Genau denselben Bau glaubt nun Bütschli für das Protoplasma aller
pflanzlichen und thierischen Zellen (Fig. 4 u. 5) auf Grund seiner
Untersuchung lebender und mit Reagentien behandelter Objecte
annehmen zu müssen. Den Oellamellen, welche im künstlichen Schaum
die Flüssigkeitströpfchen trennen, entspricht ein plasmatisches
Gerüst. Auch hier sind in den Knotenpunkten desselben die Körnchen
(Mikrosomen) zusammengedrängt. Auch hier ist der Protoplasmakörper
nach aussen häufig zu einer Alveolarschicht differenzirt. Das Bild,
welches andere Forscher als Faden- und Netzwerk mit communicirenden,
die Flüssigkeit bergenden Maschenräumen beschreiben, deutet Bütschli
als Waben- und Schaumwerk mit allseitig abgeschlossenen Räumen; er
bemerkt aber selbst zu dieser Deutung, dass bei der Kleinheit der in
Frage stehenden Structuren nach dem mikroskopischen Bilde allein eine
feste Entscheidung darüber, ob Netz- oder Wabenstructur vorliege,
sich nicht treffen lasse (II. 7b, pag. 140), denn „in beiden Fällen
müsse das mikroskopische Bild dasselbe sein.“
Soll nun bei der Deutung die Aehnlichkeit mit künstlich hergestellten
Schäumen, durch welche sich schliesslich Bütschli in seinem Urtheil
bestimmen lässt, den Ausschlag geben?
Hier möchte ich doch zwei Bedenken geltend machen: erstens das
Bedenken, dass für den Bau der Kernsubstanz, die ohne Zweifel dem
Protoplasma in ihrer Organisation verwandt ist, die Wabentheorie
nicht zutrifft. Denn während des Kerntheilungsprocesses treten mit
grösster Deutlichkeit fädige Anordnungen in Form der Spindelfasern
und Nucleïnfäden hervor, deren Existenz wohl von Niemand in Zweifel
gezogen werden kann.
[Illustration: Fig. 4.]
[Illustration: Fig. 5.]
=Fig. 4. Zwei lebende Plasmastränge aus den Haarzellen einer
Malve.= Etwa 3000fach vergr. Nach ~Bütschli~ Taf. II, Fig.
14.
=Fig. 5. Schwimmhautartige Ausbreitung mit sehr deutlicher Structur
aus dem Pseudopodiennetz einer Miliolide.= Lebend etwa 3000fach
vergr. Nach ~Bütschli~ Taf. II, Fig. 5.
Das zweite Bedenken ist mehr theoretischer Natur:
Oellamellen bestehen aus einer Flüssigkeit, die mit Wasser nicht
mischbar ist. Soll der Vergleich zwischen Schaumstructur und
Protoplasmastructur auf etwas mehr als einer oberflächlichen
Aehnlichkeit beruhen, so müssten die den Oellamellen verglichenen
Plasmalamellen aus einer Eiweisslösung oder flüssigem Eiweiss
zusammengesetzt sein. Diese Annahme trifft nicht zu, weil
Eiweisslösung mit Wasser mischbar ist, also auch mit dem Wabeninhalt
sich mischen müsste; Eiweissschäume müssten mit Luft hergestellt
werden. Um diese Schwierigkeit zu umgehen, nimmt Bütschli als
chemische Grundlage der Gerüstsubstanz des Protoplasma eine
Flüssigkeit an, die aus einer Combination von eiweissartigen und von
Fettsäuremolecülen hervorgegangen sei. (II. 7b, pag. 199.) Diese
Hülfsannahme dürfte, wie überhaupt die Annahme einer flüssigen
Beschaffenheit der Gerüstsubstanz, wenig Beifall finden. Denn nach
vielen Richtungen hin erscheint doch die theoretische Forderung eine
wohlberechtigte, dass die Structurelemente des Protoplasma, mögen
sie nun Fädchen eines Netzes oder Lamellen eines Wabenwerks oder
Körnchen oder sonst was sein, einen festen Aggregatzustand haben. Das
Protoplasma ist kein Gemengsel zweier nicht mischbarer Flüssigkeiten,
wie Wasser und Oel, sondern besteht aus einer Verbindung fester,
organischer Substanztheilchen mit reichlichem Wasser. Damit sind aber
auch ganz andere physikalische Bedingungen gegeben (vergleiche den
Abschnitt über Molecularstructur. S. 49).
Die dritte von den oben aufgeführten Lehren oder die
+Filartheorie+ ist an den Namen von Flemming (II. 10) geknüpft.
Bei der Untersuchung vieler Zellen im lebenden Zustand (Knorpel-,
Leber-, Bindegewebs-, Ganglienzellen etc.) beobachtete Flemming im
Protoplasma (Fig. 6) feinste Fädchen, die etwas stärker lichtbrechend
sind, als die sie trennende Zwischensubstanz. In manchen Zellen sind
die Fädchen kürzer, in anderen länger; bald sind sie spärlicher,
bald reichlicher vorhanden. Ob sie von einander getrennt sind und
durchweg an einander vorbeilaufen, oder ob sie sich zu einem Netz
verbinden, konnte nicht bestimmt entschieden werden; wollte man
sie sich aber auch zu einem Netz verbunden denken, so würden die
Maschenräume sehr ungleich weit ausfallen. Flemming nimmt daher im
Protoplasma zwei verschiedene Substanzen an, über deren chemische
Natur und deren Aggregatzustand er sich nicht näher äussert: eine
+Fädchensubstanz+ und eine +Zwischensubstanz+, oder eine
Filar- und Interfilarmasse. (Mitom und Paramitom.) Welche Bedeutung
dieser Structur zukommt, worüber sich zur Zeit noch gar nichts
aussagen lässt, muss der Zukunft anheimgegeben werden.
[Illustration: =Fig. 6. Lebende Knorpelzelle der Salamanderlarve, stark
vergrössert, mit deutlicher Filarsubstanz= (nach ~Flemming~).