[Illustration:
Phot. George Wharton James.
Abb. 166. Die Teilnehmer an einem Schlangentanz bei den Hopi
(Schlangen- und Antilopenmänner).
Sie haben Schlangenpeitschen aus Adlerfedern und Gebetstöcke
(Bahos) in der Hand; am Knie tragen sie Rasseln aus Tierhufen oder
Schildkrötenschalen. Die Zeichen, mit denen sie auf dem Körper bemalt
sind, haben ebenso wie die Muster des Schurzes symbolische Bedeutung.]
Das übrige Nordamerika.
Die +nordamerikanischen Indianer+ bilden eine auffallend gleichmäßige
Völkermasse im Vergleich zu den verschiedenen Völkern von ähnlich
großer Ausdehnung in der Alten Welt. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit
nach die Nachkommen von Vertretern einer Verschmelzung aufeinander
folgender +Einwanderungswellen+, die in sicherlich sehr weit
zurückliegender Zeit +teils von Asien, teils von Europa her+ auf
früher in größerer Ausdehnung vorhandenen Verbindungsbrücken -- in der
Miozän- und Pliozänzeit stand Nordamerika mit beiden Erdteilen noch
in festem Zusammenhang -- dorthin gelangten. Diese Einwanderung muß
schon stattgefunden haben, bevor der Mensch die Metalle bearbeiten
gelernt hatte; dies ergibt sich daraus, daß, als Kolumbus ankam, die
meisten Stämme noch im Steinzeitalter lebten, nur ein paar von den
weiter fortgeschrittenen, wie die Mexikaner und Peruaner, es bis zur
Verwendung von Bronze gebracht hatten. Auch hatte der Mensch zur Zeit
jener Einwanderung noch nicht viel auf dem Gebiete der Tierzähmung
getan, da die Nachfolger des Kolumbus in Nordamerika einzig den Hund
als Haustier antrafen; schließlich konnte der Mensch damals auch
noch nicht angefangen haben, Ackerbau zu treiben, da feststeht,
daß jene Einwanderer noch keine Kulturpflanzen aus der Alten Welt
mitbrachten, sondern erst später eine einheimische Pflanze, den Mais
(aus Zentralamerika), für ihr tägliches Brot zu bauen begannen.
Dementsprechend können die ersten Ankömmlinge in Amerika sich erst
auf der Stufe der paläolithischen Jäger und Fischer der Eisperiode
befunden, möglicherweise einer der Zwischeneiszeiten angehört haben.
Die bisherigen Ausgrabungen stehen im Einklang mit dieser Annahme:
sie haben ergeben, daß das +Vorhandensein des Menschen in Nordamerika
bis in die warme Interglazialzeit+ zurückreicht, die anscheinend
mit dem gleichen Zeitraum in Europa zusammengefallen ist. Für die
Tertiärzeit ist der Mensch in Amerika noch nicht nachgewiesen. Als er
hier erschien, müssen sich die Sprachen noch in einem so wandelbaren
Zustande befunden haben, daß sie sich leicht spalten konnten. Der
Ethnograph J. W. Powel hat allein nördlich von Mexiko achtundfünfzig
getrennte Sprachgruppen unterschieden, die sich wiederum in unzählige
verschiedene Dialekte teilen. -- Für Südamerika weisen verschiedene
Anzeichen darauf hin, daß hier auch noch von der Südsee her eine
Einwanderung erfolgt sein muß. Die Forschungen hierüber befinden sich
noch ganz im Anfangstadium.
[Illustration: Abb. 167. Ein Indianerhäuptling mit seinem
charakteristischen Federkopfputz.]
Aus diesen europäischen und asiatischen Einwanderern hat sich im
Laufe der Zeiten unter dem Einfluß der veränderten Umgebung und der
Abgeschlossenheit ein besonderer Menschenschlag entwickelt, den wir als
Indianer oder (wegen der roten Körperbemalung) als Rothäute bezeichnen.
