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SECHS JAHRE IN SURINAM
ODER
BILDER AUS DEM MILITÄRISCHEN LEBEN
DIESER COLONIE,
UND
SKIZZEN ZUR KENNTNISS SEINER SOCIALEN UND
NATURWISSENSCHAFTLICHEN VERHÄLTNISSE
VON
A. KAPPLER,
früher in holländischen Militärdiensten.
STUTTGART.
E. SCHWEIZERBART'SCHE VERLAGSHANDLUNG UND DRUCKEREI.
1854.
MEINEM VEREHRTEN COMMANDANTEN,
DEM PENSIONIRTEN MAJOR
HERRN C. B. KRAYENHOFF VAN WICKERA
IN PARAMARIBO,
GEWIDMET.
VORWORT.
Das Interesse, welches in neuester Zeit das holländische und französische
_Guyana_ bei Manchem erregt, die verschiedenen Meinungen, welche
über Sklaverei herrschen und das schlechte Prädicat hinsichtlich des
Gesundheits-Zustandes beider Colonien ermuthigten mich, die Erfahrungen und
Erlebnisse während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Surinam auf diesem
Wege mitzutheilen.
Diese gehören zwar nicht der jüngsten Zeit an; denn obwohl ich Surinam seit
siebenzehn Jahren bewohne, so habe ich doch den militärischen Stand schon
seit eilf Jahren verlassen, und meine jetzigen Verhältnisse, obwohl manches
Unterhaltende darbietend, können keine weiteren Bemerkungen über die Natur
und lokalen Beziehungen, welche dieselben geblieben sind, gestatten.
Es gibt manche Reisebeschreibungen über Surinam, aber keiner der
Schriftsteller, _Stedman_ etwa ausgenommen, hat sich in Lagen befunden,
wie ich, hat die Hitze der Tropen und ihre Regengüsse wie ich gefühlt,
von Mosquittos geplagt, lange Nächte durchgewacht oder am bescheidenen
Soldatentische mitgegessen, daher bei dem reizenden Bilde, das die Natur
zwischen den Wendekreisen liefert, die Schattenseite übersehen, oder
wenigstens nicht aus Erfahrung beschrieben. Trotz den Berichten der
Reisenden, die der Wahrheit gemäss sich über diese Colonien günstig
äusserten, blieben Surinam und Cayenne verrufene Länder. Man glaubte,
dass die heisse Luft in den Sümpfen Guyana's nur Mosquittos und Reptilien
ausbrüte, und Epidemien und Fieber ununterbrochen aufeinander folgen, und
der Ruf der Sklaverei, unter der die armen Schwarzen seufzten, wirkte noch
unheimlicher auf die Phantasie, die so häufig das Wahre und Wahrscheinliche
verwirft, um sich am Mährchenhaften und Unglaublichen anzuklammern.
Dazu kamen noch manchmal die übertriebenen Berichte von katholischen und
protestantischen Missionären, die im Interesse ihrer Congregationen die
Zustände schilderten, oder ihre Leistungen ausschmückten, um fromme Seelen
zum Abscheu und zu Beiträgen zu bewegen; kurz man schauderte vor beiden
Colonien, nur Erbschafts-Candidaten schlossen sie in ihr Gebet ein.
Ich habe beim Niederschreiben dieser Blätter mich blos meiner und nicht
anderer Erfahrungen bedient, sie sind aber genau und wahr und ich
glaube den Zweck, durch diese Skizzen zur Kenntniss der socialen und
naturwissenschaftlichen Verhältnisse Surinam's beizutragen, damit zu
erreichen.
_Stuttgart_, im Juni 1853.
A. Kappler.
Erster Abschnitt.
Ursachen der Abreise. Anwerbung in Amsterdam. Ankunft und Aufenthalt
in Harderwyk. Einschiffung in Hellevoetsluis. Lebensweise an Bord.
Strafexecution. Abreise. Beschäftigungen während der Ueberfahrt.
Seepolypen. Anblick des Landes. Einfahrt in den Surinam. Ausschiffung
und Aufenthalt auf Forteress Amsterdam. Der Mangobaum.
Ohne eine vorherrschende Neigung für das eine oder andere Fach, das meine
bewegliche Individualität besonders angezogen hätte, wählte ich in meinem
vierzehnten Jahre das des Handelstandes, wiewohl ich ohne alles Vermögen
blos die Aussicht hatte, in ewig subalterner Rolle mein Leben lang hinterm
Ladentische fungiren zu müssen, wenn nicht das zweifelhafte Glück mir zur
Selbstständigkeit verhülfe.
Durch den Tod meines Lehrherrn musste ich St. verlassen, und, da meine
Lehrzeit noch nicht beendigt war, im Laden eines Specereihändlers in einem
kleinen Landstädtchen vollends ausstudiren.
Es war auch in der That ein Studium, mir die neuen Verhältnisse eigen zu
machen: kaum graute der Morgen, als man zum Verkaufe von Tabak, Zucker und
Kaffee das Bett verlassen musste, und regelmässig beschien die aufgehende
Sonne Haufen frisch gepappter Tüten verschiedenen Kalibers. Zimmt stossen
und Pfeffer mahlen waren kleine Intermezzo's im Ciklus der täglichen
Geschäfte, und mit dem Behängen der Fenster mit baumwollenen Tüchern,
prächtigen Pfeifen und Rauchtabak-Etiquetten für den kommenden Sonntag
schloss die Woche.
Die wenigen Stunden, welche ich des Sonntags für mich verwenden durfte,
verlief ich einsam in den nahen Wäldern, oder erkletterte die uralten
Thürme der Stadtmauer, um die häuslichen Einrichtungen der dort
privatisirenden Eulen zu inspiciren.
Mein Principal, der die Lungenschwindsucht hatte, und desshalb nicht
immer bei rosenfarbener Laune war, wünschte mich, wenn ich nicht immer den
Ehrgeiz, den ein mittelloser Lehrjunge vor seinem Lehrherrn zeigen muss,
zur Schau trug, oder den Tabak mit einer gewissen Nonchalance abwog, in's
Pfefferland, welch' frommem Wunsche ich denn endlich auch noch nachkam.
Als meine Lehrzeit vorüber war, bekam ich als Commis eine Stelle in der
bedeutenden Handelsstadt H. Hier erst zeigte sich mir der Handel von seiner
ehrwürdigen und grossartigen Seite. Bedeutende Kaufleute hatten hier selbst
mehrere Commis, und für Lehrjungen war H. die wahre Akademie des Handels.
Aber der Widerwillen an meinem Berufe hatte schon zu tief bei mir Wurzel
gefasst, als dass ich in dem erweiterten Handelskreise an merkantilischen
Kenntnissen noch hätte profitiren können. Ohne ein festes Wollen und Ziel
war mir die freie Natur das Liebste, nichts widerlicher als die dumpfige
Ladenluft und der gellende Ton der Thürglocke.
