Abb. 97. Barikrieger beim Kungutanz.]

Die +religiösen Verhältnisse+ der nilotischen Stämme sind im

vorstehenden bereits gestreift worden. Es wäre darüber etwa noch

folgendes nachzutragen. Die Dinka gelten für sehr religiös. Sie beten

ein höchstes Wesen an unter der Bezeichnung Dengdit, das ist „großer

Regen“, oder auch Nyalich, das ist „der in der Höhe“, außerdem aber

eine ganze Schar von Ahnengeistern, die sie Jok nennen. Dengdit aber

gilt für den obersten Gott, den Schöpfer und Erhalter der Dinge im

Weltall; er ist es auch, der Regen sendet aus dem „Regenort“, wo seine

besondere Heimat liegt. In den gewöhnlichen Lagen des täglichen Lebens

werden jedoch die Jok häufiger angerufen als Dengdit.

Unter den Dinka steht das +Totemwesen+ in großer Blüte. Jeder Stamm

zerfällt in eine Anzahl Klane, von denen wieder jeder sein bestimmtes

Totemtier, manchmal auch eine bestimmte Totempflanze besitzt. Der

Klan sieht in dem Totemtier seinen Ahn, das heißt er leitet seine

Abstammung von einem Menschen ab, der als Zwillingsbruder des Tieres

geboren wurde. Kein Mann darf sein Totemtier verletzen, muß ihm

vielmehr die höchste Ehrerbietung entgegenbringen. Wenngleich die

Kinder das Totem ihres Vaters übernehmen, so achten sie doch das

ihrer Mutter nicht minder hoch, und dies noch mehrere Menschenalter

hindurch. So würde ein Mann, dessen Großmutter väterlicherseits eine

giftige Schlange als Totemtier besaß, falls er sähe, daß jemand eine

Schlange aus dieser Gattung tötete, diese aus Achtung begraben, denn

sie ist der Jok (Geist) der Mutter seines Vaters. Ferner wird ein Mann

niemals das Totemtier seiner Frau, und umgekehrt nie eine Frau das

ihres Mannes verzehren. Über die Entstehung der Toteme sind mancherlei

Geschichten im Umlauf. Die Schlangenmenschen erzählen, daß früher

einmal eine Schlange in die Hütte eines Mannes gekommen sei und dort

ihre Jungen zur Welt gebracht, darauf den Besitzer der Hütte angeredet

und ihm gesagt habe, er dürfe weder sie noch ihre Brut verletzen und

müsse, falls von anderer Seite ein Tier ihrer Art getötet würde, wie

beim Tode eines Verwandten ein Trauerband aus einem Palmenblatt um

sein Haupt binden. Ein anderer Mann vom Schlangentotem berichtete, daß

er, wenn er einer Schlange im Walde begegnete, ihr als Zeichen der

Freundschaft Staub auf den Rücken streuen würde; damit würde er die

Schlange versöhnen, im Falle sie ihm böse gesinnt wäre. Sollte sie

sich aber nicht besänftigen lassen und ihn etwa beißen, dann würden

beide, er und die Schlange, sterben. Umgekehrt: sollte die Schlange

einen Mann mit einem anderen Totem beißen, dann würde dieser wohl

davon sterben, die Schlange aber am Leben bleiben. Ein Mann aus dem

Löwenklan behauptete allen Ernstes, daß ihm von seiten dieses Tieres

keinerlei Gefahr drohe, daß er ungestraft im Freien schlafen könne,

während die Leute anderer Klane ihre Hütten vor den Angriffen der

Löwen schützen müßten. Sollte ein Löwe infolge eines Splitters in der

Pfote oder eines Knochens im Halse Schmerzen empfinden, dann würde

er die Hütte des Mannes aufsuchen und sich durch Brüllen bemerkbar

machen, um von seinen Qualen Befreiung zu finden. Andere Klane erkennen

das Krokodil, den Elefanten, die Hyäne, den Fuchs, das Nilpferd und

so weiter als Totem an und berichten über die Art, wie sie zu ihren

Totemen gekommen sind, ähnliche Geschichten, wie wir sie oben von den

Schlangen hörten. Auch Pflanzentoteme scheinen vorhanden zu sein,

diese aber kommen seltener vor und haben weniger Bedeutung. Es gibt

auch einen Klan, der den Fluß als sein Totem betrachtet. Als Erklärung

hierfür erzählen seine Anhänger folgende Sage. Ein schönes junges

Mädchen sei vor langer Zeit vom Wasser ans Ufer gebracht worden. Einige

Männer, die dies beobachteten, wollten es ins Dorf bringen; sobald sie

es aber anzurühren versuchten, wurde das Mädchen flüssig wie Wasser

und verschwand im Flusse; es nahm auch ein Kalb mit. Dieser Klan führt

alljährlich, wenn die Regenzeit vorüber ist, eine Kuh mit ihrem Kalb

und einen Ochsen zum Fluß, tötet den letzteren am Ufer und wirft ihn

samt der lebenden Kuh und dem Kalb als Opfergabe in den Fluß.

[Illustration:

Phot. Jennings Bramley.

Abb. 98. Barikrieger beim Kungutanz.

Sie tragen Leopardenhäute um die Schultern, Straußenfedern in den

Haaren und haben das Gesicht bemalt.]

Trotz der großen Ehrfurcht, die den Totemtieren von den Dinka erwiesen

wird, kann man nicht behaupten, daß sie solche regelrecht anbeten. Es

scheint, daß man die Totemtiere vielfach mit den Ahnengeistern, den

Jok, zusammenwirft, deren Kultus besonders entwickelt ist. Daher mag es

kommen, daß man den Totemtieren gelegentlich wohl auch Opfer darbringt.

In einem Dorfe befindet sich ein Schrein, der aus dem Stamm eines

kleinen Baumes angefertigt und in die Erde geschlagen ist; ein Stück

Wirbelsäule und die Hörner einer Ziege hängen an seinen Ästestümpfen,

desgleichen ein paar Enden Tau und mehrere kleine Kürbisse, während

Knochenreste vom Nilpferd am Fuß des Stammes aufgestapelt liegen.

Dieser Schrein ist nach Seligmann folgendermaßen entstanden. Als vor

ungefähr vier Jahren die Kinder des Dorfoberhauptes erkrankten und

nicht besser wurden, erschien nach einigen Monaten der Geist des Ahnen,

der die Krankheit gesandt hatte, einem Manne im Traum und forderte eine

Ziege. Dieser trug dem Vater auf, er solle einen Pfosten einschlagen

und einen fetten Ziegenbock opfern. Der Stamm wurde hergerichtet und

ein Loch gegraben, darauf die Ziege geschlachtet und das Blut wie auch

der Inhalt des Darmes in das Loch geschüttet, darauf der Pfosten in

dasselbe hineingestampft. Das Fleisch der Ziege aß man, ihre Knochen

mit Ausnahme der Wirbelsäule und der Hörner, die man an dem Stamme

aufhängte, zerbrach man und warf sie zusammen mit einem eisernen

Armband in den Fluß, weil der Vater des Ahnen, der die betreffende

Krankheit geschickt hatte, der Zwillingsbruder eines bestimmten Fisches

war; damit sollte er beschwichtigt werden. Nachdem noch Fleischstücke

in die vier Himmelsrichtungen geworfen worden waren, wurden solche auch

auf die Erde vor den Baumstamm gelegt und folgendes Gebet gesprochen:

„O mein Großvater, ich habe dir ein Opfer gebracht; laß meine Kinder

nicht länger krank sein.“

[Illustration:

Phot. F. Spire.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 81 / 203 题