Durchschnürung des bisquitförmig gewordenen Kerns.]

[Illustration: Fig. 33.

Eine Euglypha mit Stacheln im encystierten Zustande. _D_ Diaphragma --

_a. s._ äussere Schale -- _i. s._ Innere Schale -- _C_ Cystenhülle.]

Noch haben wir nicht alle Lebensvorgänge der Euglypha verfolgt: Bei

ihrem Aufenthalt in den oft seichten stehenden Gewässern kann es

nicht ausbleiben, dass die Euglypha der Gefahr des Austrocknens oder

Einfrierens ausgesetzt ist. Davor weiss sie sich wie die meisten

übrigen Urtiere und Urpflanzen durch die sogenannte Einkapselung oder

Encystierung zu schützen (Fig. 33): Sie zieht die Pseudopodien ein

und schliesst das Gehäuse vorn durch einen Deckel, das Diaphragma

(_D_) ab; ausserdem baut sie sich aus den Reserveplättchen innerhalb

ihres Gehäuses (_a. s._) noch ein zweites, kleineres, bei welchem

die Plättchen weiter übereinandergreifen und das vorn geschlossen

ist (_i. s._). Innerhalb der zweiten Schale zieht sich nun der

Protoplasmakörper zu einer Kugel zusammen und um diese wird erst die

eigentliche Cystenhaut (_C_) ausgeschieden. In diesem Zustande ist die

Euglypha vor Trockenheit und Frost geschützt.

Die Encystierung ist aber auch ein wichtiges Mittel zur Verbreitung

der Art. Mit dem Staube werden solche Cysten weit fortgetrieben,

Wasservögel und Wasserinsekten tragen sie im Schlamm, der da und

dort an ihrem Körper haften bleibt, mit sich weg in entfernte

Gewässer. Ja es scheint, dass die Spitzen und Stacheln, welche manche

Süsswasserrhizopoden an ihrer Schale haben (s. Fig. 16) und welche, wie

schon erwähnt, auch bei Euglypha vorkommen (Fig. 17), als Haftapparate

anzusehen sind, um den Transport zu begünstigen. Dieser passiven

Wanderung verdanken die Urtiere offenbar ihre weite Verbreitung[69],

darauf beruht es, dass gerade die schalentragenden Wurzelfüsser

des süssen Wassers, so weit man bis jetzt weiss, alle sogenannte

kosmopolitische Arten sind[70].

Will die Euglypha sich aus ihrer Cyste wieder befreien, so löst sie

zunächst die Cystenhülle auf, dann sprengt sie die innere Schale, so

dass die Plättchen wieder lose umherliegen, zerreisst das Diaphragma

und teilt sich auf die oben beschriebene Weise, indem nun die Plättchen

der inneren Schale gleich für das Tochtergehäuse benutzt werden[67 k].

Wir haben nun die Euglypha in ihrem ganzen Lebenslauf verfolgt,

wir haben gesehen, wie sie sich bewegt, frisst, verdaut, wie der

Stoffwechsel vor sich geht, wir kennen die Zusammensetzung und

Entstehung ihrer zierlichen Schale, wir erkennen die feinere Struktur

des Plasmas, wissen, wie die Vermehrung, die Befruchtung, die

Einkapselung vor sich geht; ja wir können in die feinsten Vorgänge

der Kernteilung eindringen; in dem Kerne, der selbst nur ⁸⁄₁₀₀₀ _mm_

gross ist, erkennen wir noch zahlreiche Fäden, in diesen Fäden sehen

wir noch Körner und wir sehen diese Körner sich noch teilen. Das ist

das Höchste, was wir mit unseren heutigen Mikroskopen leisten können,

aber -- wird der Leser sagen -- das ist auch der höchste Grad der

Spitzfindigkeit. Wohl, mag dem so sein, aber wir lernen doch sehr viel

dabei: Das Plasma ist der Träger des Lebens, und wie bei manchen Zellen

der höheren Tiere gelingt es hier bei der Euglypha dem bewaffneten

Auge, zu erkennen, dass dieser Sitz des Lebens, entsprechend seiner

Vielseitigkeit, ein viel komplizierteres Gefüge hat, als man bisher

geahnt. Das Maschengerüst mit seinen grösseren und kleineren von

Zellsaft erfüllten Waben, mit seinen feinen und feinsten Körnchen,

die Vorgänge bei der Kernteilung lassen uns ahnen, dass man auch

in dem kleinsten Plasmaklümpchen einen Mikrokosmos von unendlicher

Kompliziertheit voraussetzen muss.

Das Wachstum aller höheren Tiere und Pflanzen beruht auf der Vermehrung

der Zellen, welche ihren Körper zusammensetzen. Die Zellen sind es,

welche durch Nahrungsaufnahme wachsen und sich teilen, durch ihre

Teilung die Gewebe und Organe und schliesslich den ganzen Organismus

vergrössernd. Die Teilungen der Zellen aber gehen unter eigentümlichen

Veränderungen am Kerne -- der Kernmitose -- vor sich; die färbbare

Substanz des Kernes löst sich in Fäden auf, diese zerfallen in

Schleifen, welche sich um den Äquator anordnen, dann sich spalten und

den Polen zurücken. Und nun lehrt uns die Euglypha, dass dieselben

Phänomene auch auf der niedersten Stufe der Lebewesen sich abspielen,

wenn es sich um Zellteilung, beziehungsweise hier um Teilung des

Individuums handelt.

Die neuesten Forschungen haben uns die unumstössliche, wunderbare

Thatsache gelehrt, dass es sich bei der Befruchtung jedes vielzelligen

Organismus wesentlich um eine Kernverschmelzung handelt, Eikern und

Samenkern vereinigen sich und zwar sind es nur wenige Kernschleifen

des weiblichen und ebensoviele gleich grosse des männlichen Kernes,

welche dabei zusammentreten. In diesen Schleifen, winzigen, nur bei

stärkster Vergrösserung wahrnehmbaren Körpern, müssen also alle jene

tausenderlei Eigenschaften enthalten sein, welche sowohl vom Vater

wie von der Mutter auf den entstehenden Organismus vererbt werden. Es

ist also ein gar kostbares Material diese Kernsubstanz und es darf uns

nicht wundernehmen, dass ein so überaus feiner Mechanismus besteht, um

die Verteilung desselben zu bewerkstelligen. Dass auch schon bei den

einzelligen Wesen eine so genaue Verteilung der im Kerne enthaltenen

Potenzen stattfindet, lehrt uns abermals die Euglypha alveolata. Dabei

ist noch eine wichtige Thatsache hervorzuheben: Es zeigen sich nämlich

bei der Kernteilung der Euglypha gewisse Eigentümlichkeiten, welche

sich sonst nur bei den Kernteilungen der niedersten vielzelligen Tiere,

der niedersten Pflanzen und der Eier der höheren Tiere vorfinden[67 m].

