4. Die Rhodophyceen.

Nur ein überaus kümmerliches Bild von der farbenprächtigen Algengruppe

wird uns durch die wenigen Vertreter des süssen Wassers zu teil, und

diese sehen oft noch nicht einmal rot aus sondern braun, schwärzlich,

violett oder grün. Die in schnellfliessenden Gebirgsbächen auftretende

Gattung _Lemanea_ zeigt Formen, die man äusserlich feinen im Wasser

geschwärzten Würzelchen vergleichen möchte, _Batrachospermum_,

schleimige reich verzweigte Fadenmassen von sehr zierlichem Aussehen

unter dem Mikroskop und meist blaugrüner oder grauvioletter Farbe,

_Chantransia_, deren Arten vielleicht nur Jugendzustände von

_Batrachospermum_ sind, ist der vorigen Gattung ähnlich, nur weit

einfacher gebaut und nur _Hildebrandtia_ zeigt leuchtend purpurrote

Überzüge auf Steinen. Das sind, von einigen sehr seltenen abgesehen,

unsere Süsswassergattungen.

Bei den Rhodophyceen finden sich zweierlei Arten der Fortpflanzung,

eine ungeschlechtliche und eine geschlechtliche. Die erstere

findet in der Weise statt, dass sich gewöhnlich vier in Tetraden

zusammen liegende Zellen zu Sporen (Tetrasporen) umbilden. Bei

der geschlechtlichen Fortpflanzung bilden sich weibliche Zellen

(Carpogonien) und männliche rundliche Fortpflanzungszellen, welche

beide unbeweglich sind. Das Carpogon entwickelt noch einen Halsteil

(Trychogyne), an welchen die männlichen Zellen vom Wasser herangespült

werden, festhaften und die Befruchtung vollziehen. Hierauf sprossen aus

dem Carpogon Zellfäden, welche an ihrem Ende ebenfalls unbewegliche

Fortpflanzungszellen abgliedern, diese keimen dann und entwickeln

neue Pflänzchen. Bei unseren Süsswasserarten sind diese Vorgänge aber

noch nicht ganz erforscht, und da dieselben gegenüber den anderen

Algengruppen an Zahl und Formenreichtum weit zurückbleiben, so mag

dieser kurze Hinweis genügen.

* * * * *

Den Algen nahestehend, aber höher entwickelt und in manchen Punkten

den höheren Kryptogamen ähnlich, tritt uns noch eine seltsame Gruppe

echter Wassergewächse in den +Armleuchtern+ oder +Charen+ entgegen.

Die Armleuchter unterscheiden sich von den Algen durch die grosse

Regelmässigkeit ihres Aufbaues sowie durch die hochentwickelte

Fortpflanzung. Sie bilden in der Regel kleine Büsche von wenigen

Stengeln, welche oft reich verzweigt sind und in gewissen Abständen

quirlständige, wieder mit einfacheren Blättchen versehene „Blätter“

tragen. An den Blättern (bei einer Gattung auch in den Blattachseln)

stehen die Fortpflanzungsorgane: die weiblichen Sporenknöspchen, die

männlichen Antheridien genannt. Die Sporenknöspchen bestehen aus einer

Eizelle und fünf schlauchförmigen Hüllzellen, welche die erstere

umgeben und an der Spitze noch bei den eigentlichen Charen je eine,

bei den Nitellen je zwei zu einem fünf- oder zehnzelligen Krönchen

zusammentretende Zellen abgliedern. Ist die Eizelle empfängnisfähig

geworden, so fällt das Krönchen ab oder die Zellen desselben weichen

auseinander, so dass die männlichen Fortpflanzungszellen freien Zutritt

zu den weiblichen erhalten. Die männlichen Fortpflanzungszellen

(Spermatozoiden) sind spiralig gewundene Fäden, welche an ihrem

vorderen Ende zwei lange Geisseln tragen und denen höherer

Kryptogamen, besonders denen der Torfmoose ausserordentlich ähnlich

sind. Sie entstehen in sehr kompliziert gebauten Antheridien von

roter Farbe und kugeliger Gestalt. Bei der Befruchtung dringen die

aus dem klappenförmig aufspringenden Antheridium ausschwärmenden

Spermatozoiden in das Sporenknöspchen durch die auf oben angegebene

Weise entstandene Öffnung ein und verschmelzen wahrscheinlich mit

der Eizelle; das letztere hat man noch nicht beobachtet. Hierauf

umgiebt sich die Eizelle mit einer holzigen Schale, auch häufig

noch mit einem Kalkmantel und macht eine oft jahrelange Ruheperiode

durch, ehe sie keimt. Aus der Spore entwickelt sich zunächst ein sehr

einfacher Vorkeim, der nach unten feine, einfache, weisse Fäden aus

langgestreckten Zellen, Wurzeln, entsendet, nach oben einen grünen

Stengel entwickelt, welcher nur einen sehr einfachen Blattquirl trägt.

