Abb. 93. Ein Latukamann

mit Narbenverzierung (Keloidbildung) auf dem Rücken.]

Die +Schilluk+ dagegen stehen unter einem König. Er, seine Kinder,

Enkelkinder und Urenkel stellen die Aristokratie dar; über vier

Menschenalter hinaus wird königliche Abstammung nicht anerkannt. Für

den König sorgt man in jeder Weise und behandelt ihn mit größter

Hochachtung. Früher durfte er nicht einmal in den Krieg ziehen, und

auch jetzt noch bewegt er sich nie ohne eine Leibgarde von etwa

zwölf bis zwanzig Mann, die gut bewaffnet und jederzeit bereit sind,

seinem leisesten Wunsch zu gehorchen. Sein Wort ist Gesetz, und die

Geldstrafen, die er verhängt, werden aus guten Gründen schleunigst

bezahlt. Zeugnis für den großen Einfluß, den er auf sein Volk ausübt,

legt die Tatsache ab, daß der stattliche Hügel, auf dem sein Wohnhaus

(Abb. 100) steht, trotz der den Schilluk angeborenen Trägheit mit

größter Eile und ohne Widerspruch aufgeführt wurde. -- Sobald sich an

den Königen Spuren schlechter Gesundheit oder hohes Alter bemerkbar

machen, fürchtet man, daß dadurch Unglück, wie Mißlingen der Ernte,

allgemeine Krankheit, Schwäche des Viehs, über das Volk hereinbrechen

könnte. Denn je älter und gebrechlicher ein König wird, um so mehr

büßt auch der Geist seines Ahnen an Rüstigkeit ein, und man fürchtet,

daß hieraus allgemeines Unglück entstehen könne. Daher tötet man den

König, bevor er zu alt wird; sein Geist kann dann sofort auf eine

andere, jüngere Persönlichkeit übergehen. Zu diesem Zwecke wurde in

früheren Zeiten der König in eine besonders dazu hergerichtete Hütte

gebracht, mit ihm eine heiratsfähige Jungfrau (man sagt eine der

Töchter seines Bruders), auf deren Schoß er sein Haupt legte; darauf

wurde der Eingang zur Hütte fest verschlossen und das Paar dem Hunger

und Durst preisgegeben. Einige Monate später öffnete man die Hütte

wieder, sammelte die Überreste der beiden in einem Fell und begrub sie

in einem besonderen Grabe. Über diesem erstand eine neue Hütte, und

diese wurde zu einem Götterschrein. Dieser Brauch soll vor ungefähr

fünf Menschenaltern abgekommen sein, wie man sagt wegen der Qualen,

die ein König erdulden mußte; dieser, der seine Gefährtin um ein paar

Tage überlebte, gab der draußen versammelten Menge den Auftrag, sie

dürften unter keinen Umständen seinen Nachfolger auf diese qualvolle

Weise so langsam sterben lassen. Eine öffentliche Verkündigung vom

Tode eines Königs scheint nicht stattgefunden zu haben; man ließ

die Kunde davon ganz allmählich sich verbreiten. Während der so

entstehenden Übergangszeit entschieden die mächtigsten Häuptlinge alle

kleineren Angelegenheiten, während sie die wichtigeren dem neuen König

vorbehielten, der von den Häuptlingen gewählt wurde. -- Die Königswahl

ist von zahlreichen Förmlichkeiten begleitet. Der neue König wird

zunächst in ein Dorf in der Nähe der Hauptstadt Faschoda geleitet,

während sich andere Häuptlinge an die nördlichen Grenzen des Reiches

begeben und den Priestern eines Schreines im Akurwadorfe mitteilen,

sie möchten den heiligen vierbeinigen Schemel und den Nyakang, ein roh

geformtes Bildnis des Ahnherrn der Könige, haben. Wenn der Nyakang

die Wahl des neuen Fürsten nicht billigt, dann wird nach dem Glauben

der Schilluk sein Bildnis so schwer, daß man es nicht von dem Schrein

wegnehmen kann. Ist er aber damit einverstanden, dann ziehen die Leute

mit dem Schemel und dem Bildnis ab. Sobald sie bei ihrer Rückkehr mit

dem neuen König und seinem Gefolge zusammentreffen, entspinnt sich ein

Scheinkampf, der für jene stets glücklich abläuft. Darauf begleiten

sie den König nach Faschoda. Hier wird der heilige Gegenstand,

der Nyakang, in den dortigen Schrein getragen, bald darauf aber

wieder herausgebracht und auf dem heiligen Schemel vor dem Eingange

niedergesetzt. Der neuerwählte König hält ein Bein des Nyakang, ein

vornehmer Häuptling das andere. Ein Ochse wird geschlachtet, doch

genießen nur ein paar Auserwählte von seinem Fleisch. Der Nyakang wird

schließlich wieder in den Schrein zurückgebracht, der König hochgehoben

und auf den Schemel gesetzt; hier bleibt er eine Zeitlang sitzen,

manchmal bis Sonnenuntergang, worauf man ihn zu drei neuen, für ihn

besonders erbauten Hütten führt. Hier muß er drei Tage lang verharren,

erst dann geleitet man ihn in aller Ruhe zu seinem königlichen Wohnort

in Faschoda. Nachdem noch einmal ein Ochse getötet und verspeist worden

ist, darf der König endlich zum ersten Male öffentlich erscheinen. Die

drei neuen Hütten werden zerstört und ihre Bestandteile in den Fluß

geworfen.

