Sie wurde Jamaica genannt, des holden, südlichen Ovales wegen, das ihr
Gesicht zeigte, und wegen der bräunlich hingehauchten Farbe ihres Teints,
der an eine eben angerauchte Meerschaumpfeife gemahnte.
Jamaica hatte seelenvolle Hände, ihr Mund war wie ein Schwertstich, ihre
großen Augen hatten einen perlenhaften Glanz. Sie war schlank,
schmalschulterig und biegsam, ihr Wesen war stolz und konnte unnahbar
sein. Gewiß, sie war eine Kurtisane, wie man hören wird, aber sie hätte
auch für eine Fürstin aus irgend einem exotischen Lande gelten können.
Als ich sie das erstemal sah, war ein Frühsommertag. Sie ging langsam und
aufrecht über die Straße, mit etwas gerafftem Kleid, von einem großen,
schwarzen Hut überdacht. Eine vollendete Dame, dachte ich, ein
märchenhaftes Geschöpf.
Ich folgte ihr straßenweit. Wie eine holde Verlockung schritt die schlanke
Gestalt vor mir her, mit dem vollen braunen Haar und dem schwarzen Hut,
dessen Federn sich schwankend bewegten wie die dunkeln Segel eines
Schiffes auf dem Ozean. Dann stieg sie unvermutet in einen Wagen, fuhr
fort, -- und ich hatte das Nachsehen.
Nach einiger Zeit sah ich sie wieder, -- ich folgte ihr von neuem, lebhaft
erregt, da trat ein Freund an mich heran, klopfte mir auf die Schulter und
fragte:
»Wohin?«
»Einer Frau nach«, entgegnete ich. »Sie geht dort vorn, wie eine Fürstin
aus dem Süden.«
»Schwärmer«, sagte der Freund, dann lugte er aus. Ein Lächeln ging über
sein Gesicht.
»Das ist Jamaica«, sagte er.
»Jamaica?«
»Ja, -- eine Kurtisane. Sie hatte ein Verhältnis mit einem Prinzen aus dem
Hause Hohenzollern. Später war es ein Künstler, jetzt ist es ein
schwedischer Graf, wenn ich nicht irre.«
»Wie gut Du unterrichtet bist«, sagte ich, mit einer kleinen Bitterkeit in
der Stimme. »Kennst Du sie übrigens?«
Er nickte.
»Stelle mich doch vor«, sagte ich.
Wir gingen schneller, erreichten sie bald, mein Freund begrüßte sie und
stellte mich vor. Dann schlenderten wir alle drei durch den Frühsommertag,
Jamaica in der Mitte. Sie plauderte reizend, etwas bestrickend Graziöses
war in der Art, wie sie sich gab. Ich war hingerissen.
Plötzlich sagte mein Freund, der sehr geschickt in solchen Dingen war:
»Ah, Irene!« Er tat, als sähe er eine Bekannte in einem Omnibus,
verabschiedete sich schnell, lief fort und sprang auf das Vehikel. Ich war
mit Jamaica allein. Plaudernd schritten wir weiter.
Ich sah sie mitunter von der Seite an; ein feines Profil, zart und
kapriziös, lange, dunkle Augenwimpern und eine ziemlich sinnliche Nase.
Sie hatte so etwas Unbefangenes, wie sie sprach, so etwas Natürliches in
Gang und Haltung, daß man sich wohl und froh an ihrer Seite fühlte. Wir
setzten uns vor ein Café und tranken etwas Kühlendes, während das bunte
Leben der Großstadt an uns vorüberflutete. Von einem Blumenmädchen kaufte
ich einen Strauß roter Nelken, sie steckte ihn sich vor die Brust und sog
aus dem Strohhalm die braune Flüssigkeit der Eisschokolade in ihren
schlanken Hals.
Nachher trennten wir uns, da sie, wie sie sagte, zur Schneiderin mußte.
Wir bestimmten einen der nächsten Abende, um in den Zirkus zu gehen. Sie
gab mir die dünne Hand und sagte: »Auf Wiedersehen!«, wobei sie zwischen
den roten Lippen die Perlenreihe ihrer Zähne sehen ließ. Dann stieg sie in
eine Droschke, die Nelken auf der Brust.