Ich beschloss endlich, mein Glück in der weiten Welt zu suchen und in
Griechenland, wohin sich in dieser Zeit jeder desperate Kopf anwerben
liess, mich unter das Militär aufnehmen zu lassen. Mit diesem Vorsatze und
sehr wenig Geld verliess ich am 1. März 1835 H. und sagte im Stillen
meinen Oefen und Kacheln, sowie allen Ladenzöglingen der guten Stadt ein
herzliches Lebewohl.
Es ist hier nicht der Platz, die Abenteuer dieser Reise zu erzählen. Ohne
Pass konnte ich nicht Mitglied der griechischen Legionen werden, und musste
desswegen mit hängendem Kopfe wieder in die Heimath zurückkehren.
Ich richtete nun meinen Blick auf _Ostindien_, dessen Gewürze ich mit so
grossem Widerwillen zerstossen und zermahlen hatte, und beschloss, das
Pfefferland zu suchen, wohin mich mein griesgrämiger Lehrherr gewünscht
hatte.
Nichts stellte sich jetzt mehr meiner Abreise entgegen. Die Meinigen hatten
einsehen lernen, dass von mir nicht viel mehr zu erwarten sey, besorgten
mir einen Pass und bescheidenes Reisegeld, um in Holland mich anwerben
lassen zu können, und so verliess ich abermals am 14. Juli 1835 meine
Vaterstadt, um nach dem Norden zu pilgern, da man mich im Osten nicht haben
wollte.
Durch die Schnelligkeit meiner Füsse und des Dampfbootes war ich bereits
am zweiten Tage in der Grenzstadt Nymwegen. Wie fremd und neu war mir alles
hier; wie bewunderte ich die Reinlichkeit und Eleganz selbst der kleinsten
Dörfer Hollands! Welcher Unterschied zwischen den Landstädtchen und
Dörfern Süddeutschlands, wo ein Misthaufen an den andern stösst, und man
im Schmutze der Strassen beinahe versinkt! -- Hier sieht man bei jedem
Schritte den Wohlstand des Landes; dasselbe ist zwar eben und arm
an malerischen Partien; aber der wohlangebaute Boden, die kolossalen
Wasserwerke und gemeinnützigen Bauten, die herrlich angelegten Wege und
Kanäle ersetzen dem Besuchenden reichlich den Mangel an pittoresken Scenen.
Hätte meine Börse, die mich in Holland nicht mehr sehr drückte,
es zugelassen, ich hätte wahrscheinlich nicht so geeilt, unter den
Commandostab der Corporale zu kommen. So aber war ich genöthigt, mich in
Amsterdam anwerben zu lassen, und nach wenigen Umständen trat ich ohne
Handgeld unter die holländischen Kolonialtruppen.
Das Depot dieses Corps lag in der kleinen Stadt Harderwyk, an den Ufern
der Zuydersee, wohin ich mit dem Botenschiffe am 27. Juli abfuhr. Mit den
wenigen Cents, welche mir übrig geblieben waren, ging ich so glücklich und
zufrieden an Bord, als hätte ich eine reiche Erbschaft zu holen.
Einige Juden und Fischer lagen im Raume umher und sprachen fleissig dem
mitgebrachten Genever zu, oder schnarchten, bis wir um 2 Uhr des Nachts am
Brückenkopfe der Stadt landeten.
Ich konnte kaum den Tag erwarten, an dem ich meine militärische Laufbahn
antreten sollte, und befand mich schon frühe an den Ufern der Zuydersee, wo
ich einige Haufen Menschen erblickte, die man in ihren groben, grauen Hosen
und Wämsern für Zuchthauseleven zu halten nicht abgeneigt war. Es waren
aber Soldaten, die ohne Waffen erst das Gehen und Stehen nach dem Takte
zu erlernen hatten, und ich erfuhr, dass meiner eine eben so zierliche
Kleidung harre. Die weitere Beschreibung der Lebensart dieser Colonialen
war ebenso wenig einladend als ihre Kleidung, und mein Enthusiasmus für die
Sache war dadurch beinahe am Sinken. Aber -- =tu l'as voulu=, dachte ich,
und liess mich beim Commandanten melden.
Der Colonel, Commandant des Depots, war ein freundlicher Mann, und ganz
geschickt, den Eindruck, den die schlechte Uniform seines Corps auf die
Neuankommenden machte, zu verscheuchen. Er war ein Schweizer und sprach
deutsch mit mir. Nachdem er meine Papiere durchgelesen hatte, wurde ich
nach der Kaserne gebracht, wo ein Haufen Neugieriger mich umringte, und aus
meiner Kleidung Folgerungen machte, wer und woher ich wäre.
Der grössere Theil meiner neuen Kameraden waren Deutsche, und zwar aus
allen Theilen des gemeinschaftlichen Vaterlandes: Hannoveraner, Hessen,
Sachsen, von der polnischen Grenze, Preussen und Oesterreicher; man hörte
alle Dialecte, und obgleich, wie ich mich eben ausdrückte, alle diese
Herren der Kleidung nach genau den Sträflingen gleich sahen, so war
man doch in ganz nobler Gesellschaft; denn man fand Grafen und Barone,
weggelaufene Doctoren, bankerotte Kaufleute, entlassene Officiere und
Schauspieler, welche kein anderes Engagement hatten finden können, ja
selbst einen katholischen Geistlichen, Alle entschlossen, der Fortuna, die
ihnen in Europa nicht lächeln wollte, in Ost- oder Westindien freundliche
Blicke abzulocken.
Ein Landsmann, der früher Officier war und aus einer sehr angesehenen
Familie Württembergs stammte, aber durch Ausschweifungen und Liebe zum
Trunk genöthigt wurde, dort seine Entlassung zu nehmen, besorgte mir einen
Kessel mit Suppe, der ich mit grossem Appetite zusprach. Er war vor Kurzem
erst angekommen, und konnte sich in die neue Lebensweise nicht recht fügen.
Ausser dem Genever fand er Alles abscheulich.
Am folgenden Tage wurde ich gekleidet, wobei sich ein Jude einfand, der
meine abgelegten Kleider kaufen wollte, sie aber so nieder anschlug, dass
ich ihm keine Antwort gab. Da jedoch der Fourier, der sicher jedesmal
etwas profitirte, Schwierigkeit machte, das abgelegte Zeug in die Kaserne
zurückzunehmen, so liess ich dem Schurken Alles für ein Spottgeld. Jetzt
ging es an's Exerciren, wobei ich mir schrecklich viele Mühe gab, die
sanften Erklärungen der Corporale zu begreifen, da ich der holländischen
Sprache nicht mächtig war.
Unsere Lebensweise war nun folgende: des Morgens 5 Uhr schlug's Reveille,
wobei durch die Corporale das Brod ausgetheilt wurde; um 6 Uhr begann das
Exerciren, das bis 9 Uhr dauerte, um 10 Uhr war Apell, hernach ass man eine
wohlschmeckende, kräftige Suppe, worauf von 1-4 Uhr wieder exercirt wurde.
