Naht die +Geburtsstunde+, so löst man an den Kleidern der Kreißenden
und an denen ihrer Umgebung alle Knoten. Ferner wird vor dem Zelt ein
Feuer angefacht, um die bösen Geister abzuschrecken; die Weiber, denen
diese Pflicht obliegt, speien dreimal in die Flamme, rufen dabei:
„Komm, gute Urme, und hilf!“ und murmeln dann noch weitere Sprüche;
bei den siebenbürgischen Zigeunern läßt man dieses Feuer bis zur Taufe
brennen. Um die feindlich gesinnten Dämonen zu verscheuchen, ziehen die
Zeltzigeuner um Mutter und Kind einen kreisförmigen Ring, innerhalb
dessen Stechapfelsamen ausgestreut wird. Die Balkanzigeuner stellen
zu Häupten der Mutter einen Napf mit in Honig gekochter Hirse oder
Weizen auf und stecken drei Löffel in den Brei, damit sich die Urmen
daran laben können; zuweilen stellen sie auch drei Stückchen Speck und
drei Gläschen Schnaps bereit. Darauf müssen sich alle Leute aus dem
Zelte oder der Hütte und ihrer allernächsten Nähe entfernen. Nur die
Zauberfrau bleibt vor dem Zelte, in dem Mutter und Kind liegen; hier
sitzt sie und murmelt Gebete bis zur Morgendämmerung. Außer ihr ist
es nur äußerst selten den Menschen vergönnt, die Urmen zu sehen; so
zum Beispiel ist dazu nur die siebente Tochter in einer durch keinen
Knaben unterbrochenen Mädchenreihe imstande, und umgekehrt sogar nur
der neunte Sohn in einer durch kein Mädchen unterbrochenen Knabenreihe.
-- Gegen Mitternacht nach der Geburt des Kindes erscheinen dann die
drei Urmen und bestimmen das zukünftige Geschick des neuen Weltbürgers.
Die erste bestimmt die Zahl der Lebensjahre des Kindes und seine
dereinstige Todesart, die zweite, ob es reich oder arm, in der Ehe
glücklich oder unglücklich werden soll, und die dritte endlich sucht
die Wünsche ihrer Schwestern zu entkräften.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 472. Bei den Finnen bleibt nach der Hochzeit die Mutter der Braut
weinend im Hause zurück,
obwohl die Hochzeitsgesellschaft sie auffordert, sich ihr
anzuschließen.]
Verläßt die +Wöchnerin+ ihr Lager, so muß sie, falls sie einen Sohn
geboren hat, zwischen einem entzweigeschnittenen Hahn, wenn eine
Tochter, zwischen einer entzweigeschnittenen Henne hindurchgehen,
worauf das betreffende Tier von den Frauen verzehrt wird. Bei ihrem
ersten Ausgang muß sie ihr Kind auf die Erde legen und dreimal darüber
hinweg- und wieder zurückschreiten, damit es nicht geistersichtig
werde; hierauf hebt der Vater es von der Erde auf, wobei er ihm einen
roten Faden um den Hals hängt, um es dadurch öffentlich als sein
eigenes anzuerkennen.
Schon frühzeitig regt sich bei den jungen Leuten die +Liebe+. Die
Liebespoesie nimmt einen breiten Raum im Leben der Zigeuner ein.
Zahlreich sind auch die Geheim- und Zaubermittel, durch die ein
Verliebter die Gunst des Gegenstandes seiner Liebe zu erreichen sucht.
Will ein junges Mädchen einen Mann an sich fesseln, dann sucht es
zum Beispiel eine Weidenrute mit Knoten, da man diese als von Feen
geschlungen ansieht, schneidet diese Knoten ab und steckt sie in
den Mund, worauf es die Worte spricht: „Dein Glück esse ich, dein
Glück trinke ich; dafür gebe ich dir mein Glück, du bist nun mein.“
Schließlich muß es die Knoten noch unbemerkt in das Lager der geliebten
Person stecken.
[Illustration:
Phot. J. K. Inha.
Abb. 473. Ein Widderopfer der Karelier (Vinchjavoi).
Am 27. August opfern die Karelier zu Ehren des heiligen Nikolaus einen
Widder. Vor dem Gebetshause wird dem Tiere die Kehle durchschnitten und
sein Blut in einer Röhre aufgefangen, die man später versiegelt.]
