ZWEITES CAPITEL.

Die chemisch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften der

Zelle.

+Die Zelle ist ein Organismus+ und als solcher kein einfaches,

sondern ein aus vielen, verschiedenartigen Theilen zusammengesetztes

Gebilde. Die wahre Natur aller dieser Theile, welche sich

augenblicklich noch grösstentheils unserer Kenntniss entziehen,

genauer festzustellen, wird noch für lange Zeit eine Aufgabe

biologischer Forschungen bleiben. Wir stehen jetzt in unserem

Verständniss dem Zell-Organismus in ähnlicher Weise gegenüber, wie

vor hundert Jahren die Naturforscher dem thierischen und pflanzlichen

Gesammtorganismus vor der Entdeckung der Zellentheorie. Um in das

Geheimniss des Zellorganismus noch tiefer einzudringen, müssen

die optischen Hülfsmittel, noch mehr aber und +vor allen Dingen

die chemischen Untersuchungsmethoden auf eine höhere Stufe der

Vollendung, als sie zur Zeit besitzen, gebracht werden+. Es

scheint mir zweckmässig, diese Gedanken gleich hier hervorzuheben,

damit sie der Leser bei der folgenden Darstellung immer vor Augen hat.

In jeder Zelle ist ausnahmslos +ein+ besonders geformter Theil

nachzuweisen, welcher im ganzen Organismenreich mit einer grossen

Gleichförmigkeit auftritt, der Zellenkern. Ihm und dem übrigen Theil

der Zelle, dem Protoplasma, kommen offenbar eigenartige Aufgaben

im Lebensprocess des Elementarorganismus zu. Daher lässt sich

die Untersuchung der chemisch-physikalischen und morphologischen

Eigenschaften der Zelle am besten in zwei Theile zerlegen: in die

Untersuchung des Protoplasmakörpers und in die Untersuchung des

Zellkerns.

Daran schliessen sich als Anhang noch 3 kleinere Abschnitte an.

Von diesen handelt der erste über die Frage: Giebt es kernlose

Elementarorganismen? Der zweite beschäftigt sich mit den Pol- oder

Centralkörperchen, welche als besondere Zellorgane neben dem Kern

zuweilen im Protoplasma aufgefunden werden; in dem dritten wird ein

kurzer Abriss von der Nägeli’schen Theorie der Molecularstructur

organisirter Körper gegeben werden.

I. Die chemisch-physikalischen und morphologischen Eigenschaften des

Protoplasmakörpers.

Bei Pflanzen und Thieren sehen die Zellen zuweilen nach Form und

Inhalt so ausserordentlich verschieden aus, dass sie auf den ersten

Blick überhaupt nichts Gemeinsames und Vergleichbares darzubieten

scheinen. Man vergleiche die Substanz einer Pflanzenzelle am

Vegetationskegel mit einer von Stärkekörnern erfüllten Zelle

der Kartoffelknolle, oder den Inhalt einer Embryonalzelle einer

Keimscheibe mit dem Inhalt einer Fettzelle oder eines mit

Dotterplättchen angefüllten Amphibieneies. Der unbefangene Beobachter

wird nur Gegensätze erblicken. Trotzdem stimmen alle diese so

ungemein verschiedenen Zellen bei tieferer Untersuchung in einem

Punkte überein: in dem Besitz eines sehr wichtigen, eigenthümlichen

Stoffgemenges, das dort in grösserer Masse, hier nur in Spuren

vorhanden ist, in keinem Elementarorganismus aber vollständig

vermisst wird. Dieses Stoffgemenge lässt in vielen Fällen die

wunderbaren Lebensphänomene erkennen, von denen später gehandelt

wird, die Eigenschaft der Contractilität, der Reizbarkeit etc.,

und da dasselbe ausserdem bei jugendlichen Zellen, bei niederen

Organismen, bei den Zellen des Vegetationskegels und der Keimscheibe,

allein den Zellkörper -- vom Kern natürlich abgesehen -- ausmacht,

hat man in ihm den hauptsächlichen Träger der Lebensfunctionen

erblickt. Es ist das Protoplasma oder die bildende Substanz (forming

matter) des englischen Histologen +Beale+ (I. 3).

a) Begriff des Protoplasmas und Berechtigung desselben.

Um zu wissen, +was Protoplasma ist+, wird man am besten dasselbe

an solchen Zellen untersuchen, in denen es möglichst frei von anderen

Beimischungen und in grösserer Menge auftritt, und am besten an den

Objecten, an denen sich die Begründer der Protoplasmatheorie ihre

Vorstellung von der Natur desselben gebildet haben. Solche Objecte

sind junge Pflanzenzellen, Amöben, Rhizopoden, die Lymphkörperchen

von Wirbelthieren. Wer hier die charakteristischen Eigenschaften des

Protoplasma erkannt hat, wird dasselbe auch in solchen Zellkörpern

auffinden, in denen es nur in geringer Menge vorhanden und durch

andere Substanzen mehr oder minder verdeckt ist.

