1. Die Körpergestalt

Alle Rädertiere sind ungegliedert und bilateral-symmetrisch, d. h. sie

lassen sich nur durch eine in die Längsachse des Tieres gelegte Ebene

in zwei symmetrische Körperhälften -- eine linke und eine rechte --

teilen, und dementsprechend kann man an ihnen ein vorderes und ein

hinteres Körperende und eine Bauch- und eine Rückenseite unterscheiden.

Von allen Körperachsen ist diejenige, welche vom vordern zum hintern

Körperpole geht, fast ausnahmslos die längste, und da gleichzeitig die

Breite des Tieres im Verhältnis zur Länge in der Regel sehr gering ist,

so haben die meisten Rotatorien einen gestreckten, wurmartigen Habitus,

dessen Länge zwischen 3 bis 0.05 _mm_ schwankt. Der Querschnitt durch

die Mitte des Körpers zeigt entweder einen runden bis ovalen Umriss,

oder die Dorsoventral-Achse ist nur sehr klein, und das Tier (z. B.

ein _Brachionus_, Fig. 69 S. 300, oder eine _Polyarthra_, Fig. 66

S. 298) erscheint dann stark abgeplattet, scheibenförmig. Dass alle

drei Körperachsen ungefähr gleich lang sind, und der Körper daher

die Gestalt einer Kugel besitzt, kommt nur bei zwei, auch in der

innern Organisation sehr abweichenden Arten vor, nämlich erstens

bei der von +Semper+ auf den Philippinen entdeckten _Trochosphaera

aequatorialis_, bei der die Stirnfläche des Kopfes halbkugelförmig

aufgeblasen ist, sodass der Ciliensaum des Räderapparates den Körper in

äquatorialer Stellung umzieht, und zweitens bei _Apsilus lentiformis_,

einer seltenen deutschen (bei Giessen beobachteten) Art. Annähernder

Gleichheit in der Grösse der Quer- und Längsachsen begegnen wir schon

häufiger, z. B. bei den scheibenförmigen Gattungen _Pterodina_ und

_Pompholyx_. Bei fast allen Rotatorien ist das vordere Körperende quer

abgestutzt, und die so entstandene „Stirnfläche“ trägt den Räderapparat

und, der Ventralseite genähert, die Mundöffnung. Die Breite des Kopfes

ist bald dieselbe wie in den mittleren Körperregionen, bald wird sie

etwas geringer als diese, so dass sich der Körper nach vorn leicht

verjüngt. Bei besonders mächtiger Entwickelung des Räderapparates (s.

weiter unten) kann der Stirnfläche auch die Maximalbreite des Körpers

zukommen. Hinter der Afteröffnung verjüngt sich der Körper fast aller

Rädertiere und bildet so den zur dauernden oder vorübergehenden

Anheftung dienenden Schwanz (Fig. 62, 63, 64, 65, 69). Dieser Schwanz

kann in sehr verschieden deutlichem Grade sich vom Mittelkörper

absetzen. Bei den in Fig. 62-65 abgebildeten Arten gehen beide ganz

allmählich in einander über. Bei der _Asplanchnopus myrmeleo_ (Fig. 68)

sitzt der kurze in zwei Zehen auslaufende Schwanz nicht am Hinterende

des Rumpfes, sondern fügt sich der Bauchseite ein gutes Stück weiter

nach vorn an. Fig. 69 zeigt uns einen _Brachionus_, bei dem der schmale

Schwanz fast die halbe Körperlänge erreicht, von dem viel breitern

Mittelkörper sehr scharf abgesetzt ist und durch besondere Muskeln

vorübergehend ganz in diesen zurückgezogen werden kann. Endlich giebt

es eine Anzahl Formen, denen ein echter Schwanzanhang überhaupt fehlt;

so die Gattungen _Polyarthra_ (Fig. 66), _Triarthra_, _Hertwigia_,

_Asplanchna_, _Anuraea_ (Fig. 67), _Sacculus_. Bei diesen mangeln

mit dem Schwanze gleichzeitig die Fuss- oder Klebdrüsen, sodass die

Tiere nicht im stande sind, sich festzuheften. -- Die Fussdrüsen

(_f_) sehr vieler Rädertiere münden an der Spitze zweier (selten

einer: _Monostyla_) sehr verschieden langer dolchförmiger Zehen, die

bald an einander gelegt, bald gespreizt getragen werden. Bei den im

erwachsenen Zustande dauernd festsitzenden Melicertiden, z. B. der

Gattung _Floscularia_ (Fig. 65), sind zwar die Fussdrüsen mächtig

entwickelt, Zehen hingegen fehlen, und der Körper endet mit einer

quer abgestutzten kleinen Fläche. Anderseits giebt es eine Abteilung

unter den Rädertieren, bei denen die Zehen stets in grösserer Zahl

als zwei auftreten. Es sind dies die Philodiniden, wozu der gemeine

_Rotifer vulgaris_ und fast alle Erdrotatorien gehören. Bei diesen

läuft der Schwanz bald in drei (_Rotifer_, _Actinurus_), bald in vier

(_Philodina_[XII]) Zehen aus, die cylindrische fingerförmige Anhänge

darstellen. Vier kurze Zehen kommen auch der an den Beinen unseres

Bachflohkrebses lebenden _Callidina parasitica_ Gigl. zu, während bei

anderen nahen Verwandten noch weitergehende Modifikationen beobachtet

werden. Bei _Callidina symbiotica_ Zel. (Fig. 64) endigt der Schwanz

mit zehn sehr kleinen Zehen, und bei _Call. magna_ Plate münden die

Ausfuhrgänge der Klebdrüsen in eine von zahlreichen dichtstehenden

Kanälen durchbrochene kreisförmige Platte aus. Alle die genannten

Gattungen der Philodiniden besitzen ausserdem noch zwei „Afterzehen“

oder „Sporen“, welche kurz vor den eigentlichen Zehen von der

Rückenseite ausgehen und in der Gestalt diesen sehr ähneln (Fig. 64,

_zh_). Bei _Call. parasitica_ fungieren sie auch als echte Zehen,

indem sie Ausführgänge der Klebdrüsen aufnehmen; bei allen übrigen

Arten hingegen enden sie blind geschlossen und sind daher wohl ihrer

ursprünglichen Funktion verlustig gegangen.

