckinghampalast. Das letztere ist als Genrebild angeordnet: der Mann
ist damit beschäftigt, die Zeichnung eines Schiffes zu entwerfen, und wird
durch seine Frau, die mit einem Brief herbeikommt, in der Arbeit
unterbrochen. (Abb. 36 gibt den Kopf des Mannes aus diesem Bilde wieder.)
Wie Rembrandt sich darauf verstand, Doppelbildnisse genremäßig zu
gestalten, davon gibt in der nämlichen Sammlung der Königin von England das
Bild des Bürgermeisters Pancras und seiner Frau ein schönes Beispiel. Diese
beiden Leute scheinen es geliebt zu haben, ihren Reichtum zur Schau zu
stellen, das Ehepaar ist in der Vorbereitung zu irgend einer festlichen
Gelegenheit, welche höchste Prunkentfaltung erfordert, dargestellt; die
Bürgermeisterin sitzt vor einem Spiegel, mit einem reichen Mantel
bekleidet, und schmückt sich; ihr Gatte, bereits in vollständiger
Feierkleidung, steht neben ihr und hält weitere Juwelen für sie bereit
(Abb. 37).
Ungeachtet der zahlreichen Bildnisaufträge, welche den Meister im Jahre
1633 beschäftigten -- aus der Zeit von 1632 bis 1634 werden einige vierzig
von Rembrandt gemalte Porträts aufgezählt --, fand er immer noch Zeit,
kleine Bilder freier Erfindung auszuführen, wie die »Philosophen« in der
Sammlung des Louvre und das köstliche, im Rot des Morgenlichtes glühende
Bild im Buckinghampalast: »Christus erscheint der Maria Magdalena als
Gärtner.« Und daneben wurde er nicht müde, zu seiner Übung und zu seiner
Freude Bildnisse eigener Wahl auszuführen, in Radierungen und Gemälden. Er
putzte seine jüdischen Modelle mit hohen Turbanen und sonstigem
phantastischen Kleiderschmuck zu Patriarchen und Hohenpriestern heraus, und
am häufigsten saß er selbst sich in mannigfaltigem Aufputz Modell; aus eben
diesen Jahren stammt eine außerordentlich große Zahl von Selbstbildnissen
Rembrandts. Wir finden darunter merkwürdige Versuche mit ungewöhnlichen
Kostümstücken: eine sehr selten gewordene Radierung von 1634, »Rembrandt
mit dem Flamberg,« zeigt ihn in einer Art von Kurfürstentracht, mit einem
Schwert in der Hand. So malte er sich auch in allerlei Verkleidungen, bald
in goldgesticktem Sammetmantel und Federbarett, mit vornehmer Miene (Abb.
53), bald als ernstblickenden Krieger in Harnisch und Sturmhaube. Wir
dürfen bei Betrachtung derartiger Bildnisse nicht vergessen, daß es dem
Meister nicht darauf ankam, ein Abbild seiner Person zu liefern, sondern
daß es sich für ihn um irgend eine künstlerische Aufgabe handelte, sei es
um etwas Innerliches, einen Ausdruck, sei es um etwas Malerisches in
Beleuchtung oder Tracht, sei es um all dieses zusammen. Daher erkennen wir
in diesen Studien wohl die Züge des Meisters alsbald wieder, aber vor den
wenigsten derselben gewinnen wir den Eindruck, ein sprechend ähnliches
Porträt vor uns zu haben. Doch malte Rembrandt sich auch wiederholt in
solcher Weise, daß wir über seine ausgesprochene Absicht, sich selbst, wie
er war, getreulich für die Seinigen und für die Nachwelt abzubilden, nicht
im Zweifel sein können. Zu diesen Selbstbildnissen im engeren Sinne gehört
das prächtige Bild von 1633 im Louvre (Abb. 38), und ein sehr ähnliches,
aber anders gekleidetes, in der nämlichen Sammlung, das von jenem nur durch
einen geringen Zeitunterschied getrennt wird (Abb. 49).
[Illustration: Abb. 38. _Selbstbildnis_, gemalt im Jahre 1633. Im Museum
des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 39. _Der Kartenspieler._ Radierung. (Erster
Plattenzustand.)]
Rembrandt hatte im Jahre 1633 wohl besonderen Grund, seine Person mit
Aufmerksamkeit zu betrachten. Ein in der Dresdener Galerie befindliches
Gemälde aus diesem Jahre zeigt uns das Brustbild einer jungen Dame mit
zarter, rosiger Haut und goldigblondem lockigen Haar, die unter dem
Schatten eines rotsammetnen Hutes hervor dem Beschauer mit lustigen Augen
entgegenlacht (Abb. 40). Das ist Saskia van Ulenburgh (oder -- in der
Schreibweise ihrer Heimat -- Uilenborg), die verwaiste Tochter des zu
Leeuwarden ansässig gewesenen Rechtsgelehrten Rombertus Ulenburgh. Wie und
wo Rembrandt diese Tochter eines alten und hochangesehenen friesischen
Geschlechts kennen gelernt hat, wissen wir nicht. Ward ihm die Aufgabe
gestellt, ihr Bild zu malen, und ist ihm bei dieser Gelegenheit das sonnige
Lächeln, das er so reizvoll festzuhalten wußte, ins Herz gedrungen? Oder
galt dieses Lächeln Saskias schon dem Manne ihrer Wahl? Genug, sie ward
seine Braut. In bräutlichem Ernst sehen wir sie dastehen in dem herrlichen,
mit unvergleichlichem Farbenzauber übergossenen Bildnis in der Kasseler
Gemäldegalerie, einem Bilde, das in dem Beschauer einen nachhaltigen
Eindruck zurückläßt, und auf dessen Ausführung Rembrandt eine mehr als
gewöhnliche Sorgfalt verwandt hat. Saskia erscheint hier in vornehmem
Schmuck; sie trägt einen rotsammetnen Hut mit Goldverzierungen und weißer
Straußenfeder, ein Kleid aus dunkelrotem Sammet, mit Unterärmeln aus einem
leichten, goldiggrauen Stoff mit farbigen Müsterchen, einen mattbläulichen,
mit Gold und Farben bestickten Kragen, einen Pelzmantel hat sie leicht
umgeworfen, im Haar, um den Hals, an der Brust und den Armen glänzt und
blitzt es von Gold, Perlen und Juwelen; in der behandschuhten Rechten hält
sie einen Zweig von Rosmarin, und sinnend blickt sie vor sich hin, dem
Beschauer die jungfräulich reinen Linien ihres Profils zeigend (Abb. 42).
Saskia war keine Schönheit, aber sie war sehr hübsch und dabei von
blühender Jugendfrische und glücklicher Heiterkeit reizvoll umkleidet. Sie
war eine Verwandte jenes Predigers Jan Silvius, der zu Rembrandts
frühesten Auftraggebern zählte, und als am 10. Juni 1634 Rembrandt und
Saskia sich in Amsterdam zur Ehe aufbieten ließen, erschien Silvius als
Stellvertreter der Braut. Wir erfahren durch das betreffende, noch
vorhandene Aktenstück, daß Rembrandts Vater damals schon gestorben war;
denn nur von seiner Mutter wird die Einwilligung zur Eheschließung
eingeholt.
[Illustration: Abb. 40. _Erstes Bildnis von Rembrandts späterer Gattin
Saskia van Ulenburgh._ In der Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer
Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
Paris.)]
[Illustration: Abb. 41. _Junges Mädchen mit Korb._ Radierung.]
Unter den Radierungen Rembrandts aus dem Jahre 1633 befindet sich eine, die
auf besondere Beachtung ein Anrecht hat. Denn vielleicht hat sie die erste
Veranlassung zu einem großen Auftrag gegeben, der Rembrandt eine Reihe von
Jahren hindurch beschäftigte. Es ist eine Abnahme Christi vom Kreuz, zum
Unterschied von anderen inhaltsgleichen Radierungen Rembrandts »die große
Kreuzabnahme« benannt. Drei Männer sind mit Leitern an das Kreuz
hinangestiegen und haben den Leichnam vom Holze gelöst; jetzt legt der
oberste von ihnen sich über den Querbalken des Kreuzes und hält den oberen
Zipfel eines Leintuches, das sie schonend unter den Körper des Toten
geschoben haben; von den beiden anderen auf den Leitern Stehenden an den
Armen gehalten, gleitet der nackte Leichnam schwer und in sich
zusammensinkend herab, um von zwei unten stehenden Männern, die ihre Hände
ehrfürchtig unter dem Leintuch halten, aufgenommen zu werden. Joseph von
Arimathia, Nikodemus, die zwei Marien und einige Jünger umgeben, teils
stehend, teils am Boden kauernd, den Fuß des Kreuzes. Ihre Blicke folgen
der Bewegung der Leiche; nur die Mutter hält das Antlitz tief gesenkt. Ein
kostbarer Teppich wird von den Frauen bereit gehalten, um den Toten darauf
zu betten. Joseph von Arimathia beaufsichtigt das Ganze; er ist durch seine
Kleidung als der reiche Mann gekennzeichnet, und wie er auf seinen Stock
gestützt mit gemessener Ruhe dasteht, weiß er in seiner Haltung bei aller
Ergriffenheit die Würde des angesehenen Ratsherrn zu bewahren. Es ist
dunkle Nacht, und undeutlich heben sich in der Ferne die Festungswerke und
Kuppeln der Stadt von dem schwachen Dämmerschein am Horizont ab; aber aus
dem schwarzen Himmel fluten übernatürliche Lichtstrahlen herab, die zu dem
frommen Werke leuchten und den heiligen Leichnam in einen Glorienschein
einhüllen. »Hier ist der Beweis gegeben,« sagt der französische
Kunstschriftsteller Charles Blanc, »wieviel auf der Gesinnung beruht. Die
Darstellung einiger bei der Leiche ihres Gottes weinenden Christen kann des
antiken Reizes, der heidnischen Schönheit wohl entbehren und dennoch einen
erhebenden Eindruck zurücklassen. Nur eine Seele braucht dem Bilde
eingehaucht zu werden, und dies hat Rembrandt gethan, als er das Licht
seines Genius darauf hinstrahlen ließ. Wie sollte man sich nicht für einen
solchen Vorgang interessieren, da doch der Himmel selbst sich dafür
interessiert!« (Abb. 43.)