Diese Ähnlichkeit im wichtigsten Lebensprozess dieser Zellen lehrt

uns mit unzweifelhafter Sicherheit, wie nahe die niedersten Pflanzen

und Tiere den Urtieren noch stehen und wie die höheren Tiere in ihrer

ersten Entwickelungsstufe im Ei ihren früheren Zusammenhang mit den

Urorganismen, resp. ihre Abstammung von diesen verraten.

Die Befruchtung ist, wie gesagt, eine Vereinigung männlicher und

weiblicher Kernsubstanz, mit anderen Worten, es vermischen sich

dabei von zwei verschiedenen Individuen die Charaktere, denn diese

sind ja in der Kernsubstanz enthalten. Eine neuere Theorie sucht

darin, wie mir scheint, mit Recht das wesentliche Moment des

Befruchtungsvorganges[71]. Durch diese Vermischungen entstehen neue

Kombinationen von Eigenschaften und dieser bedarf die Natur, um die

Organismen den sich stets verändernden äusseren Lebensbedingungen

angepasst zu erhalten. Bei den einzelligen Organismen beruht

dieser Vermischungsprozess meistens auf einer Verschmelzung zweier

ganzer Individuen und nichts erläutert dies besser, als die oben

beschriebene Kopulation der Euglypha, wo zwei Tiere vollkommen in eins

zusammenfliessen.

Man hat die Urtiere Organismen ohne Organe genannt; denn sie sind im

stande alle diejenigen wesentlichen Funktionen zu verrichten, welche

bei höheren Tieren an einen oft sehr komplizierten Mechanismus gebunden

sind. Sie tasten und empfinden ohne Nervensystem, bewegen sich ohne

Muskulatur, fressen und verdauen ohne Magen und Darm, atmen und

besorgen den Stoffwechsel ohne Lunge und Niere. Ja die Euglypha lehrt

uns, dass sie sogar kompliziertere Lebensthätigkeiten bekunden, dass

sie ohne Gehirn und Nerven eine Art von Instinkt besitzen können, die

Baukunst. Die Schale ist ja nicht im ganzen ein Ausscheidungsprodukt,

sondern nur die Schalenplättchen werden ausgeschieden und diese

müssen, wie wir sahen, bei der Teilung sorgfältig Stück für Stück

zusammengefügt und kunstvoll so angeordnet werden, dass das Ganze

die richtige Form erhält. Dieselben uns ungeformt erscheinenden

Plasmateile, welche den Nahrungskörper ergreifen und hereinziehen,

wissen die Schalenplatten aus dem alten Gehäuse heraus und an ihren

richtigen Platz zu führen; keine geübte Hand könnte dies sorgfältiger

und sicherer thun. Dasselbe Plasma weiss sich der Plättchen auch

noch auf andere Weise zu bedienen, wenn es sich darum handelt, gegen

drohende Austrocknung eine schützende Cyste zu bilden.

Noch wunderbarer erscheint uns dieser Kunsttrieb bei den schon

mehrfach erwähnten Verwandten der Euglypha, welche ihre Gehäuse aus

Fremdkörpern aufbauen. Die zierlichen, mannigfach gestalteten Schalen

der Difflugia-Arten, deren einige unsere Figur 16 aufweist, bestehen

aus Sand-, meistens Quarzkörnchen. Diese Sandkörnchen liest die

Difflugia in ihrer Umgebung zusammen, zieht sie in ihren Körper hinein

und speichert sie da so lange auf, bis sie zur Teilung schreitet.

Diese verläuft ganz wie bei der Euglypha, nur dass die Difflugia die

schwierige Aufgabe hat, aus ganz unregelmässigem Material eine neue

Schale herzustellen, und doch bringt sie es so gut fertig, dass das

neue Gehäuse vollkommen dem alten gleicht. Man hat den sinnreichen

Versuch gemacht[68 d], solche Wurzelfüsser in kleine Aquarien zu

bringen, in welchen der Boden mit zerstossenen Glassplittern bedeckt

war, und siehe da, auch die Glasstückchen wurden aufgenommen und die

Tiere, welche sich teilten, erzeugten Schalen, welche den alten zwar

vollkommen gleich waren, aber statt aus Sand aus Glas bestanden.

Es giebt höhere Organismen, welche ganz denselben Bautrieb besitzen,

wie diese Difflugien, ich meine die Larven der Phryganiden, die in den

meisten stehenden und fliessenden Gewässern vorkommen. Auch sie bauen

köcherartige Gehäuse aus allerlei Fremdkörpern zusammen, gerade wie

die Wurzelfüsser, aber um zu demselben Ziele zu gelangen, gebrauchen

sie einen komplizierten physiologischen Mechanismus, der in ihrem

hochentwickelten Nervensystem, in ihrer Muskulatur, ihrem Hautskelett

u. s. w. besteht.

Wie ist es aber möglich, fragen wir uns, dass ein einzelliges Wesen

ohne jeglichen nervösen Organe zu so hohen Leistungen befähigt ist.

Setzt ein derartiger Kunsttrieb nicht psychische Fähigkeiten voraus und

wo haben diese ihren Sitz?

Ausgedehnte vorzügliche, „psycho-physiologische Protistenstudien“,

die erst vor kurzem veröffentlicht wurden[68 e], haben sich eingehend

mit der Beantwortung dieser Frage beschäftigt. Die Urtiere wurden

in ihrem Verhalten auf die verschiedenartigsten Reize, Licht-,

mechanische, akustische, chemische Reize u. s. f., untersucht und

zwar in unverletztem Zustande und auch nach künstlich beigebrachten

Verletzungen, Entfernung des Kerns etc. Das Resultat aller solcher

Versuche ist, dass von einem nervösen Zentrum im Protistenkörper

keine Rede sein kann, dass die nervöse Potenz eine diffuse ist; jedes

Protoplasma-Elementarteilchen ist ein selbständiges Zentrum und

hat seine eigene selbständige Psyche. Eine Psyche im höheren Sinne

existiert freilich noch nicht und alle Bewegungen der Urtiere müssen

als willenlose Reflexbewegungen aufgefasst werden. Das Scheinfüsschen

der Difflugia berührt ein Sandkörnchen, der Reiz veranlasst dasselbe

sich zusammenzuziehen und dabei wird es den Fremdkörper, falls er nicht

zu schwer ist, mit sich reissen. Auf diese Weise sammelt es willenlos

sein Schalenmaterial. Aber trotz dieser rein mechanischen Erklärung

bleibt der Vorgang wunderbar genug. Bedenken wir nur das eine, dass die

Reize, welche Nahrungskörper auf die Pseudopodien ausüben, diese in

derselben Weise reagieren lassen wie die Berührung eines Sandkörnchens,

dass aber nachher beim Schalenbau Nahrungspartikeln und Schalenmaterial

doch auseinandergehalten werden. Was also bei der Phryganidenlarve

tausende von Zellen, in der Arbeit sich teilend, erreichen, schafft

hier eine einzige Zelle in derselben Weise aus sich selbst.

