Schloß Carnin

Ich, Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, erzähle eine Geschichte. Ich

spiele eine traurige Rolle darin, dennoch erzähle ich sie.

Ich war zu Gast bei dem Grafen Lockwitz auf Schloß Carnin. Das Schloß ist

ein altes Herrenhaus mit hohen Fenstern und einer Terrasse vor der

Auffahrt. Auf dieser Terrasse saßen wir oft. Sie war das Zentrum, wo man

sich traf, -- hier nahmen wir den Kaffee nach Tisch, hier saßen wir an den

Abenden, in leichte Mäntel gehüllt, plauderten und pafften blauen Rauch in

die Luft, während aus den Wiesen das Gebrüll weidender Kühe herüberdrang

oder vom Dorfe her ein Lied der jungen Mädchen, die durch den Abend

gingen.

Ein runder Rasenplatz, von Kieswegen eingefaßt, lag vor der Terrasse. Dann

ging der Blick in eine Allee gekappter Linden, welche die Zufahrt zum

Schlosse bildete. Hinter der Allee sah man Felder und in ihnen eine Mühle

mit Sparrenflügeln. Der Raps blühte in den Feldern, zitronengelb, und

Wolken seines Duftes quollen herüber, wenn ein Luftzug kam. Zu beiden

Seiten des Schlosses lag der Park. Er hatte köstliche alte Bäume, die weit

in das Land ragten, und war von einem Gewässer durchflossen, das sich an

manchen Stellen teichartig erweiterte, und in dessen versteckten Winkeln

giftgrüne Algen und unentwirrbarer Froschlöffel wucherten. Hatte man den

Park durchwandert, so kam man an den Deich. Und war man den Deich

hinangestiegen, so blickte man in die Niederung der Elbe, in der Weiden an

schmalen Wasserprielen wuchsen und wilde Enten flogen. Ganz hinten, ein

silbergraues Band, sah man den Fluß. Große Schiffe fuhren auf ihm zu Tal,

gespenstisch wie Phantome, und in der Ferne, meilenweit, ahnte man das

Meer.

Pfingsten stand bevor; es fiel in die zweite Juniwoche. Ich wollte das

Fest noch auf Carnin verleben, dann wollte ich Abschied nehmen von diesem

einsamen Haus, von diesem Park und diesen Menschen, die mir teuer waren.

Ich hatte mancherlei auf Carnin gemalt. Der Graf war kunstliebend und

zeichnete mit Geschmack. Wir saßen oft vor den gleichen Motiven, ich malte

und er zeichnete. Die Gräfin, scheinbar jünger als ihre Jahre, war

musikalisch. Nicht selten, wenn ich im Park saß, drangen ihre Melodien

herüber: sie spielte Klavier und sang mit einer seelisch bewegten Stimme.

Zuweilen sang sie auch kleine Lieder zur Laute, abends, wenn wir auf der

Terrasse saßen. Tagsüber widmete sie sich ihren Kindern. Die älteste

Tochter, Komteß Anna, war siebzehn Jahre alt und schien eher die Schwester

der Gräfin zu sein. Auch äußerlich ähnelte sie der Mutter, nur daß sie

größer war. Ja, wenn die beiden schlanken Gestalten Arm in Arm durch den

Garten gingen, und man sah sie von weitem, so hätte man schwören mögen,

daß sie Schwestern seien.

Dann kam ein dreizehnjähriges Komteßlein namens Charlotte, ein ernstes

Kind mit zarten Gliedern und einem regen Geist. Sie machte Verse und

schrieb sie in ein rosaseidenes Buch, sie ging oft allein und nachdenklich

unter den Bäumen des Parkes oder fuhr in der Gondel, Blumen im Schoß, und

man hörte dann, wenn man in der Nähe vorüberging, wie sie sang. Sie war

ein reich und fast zu frühe entwickeltes Kind, und ihre träumerischen

Augen waren oft weit entfernt, in heimlichen Regionen der Wünsche und der

Gedanken. Sie hatte Tage, an denen sie sich müde fühlte und bleich aussah,

und gerade an solchen Tagen trieb es sie, ihre Verslein zu dichten und

sich einsamen Gedanken hinzugeben. Wir hatten Freundschaft geschlossen und

wandelten häufig zusammen die Lindenallee hinunter in die Felder,

pflückten Feldblumen und sahen den Flügeln der Mühle zu, die, wenn man

näher kam, unheimlich durch die Luft rauschten und knarrten, so daß man,

wenn es gerade dämmerte, Angst verspürte und am liebsten schnell

davongelaufen wäre.

Ferner gab es zwei Buben von acht und zehn Jahren, Fred und Klaus, zu

allen tollen Streichen aufgelegt, zu denen sie nicht selten auch mich zu

verführen suchten. Sie wurden von einem Hauslehrer unterrichtet, einem

jungen blauäugigen Theologen aus Husum. Außerdem war eine Gouvernante da,

ein gescheites Wesen, das mehr zu beobachten als mitzuerleben liebte. Das

waren die Menschen auf Schloß Carnin.

Ich hatte die blonde Charlotte gemalt, wie sie auf einer Bank unter einer

blühenden Kastanie saß, dicht neben dem Schloßgraben, über den eine weiße

Brücke führte. Ich hatte die beiden Jungen gemalt, wie sie im Grase lagen.

Und in der Dämmerung hatte ich das Schloß gemalt, als ein graues,

mystisches, weltentlegenes Haus, mit den weißen, geheimnisvollen Gestalten

der Gräfin und der Komteß Anna auf der Terrasse. Dies Bild schien mir das

beste zu sein, das ich auf Carnin gemacht hatte. Es hatte etwas

Mystisches, die Luft der Dämmerung war weich und lau, man spürte den

Frühling darin.