Er ist in seinen Grundzügen, wie schon gesagt, ganz einheitlich, zeigt
aber in einigen Einzelheiten, im besonderen in der Körpergröße und der
Schädelform, große Mannigfaltigkeit. Entsprechend ihrer verschiedenen
Zusammensetzung erinnert der +Typus der Indianer+ sehr an den der
Mongolen, unterscheidet sich von ihm aber auch wieder durch die größere
und kräftig vorspringende Nase, das größere Auge mit nur schwacher
oder gänzlich fehlender Schrägstellung der Lidspalte und das braune
Haar. Auf der anderen Seite aber lassen sich auch wieder Anklänge
an den europäischen Typus nicht ableugnen, wie die Gesichtsbildung,
im besonderen die kräftig gebogene Adlernase, die Körpergröße und
manches andere. Die Indianer (Abb. 167 und 168) sind im allgemeinen von
übermittelgroßer, kräftiger, ebenmäßiger Gestalt, die hier und da wohl
sehr niedrig (Pueblos), aber auch wieder ausnehmend hoch (Irokesen,
Patagonier) ausfallen kann. Ihre Hautfarbe ist kein Rot, wie Laien
fälschlich annehmen, sondern ein rötliches ober gelbliches Braun; es
kommen dabei alle Schattierungen von Schwarzbraun bis zum Hellbraun
vor. Das Kopfhaar ist grob, straff, schwarz mit bräunlichem Glanze,
oft sehr lang (auch beim männlichen Geschlecht). Am übrigen Körper
wie auch im Gesicht ist das Haarsystem spärlich entwickelt; der Bart
wird übrigens meistens entfernt (Abb. 169). Die Schädelform ist im
allgemeinen kurzköpfig, es kommen aber auch langköpfige Stämme vor. Die
Stirn ist gut gewölbt, das Gesicht breit, oval oder rund. Die Augen
sind stets schwarz und liegen tief. Die Nase ist durchweg groß und
vortretend, ihr Rücken gerade oder gebogen (Adlernase).
Die nordamerikanischen Indianer lassen sich in wirtschaftlicher
Hinsicht in drei Gruppen unterscheiden. Die meisten von ihnen stehen
auf der Stufe der Hackbauern, sind daher seßhaft und besitzen
wohlangelegte Häuser. Eine zweite Gruppe, die Prärieindianer -- die
bekanntesten die Sioux --, liegen hauptsächlich der Jagd (auf Büffel,
Elch, Biber und Hirsch) ob, sind daher stets auf der Wanderschaft
begriffen und führen ihre Behausung in Form eines zerlegbaren Zeltes
aus Fellen mit sich (Abb. 170 und 171). Die dritte Gruppe endlich
bilden die Indianer Kaliforniens und Oregons; sie stehen alle noch auf
recht niedriger Stufe. Sie verfügen zum Teil wohl schon über feste
Häuser (Rundbauten), zum Teil nur über Windschirme. Ihre Nahrung
beziehen sie durch Einsammeln von Pflanzen und Früchten (im besonderen
Eicheln). Unter den Prärieindianern stand früher die Lederbereitung in
Blüte; dementsprechend bestand auch ihre Kleidung ausschließlich aus
diesem Stoffe, den bekannten Leggins (Beinfutteralen), den Mokassins
(Schuhen), einem Ärmelwams und einem großen Mantel aus Büffelfell (Abb.
172). Die meisten Indianer kleiden sich heute bereits nach Europäerart.
[Illustration:
Phot. Reinhold & Thiele.
Abb. 168. Ein Tschimschianhäuptling vom Skeenariver
(Britisch-Kolumbien) in Festtracht.
Die große Maske zu seiner Linken stellt Lthwogie, den Räuber unartiger
Kinder, dar.]
Die Pueblos weisen eine ganz besondere Kultur auf, für die unter
anderem die Bauart ihrer Siedelungen bezeichnend ist. Es sind dies die
sogenannten Dorfhäuser auf isolierten Plateaus (Abbildung 173) oder
auch in der Ebene, die einen ganzen Stamm beherbergen (deswegen Pueblos
genannt) und daher aus zahlreichen einzelnen Zellen sich terrassenartig
und gleichzeitig reihenweise über-, neben- und untereinander aufbauen;
der Zugang zu ihnen ist nur auf Leitern möglich. Die Pueblos betreiben
Ackerbau; einige Stämme verfügen über eine hochentwickelte Fertigkeit
auf dem Gebiete der Flechtkunst, Weberei und Keramik (Hopi) (Abb. 174
und 175). Eigenartig ist das Verfahren der Puebloindianerinnen beim
Frisieren des Haares (Abbildung 176 und 177).
Die nordamerikanischen Indianer +glauben+, sofern sie nicht zum
Christentum übergetreten sind (Abb. 178 und 179), +an eine Welt
von Geistern+, die der durch die fünf Sinne sich offenbarenden
materiellen Welt nach ihrer Meinung übergeordnet ist. Die Geister
(Abb. 180) befinden sich überall: in der Erde, in der Luft, im Feuer
und im Wasser, wie überhaupt in allem, was von diesen vier Elementen
umschlossen ist. Townshend führt hierfür eine interessante Beobachtung
an. Er versuchte einmal einem Navajo einen neuen Bogen, den dieser
sich selbst angefertigt und bereits zu einem glücklichen Schuß auf
einen Hirsch benutzt hatte, abzukaufen, erhielt aber eine abschlägige
Antwort. Der Indianer wollte ihn auf keinen Fall abgeben, denn, wie
er sagte, besitze sein neuer Bogen, obwohl seiner Hände Werk, jetzt
einen eigenen Geist, und der erste Schuß habe ihm bewiesen, daß dieser
ihm freundlich gesinnt sei; daher getraue er sich nicht, sich von dem
Bogen zu trennen. Dieser Mann erkannte wohl die guten Eigenschaften
des Bogens, wie seine gelungene Form, die Straffheit seiner Sehne und
die Dehnbarkeit an, dachte sich aber dahinter in dem Bogen ein Wesen
mit einem, seinem eigenen ähnlichen Empfinden, das imstande und auch
gewillt sei, ihm auf der Jagd zu helfen und unter Umständen zu schaden.
