Nach einer Originalzeichnung von J. Matania.]

[Illustration:

Phot. Giles & Co.

Abb. 390. Hochzeitspaare in Plougastel.

In Plougastel ist es üblich, daß eine größere Anzahl Brautpaare an

einem und demselben Tage heiraten und dabei gemeinsam durch die Straßen

ziehen.]

In Frankreich pflegen sich +Schwangere+ einen Gürtel um den Leib

zu binden, der von derselben Länge (zwei Meter) sein muß, wie ihn

die Jungfrau Maria getragen haben soll, als sie sich in gesegneten

Leibesumständen befand. In Quintin schenken, wie berichtet wird, die

Ursulinerinnen ihren verheirateten ehemaligen Schülerinnen, wenn

diese in andere Umstände gekommen sind, solche Gürtel mit frommen

Inschriften zur Erleichterung der Geburt, und in der Kirche zu

Saint-Germain-des-Prés soll es seit langem Brauch sein, den dort

befindlichen Gürtel der heiligen Margarete zu dem gleichen Zweck an

Frauen, die Mutterfreuden entgegensehen, auszuleihen. -- In Spanien

sind ziemlich dieselben Abwehrmaßregeln wie in Italien üblich.

[Illustration: Abb. 391. Allerlei Amulette gegen den bösen Blick.

1. Prähistorische steinerne Pfeilspitze in Silberfassung (Italien).

2. Stein mit natürlichem Loch (Irland). 3. Korallenarmband (Türkei).

4. Drei Alaunstücke in Perlengeflecht (Ägypten). 5. Ring mit Türkis

(Orient). 6. Perlenamulett mit Samen von Zizyphus und _Mirabilis

Jalapa_ (Türkei). 7. Schnur mit Samen vom Seifennußbaum (_Sapindus

trifoliatus_) (Zentralindien). 8. Elefant aus Koralle (Italien).

9. Fisch aus Perlmutter (Italien). 10. „Tempelmünze“ mit Drachen

(China). 11. Dachspfote in Silberfassung (Spanien). 12. Dachshaare

in Silberfassung (Italien). 13. Hörnchen aus Koralle (Italien). 14.

Hörnchen aus Hirschhorn (Österreich). 15. Krebsschere in Silberfassung

(Griechenland). 16. Eberzahn in Silberfassung (Italien). 17.

Menschlicher Schädel aus Perlmutter (Italien). 18. Buckliger aus

Perlmutter (Korfu). 19. Auge aus blauem Glas (Palästina). 20. Silbernes

Medaillon mit Auge (Korfu). 21. „Horusauge“ (Ägypten). 22. Doppeltes

Auge aus Silber (Portugal). 23. Hand aus Gold mit dem hebräischen

Gottesnamen „Schadai“ (Lyon). 24. „Hand der Fatme“ aus Silber (Tunis).

25. Hand aus blauem Glas (Türkei). 26. Faust aus Perlmutter (Italien).

27. „Figa“ (Feige) aus Knochen (Portugal). 28. „_Mano cornuta_“

aus Koralle (Italien). 29. Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger aus

Silber (Tunis). 30. Phallusamulett aus Bronze (antik-römisch). 31.

Kaurimuschel (Türkei). 32. Glöckchen aus Silber (Italien). 33. Halbmond

aus rotem Glas (Portugal). 34. Kreis mit Stern aus Knochen (Portugal).

35. Blaue Glasperle (Palästina). 36. Pentagramm aus Zinn (Portugal).

37. Kranz mit Christus am Kreuz aus „Einhorn“ (Korfu). 38. Amulett aus

blauem Glas mit Inschrift „Maschallah“ (Türkei). 39. Bleimedaille mit

hebräischer Inschrift (London).]

[Illustration:

Phot. Clive Holland.

Abb. 392. Szene von einer bretonischen Hochzeit in Pont-Aven.

Nach der Trauung tanzt das junge Paar nebst Brautführern und

Brautjungfern auf einem öffentlichen Platze.]