Nun kam Pfingsten. Komteß Anna erwartete den Besuch einer Freundin, der

Graf den eines jungen Freundes, eines Assessors aus der Kreisstadt. Zwei

Tage vor dem Fest kamen die beiden an. Die Komteß war ihrer Freundin bis

zur Eisenbahnstation entgegengefahren. Es war gegen Abend, ich hatte bei

Tag im Sonnenlicht gemalt, nun schlenderte ich mit Charlotte durch den

Park, dann durch die Felder, wo wir im Westen die Glut des Himmels

anstaunten, in der ungeheure goldene Wolken schwammen. Charlotte hatte ein

leichtes Sommerkleid an, das die dünnen Ärmchen freiließ. Die Luft war

schwül und windstill, und der gelbe Raps duftete verschwenderisch. Wir

gingen schweigend. Da fuhr die Kleine plötzlich auf, wies zur Landstraße

hinüber und rief: »Sie kommen!«

Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, eine Staubwolke schwebte hinter

ihm. Charlotte und ich faßten uns bei der Hand und liefen zur Landstraße

hinüber. Dort pflanzten wir uns auf und winkten mit den Taschentüchern,

während der Wagen vorüberfuhr. Auch Komteß Anna winkte und die Freundin

und der Assessor. Die Freundin war schwarzhaarig, sie hatte schöne, freie

Augen und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres und Feines an ihr,

eine bezaubernde Anmut. Ich sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung.

Ein feines Kind, dachte ich, das wäre etwas für deinen Pinsel, Tedrahn!

Ich schlenderte mit Charlotte zum Schloß zurück. Wir hatten den Wagen so

lange vor uns, bis er in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs

Blumen gepflückt, sie gab mir davon ab, als ich auf mein Zimmer ging, um

mich zum Essen umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, sondern

in einem alten weißen Hause, das quer daneben lag, und das man das

»Kavalierhaus« nannte.

Als ich dann zum Schloß hinüberschritt, stand Komteß Anna mit ihrer

Freundin auf der Terrasse. Die Komteß hatte ein weißes Tuch um die

Schultern und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin war kleiner von

Gestalt. Ich wußte, daß sie auch siebzehnjährig war. Sie hatte ein

bordeauxrotes Tuchkleid an, das Haar lag ihr üppig im Nacken. Ich schritt

die Stufen zur Terrasse hinauf, Komteß Anna stellte vor: »Herr Konrad

Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, Fräulein Leonore Helfinger aus Lübeck.«

»Ah, Lübeck!« sagte ich sofort, »ich kenne die Stadt und liebe sie. Wie

lebt man dort eigentlich? Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?«

In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas lässig, sie war ja

siebzehn Jahre alt, also ein Kind.

»Nein«, entgegnete sie in gleichgültigem Ton, »ich gehe nicht viel aus.«

Sie wendete sich wieder an die Komteß und plauderte mit ihr, als ob ich

nicht vorhanden sei.

'Etwas eigensinnig', dachte ich, -- 'aber schön, mit allen Reizen der

Jugend, feingliedrig und stolz, vielleicht etwas hochmütig. Hier ist etwas

zu tun, Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten Kopf mit dem

schwarzen Haar und den Augen des erwachenden Mai, -- wo bringe ich ihn

hin? Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor den blauen Himmel, der

von dünnen, weißen, wehenden Wolken bewegt ist? Ich möchte sie tanzen

sehen, ich möchte auch sehen, wie sie läuft. Ich möchte die Bewegungen

ihres Körpers sehen, die Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft,

beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.'

Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende Malereien. Ich verwünschte

es im stillen, daß Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, denn ich

fühlte, sie würde mich malerisch beschäftigen, ich würde Bilder der

Phantasie komponieren, während ich mit meinen wirklichen Bildern während

dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun hatte. Denn in drei Tagen

mußte ich reisen, also wozu diese unnütze Verwirrung in meiner Arbeit.

Ein Diener erschien in der Glastür und bat zu Tisch. Wir gingen hinein,

die andern waren schon in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf machte

mich mit dem Assessor bekannt. Man begab sich in das schöne Eßzimmer, in

dem schon die Lichter brannten und die Gardinen gegen den Park zu

herabgelassen waren. Ich hatte meinen alten Platz neben der Gräfin,

Leonore Helfinger saß mir schräg gegenüber. Der Graf begrüßte sie und den

Assessor, indem er sein Glas erhob. Es wurde Champagner getrunken, wie

immer, wenn ein neuer Gast aus Carnin einzog.

Ich sagte leise zur Gräfin: »Die kleine Helfinger ist ja wundervoll. Durch

meinen Kopf schwirren Bilder auf Bilder, wie ich sie malen möchte.«

»Ich kenne sie kaum«, sagte die Gräfin, »nur aus Annas Erzählungen. Die

Mädchen haben die Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist schön

zu nennen.«

Nach Tisch warfen wir die Mäntel über und gingen auf die Terrasse. Die

Herren rauchten englische Zigaretten. Auch Komteß Anna zündete sich eine

Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl zurück und stieß kleine

Wölkchen in die Luft. Leonore stand am weißen Geländer der Terrasse und

sah in den Abend. Es war ein schöner Abend, im Dorf Carnin sangen die

Mädchen wieder, der Mond stand am Himmel. Der Graf und der Assessor kamen

in ein Gespräch über Brahms. Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man

hörte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema angeschlagen wurde.

Charlotte stand neben mir und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen

geschoben.