In ähnlicher Weise denken sich die Indianer die ganze Welt um sich her
von unzähligen Geistern bevölkert, deren Verhalten gegen sie von ganz
unberechenbarer Bedeutung sei.
[Illustration:
Phot. _Dr._ W. R. Shufeldt.
Abb. 169. Paul Showeway, Häuptling der Cayusen.
Die Cayusen sind ein kleiner, aber tapferer Stamm der Oregonindianer,
der jetzt größtenteils in die Nez Percés und Wallawallas aufgegangen
ist.]
[Illustration:
Phot. Wm. Rau, Philadelphia.
Abb. 170. Indianisches Zeltlager.
Zum Fortschaffen der Lasten dient eine eigenartige Vorrichtung: zwei
sich vor dem Sattel des Pferdes kreuzende lange Stangen laufen an den
Seiten des Tieres entlang und sind an ihrem hinteren Ende mit einer aus
Querhölzern gebildeten Trage versehen.]
[Illustration:
Phot. The Exclusive News Agency.
Abb. 171. Zelte der Schwarzfußindianer.
Sie wurden früher aus Büffelfellen, jetzt aus Stoff hergestellt;
die Spitzen der Zelte sind von dem aus ihnen aufsteigenden Rauch
geschwärzt. Auf dem Bilde bewegt sich zwischen den Zelten hindurch ein
Trauerzug.]
Die Algonkinsprache besitzt ein Wort manito oder manitou, das man oft
als eine verallgemeinernde Bezeichnung anwendet, um damit die Summe der
geheimnisvollen Mächte hinter der sinnlichen Welt auszudrücken. Kitchi
Manitou oder +großer Geist+ faßt man dann gleichsam als gleichbedeutend
mit Gott auf. Inwieweit dieser Gedanke an einen großen Geist, der
alle übrigen in sich einschließt, auf christliche Lehren, die die
Missionare im Lauf der Jahrhunderte übermittelten, zurückzuführen ist,
läßt sich schwer sagen. Die Vorstellung von einem großen Geist ist
aber zweifellos unter den Indianern weitverbreitet, und je höher ein
Stamm entwickelt ist, um so deutlicher tritt sie in die Erscheinung.
Doch gilt dieser große Geist nicht immer für so gütig, wie er mächtig
ist. Die Sioux- und Foxindianer schildern Kitchi Manitou in ihrer
großartigen Schöpfungssage als ein Wesen, das seine Kinder erschlagen
ließ aus Furcht vor ihrer Rivalität und zur Strafe dafür in eine
Indianerhütte an der Küste des Weißen Stromes am Firmament (unsere
Milchstraße) verbannt wurde. Sein ihn überlebender Sohn Wi-sa-kae
machte die üblichen Abenteuer eines Kultheros durch: er versuchte auf
den Flügeln des Bussards, der damals so bunte Farben wie ein Papagei
trug, zu seinem ihm befreundeten Ahn, der Sonne, aufzufliegen. Der
hinterlistige Bussard glitt aber unter ihm weg, und der Held fiel auf
die Erde, wobei er nur mit knapper Not der Gefahr entging, in Stücke
zerschlagen zu werden. Zur Strafe wurde das ganze Bussardvolk dazu
verurteilt, Erdarbeiten zu verrichten, um die Erde für die Menschen,
die Wi-sa-kae zu erschaffen gedachte, vorzubereiten. Auch haben von der
Zeit an die Bussarde ihre prächtigen Farben verloren und sind dem Haß
und der Verachtung der Menschen preisgegeben. Darauf schuf Wi-sa-kae
aus roter Erde die Menschheit, lehrte sie allerlei Künste und Tänze
und machte sie mit der Jagd und dem Maisbau bekannt, überhaupt mit
allem, was zu ihrem Glück nötig war. Als er dies alles getan hatte,
sagte er den Menschen lebewohl und teilte ihnen zugleich mit, daß
er nach dem Norden gehe und in Eis und Schnee sich eine Hütte bauen
wolle; er werde sie aber alljährlich beim ersten Schneefall wieder
besuchen und eines Tages in seiner eigenen Gestalt, doch in Jugend
und Schönheit, wieder vor ihnen erscheinen, um die Menschen dann in
das glückliche Land im Westen zu führen, wo sein Bruder über die
Geister ihrer Ahnen regiere; darauf werde er selbst wieder umkehren
und die Welt, aus der er sie fortgeleitet hätte, zerstören. Diese
Erwartung der Wiederkunft des Helden besteht bei den Indianerstämmen
