Der Tag wird immer verlegen in der kleinen Mietswohnung, in welcher so
schwere, unverständliche Möbel stehen. Aber die Dämmerung begreift
alles. Sie weiss, dass das Vergangenheit ist, was da in Stühlen und
Schränken und Bildern sich erhält, und dass die engen Stuben, drei
Treppen hoch, schuldlos sind an dieser fremden Vergangenheit, wie
Menschen, deren Gesicht von irgend einem Vorfahr den Namen eines Gefühls
geerbt hat, das sie mit ihren eigenen schwächeren Herzen gar nicht zu
tragen vermöchten.
Die beiden Fenster führen den roten Abend herein, der über die Dächer
kommt und leise zu den wartenden Dingen tritt, welche ihn schweigend
empfangen. Am freudigsten nimmt ihn die schmale, mit Säulen geschmückte
Kommode auf, die wie ein kleiner Altar ist: mit all dem Silber und Glas
auf ihr lächelt sie ihm zu.
Marie Holzer steht gerade vor dieser Kommode. Sie hält von den kleinen
Miniaturen, welche da neben den massiven Armleuchtern aufgestellt sind,
eine nach der andern in den Abend und betrachtet jede aufmerksam. Dabei
ist ihr junges, helles Gesicht ernst und nachdenklich. Für eine Weile
wendet sie es einer Dame in Schwarz zu, die, nah bei ihr, auf dem
Fensterplatze sitzt und vor sich hinsieht, ohne dass ihre grossen Augen
etwas halten. Und so kann Marie Holzer sie ruhig anschauen, als wäre
auch das ein Bild: dieses Gesicht, dem man kein Alter zu geben wagt,
obwohl es nicht jung ist, diesen feinen Mund, der von wehen Erinnerungen
bewegt, ein unsichtbares Leiden überwindet, und dieses Haar, von dem man
zu wissen glaubt, dass es schwer ist. Und vor allem die Vornehmheit
dieser zarten, stillen Gestalt, die geduldige Ruhe dieser schwarzen
Schultern, auf denen das schlichte Nutzkleid wie eine Würde liegt.
Jetzt erhebt die schlanke Uhr, die fast verheimlicht zwischen den
Fenstern steht, ihre zitternde Stimme und sagt feierlich sechs Schläge,
von denen sie jeden anders betont; Marie Holzer lässt sie ganz ausreden
und wartet auch noch das Geräusch ab, mit welchem die geteilte Stille
sich hinter dem letzten Schlage wieder schliesst. Dann sagt sie:
»Merkwürdig.« Und nimmt wieder ein Bild von der Kommode und wiederholt:
»Merkwürdig.« Da erschrickt die Frau am Fenster: »Sie haben etwas
gesagt, Marie?« Das Mädchen stellt zuerst die Miniatur wieder an die
alte Stelle, ehe es antwortet. »Gesagt? -- Eigentlich nicht. Es ist nur
so seltsam.« Die Dame sieht flüchtig über den Abendhimmel hin und fragt
leise: »Was denn, Kind?«
»Dass man hier bei Ihnen immer so anders wird. So eigentümlich fromm.
Man ist immer wie zum allererstenmal hier. Man kann das Staunen nicht
verlernen.« Pause. Sie biegt die Arme in jungmädchenhafter Art hoch
zurück und bettet den Kopf hinein, wie man es wohl während eines leisen
Traumes thun mag, den man tief, mit allen Sinnen geniesst. Ihre Augen
sind auch geschlossen, als sie fortfährt: »Und das giebt es hier, mitten
in der Stadt, hoch in diesem lauten, alltäglichen Zinshaus, in dem
nüchterne, unwichtige Menschen wohnen. Ueber ihnen ist dieses Seltsame.