Die +Hochzeitsgebräuche+ sind in den großen Städten ziemlich die

gleichen wie anderwärts in solchen Nordeuropas, aber in der „Provinz“

zeigen sie noch manche anziehende Besonderheiten. In Paris kommt

wohl nur noch ganz vereinzelt die Sitte vor, daß beim Hochzeitsmahl

ein Junge unter den Tisch kriecht und der jungen Frau heimlich das

Strumpfband löst, das dann zerschnitten und unter die Gäste verteilt

wird. Die Regel dürfte es heutzutage bilden, daß die Neuvermählte

dem Knaben eine Anzahl bereits zugeschnittener Strumpfbänder in die

Hand drückt. Am meisten haben sich noch in der Bretagne von den

Vätern überkommene Sitten und Gewohnheiten erhalten, darunter auch

verschiedentlich solche, die die Hochzeit betreffen. Ein solcher Brauch

ist das „Suchen der Braut“. Wenn der Bräutigam sich in der Wohnung

seiner Auserwählten einfindet, um sie in die Kirche zu führen, findet

er zunächst das Haus verschlossen. Ist es ihm durch vieles Bitten

gelungen, endlich Eintritt zu erhalten, dann führt man ihm nacheinander

verschiedene junge Mädchen vor und gibt diese als seine Braut aus.

Darauf beginnt er im Hause die richtige zu suchen, indem er alle Winkel

durchstöbert; die jungen Burschen unter den Gästen sind ihm dabei

behilflich. Derjenige, der sie erhascht, raubt ihr für gewöhnlich einen

Kuß und erhält noch eine Tasse Kaffee oder eine andere Gabe zum Lohn.

Nach der Trauung findet von neuem eine Trennung der jungen Eheleute

statt; der Bräutigam geht mit seinen Angehörigen, die Braut mit den

ihrigen nach Hause, und beide Parteien speisen für sich. Erst nach dem

Mahl kommen sie wieder zusammen und tanzen bis zum Abend. Bevor die

jungen Eheleute sich nun zurückziehen, überreichen die Burschen der

jungen Frau einen Blumenstrauß nebst einem Kuchen und singen dabei ein

Lied, das ihr ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter vorhält. Nach

jeder Strophe trinkt man auf ihr Wohl; alle Anwesenden tun Bescheid,

indem sie gleichzeitig ein Bein und einen Arm heben. Ein diesem

Brautsuchen ähnlicher Brauch besteht im Bourdonnais. Auch hier kommen

der Bräutigam und seine Burschen zunächst vor verschlossenen Türen

an. Sie preisen in Versen die schönen Geschenke, die sie mitbringen,

finden aber seitens der Braut und der Brautjungfern vorläufig keine

Erhörung. Erst wenn die jungen Leute draußen singen: „Einen jungen

Burschen bringen wir euch auch“, öffnet sich das Tor. Aber die Mädchen

haben sich inzwischen unter ein Tuch versteckt, und es ist nun Sache

des Bräutigams, seine Braut zu erraten und die Hand auf sie zu legen,

sonst wird sie den ganzen Abend von ihm ferngehalten. Am nächsten Tage

wartet man auf die Neuvermählten, bis sie aus der Kirche kommen, und

überreicht ihnen eine Schüssel Suppe, von der sie zum Zeichen ihrer

nunmehrigen Gemeinschaft mit demselben Löffel kosten müssen; boshafte

Gesellen sollen manchmal Pfeffer hineintun. Am Tage nach der Hochzeit

„wird der Kohl gepflanzt“. Die jungen Leute setzen einen mit Blumen

geschmückten Kohlkopf auf den Dachgiebel; die eine Hälfte von ihnen

läuft mit einem langen Strick, dessen anderes Ende an den Kohlkopf

gebunden ist, den unter den Hochzeitsgästen befindlichen Mädchen nach

und sucht sie, soweit die Länge des Strickes es erlaubt, einzufangen.

Wer nicht beizeiten davonlaufen kann, wird unter das Dach geführt und

von den Kohlwächtern auf dem Dache mit Wasser begossen.

