Abb. 374. Umzug am Morgen des Fürbittefestes

(Gegend von Quimper). Zahlreiche, zum Teil prächtige Banner werden im

Zuge mitgeführt.]

Der religiöse Zug, der die Mehrzahl der Feste bei den romanischen

Völkern auszeichnet, beeinträchtigt keineswegs ihren Frohsinn;

besonders die Spanier sind wahre Vergnügungskünstler. Von Januar bis

Dezember werden überall im Lande zahlreiche +Ferias oder Fiestas+

gefeiert; von Nationalfesten allein besitzen sie wohl einige Dutzend.

Dem Neujahrstage wird nicht viel Bedeutung beigelegt; die erste große

Festlichkeit im neuen Jahre fällt vielmehr auf den 6. Januar. Die

höheren Kreise feiern diesen Tag nach althergebrachtem Brauch, indem

ihre Mitglieder sich gegenseitig besuchen und Karten austauschen,

während die Armen sich von den Anstrengungen des Vorabends erholen,

an dem sie die Ankunft der heiligen drei Könige erwarteten und sich

vergnügten. Der nationale Karneval erstreckt sich über mehrere

Februartage; die Bevölkerung des ganzen Landes feiert ihn auf der

Straße, läuft in Masken umher, hält in den Theatern glänzende Bälle

ab, wirft auf den Straßen Papierschlangen und Konfetti in ungeheuren

Mengen und vergnügt sich vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein.

-- Der +Sankt-José-Tag+ (19. März) ist immer ein wichtiges Ereignis,

denn dieser Heilige erfreut sich in ganz Spanien einer ungewöhnlichen

Volkstümlichkeit. Man schickt an diesem Tage Geschenke, die in Blumen,

Süßigkeiten und Karten bestehen, an Personen beiderlei Geschlechts,

die den Namen des Heiligen führen. In Valencia herrscht die Sitte,

am Sankt-José-Tage inmitten der Straßen Katafalke aus Leinwand und

Holz aufzubauen und auf diese Figuren zu stellen, die die wichtigsten

politischen Ereignisse des Jahres in scherzhafter Weise zur Darstellung

bringen (Abb. 382).

[Illustration:

Phot. The Farringdon Photo Company.

Abb. 375. Pilger küssen die Wand der Grotte zu Lourdes.

Im Vordergrunde rechts stehen zahlreiche Krücken, die von solchen, die

Heilung gefunden zu haben glaubten, zum Dank zurückgelassen wurden.]

Der +Palmsonntag+ (Abb. 377) gibt Veranlassung zu einer allgemeinen

religiösen Feier, ebenso zeichnen sich alle übrigen Tage der

+Karwoche+ durch eindrucksvolle Gottesdienste und Feierlichkeiten

(Abb. 384) aus. Alles trägt in diesen Tagen schwarze Gewänder. Jede

geschäftliche Tätigkeit außer der allernotwendigsten unterbleibt

am Karfreitag und auch am vorangehenden Donnerstag; der Handel in

den Straßen der großen Städte ist unterbrochen und ein feierliches

Schweigen liegt über dem ganzen Lande. Am Gründonnerstag wäscht die

Königin zur Erinnerung an die Fußwaschung der Jünger durch den Heiland

einigen Armen, die sich zu diesem Zwecke im Palast zu Madrid einfinden,

die Füße und macht am Nachmittag einen feierlichen Rundgang durch

die Kirchen der Stadt. Der Karfreitag ist in jeder spanischen Stadt

der Tag großartiger Umzüge (Abb. 383) durch die Straßen. Vielleicht

am berühmtesten von allen solchen Veranstaltungen in der ganzen Welt

sind die Umzüge von Sevilla (Abb. 380) wegen der großartigen Pracht,

die dabei entfaltet wird, und der Schönheit sowie Kostbarkeit der

sogenannten Pasos, geschnitzter Bildwerkgruppen, durch die einzelne

Ereignisse aus der Leidensgeschichte Christi dargestellt werden. Sie

werden unter großer Beteiligung von seiten der Mitglieder zahlreicher

Brüderschaften, Orden und Gilden, die in lange schwarze, braune oder

auch weiße Büßergewänder gehüllt und mit hohen Spitzmützen bedeckt

sind, durch die Straße getragen; jede Brüderschaft begleitet den ihr

gehörigen Paso. Das volkstümlichste Schauspiel nach dieser Richtung

bietet die Gilde der Zigarettenmacher, deren Mitglied der König ist,

und die Macarenos, die sich am Ostersonntag auf dem Stierkampfplatz in

ihrem profanen Berufe zeigen. Ihre Pasos, für gewöhnlich der eine den

gekreuzigten Christus, der andere die Mutter Gottes darstellend, werden

auf blumenbekränzten Sänften getragen; sie sind von terrassenförmig

aufsteigenden Kerzenreihen beleuchtet und von einem kostbaren Baldachin

aus schwarzem Samt überdacht.

[Illustration:

Phot. Clive Holland.

Abb. 376. Das Fürbittefest von Saint-Jean-du-Doigt.

Der Heilige wird an seinem Fest durch ein kleines Kind dargestellt,

das in Felle gekleidet ist und ein Kreuz sowie ein Lamm trägt. Vor der

Kirche wird mit Raketen ein Freudenfeuer angezündet.]

Auch Italien kennt solche Brüderschaften, die zusammen mit der

Geistlichkeit, wenn irgendein heiliges Fest gefeiert wird, die Umzüge

begleiten und die Standbilder der Heiligen in der Stadt umhertragen.

Auch sie pflegen in ähnlicher Weise vom Kopf bis zu Fuß mit einem

schwarzen Domino nebst Kappe bekleidet zu sein. Nebenbei betätigen sie

sich meistens auch noch auf dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit,

begleiten unter anderem die Begräbnisse oder nehmen sich, wie die

Brüder der „Misericordia“ in Florenz, der auf der Straße Verunglückten

an (Abb. 386).

Himmelfahrtstag und Fronleichnam (Korpus-Christi-Tag) werden in allen

spanischen Städten gleichfalls aufs festlichste begangen. Der 1. und

2. November sind die Tage, an denen jeder Spanier dem Friedhof --

bienenwabenähnlich angeordnete Nischen in hohen Mauern, die die Särge

aufnehmen und dann zugemauert werden -- seinen Jahresbesuch abstattet

und Blumenschmuck sowie Totenkränze an den an der Außenwand dicht

nebeneinander angebrachten Tafeln aufhängt. Heiligabend und Weihnachten

bilden die letzten Festtage des an solchen überaus reichen spanischen

Jahres. Den ersteren feiert man auf den Straßen, den Weihnachtstag

selbst dagegen zu Hause. Am 24. Dezember begibt sich ganz Spanien auf

den Markt; die Erwachsenen holen ihren Vorrat an Puten, Backwerk und

Obst ein, der am anderen Tage zu Hause verzehrt wird, während die

Kinder von Reichen und Armen sich einen Nacimiento kaufen, das ist eine

Darstellung der Geburt Christi aus Pappe oder Terrakotta, die dann

beleuchtet wird. Tannenbäume, Weihnachtskrippen und Geschenke sind dem

spanischen Volke fremd. -- Italien dagegen kennt Weihnachtskrippen.

In Neapel kommen zur Weihnachtszeit ländliche Musikanten aus den

benachbarten Bergen zusammen und spielen vor den Krippen (Abb. 372 und

389).

[Illustration: Abb. 377. Palmsonntag in den Sabiner Bergen.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 167 / 203 题