An Stelle des einen Blattes in diesem Quirl tritt der Stengel der

eigentlichen Charenpflanze auf, welche zwar sehr einfach, aber sehr

regelmässig gebaut ist. Zwischen je zwei Blattquirlen tritt eine

einzige oft sehr lange und dicke Zelle, die Internodialzelle, auf,

dann folgt eine flache und darauf wieder eine Internodialzelle. Diese

erleiden ausser weiterem Wachstum keine Veränderung mehr, während

die erwähnte flache Zelle sofort wieder eine Anzahl Zellen an ihrer

Peripherie bildet, aus denen die Blätter entstehen. An den Blättern

wiederholt sich derselbe Wechsel zwischen Internodial- und Knotenzellen

und die letzteren gliedern wieder peripherische Zellen ab, aus denen

dann die stets einzelligen Blättchen entstehen. Aus den Knoten der

Stengel und Blätter entsteht auch ihre Berindung, indem schon in sehr

jugendlichem Alter der Sprosse vom Knoten aus aufwärts und abwärts eine

Anzahl röhrenförmiger Zellen wachsen, welche ungefähr in der Mitte des

Internodiums zusammentreffen und dasselbe rings umhüllen. Aus gewissen

kurzbleibenden Zellen der Berindung wachsen auch manchmal Stacheln

hervor, welche die Pflanze oft ganz behaart erscheinen lassen (z. B.

_Chara crinita_). Bei der Gattung _Nitella_ fehlt die Berindung, auch

die Blätter sind anders gebaut. Eine ungeschlechtliche Fortpflanzung

fehlt den Charen, nur eine vegetative Vermehrung durch Wurzelknöllchen

oder verschiedenartige aus den Knoten hervortretende Sprosse ist

vorhanden.

Ein besonderes Interesse bieten die Armleuchter durch die +Strömung

des Protoplasmas+ in den Zellen, welche man hier deutlicher als irgend

sonst im Pflanzenreich beobachten kann, was zumteil mit der Grösse der

Zellen zusammenhängt. Diese gehören nämlich zu den grössten überhaupt

bekannten Zellen, denn sie werden bei manchen Arten (z. B. die ersten

Internodialzellen von _Tolypella prolifera_) bis 20 _cm_ lang und bis

2 _mm_ dick. Im Innern der bei der Grösse der Zellen dünnen Zellwand

findet sich zunächst eine eng anliegende ruhende Protoplasmaschicht,

welche die reihenweise angeordneten Chlorophyllkörner trägt. Auf diese

folgt eine Protoplasmaschicht, welche sich in einem geschlossenen,

in der Längsrichtung der Zellen liegenden Ringe bewegt und zwar so,

dass der Strom auf der einen Seite der Zelle aufsteigt, am oberen

Ende derselben umbiegt und auf der anderen Seite wieder absteigt,

um am unteren Ende wieder umzubiegen. Die Plasmaschicht führt eine

Anzahl heller Zellkerne und kleinere Körnchen mit sich und bewegt sich

bald langsamer, bald schneller, je nach Temperatur und Beleuchtung

und wohl auch nach dem +Alter+ der Zellen. Besonders schön ist diese

Plasmaströmung (Rotation) bei den nicht berindeten Nitellen zu sehen,

weil die berindeten Charen ausser den Rindenzellen auch noch sehr

häufig eine dicke Kalkinkrustation zeigen, welche den Zellinhalt

verdeckt. Die Plasmaströmung hat denn auch die Gattung _Nitella_ zu

einem wertvollen Objekt für die Pflanzenphysiologie gemacht, ohne dass

man jedoch trotz vieler Untersuchungen über diesen Punkt vollständige

Aufklärung erhalten hätte.

Die Characeen sind eine zwar artenarme aber formveränderliche und

schwierige Pflanzengruppe, welche ziemlich isoliert im Pflanzenreiche

dasteht, von den Systematikern bald bei den Algen, bald bei den Moosen

untergebracht wird. Vielleicht ist es am besten, sie als eigene Gruppe

zwischen beide zu stellen. Sie finden sich besonders im süssen Wasser,

wo sie oft vollständig den Grund der Seen überziehen. Einzelne Arten,

so _Ch. foetida_, entwickeln einen widerwärtigen Geruch, den man beim

Austrocknen von Charen bewohnter Tümpel oft auf weite Entfernungen

wahrnimmt.

