2. Die Poetik im Altertum.

Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß

sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster

Hand geschöpften Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der

aristotelischen (S. XII) Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht

auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des

_Aristoteles_, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß

jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren

Quellen entlehnt sind.

Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes

dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von _Andronikos_

v. Rhodos, einem Zeitgenossen _Ciceros_, zusammen mit anderen Werken des

_Aristoteles_ in Rom herausgegeben worden zu sein. _Horaz_, bzw. sein

viel älterer Gewährsmann, _Neoptolemos_ v. Parion (c. 260 v. Chr.),

zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung

der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken

erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser

_Philodemos_ v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann

brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt

nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen

Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die

Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose

Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen

Epen, wie die des Oppian, _Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos,

Triphiodor_, ja selbst des _Nonnos_, stammen aus sehr später Zeit und

kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn

auch von den Lehren des _Aristoteles_ keinen Hauch verspüren lassen. Es

darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des

Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder

finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben entgegengebrachte

Gleichgültigkeit wird es wohl auch (S. XIII) zum Teil verschuldet haben,

daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz

verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste

aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die

Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen

Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der

Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem

unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen

oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war,

erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere

Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie

als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich

stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften

vereint überliefert wurde.

* * * * *

Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 29 / 65 题