Es ist der Vorschlag gemacht worden (II. 10), den +Begriff

Protoplasma+, mit dem ein unberechtigter Cultus getrieben werde,

überhaupt ganz fallen zu lassen; denn die Verwendung dieses Wortes

sei heutzutage eine so unbestimmte und schrankenlose geworden, dass

man sich mit Recht fragen könne, ob durch seinen jetzigen Gebrauch

wirklich Nutzen und nicht viel mehr Verwirrung gestiftet werde.

Dieser Vorschlag kann weder als ein zweckdienlicher, noch als ein in

der Sache berechtigter bezeichnet werden. Denn wenn auch zugegeben

werden mag, dass von mancher Seite das Wort in verkehrter Weise

gebraucht wird, dass es auch nicht möglich ist, in einem kurzen

Satze eine erschöpfende Definition des Wortes Protoplasma zu geben,

und dass man in manchen Fällen in Verlegenheit kommt, zu sagen,

welcher Theil in einer Zelle Protoplasma ist und welcher nicht,

so geht aus alle dem die Entbehrlichkeit des Protoplasmabegriffes

noch in keiner Weise hervor. Aehnliche Bedenken können auch gegen

manche andere Worte erhoben werden, durch welche wir uns über

bestimmte Stoffgemenge der Organismen zu verständigen suchen. Mit

dem Wort Nuclein oder Chromatin bezeichnen wir z. B. einen gewissen

Bestandtheil des Kerns, der für Manchen leidlich gut bestimmbar

erscheinen wird. Und doch wird der Mikroskopiker zugeben müssen, dass

es im ruhenden Kerngerüst nicht möglich ist, genau zu bestimmen, was

Linin und was Nuclein ist, oder zu entscheiden, ob man im einen Fall

nicht zu viel, im anderen Fall zu wenig +mit+ gefärbt hat.

Ebenso wenig wie das Wort Nuclein, ist das Wort Protoplasma

entbehrlich, um sich über die Zellbestandtheile zu verständigen. Nur

soll man nicht den Anspruch erheben, dass mit dem Wort Protoplasma

ein chemisch scharf definirbarer Körper bezeichnet sei.

+Protoplasma ist ein morphologischer Begriff+ (und dasselbe gilt

mehr oder minder auch für das Wort Nuclein und so viele andere);

es ist eine Bezeichnung für ein Stoffgemenge, das einer Anzahl

physikalischer, chemischer und biologischer Eigenschaften zeigt.

Solche Begriffe sind bei dem gegenwärtigen Stand unserer Wissenschaft

unentbehrlich. Wer mit der Geschichte der Zelle bekannt ist, weiss,

welche Summe von Beobachtung und wie viel logische Denkarbeit

vieler Forscher nothwendig gewesen ist, um den Begriff Protoplasma

zu entwickeln, der weiss, dass mit der Schaffung dieses Begriffes

die ganze Zellen- und Gewebelehre einen viel tieferen Inhalt

gewonnen hat. Wie viele Kämpfe hat es gefordert, bis festgestellt

wurde, dass an der Zelle nicht die Membran, sondern der Inhalt das

Wesentliche ist, und dass in dem Inhalte wieder eine besondere,

überall wiederkehrende Substanz ist, die in ganz anderer Weise als

der Zellsaft, die Stärkekörner und Fetttropfen am Lebensprozess

betheiligt ist.

Das Wort Protoplasma hat daher nicht nur seine historische, sondern

auch seine wissenschaftliche Berechtigung, und so wollen wir denn

näher zu bestimmen suchen, was darunter zu verstehen ist.

b) Allgemeine Charakteristik des Protoplasmas.

Das Protoplasma einzelliger Organismen, pflanzlicher und thierischer

Zellen (Fig. 1 und 2) erscheint als eine zähflüssige, fast immer

farblose, mit Wasser nicht mischbare Substanz, die in Folge einer

gewissen Aehnlichkeit mit schleimigen Stoffen von Schleiden als

Schleim der Zelle bezeichnet wurde. Sie bricht das Licht stärker als

Wasser, so dass selbst feinste Protoplasmafädchen sich trotz ihrer

Farblosigkeit in diesem Medium erkennen lassen. In keinem Protoplasma

fehlen kleinste, nur wie Punkte erscheinende Körnchen, die

Mikrosomen, die bald spärlicher, bald reichlicher vorhanden und in

eine bei schwächerer Vergrösserung homogen aussehende Grundsubstanz

eingebettet sind. Je nach der Menge der Mikrosomen sieht daher das

Protoplasma bald mehr durchscheinend, hyalin, bald etwas dunkler und

körnig aus.