Ich schlenderte durch die Menschen hin und hatte immer noch Jamaica in
meinen Augen und in meinem Hirn, ihre Gestalt, ihr Lächeln, ihr Profil,
die Meerschaumfarbe ihrer Haut, ihre reizend rieselnde Stimme. Mir wurde
die Zeit lang bis zum Wiedersehen, ich saß zu Haus, und statt zu arbeiten,
malte ich den Namen Jamaica aufs Papier, -- und dann kam der Abend, aber
Jamaica kam nicht.
Ich wartete auf dem kleinen Platz in der Nähe des Zirkus, wo wir uns
verabredet hatten, ging auf und nieder, ein paar Rosen in der Hand, sah
nach der Uhr, war ungehalten, wartete weiter, sah mich, ironisch lächelnd,
selbst, wie ich als ein genarrter Liebhaber hier wartend auf und nieder
ging, dann, als schließlich eine öde Stunde verronnen war, stampfte ich
unwillig mit dem Fuß auf, schenkte die Rosen einem vorübergehenden
Ladenmädchen und ging allein in den Zirkus.
In einer Loge mir schräg gegenüber saß Jamaica. Sie schob gerade ein Stück
Konfekt in den roten Mund, an ihrer Seite saß ein blonder Herr, vermutlich
der schwedische Graf.
Ich merkte bald, sie hatte mich gesehen, hin und wieder schweifte ihr Auge
über mich hin. Nachher in der Pause begegneten wir uns im Marstall, sie
tat, als kannte sie mich nicht. Als wir einmal betrachtend nebeneinander
bei demselben Pferde standen, sie zwischen mir und dem Grafen, nahm sie
flugs meine Hand und drückte sie ein wenig, ohne mich anzusehen, und
während sie im Gespräch mit ihrem Freunde blieb.
Es war doch etwas, es war doch ein Händedruck! Nachher saß sie mir wieder
gegenüber, hoheitsvoll, und schob Konfekt in ihren Mund. Nach Schluß der
Vorstellung sah ich sie mit dem Grafen in einem Automobil fortfahren,
Blicke der Bewunderung folgten ihr. Ich fühlte mich ausgestoßen, ich war
voll Neid, voll quälender Eifersucht, voll trotziger, aufrührerischer
Gefühle. Ich wollte an ihrer Seite sein, -- was scherte mich dieser
schwedische Graf!
Mürrisch, ein angeführter Liebhaber, ging ich allein durch die nächtlichen
Straßen und dann in eine Weinstube, um zu Abend zu essen. Ein
vermaledeiter Zufall wollte, daß dort schon Jamaica saß, mit ihrem
Freunde, bei Austern und Wein. Sie sah mich erstaunt an und lächelte. Sie
mußte denken, daß ich ihr nachgefahren sei. Ich verließ also das
Restaurant, ging in ein anderes und ertrank meinen Groll in Burgunder.
Am nächsten Morgen traf ein Briefchen ein, in dem sie sich entschuldigte,
höhere Pflichten hätten sie verhindert usw. Der Ausdruck »höhere
Pflichten« amüsierte mich nicht etwa, sondern ärgerte mich.
Sie kam eines Nachmittags zum Tee. Schlank, in brauner Seide, diskret und
musterhaft angezogen. Sie rauchte von meinen türkischen Zigaretten,
plauderte von Theater und Rennplatz und fühlte sich offenbar sehr wohl in
meinen weichen Sesseln und auf dem Lamafell meines Diwans. Es war mir eine
Lust, ihr zuzusehen. Weiß Gott, sie hatte zuweilen Bewegungen, bei denen
man zu fühlen meinte, daß sie von einem unsichtbaren Hermelin umflossen
sei. Mitunter saß sie plötzlich schweigend da, mit einem klugen, etwas
schwermütigen Glanz im Auge, als dächte sie an etwas ungeheuer Ernstes.
Sie war ein wenig nervös, besonders ihre Hände, im übrigen machte sie den
Eindruck einer weltlichen, aber vornehmen jungen Frau. Nur wie sie küßte
und wie sie mitunter saugend die Arme um mich legte, das war
Kurtisanen-Art.
Sie kam öfter. Wir sprachen nicht von Liebe, obwohl ich sie von mal zu mal
heftiger liebte, aber ich wollte ihr meine Gefühle nicht zeigen. Da, eines
Nachmittags, als ich plaudernd auf dem Diwan ausgestreckt lag und sie bei
mir saß, warf sie plötzlich die Arme um mich, starrte mich an, mit den
Augen eines schönen Tieres, und während sich die Farbe ihres Gesichts
verdunkelte, quoll es ihr wie Lava zwischen den Lippen durch: »Ich liebe
Dich!« Darauf folgte ein Ausbruch so ungezügelter Leidenschaft, daß ich
glaubte, sie wollte mich ersticken.