fast durchweg. Wie man in Europa während des Mittelalters von der
Wiederkehr des Königs Artus, Karls des Großen und Barbarossas träumte,
so erhofft der Indianer Nordamerikas fast täglich das Wiedererscheinen
des Wi-sa-kae. Townshend beobachtete, wie die Pueblos jeden Morgen,
in ihre Decken gehüllt, auf den flachen Dächern ihrer Häuser standen
und Ausguck nach Osten hielten, von wo sie den Messias, der von ihnen
gegangen, zurückerwarteten. Von Peru, Yukatan und Mexiko an bis zu den
Jagdgründen des weiten Nordens warten die Indianer auf die Wiederkehr
ihres halbgöttlichen Heros, der sie die Künste des Friedens und des
Krieges lehrte. Nicht immer aber wird dieser Held für so wohlwollend
und gerecht gehalten, wie die Sioux den ihrigen hinstellen; die
Indianer schufen sich eben ihre Götter nach ihrem eigenen Ebenbild,
und so war ihr Held nur zu oft mit denselben Tugenden und Lastern
ausgestattet wie die Indianer selbst.
[Illustration:
Nach einem Gemälde von F. Seth.
Die Flötenzeremonie oder Lenya der Hopi-Indianer.
Diese ganz verwickelte heilige Handlung nimmt neun Tage in Anspruch,
deren letzter Tihune heißt, und wird in Walpi sowie in vier anderen
Bezirken der Hopi begangen.]
[Illustration:
Phot. M. A. Owen.
Abb. 172. Sioux auf dem Wege zum Sonnentanz, der im Frühjahr
stattfindet.
Bei dieser Gelegenheit werden die Gelübde erfüllt, die die Männer
zu Kriegszeiten, die Weiber in Krankheitsfällen getan haben. Die
Friedenspfeife macht die Runde, die Häuptlinge geben weise Ratschläge,
und Medizinweiber fasten und beten für das Gemeinwohl.]
[Illustration:
Phot. R. B. Townshend.
Abb. 173. Walpi, der Ort des Schlangentanzes der Hopi,
am Ende einer schmalen Sandsteinklippe, die sich 600 Fuß über die Ebene
erhebt.]
Selbstverständlich hat kein Stamm seine Überlieferungen unverändert
zu erhalten vermocht; da sie von Geschlecht zu Geschlecht sich
vererbten, ist manches vergessen oder falsch verstanden worden, und da
auch die Lebensweise der Menschen sich manchmal änderte, so hielten
die übernatürlichen Wesen damit Schritt und paßten sich den neuen
Forderungen an, indem auch sie sich änderten. Die Navajo zum Beispiel,
ein unstetes Hirtenvolk, haben keinen Oberhäuptling und denken sich
ihre Geisterwelt ebenso demokratisch, wie sie selbst es sind. Sie
glauben daher an viele mächtige Geister, die von ihnen versöhnt werden
müssen, kennen aber kein höheres Wesen, das die übrigen beherrscht.
Interessant ist es, daß der bedeutendste dieser Geister, Estsanatlehi,
das heißt „die Frau, die jung ist“, als weiblichen Geschlechtes gilt.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß man diese Vorstellung der Natur
entnommen hat, die gegen Ende des Jahres alt wird und sich in jedem
Frühjahr verjüngt. Dieser Geist, der auch unter dem Namen Whailahay
bekannt ist, gilt für das höchste Wesen in der Welt der Abgeschiedenen,
wo es die Flußübergänge bewacht, die überschritten werden müssen,
um zu den glücklichen Jagdgründen oder Weideplätzen der Geister zu
gelangen. Whailahay nimmt sich ihres Geschlechtes sehr an: ein Navajo,
der bei Lebzeiten seine Frau mißhandelt hat, findet schwerlich Gnade
vor ihr, wenn er den Fluß, der zum Paradies seines Stammes führt,
überschreiten will. So kommt es, daß die Frauen der Navajo ganz im
Gegensatz zu denjenigen anderer Stämme, die gewissermaßen nichts sind
als geduldige Arbeitstiere, sich in hohem Grade am öffentlichen Leben
beteiligen.
Welcher Art oder welchen Geschlechtes die Geister auch sein mögen, um
deren Gunst sich die Indianer bemühen, alle müssen von ihnen in erster
Linie durch besondere feierliche Handlungen, vor allem +Tänze+ (Abb.
