Die +religiösen Verhältnisse+ der nilotischen Stämme sind im
vorstehenden bereits gestreift worden. Es wäre darüber etwa noch
folgendes nachzutragen. Die Dinka gelten für sehr religiös. Sie beten
ein höchstes Wesen an unter der Bezeichnung Dengdit, das ist „großer
Regen“, oder auch Nyalich, das ist „der in der Höhe“, außerdem aber
eine ganze Schar von Ahnengeistern, die sie Jok nennen. Dengdit aber
gilt für den obersten Gott, den Schöpfer und Erhalter der Dinge im
Weltall; er ist es auch, der Regen sendet aus dem „Regenort“, wo seine
besondere Heimat liegt. In den gewöhnlichen Lagen des täglichen Lebens
werden jedoch die Jok häufiger angerufen als Dengdit.
Unter den Dinka steht das +Totemwesen+ in großer Blüte. Jeder Stamm
zerfällt in eine Anzahl Klane, von denen wieder jeder sein bestimmtes
Totemtier, manchmal auch eine bestimmte Totempflanze besitzt. Der
Klan sieht in dem Totemtier seinen Ahn, das heißt er leitet seine
Abstammung von einem Menschen ab, der als Zwillingsbruder des Tieres
geboren wurde. Kein Mann darf sein Totemtier verletzen, muß ihm
vielmehr die höchste Ehrerbietung entgegenbringen. Wenngleich die
Kinder das Totem ihres Vaters übernehmen, so achten sie doch das
ihrer Mutter nicht minder hoch, und dies noch mehrere Menschenalter
hindurch. So würde ein Mann, dessen Großmutter väterlicherseits eine
giftige Schlange als Totemtier besaß, falls er sähe, daß jemand eine
Schlange aus dieser Gattung tötete, diese aus Achtung begraben, denn
sie ist der Jok (Geist) der Mutter seines Vaters. Ferner wird ein Mann
niemals das Totemtier seiner Frau, und umgekehrt nie eine Frau das
ihres Mannes verzehren. Über die Entstehung der Toteme sind mancherlei
Geschichten im Umlauf. Die Schlangenmenschen erzählen, daß früher
einmal eine Schlange in die Hütte eines Mannes gekommen sei und dort
ihre Jungen zur Welt gebracht, darauf den Besitzer der Hütte angeredet
und ihm gesagt habe, er dürfe weder sie noch ihre Brut verletzen und
müsse, falls von anderer Seite ein Tier ihrer Art getötet würde, wie
beim Tode eines Verwandten ein Trauerband aus einem Palmenblatt um
sein Haupt binden. Ein anderer Mann vom Schlangentotem berichtete, daß
er, wenn er einer Schlange im Walde begegnete, ihr als Zeichen der
Freundschaft Staub auf den Rücken streuen würde; damit würde er die
Schlange versöhnen, im Falle sie ihm böse gesinnt wäre. Sollte sie
sich aber nicht besänftigen lassen und ihn etwa beißen, dann würden
beide, er und die Schlange, sterben. Umgekehrt: sollte die Schlange
einen Mann mit einem anderen Totem beißen, dann würde dieser wohl
davon sterben, die Schlange aber am Leben bleiben. Ein Mann aus dem
Löwenklan behauptete allen Ernstes, daß ihm von seiten dieses Tieres
keinerlei Gefahr drohe, daß er ungestraft im Freien schlafen könne,
während die Leute anderer Klane ihre Hütten vor den Angriffen der
Löwen schützen müßten. Sollte ein Löwe infolge eines Splitters in der
Pfote oder eines Knochens im Halse Schmerzen empfinden, dann würde
er die Hütte des Mannes aufsuchen und sich durch Brüllen bemerkbar
machen, um von seinen Qualen Befreiung zu finden. Andere Klane erkennen
das Krokodil, den Elefanten, die Hyäne, den Fuchs, das Nilpferd und
so weiter als Totem an und berichten über die Art, wie sie zu ihren
Totemen gekommen sind, ähnliche Geschichten, wie wir sie oben von den
Schlangen hörten. Auch Pflanzentoteme scheinen vorhanden zu sein,
diese aber kommen seltener vor und haben weniger Bedeutung. Es gibt
auch einen Klan, der den Fluß als sein Totem betrachtet. Als Erklärung
hierfür erzählen seine Anhänger folgende Sage. Ein schönes junges
Mädchen sei vor langer Zeit vom Wasser ans Ufer gebracht worden. Einige
Männer, die dies beobachteten, wollten es ins Dorf bringen; sobald sie
es aber anzurühren versuchten, wurde das Mädchen flüssig wie Wasser
und verschwand im Flusse; es nahm auch ein Kalb mit. Dieser Klan führt
alljährlich, wenn die Regenzeit vorüber ist, eine Kuh mit ihrem Kalb
und einen Ochsen zum Fluß, tötet den letzteren am Ufer und wirft ihn
samt der lebenden Kuh und dem Kalb als Opfergabe in den Fluß.
[Illustration:
Phot. Jennings Bramley.
Abb. 98. Barikrieger beim Kungutanz.
Sie tragen Leopardenhäute um die Schultern, Straußenfedern in den
Haaren und haben das Gesicht bemalt.]
Trotz der großen Ehrfurcht, die den Totemtieren von den Dinka erwiesen
wird, kann man nicht behaupten, daß sie solche regelrecht anbeten. Es
scheint, daß man die Totemtiere vielfach mit den Ahnengeistern, den
Jok, zusammenwirft, deren Kultus besonders entwickelt ist. Daher mag es
kommen, daß man den Totemtieren gelegentlich wohl auch Opfer darbringt.
In einem Dorfe befindet sich ein Schrein, der aus dem Stamm eines
kleinen Baumes angefertigt und in die Erde geschlagen ist; ein Stück
Wirbelsäule und die Hörner einer Ziege hängen an seinen Ästestümpfen,
desgleichen ein paar Enden Tau und mehrere kleine Kürbisse, während
Knochenreste vom Nilpferd am Fuß des Stammes aufgestapelt liegen.
Dieser Schrein ist nach Seligmann folgendermaßen entstanden. Als vor
ungefähr vier Jahren die Kinder des Dorfoberhauptes erkrankten und
nicht besser wurden, erschien nach einigen Monaten der Geist des Ahnen,
der die Krankheit gesandt hatte, einem Manne im Traum und forderte eine
Ziege. Dieser trug dem Vater auf, er solle einen Pfosten einschlagen
und einen fetten Ziegenbock opfern. Der Stamm wurde hergerichtet und
ein Loch gegraben, darauf die Ziege geschlachtet und das Blut wie auch
der Inhalt des Darmes in das Loch geschüttet, darauf der Pfosten in
dasselbe hineingestampft. Das Fleisch der Ziege aß man, ihre Knochen
mit Ausnahme der Wirbelsäule und der Hörner, die man an dem Stamme
aufhängte, zerbrach man und warf sie zusammen mit einem eisernen
Armband in den Fluß, weil der Vater des Ahnen, der die betreffende
Krankheit geschickt hatte, der Zwillingsbruder eines bestimmten Fisches
war; damit sollte er beschwichtigt werden. Nachdem noch Fleischstücke
in die vier Himmelsrichtungen geworfen worden waren, wurden solche auch
auf die Erde vor den Baumstamm gelegt und folgendes Gebet gesprochen:
„O mein Großvater, ich habe dir ein Opfer gebracht; laß meine Kinder
nicht länger krank sein.“
[Illustration:
Phot. F. Spire.