die durch den Geistlichen in der Kirche vorgenommen wird.]
Auf Sizilien, besonders in dem Städtchen Prizzi, finden am Palmsonntag
Aufzüge statt, die den Einzug Christi in Jerusalem zur Darstellung
bringen. Einer der Geistlichen stellt Christus vor; er reitet auf einer
reich mit Blumen geschmückten Eselin, neben der ein Füllen einhertrabt,
wie die Überlieferung es berichtet. Ihm folgen als die zwölf Apostel
ebensoviel Geistliche mit Palmzweigen in den Händen; einer von ihnen
stellt Judas dar und ist an einer Laterne als solcher kenntlich, die er
in der Hand hält. An die Priester schließt sich eine große Volksmenge
an; alles trägt Palm- oder Ölzweige. Am Tor der Stadt begrüßt der
Bürgermeister den Zug und führt das Reittier Christi am Zügel weiter
bis zum Altar der Kirche. Hier wird der Zug von dem Hosianna des Chors
empfangen, worauf Christus absteigt und das Zeichen zur Palmenweihe
gibt. Die gesegneten Zweige nimmt man nach Hause mit und befestigt
sie hier als Abwehrmittel gegen alle möglichen bösen Einflüsse. --
Die Stadt San Remo in Norditalien hat das Vorrecht, am Palmsonntag
Palmzweige nach Rom zu senden.
[Illustration: Abb. 382. Das Fest der „Fallas“ von Sankt Joseph zu
Valencia in Spanien.
Der große aus Leinwand und Holz in der Straße aufgebaute Katafalk
trägt Figuren, die auf die wichtigsten auf der Iberischen Halbinsel
sich abspielenden Ereignisse Bezug nehmen, zum Beispiel das auf einen
Bienenschwarm losschlagende Portugal (oben), das schlafende Spanien,
das von einem Riffkabylen geneckt wird (Mitte), eine portugiesische
Familie, die sich zum Auswandern anschickt.]
In Neapel bietet Pfingsten (Pentecoste oder vom Volke lieber
L’altra Pasqua, das zweite Ostern, oder auch Pasqua dei fiori,
Blumenostern, genannt) Anlaß zu einem großartigen Pilgerzug, der sich
am Pfingstnachmittag vom Monte Vergine zur Stadt ergießt. Schon am
vorangehenden Donnerstag sind die Pilger zum Berge hinaufgestiegen,
haben hier zu der braunen Madonna gebetet, reichlich der Kirche
geopfert und sind in jeder Weise fromm gewesen. Nach drei Tagen kehren
sie zurück, machen aber keineswegs den Eindruck von Büßenden im
Pilgergewand und mit Pilgerstab, sondern von überaus lustigen Gesellen.
Unter Gesang, Evvivarufen und Schreien, begleitet von den Tönen der
Mandoline und Gitarre sowie dem Schall von Pfeifen, Trommeln und
anderen Lärminstrumenten, bekränzt mit Blumengirlanden, die einen auf
Karren, die anderen im Ein- oder Zweispänner oder auch in vornehmen
Vierspännern, andere wieder hoch zu Roß -- so erscheinen sie am
Pfingstnachmittage in der Stadt, wo die zurückgebliebenen Neapolitaner,
aufs festlichste geschmückt, sie mit Jubel begrüßen.
[Illustration:
Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 383. Karfreitagsprozession in Sevilla zu Ehren der heiligen
Jungfrau.
Die Teilnehmer, sämtliche Ordensgesellschaften, sind teils schwarz,
teils braun oder weiß gekleidet und tragen schwarze Kapuzen. Auf ihren
Standarten steht die bekannte Inschrift der alten Römer (_SPQR_ =
_Senatus populusque Romanus_). Die Polizisten, die den Zug begleiten,
halten die linke Hand auf die Brust.]
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 384. Karfreitagsprozession der Frauen zu Kergornet.
Im Vordergrund ist Reisig zu einem der dabei üblichen Freudenfeuer
aufgestapelt; ein alter Überrest aus der Druidenzeit.]
In Neapel, wie überhaupt in den Städten unter der Sonne Süditaliens,
wo das Leben sich leidenschaftlicher und lauter abspielt, kennt man
zur Sommerszeit eine ganze Reihe von Festen, die im Juni beginnen
und fast ununterbrochen bis in den September hinein andauern. Jede
der hundert Kirchen Neapels feiert in dieser Zeit ihr besonderes
Fest. Dann verwandeln sich die Straßen in der nächsten Umgebung der
betreffenden Kirche für einige Tage gleichsam in Festsäle mit Fahnen,
Girlanden, Teppichen, Lampions, Kandelabern und bunten Lämpchen;
Musikbanden lassen ihre Weisen ertönen, und am Abend knallt und sprüht
das Feuerwerk; natürlich wird dabei auch dem Wein tüchtig zugesprochen.