182), besänftigt werden. Vor einem solchen Zeremonialtanz unterziehen
sie sich gewöhnlich einer Läuterung, entweder durch längeren
Aufenthalt in einem Schwitzhaus oder durch Fasten; danach erscheinen
sie entkleidet und bemalt, mit Masken und Perlen geschmückt, sowie
mit Fuchsschwänzen und grünen Girlanden behängt, tanzen in langsamem,
feierlichem Reigen und rufen die Geister an, daß sie ihnen Sonnenschein
oder Regen, Fruchtbarkeit oder erfolgreiche Jagd gewähren. Die Pueblos
und unter ihnen namentlich die Hopi pflegen Tänze, meist Maskentänze
(Abb. 181, 183, 184, 185 und 188 sowie die farbige Kunstbeilage)
aufzuführen, um sich die Hilfe ihrer Stammesahnen zu sichern; Maismehl
oder Blütenstaub wird verstreut, wenn es sich darum handelt, die
Erntegeister anzugehen. Menschenopfer werden wohl nur noch äußerst
selten dargebracht. Von den Pawnees wird berichtet, daß sie vier Tage
und ebensoviel Nächte tanzten, bevor sie ihrem höchsten Geist, Triava,
Menschen opferten, um Kriegsglück und eine gute Ernte von ihm zu
erlangen.
[Illustration:
Phot. George Wharton James.
Abb. 174. Inneres eines Pueblohauses.
Es birgt Körbe mit Feldfrüchten, schön verzierte Wasserkrüge sowie eine
Kornmühle, an der die Frau im Hintergrunde gerade beschäftigt ist. An
der Wand hängt ein hausgewebter Sack mit symbolischen Zeichnungen.]
Tänze sind indessen nicht die einzigen religiösen Handlungen, mit
denen die Indianer sich ihren höheren Mächten nähern. Die +Navajo+ zum
Beispiel tanzen wenig, sie lassen dafür ihre Priester +Gebete+ an die
Götter richten und fromme +Lieder+ dazu +singen+, auch ihnen Perlen-
oder Federschmuck sowie Zigaretten +opfern+, die sie mit feststehenden
Mustern bemalen. Ihre eigenartigste Anbetung besteht jedoch in der
+Herstellung heiliger Bilder im Sande+, den sie auf dem Boden ihrer
Medizinhütten ausbreiten. In ihm stellen sie Götterbildnisse nach
überlieferten Mustern dar, indem sie Pulver verschiedener Färbung auf
den glatten Sand streuen. Außerdem wird als Opfergabe noch Blütenstaub
oder Maismehl über diese Figuren gestreut. In Krankheitsfällen
werden Prisen des heiligen Sandes als Medizin verabreicht, bei einem
lahmen Fuß zum Beispiel etwas von dem die Füße bildenden Sande, bei
Kopfschmerz Sand vom Haupte des Gottesbildes und so weiter. Was dann
von dem Bilde noch übrig bleibt, wird hinausgefegt.
Die Puebloindianer blasen bei ihren gottesdienstlichen Handlungen
Daunenbläschen in die Luft, damit diese zusammen mit ihren Gebeten in
die Höhe steigen.
[Illustration:
Phot. C. C. Pierce.
Abb. 175. Puebloindianerin.
Sie trägt eine Olla auf dem Kopfe, ein etwa vierzig Pfund schweres
poröses Wassergefäß einheimischer Herkunft; der wollene Rock und die
Mokassins aus Buckskin sind gleichfalls einheimische Arbeit, während
die baumwollene Bluse und das Kopftuch Industrieerzeugnisse sind.]
[Illustration:
Phot. George Wharton James.
Abb. 176. Ein Hopimädchen, kenntlich an den runden Haarwülsten,
den Abzeichen der Jungfräulichkeit, zu beiden Seiten des Kopfes, mit
ihrer Mutter, die als verheiratete Frau das Kopfhaar in langen Flechten
trägt.]
Die Hopi führen einen besonders interessanten Tanz auf, den
+Schlangentanz+. Er findet im August statt und dauert jedesmal neun
Tage; die Hauptstätte dafür ist Walpi (Abb. 173 und 186). Seine
Teilnehmer sind Mitglieder der Brüderschaften der Schlange und der
Antilope, die offenbar aus früheren Familientclans hervorgegangen
sind und sich zu diesen umfangreichen Gemeinschaften entwickelt
haben. Die Priester werden in den Kiwas oder heiligen Kammern zu der
ihnen zufallenden Arbeit geweiht; es sind dies Räume, die aus dem
Sandsteinfelsen herausgehauen wurden und nur von oben her, mit Hilfe
einer Falltür oder Leiter (Abb. 187), Zutritt gestatten. Adlerfedern,
Wiesel- und Stinktierfelle schmücken die oberste Sprosse der Leiter.
