Abb. 245. Musikanten der Quichuaindianer

(Pelechuco; Bolivia).]

[Illustration:

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 246. Geistermaske der Tekúnaindianer.

Sie wird auf Hochzeiten und bei anderen festlichen Gelegenheiten zum

Tanz getragen.]

Die südamerikanischen Indianer leben vielfach in +polygamer Ehe+.

Bei ihrer laxen sittlichen Auffassung pflegt +Untreue der Ehegatten+

keine seltene Erscheinung zu sein. Indessen gibt es doch Stämme, wie

zum Beispiel die Carayá, bei denen noch eine verhältnismäßig höhere

Lebensauffassung besteht. Verläßt hier ein Mann seine Frau oder jagt

er sie davon, dann ist er unter seinen Genossen geächtet und darf

nicht wieder heiraten. Bei den Coróado kommt es zu Raufereien zwischen

dem Verführer und dem betrogenen Ehemann; bleibt der erstere dabei

mutig und trägt er den Sieg davon, dann wird die von ihm Geliebte ohne

weiteres sein Weib; zieht er aber den kürzeren und muß er das Feld

räumen, dann kehrt die verführte Frau reumütig zu ihrem bisherigen

Gatten zurück.

Wir hörten bereits an anderer Stelle, daß die Indianer das +Entstehen

von Krankheiten+ dem Einflusse böser Geister zuschreiben und daß

demgemäß ihre Behandlung in Austreibung beziehungsweise Versöhnung

derselben besteht. Indessen werden gelegentlich auch die physikalischen

Heilmethoden angewendet; so massieren die Ashluslay den leidenden

Körperteil (Abb. 251). Ist die Krankheit eine epidemische und greift

sie schnell um sich, so daß die üblichen Mittel versagen, dann bleibt

nichts anderes übrig, als sich der Kranken zu entledigen, damit man

nicht selbst Gefahr laufe, von dem bösen Geist befallen zu werden. Dies

geschieht dadurch, daß man sie von den Gesunden trennt, indem man sie

entweder weit vom Dorfe fortträgt oder dieses seinerseits aufgibt und

auswandert.

[Illustration:

Phot. E. Nordenskjöld.

Abb. 247. Das „Fest des Kreuzes“ bei den christianisierten

Quichuaindianern.

Ein Knabe und ein Mädchen tragen hinter dem heiligen Kreuz

Papierlaternen her, von denen die eine die Sonne, die andere den Mond

darstellt -- offenbar Reste heidnischen Glaubens.]

[Illustration:

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 248. Jaguartanz der Káuaindianer.

Der Träger der Maske stellt einen Jaguar vor. Sie ist aus weißem Bast

angefertigt und mit schwarzen und roten Ringen bemalt. Ihr Träger ahmt

das Tier durch katzenartige Sprünge und einen heulenden Ton nach, den

er auf einem Rohr mit einem Topf als Resonanzboden erzeugt.]

Ist der Kranke +gestorben+, dann wird sein Geist ebenfalls gefürchtet,

da man annimmt, daß er gegen die Überlebenden tückisch gesinnt sei

und sie zu belästigen suche. Dieser Furcht entspringen eine Anzahl

abergläubischer Gebräuche bei der +Beisetzung+, die darauf ausgehen,

den Geist des Verstorbenen gut zu stimmen und seine Rückkehr zu

verhindern. Die Indianer können nicht glauben, daß mit dem Tode für

den Menschen alle irdische Freude ein Ende habe, sondern nehmen an,

daß das irdische Leben in einem Jenseits seinen Fortgang nehme, daß

also der Tote dort sein Wesen in ganz derselben Weise weiter treibe

wie hier auf Erden. Sie pflegen daher dem Heimgegangenen alles das ins

Grab mitzugeben, was zu seinen täglichen Lebensbedürfnissen gehörte,

auch etwas von seinem persönlichen Eigentum. Da nun für den Indianer

Jagd und Tanz das größte Vergnügen bedeuten, so begräbt man die Toten

mit ihren Waffen (Bogen, Pfeil, Keule und so weiter) und vollständigem

Schmuck, damit sie beides im Jenseits zur Hand haben; verstorbenen

Frauen werden Gegenstände des Haushalts, wie Krüge, Körbe und anderes

Hausgerät, mitgegeben. Um nicht die Rache des Toten auf sich zu ziehen,

eignet man sich auch nichts von seinem persönlichem Besitztum an;

was nicht ins Grab mitgegeben wird, macht man unbrauchbar. Auch die

Lieblingstiere folgen dem Verstorbenen vielfach nach. Früher war es

bei verschiedenen Stämmen Sitte, beim Tode eines großen Häuptlings ihm

seine Getreuen oder seine Dienerschaft, manchmal auch seine Frauen, ins

Grab mitzuschicken, und heutigestags soll es noch vorkommen, daß einer

Mutter ihr Säugling mitgegeben wird. An Speisen- und Getränkebeigaben

fehlt es auch wohl nie, denn auf seiner langen Reise ins Jenseits

darf der Verstorbene nicht Hunger oder Durst leiden. Würden die

Hinterbliebenen in dieser Hinsicht irgend etwas versäumen, so könnte

der Tote von der diesseitigen Welt nicht loskommen und würde seine

Rache an ihnen auslassen.