Von diesem Tage an war eine Nuance der Demut in ihrem Wesen zu mir, die
ich liebte und die mich entzückte. Wir verlebten glückliche Stunden, nur
der Gedanke an den schwedischen Grafen marterte mich und verursachte mir
schlaflose Nächte. Immer, wenn ich zu ihr davon anfangen wollte, drückte
sie mir schweigend ihre kleine Hand vor den Mund, so daß ich nicht
sprechen durfte. Ja, ich war eifersüchtig, aber ich merkte, sie hatte
nicht die mindeste Absicht, sich von dem Grafen zu trennen. Ich hatte
keine besonderen Mittel, und sie war sehr verwöhnt.
Eines Tages sagte sie mir lachend, sie wolle auf einige Wochen in ein
Seebad reisen, der Schwede ginge auf einen Monat zu Verwandten in seine
Heimat. Sie bat, ich möge mit ihr reisen. Ich sagte sogleich zu, worauf
sie ausgelassen durch das Zimmer tanzte.
Ein paar Tage später trafen wir in einem reizend gelegenen Ostseebade ein,
das ganz von Buchen- und Nadelholzwäldern umgeben ist. Wir mieteten in
einer schön gelegenen Villa auf der Höhe, von der Veranda aus übersahen
wir den Strand und die weite Fläche des Meeres.
Entzückend waren die Tage, welche folgten. Wir ritten viel, es gab ganz
brauchbare Pferde zu mieten, und Jamaica fühlte sich im Sattel sehr
glücklich. Wir trabten häufig in erster Frühe am Meere entlang, wenn die
Sonne noch mit den silbernen Morgenwolken kämpfte und der Frühwind kräftig
über das Wasser wehte.
Am Strand hatten wir eine Burg geschaufelt und mit zahllosen bunten
Wimpeln geschmückt. Jamaica trug gewöhnlich einen dunkelblauen Tuchrock,
eine helle Seidenbluse und Panama. Sie lag am liebsten faul im Sande,
indem sie die rinnenden Körnchen behaglich durch die Finger gleiten ließ
und in den blauen Himmel starrte; oder sie las Maupassant und rauchte
Zigaretten. Ich sah sie immer mit einem feinen, wohligen Empfinden des
Verliebtseins vor mir liegen: den schlanken Körper, das dunkle Haar auf
dem hellen Sande, die blutlosen Hände, die zierlichen Fesseln der Füße
unter den durchbrochenen Seidenstrümpfen.
Das Essen nahmen wir auf der Veranda unseres Zimmers. Nebenan aß ein
Ehepaar mit seinen zwei halbwüchsigen Buben, auf der anderen Seite ein
Engländer. Diesen sahen wir öfter, wie er über die Balustrade seiner
Veranda hinauslehnte und eine Shagpfeife rauchte. Er hatte ein
scharfgeschnittenes Gesicht und klare, wasserfarbene Augen. Jamaica ahmte
ihn mitunter nach, indem sie sich grotesk auf die Balustrade stützte, mit
steifem Nacken und etwas vorgeschobener Unterlippe hinausstarrte, ein paar
Tabakswolken vor sich hinpaffte und ein langgezogenes »=o yes=« hören
ließ. Eines Morgens begegneten wir ihm zu Pferde. Das Pferd war zu klein
für ihn, seine Beine hingen lang herab, und aus der Ferne sah er aus wie
Don Quichotte. Er grüßte uns, als er vorüberritt. Jamaica sah sich
mehrmals lachend nach ihm um, was ich überflüssig fand.
Ja, erst lachte sie über ihn und machte sich über ihn lustig, aber ich
merkte bald, daß er sie näher zu interessieren begann, mehr als sie selber
vielleicht noch ahnte. Als ich eines Mittags nach Hause kam und auf die
Veranda trat, sah ich, daß sich Jamaica über die Balustrade lehnte, ebenso
der Engländer nebenan, und daß sie miteinander plauderten. Ich gestehe
offen, es durchfuhr mich heiß vor Eifersucht. Jamaica hatte ein so
strahlendes und, wie ich fand, beinahe hingebendes Gesicht, während sie
mit ihm sprach, daß ich innerlich empört war über diesen Verrat und wie in
einem Blitz schon jählings alles voraussah, wie es kommen mußte. Als sie
mich erblickte, war sie ganz unbefangen und stellte mich als ihren Gatten
vor. Nachher bei Tisch sagte sie: »Er ist wirklich sehr nett.« »So?«
fragte ich.