[Illustration: Abb. 42. _Bildnis von Rembrandts Braut Saskia van
Ulenburgh._ In der königl. Gemäldegalerie zu Kassel. (Nach einer
Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 43. _Die große Kreuzabnahme._ Radierung von 1633.]
[Illustration: Abb. 44. _Die Kreuzabnahme_, gemalt für den Statthalter
Friedrich Heinrich, jetzt in der königl. Pinakothek zu München. (Nach einer
Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 45. _Die Verkündigung bei den Hirten._ Radierung von
1634.]
[Illustration: Abb. 46. _Christus und die Samariterin_ (mit der Ruine).
Radierung von 1634.]
Ganz in derselben Weise, nur noch ergreifender gestaltet durch das
Zaubermittel der Farbe, sehen wir die Kreuzabnahme dargestellt in einem
Gemälde, welches sich jetzt in der Alten Pinakothek zu München befindet
(Abb. 44). Dieses Gemälde bildet mit vier anderen ebendort befindlichen
Bildern eine zusammengehörige Folge, welche das Ende von des Erlösers
irdischem Dasein, von der Aufrichtung des Kreuzes bis zur Himmelfahrt
behandelt. Es sind tief ergreifende Schöpfungen. Die äußere Häßlichkeit der
Gestalten, die wir da sehen, verschwindet gänzlich hinter der Schönheit
ihrer Seele. Wohl mag einer, der an äußerlicher Kunstbetrachtung Gefallen
findet, auch an den Kompositionen im ganzen manche Unschönheiten und Härten
entdecken; aber durch die geheimnisvolle Poesie der Lichtwirkung, die hier
um so eindringlicher wirkt, als die siegreiche Kraft des Lichtes gegenüber
ringsum breit gelagerter Finsternis dem Inhalt des Dargestellten so
unmittelbar entspricht, wird der Beschauer wie mit Zaubermacht gebannt, und
der Wohllaut einer in unbeschreiblicher Eigentümlichkeit gestimmten Farbe
dringt gleich den Melodien alter Kirchenlieder in seine Seele. Rembrandt
malte diese Bilder im Auftrage seines Landesherrn, des Statthalters
Friedrich Heinrich Prinzen von Oranien. Die letzten derselben vollendete er
im Jahre 1638, und er erhielt für jedes den Betrag von 600 Gulden; über
diese Angelegenheit, die Ablieferung und Bezahlung der »Grablegung« und der
»Auferstehung« sind drei eigenhändige Briefe Rembrandts erhalten. Zu den
fünf Passionsbildern gehörte noch, um die Geschichte des Erlösungswerkes zu
vervollständigen, eine Darstellung der Geburt Christi. Alle sechs Gemälde
sind durch Erbschaft in die kurfürstliche Gemäldegalerie zu Düsseldorf und
von da mit den übrigen wertvollsten Schätzen dieser Sammlung nach München
gekommen. Das Bild der Geburt ist fast noch ergreifender als die übrigen.
In äußerster Armut und Demut lagern Maria und Joseph im Stalle; der
letztere hält eine Lampe, um den verehrungsvoll herantretenden Hirten das
Kind zu zeigen, und so scheint dieses, voll beleuchtet, nun die eigentliche
Lichtquelle zu sein, deren Wiederschein die dürftige Umgebung verschönert.
In ähnlicher und doch wieder verschiedener Weise hat Rembrandt, wohl zu
derselben Zeit, als er das Gemälde ausführte, die Geburt Jesu in einer
Radierung dargestellt. Hier ist es noch mehr als dort die »stille Nacht.«
Maria ruht, in ihren Mantel eingewickelt, im Stroh, an ihrer Seite der
Neugeborene; an der anderen Seite des Kindes, zusammengekauert, wacht
lesend der Mann Marias; ihnen gegenüber ruhen die Tiere des Stalles. Da
treten die Hirten herein, Männer, Weiber und Kinder -- man sieht, wie sie
sich bemühen, leise zu gehen --, an ihrer Spitze ein bärtiger Mann mit
einer Laterne, und begrüßen in feierlicher Stille in dem Kinde den Erlöser
der Armen.
[Illustration: Abb. 47. _Bildnis einer alten Dame_, gemalt 1634, in der
Nationalgalerie zu London. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Es versteht sich von selbst, daß ein so fleißiger und gewandter Maler wie
Rembrandt während der fünf Jahre, die er zur Vollendung der vom Statthalter
bestellten sechs Gemälde, die ihren großen Inhalt in kleinem Umfange
einschließen, brauchte, nur einen verhältnismäßig geringen Bruchteil seiner
Zeit auf diese Arbeit verwendete.
[Illustration: Abb. 48. _Christus und die Jünger in Emmaus._ Radierung von
1634.]
Das Jahr 1634 brachte ihm, wie schon erwähnt, eine Fülle von
Porträtbestellungen. Unter den Meisterwerken seiner Bildniskunst aus diesem
Jahre, von denen einige zu seinen allervorzüglichsten Werken gehören, sei
das Brustbild einer bejahrten Dame in weißer Haube und Halskrause, in der
Nationalgalerie zu London, hervorgehoben (Abb. 47).
[Illustration: Abb. 49. _Selbstbildnis_, gemalt im Jahre 1634. Im Museum
des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 50. _Die Lesende._ Radierung von 1634.]
[Illustration: Abb. 51. _Rembrandts Frau Saskia van Ulenburgh._
Silberstiftzeichnung im Berliner Kupferstichkabinett. =»Dit is naer mijn
huijsvrou geconterfeit do sij 21 jaer oud was den derden dach als wij
getroudt waeren de 8 junijus 1633.«=]
[Illustration: Abb. 52. _Saskia am Fenster sitzend._ Angetuschte
Federzeichnung.]
