(Gegend von Quimper). Zahlreiche, zum Teil prächtige Banner werden im
Zuge mitgeführt.]
Der religiöse Zug, der die Mehrzahl der Feste bei den romanischen
Völkern auszeichnet, beeinträchtigt keineswegs ihren Frohsinn;
besonders die Spanier sind wahre Vergnügungskünstler. Von Januar bis
Dezember werden überall im Lande zahlreiche +Ferias oder Fiestas+
gefeiert; von Nationalfesten allein besitzen sie wohl einige Dutzend.
Dem Neujahrstage wird nicht viel Bedeutung beigelegt; die erste große
Festlichkeit im neuen Jahre fällt vielmehr auf den 6. Januar. Die
höheren Kreise feiern diesen Tag nach althergebrachtem Brauch, indem
ihre Mitglieder sich gegenseitig besuchen und Karten austauschen,
während die Armen sich von den Anstrengungen des Vorabends erholen,
an dem sie die Ankunft der heiligen drei Könige erwarteten und sich
vergnügten. Der nationale Karneval erstreckt sich über mehrere
Februartage; die Bevölkerung des ganzen Landes feiert ihn auf der
Straße, läuft in Masken umher, hält in den Theatern glänzende Bälle
ab, wirft auf den Straßen Papierschlangen und Konfetti in ungeheuren
Mengen und vergnügt sich vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein.
-- Der +Sankt-José-Tag+ (19. März) ist immer ein wichtiges Ereignis,
denn dieser Heilige erfreut sich in ganz Spanien einer ungewöhnlichen
Volkstümlichkeit. Man schickt an diesem Tage Geschenke, die in Blumen,
Süßigkeiten und Karten bestehen, an Personen beiderlei Geschlechts,
die den Namen des Heiligen führen. In Valencia herrscht die Sitte,
am Sankt-José-Tage inmitten der Straßen Katafalke aus Leinwand und
Holz aufzubauen und auf diese Figuren zu stellen, die die wichtigsten
politischen Ereignisse des Jahres in scherzhafter Weise zur Darstellung
bringen (Abb. 382).
[Illustration:
Phot. The Farringdon Photo Company.
Abb. 375. Pilger küssen die Wand der Grotte zu Lourdes.
Im Vordergrunde rechts stehen zahlreiche Krücken, die von solchen, die
Heilung gefunden zu haben glaubten, zum Dank zurückgelassen wurden.]
Der +Palmsonntag+ (Abb. 377) gibt Veranlassung zu einer allgemeinen
religiösen Feier, ebenso zeichnen sich alle übrigen Tage der
+Karwoche+ durch eindrucksvolle Gottesdienste und Feierlichkeiten
(Abb. 384) aus. Alles trägt in diesen Tagen schwarze Gewänder. Jede
geschäftliche Tätigkeit außer der allernotwendigsten unterbleibt
am Karfreitag und auch am vorangehenden Donnerstag; der Handel in
den Straßen der großen Städte ist unterbrochen und ein feierliches
Schweigen liegt über dem ganzen Lande. Am Gründonnerstag wäscht die
Königin zur Erinnerung an die Fußwaschung der Jünger durch den Heiland
einigen Armen, die sich zu diesem Zwecke im Palast zu Madrid einfinden,
die Füße und macht am Nachmittag einen feierlichen Rundgang durch
die Kirchen der Stadt. Der Karfreitag ist in jeder spanischen Stadt
der Tag großartiger Umzüge (Abb. 383) durch die Straßen. Vielleicht
am berühmtesten von allen solchen Veranstaltungen in der ganzen Welt
sind die Umzüge von Sevilla (Abb. 380) wegen der großartigen Pracht,
die dabei entfaltet wird, und der Schönheit sowie Kostbarkeit der
sogenannten Pasos, geschnitzter Bildwerkgruppen, durch die einzelne
Ereignisse aus der Leidensgeschichte Christi dargestellt werden. Sie
werden unter großer Beteiligung von seiten der Mitglieder zahlreicher
Brüderschaften, Orden und Gilden, die in lange schwarze, braune oder
auch weiße Büßergewänder gehüllt und mit hohen Spitzmützen bedeckt
sind, durch die Straße getragen; jede Brüderschaft begleitet den ihr
gehörigen Paso. Das volkstümlichste Schauspiel nach dieser Richtung
bietet die Gilde der Zigarettenmacher, deren Mitglied der König ist,
und die Macarenos, die sich am Ostersonntag auf dem Stierkampfplatz in
ihrem profanen Berufe zeigen. Ihre Pasos, für gewöhnlich der eine den
gekreuzigten Christus, der andere die Mutter Gottes darstellend, werden
auf blumenbekränzten Sänften getragen; sie sind von terrassenförmig
aufsteigenden Kerzenreihen beleuchtet und von einem kostbaren Baldachin
aus schwarzem Samt überdacht.
[Illustration:
Phot. Clive Holland.
Abb. 376. Das Fürbittefest von Saint-Jean-du-Doigt.
Der Heilige wird an seinem Fest durch ein kleines Kind dargestellt,
das in Felle gekleidet ist und ein Kreuz sowie ein Lamm trägt. Vor der
Kirche wird mit Raketen ein Freudenfeuer angezündet.]
Auch Italien kennt solche Brüderschaften, die zusammen mit der
Geistlichkeit, wenn irgendein heiliges Fest gefeiert wird, die Umzüge
begleiten und die Standbilder der Heiligen in der Stadt umhertragen.
Auch sie pflegen in ähnlicher Weise vom Kopf bis zu Fuß mit einem
schwarzen Domino nebst Kappe bekleidet zu sein. Nebenbei betätigen sie
sich meistens auch noch auf dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit,
begleiten unter anderem die Begräbnisse oder nehmen sich, wie die
Brüder der „Misericordia“ in Florenz, der auf der Straße Verunglückten
an (Abb. 386).
Himmelfahrtstag und Fronleichnam (Korpus-Christi-Tag) werden in allen
spanischen Städten gleichfalls aufs festlichste begangen. Der 1. und
2. November sind die Tage, an denen jeder Spanier dem Friedhof --
bienenwabenähnlich angeordnete Nischen in hohen Mauern, die die Särge
aufnehmen und dann zugemauert werden -- seinen Jahresbesuch abstattet
und Blumenschmuck sowie Totenkränze an den an der Außenwand dicht
nebeneinander angebrachten Tafeln aufhängt. Heiligabend und Weihnachten
bilden die letzten Festtage des an solchen überaus reichen spanischen
Jahres. Den ersteren feiert man auf den Straßen, den Weihnachtstag
selbst dagegen zu Hause. Am 24. Dezember begibt sich ganz Spanien auf
den Markt; die Erwachsenen holen ihren Vorrat an Puten, Backwerk und
Obst ein, der am anderen Tage zu Hause verzehrt wird, während die
Kinder von Reichen und Armen sich einen Nacimiento kaufen, das ist eine
Darstellung der Geburt Christi aus Pappe oder Terrakotta, die dann
beleuchtet wird. Tannenbäume, Weihnachtskrippen und Geschenke sind dem
spanischen Volke fremd. -- Italien dagegen kennt Weihnachtskrippen.
In Neapel kommen zur Weihnachtszeit ländliche Musikanten aus den
benachbarten Bergen zusammen und spielen vor den Krippen (Abb. 372 und
389).
[Illustration: Abb. 377. Palmsonntag in den Sabiner Bergen.