Die +Bari+ sind in Gruppen eingeteilt, jede von ihnen besitzt einen

Häuptling, der als das Oberhaupt in gemeinsamen Angelegenheiten

anerkannt wird. Er ist gleichzeitig auch Regenmacher und erfreut sich

großen Ansehens, solange ihm der Glaube entgegengebracht wird, daß er

imstande sei, den Regen zur rechten Zeit herbeizuführen. Gelingt ihm

dies aber nicht, so besteht oder bestand wenigstens früher für ihn

die Möglichkeit, daß er umgebracht wurde. Die Regenmacher legen ihre

Dörfer stets auf den Abhängen von ziemlich hohen Hügeln an, damit sie

den Regen leichter anziehen können, denn erfahrungsgemäß schlägt sich

die Feuchtigkeit aus den Wolken am ersten auf Bergen nieder. Zu Anfang

dieses Jahrhunderts stand im Ruf eines Hauptregenmachers ein gewisser

Ledju; ihm wurden auch noch andere Fähigkeiten zugesprochen: so glaubte

man von ihm, er könne veranlassen, daß Frauen reichen Kindersegen

bekämen, sobald er ein kurzes Spiel mit einem kleinen Eisenstab über

ihnen vollzog. Diesen Stab bewegte er unter Zaubergemurmel über ihren

Köpfen, wobei die Steine in den Kugeln an seinem Ende klapperten.

[Illustration:

Phot. G. H. Morbig.

Abb. 94. Ein Dinkakrieger in seiner Ausrüstung,

an der der große Schild aus Elefantenhaut bemerkenswert ist.]

[Illustration:

Phot. H. A. McMichael.

Abb. 95. Eine Kamelsänfte für die Weiber der Kawahla auf dem Marsche.

In dem oberen Teil werden die Kinder untergebracht, soweit sie schon

groß genug sind, um nicht mehr steter Aufsicht zu bedürfen.]

Zur Vollziehung der +Regenzeremonie+ werden von den Bari hauptsächlich

ausgehöhlte Gneisblöcke benutzt, die mit einem der unter den Negern

üblichen Wetzsteine Ähnlichkeit haben. Sie werden in einer kleinen

Umfriedigung aufgestellt; jeder von ihnen enthält in Aushöhlungen zwei

bis acht Stücke Bergkristall oder Granit von Kegel- oder Kreisform.

In der Nähe der Steine steht eine größere Anzahl irdener Töpfe;

schließlich werden über die hohlen Steine noch viele Eisenstäbe von

verschiedener Größe und Form gelegt (Abb. 99). Die Bitte um Regen

wird dem Regenmacher für gewöhnlich durch das Dorfoberhaupt und

einige Dorfälteste vorgetragen; dazu bringen sie ein Geschenk mit

in Gestalt von Hühnern, Schafen oder Ziegen, je nach den vorhandenen

Mitteln. Eines oder mehrere dieser Tiere werden getötet und gemeinsam

verzehrt, wobei die Regenmacher den Löwenanteil erhalten. Nach der

Mahlzeit begeben sich die Hilfsregenmacher zur Umfriedigung, entfernen

die Eisenstäbe und lehnen sie gegen eine darüber ausgespannte Schnur.

Darauf waschen sie die kleinen Steine und Kristalle mit Wasser aus den

Töpfen und legen sie wieder in die ausgehöhlten Steine. Jeder Gehilfe

hat seine eigenen Steine, die seiner besonderen Obhut unterstellt

und ihm mit Namen bekannt sind; gewöhnlich sind dies Namen früherer

Regenmacher. Jetzt findet sich der Hauptregenmacher ein mit einem

kleinen Topf voll Fett oder Pflanzenöl. Nachdem er niedergehockt

ist, gießt er sich etwas davon in die Hände, reibt die Flächen gegen

einander, nimmt die Kristalle und kleinen Steine nacheinander aus ihren

Löchern und reibt sie mit Öl ein, indem er singt oder etwas vor sich

hin murmelt; dies ist die Bitte um Regen für die Ernte. Er ergreift

auch einen der Eisenstäbe, deutet damit in die Richtung der Regenwolke,

die er anziehen möchte, und bewegt die Arme auf und nieder, wodurch

er die Wolke auf sich niederzuziehen vermeint. Will sie nicht kommen,

dann nimmt er den Stab wie ein Krieger, stampft damit mehrmals auf den

Boden, macht heftige Gebärden und stößt mit lauter Stimme seltsame

Worte aus. Die Eingeborenen setzen sehr großes Vertrauen in das Können

des Regenmachers während der Regenzeit. Gelingt es ihm aber nicht, es

zu rechtfertigen, dann ist unter Umständen sein Leben bedroht und er

kann genötigt sein, die Gegend zu verlassen. Die Regensteine werden

als etwas Heiliges angesehen und vererben sich von Geschlecht zu

Geschlecht. Jeder Regenmacher besitzt auch einen geweihten Speer, der

in einer besonderen Hütte aufbewahrt, aber nur herausgenommen wird,

wenn ein Bündnis geschlossen werden soll. Bevor er wieder in sein Heim

zurückgeführt wird, muß ein Opfer dargebracht werden. -- Bei den Nuba

Kordofans, die ähnliche Maßnahmen zur Erzeugung von Regen kennen, wird

dieser Speer aus seinem Aufbewahrungsort herausgenommen, um das Tier zu

töten, das bei der Feierlichkeit geopfert werden soll.

[Illustration:

Phot. C. G. Seligmann.

Abb. 96. Eine prunkvolle Kamelsänfte,

wie sie vornehme Frauen bei den Kababisch und Kawahla (beides

Araberstämme im ägyptischen Sudan) zu benutzen pflegen.]

[Illustration:

Phot. Jennings Bramley.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 80 / 203 题