Abb. 103. Ein Latukamann

mit Narbenverzierung im Gesicht.]

Bei den Schilluk erfreut sich großer Verehrung Nyakang, wie wir bereits

hörten. Nyakang war ihr erster König, ein halbgöttliches Wesen,

insofern er wohl Gestalt und sonstige Eigenschaften eines Menschen

hatte, aber niemals starb, sondern verschwand und als Geist in seinen

Nachkommen, den Königen, die ihm folgten, weiterlebt. Seit seinem

Fortgang spielt er die Vermittlerrolle zwischen den Menschen und dem

höchsten Gotte Jüok, der als gestaltlos und unsichtbar sich überall

befindet, die Menschen erschaffen hat und für die Ordnung im ganzen

Weltall sorgt. Dieser steht so hoch, daß er nur durch Nyakang, seinen

Vertreter, mit Bitten angegangen werden kann. Dem Nyakang werden Opfer

dargebracht, auf daß er den Gott Jüok bestimme, er möge den Menschen

Regen und andere Wohltaten senden.

Die Schilluk scheinen auch zu glauben, daß die Geister der

Abgeschiedenen überall gegenwärtig seien und manchmal ihren

Hinterbliebenen im Traume erscheinen, um ihnen zu helfen und guten

Rat zu erteilen. Jedoch darf man daraus nicht schließen, daß bei den

Schilluk deswegen eine Totenverehrung bestehe. Ihre ganze Religion

gipfelt eben nur in dem Kult des Nyakang, des halbgöttlichen Vorfahren

der Könige. Diese Verehrung hat nun viele Schreine entstehen lassen

(Abb. 101 u. 105). Nyakang besitzt deren nicht weniger als zehn, die

alle Gräber heißen, obgleich man weiß, daß niemand darunter begraben

liegt. Sie unterscheiden sich in ihrem Äußeren nicht von den Schreinen

der anderen Schillukkönige, die wirkliche Grabstätten sind; an diesen,

namentlich aber an den Schreinen des Nyakang werden Feierlichkeiten

abgehalten.

[Illustration:

Phot. C. G. Seligmann.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 84 / 203 题