»Heute steht der Mond schon über dem Kavalierhaus«, sagte sie, »gestern

stand er noch über den gescheckten Ulmen.«

Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit fast strengem Mund hinauf, --

aber so streng dieser Mund erschien, es lag etwas Schwärmerisches um ihn

her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich das Mondlicht auf den feuchten

jungen Lippen brach. Der Mond stand über dem Dach des Kavalierhauses und

wandelte dem riesigen Wipfel einer Kastanie zu. Nicht die mindeste

Bewegung lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der geöffneten Glastür

lehnte, sagte etwas von allzu lauen Frühlingsnächten, es würde einen

regnerischen Sommer geben.

»Wir sollten eine Gondelfahrt machen«, schlug die Gräfin vor.

Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, aber gerade sie mußte

zurückbleiben, da ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu kühl für

sie. Wir verließen die Terrasse: die Gräfin, Komteß Anna, Leonore und ich.

Wir schritten um das Schloß herum und durch den dunklen Park hinab zum

Teich.

Die Gräfin setzte sich an das Steuer des Bootes, ich nahm die Ruder. Wir

trieben sacht dahin. Mitunter hörten wir am Ufer ein Plumpsen, es waren

aufgeschreckte Frösche, die in das Wasser sprangen. Leonore und Komteß

Anna saßen dicht vor mir, der Mond schien in ihre Gesichter. Ich spürte

den Duft dieser frischen, jugendlichen Gestalten. Leonore hatte ein grünes

Jäckchen an, ihr Kopf war unbedeckt. Sie sah herrlich aus. Einmal merkte

ich, wie sie zusammenschauerte. Es war die Abendluft über dem Wasser. Ich

lenkte zum Bootssteg zurück.

Plaudernd schritten wir über den Rasen zum Schloß hinan. Leonore lachte

ein paarmal hell auf, ich weiß nicht mehr worüber. Das Lachen höre ich

noch, es war wie das Plätschern eines Brunnens. Ich fühlte immer

deutlicher, daß ich sie malen müßte. Als ich ihr Gutenacht wünschte, sagte

sie: »Morgen zeigen Sie mir Ihre Bilder.«

»Gewiß!« sagte ich. Meine Augen umfingen ihren Kopf mit dem schwarzen Haar

wie ein Gemälde.

In meinem Zimmer brannte die Lampe schon. Ich setzte mich hin, nahm Kreide

und Papier und suchte den Umriß von Leonores Kopf zu zeichnen. Dann machte

ich einen Umriß von ihrer ganzen Figur. Dann wieder nur die Stirn mit dem

Haar. Dann strich ich alles aus, da alles Unsinn war.

Ich zündete eine Zigarette an und schritt im Zimmer auf und ab. Ein

schöner Kopf, ein süßer Kopf. Am schönsten so: halbes Profil und ein klein

wenig nach unten geneigt. Bei Tisch hatte ich sie so gesehen und dicht vor

mir im Kahn. So, dachte ich, müßte sie mir einmal sitzen, mit dieser

geneigten Nase, mit dieser großen Linie des Haares. Ich ging wieder an den

Tisch und machte von neuem ein paar Zeichnungen aus der Erinnerung. Warum

war dieses Mädchen jetzt nach Carnin gekommen! Sie nahm mir beinahe das

Interesse an meinen großen Bildern fort, an denen ich noch zu arbeiten

hatte. Wäre sie doch geblieben, wo sie war! Unwillig warf ich die Kreide

fort, entkleidete mich und legte mich schlafen. Draußen schrie eine Eule

in den Ulmen. Durch die Dunkelheit sah ich noch immer ein junges, holdes

Profil, Züge von einer verhaltenen Leidenschaft, zartrosige Wangen und

schwarzes Haar ... Pastell, dachte ich, in Pastell muß man es machen.

Lockere, leichte Farben, das Ganze nur wie ein Hauch. Mit diesen Gedanken

schlief ich ein.

Der nächste Tag war der Sonnabend vor dem Fest. Ich stand früh auf und

nahm das Frühstück auf meinem Zimmer. Dann schleppte ich eins der Bilder

in den Park, um es im Frühlicht fertig zu machen. Es stellte ein Rosenbeet

dar, rechts und links hohe Taxusbäume, hinten ein altes Gartenhäuschen mit

hohem Dach. Ich malte also. Während ich malte, dachte ich: das Bild ist

leer, es ist unvollständig. Vor dem Hause fehlt etwas. Die Gestalt der

Leonore Helfinger müßte vor dem Gartenhaus stehen, rechts von der Tür, und

sich neigen, um eine Blume zu pflücken. Ich kniff die Augen zu und stellte

mir vor, wie das Bild dann aussehen würde. Gut, gut. Aber es war ja zu

spät! Schade um dich, du leeres Bild. Ich seufzte und malte weiter,

unlustig und unzufrieden.

Ich hörte Lachen, blickte mich um und sah die beiden Freundinnen im

Sonnenlicht daherschlendern. Sie waren beide in Weiß und hatten gelbe,

großkrempige Strohhüte auf.

»Guten Morgen, Herr Maler!« rief Leonore lachend. »Schon so früh bei der

Arbeit?«

»Ja, aber es fleckt nicht«, erwiderte ich, »ich bin unzufrieden.«

»Wie schade!« sagte sie, indem sie meine Malerei betrachtete. »Ihr Bild

gefällt mir, das ist wirklich der tauige Morgen, der da webt. Ich fände es

freilich schöner, wenn eine Figur vor dem Häuschen stünde. Das Bild würde

voller dadurch. Finden Sie nicht?«

Ich mußte lächeln.

»Gewiß finde ich das«, entgegnete ich. »Vielleicht haben Sie die

Freundlichkeit, sich einmal dort vor dem Hause aufzustellen, damit ich die

Wirkung sehe.«

Sie lief hinüber.