Im südlichen Teil der Bretagne, wo sich noch manche alte

Hochzeitsbräuche erhalten haben (Abb. 392), wird vor dem Hochzeitshause

ein Maibaum gepflanzt, sein Stamm mit dürrem Reisig umgeben und das

Ganze angezündet, wenn das Brautpaar aus der Kirche kommt. Sobald

die Flamme zu erlöschen droht, schießen die jungen Burschen hinein.

Setzt die Flamme daraufhin aus, dann will dies besagen, daß die junge

Frau es an Geduld und Pünktlichkeit in ihrer Wirtschaft fehlen lassen

wird. Der Maibaum bleibt bis zur Taufe des Erstgeborenen stehen. Zu

Plougastel pflegen sich mehrere Brautpaare zusammenzutun, um an einem

Tage gemeinsam die Hochzeit zu feiern (Abb. 390). -- Im Departement

Orne besteht der sonderbare Brauch, daß der junge Mann nicht an der

Festmahlzeit teilnimmt, sondern die Gesellschaft zu bedienen hat,

während man alle Ehren nur der Frau erweist. Vielleicht ist dies ein

Überrest des Matriarchats der Vorzeit.

[Illustration: Abb. 393. Wettrennen zu Ehren der Madonna (Palio) zu

Siena.]

Natürlich geht es überall auf Hochzeiten lustig zu. Fiedel und

Dudelsack begleiten den Zug der Gäste nach und von der Kirche und

spielen bei dem Mahle, das meistens recht reichlich ausfällt, und

dem darauffolgenden Tanze auf. In der Normandie vereinigt man sich

sogar am Sonntag nach der Hochzeit wieder, um noch einmal mit den

Neuvermählten lustig zu sein. Im Departement Orne nennt man dies „die

Katze peitschen“ oder „das Bettstroh der Schwiegertochter essen“. --

In Arles pflegen sich die Hochzeitsgäste zu Pferde einzufinden, und

zwar für gewöhnlich ein junges Paar auf einem und demselben Pferd; vorn

reitet der junge Mann und hinter ihm sitzt, ihn fest umklammernd, sein

Mädchen auf einer Art Sattelkissen (Abb. 360).

In Berry werden am Schluß des Hochzeitsfestes alle Frauen nebeneinander

gestellt; man zieht ihnen Schuh und Strümpfe aus und bedeckt alle mit

einem großen Tuche, das nur die Beine unverhüllt läßt. Darauf muß der

junge Ehemann, dem sie den Rücken zukehren, unter ihnen seine Frau

heraussuchen.

[Illustration:

Phot. The Farringdon Photo Company.

Abb. 394. Pilgerzug zu der heiligen Grotte in Lourdes,

wo die Jungfrau Maria erschienen sein soll.]

Zum Schluß wollen wir noch des Heiratsmarktes zu Ecaussines-Lélaing

in Südfrankreich gedenken. Früher war es hier Sitte, daß die jungen

Burschen dem von ihnen verehrten Mädchen in der Walpurgisnacht eine

grüne Birke, den Maibaum, mitunter mit der Inschrift „_Honneur à la

jeunesse_“ (Ehre der Jugend), vor das Haus pflanzten, um dadurch

ihre Zuneigung zu erkennen zu geben. Zum Zeichen, daß der Jüngling

ihm genehm sei, lud das Mädchen ihn nebst seinen Freunden dann zu

Kaffee und Kuchen ein. Dieser schöne Brauch geriet allmählich in

Vergessenheit, und damit nahm auch die Heiratslust der jungen Männer

ab. Um diesem Übelstande abzuhelfen, hat man seit einer Reihe von

Jahren einen Heiratsmarkt eingerichtet, der am zweiten Pfingstfeiertage

abgehalten wird. Die jungen Burschen kommen dazu in großen Scharen

zusammen und werden von den Mädchen bewirtet; man plaudert, scherzt,

schäkert, singt und tanzt, und die dabei angeknüpften Bekanntschaften

pflegen sich auch meistens zur Heirat zu verdichten.

[Illustration:

Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 395. Ein eigenartiger Karfreitagsbrauch in Belleguardo.