Die Vertheilung der Körnchen im Zellenleib ist selten eine

gleichmässige. Gewöhnlich bleibt eine mehr oder minder feine,

oberflächliche Schicht körnchenfrei. Da dieselbe ausserdem noch einen

etwas festeren Aggregatzustand als die von ihr eingeschlossene,

wasserreichere und körnige Protoplasmamasse darbietet, hat man beide

als zwei verschiedene Plasmaarten unterschieden und die eine als

+Hautplasma+ oder +Hyaloplasma+ und die andere als +Körnerplasma+

bezeichnet (Fig. 2 _ek._ _en._).

Manche Forscher, wie namentlich Pfeffer, de Vries etc. sind geneigt,

+in der Hautschicht ein besonders differenzirtes und mit besonderen

Functionen betrautes Organ des Zellkörpers+ zu erblicken. Zu Gunsten

einer derartigen Auffassung liess sich wohl das folgende von mir

angestellte Experiment verwerthen:

[Illustration: =Fig. 1. Parenchymzellen aus der mittleren Schicht der

Wurzelrinde von Fritillaria imperialis; Längsschnitte, nach 550maliger

Vergrösserung.= Nach ~Sachs~ (II. 33) Fig. 75. _A_ dicht über der

Wurzelspitze liegende, sehr junge Zellen, noch ohne Zellsaft; _B_ die

gleichnamigen Zellen etwa 2 Millimeter über der Wurzelspitze, der

Zellsaft _s_ bildet im Protoplasma _p_ einzelne Tropfen, zwischen

denen Protoplasmawände liegen; _C_ die gleichnamigen Zellen etwa 7–8

Millimeter über der Wurzelspitze; die beiden Zellen rechts unten sind

von der Vorderfläche gesehen, die grosse Zelle links unten im optischen

Durchschnitt gesehen; die Zelle rechts oben durch den Schnitt geöffnet;

der Zellkern lässt unter dem Einfluss des eindringenden Wassers eine

eigenthümliche Quellungserscheinung wahrnehmen (_x_ _y_). _k_ Kern.

_kk_ Kernkörper. _h_ Membran.]

Reife, in den Eileiter eingetretene und mit einer Gallerthülle

umgebene Eier von Rana temporaria wurden mit der äusserst feinen

Spitze einer Glasnadel vorsichtig angestochen. Die so hervorgerufene

Verletzung war nach der Operation äusserlich nicht wahrnehmbar.

Ein Austritt von Dottersubstanz war an der Stichstelle nicht zu

bemerken. Als aber darauf die Eier befruchtet wurden, so begann

nach einiger Zeit an allen verletzten Eiern Dottersubstanz in

ziemlich beträchtlicher Menge an der Oberfläche hervorzuquellen und

zwischen Ei- und Dotterhaut einen mehr oder minder grossen Höcker

(Extraovat. Roux) zu bilden. Durch den Akt der Befruchtung wurde der

Substanzaustritt erst hervorgerufen, weil durch das Eindringen des

Samenfadens die Eirinde gereizt und, wie an geeigneten Objecten

leicht zu beobachten ist, zu einer energischen Contraction angeregt

wird. Durch den Stich muss mithin in der Hautschicht der Zelle

eine Wunde entstanden sein, welche bis zur Befruchtung noch nicht

hatte ausheilen können und erst in Folge der durch die Befruchtung

bedingten Contraction Dotter ausfliessen liess. Da nun zwischen der

Verletzung und dem Eindringen des befruchtenden Samenfadens bei den

Froscheiern immer ein längeres, von mir nicht genauer bestimmtes

Zeitintervall liegt, so dürfte dies wohl dafür sprechen, dass der

Hautschicht in der That eine besondere, von dem darunter gelegenen

Zellinhalt etwas verschiedene Structur und besondere Eigenschaften

zukommen.

c) Chemische Zusammensetzung des Protoplasmas.

Ausserordentlich unbefriedigend sind unsere Kenntnisse von

der +chemischen Natur des Protoplasma+. Man hat zuweilen

dasselbe als einen Eiweisskörper oder geradezu als „lebendes

Eiweiss“ bezeichnet. Durch solche Ausdrucksweisen kann leicht eine

grundfalsche Vorstellung vom Wesen des Protoplasma herangerufen

werden. Darum wiederhole ich: Protoplasma ist kein chemischer,

sondern ein morphologischer Begriff, Protoplasma ist keine chemische

Substanz noch so zusammengesetzter Art, sondern ein Gemenge

zahlreicher, chemischer Stoffe, die wir uns als kleinste Theilchen zu

einem wunderbar complicirten Bau mit einander vereinigt vorzustellen

haben.