Komteß Anna sprach: »Leonore hat recht, -- sehen Sie, wie reizend sie dort

zwischen den Blumen steht?«

»Ja«, sagte ich, »schade, daß ich nicht eher darauf gekommen bin! Schade!

Wenn Sie wüßten, Komteß, wie Ihre Freundin mich malerisch entzückt!« Zu

Leonore rief ich hinüber: »Kommen Sie, ich werde sonst traurig, wenn ich

Sie noch länger so stehen sehe. Warum sind Sie nicht eher nach Carnin

gekommen? Wie gern würde ich Sie malen! Ich möchte eine Skizze von Ihnen

machen, heute nachmittag, darf ich?«

»Gern.«

»Hier im Park, in der Sonne, ich freue mich darauf.«

Komteß Anna drängte, zu gehen. Die Mädchen wollten eine Morgenwanderung in

die Marsch unternehmen. Sie verabschiedeten sich und verschwanden zwischen

den Bäumen. Ich sah die hellen Kleider sich verlieren im Dunkelgrün. Dann

arbeitete ich weiter, voll Mißmut. Ich sehnte mich nach andrer Arbeit,

aber ich mußte doch meine armen Bilder fertig machen ...

Gegen Mittag kam ich, eine Leinwand unter dem Arm, vom Park her über den

Rasenplatz vor dem Schloß. Ich hörte schon aus der Ferne Lachen und Rufe.

Die Mädchen spielten Tennis, mit Charlotte und dem Assessor. Fred und

Klaus hoben die Bälle auf. Ich blieb, um die Ecke des Schlosses biegend,

stehen und sah gerade, wie Leonore, den Schläger mit allen Kräften

schwingend, sich hoch auf den Zehen erhob und den Ball durch die Lüfte

jagte. Sie stieß einen kleinen Schrei dabei aus, ihr Kleid hatte einen

wirbelnden Schwung um die Fesseln der Füße.

Schön, schön, schön! dachte ich. Wundervoll! Sie hat eine Hingabe in der

Bewegung ...

Oben von meinem Fenster aus sah ich dem Spiel noch eine Weile zu. Ich

setzte mich ans Fenster, hinter die Gardine, so daß mich keiner sah, und

skizzierte einige Bewegungsstudien. Dann mußte ich wieder in den Park

hinab zum Malen. Nach Tisch kamen die Freundinnen samt Charlotte auf mein

Arbeitszimmer, um die Bilder anzusehen. Leonore sah auch die Studien vom

Tennisspiel auf einem Stuhle liegen.

»Stammt das von heute?« fragte sie.

»Ja«, entgegnete ich, »erkennen Sie sich nicht? Das sind Sie. Sie hatten

ein paar Bewegungen, die mich begeisterten.«

Sie sah mich an, etwas fragend. Ihr Blick war sehr schön. Ein seelenvolles

Auge, dachte ich, beinahe kobaltblau, eigentümlich.

Dann gingen wir in den Park. Ich setzte Leonore in die Sonne vor eine

grünumsponnene Laube und skizzierte sie. Komteß Anna und Charlotte gingen

ans Wasser hinab. Sie schritten singend über eine Brücke. Singend

entschwanden sie.

Ich skizzierte Leonore von vorn. Das Licht lag spielend in ihrem Haar. Es

flirrte über die weiße Stirn und die rosigen Wangen, und das Grün der

Laube gab der Haut und dem weißen Kleid einen eigentümlichen Ton; dies

alles war schwierig zu malen.

Leonore plauderte. Erst antwortete ich, wenn auch zerstreut, dann hörte

ich nicht mehr hin. Schließlich sagte sie nichts mehr. Es kam etwas Mattes

in ihre Züge, ich merkte es wohl. »Verzeihen Sie«, sagte ich, »wenn ich

schlecht darauf achte, was Sie sagen. Ich bin zu sehr beschäftigt mit

dieser Studie. Wenn mich etwas malerisch in Anspruch nimmt, empfinde ich

nichts andres. Verzeihen Sie.«

»Aber bitte«, entgegnete sie. Es klang müde, es klang ein wenig trotzig,

es klang herb. Damals achtete ich nicht darauf, ich malte sie ja, das war

mir genug. Ich hatte keinen andern Wunsch, als Bilder nach ihr zu malen,

ich alberner Geselle!

Die Skizze wurde gut. Ich hörte zur richtigen Zeit auf, so daß sie das

Unmittelbare, im Moment Empfundene behielt. Es war Leben darauf, das

Gesicht lebte und das Licht der Junisonne auch.

»So habe ich doch wenigstens einen Begriff, einen Anhaltspunkt«, sagte

ich. »Ich danke Ihnen.«

Auch ihr gefiel die Studie. Wir schritten zusammen zum Schloß hinüber, ich

sprach vom Malen im Freien im allgemeinen. Unterwegs pflückte sie eine

rosa Rose und reichte sie mir. Dann ging sie ins Schloß und ich ins

Kavalierhaus, um mir eine andre Leinwand zu holen. Die Rose legte ich oben

auf den Tisch, ich vergaß, sie ins Wasser zu stellen. Es war ja auch nur

eine Rose, es gab deren viele im Park von Carnin.

Dann kam wieder einer der schönen Abende. Wir saßen wie meist auf der

Terrasse, der Mond stand am Himmel, die Sterne hatten einen metallisch

blanken Glanz. Die Gräfin, ein weißseidenes Tuch um die Schultern, griff

Akkorde auf der Gitarre und sang ein französisches Lied. Dann spielte sie

deutsche Volkslieder, und wir sangen mit. In den Pausen hörten wir ein

süßes Tönen aus der Ferne, das waren die wandernden Mädchen in Carnin.