Man schafft bunten Sand in die Kiwas, der, ähnlich wie bei den Navajo,
in einem kunstvollen Mosaik von überlieferten Mustern und religiöser
Bedeutung zu Altären und Bildnissen verarbeitet wird (Abb. 189). Um
die derart errichteten Altäre werden heilige Abzeichen und Fetische
aufgestellt. Ferner wird ein Zaubertrank aus Kräutern, Honig und
Kornblütenstaub zurechtgebraut und eine geweihte Pfeife mit großer
Feierlichkeit nach den sechs Himmelsrichtungen zu geraucht. Die Hopi
zählen deren nämlich sechs: Nordwesten, Südwesten, Südosten, Nordosten,
Zenith und Nadir; jeder dieser Richtungen ist eine besondere Farbe
und Gottheit zugeteilt. Die Festlichkeiten (Abb. 190 und 191) werden
mit der Jagd auf Schlangen eingeleitet. Bei ihrem Beginn treten die
Schlangenpriester, nur mit einem Lendenschurz und Mokassins bekleidet,
mit aufgelöstem Kopfhaar hervor; sie sind mit einem Schlangenbüschel
(Abb. 166), das aus einer oder zwei Adlerfedern an einem Griffe
besteht, einem langen Stock zum Graben oder einer Hacke und einem
Lederbeutel ausgerüstet. Jede Schlange, ausgenommen Wasserschlangen,
wird von ihnen aufgestöbert. Treffen sie auf eine giftige, dann
fahren sie mit dem Schlangenbüschel über sie hin; dies scheint eine
Art hypnotischer Wirkung auf das Tier auszuüben, denn es verhält sich
daraufhin ruhig. Nun ergreifen sie mit der einen Hand die Schlange
beim Genick, oder, falls dies nicht möglich ist, beim Schwanz, lassen
die andere Hand rasch bis zum Halse gleiten und stecken sie in den
Beutel. Sind die Beutel gefüllt, dann bringen die Priester sie nach
der Kiwa, wo geschickte Hände die Schlangen in große irdene Gefäße
legen. Hier verbleiben sie für den Rest der Festtage; sie werden von
den Priestern in einem heiligen Wasser gebadet, in heiligem Maismehl
gerollt und zusammen mit den Fetischen in dem Sandmosaik des Altars
gewälzt. Eine große Rolle spielen bei den Feierlichkeiten noch die
+Bahos+ oder Gebetstäbchen. Es sind dies lebhaft gefärbte, befiederte
Stäbchen oder Brettchen von verschiedener Länge (wenige Zentimeter bis
zu einem halben Meter, je nach ihrer Aufgabe), die man allenthalben,
vielfach in Gruppen zusammengestellt, bald in der Nähe der Dörfer, bald
auf freiem Felde, in Felsspalten oder im Triebsande antrifft; die Bahos
sind von großer Bedeutung im Leben der Pueblos. Am häufigsten trifft
man sie in nächster Nähe der Niederlassungen an, wo sie auf einem bis
zu etwa einem Meter hohen Aufbau, einer Art Altar, neben Opfern der
üblichen Art, darunter Flußgeröll, absonderlich geformte Steinknollen,
Bruchstücke versteinerten Holzes sowie abgenutzte und zerschlagene
Steingeräte, liegen. In weiterer Entfernung von den Dörfern finden sich
die Bahos in Felsnischen aufgestellt. Die Bahos sind, wie gesagt, aus
bestimmten Holzarten hergestellte Stäbchen oder Brettchen, die man mit
bunten Farben anmalt und mit gewissen Kräutern, Vogelfedern, Baumwolle
und mit einem mit Mehl oder Honig zur Nahrung des Baho angefüllten
Maisblattsäckchen besteckt. Die Anfertigung geht unter bestimmten
Förmlichkeiten (Rauchen vor und nach der Herstellung, Sprechen von
Gebeten) vor sich. Diese Gebetstäbchen sollen eine Vereinigung von
Symbolen darstellen, deren Deutung im einzelnen vielfach unsicher
ist, und, nachdem sie geweiht sind, vermittelnd zwischen Gläubigen
und Göttern wirken. Das Wesen des Baho ist einmal eine Bekräftigung
oder Verkörperung des mündlichen Gebets, weiter aber auch ein
symbolisches Gebet und schließlich noch eine Huldigung für die Götter
beziehungsweise ein Opfer für sie. Oft werden zwei Bahos aneinander
gebunden, sie sind dann das Sinnbild von Mann und Frau.