Auch unter den Radierungen des Jahres 1634 befinden sich mehrere ganz
hervorragende Meisterwerke. Da ist zuerst das große Blatt »die Verkündigung
bei den Hirten« zu nennen. In prachtvoller waldiger Berglandschaft haben
die Hirten bei der Herde geruht. Da bricht aus einer dicht geballten Wolke,
die sich herabsenkt, ein Himmelslicht in die dunkle Nacht hinein, daß das
Vieh geängstigt aus dem Schlafe aufspringt und davonrennt. Auch die Hirten
fliehen, werfen sich nieder, blicken starr empor, während die Stäbe ihren
Händen entfallen. Auf den Rand der Wolke ist, von dem strahlenden Licht
durchschienen, dessen Urquell Scharen kleiner Englein jubelnd umkreisen,
ein Engel in weißen Gewändern getreten und spricht, die eine Hand zum
Himmel erhebend, die andere beruhigend ausstreckend, zu den Erschreckten
die Himmelsworte: »Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große
Freude« (Abb. 45). Ein wirkungs- und ausdrucksvolles Blatt schildert die
Begegnung des Heilandes mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Jesus sitzt
im Lichte der Abendsonne auf dem Rande des Brunnens, der sich an die
Trümmer eines ausgedehnten alten Bauwerks anlehnt; man glaubt zu hören, wie
von den Lippen des ermüdeten Wanderers milde, ernste Worte fließen, und das
Weib steht ihm gegenüber, äußerlich ruhig, aber innerlich bewegt, daß sie
vergißt, den Krug, den sie schon an der Kette befestigt hat, hinabzulassen;
in der Ferne erhebt sich die Stadt Sichar mit stolzen Gebäuden, und am
Abhang des Hügels steigen die Jünger empor, die sich wundern, daß ihr
Meister mit dem Weibe redet (Abb. 46). Ein kleines Blatt, wieder ein
Meisterwerk des Ausdruckes, stellt die Begebenheit mit den beiden Jüngern
zu Emmaus dar. »Der Tag hat sich geneigt,« und die Abendsonne scheint,
kräftige Schatten werfend, in den auf einer Seite offen gedachten Raum, wo
Christus mit den beiden Jüngern, die Stab und Wandertasche abgelegt haben,
an einem kleinen Tische sitzt. Eben hat der Heiland das Brot mit beiden
Händen gefaßt, um es zu brechen; »da wurden ihre Augen geöffnet«: starr
blickend schlägt der eine, der ihm gegenübersitzt, ein bäuerlich
aussehender Mann mit hoher Judenmütze, die Hände zusammen, und der andere,
ein würdevoller Greis, hält im Zerlegen des Fleisches inne, mit einem
Blick, der in das Innerste des Unbekannten dringen zu wollen scheint,
fragend, ob er wirklich der Gekreuzigte sei; um dessen Haupt aber flammt
ein mächtiger Strahlenkranz, der weit über die Bedeutung des sonst in der
Kunst gebräuchlichen Heiligenscheins hinausgeht; wir würden, auch wenn uns
der Vorgang ganz unbekannt wäre, doch nicht darüber im Zweifel sein können,
daß hier zwischen Sterblichen ein Überirdischer sitzt, der gleich
verschwinden wird (Abb. 48). Dies Verschwinden selbst hat Rembrandt einmal
darzustellen versucht in einer geistreichen Handzeichnung, die im Dresdener
Kupferstichkabinett aufbewahrt wird: in dem Augenblicke, wo die Jünger den
Christus erkannt haben, ist dieser ihren Blicken entschwunden, und sie
starren auf den leeren Stuhl, über dem noch ein geheimnisvoller Lichtglanz
zu schweben scheint. -- Im Gegensatz zu solchen Schöpfungen dichterischer
Gestaltungskraft stehen Blätter, die mit haarscharfem Realismus aus dem
Leben abgeschrieben sind, wie die lesende Frau, die sich in sonntäglicher
Muße so ganz in ihr Buch vertieft hat (Abb. 50). Ein ähnliches Meisterwerk
feinster Beobachtung führt uns das ganz hastig, augenscheinlich ohne Wissen
des Abgebildeten, in die Kupferplatte gekratzte Brustbild eines
Kartenspielers vor Augen (Abb. 39). Auch das seltene kleine Blatt mit der
Halbfigur eines vom Markte heimkehrenden jungen Mädchens (Abb. 41) ist ein
hübsches Beispiel der Augenblicksbilder, in denen Rembrandt zufällig in
seinen Gesichtskreis kommende Erscheinungen verewigte.
[Illustration: Abb. 53. _Selbstbildnis in gesticktem Sammetmantel und
Federbarett_, gemalt 1635. In der fürstl. Liechtensteinschen Galerie zu
Wien. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 54. _Weiblicher Studienkopf (Saskia)._ Radierung von
1635.]
[Illustration: Abb. 55. _Rembrandt und seine Frau._ In der königl.
Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 56. _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt um 1635, in der
Nationalgalerie zu London. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 57. _Die Austreibung aus dem Tempel._ Radierung von
1635. (Erster Plattenzustand.)]
[Illustration: Abb. 58. _Christus am Kreuz._ Radierung.]
Einen willkommenen Gegenstand des Studiums gab dem Meister
begreiflicherweise seine junge Frau. Eine reizende Silberstiftzeichnung,
die im Berliner Kupferstichkabinett aufbewahrt wird, zeigt uns Saskia am
dritten Tage nach ihrer Trauung, wie sie, den Kopf leicht in die Hand
gestützt, in heiterer Zufriedenheit unter ihrem breitrandigen Strohhute
hervorschaut, mit einem Blick, der nicht auf unbekannte Beschauer des
Blattes berechnet ist, sondern nur dem Zeichner selbst gilt (Abb. 51).
Merkwürdig ist bei diesem Blatte, daß in der Unterschrift zwar der Monat
richtig, aber sowohl der Tag als das Jahr unrichtig angegeben sind. Sollte
Rembrandt in der Freude seines Herzens ganz in der Zeitrechnung irre
geworden sein? Daß das Umgehen mit Zahlen nicht seine starke Seite war,
dafür bietet allerdings auch sein Briefwechsel mit dem Sekretär des Prinzen
von Oranien Belege. Thatsächlich fand Rembrandts Trauung mit Saskia, nach
dem Ausweis des Eheschließungsregisters des Amtes Bildt in Friesland, am
22. Juni 1634 statt. -- Eine spätere Zeichnung, mit Feder und Tusche ganz
flüchtig, aber sehr treffend hingeworfen, zeigt uns die junge Frau in
ganzer Gestalt, wie sie mit der häuslichen Schürze angethan am Fenster
sitzt, in dessen Nähe die aufgeschlagene Bibel lehnt (Abb. 52). Wie sich
selbst, so putzte Rembrandt auch seine Gattin gern mit allerlei
Kostümstücken aus der Garderobe seiner Werkstatt heraus. Er radierte ihr
Bild in den verschiedensten Beleuchtungen und Ansichten; besonders anmutig
erscheint sie auf dem seltenen Blatte, welches sie in gerader
Vorderansicht, wiederum die Hand an Stirn und Wange gelehnt, mit einem
leichten Schleier über den seitlich lose herabhängenden Haaren zeigt (Abb.
54).
[Illustration: Abb. 59. _Simson bedroht seinen Schwiegervater._ Gemälde von
1635, im königl. Museum zu Berlin. (Nach einer Photographie von Franz
Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 60. _Die Kuchenbäckerin._ Radierung von 1635.]
Es drängte Rembrandt, sein eheliches Glück in einem größeren Gemälde der
Nachwelt gleichsam urkundlich zu überliefern. So schuf er das weltberühmte
Doppelbildnis, welches die Dresdener Gemäldegalerie besitzt. In der Tracht
eines Kavaliers, den Raufdegen an der Seite, ein Sammetbarett mit wallenden
Straußenfedern auf dem langen, lockigen Haar, sitzt Rembrandt vor einer
reichbedeckten Tafel; mit der Rechten schwingt er ein Glas schäumenden
Weines empor, die Linke hat er um die Hüften der Gattin gelegt, die er auf
seinen Knieen wiegt. Mit ungebändigter Fröhlichkeit lacht Rembrandt in die
Welt hinein; mit starker Wendung des Halses sieht Saskia sich um und blickt
den Beschauer vergnügt, aber doch mit schicklicher Gemessenheit an. Ein
unbeschreiblicher üppiger Farbenreiz verklärt das Bild und verstärkt den
rückhaltlosen künstlerischen Ausdruck höchster Daseinsfreude (Abb. 55). Das
ganze Bild atmet Wohlleben; Saskia trägt kostbaren Juwelenschmuck, der
freilich nur einen geringen Teil vorstellt von den Schätzen, mit denen
Rembrandt das geliebte Weib überhäufte. Wir erfahren, daß im Jahre 1638
einige seiner Verwandten bei Gelegenheit einer an und für sich
geringfügigen Vermögensauseinandersetzung ihn laut anschuldigten, er habe
sein ganzes väterliches Erbteil in Schmuck und Prunk vergeudet, und daß er
deswegen -- freilich ohne Erfolg -- eine Verleumdungsklage gegen dieselben
anstrengte. -- Wir müssen dem Meister dankbar sein, daß er uns sein
Gesicht auch einmal im Sonnenschein der hellsten Fröhlichkeit gezeigt hat.
Denn sonst tragen die Bildnisse, die er im jugendlichen Mannesalter nach
sich selbst gemalt hat -- abgesehen von denjenigen, welche nicht seinen
natürlichen, sondern einen gemachten, eben für das betreffende Bild
angenommenen Ausdruck haben --, einen tiefen Ernst zur Schau. So zeigt uns
auch das um dieselbe Zeit wie das Dresdener Bild entstandene Selbstbildnis
in der Londoner Nationalgalerie, das eines der schönsten unter den schönen
ist, die ernst gedankenvollen Züge des klar und scharf beobachtenden, mehr
aber noch innerlich arbeitenden Künstlers (Abb. 56).
[Illustration: Abb. 61. _Jakob Cats_, Rechtsgelehrter, Dichter und
Staatsmann (nachmals Ratspensionär in Holland und Großsiegelbewahrer).
Radierung von 1635.]