Einmal hörten wir ein unterdrücktes Kichern ganz in der Nähe. Der Graf

wußte sofort, was es zu bedeuten hatte. Er sah zu den Fenstern hinauf,

hinter denen Fred und Klaus jetzt eigentlich schlafen sollten. Die Jungen

lugten in ihren Hemden zum Fenster hinaus und hörten unserm Singen zu.

Jetzt, da der Graf sie energisch zu Bett schickte, riefen sie noch einmal

»Gute Nacht!«, man hörte, wie sie lachten, dann schlossen sie die Fenster,

und es war wieder still.

Man begab sich in den Salon, um noch eine Tasse Tee zu trinken. Vorher

verabschiedete sich Charlotte, da ihre Schlafenszeit gekommen war.

»Charlotte«, sagte ich, »morgen ist Pfingsten, da kommen ganz früh die

Elben von der Geest herunter, um die Maien zu bringen, du weißt. Ich

möchte die Elben gern zu Gesicht bekommen, hoffentlich finde ich früh

genug aus dem Bett. Ich werde sie für Dich um eine kleine Maie extra

bitten, -- ja?«

»Das wäre reizend«, sagte sie, »aber Sie müssen auch für Fräulein Leonore

eine Maie zu bekommen suchen, sie hat doch heute so fein stillgehalten

beim Malen.«

»Das ist wahr«, sagte ich.

»Fräulein Leonore liebe ich sehr«, flüsterte Charlotte, als verkünde sie

mir ein Geheimnis, »ihr Mund ist doch bezaubernd, und auch ihre Augen, --

nicht wahr?«

Dann ging sie, ich sah dem Schreiten ihrer Kinderfüße nach. Darauf sah ich

zu Leonore hinüber. Sie saß in einem großen geblümten Polsterstuhl und

führte gerade eine Schale Tee an die Lippen. Das rote Licht einer Lampe,

auf der ein karmoisinfarbener Schirm lag, fiel auf sie. Natürlich sah ich

sofort wieder ein Bild. Es war mein Verhängnis, daß ich immer Bilder,

Bilder, Bilder sah, wenn meine Augen auf dies Mädchen fielen. Das rötliche

Licht war magisch um sie her. Der zwanglos gehobene Arm, das schimmernde

Haar, -- ich war schon wieder ganz mit einem malerischen Problem

beschäftigt. Da brachte mir ein Diener Tee. Und kurz darauf trat der

Assessor auf mich zu und verstrickte mich in ein Gespräch.

Der Graf machte, ehe er sich zurückzog, einen Vorschlag, der von allen

freudig begrüßt wurde. Er schlug nämlich vor, daß man am folgenden Tage in

den seidenen Kostümen des achtzehnten Jahrhunderts, deren es in der

Kleiderkammer des Schlosses eine Menge gab, zum Diner kommen sollte. Auch

er und die Gräfin versprachen, sich zu kostümieren.

Man trennte sich. Der Assessor und ich saßen noch eine Weile in den alten

Lederstühlen der Bibliothek bei Tabak und Bier.

Endlich fingen wir an zu gähnen, erhoben uns und schlenderten zum

Kavalierhaus hinüber. Es war eine laue, windstille Nacht, der Jasmin

duftete betäubend. Unsere Schritte klangen einsam hallend auf dem hellen

Kies, sonst hörte man nichts.

»Übrigens, dies Fräulein Helfinger«, sagte der Assessor, ehe wir in das

Kavalierhaus eintraten, »ein entzückendes Geschöpf. Man möchte sie immer

ansehen, finden Sie nicht?«

»Ein Bild«, entgegnete ich, »ein wirkliches Bild, ich versichere Sie, ich

kann es beurteilen, ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie sie

will, es ist immer ein Bild. Es macht mich rasend, daß ich keine Zeit

habe, sie zu malen. Was ist eine Skizze?«

»Ja, ja, ich glaube Ihnen«, sagte der Assessor.

Pfingstsonntag. Früh hatte ich zu arbeiten, nachher läuteten die Glocken

zum Kirchgang; müde ließ ich meine Hände ruhen. Ich sah, wie das gräfliche

Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die Jungen gemeinsam zur Kirche

schritten. Der Assessor streifte durch den Park, in weißen Beinkleidern

und blauer Jacke. Als er mich sah, kam er auf mich zu und fragte, ob ich

mit Tennis spielen wolle; die jungen Damen warteten schon auf der

Terrasse. »Jawohl«, sagte ich, »mit Vergnügen.« Der Assessor half mir die

Malsachen schleppen, dann spielten wir Tennis.

Die Mädchen hatten dunkelblaue, fußfreie Kleider und weiße Blusen an.

Komteß Anna hatte einen roten Filzhut über das Haar gestülpt, Leonore trug

das Haar frei. Ich spielte mit Komteß Anna, der Assessor mit Leonore. Ein

Diener suchte die Bälle. Ich verwünschte es im stillen, daß ich an diesem

Spiel teilnahm, ich hätte viel lieber daneben gesessen und Studien nach

Leonores Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig und doch von so

starkem Temperament.

»Warum sehen Sie mich immer so an?« fragte sie einmal, nicht unwillig,

sondern mit einem Lächeln.

»Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch«, entgegnete ich,

»verzeihen Sie, wenn ich Sie so oft ansehe.«

Ich machte eine Verbeugung wie vor einer Dame, wobei ich dachte: Diese

Verbeugung ist unnötig, sie ist ja ein Kind. Ich bemühte mich, sie in

Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile gelang es mir. Dann fiel ich in

meinen alten Fehler zurück.

Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach ihr zu machen. Sie hatte

Bewegungen beim Spiel, die sie wie eine Blüte erscheinen ließen; das war,

wenn sie den Hals streckte und den Kopf etwas zurückwarf. Einmal gab sie

mir einen Ball in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre Augen, als sie

mir den Ball gab. Das sind süße, leidenschaftliche Augen, dachte ich, und

dieses sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie ich das malen könnte.

