Eine +Amöbe+ (Fig. 7) ist ein kleines Klümpchen von Protoplasma,
das gewöhnlich an seiner Oberfläche einige kurze, lappige Fortsätze
(+Pseudopodien oder Scheinfüsschen+) nach aussen hervorstreckt. Der
Körper ist vollständig nackt, das heisst, er ist gegen die umgebenden
Medien nicht durch eine besondere dünne Hülle oder Membran abgegrenzt;
nur ist die oberflächlichste Schicht des Protoplasma (+Hautschicht+)
(_ek_) frei von Körnchen und daher glasartig durchsichtig, in grösserer
Ausdehnung namentlich an den lappigen Scheinfüsschen; unter dem
Hautplasma folgt das dunklere und flüssigere Körnerplasma (_en_), in
welchem auch der bläschenförmige Zellenkern (_n_) eingeschlossen ist.
Grosse Aehnlichkeit mit einer Amöbe zeigen die +weissen Blutkörperchen
und die Lymphkörperchen+ der Wirbelthiere, nur dass sie sehr viel
kleiner sind. (Fig. 8.) Frisch dem lebenden Thiere entnommen, stellen
sie mehr oder minder runde Protoplasmaklümpchen dar mit einer kaum
wahrnehmbaren hyalinen Hautschicht und einer körnigen Innenmasse,
in deren Mitte der Kern im frischen Zustand nur undeutlich, oft gar
nicht wahrzunehmen ist. Nach einiger Zeit streckt das Körperchen den
Scheinfüsschen der Amöben vergleichbare Fortsätze an seiner Oberfläche
hervor.
[Illustration: =Fig. 7. Amöba proteus.= Nach ~Leidy~. Aus ~R. Hertwig~
Fig. 16. _n._ Kern. _cv._ Contractile Vacuole. _N._ Nahrungsballen.
_en._ Körnerplasma. _ek._ Hautplasma.]
[Illustration: =Fig. 8. Ein Leukocyt des Frosches, in dem ein Bakterium
eingeschlossen ist und verdaut wird. Das Bakterium durch Vesuvin
gefärbt.= Die beiden Figuren repräsentiren 2 Stadien der Bewegung ein-
und derselben Zelle. Nach ~Metschnikoff~ Fig. 54.]
Unter sehr abweichender Form erscheint dagegen der gleichfalls
nackte +Protoplasmakörper der Myxomyceten oder Rhizopoden+. Der
bei uns bekannteste Schleimpilz, welcher die Lohblüthe bildet, das
Aethalium septicum, überzieht während seines vegetativen Zustandes
als zusammenhängende dünne Protoplasmaschicht (+Plasmodium+) die
Oberfläche der Gerberlohe in grosser Ausdehnung.
Ein ihm verwandter Schleimpilz ist das Chondrioderma, von welchem ein
kleines Stück des Randes in Fig. 9 abgebildet ist.
Nach dem Rande zu löst sich das Plasmodium in zahlreiche
Protoplasmafäden auf, die theils dicker, theils ungemein fein sind und
sich unter einander zu einem zierlichen Netzwerk verbinden. Auch hier
lassen dickere Fäden eine dünne Schicht von homogenem Hautplasma und
darin eingeschlossenem Körnerplasma erkennen, während an den feineren
Fäden eine solche Unterscheidung nicht möglich ist. In der zuweilen
sehr umfangreichen Protoplasmamasse finden sich sehr zahlreiche,
kleinste Zellkerne überall vertheilt.
[Illustration: =Fig. 9. Chondrioderma difforme.= Nach ~Strasburger~.
_f_ Theil eines älteren Plasmodiums. _a_ trockene Spore. _b_ Dieselbe
im Wasser quellend. _c_ Spore mit austretendem Inhalt. _d_ Zoospore.
_e_ aus Umwandlung der Zoospore hervorgegangene Amöben, die sich zum
Plasmodium zu vereinen anfangen. (Bei _d_ und _e_ Kern u. contractile
Vacuolen zu sehen.)]
