Strasburger und ich haben, veranlasst durch das Studium des
Befruchtungsprocesses und daran angeknüpfte theoretische Erwägungen,
die Hypothese aufgestellt, dass die Kerne die Träger der erblichen
Eigenschaften sind, und haben der Kernsubstanz dadurch eine vom
Protoplasma verschiedene Aufgabe zuertheilt. Kurze Zeit vorher war
schon Nägeli (IX. 20) lediglich auf Grund logischer Erwägungen zu
der Annahme gezwungen worden, in den Geschlechtszellen zwei ihrem
Wesen nach verschiedene Arten von Protoplasma zu unterscheiden,
eine Art, welche in genau gleichen Mengen in der Ei- und in der
Samenzelle vorhanden ist und die erblichen Eigenschaften überträgt,
und eine zweite Art, welche im Ei in grossen Mengen angehäuft
ist und in welcher sich vorzugsweise die Ernährungsprocesse
abspielen. Die erstere bezeichnet er als +Idioplasma+, die
zweite als +Ernährungsplasma+. Für die erstere nimmt er ein
festeres Gefüge mit gesetzmässiger Verbindung der Micellen, für
die letztere einen grösseren Wasserreichthum und eine mehr lockere
Aneinanderfügung der Micellen an. Das Idioplasma lässt er als ein
feines Netzwerk im ganzen Zellkörper verbreitet sein.
Wer überhaupt die logische Berechtigung für die Annahme eines
besonderen Idioplasma zugiebt, wird sich dem jetzt genauer zu
begründenden Gedankengang, dass die Kernsubstanz die Erbmasse
sei, nicht entziehen können. Auch hat diese Theorie den nicht zu
unterschätzenden Vorzug, der rein logischen Construction von Nägeli,
welche als solche der Beobachtung unzugänglich und daher nicht
fortbildungsfähig, also auf die Dauer unfruchtbar ist, einen realen
Inhalt gegeben und sie dadurch in den Bereich der Beobachtung und
weiterer wissenschaftlicher Discussion hineingezogen, sie also
fruchtbar gemacht zu haben.
Für die Hypothese, dass der Kern der Träger der erblichen Anlagen
ist, lassen sich vier Gesichtspunkte geltend machen.