Ich dachte immer nur ans Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle!

Nachmittags probte alles alte Kostüme. Ich hatte mir einen Rock aus

hellgrauer Seide hervorgesucht, der mit Rosengirlanden bestickt war; dazu

einen Kavalierdegen und Eskarpins. In diesem Kostüm saß ich noch eine

Weile am Tisch meines Zimmers und machte aus der Erinnerung

Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. Dann tönte das Gong,

ich ging zum Diner hinüber ins Schloß.

In dem blauen Salon traf ich die beiden Freundinnen. Ich blieb wie

angewurzelt stehen. Die Mädchen sahen so überraschend echt in ihren

Kostümen aus, daß ich meinte, ich sähe eine Vision aus der Zeit des

=ancien régime=. Leonore trug ein langes, silberbesticktes Gewand aus

blaugrauem Brokat, das hinten schleppte. Hals und Schultern waren frei.

Sie trug eine hohe bepuderte Coiffüre, in der eine mattrote Rose steckte.

Auf der einen Wange, nahe der Schläfe, lag ein schwarzes Pflästerchen. Ich

sah sie zuerst im Profil, sie blickte gegen das Licht zum Fenster hin und

hielt spielend einen alten Fächer in der Hand.

Komteß Anna war in Grünblau. Auch sie hatte bepudertes Haar, ihr Gewand

war glockenförmig. Sie trat mir lachend entgegen und fragte:

»Wie gefallen wir Ihnen, Marquis?«

»Ich bin hingerissen«, sagte ich, »Sie sollten immer solche Kleider

tragen. Auch Sie, Fräulein Helfinger.«

Leonore sah mich an, mit einem Lächeln. Wie wundervoll war die blaßrote

Rose in ihrem bepuderten Haar! Wie mädchenhaft hold die Linie von dem

feinen Hals zu den Schultern.

»Wahrhaftig, man sollte das malen«, sagte ich, »ganz in Silber und Grau.«

Ich kniff die Augen ein wenig zu und betrachtete sie.

Da verschwand das Lächeln von ihrem Mund.

Sie wendete sich ab, fast verdrossen, und sah wieder zum Fenster hinaus,

mit verhangenem Blick, als dächte sie an Fernes. Ich sah hinüber zu ihr

und dachte: Wie reizend wäre es, wenn ich sie jetzt skizzieren könnte! ...

Nun kamen die andern. Die Gräfin kam in schwarzer Seide, mit grauer

Perücke. Der Graf hatte eine Uniform aus der Zeit der Freiheitskriege

angelegt. Charlotte trug ein geblümtes Kleidchen von 1830. Auf ihrem

offenen Haar, das zu langen Locken gedreht war, lag ein dünner Kranz aus

Tausendschönchen. Dieses zarte Kind war wie ein schwebendes Lied, wie eine

verwehende Melodie.

Der Assessor trug ein Kostüm vom Schnitt des meinigen, aber in Hellblau.

Die Gouvernante hatte ein Gewand aus der Schwedenzeit angelegt. Der

Hauslehrer ging in einem altväterlichen Rock mit breiten Aufschlägen aus

Samt. Fred und Klaus kamen in ihren Matrosenkitteln und machten bösartige

Glossen über die andern.

Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte Leonore zu führen. Leicht und

ernst hing sie an meinem Arm, ein Traum.

Bei Tisch war ich mir immer bewußt, daß ein Profil von seltener

Kostbarkeit an meiner Seite war; daß ich jammervoll die Zeit versäumte, da

ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie Grubbe zu sprechen, den

Roman von Jens Peter Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch gelesen

habe.

»Ja«, sagte sie, »ich habe es gelesen, aber ich habe es zerrissen und

verbrannt.«

Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt!

»Später werden Sie das Buch wieder lesen«, sagte ich, »dann werden Sie es

nicht verbrennen, sondern Sie werden es lieben.«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Wissen Sie, wie ich Sie malen möchte?« sagte ich. »Wie Marie Grubbe

möchte ich Sie malen, als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo sie

in der Laube sitzt und mit den nackten Armen in den Rosen wühlt.«

Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches in ihren Augen. Ich nahm das

Glas, in dem der Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf ihr Wohl.

Auch sie nahm ihr Glas, wir stießen an. Ich sehe noch die holde Neigung

ihres Kopfes, da wir anstießen. Auf ihren rosigen Wangen waren Spuren

weißen Puders zu bemerken, der aus dem Haar herabgeglitten war.

Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich suchte alles Wichtige

der Form und der Farbe in mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend,

daß ich immer nur ihr Äußeres betrachtete?

»Sie ahnen nicht«, sagte ich, »wie die mattrote Rose zum Grau Ihres Haares

steht. Es ist eine Harmonie, die mich begeistert.«

»Darf ich Ihnen die Rose schenken?« fragte sie demütig.

»Nein, nein«, entgegnete ich, »lassen Sie die Blüte in Ihrem Haar, es gibt

keinen besseren Platz für sie!«

Ich nahm die Rose nicht, die sie mir anbot.

Sie sah müde vor sich hin. »Ich werde sie Ihnen heute Abend schenken, ehe

wir uns trennen«, sagte sie leise.