Unter den Rhizopoden, welche in sehr verschiedenen Arten im süssen und
salzigen Wasser vorkommen, ist ein durch Max Schultze’s Untersuchungen
(I. 29) besonders berühmt gewordenes Object, die +Gromia oviformis+
(Fig. 10). Der körnige, mit einigen kleinen Zellkernen versehene
Protoplasmakörper füllt theils ein ovales Gehäuse aus, das an einem Pol
eine weite Oeffnung trägt, theils dringt es an letzterer nach aussen
hervor und überzieht die Oberfläche des Gehäuses in dünner Schicht. War
der Organismus nicht gestört worden, so strahlen vom herausgetretenen
Protoplasma feinste Fädchen (Pseudopodien) oft von erstaunlicher Länge
nach allen Richtungen in’s Wasser aus; manche gabeln sich, andere lösen
sich in zahlreichere Fädchen auf oder senden Seitenzweige ab, durch
welche sie sich mit benachbarten Pseudopodien verbinden.
Die so eigenthümliche Körpersubstanz der eben beschriebenen
niedersten Organismen wurde von +Dujardin+ als
Sarcode bezeichnet, da sie wie die Muskelsubstanz höherer
Thiere Bewegungen ausführen kann. Unter dem Eindruck der
+Schleiden+-+Schwann+’schen Zellentheorie suchte man an der
Sarcode eine Zusammensetzung aus kleinsten Zellen nachzuweisen und in
dieser Weise die Sarcodeorganismen dem Zellenschema zu unterwerfen,
bis in ganz anderer Richtung die Lösung gefunden wurde. Forscher wie
+Cohn+ (I. 7), +Unger+ verglichen zuerst die Sarcode wegen
der Gleichartigkeit ihrer Lebenserscheinungen dem protoplasmatischen
Inhalt einer Pflanzenzelle. Durch +Max Schultze+ (I. 29), +de
Bary+ (I. 2) und +Haeckel+ (I. 10) wurde die Identität von
Sarcode und Protoplasma der thierischen und pflanzlichen Zellen über
allen Zweifel festgestellt und namentlich von dem erstgenannten
Forscher zu der oben schon beschriebenen Reform der Zellentheorie und
zur Begründung seiner Protoplasmatheorie (siehe S. 7) benutzt.
[Illustration: =Fig. 10. Gromia oviformis.= Nach ~M.
Schultze~.]
In den Amöben, Lymphzellen, Schleimpilzen und Rhizopoden lernten
wir nackte Zellkörper kennen; bei Pflanzen und Thieren dagegen sind
die Zellkörper, bei ersteren fast stets, bei letzteren sehr häufig
in eine deutlich unterscheidbare, zuweilen sehr dicke und feste
Substanz (Membran, Intercellularsubstanz) eingehüllt und stellen
dann mit ihr zusammen ein Kämmerchen oder eine Zelle in des Wortes
eigentlichster Bedeutung dar. Als Beispiele dienen junge Zellen aus
der Nähe des Vegetationspunktes einer Pflanze und Knorpelzellen einer
Salamanderlarve.
An den Vegetationspunkten der Pflanzen (Fig. 12 _A_) sind die
Zellen, die sich hier lebhaft vermehren, sehr klein und thierischen
Zellen sehr ähnlich. Sie werden von einander nur durch sehr dünne
Cellulosewände abgegrenzt. Die kleinen Hohlräume werden vollständig
vom Zellkörper ausgefüllt, der, vom Kern und von Chlorophyllbildern
abgesehen, nur aus feinkörnigem Protoplasma besteht.
Die +Knorpelzellen+ junger Salamanderlarven empfiehlt
Flemming als das sicherste und beste Object, an welchem sich
Protoplasmastructuren im lebenden Zustand studiren lassen.
Der Zellkörper, welcher während des Lebens wie bei den jungen
Pflanzenzellen die Höhle im Innern der Knorpelgrundsubstanz ganz
ausfüllt, ist „von ziemlich stark lichtbrechenden Fäden von weniger
als 1 μ Durchmesser und gewundenem Verlauf durchzogen; sie sind meist
um den Kern dichter angeordnet und zugleich mehr wellig verschlungen;
die Peripherie der Zellen wird bald von Fäden ganz oder fast
freigelassen, bald auch nicht, zuweilen sind sie hier selbst recht
dicht.“
[Illustration: =Fig. 11. Lebende Knorpelzelle der Salamanderlarve,
stark vergrössert, mit deutlicher Filarsubstanz= (nach ~Flemming~).