Man lasse mich hier noch einen zwar etwas drastischen, aber belehrenden

Vergleich anstellen: Der Längsdurchmesser der Euglypha beträgt etwa

⁶⁄₁₀₀, der Querdurchmesser ³⁄₁₀₀ _mm_, somit erhalten wir für das Tier

einen Kubikinhalt von 54 oder rund 50 Millionstel Kubikmillimeter.

Nehmen wir nun als Kubikinhalt eines der lebenden Tierriesen, z. B.

eines Elefanten, etwa 3 Kubikmeter an, so wären dies 3 Milliarden

Kubikmillimeter, d. h. gegenüber den 50 Millionstel Kubikmillimetern

der Euglypha 60000 Milliarden mal mehr. Wir finden also bei der

Euglypha dieselben Lebensäusserungen, wenn auch sehr vereinfacht, wie

bei dem 60000 Milliarden mal grösseren Elefanten; wir finden bei der

Teilung der Euglypha im Kerne dieselben eigentümlichen Vorgänge, wie

im Kerne einer der Myriaden von Zellen, welche den Riesenleib des

Elefanten zusammensetzen. Ist das nicht ein überwältigender Beweis für

die Einheit der belebten Natur? Ich meine, es gehöre schon ein hoher

Grad von Blasiertheit dazu, wenn man gegenüber solchen Thatsachen nicht

immer wieder von bewunderndem Staunen ergriffen wird. Beschleicht uns

nicht dasselbe Gefühl von der Unendlichkeit der Natur, als wenn wir in

einer klaren Nacht zum Sternenhimmel aufsehen und uns sagen, dass alle

die Tausende von Fünkchen Welten sind, so gross und grösser als unsere

eigene?

So führt uns das Studium des Kleinen und des Kleinsten im Kleinen

zum Verständnis des Grossen und Grössten. Denn je weiter wir in den

Zusammenhang der Organismen einzudringen vermögen, je mehr wir alle

Erscheinungen auf gemeinsame Gesetze zurückführen können, desto

einheitlicher und damit desto grösser erscheint uns die Schöpfung. Die

Spezialisierung, welche sich in der heutigen Forschung so sehr geltend

macht, artet nicht in Spitzfindigkeit aus, sondern leitet zu grossen

Resultaten, sobald wir sie richtig anzuwenden wissen.

Man macht der heutigen Naturforschung so oft den Vorwurf, dass sie es

sei, welche den materialistischen Zug, der durch unsere Zeit geht,

verschuldet habe und befördere. +Ich glaube dies nicht, sondern finde

vielmehr, dass gerade die heutige Naturauffassung, die bei allem,

was sie schafft, das Auge auf die Entstehung und Entwickelung des

Ganzen gerichtet hat, am wenigsten eines idealen Zuges entbehrt.+ Dem

heutigen Forscher, obgleich er das Wunder nicht mehr anerkennt, ist die

Empfindung für die Grossartigkeit der Natur nicht verloren gegangen,

nein, er muss dieser mit noch grösserer Bewunderung gegenüberstehen,

als seine Vorgänger, denen eine naivere Vorstellung von der Schöpfung

die eigentlich belebende Seite des Forschens versagte. Es geht ein

hoher, idealer Zug durch die Naturforschung in unseren Tagen, und

in der heutigen, weitausschauenden Richtung gelehrt, muss sie ein

wichtiges Moment für die Erziehung werden, nicht nur für den Arzt, der

ohne sie zum Handwerker herabsinkt, zum Spezialisten im schlechten

Sinne des Wortes, sondern für jeden, der auf Bildung Anspruch macht.

Leider versündigen sich Unverstand und Missverstand gar zu oft an Natur

und Forschung. Zu öfteren Malen hat man in den periodischen Wahlkämpfen

die extremste Partei predigen hören, die Ziele der Sozialdemokratie

seien in der Natur begründet, die Descendenzlehre sei ihre Stütze!

Gerade das Gegenteil ist der Fall: Nichts von allgemeiner Gleichheit

gestattet der Kampf ums Dasein, das Recht des Stärkeren wird die Losung

sein, so lange die Erde Lebewesen trägt. Danach freilich müssen wir

Menschen streben, dass es bei uns kein Faustrecht sei, sondern ein

Geistesrecht!

Ist es nicht auch eine falsche Naturauffassung, die heute eine

weitverbreitete Richtung in der Kunst beherrscht, wo der Künstler

nur dadurch an die Natur sich anlehnen zu können glaubt, dass er

das Hässliche, oder zum mindesten das Langweilige und Nichtssagende

darstellt?

Sollen wir die Descendenzlehre daran schuld sein lassen, dass +Zola+

den Atavismus als erklärendes Prinzip für seine Verbrecherromane

herbeizieht? Vererben sich denn nur die Laster, vererben sich denn

nicht auch die schönen und edlen Eigenschaften im Menschen nach

denselben Gesetzen? Ist denn das Schöne nicht auch Natur? Der Forscher

soll an der Hand der nackten Thatsachen die Wahrheit suchen und darf

auch vor dem Widerlichen nicht zurückbeben. Auch der Künstler soll

Wahres schaffen, aber ihm ist ja die Wahl gelassen in den unendlichen

Schätzen der Natur und warum greift er dann das +Hässliche+ heraus?

Wer im Sommer 1889 die grosse Internationale Kunstausstellung in

München besucht hat, den empfing gleich am Eingang die bekannte grosse

Marmorgruppe von +Fremiet+, der Gorilla, der ein Weib entführt. Was

kann es Widerlicheres geben als diesen Affen und diese Situation!

Mögen die Motive, welche den Künstler zu diesem Werke geführt, sein,

welche sie wollen, das ist kein Vorwurf für ein wahres Kunstwerk; ihm

gebührt die grosse goldene Medaille nicht! Hat dazu der Künstler sein

grosses Talent, hat er dazu seine wunderbare technische Fertigkeit, hat

er dazu Zeit, Arbeit und Geld angewendet, so ist dies eine Verirrung!

Wenn aber der Forscher denselben hässlichen Gorilla darstellt und

beschreibt und daran nachweist, wie er als Glied einer langen Kette von

Organismen sich einfügt, oder wie er als letzter Rest einer grossen

Reihe von Vorfahren auf unserer Erde lebt, wie hier Eigentümlichkeiten

seines Körperbaues, dort Äusserungen seines Intellekts zu wichtigen

Vergleichen anregen, dann entkleidet er das Tier seiner Hässlichkeit,

statt angeekelt uns abzuwenden, kehren wir uns ihm mit Interesse zu;

da steht der Forscher in der idealen Auffassung über dem Künstler.