Ebenso ist es in anderen Städten. Das großartigste aller dieser +Feste+
ist das +des heiligen Paulinus oder der tanzenden Türme zu Nola+,
das zur Erinnerung an weit zurückliegende Zeiten begangen wird, als
der Vandalenkönig Geiserich mit seinen Scharen Italien überflutete
und der Bischof Paulinus im Jahre 460 aus der Gefangenschaft dieses
Fürsten mit seinen Nolanern in die Heimat zurückkehrte. Schon Tags
zuvor strömen die Pilger zu Tausenden zusammen und harren auf den
Straßen, den Balkonen und den Dächern des eigenartigen Schauspiels.
Auf dem Markte hat man nämlich auf einer festen Unterlage Türme aus
Fachwerk errichtet, die die größten Häuser überragen; sie bestehen
aus mehreren Stockwerken, von denen die unteren mit Teppichen und
Gemälden (Szenen aus dem Leben des Heiligen) geschmückt sind, auch
eine Rampe für Musikanten tragen, die übrigen bis oben hinauf mit
Säulen, Standbildern und allerlei Zierat aus farbigem Stuck bekleidet
sind; das Ganze wird von der lebensgroßen Figur eines Engels oder
des Heiligen gekrönt (Abb. 387). Diese Türme sollen die „Lilien“
und andere Blumen des Sankt Paulinus bedeuten, die man in früheren
Jahrhunderten bei den Prozessionen trug, mit der Zeit aber ins
Ungeheure vergrößerte, indem einer mit dem anderen wetteiferte, die
Pyramiden immer reicher auszuschmücken. Zu diesen „Giglii“ (Lilien)
tritt nun noch des weiteren in der Mitte des Platzes ein mächtiges,
bewimpeltes Schiff mit schwellenden Segeln, das ebenfalls auf einem
Balkenwerk ruht und das Fahrzeug vorstellen soll, auf dem Paulinus der
Heimat zueilte. An Stelle des Bischofs trägt es aber an Bord einen
pechschwarzen, orientalisch gekleideten Mohrenkönig. Die Hauptsache bei
der Feier des Paulinusfestes ist aber der Tanz dieser Türme. Zahlreiche
kräftige Leute kommen mit Hebebäumen heran und heben die schwere Last
samt dem ganzen Aufbau und der darauf sitzenden Musikbande hoch. Das
eine Turmpaar bewegt sich auf das gegenüberstehende zu, dann wieder
zurück; dasselbe tut das andere Paar, darauf gehen beide gleichzeitig
aufeinander zu, drehen sich nach rechts und links, ziehen aneinander
vorbei und kehren wieder auf ihren Stand zurück, alles geradeso wie
bei unserem Kontertanz. Nachdem das Schiff schließlich noch einige
Male um den Marktplatz gezogen worden ist, wiederholt sich das ganze
Schauspiel noch verschiedene Male, wohl zwei Stunden lang; dabei sind
die Beteiligten unermüdlich, denn Ermattung kennt der Italiener
nicht, zumal wenn der tobende Beifall der Menge seinen Mut und Ehrgeiz
immer von neuem anspornt. Hieran schließt sich dann eine Prozession
rings um den Marktplatz unter einem Regen von Blumen und Konfetti. Ist
diese Feierlichkeit vorüber, dann bedeckt sich der ganze Platz mit
allerhand Buden, in denen man Heiligenbilder, Zuckerwerk, Obst und
besonders Schnüre von gerösteten Kastanien und Haselnüssen feilbietet.
Den Abschluß bilden, wie gewöhnlich, ein prächtiges Feuerwerk, Tanz
und Musik. Auch fehlt an einem solchen Abend eine dem italienischen
Volke eigentümliche Art von Stegreifgesängen, die _Canti a figliuole_,
nicht; es sind dies Rezitative, die mit einem hohen Tone einsetzen
und sich durch ein bis zwei Oktaven chromatisch hindurchwinden, um in
einem langgehaltenen Grundton auszuklingen. Für gewöhnlich singen die
jungen Burschen solche Canti, um ihren Mädchen aus der Ferne allerlei
Liebes mitzuteilen, weswegen sie auch die Bezeichnung Canti a figliuole
(Mädchenlieder) führen. Am Paulinusabend nun teilen sich die Sänger in
zwei Parteien und besingen in edlem Wettstreit die Taten der Heiligen
oder die Ereignisse des Tages in dieser Form, wobei sie sich in freien
Erfindungen und kühnen Witzen zu überbieten suchen.