Um 4 Uhr war abermals Apell, wobei jedesmal ein geputztes Waffen- oder
Kleidungsstück zur Inspection gebracht werden musste. Hierauf kam ein
Gericht von Erdäpfeln, Radatoe genannt, zum Mittagsmahl. Nachdem man kaum
den Löffel abgewischt hatte, rief die Trommel abermals zum Exerciren, das
mit der Nacht endigte. Weiber mit Kaffee, Butter, Käse, Schweinsklauen
und andern Bäckereien hatten indess ihren Einzug in den Hof der Kaserne
gehalten; sie schenkten Kaffee, für 1 Cent die Tasse. Branntwein oder
Liqueurs durften nicht in die Kaserne gebracht werden, desshalb waren
auch unsere Soirées, in deren Mitte die Kaffeefrau mit ihren Delicatessen
präsidirte, sehr friedsam und unterhaltend. Man sang, erzählte und lebte um
ein paar Cents ganz köstlich, bis der Zapfenstreich dem Wohlleben ein Ende
machte.
Diese neue Lebensweise war mir natürlich ungewohnt; doch fand ich mich
schneller darein, als ich selber geglaubt hatte. Ich that mein Möglichstes,
um exerciren zu lernen und meine Waffen und Kleider in Ordnung zu halten.
An freien Tagen ging ich mit Kameraden in die Stadt, die wir aber nicht
verlassen durften. Ueberall standen Schildwachen, um die Vögel im Käfige
zu halten und der Desertion vorzubeugen. Dessen ungeachtet entschlüpften
Manche, meistens Deutsche, welchen ihr jetziger Stand um so unerträglicher
war, je weniger sie ihre früheren Verhältnisse vergessen konnten.
Die Stadt _Harderwyk_, früher der Sitz einer Universität, ist ein kleiner,
unbedeutender Platz an der Zuydersee; sie mag etwa 5-6000 Einwohner
zählen. Die Hauptbeschäftigung derselben ist der Fischfang, und eine nicht
unbedeutende Quelle ist das Dépot der 1. Division Nr. 33 der Landmacht,
nämlich der Sammelplatz der für die Colonien Hollands bestimmten Truppen.
Der jährliche Bedarf für die Colonien ist unbestimmt; er beläuft sich
zuweilen für Ostindien auf circa 1500, für Surinam und Curacao auf 150-200
Mann, und wenige für das Fort St. Georg d'Elmina in Afrika. Alle
diese Glücksadspiranten verzehren ihren Sold und das Geld, welches sie
mitbringen, oder von Hause erhalten, in den Geneverkrügen des Städtchens,
deren es gar viele gibt, oder lassen dasselbe in den Händen von
Freudenmädchen, die ebenfalls in Menge sich hier aufhalten.
Unsere Kaserne hiess Oranje Gelderland; sie vereinigte in sich alle, welche
für die Colonien bestimmt waren, und welche aus denselben als unbrauchbar,
oder mit Abschied zurückkamen. Der erstere Theil bestand theils aus
belgischen Deserteuren oder aus entlassenen Dieben vom Zuchthause in
Leyden, auch aus sogen. Strafdivisionären (Menschen, die bei keinem
Regimente zu gebrauchen sind, desswegen nach den Strafdivisionen, bei
welchen es Prügel regnet, übergesendet werden, und nur durch das einzige
Mittel, für die Colonien sich freiwillig zu engagiren, davon loskommen),
und endlich aus Deutschen aller Art, von welchen die meisten durch das eine
oder andere Unglück zu diesem Schritte genöthigt waren. Sie haben zwar im
Allgemeinen vor den oben erwähnten Belgiern und Holländern den Vortheil
einer grösseren Bildung voraus; aber diese gewährt nicht immer den
einer grösseren Moralität. Viele wissen sich durch Geschmeidigkeit und
Unterwürfigkeit beliebt zu machen, und machen ihr Glück. Klagen über
schlechte Behandlung sind selten gerecht. Man findet in der ganzen Armee
sehr viele Deutsche, die sehr ansehnliche Chargen bekleiden, und man muss
sich im Gegentheil wundern, dass man Fremdlinge nicht zurücksetzt, da man
mit einheimischen Cadetten und Adspiranten selbst überladen ist.
So wenig Anziehendes der Charakter der nach den Colonien abgehenden Truppen
im Allgemeinen auch hat, so ist er doch in moralischer Hinsicht unendlich
besser als derjenigen, welche aus den Colonien zurückkommen. An Körper
häufig Krüppel, und durch den Genuss des Branntweins an Geist so
geschwächt, dass man gar keine gute Eigenschaft mehr hoffen kann, warten
diese Leute auf ihren Abschied, ihre Pension oder Gnadengelder, womit sie
in wohlfeilen Plätzen Hollands sich bei Bauern in Kost und Wohnung begeben,
aber selten ein hohes Alter erreichen, da Klima und Lebensweise ihrem
gebrechlichen Körper nicht zusagen. Es kamen während meiner Anwesenheit
in Harderwyk einige Transporte aus Ostindien. Die Meisten hatten ihre
Habseligkeiten in den ersten Häfen bereits verkauft, und zitterten bei
jedem rauhen Winde wie Espenlaub. Doch meine erste Rückreise aus Surinam,
die ich später ausführlicher beschreiben werde, wird ein wahres Bild aller
aus Ost- oder Westindien zurückkehrenden Truppen abgeben.
Es waren seit meiner Ankunft schon mehrere Transporte abgereist, und jedem
hatte ich sehnsüchtig nachgeblickt; aber die Reihe sollte so schnell noch
nicht an mich kommen, da man sich beeilte, die Belgier und Sträflinge
zuerst auf's Wasser zu bringen.
Es nahete der Winter mit raschen Schritten, und beim Erdäpfelschälen, dem
sich keiner entziehen durfte, gab es kalte Finger. Ich befürchtete
jetzt sehr, die kalte Jahreszeit in Holland zubringen zu müssen. Diesem
vorzubeugen, bat ich den Kapitän meiner Compagnie, einen freundlichen,
wohlwollenden Mann, mich bei dem nach Surinam abgehenden Transporte
einzuschreiben. Zwei Tage später, am 3. November lieferte ich meine Waffen
ein und machte mich reisefertig.
Den 4. November 1835 verliessen wir Harderwyk. Es war ein heller, kalter
Tag, und unser Detachement, das aus 60 Mann bestand, war im Kasernenhofe
angetreten. Wir waren mit unsern Ranzen bepackt, und in den offenen
Feldkessel erhielten wir beim Abmarschiren das gewöhnliche Viaticum, ein
Pfund Brod und gebratenes Fleisch.
Der Chef übergab uns einem in Urlaub gewesenen und nach Surinam
zurückkehrenden Officier der Artillerie. Voraus die Musik des Depots,
begleitet von allen Gassenjungen und dem Pöbel Harderwyks, zogen wir
wohlgemuth zum Seethor hinaus, wo eine Barke lag, die uns nach Amsterdam
bringen sollte.
Dass Viele unseres Detachements betrunken waren, lässt sich denken; auch
brachten Manche, obwohl zuvor scharf visitirt ward, noch Branntwein an
Bord, so dass es die ganze Nacht durch Händel und Schlägereien gab, und an
Schlaf nicht zu denken war. Der Lieutenant, der bei diesem wilden Haufen
doch nichts machen konnte, zog sich in die Kajüte zurück. In dem kleinen
Raume, in welchem wir eingepfercht waren, herrschte eine Hitze und übler
Geruch zum Ersticken, so dass ich die kalte Luft des Verdecks vorzog.