Sie tragen es gleichsam auf ihren Köpfen und ahnen nichts davon.« Sie
lässt die Arme fallen. »Nein, sehen Sie, Frau Malcorn, dass es so etwas
giebt!...«
»Aber was denn eigentlich, Kind?«
»Alles das: diese Bilder und diese Dinge und Sie, Frau Malcorn, und
Harald -- ja, auch Harald.«
Frau Malcorn schüttelt leise den Kopf. »Sind denn einsame Menschen so
anders als --«
»Einsame Menschen? -- Ja. Vielleicht. Aber das ist es nicht allein.«
Marie Holzer geht zu dem anderen Fenster hin. Und dann: »Sie sind nicht
einsam eigentlich. Sie leben unter vielen, bloss nicht unter uns, nicht
unter uns heutigen. -- Sie haben so viel Bilder hier. Sie haben mir ja
schon oft gesagt, wer alle diese Menschen waren. Diese traurigen Frauen
alle und diese feierlichen Herren. Und ich weiss auch, dass sie längst
gestorben sind. Manche vor zweihundert Jahren, manche noch früher. In
Frieden gestorben, -- aber -- wissen Sie auch wirklich, dass das alles
nur Bilder sind?«
Wie beunruhigt durch die leise Furcht, die diese Frage des Mädchens vor
sich herjagt, steht Frau Malcorn auf und kommt zu Marie. Und während sie
eine Hand auf Mariens Schulter legt, streichelt diese leise die andere
Hand. »Sie sind so zart, so blass. -- Als ob viele Menschen von ihrem
Leben mitlebten.« Pause. »Alle diese ....«
Man erkennt schon kaum mehr die furchtsame Bewegung, mit welcher Marie
in das Zimmer weist. So dunkel ist es geworden. Und in das Schweigen
wirft sich von draussen der Sturm.
Aber da beginnt Marie Holzer laut und in anderem Ton:
»Sie müssen sich schonen, Frau Malcorn. O, verzeihen Sie, wenn ich so
spreche. Ich fühle mich manchmal älter, wie Ihre ältere Schwester.«
»Und sind doch so jung?« lächelt Frau Malcorn und küsst sie auf die
Stirn.
»Ja, ich bin jung. Und ich bin dessen froh. Ich fühle so viel Kraft in
mir. Ich möchte so vieles thun.« Und da ist eine Ungeduld in ihren
Händen, als ob sie sie gleich an alles Werden legen wollte, das zu
langsam geht.
Dabei erinnert sich Frau Malcorn: »Das hat Harald auch immer gesagt: Ich
habe so viel Kraft in mir.«
»Das hat er! Das hat uns zusammengeführt! Zusammengetrieben! Dieses
Gefühl von Kraft.« Und Marie erzählt atemlos: »Gleich damals, als ich
ihn zum erstenmal sprechen gehört habe, in der Versammlung. Viele
hatten vor ihm gesprochen. Ich weiss noch: es handelte sich um die
Organisation eines Hilfsvereins zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen,
ihrer Frauen und Kinder. Die anderen hatten so trocken und von oben her
die Sache erörtert. Man sah ihnen an, sie waren satt und kannten die
Sorgen vom Hörensagen. Man war müde geworden dabei. -- Da kam er! Wie
ein Sturm war das. Wie ein Erwachen bei Feuerschein! Nicht mehr von der
Versorgung dieser paar armen Menschen war die Rede. Als sollte Raum
werden für ein neues Geschlecht, mitten unter uns, rücksichtslos.«
Marie Holzer holt tief Atem und macht eine Bewegung, als stellte sie
etwas in das Dunkel, als Ziel für ihre hellen, seligen Augen. »O Frau
Malcorn, ich sehe ihn immer so vor mir. Er war gross geworden, -- gross.
Und seine Stimme hing über den Unschlüssigen wie ein Schwert.
>Kleingläubige,< -- rief er -- >Kleingläubige!< -- Und da kam sein
Glauben über mich. Dieser Glaube eines Kindes oder eines Märtyrers. Er
hatte seine Hände erhoben, und es war, als hielte er etwas in den Saal
hinein, was uns blendete. Unsere Schatten waren auf einmal schwer,
fielen uns ab und wir standen da: Licht von seinem Licht, Herz von
seinem Herzen ....«
Unter den allzugrossen Wonnen sucht Marie nach etwas Sagbarem, und merkt
nicht, wie Frau Malcorn ihr horchendes Gesicht in den Händen verbirgt.
Endlich erzählt sie weiter.
».... Und dann, als alle gingen, drängte ich mich durch. So, mit den
Ellbogen, mit den Fäusten, wie's kam. Ich hätte den gewürgt, der mich
gehalten hätte. Zu ihm. Er sah gar nicht müde aus. Nur ruhiger, dunkler.
Ich konnte nichts sagen, nicht eine Silbe. Ich hatte Weinen im Hals.
Mich schwindelte. Ich griff nach ihm, ins Unbestimmte. Er nahm meine
Hand und wärmte sie in seinen beiden. Und hielt sie. Und fragte: >Du
willst mir helfen?< Da hab' ich mit einemmal weinen können; nie früher
hab' ich's gekonnt, -- auch nicht, als meine Mutter starb. Aber damals.
