Im großen und ganzen währt die Freiheit für die jungen Mädchen nicht
lange, denn im allgemeinen werden sie schon sehr früh verheiratet.
Koch-Grünberg sah unter den Indianerinnen von Britisch-Guyana elf-
bis zwölfjährige Weiber, die schon Mütter waren. Bei vielen Stämmen
besteht noch heutigestags die Sitte des +Frauenkaufs+, so bei den Toba,
gewissen Stämmen von Guyana, Kolumbia und einigen anderen. Der Vater
des Mädchens, um das der Jüngling wirbt, bestimmt den Preis; er besteht
für gewöhnlich aus einer gewissen Menge Vieh. Sobald der Jüngling diese
Summe glatt erlegt hat, erhält er die Frau, die mit diesem Augenblick
sein Eigentum wird. Eigenartig ist die +Werbung+ eines Chané- und
Chiriguanojünglings. Hat er ein Auge auf ein Mädchen geworfen, so
sendet er den Eltern allerlei Jagdbeute oder er trägt vor ihrem Hause
Holz als Geschenk zusammen. Nehmen sie es an und verwenden es, dann
bedeutet dies, daß die Eltern einverstanden sind; bleibt das Holz
aber unberührt, dann ersieht der junge Mann daraus, daß er abschlägig
beschieden werden würde, falls er des Mädchens wegen persönlich
anfragen sollte. Hat er mit seinem Geschenk Glück gehabt, dann hält er
bei der Mutter des Mädchens um dieses an. Sie antwortet ihm, daß sie ja
nicht wissen könne, ob er ein guter Mann und imstande sei, seine Frau
geziemend zu versorgen. Um dafür den Beweis zu erbringen, tritt er bei
seinen zukünftigen Schwiegereltern für ein ganzes Jahr in Dienst. Die
Ehe ist also auch hier eine Art Kaufehe. Übrigens begegnen wir bei den
verschiedensten Stämmen der Forderung, daß der Jüngling, bevor er die
Einwilligung seiner zukünftigen Schwiegereltern erhält, Proben dafür
beizubringen hat, daß er seine Frau auch zu ernähren, das heißt daß er
aus Jagd und Fischfang genügende Erträge zu erzielen vermag. Bringt er
reichliche Beute von seinen Zügen heim, dann zögert ein Jivarovater,
besonders wenn der Freier kräftig und besonders geschickt ist, nicht,
ihm wohl auch zwei oder drei seiner Töchter anzuvertrauen. Ist der
Bewerber willkommen, so bindet der künftige Schwiegervater um die
Arme des jungen Paares ein etwa zollbreites Baumwollband von brauner
Farbe, das das Mädchen selbst gewebt hat; der Bräutigam bohrt sich
zwischen Lippe und Kinn ein kleines Loch, in das er einen Zierat aus
bunten Federn steckt, und bietet seiner Versprochenen ein Tarachi
(Stück baumwollenen Stoffes zu einem Kleid) und einige andere weibliche
Schmucksachen an. Das Paar malt sich schließlich noch an und putzt sich
aus, so gut es kann. Ein alter Mann des Stammes, der anscheinend das
Amt des Priesters versieht, gibt ihm noch einen Tabakaufguß zu trinken;
die Feierlichkeit endigt mit einem Tanz, Gesängen und einem Zechgelage
von zwei bis drei Tagen. Es ist dies die einzige Gelegenheit, bei der
Männlein und Weiblein zusammen tanzen. Bevor der junge Mann heiratet,
hat er noch ein Stück Boden urbar zu machen, Bananen oder Yukka
anzupflanzen sowie eine Hütte zu bauen und einzurichten. In der Ehe hat
er dann nur nötig, durch Jagd oder Fischerei für den Lebensunterhalt zu
sorgen.
[Illustration:
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 243. Eulentanz der Káuaindianer.
Der Tänzer bewegt sich ähnlich einer Eule in kurzen Sätzen von Baum zu
Baum, wobei er den Eulenruf nachzuahmen sucht.]
[Illustration:
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 244. Schmetterlingstanz bei den Kobéua- und Káuaindianern.