Bereits gegen 5 Uhr Abends sahen wir die vielen Thürme Amsterdams, blieben
aber die Nacht über vor dieser Stadt liegen.
Den 5. gegen Mittag fuhren wir in einem geräumigen Schiffe, das durch
Pferde gezogen wurde, über Haarlem, Rotterdam, Gouda, wo wir den 8.
ankamen, und das zu unserer Ueberfahrt bestimmte Transportschiff Prinz
Willem Frederik Hendrik lag. Den folgenden Tag wurden wir eingeschifft.
Die Reinlichkeit, die Sorgfalt, womit jeder Raum benützt wird, ist
bewundernswürdig, und es schien mir unmöglich, dass eine solche Menge
Menschen darin logiren könne, ohne wie Häringe aufeinandergehäuft zu
seyn. Die Matrosen, deren etwa 50 an Bord waren, befanden sich von uns
abgesondert, wiewohl auf gleiche Weise eingetheilt. Man schied uns in 6
Backe, wovon je 3 auf jeder Seite des Schiffs waren. Jeder Back bestand aus
10 Mann, die zusammen eine Tafel, welche mit Tauen am Verdeck hing,
zwei Bänke, eine Lampe und eine grosse Kiste, worin die tägliche Ration
aufbewahrt wurde, zum Gebrauche hatten. Bei unserem Detachement befand sich
bloss ein Sergeant und ein Korporal, die unter die 60 Mann vertheilt
waren. Bei jedem Back wurde ein Backmeister gewählt, der für Ordnung und
Reinlichkeit zu sorgen hatte, und während der ganzen Reise dieses Amt
bekleidete. Ausser ihm hatte noch eine andere Person ein Amt, das die
übrigen 9 Mann abwechslungsweise versahen, und zwar ein sehr lästiges,
nämlich das des Essenholens, Aufwaschens, Rationvertheilens u. s. w. Der
damit Geplagte hiess mit seinem Amtstitel: »Söhnchen«. Die Kost bestand des
Morgens aus Grütze, die man mit Butter vermischte; voraus ging ein Schnaps
(Orlam), vom Bottelier des Schiffes ausgetheilt. Um 11 Uhr genoss man
abermals einen Schnaps, und um 12 Uhr Erbsen mit Speck oder gesalzenem
Fleische. Das Essen wurde durch das Söhnchen in einem Back oder hölzernen
Kübel geholt. Der Speck wurde durch denselben in 10 Portionen geschnitten,
und durch einen, der die Augen davon abwenden musste, jedes Stück der Reihe
nach ausgetheilt, um Parteilichkeit zu vermeiden. Es ass nun Jeder aus dem
Backe, wobei es manchmal heftige Streitigkeiten gab, weil die einen gern
Essig, die andern keinen darin haben wollten, und Teller nicht vorhanden
waren, um die Erbsen zu theilen. Nach dem Essen musste das Söhnchen den
Kübel und die Löffel reinigen, die Tafel und den Boden aufwaschen und alle
häuslichen Geschäfte verrichten. Bei stürmischem Wetter passirte es später
manchmal, dass das Söhnchen mit den Erbsen die Treppe herabfiel, und die
unten Stehenden die heisse Brühe auf's Gesicht und die Kleider bekamen,
wobei es dann manches Donnerwetter absetzte.
Wir waren zu unsern Dienstverrichtungen auf dem Schiffe in zwei Theile
abgetheilt, nämlich in die Steuer- und Backbordseite. Es werden so die zwei
Seiten des Schiffes genannt, von welchen, wenn man vom Hintertheile des
Schiffes nach vornen sieht, die rechte Steuer- und die andere Backbord ist.
Die eine Hälfte unserer Mannschaft war auf dieser, die andere auf
jener Seite. Während der ganzen Reise musste die Mannschaft einer Seite
abwechslungsweise sich auf dem Verdecke befinden. Ob es nun regnete oder
stürmte, kalt oder warm war, von den dreissig Männern, welche diese Wache
hatten, durfte keiner sich im Zwischendeck befinden. Die Ablösung fand
je nach vier Stunden statt, welchen Zeitraum man eine Wache nannte, deren
sechs ein Etmaal oder einen Tag ausmachen. Die Zeit, nach welcher man die
Wachen austheilt, wird durch ½ Stundenglas dadurch angezeigt, dass man
z. B. um ½1 Uhr einmal, um 1 Uhr zweimal, um ½2 Uhr dreimal, um 4 Uhr
achtmal an die Glocke schlägt, was man Glasen nennt. Erhält man auf die
Frage, wie spät es ist, zur Antwort: 3 Glasen, so weiss man, dass es ½2,
½6 oder ½10 Uhr ist. Das Kommando an Bord geht durch Pfeifen; jeder
Unterofficier des Schiffes führt eine solche bei sich. Die Signale, welche
dadurch gegeben werden, beziehen sich meist auf die Arbeiten der Matrosen;
jedoch wurde auch zum Essen und zum Schnaps gepfiffen. Ausser dem gekochten
Essen, das immer aus Grütze und Erbsen bestand, bekam man wöchentlich
zweimal Zwieback, Käse und Butter; auch wurde jeden Abend warmes Wasser,
Theewasser genannt, ausgetheilt. Dieses brauchte jeder nach Belieben;
ich brockte in das meinige Zwieback, Käse, Butter und Speck, den ich vom
Mittagessen übrig hatte, und Zwiebel, die man von der Frau des Schiffers
kaufen konnte, und hatte somit die herrlichste Suppe, die man unter solchen
Umständen bereiten konnte. Mit anbrechender Dunkelheit wurden die Lampen
angezündet, und die, welche die Wache hatten, spielten Lotto oder Domino,
oder vertrieben sich auf andere Weise die Zeit. Abends 8 Uhr hing man die
Hängematten auf, die den Tag über in der Verschanzung aufgehoben wurden,
und legte sich schlafen, während die wachthabende Hälfte ungeduldig auf
dem Deck herumtrippelte, bis auch die Reihe an sie kam, in die warmen
Hängematten zu liegen.
Es ist aber nichts Leichtes, in einem so engen Raume mit so vielen Menschen
zu schlafen, und deren Ausdünstung, wie die von Thee, Käse und andern
Ingredienzien, erträglich zu finden, dabei abgerechnet das Geräusch von
etwa 60 Menschen überm Kopfe, das Geknarre der Hängematten, die immer gegen
einander anstossen, das Geseufze der Masten, das Klirren der Ankerketten
und das Schlagen der Wellen von aussen.
