3) Endogene Kernvermehrung oder Vielkernbildung.

Eine dritte, sehr abweichende Art der Kernvermehrung, welcher ich

den für die Ueberschrift gewählten Namen geben möchte, ist von

Richard Hertwig (VI. 36) bei einer Abtheilung der Radiolarien, den

Thalassicollen, entdeckt, später von Carl Brandt (VI. 8) bestätigt

und in ihren Einzelheiten noch genauer verfolgt worden.

[Illustration: Fig. 104.]

[Illustration: Fig. 105.]

=Fig. 104. Zellknospung. Podophrya gemmipara mit Knospen.=

~R. Hertwig~, Zoologie Fig. 21.

_a_ Knospen, die sich ablösen und zum Schwärmer _b_ werden,

_N_ Kern.

=Fig. 105. Ein kleines Stück von einem Durchschnitt durch den

grossen, bläschenförmigen Kern, das sogenannte Binnenbläschen von

Thalassicolla nucleata, mit strangförmigen, von einem gemeinsamen

Punkt ausstrahlenden Binnenkörpern (Kernkörpern).= ~R.

Hertwig~ Taf. V, Fig. 7.

Die Thalassicollen, diese grössten Radiolarienformen, deren

Centralkapsel fast den Durchmesser eines Froscheies erreicht, besitzen

während des grössten Theils ihres Lebens einen +einzigen, riesigen,

hochdifferenzirten Kern+ von etwa ½ mm Durchmesser mit einer dicken,

porösen Kernmembran, das sogenannte =Binnenbläschen=. Dieses bietet

viel Aehnlichkeit mit den multinucleolären Keimbläschen eines Fisch-

oder Amphibieneies dar. In seinem Inhalt finden sich zahlreiche, meist

im Centrum zu einem Haufen zusammengedrängte, verschieden geformte

Nucleïnkörper vor (Fig. 105). Inmitten derselben liegt sehr häufig

ein helles Centralkörperchen, eingehüllt von einer Strahlensphäre,

welche R. Hertwig schon gesehen und abgebildet, und welche neuerdings

Brandt genauer untersucht hat. Der letztere konnte verfolgen, +wie zur

Zeit der Fortpflanzung das Centralkörperchen, welches mir dem von der

pflanzlichen und thierischen Zelle bekannten, gleichnamigen Gebilde

zu entsprechen scheint, sich an die Oberfläche des Binnenbläschens

begiebt, die Strahlensphäre hinter sich herziehend. Hier tritt es durch

die Kernmembran in das umgebende Protoplasma der Centralkapsel aus+, wo

Brandt über sein weiteres Schicksal nichts berichtet.

Um diese Zeit treten dann auch zahlreiche, kleine Kerne im

Protoplasma der Centralkapsel, das ursprünglich ganz kernfrei ist,

ausserhalb des Binnenbläschens auf; sie dienen als Centren für die

Bildung kernhaltiger Schwärmsporen, deren Zahl sich schliesslich

auf Hunderttausende beläuft. Währenddem beginnt das Binnenbläschen

zu schrumpfen und was es an Kernkörperchen besass, in demselben

Maasse zu verlieren, als ausserhalb desselben der Kernreichthum im

Protoplasma zunimmt; schliesslich wird es ganz aufgelöst. Hierbei

stellt Brandt in der Kernvermehrung Verschiedenheiten auf, je nachdem

sich Isosporen oder Anisosporen bilden.

Aus dem ganzen Vorgang ziehen R. Hertwig und Brandt den gewiss

richtigen Schluss, dass die zur Schwärmerbildung dienenden und in

der Centralkapsel erst spärlich, dann immer reichlicher auftretenden

Kerne von Substanztheilen des Binnenbläschens (den Kernkörperchen)

abstammen. „Mit dieser Deutung,“ bemerkt R. Hertwig, „habe ich einen

Modus der Kernvermehrung angenommen, welcher sich wesentlich von dem

bekannten unterscheidet und durch keine Beobachtungen der thierischen

und pflanzlichen Histologie bis jetzt bewiesen ist. Denn wenn wir

den Vorgang histologisch zu deuten versuchen, so würden wir zu dem

Resultate gelangen, dass Kerne sich nicht allein durch Theilung oder

Knospung vermehren können, sondern dass sie auch entstehen, indem

die Kernkörper eines Kerns sich durch Theilung vervielfältigen,

auswandern und im Protoplasma der zugehörigen Zelle zu selbständigen

Kernen werden.“ „Eine derartige multinucleoläre Zelle könnten wir

dann ebenso für potentia vielkernig halten, wie eine vielkernige

Zelle für potentia vielzellig, und würde so der allmähliche

Uebergang, welcher zwischen dem einzelnen Zellindividuum und dem aus

Theilung desselben entstandenen Zellhaufen besteht, ein noch mehr

durch Zwischenstadien vermittelter sein, als er ohnedies schon ist.“

Bei dieser Gelegenheit sei auch erinnert an die eigenthümlichen

Erscheinungen der Kernvermehrung, welche von Fol (VI. 20), Sabatier,

Davidoff (VI. 87) u. A. an unreifen, noch ziemlich jungen Eiern von

Ascidien beobachtet und mit der Entstehung der Follikelzellen in

Beziehung gebracht sind. Vergleiche auch die von +Schäfer+ (VI.

65a) beobachteten, ähnlichen Vorgänge im jungen Säugethierei.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 131 / 170 题