In +Siena+ findet an zwei Tagen im Jahre, Mariä Heimsuchung und Mariä
Himmelfahrt, auf dem Marktplatz zwischen den Vertretern von zehn
Stadtbezirken ein +sonderbares Wettrennen+, der +Palio+, statt, bei
dem der Siegespreis in einem seidenen, mit dem Bilde der Madonna
geschmückten Banner besteht. Natürlich strömt zu diesem Schauspiel, bei
dem die Abgeordneten der einzelnen Bezirke die Tracht des dreizehnten
und vierzehnten Jahrhunderts in hellleuchtenden Farben tragen, eine
vieltausendköpfige Menge zusammen. Unter Glockengeläute ziehen diese
Vertreter zunächst in ihre Bezirkskirchen, um dort den Jockei und sein
Pferd -- es sind keineswegs Rennpferde an dem Wettrennen beteiligt,
sondern gewöhnliche Arbeitspferde -- vor dem Altar durch den Priester
weihen zu lassen. Aus dem Verhalten der Rosinante wird vielfach schon
der Erfolg vorausgesagt; wenn das Tier bei der Weihe scheu zurückfährt,
was wohl meistens der Fall sein dürfte, sobald der Priester ihm
plötzlich mit dem Weihwedel vors Gesicht fährt, dann sieht die Menge
dies als gutes Vorzeichen an und bricht in endlosen Jubel aus. Von
den Kirchen ziehen die Vertreter der Bezirke durch die Stadt auf den
Festplatz; der heißersehnte Siegespreis, das Madonnenbanner, wird unter
Trompetenschall auf einem von vier Pferden gezogenen altertümlichen
Karren dorthin gefahren; den Schluß des Zuges bildet ein bunter
Schwarm mittelalterlich gekleideter Gestalten. Das farbenprächtige
Bild, das die Zuschauer in vergangene Zeiten versetzt, zumal Siena
selbst mit seinen gut erhaltenen alten Bauten diese Vorstellung noch
verstärkt, ruft den Jubel der Menge hervor, die an den Straßen, auf
den mit Teppichen und Blumen geschmückten Balkonen und Tribünen sich
angestaut hat. Der Beifall steigt aufs höchste, wenn der Zug auf dem
Markt angekommen ist, die Jockeis im Rathause verschwinden, um ihre
malerische Tracht mit einem einfachen Leinenkittel zu vertauschen, und
bald darauf ein Kanonenschuß den Beginn der wilden Jagd (Abb. 393)
anzeigt. Denn eine solche ist es in der Tat, die auf einer schmalen
Rennbahn zwischen Tribünen und Häusern anhebt. Sie enthält eine
Reihe von Hindernissen, das größte an der Ecke von San Martino ganz
nahe beim Turm des Rathauses. Hier hat man an Stelle der Tribünen
Matratzen aufgestellt, um die herabstürzenden Reiter nach Möglichkeit
vor lebensgefährlichen Unfällen zu bewahren. Denn bei dem dreimaligen
Durchreiten der Bahn auf ungesatteltem Pferde pflegt regelmäßig der
eine oder andere Reiter oder auch eines der Pferde hinzustürzen.
Dessenungeachtet rast man dahin und sucht die armen Gäule durch Knüttel
noch anzuspornen. Mit stürmischem Evvivarufen und Hutschwenken wird der
Sieger begrüßt und auf Händen im Triumph zu den Preisrichtern getragen,
um den Siegespreis in Empfang zu nehmen und mit ihm in die Kirche
zu ziehen, wo er der Madonna dafür zu danken hat. Die Mitglieder des
betreffenden Bezirks aber feiern dieses frohe Ereignis noch ein bis
zwei Wochen lang.
[Illustration:
Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 385. Beginn der Karwoche in Rom.
Ein Geistlicher klopft mit dem Stabe des in violettes Tuch gehüllten
heiligen Kreuzes an die Tür der Basilika. Diese wird darauf geöffnet,
und die Priester, die Palmen in der Hand halten, treten ein.]
[Illustration:
Phot. Alinari.
Abb. 386. Die Brüderschaft der „Misericordia“ in Florenz,
die es sich, wie viele andere Laiengenossenschaften, zur Aufgabe
gemacht haben, bei Begräbnissen mitzuwirken. Die „Misericordia“ leistet
außerdem bei Straßenunfällen hilfreiche Hand (wie im Bilde). Die
Mitglieder sind bei Ausübung ihrer Tätigkeit von Kopf zu Fuß vermummt.]