Während des Schlangentanzes der Hopiindianer nun werden solche
Gebetstöcke auf dem Altar aufgestellt und hierauf während der ganzen
neun Tage beständig Gebete gesprochen und andere feierliche Handlungen
vorgenommen. Priester und Schlangen leben Tag und Nacht in der Kiwa
zusammen. Am sechsten Tage wird in der Kiwa der Antilopengemeinde ein
Mysterium über den Ursprung der Schlangenbrüderschaft aufgeführt. Zu
diesem Zwecke werden ein junger Mann der Schlangen- und eine junge Frau
der Antilopenbrüderschaft auserwählt und besonders ausgeputzt; der
letzteren wird ein geweihtes Kornabzeichen in die Hand gegeben. Beide
stellen sich vor dem Altar auf. Der Antilopenhäuptling eröffnet die
feierliche Handlung mit einem Gebet, in dem er um reichlichen Regen
für die Saat und um eine gute Ernte fleht. Hierauf werden sechzehn
überlieferte Gesänge vorgetragen, die zum Thema die Legende von der
Entstehung des Schlangenclans haben. Dieser zufolge ging vorzeiten
eines Tages ein Hopijüngling mit Namen Tiyo bis an den Rand des Grand
Cañon und sah dort die brausenden Gewässer des großen Koloradoflusses.
Er baute sich eine Arche und fuhr den Fluß hinab, bis er zum Salzsee
kam und in diesem auf einer Insel landete. Hier begegnete ihm die
Spinnenfrau (die gleichzeitig auch die Erdgöttin ist); sie war sehr
freundlich zu ihm und führte ihn auf einer Regenbogenbrücke über den
See in ein anderes Land und hier wieder in eine Schlangenkiwa. Dort
hingen Schlangenhäute an der Wand, und die Menschen waren ganz ebenso
wie Tiyo selbst Rothäute. Als er dann aber aufgefordert wurde, sich
umzusehen, da waren diese Menschen auf einmal mit den Schlangenhäuten
angetan und glichen Schlangen. Die Spinnenfrau war unserem Helden nun
behilflich, diesen Schlangen ein Mädchen namens Teuamana als Braut
für ihn abzugewinnen und beiden die Heimkehr zu erleichtern. Aber
erst nach vielen Abenteuern kam das Paar wohlbehalten in der Heimat
des Hopijünglings an. Diesem Paar nun ist der Schlangenclan der Hopi
entsprungen, und darum können die Leute ohne Furcht mit den wilden
Schlangen als mit ihren Brüdern umgehen und sie dazu bewegen, ihre
Gebete um Regen in die Geisterwelt zu tragen.
[Illustration:
Phot. _Dr._ N. Leon.
Abb. 177. Zapotekenfrau.
Die Zapoteken bildeten vor der Zeit des Kolumbus ein mächtiges Volk von
hoher Kultur; heutzutage kommen sie noch ziemlich zahlreich in Oaxaca
vor. Beachtenswert sind die mit den Haaren verflochtenen Stoffbänder,
die den Kopfputz der Frau bilden.]
[Illustration:
Phot. George Wharton James.
Abb. 178. Verteilung von Opfergaben an das Volk zu Acoma (Neumexiko).
Am Stephanstage bringen die christianisierten Indianer von Acoma ihren
Schutzheiligen allerlei Gaben dar, wie zum Beispiel Pfirsiche, Melonen,
Getreidekörner, Chilipfeffer, Brot. Im Lauf des Tages werden diese
Gaben nach und nach unter die versammelte Menge verteilt.]
Zahlreiche andere Förmlichkeiten werden von den verschiedensten
Indianerstämmen vorgenommen, um ihren +Feldern Fruchtbarkeit zu
verschaffen+. Für gewöhnlich aber sind es Maskentänze, mit denen sie
diesen Zweck verfolgen. Die Irokesen führen solche im Januar als
sogenannte Neujahrstänze auf. Die Masken (Abb. 193), die sie dabei
tragen, sind meistens aus Holz angefertigt und sollen bisweilen schon
zwanzig bis hundert Jahre in Gebrauch sein. Sie verlangen Tabak als
Opfergabe und sind böse, wenn nicht mit ihnen getanzt wird. Sie
gleichen menschlichen Gesichtern mit weitgeöffnetem, breitem oder
trichterförmigem Munde, sind meistens aus Holz angefertigt und tragen
eine Perücke aus Haaren vom Pferdeschwanz, einen Streifen Büffelhaut,
ein Geflecht von Maiskolbenhülsen und anderes derart. Ohne Zweifel
sollen sie Vegetationsdämonen vorstellen. Die mit ihnen bekleideten
Tänzer stecken in Anzügen aus zerrissenen Kleidern oder Maishülsen und
haben darunter allerlei umfangreiche Gegenstände angebracht, so daß
sie Krüppeln oder Mißgestalteten ähnlich sehen; sie tragen ferner eine
Rassel und Keulen in den Händen. Ein derartiger Maskentanz wird von
einem Augenzeugen folgendermaßen geschildert: Die Tänzer erschienen
vor dem Beratungshause, wo sich die Männer versammelt hatten, und
schlugen mit ihren Rasseln und Knütteln unter seltsam grunzenden
Ausrufen an die Wände des Hauses. Die Schläge wurden immer heftiger,
der Lärm immer ohrenbetäubender. Plötzlich flog die Tür auf und die
Tänzer erschienen; sie krochen aber auf allen vieren herein, wanden
sich dabei wie Krüppel und schüttelten ihre Rasseln und Stöcke über den
Boden hin. Erst in der Mitte des Raumes richteten sie sich auf. Der
Tanz dauerte nur kurze Zeit, worauf die Tänzer nach ihrem Gefallen im
Beratungshause umhergingen und durch ihre Masken die Frauen anstierten
und den Kindern Furcht einflößten. Gelegentlich rief der Leiter der
Festlichkeit diesen und jenen von ihnen herbei, gab ihnen etwas Tabak,
nachdem er solchen schon vor Beginn des Tanzes an alle Teilnehmer
wohl als Opfergabe verteilt hatte, und forderte sie auf, noch auf
eine bestimmte Art zu tanzen, verschiedene Tiere nachzuahmen oder
auch Schlittschuhläufer, Lokomotiven und dergleichen. Dabei kam es zu
ziemlich platten und schlüpfrigen Spässen.
