III. Der Kern als Träger der erblichen Anlagen.

Strasburger und ich haben, veranlasst durch das Studium des

Befruchtungsprocesses und daran angeknüpfte theoretische Erwägungen,

die Hypothese aufgestellt, dass die Kerne die Träger der erblichen

Eigenschaften sind, und haben der Kernsubstanz dadurch eine vom

Protoplasma verschiedene Aufgabe zuertheilt. Kurze Zeit vorher war

schon Nägeli (IX. 20) lediglich auf Grund logischer Erwägungen zu

der Annahme gezwungen worden, in den Geschlechtszellen zwei ihrem

Wesen nach verschiedene Arten von Protoplasma zu unterscheiden,

eine Art, welche in genau gleichen Mengen in der Ei- und in der

Samenzelle vorhanden ist und die erblichen Eigenschaften überträgt,

und eine zweite Art, welche im Ei in grossen Mengen angehäuft

ist und in welcher sich vorzugsweise die Ernährungsprocesse

abspielen. Die erstere bezeichnet er als +Idioplasma+, die

zweite als +Ernährungsplasma+. Für die erstere nimmt er ein

festeres Gefüge mit gesetzmässiger Verbindung der Micellen, für

die letztere einen grösseren Wasserreichthum und eine mehr lockere

Aneinanderfügung der Micellen an. Das Idioplasma lässt er als ein

feines Netzwerk im ganzen Zellkörper verbreitet sein.

Wer überhaupt die logische Berechtigung für die Annahme eines

besonderen Idioplasma zugiebt, wird sich dem jetzt genauer zu

begründenden Gedankengang, dass die Kernsubstanz die Erbmasse

sei, nicht entziehen können. Auch hat diese Theorie den nicht zu

unterschätzenden Vorzug, der rein logischen Construction von Nägeli,

welche als solche der Beobachtung unzugänglich und daher nicht

fortbildungsfähig, also auf die Dauer unfruchtbar ist, einen realen

Inhalt gegeben und sie dadurch in den Bereich der Beobachtung und

weiterer wissenschaftlicher Discussion hineingezogen, sie also

fruchtbar gemacht zu haben.

Für die Hypothese, dass der Kern der Träger der erblichen Anlagen

ist, lassen sich vier Gesichtspunkte geltend machen.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 159 / 170 题