Vergr. 1250. Nach ~Bütschli~ Taf. III, Fig. 4.]

Genau denselben Bau glaubt nun Bütschli für das Protoplasma aller

pflanzlichen und thierischen Zellen (Fig. 4 u. 5) auf Grund seiner

Untersuchung lebender und mit Reagentien behandelter Objecte

annehmen zu müssen. Den Oellamellen, welche im künstlichen Schaum

die Flüssigkeitströpfchen trennen, entspricht ein plasmatisches

Gerüst. Auch hier sind in den Knotenpunkten desselben die Körnchen

(Mikrosomen) zusammengedrängt. Auch hier ist der Protoplasmakörper

nach aussen häufig zu einer Alveolarschicht differenzirt. Das Bild,

welches andere Forscher als Faden- und Netzwerk mit communicirenden,

die Flüssigkeit bergenden Maschenräumen beschreiben, deutet Bütschli

als Waben- und Schaumwerk mit allseitig abgeschlossenen Räumen; er

bemerkt aber selbst zu dieser Deutung, dass bei der Kleinheit der in

Frage stehenden Structuren nach dem mikroskopischen Bilde allein eine

feste Entscheidung darüber, ob Netz- oder Wabenstructur vorliege,

sich nicht treffen lasse (II. 7b, pag. 140), denn „in beiden Fällen

müsse das mikroskopische Bild dasselbe sein.“

Soll nun bei der Deutung die Aehnlichkeit mit künstlich hergestellten

Schäumen, durch welche sich schliesslich Bütschli in seinem Urtheil

bestimmen lässt, den Ausschlag geben?

Hier möchte ich doch zwei Bedenken geltend machen: erstens das

Bedenken, dass für den Bau der Kernsubstanz, die ohne Zweifel dem

Protoplasma in ihrer Organisation verwandt ist, die Wabentheorie

nicht zutrifft. Denn während des Kerntheilungsprocesses treten mit

grösster Deutlichkeit fädige Anordnungen in Form der Spindelfasern

und Nucleïnfäden hervor, deren Existenz wohl von Niemand in Zweifel

gezogen werden kann.

[Illustration: Fig. 4.]

[Illustration: Fig. 5.]

=Fig. 4. Zwei lebende Plasmastränge aus den Haarzellen einer

Malve.= Etwa 3000fach vergr. Nach ~Bütschli~ Taf. II, Fig.

14.

=Fig. 5. Schwimmhautartige Ausbreitung mit sehr deutlicher Structur

aus dem Pseudopodiennetz einer Miliolide.= Lebend etwa 3000fach

vergr. Nach ~Bütschli~ Taf. II, Fig. 5.

Das zweite Bedenken ist mehr theoretischer Natur:

Oellamellen bestehen aus einer Flüssigkeit, die mit Wasser nicht

mischbar ist. Soll der Vergleich zwischen Schaumstructur und

Protoplasmastructur auf etwas mehr als einer oberflächlichen

Aehnlichkeit beruhen, so müssten die den Oellamellen verglichenen

Plasmalamellen aus einer Eiweisslösung oder flüssigem Eiweiss

zusammengesetzt sein. Diese Annahme trifft nicht zu, weil

Eiweisslösung mit Wasser mischbar ist, also auch mit dem Wabeninhalt

sich mischen müsste; Eiweissschäume müssten mit Luft hergestellt

werden. Um diese Schwierigkeit zu umgehen, nimmt Bütschli als

chemische Grundlage der Gerüstsubstanz des Protoplasma eine

Flüssigkeit an, die aus einer Combination von eiweissartigen und von

Fettsäuremolecülen hervorgegangen sei. (II. 7b, pag. 199.) Diese

Hülfsannahme dürfte, wie überhaupt die Annahme einer flüssigen

Beschaffenheit der Gerüstsubstanz, wenig Beifall finden. Denn nach

vielen Richtungen hin erscheint doch die theoretische Forderung eine

wohlberechtigte, dass die Structurelemente des Protoplasma, mögen

sie nun Fädchen eines Netzes oder Lamellen eines Wabenwerks oder

Körnchen oder sonst was sein, einen festen Aggregatzustand haben. Das

Protoplasma ist kein Gemengsel zweier nicht mischbarer Flüssigkeiten,

wie Wasser und Oel, sondern besteht aus einer Verbindung fester,

organischer Substanztheilchen mit reichlichem Wasser. Damit sind aber

auch ganz andere physikalische Bedingungen gegeben (vergleiche den

Abschnitt über Molecularstructur. S. 49).

Die dritte von den oben aufgeführten Lehren oder die

+Filartheorie+ ist an den Namen von Flemming (II. 10) geknüpft.

Bei der Untersuchung vieler Zellen im lebenden Zustand (Knorpel-,

Leber-, Bindegewebs-, Ganglienzellen etc.) beobachtete Flemming im

Protoplasma (Fig. 6) feinste Fädchen, die etwas stärker lichtbrechend

sind, als die sie trennende Zwischensubstanz. In manchen Zellen sind

die Fädchen kürzer, in anderen länger; bald sind sie spärlicher,

bald reichlicher vorhanden. Ob sie von einander getrennt sind und

durchweg an einander vorbeilaufen, oder ob sie sich zu einem Netz

verbinden, konnte nicht bestimmt entschieden werden; wollte man

sie sich aber auch zu einem Netz verbunden denken, so würden die

Maschenräume sehr ungleich weit ausfallen. Flemming nimmt daher im

Protoplasma zwei verschiedene Substanzen an, über deren chemische

Natur und deren Aggregatzustand er sich nicht näher äussert: eine

+Fädchensubstanz+ und eine +Zwischensubstanz+, oder eine

Filar- und Interfilarmasse. (Mitom und Paramitom.) Welche Bedeutung

dieser Structur zukommt, worüber sich zur Zeit noch gar nichts

aussagen lässt, muss der Zukunft anheimgegeben werden.

[Illustration: =Fig. 6. Lebende Knorpelzelle der Salamanderlarve, stark

vergrössert, mit deutlicher Filarsubstanz= (nach ~Flemming~).

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 79 / 170 题