EINLEITUNG.

Amerika war vor dem Einfluss der Kultur theilweise von dichten Wäldern,

theilweise von Savannen mit dünnen Holzbeständen, theilweise, aber in

geringem Grade, von Wüsten bedeckt. Die dicht bewaldeten Gebiete gehören

theils den beiden temperirten Zonen, theils der tropischen an, und zwar

besitzt der Urwald in jeder derselben eine charakteristische Physiognomie.

Der nordamerikanische Wald trägt, namentlich im Osten, wesentlich die Züge

des europäischen. Er zeigt ebenfalls eine scharfe Differenzirung in Laub-

und Nadelholzbestände, von welchen die ersteren im Osten, die letzteren im

Westen vorherrschen. Die Baumarten sind allerdings im nordamerikanischen

Walde weit zahlreicher als im europäischen; sie gehören aber zum grössten

Theile denselben Gattungen an und weichen habituell nicht hinreichend von

unseren Waldbäumen ab, um einen wesentlichen physiognomischen Unterschied

zu bedingen. Aehnliches gilt von der nur wenig mehr entwickelten

Schattenvegetation. von den Schlingpflanzen, die ebenfalls sehr

zurücktreten, und von den Epiphyten, die, ausser in den südlichen Staaten,

alle zu den Moosen und Flechten gehören.

Der tropische Urwald nimmt den grössten Theil des äquatorialen Amerika

ein. Nach Norden erstreckt er sich nur bis zum Wendekreis, während er sich

in Form eines schmalen Streifens längs der Ostküste bis zum 30° s. B.

fortsetzt. Sein physiognomischer Charakter ist, abgesehen von

topographischen Unterschieden, die sich in ähnlicher Weise in den

verschiedenen Zonen wiederholen, beinahe in seiner ganzen Ausdehnung sehr

gleichartig und von denjenigen des nordamerikanischen Urwalds durchaus

verschieden. Der physiognomische Unterschied zwischen dem tropischen und

dem nordamerikanischen Urwald ist theilweise durch die systematische

Zusammensetzung, noch mehr aber durch Eigenthümlichkeiten der Structur und

Lebensweise bedingt, die sich bei Pflanzen aus verschiedenen Familien

wiederholen und demnach als Anpassungen an die äusseren Bedingungen

aufzufassen sind.

Die Physiognomie des tropischen Urwalds ist in erster Linie durch den

Kampf um das Licht bedingt, dessen Einfluss in allen Pflanzenformen des

Urwalds zur Geltung kommt, in der ungeheuren Entwicklung des Laubs, in der

oft schirmartigen Verzweigung der Baume, in den tauartigen Lianen,

namentlich aber in den Epiphyten, die, den Boden ganz verlassend, auf dem

Gipfel der Bäume sich ansiedeln. Wahrend der Boden zwischen den

Baumstämmen, den Lianen und Luftwurzeln oft beinahe keine Pflanzen tragt,

prangt über dem Laubdache eine üppige und artenreiche Vegetation, die sich

der Bäume als Stütze bedient hat, um an das Licht zu gelangen. Kein

Baumzweig wird versuchen, sein Laub im Lichte auszubreiten, ohne mit

seinen epiphytischen Bewohnern in Conflikt zu gerathen. Umsonst erheben

sich die Aeste übereinander, streben immer mehr nach oben; sie werden bald

von Bromeliaceen, Araceen, Orchideen überwuchert oder gar von dem grauen

Schleier der Tillandsia usneoides ganz umhüllt. Nicht selten erliegt der

Wirthbaum, wenn seine Blätter durch die Hülle der Tillandsia usneoides

nicht durchzudringen vermögen oder seine Aeste durch die sie wie eiserne

Ringe umklammernden Luftwurzeln gleichsam erwürgt werden. Er stirbt und

vermodert, fällt aber selten auf den Boden, indem die Luftwurzeln gewisser

seiner Gaste (Clusia, Feigenbäume etc.) um seinen Stamm einen vielfach

durchgitterten, aber festen Hohlcylinder bilden, der ihn aufrecht hält und

den Epiphyten die gleichen Vortheile gewährt, wie der Stamm selbst.

Den antarktischen Urwald, der sich an der Westküste vom 36° s. B. bis nach

Feuerland zieht, kenne ich aus eigener Anschauung nicht. Er nähert sich in

seiner systematischen Zusammensetzung mehr dem nordamerikanischen als dem

tropischen Walde, trägt aber nicht viel weniger als der letztere das

Gepräge des Kampfes ums Licht. Lianen und Epiphyten bilden auch im

antarktischen Urwald einen hervortretenden Zug, ohne jedoch bei weitem

dieselbe Mannigfaltigkeit, wie im tropischen, zu erreichen.