Sie war auch fürderhin zutraulich und liebevoll zu mir, wie ich es gewohnt
war, aber jene Nuance der Demut, von der ich vorhin sprach und die ich so
liebte, meinte ich nicht mehr zu empfinden. Ich wurde wohl etwas
verschlossener in meinem Wesen, ich lachte nicht mehr so unbefangen, und
dann kamen bald Tage, wo ich deutlich merkte, daß Jamaicas Gefühle lauer
wurden. Sie hatte noch immer etwas Anschmiegsames, aber ich fühlte, sie
zwang sich dazu, sie gab sich Mühe, liebevoll zu mir zu sein, da sie mich
nicht betrüben wollte. Mit Schmerzen nahm ich dies alles wahr und konnte
es nicht hindern. Ihr verändertes Wesen hatte zur Folge, daß meine Liebe
nur noch wuchs. Sie merkte diese sich steigernde Leidenschaft, und ich
fühlte, wie peinlich sie ihr war. Die gegenseitige untergründige Quälerei,
die zwei Menschen so nervös machen kann, fing schon an, in mir strudelte
es schon wie in einem aufgeregten Gewässer, aber ich beherrschte mich noch
völlig. In diesem Zustand trat ein unsinniger Gedanke an mich heran,
nämlich der Gedanke, Jamaica zu heiraten, damit sie mir nicht entrinnen
könne, und dieser Gedanke nahm bald ganz von mir Besitz.
Eines Morgens besuchte uns der Engländer in unserer Burg am Strande.
Jamaica las gerade, sie sah auf und ein schnelles Glänzen ging über ihr
Gesicht. Er zeigte uns eine kleine Versteinerung, die er gefunden hatte,
und da Jamaica so begeistert davon war, schenkte er sie ihr. Sein Betragen
war im übrigen völlig korrekt, nur verdroß mich die übermäßige Ruhe in
seinem Wesen, die etwas Überhebliches hatte. Er bat, gelegentlich in der
Frühe mit uns ausreiten zu dürfen; Jamaica zeigte sich sehr erfreut über
diesen Vorschlag. Dann reichte er uns beiden die Hand und ging.
»Du hättest freundlicher zu ihm sein können«, sagte Jamaica, als er fort
war.
»Findest Du?« fragte ich nur; sonst nichts.
Sie las weiter und hielt dabei, ich sah es wohl, die kleine Versteinerung
fest umschlossen in ihrer seelenvollen Hand.
Für den Nachmittag hatten wir Pferde bestellt. Wir ritten den Strand
entlang, es war ein heißer, erschlaffender Tag. Wir sprachen wenig, es war
etwas zwischen uns, das uns die Lust zum Sprechen nahm.
Wir ritten einen kleinen Galopp; ich sah Jamaica scharf von der Seite an,
dann sagte ich:
»Jamaica, ich will etwas von Dir wissen.«
»Was?« fragte sie tiefatmend und sah mich erstaunt an.
»Liebst Du den Engländer?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Doch«, sagte ich, »denkst Du, ich merke es nicht? Ich halte es nicht
aus.«
Sie reichte mir die Hand herüber, mit einem freundlichen, teilnahmsvollen
Lächeln. So gibt man die Hand einem guten Kinde zum Abschied, dachte ich.
Ich nahm sie nicht.
»Jamaica, ich liebe Dich!« sagte ich nun. »Ich wüßte nicht, wie ich meine
Tage in Zukunft ohne Dich verbringen sollte. Ich will, daß Du von jetzt ab
nur mir gehörst -- verstehst Du? -- nur mir und keinem andern. Sag, willst
Du meine Frau werden?«
Sie entgegnete nichts und sah nur mit gedecktem Blick auf die Mähne ihrer
Stute.
»Ich möchte, daß wir uns heiraten. Jamaica, sag doch etwas!«
Meine Worte klangen, als ob sie vor ihr auf den Knien lägen, -- aber sie
lächelte.
