Auch die jungen Burschen müssen sich strengen Mutproben unterziehen,
wenn sie die Berechtigung erlangen wollen, als Männer anerkannt zu
werden. Bei vielen Stämmen ist damit die Aufnahme in einen geheimen
Männerbund verknüpft. Bei den Taulipang zum Beispiel bekommen alle
Knaben zu dieser Zeit von dem Stammesältesten, vielfach dem eigenen
Großvater, eine Tracht Prügel und müssen ein ganzes Jahr lang eine
streng geregelte Ernährungsweise beobachten. Außerdem bringt ihnen der
betreffende Alte an verschiedenen Körperstellen Schnittwunden bei, die
er mit mancherlei Pflanzensäften einreibt, angeblich, damit der Knabe
mit Pfeil, Bogen und Blasrohr auf der Jagd oder beim Fischen Erfolg
habe. Zu demselben Zweck wird dem Jüngling ein Stück Palmfaser, das in
dieselben Säfte eingetaucht wurde, einmal hin und her durch die Nase
gezogen. Schließlich muß er sich noch dem Gottesurteil unterwerfen
und sich von Ameisen am ganzen Körper beißen lassen. Besonders schwer
haben die Oyanaknaben an dieser „Ameisenprobe“ zu leiden. Sie werden
in dem Grade von den Tieren gequält, daß sie meistens ohnmächtig
zusammenbrechen und bewußtlos in ihre Hängematte getragen werden
müssen, wo sie dann für ein bis zwei Wochen mit Schnüren festgebunden
werden, während noch obendrein ein Feuer unter ihnen unterhalten wird.
Die ganze Zeit über dürfen sie auch nur eine kleine Sorte geräucherten
Fisch und Maniokbrot essen, aber trotz der großen Hitze kein Wasser
zu sich nehmen. Der Quälerei folgt ein großes, mehrere Tage dauerndes
Tanzfest, bei dem die Gäste auch wieder in Masken gekleidet erscheinen
und einen umfangreichen Kopfputz tragen; die Knaben werden hier wieder
geschlagen. Allgemein ist es Vorschrift, daß die so behandelten
Knaben -- die „Ameisenprobe“ (auch Wespen werden verwendet) ist sehr
gebräuchlich unter verschiedenen Stämmen Brasiliens -- während des
ganzen Vorgangs keinen Laut der Klage oder des Schmerzes von sich
geben. Wer es doch tut, muß bei der nächsten Gelegenheit das ganze
Verfahren noch einmal über sich ergehen lassen.
[Illustration:
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 239. Maskentanz der Kobéuaindianer vom Rio Cuduiary (Ostkolumbien).