Die Bürger wählen einen aus ihrer Mitte, der Christus darzustellen

und als solcher den ganzen Tag mit seitlich erhobenen Armen auf

dem Altar zu stehen hat, wobei er ein großes, von seinem Halse

vorn herabhängendes Kreuz trägt. Die Andächtigen knien vor ihm

nieder, singen geistliche Lieder und legen Geld in die vor dem Altar

aufgestellten Opferschalen. Das auf diese Weise zusammenkommende Geld

verteilt der „Christus“ zu Ostern an Kranke und Arme.]

In +Spanien+, im besonderen in Valencia und Andalusien, ist als

Werbeversuch noch die Serenade sehr beliebt. Der Liebhaber erscheint

spät abends in Begleitung zweier Musikanten unter dem Balkon seiner

Angebeteten und bekennt ihr seine Liebe durch den Mund eines Trovador,

der sehr geschickt darin ist, Liebeslieder aus dem Stegreif abzufassen

und vorzutragen. Nach vielem Bitten läßt sich das junge Mädchen endlich

bewegen, anscheinend widerwillig auf dem Balkon zu erscheinen, um dem

Bewerber eine Blume aus ihrem Haar hinabzuwerfen, als Zeichen, daß sie

ihm gewogen sei. Dies alles ist aber nur Spiel, denn der Liebhaber hat

bereits lange vor dieser öffentlichen Werbung die Zusage der Eltern

und des Mädchens erhalten. -- Wenn die Eltern der Auserwählten dem

Freier ihre Einwilligung etwa hartnäckig verweigern sollten, dann wählt

dieser ein durchgreifendes Mittel, indem er die Hilfe der Obrigkeit

anruft. Der Alkalde in seiner Staatsuniform fährt bei den Eltern vor

und fragt den Vater in seiner amtlichen Eigenschaft, ob er gewillt

sei, seine Tochter dem Betreffenden zur Frau zu geben, vorausgesetzt,

daß keine Gründe ernsterer Natur dagegen vorliegen. Beharrt der Vater

trotzdem noch weiter auf seiner Weigerung, dann nimmt der Alkalde die

Tochter einfach mit sich und bringt sie bis zur Hochzeit in einer

angesehenen Familie unter. -- In Kastilien trägt die Braut bei der

Hochzeit eine weiße Blume an der Brust, in Andalusien einen Kranz von

Nelken und roten Rosen im Haar. In Cadix kennt man keine Trauringe, die

verheiratete Frau unterscheidet man dadurch von den unverheirateten

Mädchen, daß jene rechts im Haar stets eine Blume trägt. -- In der

Umgebung von Madrid besteht ein ganz eigentümlicher Hochzeitsbrauch.

Am Tage der Hochzeit stellen sich zwei Burschen vor der Haustüre der

angehenden Frau auf und fangen, wenn sich genügend Volk versammelt hat,

einen Wortwechsel über die Fehler und Mängel der Braut auf der einen

Seite, ihre Tugenden und Vorzüge auf der anderen an; sie können dabei

unter Umständen so in Erregung geraten, daß sie schließlich einander

beschimpfen und selbst handgemein werden.

[Illustration: Abb. 396. Allerseelenfeier in der Bretagne.]

In +Italien+ zeichnet sich das Liebesleben noch heute wie schon einst

im alten Rom (siehe die Kunstbeilage) durch große Leidenschaftlichkeit

aus. Die Werbung wird entweder von dem Jüngling persönlich vorgebracht

oder der Vater tut dies für ihn. In der Regel müssen daraufhin die

jungen Leute sich erst einige Zeit lang näher kennen lernen, ehe die

Verlobung gefeiert wird, um zu erfahren, ob sie zueinander passen.