Hat ein junger Zigeuner die Absicht, zu +heiraten+, so kauft er sich
ein Tuch und hängt es an das Zelt seiner Auserwählten. Wenn diese es
an sich nimmt, so gibt sie damit ihr Einverständnis zu verstehen.
Natürlich muß auch die Zustimmung der Eltern des Mädchens eingeholt
werden, was durch Darbringung von zahlreichen Geschenken erreicht
wird. Die Zigeunerheirat ist nämlich ein richtiger Kauf, insofern der
Bräutigam den Eltern seiner Auserwählten eine bestimmte Summe zu zahlen
hat, deren Höhe sich vielfach nach der Schönheit des Mädchens richtet.
Um zu erfahren, ob die Ehe fruchtbar sein wird, begibt sich das
+Brautpaar+ eine Woche vor dem Hochzeitstage nachts an das Ufer
des nächstgelegenen Flusses und stellt hier zwei brennende Kerzen
auf. Löscht der Wind eine derselben aus, dann gilt dies als böses
Vorzeichen; die Brautleute beeilen sich in diesem Fall, Äpfel und Eier
ins Wasser zu werfen, um die bösen Wassergeister zu besänftigen.
Die Einladung zur +Hochzeit+ pflegt der Zigeunerbursche persönlich
zu überbringen; in Begleitung von mehreren Musikanten begibt er sich
von Zelt zu Zelt und trägt seine Einladung unter Musikbegleitung
singend und tanzend vor. Dabei ist er unter anderem durch einen mit
Bändern verzierten Haselstock gekennzeichnet, der das junge Paar vor
dem Einfluß der bösen Wassergeister (Niwaschi) bewahren soll. Während
der Bräutigam die Pflicht der Einladung erfüllt, verbrennt die Braut
nächtlicherweile an einem Kreuzweg ihre sogenannten Glücksträußchen,
damit sie keinem anderen Mädchen in die Hände fallen, wodurch das Herz
des Verlobten abwendig gemacht werden könnte. Die Glücksträußchen
sind Gnaphaliumblüten, die die jungen Mädchen alljährlich in der
Johannisnacht sammeln und, zu kleinen Sträußchen gebunden, unter ihren
Habseligkeiten aufbewahren, damit sie ihre Besitzerin vor Krankheit und
Schande schützen.
Drei Tage vor der Hochzeit findet eine Vorfeier statt, zu der die
Stammesgenossen zusammenkommen; die Brautleute tauschen dabei bunte
Tücher oder Ringe aus. Bei einigen Stämmen holen die Weiber am letzten
Tage vor der Hochzeit junge Bäume aus dem Walde, die sogenannten
Glückstangen, und stellen sie vor der Wohnung des Bräutigams auf,
damit seine Liebe zu seiner Auserwählten in Zukunft „holzfest und
immergrün“ erhalten bleibe, er muß sie für diese Aufmerksamkeit mit
Branntwein belohnen. Schon am frühen Morgen des Hochzeitstages finden
sich die Gäste vor dem Zelte ein und bringen dem Brautpaar allerlei
Geschenke dar, meist in Gestalt von Eßwaren und Getränken, aber auch
von hauswirtschaftlichen Gegenständen und Geld. Darauf begeben sich
alle Teilnehmer unter Vorantritt von Musikanten, aber zunächst ohne
Sang und Klang, in festlichem Zuge in die Kirche. Zuerst der Bräutigam,
umgeben von den Burschen und Männern, darauf in bestimmter Entfernung
die Braut in Begleitung der Frauen und Mädchen sowie eines einzigen,
und zwar des ältesten Burschen, der aufzupassen hat, daß die Braut
nicht entführt werde. Ist er dabei nachlässig, so muß er einen Teil
der Hochzeitskosten tragen. Nach der Trauung begibt sich der Zug unter
Gejohle und Musizieren wieder zum Zeltlager zurück. Hier angekommen,
wird das junge Paar mit Nüssen beworfen, früher auch mit Hirse,
mit Wasser begossen und dann mit einem Beutel aus Wieselfell, der
Stechapfelsamen enthält, abgerieben, was gegen Unglück und bösen Blick
schützen soll; beim Betreten des Zeltes werden ihm Schuhe und Stiefel
nachgeworfen, was die Fruchtbarkeit steigern soll, und so fort.
[Illustration:
Phot. Topic, Sarajevo.