Dem Jahre 1635, das wir mit Sicherheit als dasjenige der Entstehung des
Dresdener Doppelbildnisses ansehen dürfen, gehört ein ebenfalls in der
Gemäldegalerie zu Dresden befindliches Bild mythologischen Inhalts an: »Der
Raub des Ganymedes.« Der Liebling des Göttervaters ist als ein noch ganz
kleiner Knabe gedacht, der eben Kirschen essen wollte, als der Adler auf
ihn herabstieß, um ihn in die Lüfte zu führen; und nun schreit er ganz
erbärmlich und gibt seinem Schrecken in einer nicht näher zu beschreibenden
Weise Ausdruck. Da helfen uns nun freilich alle malerischen Vorzüge nicht
über die Ungeheuerlichkeit der Geschmacklosigkeit und über den
vollständigen Mangel an Formenschönheit hinweg. Das Bild ist der stärkste
Beweis, daß es Rembrandt gänzlich an Sinn und Verständnis für dasjenige
fehlte, was einer mythologischen Darstellung die Berechtigung geben kann.
Aber auch mit einem Gemälde biblischen Inhaltes, das er zu derselben Zeit
ausführte, war er nicht gerade glücklich. Wie Simson zu seinem
Schwiegervater, der ihm die Gattin vorenthält, die Drohworte spricht: »Ich
habe einmal eine rechte Sache wider die Philister, ich will euch Schaden
thun,« ist der Gegenstand des im Berliner Museum befindlichen Gemäldes.
Lange hat man geglaubt, dasselbe stelle eine Begebenheit aus dem Leben des
Herzogs Adolf von Geldern vor; aber der morgenländisch gekleidete Riese mit
der Überfülle des langen dunklen Haupthaares ist deutlich genug als Simson
gekennzeichnet (Abb. 59). Trotz des Mangels an unmittelbarer
Verständlichkeit und trotz der man möchte sagen geradezu unbehilflichen
Anordnung macht übrigens dieses Bild einen großartigen Eindruck durch die
Macht seiner Farbenwirkung.
[Illustration: Abb. 62. _Jan Uytenbogaard_, Prediger der Remonstranten-
(Arminianer-) Gemeinde. Radierung von 1635.]
Zu den Radierungen des Jahres 1635 gehört ein hochberühmtes Blatt:
»Christus reinigt den Tempel.« Es ist eine wuchtige Darstellung voll
bewegten Lebens. Christus, eine kraftvolle Gestalt, die wie eine Erinnerung
an eine Dürersche Figur aussieht, dringt in leidenschaftlicher Entrüstung
auf die Käufer und Verkäufer ein, die unbekümmert um die in einem höher
gelegenen Chorraum vor sich gehende feierliche gottesdienstliche Handlung
in den Hallen des Tempels ihren Schacher treiben; es ist ein seltsamer,
aber wirkungsvoller Gedanke, daß der Heiligenschein hier nicht das Haupt,
sondern die Faust des Erlösers umstrahlt, welche die Geißel schwingt. Die
Tische der Wechsler stürzen, das Geld rollt auf den Boden, auch Leute
stürzen hin in der Hast des Fliehens, während andere ihre Ware noch schnell
zu sichern bemüht sind; so rennen Menschen und Tiere -- denn auch
Viehhändler, nicht bloß Taubenkrämer, hat Rembrandt sich unter den
Verkäufern gedacht, die das Heiligtum entweihten --, die Gewänder des
Christus umkläfft, ohne sich doch an ihn heranzuwagen, ein häßlicher Köter.
Je länger man das Bild betrachtet, um so staunenswürdigere Einzelheiten
wird man entdecken, namentlich in den Gesichtern und Gebärden der
verschiedenen in ihrem Geschäft gestörten jüdischen Händler (Abb. 57).
[Illustration: Abb. 63. _Johannes Antonides van der Linden_, berühmter Arzt
und Professor an der Universität zu Leiden. Radierung.]
Von sonstigen biblischen Darstellungen gehört dieser Zeit wohl auch das
kleine Blatt mit der Kreuzigung an, das so überaus einfach und anspruchslos
komponiert ist und doch durch die sprechende Gegenüberstellung der
ohnmächtig zu Boden gesunkenen Mutter und des hilflos am Kreuze
emporgestreckten Sohnes eine so ergreifende Wirkung ausübt (Abb. 58).
[Illustration: Abb. 64. _Mann mit langen Haaren._ Radierung.]
Neben so tief empfundenen ernsten Schöpfungen fehlen auch die leichteren
Bilder aus dem Leben nicht; welche Fülle von Geist und Humor steckt in dem
kostbaren Straßenbild: »die Kuchenbäckerin« (Abb. 60).
Hauptprachtblätter finden wir unter den Bildnisradierungen des Jahres 1635.
Da sehen wir ein Brustbild eines alten Herrn von lebhaftem Temperament, mit
klugen, hell blickenden Augen unter der vieldurchfurchten Stirn, mit
sorgfältig ausgebürstetem Schnurrbart und einem schwarzseidenen Käppchen
auf dem kahlen Scheitel, die Schultern mit einem Pelzkragen bedeckt, auf
dem eine goldene Gnadenkette glitzert. Das ist Jakob Cats, der Dichter und
Staatsmann, der verdienstvolle Lehrer des Prinzen von Oranien, ein heute
noch unter dem Namen »Vater Cats« in Holland volkstümlicher Schriftsteller
(Abb. 61). Neben diesem Meisterwerk von Geist und Leben steht ebenbürtig
das zu malerischer Haltung und bildmäßiger Wirkung sorgfältig
durchgearbeitete Porträt des Remonstrantenpredigers Jan Uytenbogaard. Der
achtundsiebzigjährige Geistliche, der von 1599 bis 1614 zuerst Feldkaplan,
dann Hofprediger des Prinzen Moritz von Oranien gewesen, dann wegen seiner
Freundschaft mit Barnevelt und Grotius in Ungnade gefallen und nach
Frankreich geflüchtet war, seit dem Regierungsantritt des Prinzen Friedrich
Heinrich (1625) aber wieder in der Heimat geduldet wurde und der nun im
Haag lebte, blickt mit seinen ansprechenden Zügen, in denen die Spuren von
Sorgen und Kummer den Ausdruck väterlichen Wohlwollens nicht haben
verwischen können, vom Lesen der theologischen Schriften, die seinen Tisch
bedecken, auf und heftet die müden Augen auf den Beschauer (Abb. 62). Unter
der Radierung stehen von Hugo Grotius verfaßte lateinische Verse folgenden
Inhalts:
Dem die Gemeinde dereinst und das Kriegsvolk lauschte bewundernd,
Und, ward gleich er beschämt ob seiner Sitten, der Hof:
Vielfach umhergeschleudert, doch nicht von den Jahren gebrochen,
Also kehrt dir, o Haag, dein Uytenbogaard zurück.
Wir sehen aus solchen Bildnissen, daß Rembrandt mit den Besten und
Gebildetsten seiner Nation verkehrte. Neben dem rechtsgelehrten und
dichterisch begabten Staatsmann und dem überzeugungsmutigen Priester sei in
dieser Reihe der an der Leidener Hochschule wirkende berühmte Arzt Jan
Antonsz (oder, wie er als Gelehrter schrieb, Johannes Antonides) van der
Linden genannt, von dem Rembrandt wohl einmal bei Gelegenheit eines Besuchs
in seiner Vaterstadt -- die Jahreszahl ist nicht angegeben -- ein in
Haltung und Ausdruck so überaus liebenswürdiges Bildnis radiert hat (Abb.
63).
[Illustration: Abb. 65. _Der eingeschlafene Greis mit der großen Mütze._
Radierung.]
So groß auch die Fertigkeiten waren, welche Rembrandt erlangt hatte, seine
Studienübungen ließ er niemals ruhen. Wie einst Dürer es nicht verschmäht
hatte, die Feder eines Vogels oder das Fell eines Hasen zum Gegenstand des
gewissenhaftesten Studiums zu machen, so malte Rembrandt mit eingehender
Treue Zusammenstellungen lebloser Gegenstände, mannigfaltig gefiederte
Vögel u. dergl., um sich von der Natur in dem Geheimnis wohllautender
Farbenstimmungen belehren zu lassen. Vor allem aber blieb das menschliche
Antlitz der Gegenstand seines unausgesetzten Studiums. Neben Radierungen
nach verschiedenartigen Modellen (Abb. 64 und 65) legen zahlreiche
Handzeichnungen, bald mehr oder minder sorgfältig ausgeführt, meistens aber
ganz flüchtig hingeworfene Augenblicksbilder von seinem Eifer Zeugnis ab
(Abb. 66, 67, 68). Auch einer Karikatur begegnen wir gelegentlich unter
diesen Blättern, wie sie der Meister vielleicht einmal im fröhlichen
Gespräch im Freundeskreise hinzeichnete, um eine Persönlichkeit, von der
gerade die Rede war, allen erkennbar auch im Bilde vorzuführen (Abb. 69).
Am häufigsten sind unter Rembrandts Studienköpfen, mögen sie nun mit der
Feder, mit dem Stifte oder mit der Radiernadel gezeichnet sein, immer die
Juden. Allmählich fanden sich nun unter des Meisters Judenbekanntschaften
auch solche ein, die nicht als bezahlte Modelle oder als
Antiquitätenhändler, sondern als Auftraggeber mit ihm in Verkehr traten.