Der Bräutigam pflegt seine Auserwählte mit allerlei Schmucksachen,

Süßigkeiten und anderen Gegenständen zu beschenken. Eine Schere darf

aber nie darunter sein, weil darin eine Anspielung auf eine scharfe

Zunge erblickt werden könnte (nicht, wie bei uns, eine Hindeutung

auf das „zerschnittene Tischtuch“ = Abbruch der Beziehungen),

ebensowenig ein Kamm, weil Kämme gern von Hexen benutzt werden. In

Toskana verlangt der gute Ruf des Mädchens, daß es niemals vor der

Hochzeit das Haus des Bräutigams betritt, nicht einmal in dessen Nähe

kommt und auf seinen Spaziergängen sogar einen Umweg um dasselbe

macht. In Venedig ist es kostspielig, die Rolle des Brautführers zu

übernehmen, und nur ein wohlhabender Bursche kann sich diese Ehre

leisten. Er muß nämlich bereits am Tage vor der Hochzeit der Braut

eine Schachtel mit Süßigkeiten senden, auf deren Deckel ein Wickelkind

in Zucker angebracht ist, dazu zwei Blumensträuße, einen natürlichen

und einen künstlichen, und Schmucksachen (Brosche oder Ohrringe). Am

Hochzeitstage muß er für die Getränke beim Mahle sorgen, vier Kerzen

für die Hochzeitsmesse anschaffen, vier Gondeln mieten, auf denen

die Teilnehmer zum Gasthause gefahren werden, schließlich unter die

Kinder und Bettler, die beim Austritt aus der Kirche Hochrufe auf

die Neuvermählten ausbringen, Münzen verteilen; seine eine Hand ist

beständig in der Tasche.

[Illustration:

Phot. J. Brocherel.

Abb. 397. Vom Fest der heiligen Rosalia,

der Schutzpatronin Palermos. Das Standbild der Heiligen wird auf einem

mächtigen Wagen durch die Straßen der Stadt gezogen.]

In den verschiedensten Gegenden Italiens wird der Brautzug von den

jungen Burschen des Dorfes aufgehalten, meistens durch ein Band, das

die Braut mit einer Schere durchschneiden muß, oft aber auch durch

einen ordentlichen Verhau, den die das Paar begleitenden jungen

Leute dann wegräumen müssen. Das Brautpaar zahlt den es aufhaltenden

Jünglingen ein Sühnegeld, wofür diese es manchmal auch freihalten.

-- In Sardinien wird der Bräutigam, wenn er zur Verlobungsfeier

eintrifft, in ein Zimmer geführt, wo möglichst viele Mädchen in einer

Reihe nebeneinander sitzen, alle schweigsam und gemessen, ohne seinen

Gruß zu erwidern. Der Brautvater führt ihn von einer der Schönen zur

anderen und fragt ihn vor jeder: „Ist das etwa Euer Schaf?“ -- der

für den jungen Mann werbende Vater hat nämlich vorher erklärt, er

suche das schönste und beste Schäfchen, das ihm aus der Herde verloren

gegangen sei --, bis man zu der richtigen kommt und der Bewerber hier

schließlich die Antwort gibt: „Ja, das ist es.“ In einigen Teilen der

Insel gießt die Schwiegermutter ein Glas Wasser vor dem jungen Paar

aus, wenn es die Schwelle der Hochzeitskammer überschreitet; offenbar

soll damit ein Hindernis für böse Geister geschaffen werden, die in der

Nacht die jungen Leute stören könnten.

Die +Begräbnisgebräuche+ der südeuropäischen Völker weichen von denen

der nordeuropäischen Länder wenig ab; im allgemeinen pflegt aber mehr

Pomp entfaltet zu werden als bei uns; besonders in ländlichen Gegenden

sind die Begräbnisse in dieser Hinsicht anziehend und malerisch.

Die Kränze und Kreuze, die man den Toten aufs Grab legt, werden

in Frankreich mit Vorliebe aus galvanisiertem Draht hergestellt,

schwarz, weiß oder malvenfarbig angestrichen und mit Blumen aus

gleichfalls angemaltem Blech oder mit Perlen geschmückt (Abb. 396).

Eine besondere Eigentümlichkeit in französischen Gegenden ist die

Sitte, in dem Grabstein eine kleine Vertiefung ausmeißeln, darin das

Bild des Verstorbenen in verschiedener Ausführung, manchmal sogar in

feinster Miniaturmalerei auf Elfenbein, anbringen und das Ganze mit

einem Glasdeckel überdecken zu lassen. Schließlich sei noch auf den in

Frankreich herrschenden Brauch hingewiesen, die Grabstätten nicht für

lange Zeiten an die Angehörigen zu verkaufen, wie dies bei uns der Fall

ist, sondern sie für ganz kurze Fristen nur zu verpachten. Wenn dann

die Pacht abgelaufen ist, werden die Leichen ausgegraben und die Stätte

von neuem verpachtet, damit andere auf ihr beerdigt werden können.