Unverstand und Geistlosigkeit müssen freilich überall auf falsche Wege

führen; wo aber der Verstand die Natur zu erkennen strebt, da giebt es

keinen falschen „Naturalismus“ und keinen „Materialismus“, wo der Geist

die Materie belebt.

Litteratur.

[64] =August Johann Rösel von Rosenhof=: Der monatlich

herausgegebenen Insecten-Belustigung Dritter Theil. Nürnberg 1755.

[65] S. darüber =Bütschli=: Über die Struktur des Protoplasmas in:

Verhandlungen d. naturhist. med. Ver. zu Heidelberg. N. F. IV. Bd. 3.

Heft. Sitzung vom 3. Mai und 7. Juni 1889.

[66] S. hierüber =Bronn=: Classen und Ordnungen des Tierreichs;

=Bütschli=: Die Protozoen. I. Abt. p. 228 u. f. Heidelberg und

Leipzig 1880-82.

[67] Die hauptsächlichste Litteratur über Euglypha ist folgende:

a) =Dujardin=: Histoire naturelle des Zoophytes infusoires. Paris

1841.

b) =Ehrenberg=: Verschiedene Schriften 1841-1872. Übersicht der

seit 1847 fortgesetzten Untersuchungen über das von der Atmosphäre

unsichtbar getragene Leben in: Abh. der Berliner Akad. aus d. J.

1871. Berlin 1872.

c) =Perty=: Zur Kenntniss kleinster Lebensformen nach Bau,

Funktionen, Systematik, mit Spezialverzeichniss der in der Schweiz

vorkommenden. Bern 1852.

d) =Carter=: On Fresh-water Rhizopoda of England and India in:

Annals and Magazine of Natural History. London 1884.

e) =Hertwig u. Lesser=: Über Rhizopoden und denselben nahestehende

Organismen in: Archiv für mikroskopische Anatomie. Bd. X. Suppl.

1874.

f) =F. E. Schulze=: Rhizopodenstudien III in: Archiv f. mikr. Anat.

Bd. XI. 1875.

g) =Leidy=: Fresh-water Rhizopoda of North-America in: United

States geological survey of the territories. Vol. XII. 1879.

h) =Gruber=: Der Theilungsvorgang bei Euglypha alveolata in:

Zeitschr. für wissenschaftliche Zoologie. Bd. 35. 1881.

i) =Gruber=: Die Theilung der monothalamen Rhizopoden in: Zeitschr.

f. wiss. Zoologie. Bd. 36. 1882.

k) =Gruber=: Kleinere Mitteilungen über Protozoenstudien in:

Berichte der naturforschenden Gesellschaft zu Freiburg i. Br. Bd.

II. Heft 3. 1886.

l) =Blochmann=: Zur Kenntnis der Fortpflanzung von Euglypha

alveolata in: Morphologisches Jahrbuch. Bd. 13. 1887.

m) =Schewiakoff=: Über die karyokinetische Kernteilung von

Euglypha alveolata in: Morphol. Jahrb. Bd. 13. 1887.

[68] Die hauptsächlichsten Arbeiten über künstliche Teilung bei

Urtieren sind:

a) =Nussbaum=: Über die Teilbarkeit der lebendigen Materie. I. Die

spontane u. künstliche Teilung der Infusorien in: Archiv f. mikr.

Anat. Bd. 26.

b) =Gruber=: Beiträge zur Kenntnis der Physiologie u. Biologie der

Protozoen in: Ber. d. naturf. Ges. zu Freiburg i. Br. Bd. I. 1886.

c) =Balbiani=: Recherches expérimentales sur la mérotomie des

infusoires ciliés in: Recueil zoologique. Tome 5. Fasc. 1.

Genève-Bâle 1888.

d) =Verworn=: Biologische Protistenstudien in: Zeitschrift für

wiss. Zoologie. Bd. 46.

e) =Verworn=: Psycho-physiologische Protistenstudien. Jena 1889.

f) =Hofer=: Experimentelle Untersuchungen über den Einfluss

des Kerns auf das Protoplasma in: Jenaische Zeitschr. für

Naturwissenschaft. N. F. Bd. 17. 1889.

[69] Ich habe in den Torfmooren des Schwarzwaldes, oberhalb des

Höllenthales, fast alle die Rhizopoden nachgewiesen, die Leidy[67 g]

in den Gewässern Nordamerikas aufgefunden hat (s. darüber das

Grossherzogtum Baden, Lieferg. 2. Die Tierwelt. pg. 136. Karlsruhe

1883).

[70] Über die „passive Migration“ s. =O. Zacharias=: Bericht

über eine zoologische Exkursion an die Kraterseen der Eifel in:

Biologisches Centralblatt. Bd. 9. No. 2-4. Erlangen 1889.

[71] =Weismann=: Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die

Selektionstheorie. Jena 1886. (S. auch =Weismann=: Bemerkungen zu

einigen Tagesproblemen. Biol. Centralblatt. Bd. X. No. 1. 1890).

Die Flagellaten (Geisselträger).

Von Dr. =W. Migula= in Karlsruhe.