Wir blieben nach unserer Einschiffung noch 8 Tage auf der Rhede von
Hellevoetsluis und segelten den 17. November ab. Kaum waren wir zwei
Stunden vom Hafen entfernt, so lief das Schiff durch Unvorsichtigkeit des
Lootsen auf eine Bank; das Steuerruder hackte aus und nahm noch sonstigen
Schaden. Man that einige Schüsse, auf welche sogleich mehrere Kanonierboote
herbeieilten, um uns beizustehen. Durch das Dampfboot Curacao wurden wir
Nachmittags nach dem Hafen zurückgeschleppt. Da unser Schiff ins trockene
Dock gebracht und ausgebessert werden musste, so wurden wir auf so lange in
eine leerstehende Kaserne einquartirt.
Hier blieben wir nun ohne alle Beschäftigung vierzehn Tage und erhielten
unser Essen vom Schiffe, an dem anhaltend gearbeitet wurde; übrigens war
uns alle Freiheit gestattet. Wir durchliefen jeden Tag Hellevoetsluis und
die Umgegend, wiewohl ohne Geld, da uns kein Cent Sold ausbezahlt wurde.
Viele verkauften ihre Kleider, um sich mit den Dirnen des Städtchens
belustigen zu können, oder versoffen das Ihrige im Genever; Manche lagen,
weil es sehr kalt war, den ganzen Tag im Bette; auch verging kein Tag,
an dem nicht mörderische Prügeleien und dergl. vorgefallen wären. Der
Detachements-Commandant, der seine Wohnung auf dem Schiffe hatte, wusste
sich nicht zu helfen, Sergeant und Korporal wurden von dem zügellosen
Volke nicht beachtet. Indessen kam vom Ministerium der Colonien, das unsere
Geldlosigkeit rührte, eine Vergütung von 2 fl. 50 kr. per Mann, welche
denjenigen ausbezahlt wurde, die ihre Kleidungsstücke nicht verkauft
hatten. Die Andern aber waren bis zur Abreise unter Schloss und Riegel.
Jetzt ging es wieder lustig her; doch in kurzer Zeit herrschte wieder
Mangel, wie zuvor, und zu abermaligen Gratificationen war der hartherzige
Minister nicht geneigt.
Einer unserer Kameraden hatte ein chinesisches Schattenspiel gemacht, womit
er des Abends Vorstellungen gab, die von Soldaten, Matrosen und Dirnen des
Städtchens fleissig besucht wurden, und wobei unter dem Publikum manche
Scene vorfiel, die wohl in dichten Schatten gehüllt zu werden verdient.
Am 2. December kamen wir abermals an Bord. Zugleich wurden unter
militärischer Bedeckung diejenigen unseres Transportes auf's Schiff
gebracht, welche ihre Kleidungsstücke verkauft oder sonstige Fehler
begangen hatten. Im Kreise der Officiere und der Equipage des Schiffes
wurden uns nun die Kriegsartikel für die Marine vorgelesen, in welchen
von Kielholen, Raafallen, Aufhängen u. s. w. die Rede war. Mit donnernder
Stimme hielt uns der erste Officier unsere schlechte Aufführung vor; auch
liess er sogleich einige, die dagegen etwas einzuwenden hatten, an die
Kanonen festketten. Nachdem dieses geschehen war, wurden acht Matrosen
vorgeführt, die während der Ausbesserung des Schiffes von Bord weggelaufen
waren und den Schiffer beim Marinegericht in Rotterdam verklagt hatten.
Dort fanden sie, wie es schien, kein Recht und wurden wieder an Bord
gesendet.
Die Officiere alle und der Schiffsdoctor waren in Uniform auf dem Halbdeck,
und von den Matrosen und Soldaten durfte keiner das Verdeck verlassen, wo
nun ein Exempel für uns alle statuirt werden sollte. Wir Soldaten standen
voll banger Erwartung da; denn man sah an dem fröhlichen Gesichte unseres
Detachements-Commandanten, der immer lachte, wenn ein armer Schelm
geprügelt wurde, dass tüchtig eingebrockt werden sollte. Der
Schiffscommandant begann endlich den Delinquenten ihr Verbrechen
vorzuhalten, und -- das war der langen Rede kurzer Sinn -- dass er Gnade
vor Recht ergehen lassen, und sie desshalb nicht vor den Kriegsrath
stellen, sondern mit einer kleinen Ermahnung abstrafen wolle. Es war
bereits eine Lucke an der Wand aufgestellt, auf welche die Hauptperson des
Complotts auf den Bauch gelegt und festgebunden wurde.
Der Schiffer (erster Unterofficier), den sie verklagen wollten, und der
Schieman (ebenfalls ein Unterofficier), jeder mit einem fingerdicken
und ellenlangen Theertau in der Hand, warteten nur auf das Zeichen des
Commandanten, um der vorausgegangenen Ermahnung den gehörigen Nachdruck
zu geben. Sie schlugen nun auch auf den armen Kerl, der in den rührendsten
Ausdrücken um Gnade bat, so los, dass er zuletzt, seiner Sinne beraubt, wie
todt dahing. Der Commandant liess den Doctor nachsehen, ob man noch etwas
beifügen könne, was der menschenfreundliche Mann, nachdem er den Mund und
die Augen des Schächers untersucht hatte, bejahte. Man schlug desshalb aufs
Neue auf ihn los. Nachdem er sein Maas erhalten hatte, und man die Taue,
womit er angebunden war, losmachte, fiel er gefühllos, wie ein Sack, zu
Boden. Hierauf kam die Reihe an den zweiten und die übrigen; der erste
hatte übrigens das Fett von der Suppe erhalten. Mir standen bei dieser
Prügelei die Haare zu Berg, und nie hat eine derartige Scene solchen
Eindruck wieder auf mich gemacht. Zwar war es mir in der ersten Zeit in
Surinam unmöglich, das Peitschen und die Schläge der Neger gleichgiltig
anzusehen, und kaum konnte ich mich der Thränen enthalten, wenn diese
nackten Schwarzen, manchmal wegen unbedeutender Vergehen, mit den zähen
Zweigen der Tamarinde so geschlagen wurden, dass ihr Blut den Boden färbte.
Es empörte mich, wenn ein solcher Neger nach der Abstrafung, blutig und mit
Schwielen bedeckt, noch von den Soldaten verhöhnt wurde. Wenn sich nun
auch dieses Gefühl bei mir gerade nicht verlor, so ist es doch durch die
Gewohnheit abgestumpft, und ich habe leider die Ueberzeugung, dass,
wo Sklaverei ist, der Stock nicht fehlen darf; Mässigung aber und
Menschenliebe dürfen weder dem Seeofficier noch dem Pflanzer fremd seyn,
und nur im äussersten Falle wäre dieses Mittel zu gebrauchen! Wir gingen
den 10. Dec. des Abends abermals unter Segel, und sahen bereits am Morgen
die Kreideberge Englands vor uns liegen. Da der Wind ungünstig war, ankerte
man vor der Stadt Deal. Das Wetter war kalt aber schön; Dampfschiffe und
Fischerboote fuhren an uns vorüber, und eine Menge Schiffe lagen ebenfalls
hier, um mit günstigem Winde den Canal zu passiren. Nach vier Tagen änderte
sich der Wind, und wir kamen in den Canal. Die Seekrankheit plagte mich
wenig, was vielleicht die kalte Luft verursachte. Die vielen Schiffe und
Dampfboote, die uns begegneten, die herrlichen Ufer Englands mit ihren
hohen, weissen Kreidebergen, waren besonders für uns Süddeutsche von
besonderem Interesse.