Das Bild eines Juden von großem Namen lernen wir in einer Radierung von
1636 kennen. Dieser Mann, der auf den ersten Anblick kaum einen jüdischen
Eindruck macht, zumal auch die Tracht von Bart und Kleidung nichts von den
damals den Juden eigenen Besonderheiten zeigt, sondern mit der allgemeinen
Mode übereinstimmt, und hinter dessen unbedeutend scheinenden Zügen mit den
schweren Augenlidern man erst nach längerem Betrachten einen lebhaften
Geist und den vielseitig begabten und geschulten Verstand eines großen
Gelehrten vermuten kann, ist Manasseh-ben-Israel (Abb. 70). Zu Lissabon im
Jahre 1604 geboren, war er als Kind mit seinem Vater nach Amsterdam
gekommen, wo so viele portugiesische Juden damals Zuflucht und Freiheit der
Religionsübung fanden; seine in jungen Jahren erworbene Gelehrsamkeit war
so groß, daß er im Alter von achtzehn Jahren zum Oberrabbiner einer der
drei Amsterdamer Synagogen ernannt wurde. Sein größter Ruhm war eine ganz
außergewöhnliche Sprachenkenntnis; außerdem war er Doktor der Medizin; er
hat zahlreiche Schriften, meist theologischen Inhalts, hinterlassen.
[Illustration: Abb. 66. _Alte Frau._ Handzeichnung in der Albertina zu
Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Die Jahreszahl 1636 lesen wir auch auf mehreren hervorragenden Radierungen
biblischen Inhalts. Da ist in einem kleinen Blatt der Tod des heiligen
Stephanus dargestellt. Schön ist da weder die Gestalt des jugendlichen
Glaubenszeugen, noch auch selbst der Linienzug der Komposition. Aber wie
diese rohe Menge mit wahrer Wonne den Schuld- und Wehrlosen steinigt, das
ist eine für alle Zeiten wahre Schilderung des zu rohen Leidenschaften
aufgehetzten Pöbels. An der zeichnerischen Behandlung sogar sieht man, wie
Rembrandt sich in seinen Gegenstand vertieft hat: man möchte sagen, daß
diese hastigen, hart und schroff gegeneinander stoßenden und sich
durchkreuzenden Strichlagen von Leidenschaft und zugleich von Widerwillen
gegen die rohe That beseelt sind (Abb. 71). Wie ganz anders ist die
Behandlung bei dem wundervollen Blatt, das die Rückkehr des verlorenen
Sohnes zum Gegenstande hat! Wie deutlich sieht man hier, daß die Hand des
Künstlers von hingebenden und innigen Empfindungen geleitet worden ist!
Niemals ist aber auch dieser so oft behandelte, künstlerisch so dankbare
Vorwurf in so rührender und ergreifender Schilderung bearbeitet worden. Wie
dieser verkommene, nur mit den notdürftigsten Lumpen bedeckte Mensch sein
von den Spuren des Lasters und des Elends entstelltes Gesicht, das aber
jetzt durch den Ausdruck der Reue und des durch die Vergebung
wiedergefundenen Friedens innerlich verschönt wird, an die Vaterbrust
drückt, und wie dieser Vater, erschüttert über den Anblick, den sein Sohn
ihm bietet, aber für kein anderes Gefühl zugänglich als für das der alles
vergebenden und vergessenden Freude über den Wiedergefundenen, mit großen
Schritten herbeigeeilt ist und sich liebevoll über ihn beugt, das ist ein
Meisterwerk der Seelenmalerei, das kaum seinesgleichen hat. Ebenso lebendig
sprechen die Empfindungen der Nebenpersonen zu uns. Die Mutter, die hastig
den Fensterladen aufstößt, ist noch nicht Herr geworden über die Gefühle,
die auf sie einstürmen; der Diener, der Schuhe und schöne Kleider für den
Ankömmling herbeibringt, weiß nicht, wohin er sehen und was er dazu sagen
soll, und hinter ihm erscheint der Bruder, unfähig, in seiner Miene den
Unwillen über die freundliche Aufnahme, die jener findet, zu verbergen.
Durch den Bogen des Hofthores sieht man ins Freie, wo ein Hügel mit einigen
Gebäuden die Aussicht beschränkt; es sind nur wenige Striche, welche die
Landschaft andeuten, aber sie genügen, um die Vorstellung in uns zu wecken,
daß der Heimgekehrte in weiter Wanderung über Berg und Thal gekommen ist
(Abb. 72).
[Illustration: Abb. 67. _Brustbild eines alten Mannes._ Handzeichnung in
der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Von der Emsigkeit, mit welcher der Meister studierte, legt ein Blatt mit
sechs Studienköpfen Zeugnis ab, die mit rücksichtsloser Ausnutzung des
Raumes, den die gerade bereit liegende Platte gewährte, zusammengedrängt
sind und sich gegenseitig den Platz streitig machen. Am weitesten
ausgeführt ist der mittelste von diesen Köpfen, und unschwer erkennen wir
hier die von ungebändigten krausen Löckchen umrahmten, sehr anmutig
aufgefaßten Züge von Frau Saskia (Abb. 73). Auf einem anderen Blatte aus
demselben Jahre 1636 finden wir Saskia in Gesellschaft ihres Gatten. Diese
zu allen Zeiten besonders hochgeschätzte Radierung bildet gewissermaßen den
Gegensatz zu dem Dresdener Gemälde; während dort die Lust des Genießens
geschildert ist, sehen wir hier, wie das liebende Beisammensein dem Ernst
der Arbeit keinen Abbruch thut. Es ist Abend; denn nur von einer oberhalb
des Bildes über dem Tische hängenden Lampe können wir uns die Beleuchtung
ausgehend denken. Saskia hat sich hingesetzt, um von des Tages Arbeit zu
ruhen; Rembrandt aber, der Unermüdliche, wechselt, indem er die Werkstatt
mit dem Wohngemach vertauscht, nur die Art seiner Thätigkeit; die Augen
durch ein breitrandiges Barett vor dem Lampenschein beschirmend, hat er
Papier oder Kupferplatte herbeigeholt, um den künstlerischen Eingebungen zu
folgen, die der Augenblick ihm bietet (Abb. 75).
[Illustration: Abb. 68. _Alter Mann lesend._ Handzeichnung in der Albertina
zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 69. _Alter Mann._ Handzeichnung in der Albertina zu
Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Zwei große Gemälde tragen die Jahreszahl 1636. Das eine derselben ist eine
»Danae« oder nach einer in jüngster Zeit vorgeschlagenen Bezeichnung eine
»Braut des Tobias.« Auf den Namen kommt es hier nicht an; es ist
schlechtweg ein entkleidet auf weichem Lager ruhendes junges Weib. Das Bild
befindet sich in der Ermitage zu Petersburg, die überhaupt eine größere
Anzahl Rembrandtscher Gemälde besitzt, als in irgend einer anderen Sammlung
vereinigt sind; »schreckliche Natur, unvergleichliche Kunst« -- so wird
dasselbe von den einen gekennzeichnet, während es anderen schlechthin als
eines der ausgezeichnetsten Meisterwerke dieser an Kunstwerken ersten
Ranges so reichen und leider so entlegenen Sammlung gilt und den
Venusbildern Tizians ebenbürtig genannt wird. Das andere große Gemälde
dieses Jahres, das sich in der gräflich Schönbornschen Sammlung in Wien
befindet (eine gute alte Kopie in der Kasseler Galerie), kann auch von den
begeistertsten Verehrern Rembrandts kaum bewundert werden. Es stellt die
Überwältigung Simsons durch die Philister dar. Über den zu Boden geworfenen
wehrlosen Helden, der mit Händen und Füßen um sich schlägt, stürzen die
Gegner im Eisenharnisch, und einer bohrt ihm den Stahl ins Auge, während
Delila mit den abgeschnittenen Haaren in der Hand triumphierend davonläuft.
Die Schilderung des Vorganges ist so grauenhaft wie häßlich, und was das
Schlimmste ist, die grauenhafte Häßlichkeit streift an das Lächerliche.
[Illustration: Abb. 70. _Manasseh-ben-Israel_, ein als Sprachgelehrter und
als Arzt berühmter portugiesischer Jude, Oberrabbiner zu Amsterdam.
Radierung von 1636.]
Demselben Jahr gehört wahrscheinlich die prächtige Figur des sogenannten
Bürgerfähnrichs an, der, ganz in Braun gekleidet, in stolzer Haltung
dasteht, die Rechte auf die Hüfte gestemmt, in der Linken eine über die
Schulter genommene Fahne, von deren weißlichem Seidenton der dunkle Kopf
sich wundervoll abhebt; in dem Gesicht dürfen wir wohl die ins kriegerisch
Derbe übersetzten Züge des Malers wiedererkennen (Abb. 74). Das Bild
befindet sich im Besitz der Baronin James Rothschild zu Paris (eine alte
Kopie in der Galerie zu Kassel). -- Von Bildnissen unbekannter Personen mag
das unübertrefflich vornehm aufgefaßte Brustbild eines augenscheinlich den
höchsten Ständen angehörenden jungen Mannes mit großem Spitzenkragen, in
der Londoner Nationalgalerie, in diese Zeit fallen (Abb. 77).