Die Vegetation aller Wälder leidet unter der gegenseitigen Beschattung;

der Kampf ums Licht waltet im nordamerikanischen Walde ebenso, wie im

tropischen, und doch hat er nur in letzterem auffallende Anpassungen

hervorgerufen, sodass diese den physiognomischen Unterschied beider Wälder

hauptsächlich bedingen. Eine Naturgeschichte des tropischen Urwalds wird

sich daher in erster Linie mit diesen Anpassungen zu beschäftigen haben.

Bei keiner der biologischen Pflanzengruppen oder Genossenschaften, in

welche die Vegetation des Urwalds eingetheilt werden kann, ist der

Einfluss des Kampfes ums Licht so ausgeprägt, wie bei den Epiphyten. Diese

erscheinen daher besonders geeignet, uns in die Eigenthümlichkeiten der

Vegetation des tropischen Urwaldes und die Existenzbedingungen in

demselben einzuführen, die Entwickelung seiner Bestandtheile, die Ursachen

seiner gegenwärtigen Physiognomie unserem Verständniss näher zu bringen.

Es kommen zwar einige phanerogamischen Epiphyten im südlichen Theil des

nordamerikanischen Waldgebiets vor. Dieselben sind aber im Gegensatz zu

den Gewächsen, auf oder über welchen sie leben, sämmtlich tropische

Colonisten und daher eher geeignet, die Kluft zwischen dem tropischen und

dem nordamerikanischen Urwald zu vertiefen, als dieselbe auszufüllen.

Meine erste Bekanntschaft mit den Epiphyten rührt von einer nur

zweiwöchentlichen Excursion nach Florida im Frühjahr *1881*. Später habe

ich sie in Westindien und Venezuela (*1881*, *1883*), zuletzt in Brasilien

(*1885*) einem genaueren Studium unterworfen. Die auf meinen ersten Reisen

gewonnenen Ergebnisse wurden *1884* im Botanischen Centralblatt (Bau und

Lebensweise der Epiphyten Westindiens) veröffentlicht; ich hatte damals

wesentlich die Anpassungen untersucht, durch welche die Epiphyten auf

Baumästen Wasser und Mineralstoffe erhalten. Diese Fragen bilden wiederum

einen Theil der vorliegenden Arbeit, wurden aber durch neue Beobachtungen

wesentlich erweitert.

Wenn ich in dieser Arbeit eine relative Vollständigkeit erreichen konnte,

so habe ich es vor Allem der vielseitigen Unterstützung durch Fachgenossen

und Freunde zu verdanken. Ganz besonders möchte ich meinen Dank

aussprechen dem früheren General-Forstinspektor in Britisch-Indien, Dr.

D. BRANDIS, der mir aus seinen reichen Erfahrungen sehr wichtige

Mittheilungen über das Vorkommen und die Lebensweise der Epiphyten in

Ostindien machte und ausserdem mir sein grosses Herbarium und seine an

sonst schwer zugänglichen Werken reiche Bibliothek zur freien Verfügung

stellte; Frau Dr. BRANDIS hatte die Güte, mir das von ihr nach der Natur

gemalte schöne Bild, welches auf unserer ersten Tafel reproducirt ist, zur

Verfügung zu stellen. Sehr wesentliche Unterstützung erhielt ich auch von

den Herren GAMBLE, Conservator of forests in Madras, der mir sehr

werthvolle Mittheilungen über die Epiphyten Ostindiens machte, Prof. Dr.

HIERONYMUS, der mich in liberalster Weise mit Büchern und Material

unterstützte, Prof. Dr. GRAVIS, Prof. OLIVER und Prof. Dr. WITTMACK. Auch

diesen Herren spreche ich hiermit meinen herzlichsten Dank aus.

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I. DIE SYSTEMATISCHE ZUSAMMENSETZUNG DER EPIPHYTENGENOSSENSCHAFT IN

AMERIKA.