[XI] Dieselbe bezieht sich nur auf die Weibchen, da die Morphologie

der Männchen in einem besondern Abschnitte besprochen werden

soll.

[XII] Nach +E. F. Weber+, während +Hudson-Gosse+ auch für _Philodina_

nur drei Zehen angeben.

[Illustration: Fig. 64.

_Callidina symbiotica._ Nach Zelinka, etwas geändert. Ventralansicht.]

[Illustration: Fig. 65.

_Floscularia cornuta._ Nach Leydig. Seitenansicht.]

[Illustration: Fig. 66.

_Polyarthra platyptera._ Nach Leydig. Rückenansicht.]

[Illustration: Fig. 67.

_Anuraea aculeata._ Nach Hudson-Gosse. Rückenansicht.]

[Illustration: Fig. 68.

_Asplanchna (Asplanchnopus) myrmeleo._ Bauchansicht.]

[Illustration: Fig. 69.

_Brachionus rubens._ Nach Hudson-Gosse. Rückenansicht.]

Die Fusszehen der Rotatorien können als +Körperanhänge+ angesehen

werden, welche durch Ausstülpungen der Haut entstanden sind. Ähnliche,

aber nicht der Festheftung sondern der Bewegung dienende Anhänge,

die ihren Trägern häufig ein sehr absonderliches Aussehen verleihen,

treffen wir bei einigen Rädertieren an, die sehr verschiedenen

Unterabteilungen des Systems angehören. Ich erwähne hier nur drei

verschiedene Arten derartiger Ausstülpungen. Bei den Philodiniden

entspringt dicht hinter dem Räderapparat ein langer, aus- und

einstülpbarer „Rüssel“ (Fig. 64, _rs_), der an seinem verjüngten

Vorderende mit beweglichen Cilien besetzt ist. Der Rüssel ist an seiner

Basis fast so breit wie der Körper, sodass man darüber im Zweifel

sein kann, ob man ihn als eine aus der Rückenfläche hervorgewachsene

Neubildung oder nicht vielmehr als das ursprüngliche Vorderende

des Körpers anzusehen hat, in welchem Falle der Cilienapparat zum

grössten Teile auf die Bauchfläche übergetreten wäre und sich mit der

Mundöffnung ein gutes Stück nach hinten verschoben hätte. Rüssel und

Räderapparat sind bei den Philodiniden nie gleichzeitig in Thätigkeit,

sondern in dem Moment, wo ersterer sich hervorstülpt, wird letzterer

eingezogen. Der Rüssel dient teils als Träger von Sinnesorganen

(Tastborsten, Augenflecke), teils vermittelt er mit den Fusszehen

die spannerraupenartige Bewegungsweise der Philodiniden, wobei seine

vordere Wimperplatte wie eine Saugscheibe der Unterlage angeheftet

wird. -- Unter den Arten der Gattung _Asplanchna_ zeichnen sich einige

durch den Besitz von 2-4 kegelförmigen Hautauswüchsen aus, die vom

Rücken oder den Körperseiten entspringen und zumteil eine beträchtliche

Höhe erreichen. Bald treten dieselben nur bei den Männchen auf (so

bei _Aspl. Sieboldii_ Leyd.[XIII] in Vier-, bei _Aspl. intermedia_ Huds.

in Zweizahl), bald sind beide Geschlechter, wenn auch zuweilen in

verschiedener Weise, mit ihnen ausgerüstet (_Aspl. amphora_ Huds. und

_Aspl. Ebbesbornii_ Huds.). Eine besondere Funktion scheint ihnen

nicht zuzukommen. -- Ein besonderes Interesse beanspruchen die bei

den Gattungen _Polyarthra_, _Triarthra_, _Pedetes_ und _Pedalion_

vorkommenden Anhänge, da sie auffallend an die Extremitäten der

Entomostraken erinnern. Wie diese sind sie scharf, zumteil sogar

gelenkig, vom Körper abgesetzt, sind beweglich, tragen nicht selten

gefiederte Borsten und dienen der gleichen Funktion, nämlich zum

Rudern. Dennoch sind dieselben nur als analoge Bildungen anzusehen,

denn die zwei wichtigsten Merkmale der Entomostraken-Gliedmassen,

die paarweise und ausschliesslich ventrale Gruppierung und der

Spaltfusscharakter, gehen ihnen völlig ab.

[XIII] Neuerdings hat E. v. Daday die sehr interessante Beobachtung

gemacht, dass bei _Aspl. Sieboldii_ zwei verschiedene Weibchen

vorkommen, erstens männlich-geformte mit vier konischen

Hautanhängen und zweitens solche ohne diese (Math. u. Naturw.

Berichte aus Ungarn. VII. 1889).

Dass nun der Habitus der Rädertiere im einzelnen so vielen kleinen

Veränderungen unterworfen ist, wird vornehmlich durch zwei Organsysteme

bewirkt, nämlich einmal durch die Vielgestaltigkeit des Räderapparates

und dann durch den wechselnden Grad von Festigkeit, welcher der Haut

eigen ist. Wir beginnen daher die vergleichende Betrachtung der

Organsysteme mit diesen.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 79 / 112 题