In +Venedig+ bildet das +Erlöserfest+ ein gleichfalls großartiges
Schauspiel. Schon wochenlang vorher beginnt das Volk in freudiger
Erwartung eifrig mit seinen Vorbereitungen. Am dritten Sonnabend des
Juli nimmt das Fest dann seinen Anfang. Nachdem Glockengeläute seinen
Beginn angekündigt hat, setzt sich die Bevölkerung von ganz Venedig
nach der Insel Giudecca in Bewegung, wo sich die Kirche mit der Statue
des Redemtore befindet, um hier zu beten und zu feiern. Das zweite
scheint dabei die Hauptsache zu sein; denn um die Basilika herum sind
viele Buden aufgeschlagen, und unter dem Sternendach der Julinacht
entwickelt sich hier ein wirkliches Jahrmarkttreiben mit Musik, Tanz,
Osterien, Garküchen, Seiltänzern, Menagerien und vielen anderen
Lustbarkeiten. Zahllose Barken nähern sich aus den vielen Seitenkanälen
dem Festplatze und fahren vor ihm auf und ab oder legen sich vor Anker;
es sind dies aber nicht jene schwarzen, unheimlichen Gondeln, wie
sie Venedig sonst nur kennt, sondern schwimmende Baldachine, Lauben
aus Lorbeer- und Myrtenzweigen oder auch Weinranken, ferner Zelte
aus bunter Seide und Musselin, alles lebhaft prangend im Schmuck der
purpurnen Granat- und safranfarbigen Oleanderblüten und phantastisch
beleuchtet von farbigen Glaslampions. In ihnen sitzen die vornehmen
Patrizier der Lagunenstadt um kristallgedeckte Tische beim leckeren
Mahl und perlenden Schaumwein. In bescheideneren, mit armseligen
Papierlaternen geschmückten Gondeln erfreuen sich die Ärmeren aus dem
Volke an einem Laib Polenta, aber alles ist ausgelassen lustig und
singt unter Begleitung zahlreicher Musikbanden, die ihre Weisen auf
dem Wasser ertönen lassen. Die Stimmung wächst um Mitternacht und
erreicht ihren Höhepunkt in den ersten Morgenstunden, bis die Glocke
die dritte Stunde verkündigt. Wie mit einem Schlage verstummen jetzt
Musik, Singen, Lachen, Becherklang und Lärm. Die Fröhlichkeit ist
verflogen und an ihre Stelle die graue Nüchternheit und tiefe Buße
getreten. Sowie der letzte Glockenschlag verhallt ist, setzen die Boote
sich schleunigst nach der Düne des Lido zu in Bewegung, wo bereits
Tausende von Menschen, die soeben noch der ausgelassensten Fröhlichkeit
hingegeben waren, in ernster Stimmung darauf warten, daß die Sonne sich
goldig aus der Meeresflut erhebe. Ein Jubelschrei entringt sich allen
Lippen bei ihrem Erscheinen, und die zahllose Menge sinkt andächtig in
die Knie, um sich vor der majestätischen Naturerscheinung zu beugen und
zu beten.
[Illustration:
Phot. J. Brocherel.
Abb. 387. Vom Fest des heiligen Paulinus,
des angeblichen Erfinders der Glocken, zu Nola. Mächtige Türme, die von
Statuen, auf Ereignisse im Leben des Heiligen anspielend, gekrönt sind,
werden dabei durch die Straßen getragen.]
Daß eine religiöse Feier für die Romanen ohne gleichzeitige Lustbarkeit
kaum denkbar ist, wie die angeführten Beispiele zur Genüge zeigen,
liegt in dem Charakter dieser Völker. Ihre Religiosität ist auch
keine tiefgehende, innerliche, sondern trotz sorgsamer Pflege durch
die Kirche und ihre Diener meist eine nur äußerliche. Dafür spricht
auch der Umstand, daß alle diese Nationen trotz ihrer Frömmigkeit
noch tief im Aberglauben stecken; in Frankreich und Spanien sind
vorgeschichtliche Steindenkmäler verschiedentlich noch Gegenstand
abergläubischer Verehrung (Abb. 388). Die Furcht vor bösen Geistern,
Hexen und anderen mißgünstigen Wesen ist überall in Stadt und Land
verbreitet. In Italien ist es bekanntlich vor allem die Furcht vor dem
bösen Blick, von dessen Einfluß das Volk in allen seinen Schichten
fest überzeugt ist. Es dürfte in den romanischen Ländern wohl kaum
einen Menschen geben, und zwar nicht allein unter dem niederen Volke,
der nicht irgendein Amulett, sei es das Bildnis eines Heiligen oder
irgendein anderer Gegenstand, bei sich trägt oder gegen eine ihm
drohende Gefahr schnell die sogenannte Fica oder Feige macht, das
heißt seine Hand nach der Seite, von woher ihm ein vermeintliches
Unglück naht, oder nach der betreffenden Person ausstreckt und dabei
den kleinen und den Zeigefinger vorhält, während die übrigen Finger
eingeschlagen bleiben.
[Illustration:
Phot. The Exclusive News Agency.