Zu den niedersten Organismen, auf der Grenze zwischen Tier und Pflanze

stehend, gehört die interessante Abteilung der Flagellaten. Mit

ihren nächsten Verwandten, den Sarkodinen, Sporozoen und Infusorien,

bilden sie die Gruppe der +Protozoen+, aber wenn sie auch mit jenen

zusammengefasst werden und vielfache Berührungspunkte mit ihnen und

mit gewissen Algen zeigen, so sind sie in ihren Eigenschaften doch so

scharf charakterisiert, dass sie, von schwierigen Fällen abgesehen,

leicht zu erkennen sind. Vor allem zeichnen sie sich durch den

Besitz von Geisseln aus. Es sind dies sehr feine peitschenförmige

Plasmafäden, durch deren schwimmende oder schlagende Bewegung sie

sich fortbewegen. Hierdurch unterscheiden sie sich auch von den

drei anderen genannten Abteilungen der Protozoen, denen derartige

Bewegungsorgane nicht zukommen. Denn die Infusorien bewegen sich mit

Hilfe von Cilien, haarförmigen, viel kürzeren Gebilden, welche in

grosser Anzahl vorhanden sind, während die Geisseln oft die Länge des

Körpers übertreffen und stets nur in geringer Anzahl -- 1, 2, 3, 4

oder 5 -- auftreten. Die Sarkodinen mit den Rhizopoden (vergl. Kapitel

4), Heliozoen und Radiolarien dagegen bewegen sich im wesentlichen

durch ein eigentümliches mit fortwährender Formveränderung verbundenes

Hinfliessen des Körpers, und die Sporozoen haben in ihrem erwachsenen

Zustande überhaupt keine Bewegungsorgane. Der Körper der Flagellaten

ist sehr verschiedenartig gestaltet, stets einzellig, oft nackt,

d. h. ohne feste Membran oder Zellwand. Dagegen finden sich bei

einzelnen wieder sehr starke feste Hüllen um den zarten Zellleib,

welche mitunter sehr zierlich gezeichnet sind. Der Zellinhalt ist

entweder farblos oder bräunlich oder chlorophyllgrün gefärbt und der

Farbstoff ist dann gewöhnlich an plattenförmige Träger gebunden. Ein

Zellkern ist wohl stets vorhanden, daneben oft noch andere feste

Plasmakörperchen von zumteil noch unbekannter Bedeutung. Ebenso finden

sich im Innern des Plasmas Hohlräume, welche mit Zellsaft gefüllt sind

und von denen häufig zwei in bestimmten Zwischenräumen abwechselnd

sich zusammenziehen und allmählich wieder wachsen; man hat sie

pulsierende Vakuolen genannt. In der Regel findet sich auch noch ein

(seltener zwei) roter kleiner Punkt in der Zelle, der Augenfleck oder

Pigmentfleck.

Die Geisseln stehen in geringer Zahl zusammen an einem Punkte des

Körpers, gewöhnlich am Vorderende, sie sind gleich oder ungleich lang,

bei einigen von einem schwer sichtbaren feinen Mantel umgeben. Bei

der Fortbewegung wird das Wasser mit der ganzen Fläche der Geissel

gepeitscht und diese dann, ähnlich wie beim Schwimmen, zurückgezogen.

Die Fortpflanzung geschieht nur bei einigen -- soweit bisher bekannt

-- auf geschlechtlichem Wege durch Kopulation zweier Individuen,

oder wie bei Volvox durch die Befruchtung einer ruhenden Eizelle

durch ein bewegliches Spermatozoid. Häufig ist eine Vermehrung durch

Querteilung oder durch Längsteilung beobachtet. Vielen, vielleicht

allen Flagellaten kommt die Fähigkeit zu, bei Eintritt ungünstiger

Verhältnisse in einen Ruhezustand überzugehen, indem sie sich

encystieren, d. h. unter Zusammenziehung des Körpers zu rundlichen

Massen sich mit einer festen Membran umgeben. Sie können in diesem

Zustande längere Austrocknung vertragen und zugleich ist es ein

Mittel zur Verbreitung der Flagellaten. Denn wenn dieselben in dem

Ruhezustande auf dem Boden ausgetrockneter Pfützen liegen, so genügt

ein Windhauch, um sie emporzuheben und als feine Staubkörnchen

fortzuführen. So gelangen sie vielleicht in einen Wassertümpel, wo sie

ihre schützende Hülle sprengen und zu neuem Leben erwachen.

Oft bleiben die Zellen nach der Teilung in mehr oder weniger festem

Zusammenhang zu verschiedenartigen Kolonien vereinigt. Manche Arten

leben parasitisch in anderen Organismen, viele bewohnen fauliges

Wasser, manche treten nur in ganz reinen Wässern auf. Nach zwei

Richtungen hin zeigen sie sehr enge Beziehungen zum Pflanzenreich: zu

den Spaltpflanzen durch ihre einfachsten Vertreter, die Monadinen, und

zu den einzelligen Grünalgen, den Protococcoiden, durch die Volvocineen

und Chlamydomonadinen.

Dies sind im Umriss die allgemeinen Eigenschaften einer Gruppe von

Organismen, welche von den Botanikern und Zoologen als strittiges

Gebiet betrachtet werden und welche man deshalb, wenigstens teilweise,

sowohl in Lehrbüchern der Zoologie wie in solchen der Botanik behandelt

findet. Bei der Mannigfaltigkeit und dem Reichtum der grossen Gruppe,

bei der Verschiedenheit der Entwickelung selbst nahe verwandter Formen

und -- last not least -- bei der geringen Kenntnis, welche wir trotz

vieler und vorzüglicher Arbeiten von den Flagellaten besitzen, mag

es genügen, wenn wir einige interessante Vertreter dieser Abteilung

herausgreifen und einer eingehenderen Beschreibung unterziehen.

Wer sich für diese schwierigen und nur mit den besten Mikroskopen

erfolgreich zu untersuchenden Organismen interessiert, sei auf die

Litteraturangabe am Schluss verwiesen.

Zu den am höchsten entwickelten Flagellaten sind unbedingt die

Volvocineen zu rechnen, welche in etwa sieben Arten in unseren

Gewässern vorkommen. Wir wollen uns vorzugsweise an die Gattung Volvox

und an die häufigere der beiden Arten, an _Volvox aureus_ (_Volvox

minor_ Stein) halten.

[Illustration: Fig. 34.

Volvocineen. 1 _Volvox aureus_ Ehrbg.: _a_ Kolonie mit fünf

Tochterkugeln (Parthenogonidien) und drei bereits befruchteten Eizellen

(Oosphaeren), _b_ Kolonie mit zwei Parthenogonidien, elf unbefruchteten

Eizellen, zwei männlichen Kolonien, _c_ Teil einer Kugel, stärker

vergrössert, mit einer Zelle, welche sich teilt und den Anfang einer

Tochterkolonie darstellt, _d_ reife Oosphaere, _e_ Teilungszustand

einer sehr jungen Volvoxkolonie; die Zellen schliessen noch dicht

zusammen, _f_ männliche Kolonie mit Antheridien, _g_ Antheridien von

der Seite, _h_ Spermatozoiden -- 2 _Pandorina Morum_ -- 3 _Gonium

pectorale_ (1 _a_ und _b_ schwach, alle übrigen Figuren stark, zumteil

sehr stark vergrössert).]