Nach drei Tagen waren wir im atlantischen Ocean. Unser Leben war sehr
einförmig, und nur an der wärmeren Luft fühlten wir, dass wir nicht mehr
im kalten Norden waren. Das Eis unseres Wasserfasses verschwand und heftige
Regenschauer durchnässten uns zuweilen. Es war am Christabende, als mehrere
von uns sich vor einem Regenguss in die, zwischen den zwei Masten stehende,
und mit einem andern Boote bedeckte Schaluppe versteckten. Da ich der
Letzte war, der in dem bereits vollgepfropften Boote eine Zuflucht suchen
wollte, so mussten meine Füsse, für die ich keinen Platz mehr fand,
ausserhalb desselben bleiben. Ich dachte eben an die Freuden dieses Abends
im Vaterlande, verglich im Stillen den Geschmack der Lebkuchen mit dem des
harten Zwiebacks, an dem ich noch kurz zuvor die Zähne gewetzt hatte, und
bemerkte vor lauter Rührung nicht, wie mir Jemand in der Dunkelheit meine
Füsse untersuchte. Plötzlich wurde aber eine wahre Sündfluth von Seewasser
unter grässlichen Flüchen über mich ausgeschüttet, so dass ich eiligst die
Flucht ergriff und meine Mütze dabei verlor. Der Schieman hatte meine Füsse
bemerkt, und mich in diesem unerlaubten Asyle freigebig mit einigen Eimern
Seewasser traktirt. Ich war bis aufs Hemd durchnässt und zitterte die noch
übrigen zwei Stunden wie ein Rohr.
Anfangs Januar hatten wir die Höhe von Madeira erreicht. Jetzt sah man
(denn nach einigen Tagen hatten wir den Passatwind) fliegende Fische
in Menge, von welchen bisweilen einige des Nachts auf das Verdeck
niederfielen; auch trieb von Zeit zu Zeit eine prächtige rothe Polypenart
an uns vorbei, welche die Matrosen Portugiesisches Kriegsschiff nannten.
Das herrlichste Wetter begünstigte unsere Fahrt, und ich blieb, wie die
meisten von uns, Tag und Nacht auf dem Verdecke, weil die Luft im Raume,
obgleich man sie durch Windsäcke verbesserte, warm und übelriechend war.
Man brachte die Tage mit Lottospielen zu, und bis in die tiefe Nacht hinein
wurde gesungen und erzählt. Der Mond glänzte am wolkenlosen Himmel, und
die Sterne schienen mit mehr Glanz zu funkeln. Alles ging seinen geregelten
Gang, durch nichts unterbrochen, als durch kleine Strafexecutionen an
Matrosen, denen der Schieman einige aufzuzählen hatte.
Bei uns Soldaten war dergleichen noch nicht vorgefallen; denn es gab keine
Excesse, weil kein Branntwein zu bekommen war. Eines Tages aber bekamen
einige Soldaten aus der Hefe von Hollands Pöbel Streit mit einander; sie
packten sich an den Ohren, und balgten sich zwischen den Kanonen auf dem
Verdecke. Der Commandant des Schiffes, der diess zufällig mit angesehen
hatte, liess das ganze Detachement auf das Verdeck pfeifen. Hierauf mussten
die Kampflustigen vortreten, und jeder bekam ein Tau mit der Anweisung,
einander tüchtig das Fell zu gerben. Die Versicherung, dass, wenn sie ihre
Sache nicht gut machen, der Schieman das Fehlende beifügen würde, wirkte;
denn wie zwei erboste Hähne stürzten die Kerls aufeinander los; aber,
ungewohnt mit Tauen zu fechten, warfen sie diese weg und bläuten einander
mit den Fäusten durch. Das Gelächter wollte kein Ende nehmen, und an diesem
Intermezzo hatte besonders unser Detachements-Commandant seine herzlichste
Freude.
Ehe wir den Passat erreichten, hatten wir immer Wasser zur Genüge gehabt,
und jeder durfte aus dem Wasserfasse nach Belieben trinken. Kaum waren wir
aber in der wärmeren Zone, so wurde uns das Wasser in Rationen ausgetheilt.
Diese bestanden auf den Tag in einer Flasche für den Mann; sie wurden
zusammen in einem Fässchen aufbewahrt, aus welchem man gemeinschaftlich
unter Vorsitz des Backmeisters den Durst löschte. Das Söhnchen vertheilte
an jeden den Labetrunk im Deckel einer Marmitte und hatte zugleich die
Aufsicht, dass keiner naschte. Wie vielen Durst litt ich da! Fleisch, Speck
und Käse, was ich alles gerne ass, vertauschte ich gegen Wasser, und häufig
bestürmte ich den schwarzen Koch mit Bitten um etwas Wasser, was mir auch
der gutherzige Neger, wiewohl unter grässlichen Flüchen und Verwünschungen,
häufig gab.
Die Hitze nahm täglich zu. Man zog die schwere Ankerkette, die, seit
wir auf dem Ocean waren, im Zwischendeck aufbewahrt worden war, hervor,
befestigte den Anker, und erwartete in ein paar Tagen das Land.
Des Meeres herrliches Indigoblau wurde heller und grünlich; es fielen
einigemal schwere Regengüsse. Am 18. Januar 1836 sahen wir endlich die
Küste von _Guyana_ vor uns liegen, ein langer Streifen dunkler Wälder, der
auf dem Wasser sich ausdehnte, und weder Berge noch Hügel bemerken liess.
Allmählig konnte man die Bäume aus der grünen Masse unterscheiden;
Wohlgerüche von blühenden Gewächsen wehten uns an; Schmetterlinge kamen
aufs Schiff geflogen; Schwärme von rothen Ibisen, hier Flamingos genannt,
deren Gefieder vom herrlichsten Scharlachroth ist, zogen über uns hin, und
von Zeit zu Zeit tauchte ein grosser Fisch aus den trüben Meereswellen, um
frische Luft zu schöpfen.
Wir sahen die nationale Flagge des Postens _Oranje_ uns entgegenwehen, und
gegen 2 Uhr kamen wir in die Mündung des _Surinamstroms_. Jetzt erst sahen
wir die für uns neue Welt näher, denn auf der See waren wir wohl 1½ Meilen
vom Lande entfernt geblieben, weil bedeutende Sand- und Schlammbänke längs
der Küste sich hinziehen. Alles war eben und von ungeheurem Wald bedeckt,
dessen Grün sich so frisch und lebhaft ausnahm, dass selbst dasjenige der
jungen Blätter der europäischen Bäume jenem an Glanz nachsteht. Zwischen
diesen Waldungen lag eine freundliche Plantage, deren Zuckerfelder die Ufer
begrenzten. Die weissen Häuser, die Mühlen mit ihren hohen Schornsteinen
waren unter Palmen und andern uns fremden Gewächsen versteckt. Der
Reichthum der üppigen Tropennatur lag vor uns ausgebreitet; wie schön
erschien mir dieses Land! Im Winter hatten wir die traurigen Dünen Hollands
verlassen, und jetzt waren wir im Lande des ewigen Sommers. Nie werde ich
auch den Augenblick meiner ersten Landung vergessen! -- Je weiter wir den
Strom aufwärts fuhren, desto belebter wurde die Scene. Schöne, lebhaft
gefärbte und von nackten Schwarzen geruderte Barken fuhren über den
majestätischen Strom. Man ankerte bei Forteress Neu-Amsterdam, das an der
Mündung des Comewyne in den Surinam liegt und die Einfahrt der Schiffe in
diese beiden Ströme wehren kann. Auf der andern Seite des Surinam, dem Fort
gegenüber, liegt die Redoute Puomerend und an dem Comewyne das Fort Leyden.