Das Jahr 1637 bringt uns wieder ein herrliches Selbstbildnis des Meisters,
das im Louvre aufbewahrt wird (Abb. 78). Eine Radierung dieses Jahres zeigt
uns das merkwürdig sprechende Bildnis eines unbekannten Mannes, eines
anscheinend kränklichen jungen Gelehrten, der mit sorgfältig gegen
Erkältung geschütztem Halse neben seinen Büchern sitzt, und dessen
nachdenklichem Gesicht man die Blässe seiner Hautfarbe ansieht (Abb. 76).
Ein anderes Blatt vereinigt drei reizend ausgeführte weibliche Studienköpfe
nach sehr verschiedenartigen Modellen (Abb. 79).
[Illustration: Abb. 71. _Die Steinigung des Stephanus._ Radierung von
1636.]
[Illustration: Abb. 72. _Die Rückkehr des verlorenen Sohnes._ Radierung von
1636.]
[Illustration: Abb. 73. _Sechs Studienköpfe_, in der Mitte Rembrandts Frau.
Radierung von 1636.]
Weiterhin ist dieses Jahr durch mehrere treffliche Kompositionen biblischen
Inhalts ausgezeichnet. Eine Radierung zeigt uns Abraham, wie er Hagar
verstößt. In reiche morgenländische Tracht gekleidet, steht der Patriarch
an der Schwelle seines Hauses; den einen Fuß hat er schon auf die unterste
Stufe der Eingangstreppe gesetzt, um in das Haus zurückzukehren. Denn eben
hat er zu Hagar, die, mit wenigen Habseligkeiten beladen, bitterlich
weinend von dannen zieht, während der kleine Ismael, mit einem Täschchen an
der Seite und einem Bündelchen in den Händen, ihr folgt, sein letztes Wort
gesprochen, und seine Handbewegung scheint zu sagen: Wir sind fertig
miteinander, dein Weinen rührt mich nicht mehr. Aus dem laubumrahmten
Fenster aber schaut Sara, und über ihre alten Züge fliegt ein unschönes
Lächeln; aber dieses siegesfrohe Lächeln gilt nicht der beseitigten
Nebenbuhlerin, sondern dem Gatten. Neben ihr sieht man im Schatten der
Hausthür das dickwangige Gesicht ihres Söhnchens, eines echten
Judenknäbleins (Abb. 80). -- Diesem Blatt ist eine reizvolle Federzeichnung
in der Albertina in Bezug auf die Kostümierung und auf das Verhältnis der
Figuren zur Landschaft so ähnlich, daß sie wohl in derselben Zeit
entstanden sein muß; sie stellt Juda dar, wie er der im sonnigen Grün am
Wege sitzenden Thamar seinen Ring und Stab zum Pfand gibt (Abb. 81). -- Dem
alten Testament ist auch der Stoff zu einem herrlichen Gemälde von 1637
entnommen, das sich in der Louvresammlung zu Paris befindet. Wie der Engel
Raphael die Familie des Tobias verläßt, ist der Inhalt der großartigen und
wirkungsvollen Darstellung. Eben hat der Engel sich zu erkennen gegeben,
und Vater und Sohn Tobias, die eben noch mit ihm wie mit einem guten
Freunde vor der Hausthür stehend gesprochen haben, sind auf die Kniee
gefallen, während eine Wolke sich herabsenkt, um den entschwebenden
Himmelsboten aufzunehmen. Mit unendlichem Staunen erkennt der junge Tobias,
dessen Blicken die schattende Wolke den Engel schon entzieht, das
überirdische Wesen seines Begleiters. Der greise Vater aber begreift
leichter das Wunder Gottes; mit gefalteten Händen hat er sich demütig zu
Boden geworfen. Er ist vom Himmelslicht scharf beleuchtet und so auch die
junge Frau, die neben der Mutter in der rebenumlaubten Hausthür erscheint,
und die, während ihr Gesicht noch das höchste Erstaunen spiegelt, die Hände
faltet und betet; die Mutter, ganz überwältigt und geblendet von der
Erscheinung, wendet sich ab, und die Krücke entfällt ihren zitternden
Händen (Abb. 82). Die Geschichte des Tobias war ein Lieblingsgegenstand
Rembrandts. Die Handzeichnungensammlung der Albertina enthält eine ganze
Reihe von Federzeichnungen Rembrandts aus verschiedenen Zeiten, welche
diese Geschichte behandeln. Da blicken wir in die dürftige, aber
behagliche Häuslichkeit der Eltern des Tobias. Die Mutter spinnt, der
blinde Vater sitzt in der Ecke des Kamins und spricht, um seinen Sohn
besorgt, zu dem Boten, der diesen geleiten will; auf den Wanderstab
gestützt steht der Engel -- dem Beschauer durch seine Lichtgestalt und die
Fittiche als solcher kenntlich -- dem Alten gegenüber und scheint seinen
Worten aufmerksames Gehör zu schenken; der junge Tobias steht zur
Wanderschaft gegürtet am Kamin, und sein Hündlein springt mit freudiger
Ungeduld an ihm empor (Abb. 83). Dann sehen wir, wie Tobias, sein Bündel am
Stock über dem Rücken tragend, an der Seite des Engels, dessen Gesprächen
er lauscht, durch eine baumreiche Landschaft wandert; das Hündlein fehlt
nicht, das mit ihm lief (Abb. 84). Eine ungemein reizvolle, feine
Zeichnung versetzt uns dann an das Ufer des Tigris, das durch Wiesen und
Gesträuch allmählich zu ferner liegenden Höhen hinansteigt. In ganz
kindlichem Schrecken hat Tobias die Füße aus dem Wasser zurückgezogen, als
er den Fisch erblickte, und drückt sich schutzsuchend gegen den Engel, der
in großer und ruhiger Haltung ihn anweist, den Fisch zu ergreifen (Abb.
85). Noch schöner ist das durch Tusche in malerische Wirkung gebrachte
Blatt, welches zeigt, wie Tobias unter der Aufsicht des Engels den
zappelnden Fisch aufschneidet und die heilbringenden Eingeweide
herausnimmt. Man kann sich nichts Poetischeres denken als diese sonnige
Uferlandschaft; man fühlt die Hitze des Tages, die das Hündchen antreibt,
seinen Durst mit begierigen Zügen zu löschen, und man glaubt im Schatten
der üppig wachsenden Bäume erfrischende Wasserluft zu atmen (Abb. 86).
[Illustration: Abb. 74. _Der Bürgerfähnrich._ Gemälde im Besitz der Baronin
Rothschild zu Paris. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in
München.)]
[Illustration: Abb. 75. _Rembrandt und seine Frau._ Radierung von 1636.
(Zweiter Plattenzustand.)]
Ein anderes Gemälde aus dem Jahre 1637, »Susanna im Bade,« im Museum im
Haag, nimmt den biblischen Stoff nur als Vorwand zur Darstellung
unverhüllter weiblicher Schönheit, freilich der Schönheit, wie sie
Rembrandt verstand, nicht als Formen-, sondern als Farbenreiz. Die
Nebenfiguren der beiden Alten sind nur durch den Kopf des einen, der
zwischen dem Gesträuch sichtbar wird, angedeutet. Susanna ist stehend
dargestellt, im Begriff ins Wasser hinabzusteigen; man sieht sie von der
Seite; das vorsichtig, wie um sich von der Einsamkeit des Ortes noch einmal
zu überzeugen, umschauende Gesicht ist dem Beschauer zugewendet. Die
unübertreffliche Lebenswahrheit, mit welcher die jugendliche Gestalt
dargestellt ist, würde nicht ausreichen, um dem Bilde das hohe
Schönheitslob zu spenden, das es thatsächlich verdient; aber wie die zarte
blonde Haut dieser Gestalt aus dem saftigen Dunkel der Büsche, die den
Hintergrund bilden, hervorleuchtet, das ist echteste Poesie.
[Illustration: Abb. 76. _Junger Mann, sitzend und nachdenkend._ Radierung
von 1637.]