Das +Kugeltierchen+, wie es von +Leeuwenhoek+, der es schon vor

200 Jahren beobachtet hat, genannt wurde, oder unser Volvox bildet

kugelige oder eiförmige Kolonien von etwa ½–¾ _mm_ Durchmesser,

doch kommen sowohl grössere wie kleinere vor (vergl. hier und in

der folgenden Darstellung Figur 34 S. 168 und Erklärung). Es sind

Hohlkugeln, welche auf der Oberfläche eine grosse Anzahl kleiner

grüner Zellen in regelmässigen Abständen tragen. Die Zellen werden

durch eine farblose Gallertmasse zusammengehalten, welche aus den

verschleimenden Membranen der Einzelzellen besteht und daher nur eine

wenige Mikromillimeter (= ¹⁄₁₀₀₀ _mm_) dicke Schale bilden, während

der Inhalt der Kugel aus Wasser besteht. Die Zellen sind etwa ⁵⁄₁₀₀₀

_mm_ dick, etwas eiförmig gestaltet, mit dem grösseren Durchmesser dem

Kugelradius parallel. Es lässt sich in ihrem Innern wenigstens eine

pulsierende Vakuole (vielleicht zwei) erkennen, ein sehr kleiner, aber

deutlicher roter Pigmentfleck, eine chlorophyllgrüne, die Zellwand zu

etwa ⅔ auskleidende Platte und darunter ein oft undeutlicher Zellkern

nebst einigen kleineren Körnchen. Jede Zelle trägt an ihrem nach aussen

stehenden Ende zwei Geisseln, welche die ganze Kolonie wie mit einem

Wimperkleid umgeben erscheinen lassen und durch deren Schwingung eine

drehende Fortbewegung der ganzen Kolonie erzeugt wird. Zwischen den

einzelnen Zellen laufen in der Gallertmasse noch Verbindungsfäden,

welche mehr oder minder regelmässige Dreiecke auf der Kugeloberfläche

bilden. Die Zahl der Zellen einer solchen Volvoxkugel ist sehr

verschieden, sie schwankt zwischen 200 bis 2000, kann aber die Zahlen

nach unten und oben auch noch wesentlich überschreiten.

Diese eben beschriebenen Zellen besitzen einen rein vegetativen

Charakter, d. h. sie dienen nur der Aufnahme und Verarbeitung der

Nährstoffe und allen den Lebensthätigkeiten des Organismus, welche

nicht mit der Fortpflanzung zusammenhängen. Für sich allein, auch

losgetrennt von der Kolonie, würden sie zwar noch eine Zeit lang

ihr Leben fristen, aber schliesslich zu Grunde gehen, ohne für die

Erhaltung der Art zu sorgen. Diese Funktion übernehmen ganz anders

gestaltete Zellen, welche übrigens aus Zellen hervorgehen, welche

den vegetativen ursprünglich gleich gestaltet sind. Aber um diese

Verhältnisse zu übersehen, müssen wir auf die Entstehung der Zellen

etwas näher eingehen. Bei den Volvocineen finden sich Dauerzustände

(Sporen), welche den Winter über ruhen und im Frühjahr sich zu neuen

Volvoxkugeln entwickeln. Eine solche Spore (1 _d_) besitzt eine

ziemlich dicke farblose Membran und bei völliger Reife gelbroten

körnigen, mit Reservestoffen erfüllten Inhalt. Die erste Veränderung,

welche im Frühjahr in ihr vorgeht, ist, dass die gelbrote Farbe des

Zellinhaltes einer grünen Platz macht; die Zelle nimmt dann Wasser auf

und sprengt die harte Membran. Vorher teilt sich der Zellinhalt in

zwei und diese weiter in vier, diese wieder in acht Zellen; letztere

entwickeln sich zu Schwärmzellen, welche den Ausgangspunkt für die

Entwickelung der Volvoxkolonien bilden. Die Schwärmzellen teilen

sich in einen vielzelligen Körper unter stetem Wachstum, bleiben

aber dicht zusammen. Erst wenn die Zellen sich nicht mehr teilen,

beginnt eine Differenzierung sich bemerkbar zu machen; einige Zellen

sind etwas grösser und mit den anderen, wenn sie auseinanderrücken,

durch zahlreichere Fäden verbunden. Sobald nämlich die Zellteilungen

aufgehört haben, fangen die Membranen der einzelnen Zellen an, zu

quellen, wodurch diese auseinandergedrängt werden. Nun beginnen

einige wenige von Anfang an etwas grössere, aber ebenfalls in den

Gallertmantel der Kugeloberfläche eingebettete Zellen heranzuwachsen

und sich zu teilen in ganz gleicher Weise, wie das eben beschrieben

wurde. Je grösser diese Zellkomplexe werden, desto mehr rücken sie in

das Innere der Kugel, lösen sich schliesslich ganz von der Oberfläche

los und schwimmen frei in dem Hohlraum umher. In dem einen Falle

gestalten sich aus ihnen Kugeln, welche den Mutterkugeln vollkommen

gleichen und auch ihrerseits wieder junge Kugeln im Innern entwickeln,

so dass man thatsächlich sehr oft Grossmutter, Mutter und Enkel in

einander eingekapselt sieht. Die Kolonien schwimmen frei im Innern der

Kugel umher, bis sie an dem einen Pol der Mutterkugel ausschlüpfen

und ein selbständiges Dasein beginnen. Alle Kugeln, welche auf

diese Weise entstehen und sich aus Zellen der Kugeloberfläche ohne

Befruchtung entwickeln, hat man Parthenogonidien genannt. Ihre Zahl

innerhalb einer Mutterkugel ist sehr verschieden: 2-12, selten mehr;

neben ihnen können aber auch noch Zellen oder Zellfamilien ganz

anderer Natur auftreten und mit der Beschreibung derselben betreten

wir das Gebiet der geschlechtlichen Fortpflanzung, welche bei Volvox

sehr hoch ausgebildet ist. Zunächst entwickeln sich einige der

Zellen der Mutterkugel, ohne sich weiter zu teilen, zu sehr grossen

weiblichen Geschlechtszellen, den Oogonien, welche dunkler grün sind

und ein körniges Plasma zeigen. Sie sind leicht mit sehr jugendlichen

Parthenogonidien zu verwechseln, aber durch den Mangel an Teilungen von

diesen unterschieden. Schliesslich lösen sie sich ebenfalls aus dem

Zellverbande heraus und treten in den Hohlraum der Kugel. Noch andere

Zellen der Mutterkugel erfahren zwar ähnlich den Parthenogonidien

Teilungen, aber sie entwickeln in der Regel keine neuen

Parthenogonidien; es teilen sich vielmehr nach dem Auseinanderrücken

der Zellen einige derselben, nachdem sie stärker herangewachsen sind,

in ein Bündel länglicher Zellen, welche jedoch zunächst von der

gemeinsamen Hülle ihrer Mutterzelle umschlossen bleiben, mit welcher

sie auch aus dem Zellverbande austreten. Die Hülle ist nach der einen

Seite haubenförmig erweitert und man sieht in dieser Erweiterung eine

Anzahl sehr feiner Fäden in Bewegung, welche man als die Geisseln

der bündelförmig gruppierten Zellen erkennt. Diese Zellen lösen sich

schliesslich von einander und suchen die Oogonien auf; sie tragen zwei

lange Geisseln am Vorderende ihres länglich-eiförmigen, gebogenen und

membranlosen Körpers und an der Geisselbasis einen deutlichen roten

Pigmentfleck. Ihre Färbung ist ein mattes Ockergelb, sie weichen also

auch hierin nicht unbedeutend von den übrigen Zellen des Volvox ab.