Der Surinam ist bei Forteress Neu-Amsterdam etwa eine Viertelstunde breit,
und beide Ströme sind, so weit das Auge reicht, mit den schönsten Zucker-
und Caffepflanzungen eingefasst.
Wegen des gelben Fiebers, das gerade in Paramaribo herrschte, und schon
viele Menschen weggerafft hatte, beschloss das Gouvernement, so nöthig man
uns auch für den Garnisonsdienst in der Stadt hätte brauchen können, uns so
lange in dem gesünderen Forteresse zu lassen, bis die Krankheit aufgehört
hatte. Wir wurden demnach gegen 6 Uhr ausgeschifft.
Die ganze Besatzung des Forts war zusammengelaufen, uns zu empfangen.
Jeder fand einen Freund, Bekannten oder Landsmann unter dem Haufen, und
des Fragens und Staunens war kein Ende. Auch die ganze weibliche
Einwohnerschaft des Forts versammelte sich. Schwarze und farbige hässliche
Weiber mit langen, schlaffen Brüsten überhäuften uns mit Gunstbezeugungen
und bezeugten Lust nach den von uns mitgebrachten Stücken Käse und
Zwieback. -- Man brachte uns, als es schon dunkel war, durch eine Allee von
Tamarinden und Mangos in das Fort, und nach der für uns bestimmten Kaserne,
welche ganz das Aussehen eines Pferdestalles hatte. Durch den ganzen Saal
liefen etwa vier Fuss über dem Boden Stangen, sogenannte Klabayen, an
welche man des Abends die Hängematten befestigte, die den Tag über an
denselben aufgerollt waren. Fünfzig Schritte von der Kaserne entfernt war
eine Schenke, wo Branntwein, Rum und Wein zu bekommen war. Dahin stürmten
nun diejenigen, welche noch Geld hatten, um ihre Ankunft auf übliche Weise
zu feiern, oder die sich von Bekannten traktiren liessen.
Der Lärm und der Spectakel in der Schenke waren abscheulich, endigten
jedoch mit dem Zapfenstreich, mit welchem sich jeder nach seiner Hängematte
zu begeben hatte. Die Besoffenen lagen unter Tischen und Bänken. An Ruhe
und Stille war nicht zu denken; denn die ganze Nacht durch dauerten die
Zänkereien um die schönen Damen, welche aus allzugrosser Zärtlichkeit Jedem
angehören wollten, und deren Sprache keiner verstand, die Lamentationen
und Misereres der Besoffenen, und die Flüche derer, welche die Köpfe an
die ihnen ungewohnten Klabayen stiessen; dabei peinigte uns eine Unzahl
von Mosquittos, welche vorzüglich die Neuankommenden anfallen und eben so
lästig durch ihr Gesumme als durch ihre Stiche werden.
Ich sass die Hälfte der Nacht vor der Kaserne und bewunderte die Tausende
von Feuerfliegen, welche viel heller sind als die in Europa, und das
feuchte Gras durchschwärmen; wären auch nicht die Mosquittos die Ursache
unseres Wachens gewesen, so hätten mich doch die Scenen des Tages wachend
erhalten, und kaum graute der Morgen, als ich wieder ins Freie ging, wo mir
Alles fremd war.
Eine herrliche Allee von Königspalmen fasste den Mittelweg des Fortes
ein; ihre federbuschartigen Gipfel berührten sich beinahe und bildeten ein
prachtvolles Gewölbe. Eine andere Allee bestand aus dichtbelaubten Bäumen,
die grosse, eiförmige Früchte von einladendem Geruche trugen.
Obwohl ich sie nicht kannte, ass ich doch einige und fand sie vortrefflich.
Es waren Mangos (Mangifera indica), die um diese Zeit reif sind und
zuweilen zwei Ernten jährlich geben. Ihre Frucht hat die Grösse eines
Gänseeies, ist auf der einen Seite meist etwas eingedrückt, reif gelb,
und wie die Blätter des Baumes von terpentinartigem Geruche. Die Haut wird
abgezogen und das gelbe faserige Fleisch vom Steine, der etwas platt, aber
beinahe so lange wie die Frucht ist, abgesogen. Es schmeckt sehr süss und
angenehm und lässt sich mit keiner europäischen Frucht vergleichen; die
Fasern des Fleisches setzen sich gerne zwischen die Zähne. Der Mangobaum
wird grösser als der grösste Apfel- oder Birnbaum und trägt von seinem
vierten Jahr an Früchte, in günstigen Jahreszeiten in unglaublicher Menge.
Auf den Pflanzungen, wo sich häufig ganze Alleen davon vorfinden, mästet
man mit den Früchten, die auch einen feinen Branntwein geben, die Schweine.
Allmählig wurde es im Fort lebhaft. Die Neger, lauter Sclaven in Ketten,
welche von ihren Plantagen wegliefen und wieder eingefangen wurden, gingen
zu ihrer Arbeit. Sie müssen eine bestimmte Zeit von Jahren hier an den
Festungswerken arbeiten, um nachher, wenn ihre Strafzeit aus ist, wieder
auf ihre Pflanzungen zurückgeschickt zu werden. Sie gehen, wie die meisten
Sclaven, beinahe nackt, woran ein Neuangekommener den meisten Anstoss
nimmt. Die Kleidung aber, an welche sie nie gewöhnt sind, die ihnen auch
in diesem Klima von geringem Nutzen ist, wird fast gar nicht von ihnen
gebraucht, auch wenn sie eine solche haben. Ich sah diese Unglücklichen
mit grossem Mitleid, und hätte sie, wäre es in dieser Zeit in meiner Macht
gestanden, stante pede losgelassen.
Eine Negerin, die ebenfalls in Ketten in der Nähe unserer Kaserne
arbeitete, hatte ihrem kleinen, etwa ¾ Jahr alten Kinde einen Strick um den
Hals gemacht und auf dessen Ende einen Stein gelegt, dass es nicht zu weit
herumkriechen konnte. Sie frug mich, als sie mein Mitleid für das arme
Geschöpf sah, spasshafterweise, ob ich es kaufen wolle, und verlangte
30 fl. dafür. Mein ganzer Reichthum bestand aber blos aus 10 fl., dem
während der Reise verdienten Sold, der uns am ersten Morgen ausbezahlt
worden war, und so musste ich zur grossen Belustigung meiner Kameraden, die
wohl wussten, dass die Negerin ihr Kind nicht verkaufen konnte, bedauern,
diesen so vortheilhaften Handel aufgeben zu müssen.