Ein drittes Gemälde des nämlichen Jahres, das sich in der Ermitage zu
Petersburg befindet, hat seinen Stoff aus dem neuen Testament geschöpft. Es
behandelt das Gleichnis von den Arbeitern des Weinbergs: im Schein der
letzten Abendsonne sitzt der Herr des Weinbergs und hört dem einen Arbeiter
zu, der murrend spricht: »Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet,
und du hast sie uns gleich gemacht.« Durch die Macht des Ausdrucks, mit der
Rembrandt selbst das scheinbar ganz Undarstellbare anschaulich zu machen
wußte, verstand er es in ganz einziger Weise, die Gleichnisse des
Evangeliums zu verbildlichen und die Möglichkeit der Darstellung in Stoffen
zu finden, wo kein anderer eine solche Möglichkeit erblicken würde. So hat
er in zwei Zeichnungen, die jetzt weit voneinander getrennt sind, indem die
eine in der Sammlung des Herzogs von Aumale, die andere in der Albertina zu
Wien sich befindet, das Gleichnis von dem unbarmherzigen Knecht behandelt,
welches im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt wird. Auf dem einen
dieser Blätter sehen wir, wie der Knecht in demütiger Bitte, mit der
Gebärde der Anbetung vor dem Herrn auf die Kniee gefallen ist, der
nachrechnend über den Büchern sitzt, und wie dieser mit leicht gewendetem
Haupt und milder Handbewegung -- man glaubt ihn sprechen zu hören -- dem
Flehenden die Schuld erläßt. Das zweite Blatt (Abb. 87) zeigt uns die
nämlichen zwei Figuren; wieder kniet der Knecht am Boden, aber diesmal
kann er keine Vergebung mehr erwarten; denn zornig ist der Herr von seinem
Sitze aufgestanden, und die nämliche Hand, die vorhin Gnade gewährte, ist
jetzt zum erbarmungslosen Urteilsspruch über den Unbarmherzigen erhoben,
der unter der Wucht des Urteils zusammenknickt.
[Illustration: Abb. 77. _Männliches Bildnis._ In der Nationalgalerie zu
London. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 78. _Selbstbildnis Rembrandts_, gemalt 1637. Im Museum
des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 79. _Drei Studienköpfe._ Radierung von 1637.]
Die Entstehungszeit der Handzeichnungen läßt sich meistens nur ganz
annäherungsweise vermuten, da bei der Mehrzahl derselben die leicht und
schnell hingeschriebenen Züge hierfür keine ausreichenden Merkmale bieten;
und Jahreszahlen hat Rembrandt diesen Skizzen selten beigefügt. Die
Jahreszahl zu vermerken hat der Meister für der Mühe wert gehalten, als er
1637 Gelegenheit hatte, einen Elefanten nach dem Leben zu zeichnen. In den
Städten Hollands, das damals den ganzen überseeischen Handel beherrschte,
und insbesondere in Amsterdam, wurden wohl öfter als irgendwo anders
ausländische Tiere zur Schau gestellt, und Rembrandt, der das Studium um
des Studiums willen liebte, suchte mit dem Skizzenbuch in der Hand solche
Schaustellungen auf. Den Elefanten hat er ganz meisterhaft gezeichnet;
nicht nur das Ganze der Erscheinung, sondern auch die Eigentümlichkeit der
Haut ist mit unübertrefflicher Charakteristik wiedergegeben (Abb. 89).
Flüchtiger, aber ebenso treffend hat Rembrandt einmal einen Löwen nach dem
Leben gezeichnet (Abb. 88). Daß er auch das Kamel, mit dessen Darstellung
sonst die Maler alttestamentlicher Gegenstände manchmal so sehr wenig Glück
gehabt haben, nach der Natur studiert hat, beweist uns die reizvolle
Zeichnung mit der Begegnung von Elieser und Rebekka am Brunnen. Das
liebenswürdige Blättchen, welches sich ebenso wie die vorgenannten
Studienzeichnungen in der Albertina, der an Rembrandtschen Handzeichnungen
reichsten Sammlung, befindet, ist in einzelnen Teilen, wie in der Figur des
ermüdet dasitzenden Mannes, sorgfältig durchgebildet, in anderen, wie in
den unter schattigen Bäumen sich um die Tränke drängenden Tieren, nur
flüchtig angelegt, und da es sehr zart gezeichnet ist, enthüllt es uns
nicht gleich beim ersten Anblick seine ganze Schönheit; haben wir uns aber
erst einmal hineingesehen, so entzückt es uns als ein köstliches
idyllisches Gedicht (Abb. 90).
[Illustration: Abb. 80. _Abraham verstößt Hagar._ Radierung von 1637.]
Zahme Tiere studierte Rembrandt häufiger mit der ganzen ihm eigenen
Sorgfalt; solche Studien führte er gelegentlich auch auf der Kupferplatte
aus. Ein Beispiel ist der, wie man heute sagen würde, mit photographischer
Treue wiedergegebene schlafende Hund (Abb. 91).
[Illustration: Abb. 81. _Juda und Thamar._ Handzeichnung in der Albertina
zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in
Dornach i. E. und Paris.)]
Zu den biblischen Erzählungen, welche auf Rembrandt eine ganz besondere
Anziehung ausübten, gehören neben der Geschichte des Tobias diejenigen des
Simson und des ägyptischen Joseph. Mit beiden beschäftigte er sich im Jahre
1638. Den zwei vorhergegangenen lebensgroßen Gemälden aus der Geschichte
Simsons ließ er ein figurenreiches Bild folgen, welches das Hochzeitsfest
des Helden zum Gegenstand hat. Die Dresdener Galerie besitzt dieses mit
einem wunderbaren Zauber der von den zartesten leuchtenden Perlmuttertönen
zu den glühendsten, goldig-purpurnen Tiefen abgestuften Farbe bekleidete
Gemälde. Durch die Farbe allein schon empfangen wir den Eindruck vornehmer
festlicher Pracht, und wir vergessen darüber die Seltsamkeiten in der
Darstellung der Personen. Den lichten Mittelpunkt des Gemäldes bildet die
im reichsten bräutlichen Schmucke prangende Tochter des Thimnithers; die
stolze Gelassenheit, mit der sie unter dem prächtigen Thronhimmel sitzt,
läßt uns die Kaltblütigkeit ahnen, mit der sie das Rätselgeheimnis Simsons
ihren Landsleuten verraten und sich dann von ihrem Vater einem anderen
Manne geben lassen wird. Zu ihrer Linken hat Simson auf breitem,
kissenbedecktem Ruhesitz seinen Platz am Kopfende der Tafel; mit
ungeschlachter Bewegung hat er seine wilde Kraftgestalt herumgedreht und
gibt, mit Mund und Händen sprechend, den Philistern das Rätsel auf, das ihm
nur ein Vorwand zum Händelsuchen ist; wie die Umstehenden ihm zuhören -- da
ist jeder Kopf wieder ein Meisterwerk des Ausdrucks. Weiter unten an der
reich besetzten Tafel geben die geputzten Gäste in bunter Reihe sich der
zwanglosesten Lustigkeit hin, -- »wie die Jünglinge zu thun pflegen,« im
damaligen Holland nämlich, bei den ausgelassenen Gelagen, welche dort an
der Tagesordnung waren. Es liegt eine Stimmung der Berauschtheit über dem
Gemälde, in den Figuren und in der Farbe, und die kalte Erscheinung der
Braut wird dadurch doppelt scharf hervorgehoben (Abb. 92). -- Der
Geschichte des ägyptischen Joseph gehört eine der berühmtesten Radierungen
Rembrandts an: »Joseph erzählt seine Träume.« Das unmittelbar Sprechende
des Ausdrucks bei den verschiedenen Personen, die innerliche Erregung
Josephs, der beim Erzählen sich besinnt, um nicht das Geringste ungenau
wiederzugeben von dem Merkwürdigen, das er geträumt hat, der nachdenkliche
Ernst des im Lehnstuhl sitzenden greisen Israel und der altersmüden, auf
dem Bette ruhenden Lea, alle Abstufungen der Mißgunst bei den Brüdern, die
teils mit der Aufmerksamkeit des Neides lauschen, teils spöttisch
untereinander zischeln, und von denen nur der junge Benjamin ohne Arg und
ohne Falsch, mit rein kindlicher Neugier dem Erzähler über sein Lesebuch
hinweg zuhört, -- und nicht minder die reizvolle malerische Wirkung des
Blattes rechtfertigen in vollstem Maße dessen alten Ruhm, der schon bei
Lebzeiten Rembrandts so groß war, daß man, wie ein Zeitgenosse erzählt, in
den Kreisen kunstsinniger Leute für ungebildet galt, wenn man nicht
mindestens zwei Abzüge davon besaß, ein »Josephchen mit dem weißen Gesicht«
und ein »Josephchen mit dem schwarzen Gesicht.« Auf den Abzügen nämlich,
welche Rembrandt von der Platte in ihrem ersten Zustand genommen hat, ist
bei dem hinter Joseph stehenden Bruder mit dem Turban auf dem Kopfe und dem
Sammetmantel um die Schultern das Gesicht hell beleuchtet. Als aber eine
Anzahl von Abzügen hergestellt war, veränderte Rembrandt die Platte, indem
er über jenes Gesicht, einen Teil des Turbans und die auf der Brust
sichtbare Unterkleidung kräftige Schattentöne legte und im Anschluß daran
die beiden benachbarten Gesichter und den anstoßenden Teil des
Hintergrundes, Thür und Vorhang, mehr oder weniger abtönte (Abb. 93). Bei
dieser Behandlung hat das »schwarze Gesicht« gegen das weiße entschieden an
Ausdruck verloren, aber der Hervorhebung der Hauptfigur kommt die Änderung
wesentlich zu gute. Übrigens wußte Rembrandt nicht bloß durch nachträgliche
Bearbeitungen der Kupferplatte derartige Abwandlungen in eine Radierung zu
bringen, daß die verschiedenartigen Abdrücke von den Sammlern wie
verschiedenartige Werke geschätzt wurden und heute noch geschätzt werden.