1. Ein einigermassen vollständiges Verzeichniss der Pflanzenarten, die in

Amerika epiphytisch wachsen, kann zur Zeit nicht aufgestellt werden; dazu

sind die Standortsangaben in Herbarien und Floren zu unvollständig. Um

jedoch ein ungefähres Bild der systematischen Zusammensetzung der

Epiphytengenossenschaft in Amerika zu geben, habe ich die Gattungen

zusammengestellt, die nach meinen eigenen Beobachtungen oder Angaben in

der Litteratur epiphytische Arten enthalten. Obwohl dieses Verzeichniss

unzweifelhaft nicht ganz vollständig ist, dürfte es seinen Zweck

erreichen, indem die Lücken wesentlich die Orchideen und andere Familien

mit zahlreichen epiphytischen Vertretern, oder Formen von äusserst

beschränkter Ausdehnung treffen werden.

Es schien mir von Interesse, das Verzeichniss nicht auf die amerikanischen

Epiphyten zu beschränken, sondern die übrigen Welttheile mit zu

berücksichtigen; letzteres geschah jedoch nicht für die Farne und

Orchideen. Die nicht amerikanischen Epiphyten stehen zwischen Klammern;

ihr Verzeichniss ist, trotz meiner Bemühungen, jedenfalls weit weniger

vollständig geblieben als dasjenige der amerikanischen.

*Pteridophyta.*

*Lycopodiaceae.*

Lycopodium. — Trop. Am. (Ubiquit. Tropen.)

Psilotum. — Trop. Am., Florida. (Ubiquit. Trop.)

(Tmesipteris. — Austral., Neu-Seeland.)

*Filices.*

Ophioglossum. — Florida, Westindien.

Trichomanes. — Trop. u. temp. N.- u. S.-A.

Hymenophyllum. — Trop. u. temp. N.- u. S.-A.

Adiantum pumilum. — W.-Ind.

Taenitis. — Trop. Am.

Vittaria. — Trop. u. subtrop. N.- u. S.-Am.

Antrophyum. — Trop. Am.

Pleurogramme. — " "

Stenochlaena. — " "

Rhipidopteris. — " "

Acrostichum. — " "

Polybotrya. — " "

Anetium. — " "

Asplenium. — Trop. u. antarkt. Am.

Aspidium (incl. Nephrolepis). — Trop. Am.

Polypodium. — Trop. u. temp. N.- u. S.-Am.

Grammitis. — Trop. Am.

Xiphopteris. — " "

*Monocotyleae.*

*Liliaceae.*

Luzuriaga. — Süd-Chile.

(Astelia. — Neu-Seeland)

*Amaryllidaceae.*

Hippeastrum (u. a. Gatt.?). — Brasil.

*Bromeliaceae.*(*1*)

Nidularium. — Trop. Am.

Rhodostachys. — Chile.

Billbergia. — Trop. Am.

Aechmea. — " "

Ortgiesia. — " "

Pothuava. — S.-Brasil.

Lamprococcus. — Trop. Am.

Chevaliera. — " "

Echinostachys. — N.-Brasil.

Macrochordium. — Trop. Am.

Canistrum. — " "

Brocchinia. — W.-Ind. (B. Plumieri.)

Sodiroa. — Columbien, Aequator.

Caraguata. — Columbien, W.-Ind.

Guzmannia. — Peru bis W.-Ind.

Tillandsia. — Trop. und subtrop. Am.

Vriesea. — " "

Catopsis. — Trop. Am.

*Cyclanthaceae.*

Carludovica. — Trop. Am.

*Araceae.*

Philodendron. — Trop. Am.

(? Anadendrum. — Mal. Arch.)

(? Rhaphidophora. — Trop. As., Austr., Polynes., Afr.)

(Pothos. — Trop. O.-As.)

Anthurium. — Trop. Am.

Die Zahl der Epiphyten führenden Gattungen ist wahrscheinlich eine weit

grössere; es lässt sich jedoch aus der Literatur nichts Bestimmtes darüber

entnehmen und meine eigenen Beobachtungen erstrecken sich nur auf

Philodendron und Anthurium.

*Zingiberaceae.*

Hedychium simile. — Java.

*Orchidaceae.*

_I. Epidendreae._

Pleurothallis. — Trop. Am.

Stelis. — " "

Physosiphon. — " "

Lepanthes. — Anden.

Restrepia. — Trop. Am.

Masdevellia. — Trop. Am., vorw. v. Peru nach Mexico.

Arpophyllum. — Mexico u. C.-Am.

Octomeria. — Bras., Guiana, W.-Ind.

Meiracyllium. — Mex., C.-Am.

Bulbophyllum. — Trop. Am.

Coelia. — W.-Ind., Mex., C.-A.