-- Und es war so gut!«
Hier unterbricht sie ein heftiges Schluchzen. Sie wird fast mütterlich,
als sie zu der Weinenden tritt, leise den Arm um ihre zuckenden
Schultern legt und bittet: »Aber! -- Das ist doch eine Freude, Frau
Malcorn, nicht?«
Sie fühlt, dass die Andere eine bejahende Bewegung macht. »Also, sehen
Sie ...«
»Aber auch eine Angst.« Und Frau Malcorn beschwichtigt ihre Thränen.
»Wie?«
»Er war nie so früher. Er war früher viel bei mir ... Früher war er gern
zu Hause ...«
»Ja sehen Sie --« sagt Marie rasch mit ihrer breiteren Stimme -- »da
müssen Sie schon freigebig sein. Er hat Reichtum für viele. Alle
brauchen etwas von ihm. Er ist die Seele von allem. Begreifen Sie das?«
»Ja,« sagt Frau Malcorn, wie gestrafte Kinder ja sagen.
»Er ist reicher als wir alle. Er nimmt Ihnen nichts fort, auch wenn er
hundert Andere beschenkt. Fühlen Sie das?«
Dasselbe Ja.
»Er ist ein König ...«
»Aber er meidet mich.« Und trotz Mariens abwehrender Geste beharrt sie,
die zarte Frau. »Ja, ja, ja, er meidet mich, Marie. Mich und die Stube
hier und überhaupt ...«
»Aber, liebe ...«
Frau Malcorn drückt das Gesicht an die starke, bewegte Brust des
Mädchens und klagt, wie vor sich selbst beschämt: »O, warum hasst er
mich?«
»Um Gotteswillen, Frau Malcorn, Sie versündigen sich ja! Wissen Sie, wie
Harald von Ihnen spricht?« --
»Wie von einem Traum. Wie von einem Märchen, von dem schönsten Märchen,
das man als Kind gehört hat und das man wiederfindet in jedem Schönen,
immer und immer.« Ganz weich ist Mariens Stimme jetzt, ganz sanft.
»Wirklich?« Zaghaft hebt Frau Malcorn die verweinten Augen.
»Wie von einem Kleinod, das man am sichersten Platz verwahrt hält, --
wie von einem Feiertag.«
»O, mehr, mehr!«
»Ich hab' Sie doch schon so lieb gehabt, Frau Malcorn, lang, ehe mich
Harald zu Ihnen führte. Lang, bevor ich Sie kannte. Woher sollte mir das
gekommen sein?«
Ungeduldig und glücklich, bittet die zarte Frau: »Was hat er Ihnen von
mir erzählt?«
»O, alles. Von seiner Kindheit. Wie die Tage waren. Und was Sie ihm am
Abend vorlasen. Und welches Kleid Sie in die Kirche trugen ...«
»Das schwarze mit dem Spitzeneinsatz, -- ja?«
»Eben das. Oft unterwegs begann er davon zu sprechen. So, unvermittelt.
Und seine Stimme war ganz anders dann, wärmer ...«
»Nicht wahr? Seine Stimme kann seltsam werden?...«
»Ja. So, als ob sie weit her käme ...« Pause.
»Sehen Sie, Marie, einmal war Harald so wie diese Stimme ... Eh' das ihn
erfasste, das Fremde, Neue, Unruhige, das ich nicht begreife ...«
»Eh' er ein Mann wurde, Frau Malcorn; eh' er einen Beruf auf sich nahm,
eine Pflicht, -- eh' er ins Leben sprang, Frau Malcorn.«
»Ja,« nickt Frau Malcorn traurig -- »ins Leben ...«
»O, fürchten Sie nicht für ihn! Er ist Einer, der es über sich hat, das
Leben. Es ist keine Gefahr für ihn. Er hat es umgenommen wie einen
Mantel, wie einen Purpurmantel ...«
»Das Leben?« fragt die Andere befremdet.
»Das moderne Leben, ja. Dieses ungestüme, stündliche Werden. Diese Hast
eines Frühlingssturmes: alle Himmel über einem Tag. O, Sie glauben gar
nicht, wie lieb man es hat, wenn man erst mitten drin steht. Wie man
sich eins fühlt mit ihm ...«
»Wissen Sie das durch sich selbst, Marie?«
»Ja, Frau Malcorn. Ich gehöre ihm ja ganz. Das Schicksal hat mich so
mittenhinein geworfen. Zeitig schon, als meine Mutter starb. Das
Schicksal und -- die Sehnsucht ...«
»Sehnsucht, wonach?«
»Nach Macht.«
»Macht?«
»Ja, über sich und -- über das Leid.«