Sobald diese Spermatozoiden frei sind, treiben sie sich umher und

suchen zu den in derselben oder in anderen Kugeln eingeschlossenen

Oogonien zu gelangen, an welche sie sich unter eigentümlich bohrenden

Bewegungen anlegen und wahrscheinlich mit ihnen verschmelzen. Nach

dieser Befruchtung umgiebt sich die Eizelle mit einer dicken Membran

und macht eine Ruheperiode durch, nach welcher sie sich wieder in der

beschriebenen Weise zu Volvoxkugeln entwickelt.

Dies sind in groben Zügen Bau und Entwickelungsgeschichte unseres

Volvox, welche jedoch eine solche Fülle von interessanten Einzelheiten

bieten, auf die hier nicht näher eingegangen werden konnte, dass dieses

Wesen immer wieder Gegenstand eingehender Untersuchungen ist. So finden

wir namentlich in dem Auftreten geschlechtlicher und ungeschlechtlicher

Kolonien eine grosse Variabilität. Es kommen Volvoxkugeln vor, welche

nur Parthenogonidien enthalten, solche, welche neben diesen auch

Oogonien, solche, welche letztere allein oder mit Androgonidien, d. h.

neben den vegetativen ausschliesslich männliche Zellen enthalten, und

solche, welche letztere allein oder mit Parthenogonidien zusammen in

sich tragen. Noch komplizierter wird aber die Sache dadurch, dass die

Parthenogonidien selbst wieder alle diese Kolonienformen in gleicher

Weise in sich bergen können, so dass hierdurch ausserordentlich

verwickelte Verhältnisse entstehen. Auch in Bezug auf die männlichen

Kolonien können sehr grosse Verschiedenheiten herrschen, doch würde

eine Erörterung derselben an dieser Stelle zu weit führen.

Der grössere _Volvox globator_ unterscheidet sich wesentlich durch die

nicht runden, sondern mehr dreieckigen vegetativen Zellen und durch

die stachelige Sporenmembran. Beide Arten kommen meist unter einander

vermischt, selten rein vor. Sie lieben kleine, lichte, dünn mit

Binsen oder Rohr bestandene Sumpflöcher, sind aber in ihrem Auftreten

sehr unbeständig und wählerisch. An Orten, wo man sie Jahr für Jahr

regelmässig gefunden hat, bleiben sie plötzlich aus und erscheinen

auch nicht wieder, während sie sich anderseits wieder oft dort in

Masse ansiedeln, wo man sie kaum vermuten dürfte. So trat plötzlich

in einem Aquarium, welches von mir mit einer Nitella bepflanzt war,

seit zwei Jahren im Zimmer stand und mit Leitungswasser gefüllt wurde,

_Volvox aureus_ in solcher Menge auf, dass man mit jedem Tropfen

Kolonien herausholen konnte. Aber ebenso verschwand er daraus und

trat nicht wieder auf, ohne dass irgend welche Tiere vorhanden waren,

die seine Vernichtung hätten herbeiführen können. Er bildet nämlich

eine Lieblingsspeise kleiner Crustaceen, besonders der Cypris- und

Cyclopsarten, aber auch Kaulquappen und Mückenlarven stellen ihm

begierig nach. Wo derartige Organismen in grösserer Zahl auftreten,

verschwindet der Volvox auch im Freien sehr bald und kann vollständig

vernichtet werden, da auch die schon befruchteten Eizellen, die Sporen,

gefressen werden. Im Zimmer lässt sich Volvox nicht leicht züchten;

er zeigt manchmal ganz plötzlich eine Neigung einzugehen, ohne dass

man irgend einen Grund dafür finden könnte. Am besten hält er sich in

grossen Gefässen, welche nur von oben Licht erhalten und eventuell

an den Seitenwänden durch schwarzes Papier undurchsichtig gemacht

werden müssen. Hier kann man einige Wasserlinsen, am besten _Lemna

polyrrhiza_, hineinthun, dass sie etwa ⅓ der Oberfläche, nicht mehr,

bedecken. Die Volvox-Kolonien gewähren dem Beobachter, auch wenn er nur

eine Lupe anwendet, so viel Genuss, dass es sich wohl lohnt, dieselben

zur leichtern und bessern Beobachtung im Zimmer zu kultivieren.

Die Ernährung des Volvox geschieht auf rein pflanzliche Weise; die

einzelnen Zellen haben vermöge ihres Chlorophyllgehaltes die Fähigkeit

zu assimilieren, d. h. aus anorganischen Stoffen, aus der Kohlensäure

und dem Sauerstoff der im Wasser gelösten Luft, aus dem Wasser und

seinen Bestandteilen an Salzen ihren Organismus aufzubauen. Es kommt

ihnen als Produkt der Assimilation die Stärke im Inhalt der Zellen zu,

und auch die Art der Befruchtung und Keimung der Sporen hat Volvox mit

vielen zweifelhaften Algen gemein. Dagegen nähert sich der Organismus

den Flagellaten besonders dadurch, dass die Beweglichkeit der Zellen

während des ganzen eigentlichen Lebens erhalten bleibt. Wir sehen in

den Volvocineen eben Wesen, welche mit dem gleichen Rechte als Tiere

und als Pflanzen angesehen werden können und welche sowohl für den

Botaniker wie für den Zoologen von gleicher Wichtigkeit sind, weil sie

die Gemeinsamkeit des Organischen von neuem bestätigen.

Zu den Volvocineen gehören noch folgende vier durch grosse Zierlichkeit

ausgezeichnete Gattungen:

+Eudorina+ mit der einzigen Art _E. elegans_. Die Familie wird gebildet

aus 16 oder 32 Zellen, welche nicht bloss vegetativ sind, sondern auch

unter Umständen geschlechtliche Funktionen besitzen können. Sie sind

weit grösser als bei Volvox, etwa ²⁰⁄₁₀₀₀ _mm_ dick, während die ganze

Kolonie im Durchschnitt nur ⅒ _mm_ im Durchmesser hat. Sonst sind

die Zellen denen von Volvox sehr ähnlich: mit pulsierenden Vakuolen,

Pigmentfleck und je zwei Geisseln. Die ungeschlechtliche Vermehrung

erfolgt durch Teilung jeder Zelle in 16 oder 32 Zellen, welche wieder

eine neue Kolonie bilden; die geschlechtliche durch Oogonien, welche

von Spermatozoiden befruchtet werden. Zu Oogonien bilden sich sämtliche

Zellen um, mit Ausnahme derjenigen vier, welche an dem bei der Bewegung

nach vorn gerichteten Teil stehen. Diese werden zu Antheridien, in

denen sich je 64 hellgrüne Spermatozoiden entwickeln.