Auch die von ein und demselben Zustand einer Platte gezogenen Abdrücke sind
bei wirkungsvollen Blättern häufig voneinander verschieden. Denn Rembrandt
druckte seine Radierungen eigenhändig, und indem er hier den Ton
verstärkte, dort milderte, erzielte er neue künstlerische Reize und
Mannigfaltigkeiten der Wirkung. Wenn das Gerücht umging, er besitze
Geheimnisse der Kupferstecherkunst, die keinem anderen bekannt seien, so
bestand das Geheimnis außer in seinem Genie eben nur darin, daß er, selber
druckend, auch beim Druck noch als schaffender Künstler zu Werke ging.
[Illustration: Abb. 82. _Der Engel verläßt Tobias._ Gemälde von 1637, im
Nationalmuseum des Louvre. (Nach einer Originalphotographie von Braun,
Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 83. _Die Abreise des Tobias._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 84. _Tobias und der Engel._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Von Bildnissen tragen nur wenige die Jahreszahl 1638. Man darf annehmen,
daß die Fertigstellung der vom Prinzen von Oranien bestellten Folge von
Gemälden mit der Erlösungsgeschichte jetzt seine Zeit fast vollständig in
Anspruch nahm.
Zu den wenigen Bildnissen, zu deren Ausführung er zwischendurch noch Zeit
fand, gehört vielleicht das in der Ermitage zu Petersburg befindliche Bild
seiner Mutter. Rembrandt hatte seine bejahrte Mutter in den letzten Jahren
ihres Lebens -- sie starb im September 1640 -- mehrmals abgemalt. In
wunderbarer Weise wußte er in der Haltung und den Zügen der ehrwürdigen
Frau den klaren Seelenfrieden eines ruhigen, gottergebenen Greisenalters
zur Anschauung zu bringen. Eines der letzten ihrer Bildnisse, von 1639,
besitzt die Wiener Hofgemäldesammlung, ein ausgezeichnetes Bild, welches
die alte Dame in einer dem Geschmack ihres Sohnes entsprechenden reichen
Kleidung, beide Hände auf einen Stab stützend, zeigt.
[Illustration: Abb. 85. _Tobias erschrickt vor dem Fisch._ Handzeichnung in
der Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément
& Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Unter den übrigen Gemälden des Jahres 1639 ragt das in lebensgroßer ganzer
Figur ausgeführte vornehme Bildnis eines in schwarzen Atlas gekleideten
Mannes in der Kasseler Galerie hervor.
Aus dem letzten der Briefe, welche Rembrandt in der Angelegenheit seiner
für den Prinzen von Oranien gemalten Bilder an dessen Sekretär Constantin
Huigens richtete, erfahren wir, daß er Anfang 1639 diesem Herrn aus
Erkenntlichkeit für das Wohlwollen und die Zuneigung, die er ihm bewiesen
hat, ein Gemälde schenkt. Den Gegenstand des geschenkten Bildes nennt
Rembrandt nicht; aber er bittet den Empfänger, dasselbe in sehr heller
Beleuchtung und so, daß man es auf große Entfernung sehen könne,
aufzuhängen.
Bei der Ablieferung eben der vom Statthalter bestellten Gemälde wurde
Rembrandt mit einem Manne bekannt und, wie es scheint, auch befreundet, der
für ihn insofern von besonderer Wichtigkeit war, als aus seinen Händen der
Schatzmeister des Prinzen die Mittel empfing, um Rembrandt zu bezahlen. Das
war der Steuereinnehmer der Staaten -- Obersteuerdirektor würden wir sagen
-- Pieter Uytenbogaerd. Dessen Bild führte Rembrandt alsbald in einer
prachtvollen Radierung aus. Uytenbogaerd -- nicht zu verwechseln mit dem
gleichfalls von Rembrandt abgebildeten gleichnamigen Prediger -- ist in
seiner amtlichen Thätigkeit dargestellt. Er sitzt in einem Gemach, dem,
trotzdem daß es nur der dienstlichen Arbeit dient, ein gewisser Aufwand
der Ausstattung nicht fehlt: der Arbeitstisch ist mit einer prächtigen
Decke bekleidet, und an der Wand hängt ein ziemlich großes Gemälde, das die
Errichtung der ehernen Schlange in der Wüste vorstellt. Aber das Gemälde
wird unseren Augen zum Teil entzogen durch ein unter der Zimmerdecke im
Handbereich des Einnehmers angebrachtes Aktengestell, von dem die Goldwage
über den Tisch herabhängt; und auf der schönen Tischdecke stehen schwere
Geldsäcke und ein schmuckloses kleines Pult zur Aufnahme des großen
Eintragebuches, in welches der seinem Stande gemäß sehr reich gekleidete
hohe Beamte Zahlen an Zahlen reiht. Er hält die Feder in der Rechten und
reicht mit der Linken eines der Säckchen, dessen Gewicht eben festgestellt
worden ist, einem jugendlichen Diener, der dasselbe kniend -- der junge
Freistaat hatte noch nicht alle Überbleibsel strenger spanischer Etikette
abgeschafft -- in Empfang nimmt. Auf dem Fußboden sehen wir eine große
eisenbeschlagene Kiste und mehrere Fässer, von denen eins, mit dem daneben
liegenden Hammer geöffnet, seinen aus Geldstücken bestehenden Inhalt
erkennen läßt. Im Hintergrunde blicken wir durch eine Art Schalter in einen
Vorraum, wo mehrere Personen auf ihre Abfertigung durch den Herrn Einnehmer
warten (Abb. 94).
[Illustration: Abb. 86. _Tobias nimmt den Fisch aus._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Sein eigenes Bildnis hat uns Rembrandt in diesem Jahre in der herrlichen
Radierung gegeben, welche wohl das von all seinen Selbstbildnissen am
meisten bekannte ist: »Rembrandt mit dem aufgestützten Arm.« Der Meister
steht oder sitzt hinter einer am unteren Rand der Platte angegebenen
Brüstung und lehnt sich auf dieselbe mit dem linken Arm, um den der
bestickte Schultermantel malerisch herumgenommen ist; die rechte Hand hat
er in die Brust gesteckt, und den Kopf, den ein keck auf das rechte Ohr
geschobenes Barett bedeckt, wendet er über die linke Achsel dem Beschauer
zu. Die nachdenkliche Stirn ist schon furchig geworden, und die Gewohnheit
prüfenden Sehens hat die Haut über den Augenlidern herabgesenkt; aber trotz
solcher Zeichen scheidender Jugend spricht die höchste Frische des Geistes
und des Körpers aus diesem Gesicht, das die noch unverminderte Lockenfülle
in üppiger Länge einrahmt und das neben dem Schnurrbart ein spitzer
Kinnbart ziert. Dies ist das Gesicht, welches den meisten modernen
Darstellungen von Rembrandts Person zu Grunde liegt; auch zu dem Standbild,
welches dem Meister im Jahre 1852 zu Amsterdam errichtet worden ist, hat es
gedient. Ein anderes Selbstbildnis, das wohl nicht viel später entstanden
ist, sondern nur durch den Ausdruck, in dem eine gemachte Strenge mit
natürlicher Ermüdung streitet, die Züge älter erscheinen läßt, gibt uns den
ungewöhnlichen Anblick, daß Rembrandt seinem Bartwuchs an Kinn und Wangen
volle Freiheit gelassen hat. Gesicht und Haare sind hier mit besonderer
Feinheit ganz köstlich ausgeführt, und meisterhaft sind die verschiedenen
Stoffe gekennzeichnet, der Sammet des mit einer Straußenfeder geschmückten
Baretts, die Seide und die Goldtressen des pelzgefütterten Mantels (Abb.
95).
[Illustration: Abb. 87. _Der unbarmherzige Knecht._ Handzeichnung in der
Albertina zu Wien. (Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément &
Cie. in Dornach i. E. und Paris.)]
Ein sehr fremdartiger Gegenstand begegnet uns unter den Radierungen des
Jahres 1639. »Die Jugend vom Tod überrascht« heißt das Blatt. Vor einem
jungen Herrn und einer jungen Dame in gewählter Modetracht taucht plötzlich
der Tod als Gerippe mit Sense und emporgehobener Sanduhr aus dem Boden auf.
Sicherlich ist Rembrandt durch den Anblick der Totentanzbilder Holbeins,
dessen Holzschnitte einen Bestandteil seiner sehr umfangreichen
Kunstsammlung bildeten, zu dieser Phantasie angeregt worden.