»Oh, ich danke Ihnen«, erwiderte ich, »ich danke Ihnen.«

Nach Tisch ging alles in den Park. Ich lief hinüber auf mein Zimmer,

ergriff ein Skizzenbuch und steckte es in die Brust. Es war gegen

Sonnenuntergang. Es war die Stunde, wo die Bäume des Parks in einer

stillen Verklärung in die Lüfte ragen, wo alle Umrisse größer und

feierlicher zu werden beginnen. Die Abendsonne hing goldig in den Wipfeln

der Kastanien. Wir schritten paarweis die gewundenen Kieswege hin, Leonore

und ich zuletzt. Es war ein traumhaftes Bild, die bunten, in Seide

gekleideten Menschen zwischen den Bäumen und blühenden Bosketts des alten

Gartens, der solche bepuderten Menschen schon früher gesehen hatte und

sehr erstaunt sein mochte, sie plötzlich noch einmal auftauchen zu sehen.

Wir kamen über eine weiße Brücke und spiegelten uns in dem dunkeln Wasser.

Leonore und ich verweilten einige Zeit auf der Brücke, die andern

entschwanden. Es war nicht genau zu erkennen, wohin sie gegangen waren.

Wir schlenderten durch den Eichenhain, jenseits des Wassers, Leonore und

ich allein. Wir kamen an den Deich, ein schräger Pfad führte empor. Ich

mußte Leonores Arm freilassen, sie schritt langsam vor mir hinan. Ich sehe

noch den schönen Umriß der schlanken, aufwärtsschreitenden Gestalt, den

bloßen Nacken und das graue Haar ...

Auf dem Deich umflammte uns die Abendsonne. Zu unsern Füßen lagen die

Wiesen der Marsch, ganz mit rotblühendem Sauerampfer bestanden und

übergossen von den purpurnen Strahlen des vergehenden Lichts. Es war ein

so ungeheures Rot in den Wiesen eingefangen, daß man glaubte, man sähe

über ein blutiges, loderndes Meer. Wir blickten hinaus, Leonore hatte ein

kleines süßes Staunen im Gesicht, ihr Mund war ein wenig geöffnet. Etwas

Wehes war um ihre Gestalt. Ich holte schnell das Skizzenbuch hervor, um

die Linien ihres Profils festzuhalten. Da sah sie, was ich tat, -- und es

geschah etwas ...

Sie starrte mich an, mit flammendem, zornigem Blick, aus dem eine

ersterbende Leidenschaft grüßte. Dann hob sie die Arme empor und dehnte

sie mir entgegen, sehnsüchtig, mit einer Gebärde des Überschwangs! Dann

ließ sie die Arme sinken, ermüdet, mit einem Zittern.

Ich stand da wie ein geschlagener Knabe. Mir war, als sei auf einmal eine

Binde von meinen Augen gerissen. Ja, plötzlich sah ich klar. Dieser junge

stolze Mensch da vor mir war erfüllt gewesen von einem strahlenden Gefühl

der Liebe, -- ich aber hatte sie immer nur malen wollen, meine blöden

Augen hatten nichts weiter als das Malerische an ihr gesehen! Jetzt merkte

ich, wie sehr ich sie durch mein Betragen verletzt hatte. Ich hatte sie ja

mit Füßen getreten! In ihr war eine schöne Welle aufgestiegen, die ihr

Gefühl mit Macht zu mir hinübertrug, -- ich aber hatte kalt nur ihr

Äußeres betrachtet, um es für meine Malereien zu verwenden!

Für einen Augenblick kam etwas Unruhiges in sie. Dann hatte sie ihre

Fassung wiedergewonnen.

»Kommen Sie«, sagte sie kühl, »wir wollen zu den andern gehen.« Damit war

sie schon auf dem Wege den Deich hinab. In mir siedete es. Was sollte ich

tun, um diesen tiefgekränkten Menschen zu versöhnen? Es kreiste und

schwankte vor meinen Augen.

»Fräulein Leonore --«, sagte ich, wie um Verzeihung bittend.

Aber sie hörte nicht. Etwas Abweisendes lag um ihren Mund, auch ihre Augen

waren streng und herbe. Wir hörten Lachen, die Kleider der andern

schimmerten vor uns durch das Laub.

»Hallo!« rief Leonore.

Begrüßung. Dann stieg alles hinauf auf den Deich. Man plauderte, lachte,

staunte laut über das purpurne Lichtmeer in den Wiesen. Leonore sprach

unbefangen mit Komteß Anna und dem Assessor. Ich wagte mich nicht an ihre

Seite, ich war innerlich zerschmettert. Mir war elend zu Sinn wie in einer

Krankheit.

Leonore lachte, scherzte, und auf dem Rückweg nach dem Schloß hängte sie

sich plaudernd in Charlottes Arm. Sie schien sehr fröhlich zu sein, aber

mich sah sie nicht. In mir wallte es auf und nieder, es fiel mir schwer,

an der Unterhaltung teilzunehmen, in die mich der Graf und die Gräfin

verstrickten. Ich tappte wie ein Traumwandler hin.

Nachher Tanz im Schloß. Die Gräfin drehte einen kleinen Leierkasten. Ich

tanzte zuerst mit Leonore; sie bat bald, aufzuhören. Ich sprach ein paar

Worte in demütigem Ton zu ihr, sie antwortete nicht. Mit den andern war

sie froh und unbefangen, mitunter beinahe ausgelassen, so daß ich

erstaunte. Ihre Mienen wurden streng und abweisend, sobald sie in meine

Nähe kam. Einmal stand sie in der Nische eines Fensters allein und sah in

den dunkelnden Park. Ich trat neben sie, voll Demut, bittende Worte

stammelnd, und suchte ihre Hand zu küssen. Sie verhinderte es, sie

schüttelte abwehrend das Haupt und winkte Charlotte zu uns herüber, damit

wir nicht allein in der Nische ständen.