Die Furcht vor den Toten kommt auch in zahlreichen selbstauferlegten

Strafen, wie Fasten, Züchtigungen, Selbstverwundungen und

-verstümmelungen, zum Ausdruck, die die Überlebenden zum äußeren

Zeichen ihrer Trauer an sich vornehmen. Für gewöhnlich werden

+Entsagungen oder Selbstpeinigungen+ nur der Witwe oder dem Witwer

des Verstorbenen, seltener auch anderen Angehörigen zugemutet. Die

harmloseste der Selbstverstümmelungen ist das Abschneiden des Haares,

das allgemein üblich ist. Eine Witwe darf nicht eher wieder heiraten,

als bis ihr Haar seine frühere Länge zurückerlangt hat. Hat eine

Chiriguanofrau ihren Mann besonders liebgehabt, dann schneidet sie sich

das Haar zweimal ab. Während der ganzen Trauerzeit trägt die Witwe

keinen Schmuck, bleibt auch allen Festlichkeiten fern. Früher ging man

in La Plata in der Trauer um einen Verstorbenen weiter; man schnitt

sich jedesmal ein Fingerglied ab.

Die Furcht vor dem Geist eines Toten erstreckt sich auch auf alle

Dinge, die mit der Leiche in Berührung kamen, ja sogar auf die

Personen, die mit ihr zu tun hatten. Daher gelten auch alle, die an

der Begräbnisfeier teilnahmen, für unrein; sie haben die Pflicht, sich

zu reinigen, was meistens durch Baden geschieht. Die Hütte wird nicht

selten verbrannt, zum mindesten verlassen, unter Umständen auch in

wilder Hast das ganze Dorf aufgegeben.

Um den Toten möglichst an der Wiederkehr zu verhindern, werden eine

Reihe Vorkehrungen getroffen. Oft versucht man seinen Geist durch

Drohungen, Geschrei, den Lärm von Musikinstrumenten (Abb. 245),

Flintenschüsse und ähnliche Mittel einzuschüchtern, sowohl während des

Begräbnisses wie auch nach demselben. Das üblichste Lärmgerät ist das

uns schon von Australien her bekannte Schwirrholz, ein längliches,

flaches Stück Holz, das an einer Schnur geschwungen wird und einen

unheimlichen, summenden Ton von sich gibt. Wie anderwärts besteht auch

hier für die Frauen das strenge Verbot, ein Schwirrholz jemals zu

sehen; wer ein solches zu Gesicht bekommt, kann mit dem Tode bestraft

werden. Drollig ist die Art, wie man den Toten irreführen will, damit

er die Spur verliere. Die Araukaner in Chile gehen beim Verlassen

des Dorfes nach dem Tode eines Angehörigen kreuz und quer, damit der

Geist ihren Fährten nicht folgen könne. Wenn die Bororó den Korb

mit den Gebeinen eines kürzlich Verstorbenen aus dem Dorfe tragen,

um sie an einem entlegenen Orte zu begraben, läuft einer hinter den

Trägern her und zieht einen Palmzweig nach sich, damit alle Fußspuren

verwischt und es für den Geist des Toten unmöglich werde, nach Hause

zurückzufinden. Das wirksamste Mittel aber, um dem Toten die Rückkehr

unmöglich zu machen und sich so vor seiner Belästigung zu schützen,

besteht darin, daß man die Leiche festschnürt, so daß die Knie an das

Kinn und die Arme über die Brust gekreuzt zu liegen kommen, oder ihn in

einen Korb, ein großes Gefäß oder einen Trog einzwängt und die darauf

geworfene Erde eigens feststampft, oder daß man die Grabstätte mit

Steinen oder wuchtigen Holzkloben beschwert. Manche Stämme gehen in

ihrer Furcht vor dem Toten sogar so weit, daß sie es vermeiden, seinen

Namen auszusprechen und sich bemühen, jede Erinnerung an ihn aus ihrem

Gedächtnis zu verwischen. So darf zum Beispiel bei den Goajiro in

Kolumbia niemand in Gegenwart der Familie des Heimgegangenen dessen

Namen aussprechen. Hat jemand gegen dieses Gebot gefehlt, dann wird er

entweder sofort getötet oder muß eine schwere Strafe zahlen, die oft

in zwei oder drei Ochsen besteht. Verweigert er diese Buße, dann wird

ihm sein Vieh gewaltsam weggenommen. Im Gran Chaco ist es bei einigen

Stämmen Brauch, daß nach einem Todesfall alle Überlebenden den Namen

wechseln, damit der Geist nicht imstande sei, den herauszufinden, an

dem er vielleicht seinen Zorn auslassen möchte. -- Schließlich ist noch

die +Klage um den Toten+ ein Brauch, der bei vielen südamerikanischen

Stämmen vorkommt. Er steht offenbar in engem Zusammenhang mit den oben

geschilderten Schutzmaßregeln und ist stets unmittelbar mit etwaigen

sonstigen Begräbniszeremonien verbunden. Die Angehörigen pflegen das

Lob des Toten, im besonderen seine Heldentaten, in allen Tonarten zu

singen, durch Lieder und durch sonstige Vorträge; die Feier endet dann

meist mit lautem Weinen und Jammern. Bei den Coróado ziehen sich nur

die weiblichen Angehörigen nach dem Begräbnis in eine abseits gelegene

Hütte zurück, wo sie heftig weinend den Verlust betrauern.

[Illustration:

Phot. E. Nordenskjöld.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 120 / 203 题