+Pandorina+ mit der einzigen Art _P. Morum_ (Fig. 34, 3). Die Familien

haben eine rundlich eiförmige Gestalt und bestehen aus 16, 32 oder 64

dicht zusammen liegenden Zellen von beinahe herzförmiger Gestalt und

von einem gemeinsamen Gallertmantel umgeben. Die ungeschlechtliche

Vermehrung geht ganz in derselben Weise vor sich, wie bei Eudorina;

die geschlechtliche weicht dagegen in sehr erheblicher Weise ab. Aus

jeder Zelle entstehen nämlich in der Regel acht Schwärmzellen, welche

ausschlüpfen und umherschwärmen, bis sie auf gleiche Zellen von anderen

Pandorinakolonien treffen. Mit diesen kopulieren sie dann (zu zweien),

indem der Inhalt der beiden Schwärmzellen vollständig verschmilzt. Die

aus der Kopulation beider entstehende Zelle, die Zygote, macht dann

eine Ruheperiode durch und teilt sich bei der Keimung in 1-3 grosse

Schwärmzellen, welche wieder zu Zellfamilien werden.

Ähnlich verhält sich die Entwickelung der in den hellen

Wasseransammlungen in Felsplatten etc. vorkommende _Stephanosphaera

pluvialis_ mit acht lang-spindelförmigen Zellen. Eine andere Gattung

(_Gonium_) bildet kleine Zelltäfelchen und zwar _G. sociale_ aus vier,

_G. pectorale_ aus sechzehn, seltener acht oder vier Zellen bestehend.

Die Membranen oder Einzelzellen sind bei ausgewachsenen Exemplaren

stark gequollen und durch gegenseitige Berührung eckig; sie lassen

sechzehn dreieckige Räume und einen viereckigen zwischen sich frei. Um

das ganze Täfelchen befindet sich eine sehr dünnflüssige Gallerthülle,

aus welcher die Geisseln hervorragen. Die ungeschlechtliche

Fortpflanzung findet in derselben Weise wie bei Eudorina statt; eine

geschlechtliche ist bisher nicht beobachtet.

Wie wir im vorstehenden gesehen haben, findet innerhalb ein und

derselben Familie eine solche Verschiedenheit in der geschlechtlichen

Fortpflanzung statt, dass sich hierauf allein ein System nicht

begründen liesse, wollte man nicht sonst eng verwandte Formen ganz

auseinanderreissen. Es wird aber zugleich auch einleuchtend sein, dass

bei dem Umfang und dem Zweck dieser Abhandlung ein genaueres Eingehen

auf die Entwickelungsgeschichte unmöglich ist, und dass wir nur noch

kurz dieselbe berühren können. Wichtiger scheint es dagegen, noch die

Lebensweise und die Eigenschaften einiger Organismen zu betrachten,

welche hierin von den oben beschriebenen Volvocineen abweichen.

Die Volvocineen gehören zu den kolonienbildenden Flagellaten, wie

wir gesehen haben; wesentlich gleichgestaltete, aber einzeln lebende

Organismen sind die Chlamydomonadinen, deren geschlechtliche

Fortpflanzung mit der von Pandorina Ähnlichkeit hat. Unter ihnen ist

besonders _Chlamydococcus pluvialis_ bekannt, welcher nach heftigen

Gewitterregen im Gebirge klares Wasser der Felsklüfte oft vollständig

rot oder grün färbt und auch manchem Touristen eine bekannte

Erscheinung in diesem Zustande sein dürfte. Auch diese Familie kann mit

dem gleichen Rechte zu den Algen gezogen werden; ja sie steht diesen

sogar noch näher als die erstbeschriebene.

Von wesentlich anderem Bau ist ein Organismus, welcher Schmutzlachen,

Pfützen auf lehmigen Wegen etc. oft intensiv grün färbt, die _Euglena

viridis_, welche wir als Vertreter einer eigenen Gruppe hier näher

schildern wollen. Sie besitzt einen mehr oder weniger langgestreckten

spindelförmigen Körper mit einer langen Geissel am Vorderende, zwei

pulsierende Vakuolen und einen deutlichen roten Augenfleck. Bis auf

einen Teil am Vorderende enthält sie zahlreiche kleine scheibenförmige

Chlorophyllkörnchen direkt unter der Oberfläche. Ausserdem finden wir

hier an der Geisselbasis eine Mundöffnung, welche zur Aufnahme fester

Nahrung dient. Diese und ähnliche Formen, namentlich aber die farblosen

-- denn es giebt in dieser Gattung auch chlorophyllfreie --, leben von

Bakterien oder anderen sehr kleinen Organismen, welche sie mit der

Geissel gegen die Mundöffnung schleudern. Wir haben hier Organismen von

zweifellos tierischem Bau und Leben, welche aber dennoch Chlorophyll

enthalten und also wie die Pflanzen auch aus anorganischen Stoffen

Nahrung ziehen und bilden können. Wir erkennen dies auch noch daran,

dass man bei manchen thatsächlich Stärke gefunden hat, ein Produkt,

welches bekanntlich bei der Assimilation der Pflanzen entsteht. Sie

tritt dann in einer Form auf, welche es zweifellos macht, dass sie in

dem Organismus selbst entstanden und nicht etwa von aussen mit der

Nahrung aufgenommen worden ist.

Noch in einem andern Punkte bieten uns die Euglenen interessante

Beobachtungsobjekte dar; ihr Körper ist metabolisch, d. h. er besitzt

die Fähigkeit, durch Kontraktion seine Gestalt zu verändern und

die gewöhnlich lang-spindelförmigen Wesen nehmen oft Kugelform an.

Gewöhnlich werfen die Euglenen die Geissel ab, ehe sie in dieses

Stadium eintreten; ihre Bewegungen werden dann kriechend und sind mit

fortwährender Gestaltveränderung verbunden. Ihre Fortpflanzung erfolgt

in einem Ruhezustande durch Teilung, auch sind Zustände bekannt, welche

eine längere Austrocknung ertragen können, ohne dabei zu Grunde zu

gehen. (Vergl. Fig. 35, 1 a–c.)

[Illustration: Fig. 35.

1 _Euglena viridis_, _a_ im schwimmenden geisseltragenden, _b_ und _c_

im kriechenden geissellosen Zustand, _A_ Augenfleck, _m_ Mundstelle

-- 2 _Anthophysa vegetans_, _a_ ein Zweig mit fünf Köpfchen, _b_ ein

stark vergrössertes Einzelindividuum -- 3 _Dinobryum Sertularia_,

_a_ kleine Kolonie, _b_ stärker vergrössertes Einzelindividuum -- 4

_Mastigamoeba_, _a_ in amoeboidem, _b_ in flagellatenartigem Zustand --

5 _Bodo caudatus_ -- 6 _Ceratium Hirundinella_.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 36 / 112 题