Der ganze Abend war eine Qual. Es sah elend in mir aus. Ich dachte daran,

wie ich sie mit kühlem Auge und ruhigem Blut gemalt und skizziert hatte --

und hätte mich züchtigen mögen. Du verdientest, daß man dich an den

Pranger stellte und öffentlich auspeitschte, dachte ich. Ich begriff mich

selbst nicht, mir graute vor meinem albernen Künstlertum, ich haßte mich

wie einen Feind.

Leonore wußte es einzurichten, daß wir während des Abends nur in die

flüchtigste Berührung kamen. Hin und wieder warb ich voll Demut um einen

freundlichen Blick von ihr, aber umsonst. Es war zum Verzweifeln.

Beim Gutenachtwünschen trat sie vor mich hin und sagte: »Ich versprach,

Ihnen die Rose aus meinem Haar zu schenken. Sehen Sie doch, sie ist

verloren gegangen, ich kann Ihnen die Rose nicht schenken. Verzeihen Sie.«

Ich verneigte mich, sie wendete sich zu den andern. Sie hatte die Rose

fortgeworfen, das ist klar. Ich biß mich auf die Lippen, in mir stieg es

auf vor Weh und Gram. Ich sah ihr nach, wie sie mit Komteß Anna und

Charlotte das Zimmer verließ. Das schleppende Gewand sah ich und die

blassen, jugendlich schönen Schultern und die Haltung der Arme im

Kerzenlicht ... Aber diesmal dachte ich nicht ans Malen, ich war erfüllt

von Qual und Sehnsucht.

Der folgende Tag war entsetzlich. Es war mein letzter Tag auf Carnin, er

machte mich krank und matt. Leonore wich mir aus, sie vermied es, auch nur

einen Augenblick mit mir allein zu sein. Wir spielten Tennis, sie lachte

und schwang den Schläger mit Obacht und Grazie, sie plauderte harmlos mit

den andern, aber zu mir sprach sie niemals. Ich merkte: Es ist alles

hoffnungslos; du hast ihr Gefühl zu heftig mit Füßen getreten; hier ist

nichts mehr gutzumachen; es geschieht dir recht, Kunstmaler Tedrahn!

Wie warb ich um einen Blick, um ein freundliches Wort von ihr, wie habe

ich mich gedemütigt! Aber sie blieb hart und kalt, sie beachtete mich

nicht, sie war nicht zu erweichen, sie strafte mich mit Verachtung.

Ich litt, ich dachte: wenn doch dieser Tag erst zu Ende wäre, du erträgst

es ja nicht! Aber ich wußte auch, daß nach diesem Tage alles vorüber sein

würde, daß ich sie nicht wiedersehen würde, daß ich ruhelos sein würde und

voll Kasteiung gegen mich selbst, im Bewußtsein meines verrückten

Benehmens, das mir dieses Glück für immer verscherzt hatte.

Und der Tag ging hin, dieser qualvolle, zermürbende Tag. Abends saßen wir

das letztemal auf der Terrasse. Der Graf ließ Sekt reichen, als

Abschiedstrunk. Wir stießen an, mein Glas stieß klirrend an Leonores, sie

lachte Charlotte dabei an, mich sah sie nicht. Sie sah schön aus, sie

hatte ein blaues Tüchlein über dem schwarzen Haar. Ich hielt es nicht aus,

ich verabschiedete mich, da ich noch zu packen hätte. In aller Frühe des

folgenden Tages mußte ich fahren, ich sagte allen Lebewohl. Leonore gab

mir die Hand, sie war ruhig und kühl.

Dann schritt ich in meinem Zimmer auf und ab, wie ein gemartertes Tier im

Käfig, stundenlang. Ich hörte die Stimmen von der Terrasse her. Mitunter

hielt ich an und lauschte, -- wenn ich Leonores Stimme zu hören meinte.

Ich war voll wirrer, qualvoller Empfindungen, und ein Gefühl

unbeschreiblichen Ekels quoll in mir auf, wenn ich die Bilder sah, die

gegen die Wand lehnten. Einmal erhob ich den Fuß und rannte ihn blindlings

in eins der Bilder hinein, voll Wut auf diese verfluchte Kunst, die mich

um das schönste menschliche Erleben gebracht hatte. Mit diesem Fußtritt

des Hasses hatte ich mein bestes Bild zerstört, das Bild des abendlichen

Schlosses mit den Gestalten der Gräfin und der Komteß Anna auf der

Terrasse. Es war hinüber, ich stieß ein Gelächter aus.

Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Ich packte, ich suchte zu lesen, ich

sah lange Zeit, Zigaretten rauchend, aus dem Fenster in die warme,

duftende Nachtluft, zum Schloß hinüber, wo ich das Fenster erkennen

konnte, hinter dem Leonore schlief. Dann wanderte ich wieder hin und her.

Ich begann einen Brief an Leonore zu schreiben und zerriß ihn wieder. Ich

legte mich aufs Bett, ohne mich auszukleiden, und erwartete den Morgen.

In aller Frühe klopfte der Diener und brachte Tee. Dann hörte ich den

Wagen auf dem Kies vorfahren, mein Gepäck wurde aufgeladen, ich warf den

Mantel um, ging hinunter, und die tauige Luft tat meinen erhitzten Wangen

wohl. Das Handpferd wieherte in die Frühe, voll Übermut. Ich blickte noch

einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem Leonore lag. Ich fühlte mich

elend, ausgestoßen und krank. Mich fröstelte, als hätte ich Fieber. Die

Schimmel zogen an, es ging die Lindenallee hinunter, dann durch die gelben

Rapsfelder, aus denen schwere Wolken von Duft aufstiegen.

Die Sonne lag golden über den Feldern, die Lerchen sangen. Mich marterten

die Lerchen und die Sonne. Ach, könnte ich doch schlafen, dachte ich.

Die Kurtisane Jamaica · 第 8 / 14 题