Heftiges Weinen.
Ernst Bang macht zwei Schritte; er hat die Empfindung: Schluss! Man kann
gehen. Es kommt nichts mehr.
Aber das ist ein Irrtum; es kommt noch etwas: Hermann Holzers
Riesenlachen. Und hinterdrein: »Kinder seid Ihr, richtige Kinder. Ihr
beide. Du Helen' und der da. Gott sei Dank, dass wir jetzt beisammen
sind, sonst thätet Ihr jeder was Sentimentales. Ich seh's Euch an. --
Wir wollen auch beisammen bleiben heute und irgend etwas feiern; es wird
sich schon was finden lassen.«
Pause. Helene neigt sich mit halbgetrockneten Augen zu Hermann und
flüstert ihm etwas zu. Er versteht nicht gleich. Dann lacht er: »Wir
beide allein? Gott bewahre! Kinderei! Im Gegenteil, was ich jetzt zu
sagen habe, muss Ernst mithören. Leg' nur Deinen Hut fort, mein Lieber.«
Und als Bang keine Anstalten macht, fügt Holzer an: »Wenn ich Dich darum
bitte.« Und da auch das nichts hilft, braucht er ein letztes Mittel:
»Helen' will es auch, -- nicht wahr?«
Und da wird eine Stille um ein kleines, farbloses »Ja« herum.
Langsam kommt Ernst Bang näher. Er sieht unglaublich müde aus, und
Holzer denkt, zur Beruhigung: »Es ist ein ungünstiges Licht ... so eine
Lampe ...«
Dann zieht er das Mädchen auf seinen Schooss und scherzt: »Nun, kleine
Frau, hast Du mich lieb? Und zerbrech' ich Dich nicht?« Da klammert
sich das kleine, blonde Mädchen an seinen Hals an, mit einem Ungestüm,
das ihn staunen macht. Eine Weile fühlt er sie weinen. Aber das können
keine tiefen Thränen gewesen sein; denn als er das zarte Gesichtchen in
die Höhe zwingt, atmet ihn eine strahlende Seligkeit an, deren er sich
gar nicht zu entsinnen weiss.
Bang steht auf einmal am Fenster und zählt die schwarzen Schornsteine.
Er will sich draussen beschäftigen um jeden Preis; dennoch hört er Wort
für Wort:
»Jetzt ist es ja bald überstanden, Kind. Wenn heute Nachricht von Holms
kommt, so können wir heiraten, gleich nach dem Examen.« Pause.
»Du willst doch?«
Ein glückseliges Lachen.
»So feiern wir heute die Zukunft.« Pause.
»Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab.
»Noch eines feiern wir, richtig: Deine Kultur, Bang. Wir sind drei
moderne Menschen, drei Menschen ohne Vorurteile, nicht? -- Wir
dekretieren hiermit: es giebt keine Vergangenheit. Die Vergangenheit
leugnen wir einfach.«
Ernst Bang ist rasch näher gekommen, wie um zu retten; er hört noch:
»Wer von der Vergangenheit spricht, lügt. Abgemacht.«
Helene ist sehr blass.
Hermann hat es nicht bemerkt. Eben hat jemand draussen geklingelt, und
er beeilt sich, zu öffnen; es könnte von Holms sein. Helene erreicht ihn
noch an der Thür. Ihre Lippen brennen. Es ist ein letzter Versuch.
Aber Holzer hält sich die Ohren zu und lacht laut.
Da lässt sie ihn los, lässt ihn los -- und kommt langsam zur Lampe
zurück, ganz ruhig.
Bang steht an der anderen Seite des Tisches, und die Lampe singt
zwischen ihnen merkwürdig laut.
Einmal schaut ihn Helene an mit traurigen, hilflosen Augen. Und Ernst
Bang hebt ein wenig die Achseln, unmerklich.
Das ist alles.