[Illustration:
Phot. George Wharton James.
Abb. 179. Johannistag bei den Taos-Pueblos (Neumexiko),
der durch Umzüge festlich begangen wird.]
Eine eigenartige Regenzeremonie (Abb. 194) kennen die Zuñi, die von
einer besonderen Priestergenossenschaft, den zehn Koy-e-á-ma-shi,
um die Sommersonnenwende in der Gestalt von Dämonen, zum Teil mit
tierähnlichen Masken, ausgeführt wird. Sie stellen sich dabei in einer
Reihe auf, wobei sie die Worte Du-mi-chim-chi, Du-mi-chim-chi-a-a
singen, und bewegen sich halb gehend, halb trabend unter den
Dachtraufen der Häuser hin durch alle Gassen und um die Außenmauern
des Dorfes herum. Jeder läßt dabei seine Hände auf den Hüften seines
Vordermannes ruhen, der Führer des Zuges hat die seinigen auf die Knie
gestützt; die Leute gehen also leicht nach vorn gebeugt und sind,
abgesehen von einem groben und rauhen dunkelblauen Tuch um die Lenden,
nackt. Während dieser drollige Zug sich unter den vorspringenden
Dächern der Häuser fortbewegt, stehen oben die Frauen mit Krügen voll
Wasser, das teilweise nicht gerade von reinster Beschaffenheit ist,
und gießen es auf die Köpfe und Leiber der Männer aus. Bisweilen
wird vor Ankunft des Zuges, während die Frauen auf ihn warten, mit
der Hand ein wenig Wasser aus dem Kruge geschöpft und ausgeschüttet,
nach der Annahme von Fewkes, dem wir diese Schilderung verdanken,
wohl eine Art Opfergabe. Die Mitglieder der Prozession suchen auf
jede Weise möglichst naß zu werden und scheinen um so befriedigter
zu sein, je mehr sie bei der Begießung eingeweicht werden. Während
des ganzen Vorgangs werden nur die oben wiedergegebenen Worte
wiederholt. Es handelt sich hierbei offenbar um Vegetationsdämonen,
die die Feldfrüchte vertreten und an deren Stelle das befruchtende Naß
empfangen. Die Zuñipriester der Koy-e-á-ma-shi beteiligen sich auch an
den heiligen Tänzen, den Korkokshitänzen, die gleichfalls den Zweck
verfolgen, Regen und gute Ernte zu erzielen. Sie betreten zusammen mit
den Koko, den Haupttänzern, das Dorf und treiben allerlei Späße meist
schlüpfriger Natur, die unter den Zuschauern sichtlich großes Vergnügen
hervorrufen. Obgleich diese unanständigen Vorführungen mit dem
eigentlichen Zweck der Feierlichkeit nichts zu tun haben, so geht ihnen
sicherlich eine tiefere Bedeutung nicht ab; die beischlafähnlichen
Bewegungen, die dabei meistens vollführt werden, sollen die Befruchtung
andeuten. Auch die Moki, ein anderer Pueblostamm, kennen ähnliche
religiöse Tänze zum Gedeihen des Pflanzenwuchses: die Anakatschina, bei
denen die Ausführenden maskiert auftreten. Einer dieser Tänzer, der den
Vegetationsdämon Kokopeli darstellt, ist mit einem ungeheuren Phallus
und einem vogelartigen Schnabel ausgestattet.
[Illustration:
Phot. R. B. Townshend.
Abb. 180. Indianischer Teufel.