Oft pflegt man nach solcher Ausgrabung die Särge mit den Gebeinen in

einer Ecke des Friedhofes aufzuhäufen; vielfach aber schichtet man auch

Schädel und Gebeine in sogenannten Beinhäusern zu vielen Tausenden

übereinander, zündet vor ihnen heilige Kerzen an und läßt Seelenmessen

abhalten.

[Illustration:

Phot. J. Brocherel.

Abb. 398. Sizilianischer Eselskarren,

der, wie es vielfach geschieht, mit künstlerisch ausgeführten

Holzschnitzereien verziert ist.]

[Illustration:

Phot. J. Dazario.

Abb. 399. Szene von einer ländlichen Verlobung in Rußland.

Der Bräutigam bringt der Braut Brot, Salz und Mandelgebäck. Die Freunde

des Hauses werden bewirtet, und hieran schließt sich ein Tanz an.]

Die slawischen Völker.

Die slawischen Völker nehmen, ganz allgemein betrachtet, den Osten

Europas ein, also das europäische Rußland (über 73 Prozent seiner

Bevölkerung sind Slawen) mit Ausnahme der nördlichen und südlichen

Gebiete, wo nichtslawische Elemente, zum Beispiel die Samojeden,

Lappen, Finnen, Esten, Tawasten, Tataren, Rumänen und andere Stämme

ansässig geworden sind, ferner einen beträchtlichen Teil der

österreichisch-ungarischen Monarchie, bis über die Donau hinaus, und

die sich hieran anschließenden Strecken der Balkanhalbinsel, endlich

kleine Enklaven in Deutschland. Man unterscheidet sprachlich unter

ihnen drei große Gruppen: die Ost-, West- und Südslawen. Zu den

ersteren zählen die Bewohner des russischen Reiches, die wiederum in

Großrussen oder Moskowiter (größter Teil des Reiches), Weißrussen

(westliches Rußland) und Kleinrussen (von Ostungarn und Galizien an

bis zum Don: Ruthenen, Huzulen) zerfallen; die zweite Gruppe umfaßt

die Tschechen mit den Slowaken in Böhmen, Mähren und Nordungarn,

die Polen in Galizien und Schlesien, die Kaschuben in Hinterpommern

und Westpreußen, die Slowinzen am Lebasee, die Wenden oder Sorben

im Spreewalde; die Südslawen endlich setzen sich aus den Serben und

Kroaten -- der Unterschied zwischen beiden beruht ausschließlich

auf der verschiedenen Konfession -- einschließlich der Bosnier und

Herzegowiner, den Montenegrinern, den Slowenen und den Bulgaren der

Balkanhalbinsel sowie der nördlich und westlich angrenzenden Gebiete

zusammen.

Von einem einheitlichen +anthropologischen Typus der Slawen+ kann

man nicht sprechen; der Grund hierfür liegt in den vielfachen

Kreuzungen zwischen den ursprünglich wohl allein im Osten ansässig

gewesenen Vertretern des alpinen Typus mit den zahlreichen Völkern

und Rassenelementen, die im Laufe von Jahrtausenden teils von

Nordwesten nach Südosten (germanische Stämme), teils in umgekehrter

Richtung (Finnen, Mongolen, Türken) Osteuropa überfluteten. Man trifft

dementsprechend unter den Slawen Leute an, die germanischen Einschlag

zeigen (Polen mit vorwiegend blondem Haar, blauen oder grauen Augen

und heller Gesichtsfarbe), und anderseits auch wieder solche, die

deutlich mittelasiatische Herkunft verraten. Im allgemeinen kann man

die Behauptung aufstellen, daß der durchschnittliche Typus des Slawen

mehr Annäherung nach Osten (Asien) als nach Westen (Europa) zeigt.

[Illustration:

Phot. _Dr._ Buschan.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 173 / 203 题