»Nein, nie!« sagte sie bestimmt.
»Du willst nicht?« rief ich gekränkt und hart.
»Nie!«
Die Wut packte mich. Sie widersetzte sich diesem Wunsch, sie sträubte sich
gegen dieses Geschenk, durch das ich mich ihr ganz zu eigen geben wollte?
»Ich _will_ es!« rief ich noch einmal. »Ich werde Dich zwingen!«
»Ich hasse Dich!« schrie sie mir nun entgegen, während ihre Augen vor Zorn
erglühten. »Ich verachte Dich! Ich liebe den Engländer!«
Da hob ich die Reitpeitsche und ließ sie mit Wucht auf ihren schönen
Rücken niedersausen. Sie stieß einen verängsteten Schrei aus, wobei sie
wie ein Kind in sich zusammensank, und ihr Pferd ging durch.
Ich sah, wie sie rasend fortjagte, und konnte nichts dagegen tun. Hallo,
dachte ich, was wird das werden? Sie hielt sich eine Weile, dann merkte
ich, die Kräfte verließen sie, sie taumelte hin und her und fiel
schließlich zu Boden. Glücklicherweise blieb sie nicht im Bügel hängen,
ich atmete auf. Das Pferd machte kurz darauf halt, sah sich verwundert um
und sprang in kleinen Sätzen verlegen hin und her.
Ich eilte herzu, stieg ab und hob Jamaica auf. Sie war kreideblaß und halb
ohnmächtig.
»Verzeih«, sagte ich; sie entgegnete nichts und sah mich nicht an. Sie
atmete hastig und lehnte sich ein ganz klein wenig an mich, sehr ermattet.
»Verzeih«, sagte ich nochmals. Schließlich gab ich ihr die Zügel meines
Pferdes und ging hin, um das ihrige einzufangen. Es ließ sich ganz willig
festnehmen; es war durchnäßt und dampfte wie ein Schornstein. Ich führte
es zu Jamaica, diese hatte sich vor Schwäche in den Sand gekauert; da
hockte sie, schön und blaß wie eine Perle, es sah rührend aus. Jetzt erhob
sie sich, ich merkte, sie wollte das Pferd wieder besteigen.
»Hilf mir«, sagte sie.
Ich half ihr in den Sattel und sprang dann selbst auf.
»Ich reite allein nach Haus«, sagte sie tonlos. Ich wagte nichts zu
erwidern. Im Schritt, ganz gebrochen, ritt sie am Meere entlang heimwärts,
ein trauriges Bild.
Ich trabte in die entgegengesetzte Richtung. Noch oft sah ich mich um, --
es war immer derselbe melancholische Anblick: in müdem Schritt trottete
der dampfende Gaul dahin, die müde Jamaica über sich. Ich bog in die
Wälder ein, kam an einem See, an Forsthäusern, an mehreren Dörfern vorüber
und zögerte stundenlang, ehe ich heimritt.
Als ich abends heimkam, war Jamaica fort, ohne ein Wort hinterlassen zu
haben. Durch den Wirt erfuhr ich, daß auch der Engländer abgereist sei.
Ich mußte lächeln, obwohl mir übel zumute war. Ich zündete mir eine
Zigarre an, setzte mich auf die Balustrade der Veranda und sah lange aufs
Meer, trotzig, allein, mit wirren, durcheinander stürmenden Gefühlen.
Am nächsten Tage reiste ich auch, nicht nach Haus, sondern zu einem
Freunde aufs Land. Wir saßen stundenlang, während die Sonne brannte, in
einem Boot und angelten, schossen nach Raubvögeln, schwammen, ritten,
sahen den Pfauen zu, wie sie auf der Wiese Rad schlugen und schrieen: Päo!
Päo! -- und abends kamen der Förster und der Pastor des nächsten Dorfes,
um mit uns zu zechen.
Als ich nach Wochen braungebrannt wieder in der Stadt eintraf und in einer
Droschke vom Bahnhof aus meiner Wohnung zustrebte, sah ich Jamaica an mir
vorüberfahren, in einem reizenden Sommerkleid, das ich noch nicht kannte.
Sie saß an der Seite des Engländers, ihr Gesicht war von unaussprechlicher
Heiterkeit. Wie eine biegsame Blume des Südens saß sie da, aufrecht und
stolz den schönen Rücken, den ich schlug.
Lebwohl, Jamaica. Lebwohl.