Bletia. — Trop. Am.

Elleanthus. — Trop. Am.

Lanium. — Bras., Surinam.

Amblostoma. — Bras., Peru, Bol.

Seraphyta. — W.-Ind.

Diothonea. — And. Columb. u. Peru.

Stenoglossum. — Trop. And.

Hormidium. — Trop. Am.

Hexisea. — " "

Scaphyglossis. — " "

Hexadesmia. — " "

Octedesmia. — W.-Ind.

Alamania. — Mexico.

Pleuranthus. — Trop.

Diacrium. — Gui., C.-Am., Mexico.

Isochilus. — Trop. Am.

Ponera. — Mex., C.-Am., O.-Bras.

Pinelia. — Brasilien.

Hartwegia. — Mex., C.-Am.

Epidendrum. — Trop. u. subtrop. Am.

Broughtonia. — W.-Ind.

Cattleya. — Trop. Am.

Laeliopsis. — W.-Ind.

Tetramicra. — Trop. Am.

Brassavola. — " "

Laelia. — " "

Schomburgkia. — " "

Sophronitis. — Brasilien.

_II. Vandeae._

Galeandra. — Trop. Am.

Polystachya. — " "

Cyrtopodium. — " "

Zygopetalum. — " "

Grobya. — Brasil.

Cheiradenia. — Guiana.

Aganisia. — Trop. Am.

Acacallis. — Brasilien.

Eriopsis. — Nördl. S.-Am.

Lycomormium. — Columb., C.-Am.

Batemannia. — Guiana.

Bifrenaria. -— Brasil., Col., Guiana.

Xylobium. — Trop. Am.

Lacaena. — C.-Am.

Lycaste. — Peru bis Mex. und W.-Ind.

Anguloa. — And. Peru, Columb.

Chondrorhyncha. — Columbien.

Gongora. — Trop. Am.

Coryanthes. — Trop. S.-Am.

Stanhopea. — Trop. Am.

Houlletia. — Bras., Columb.

Peristeria. — Anden Columb.

Acineta. — Col. bis Mex.

Catasetum. — Trop. Am.

Mormodes. — Columb. bis Mexico.

Cycnoches. — Guiana bis Mexico.

Chrysocycnis. — N.-Granada

Polycycnis. — Guiana, C.-Am.

Stenia. — Guiana, Columbien.

Schlimmia. — And. Columbien.

Clowesia. — Brasil.

Mormolyce. — Mexico.

Scuticaria. — Brasil., Guiana.

Maxillaria. — Trop. Am.

Camaridium. — Gui., Col., Peru.

Dichaea. — Trop. Am.

Ornithidium. — Trop. Am.

Cryptocentrum. — Ecuador.

Diadenia. — Para, Peru.

Comparettia. — Trop. And.

Scelochilus. — " "

Trichocentrum. — Bras., C.-Am.

Rodriguezia. — " "

Trichopilia. — Trop. Am.

Aspasia. — Bras., C.-Am.

Cochlioda. — And. S.-Am.

Dignathe. — Mexico.

Saundersia. — Brasil.

Brachtia. — Columbien.

Odontoglossum. — Trop. And.

Oncidium. — Trop. Am.

Miltonia. — Peru, Bras.

Brassia. — Trop. Am.

Solenidium. — And. Col.

Leiochilus. — C.-Am., Mexico, W.-Ind.

Erycina. — Mexico.

Gomeza. — Brasil.

Abola. — And. Columbien.

Neodryas. — Bol., Peru.

Ada. — Amnd. Columbien.

Sutrina. — Peru.

Trigonidium. — Bras., C.-Am.

Ornithidium. — Trop. Am.

Jonopsis. — " "

Cryptarrhena. — C.-Am., Guiana.

Ornithocephalus. — Trop. Am.

Zygostates. — Brasil.

Phymatidium. — Brasil.

Chytroglossa. — Brasil.

Hofmeisterella. — And. Ecuador.

Lockhartia. — Trop. Am.

Pachyphyllum. — And. S.-Am.

Dendrophylax. — W.·Ind.

Campylocentron. — Trop. Am.

Cirrhaea. — Trop. Am.

Telipogon. — And. Columb., Peru.

Trichoceros. — Columb., Peru.

_III. Neottieae._

? Vanilla. — Trop. Am.

Stenoptera. — Bras., W.-Ind.

_IV. Cypripedieae._

Die epiphytische Vegetation Amerikas · 第 12 / 44 题