Von den anderen Wasserkryptogamen mögen zunächst noch die Torfmoose

erwähnt werden, welche wenigstens gewissen Wasseransammlungen ihren

Charakter verleihen, besonders den Tümpeln der Hochmoore. Hier

bilden sie nicht nur ein dichtes Polster um die Wasserfläche herum,

sondern fluten auch noch in dem Wasser selbst. Sie sind von den

anderen Moosen leicht durch die eigentümliche Bildung der Blätter zu

unterscheiden, denn diese bestehen nicht wie bei den letzteren aus

gleichartigen Zellen, sondern aus grossen luftführenden weissen, schief

rhombischen, durch spiralige Leisten verdickten und mit Öffnungen

nach aussen versehenen Zellen und aus dazwischen liegenden schmalen

chlorophyllhaltigen. Die Fortpflanzung der Torfmoose, wie die der

Moose überhaupt, ist durch einen sogenannten Generationswechsel

charakterisiert. An der Moospflanze entstehen die Geschlechtsorgane

in „Blüten“, bald männliche, Antheridien, und weibliche, Archegonien,

zusammen, bald getrennt. Im Grunde des Archegoniums findet sich eine

Eizelle, welche durch die den beschriebenen Spermatozoiden der Charen

ähnlich gestalteten, aus den Antheridien entstandenen Samenkörperchen

befruchtet werden. Die befruchtete Eizelle entwickelt sich zu der

zweiten, ungeschlechtlichen Generation, der Mooskapsel. Diese bringt

in ihrem Innern eine Anzahl unbefruchtete Sporen hervor, aus denen

sich bei der Keimung Vorkeime entwickeln und an diesen wieder die

geschlechtliche Generation, die Moospflanzen.

Bei den höher stehenden Farnpflanzen oder Pteridophyten, von denen

eine Gruppe, die +Wasserfarne+ (_Hydropteriden_), recht eigentliche,

obwohl seltene Wasserbewohner sind, findet sich ebenfalls ein deutlich

ausgesprochener Generationswechsel; nur ist hier die geschlechtliche

Generation ein unscheinbares kleines lebermoosartiges Gebilde, an

welchem die ungeschlechtliche hochentwickelte Pflanze, das eigentliche

Farnkraut, entsteht, also ganz entgegengesetzt den Moosen.

Von den bei uns heimischen Wasserfarnen ist am häufigsten _Salvinia

natans_, ein zierliches auf dem Wasser schwimmendes Gewächs, welches

entfernt einem Akazienblatt ähnlich ist. Die _Salvinia_ trägt zwei

Arten von Blättern, zwei Reihen laubartige, nach oben gekehrte und eine

dritte Reihe sehr fein zerschlitzter in das Wasser hineinragender,

welche man sich schwer entschliessen kann, nicht für Wurzelbüschel

anzusehen. Viel seltener und in Deutschland nur in Schlesien und

am Rhein heimisch ist die dort +Wasserklee+ oder Vierklee genannte

_Marsilia quadrifoliata_, welche in der That einem Stock nur

Vierblätter tragenden Klees ausserordentlich ähnlich ist.

Auf dem Grunde unserer Seen lebt noch eine dritte Gattung in wenigen

Arten, _Isoetes_, welcher ebenso wie die zerstreut durch Deutschland in

Wiesengräben vorkommende _Pillularia_ an kleine Binsenbüsche erinnert.

Nicht eigentlich zu den Wassergewächsen gehören die +Schachtelhalme+,

aber eine Anzahl Arten lieben die Ufer von Teichen und Sümpfen

und verleihen ihnen so einen bestimmten Charakter. Damit sind die

Wasserkryptogamen, abgesehen von den Pilzen, erschöpft und wenn die

höher organisierten, die Moose und Farne, vermöge ihrer Grösse weit

mehr in die Augen fallen und die Flora eines Wassers mehr zu bestimmen

scheinen, so verschwindet ihre Zahl doch gegen den Reichtum an Formen,

und an Schönheit gegenüber den mikroskopischen Algen.

Litteratur.

Für Süsswasseralgen sind folgende allgemeine Werke von besonderer

Wichtigkeit:

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 14 / 112 题