Das Geld, das wir erhalten hatten, wurde von den meisten in der Schenke
durchgebracht. Andere kauften Hemden und Hosen, um daran keinen Mangel zu
haben.
Von den benachbarten Pflanzungen brachte man täglich die
verschiedenartigsten Früchte in das Fort, und ich verwendete einen grossen
Theil meiner Baarschaft daran. Da es nicht erlaubt war, aus dem Fort zu
gehen, so kletterten wir über Gräben und Pallisaden, um die benachbarten
Plantagen zu besuchen. Meine Neugierde kannte keine Grenzen.
Den ersten Ausflug machte ich mit einigen Kameraden auf die Zuckerpflanzung
Soelen, die am Comewyne etwa eine halbe Stunde von Forteress liegt.
Bei jedem Schritte überraschte mich etwas Neues, Niegesehenes; bald waren
es Krabben, die in den Löchern des Dammes ihre Schlupfwinkel hatten und
ihre Scheeren drohend aufhoben, wenn man ihnen zu nahe kam, bald grosse
Eidechsen, bald prächtige Schmetterlinge; besonders auch die Menge von
Aasgeyern, die gar nicht scheu waren, überall herumsassen und kaum aus dem
Wege gingen, oder in ungeheurer Höhe, scheinbar ohne alle Bewegung, in der
blauen Luft herumkreisten.
Durch die Bananenfelder, welche die Kost für die Neger des Fortes liefern,
kamen wir bald in einen schönen, breiten Waldweg, wo ein mit Blüthen
übersäeter Cactus grandiflorus(?) stand, der den herrlichsten Geruch
aushauchte.
In der Entfernung sah man die weissen Gebäude der Pflanzung Soelen liegen,
zu der eine breite Allee von Apfelsinen und Pompelmusen führte. Diese Bäume
hingen voll von reifen Früchten, und wir brachen ab, so viel wir zu tragen
im Stande waren. Wir besahen das Kochhaus und die Mühle, die uns aber wenig
interessirten, und verliessen, mit Früchten beladen, den Platz.
Es kann seyn, dass der häufige Genuss von Südfrüchten den Neuankommenden
schädlich ist; bei mir schien diess aber nicht der Fall zu seyn; denn
obschon ich zuweilen mehr als 20 Apfelsinen täglich ass, blieb ich doch
stets gesund. Ich lebte während meines Aufenthaltes auf Forteress beinahe
ganz von Früchten, Zucker und Eiern, während Mancher, der mir in der
besten Absicht dieses abrieth, gerade an der entgegengesetzten Lebensweise
unterlag.
Unsere Ausbeute von Früchten munterte unsere Kameraden zu ähnlichen
Excursionen auf, bis diese endlich zu den Ohren des Kommandanten kamen und
strenge verboten wurden.
Zweiter Abschnitt.
Ankunft in Paramaribo. Das Fort Zelandia. Die Stadt. Oeffentliche
Gebäude. Inneres der Privathäuser. Kaufleute und Kaufläden. Gewichte,
Maase, Geld. Lebensweise der Militärs und Einwohner. Die Jugend. Die
Pflanzungen. Holzfällereien. Leben auf den Pflanzungen. Die Verwalter
oder Direktoren. Die Blankofficiere. Die Negersklaven, ihre Arbeiten
und Behandlung. Religion. Einfluss der Herrnhuter. Tänze. Krankheiten.
Den 1. Februar 1836 wurden wir in einem Matrosenpont[1] nach unserem
Bestimmungsorte, dem Forte _Zelandia_, gebracht. Schöne Zucker- und
Kaffeepflanzungen säumten auf beiden Seiten den breiten Strom, der vor
der Stadt sich plötzlich südwestlich dreht und eine grosse Bucht (Hafen)
bildet.
Eine Menge Landhäuser, an welche noch die letzten Pflanzungen grenzen,
machen die Vorstadt Combé aus.
Auf der Ecke, welche durch die schnelle Krümmung des Flusses entsteht,
steht das Fort Zelandia auf einem Muschelfelsen. Es hat nur wenige
Batterien, ist unregelmässig gebaut und von der Stadt durch den
Gouvernements-Platz und einen etwa 60' breiten Graben, der sein Wasser
aus dem Strom erhält, geschieden. Eine grosse Kaserne von Backsteinen, das
Quartier vom Bataillon Jagers Nr. 27, erinnert an die guten und reichen
Tage der Colonie, in welchen man noch so solid bauen konnte. Die Officiere
haben seit dem Jahr 1839, in welchem ein grosses hölzernes Gebäude, das sie
gemeinschaftlich bewohnten, niedergerissen wurde, eigene, nette Häuser, die
nach _einer_ Form in demselben Jahr erbaut wurden. Im Forte selbst steht
das Binnenfort, mehrere steinerne Gebäude, die, mit einer Mauer umgeben,
einen kleinen Platz einschliessen, wo die verschiedenen Gefängnisse für
Militär- und Civilverbrecher, sowie auch für die bösen Schuldner sind,
die ihre Creditoren nicht zahlen wollen oder können. Auf dem Platze
selbst werden die Neger, welche man nachdrücklich züchtigen will, durch
Peitschenhiebe oder Stockschläge abgestraft.
Ausser der Kaserne für die hier garnisonirende Artillerie ist im
Binnenfort das Pulvermagazin und ein Signalposten, der durch den auf der
gegenüberliegenden Seite des Stromes sich befindlichen Telegraphen der
Pflanzung Jagdlust mit dem Forte Amsterdam correspondirt, wodurch man die
Ankunft der Schiffe in der Mündung des Stromes sogleich erfährt.
Die Stadt selbst, welche etwa 100 Schritte von der Barrière des Fortes
anfängt, ist ganz ohne Mauern und besteht grösstentheils aus breiten
Strassen, welche zwar ungepflastert sind, aber, da sie aus Muschelsand
bestehen, auch bei den heftigsten Regengüssen nach ein paar Stunden wieder
trocknen; die meisten sind auf beiden Seiten mit Orangebäumen bepflanzt.
In den längs des Stromes oder nahe bei demselben laufenden Strassen sind
die Häuser enge bei einander, und nur selten durch Gärten von einander
geschieden. Mit Ausnahme weniger, von Backsteinen aufgeführter Häuser sind
alle von Holz; sie ruhen auf einem 1-2' hohen, von Backsteinen aufgeführten
Gemäuer. Läden und Thüren werden grün bemalt, das andere aber ist
perlenfarbig angestrichen. Sie sind mit Schindeln (Singels) aus
inländischem, hartem Holze bedeckt; jedoch muss seit dem grossen Brande
im Jahr 1832 jedes neue Haus mit Ziegeln oder Schiefer bedeckt werden.
Glasfenster sind wegen der Hitze wenig im Gebrauche; man hat dafür
Jalousien oder Sassineten von Gaze.