[Illustration: =Fig. 2. Amoeba Proteus.= Nach ~Leidy~. Aus ~Rich.

Hertwig~. _n._ Kern. _cv._ Contractile Vacuole. _N._ Nahrungsballen.

_en._ Körnerplasma. _ek._ Hautplasma.]

Chemische Substanzen zeigen in verschiedenen Aggregatzuständen (das

Haemoglobin zum Beispiel als Bestandtheil der Blutkörperchen, im

Wasser gelöst oder in Krystallform) übereinstimmende Eigenschaften;

Protoplasma dagegen lässt sich nicht in andere Aggregatzustände

überführen, ohne sofort aufzuhören, Protoplasma zu sein. Denn seine

wesentlichen Eigenschaften, in denen sich sein Leben äussert,

beruhen eben auf einer bestimmten Organisation. Ebenso wie die

hauptsächlichen Eigenschaften einer Marmorstatue in der Form

bestehen, die Künstlerhand dem Marmor gegeben hat, und wie eine

Statue aufgehört hat, eine solche zu sein, wenn sie in kleine

Marmorsteinchen zerschlagen ist (Nägeli II. 28), so ist auch ein

Protoplasmakörper nach Zerstörung der Organisation, auf welcher

sein Leben beruht, kein Protoplasma mehr; wir untersuchen in den

abgetödteten, mit Reagentien behandelten Zellen streng genommen nur

die stark veränderten Trümmer desselben.

Die Chemie wird vielleicht in absehbarer Zeit so weit fortgeschritten

sein, dass sie Eiweisskörper durch Synthese künstlich darzustellen

vermag. Einen Protoplasmakörper zu bilden, wäre dagegen ein ähnliches

Beginnen, wie der Versuch Wagners, einen Homunculus in der Phiole

auszukrystallisiren. Denn nach allen unseren Erfahrungen +entstehen

Protoplasmakörper auf keinem andern Wege als durch Fortpflanzung

aus vorhandenem Protoplasma; ihre heutige Organisation ist daher das

Product einer ausserordentlich langen historischen Entwicklung+.

Was für Substanzen jedem lebenden Protoplasma eigenthümlich sind, ist

sehr schwer chemisch zu bestimmen. Denn abgesehen davon, dass schon

jeder Eingriff den leicht zersetzbaren Körper wesentlich verändert,

wird auch noch dadurch die Untersuchung erheblich erschwert, dass

ausser dem Protoplasma in jeder Zelle Stoffwechselproducte der

verschiedensten Art mit eingeschlossen sind, die sich nicht leicht

absondern lassen. In dem complicirten Stoffgemenge legt man als

eigentlichen Trägern der Lebensprocesse einen besonderen Werth

den +Proteinsubstanzen+ bei, den complicirtesten organischen

Körpern, die es gibt, und über deren chemische Constitution die

Analyse noch wenig sichere Aufschlüsse gegeben hat. Ihre complicirte

Structur beruht in erster Linie auf den ganz aussergewöhnlichen,

chemischen Eigenschaften des Kohlenstoffs (Haeckel II. 15). In den

Proteinsubstanzen haben sich dem Kohlenstoff 4 andere Elemente,

Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Schwefel beigesellt, in einem

Verhältniss, welches man durch die Formel C₇₂H₁₀₆N₁₈SO₂₂

(+Zusammensetzung eines Eiweissmolecüls+) auszudrücken versucht

hat (Nägeli II. 28).

Unter den verschiedenen Arten der Proteinkörper (Albumine, Globuline,

Fibrine, Plastine, Nucleine etc.) scheint für das Protoplasma

besonders nur das +Plastin+ charakteristisch zu sein, (Reinke

II. 32, Schwarz II. 37, Zacharias II. 44); dasselbe ist im Wasser und

10% Kochsalz und 10% schwefelsaurer Magnesia unlöslich; in verdünnter

Essigsäure wird es gefällt, in concentrirter zur Aufquellung

gebracht; in concentrirter Salzsäure wird es gefällt; es widersteht

sowohl der Pepsin- als der Trypsinverdauung. Es färbt sich wenig oder

gar nicht in basischen, dagegen in sauren Anilinfarben (Eosin und

S-Fuchsin).

Daneben finden sich in geringerer Menge Globuline und Albumine, die

auch in gelöstem Zustand im Zellsaft der Pflanzen vorkommen.

+Das Protoplasma ist sehr reich an Wasser+, welches, wie

Sachs (II. 33) bemerkt, zu seiner Molekularstructur in demselben

Sinne gehört, wie z. B. das Krystallwasser zur Structur sehr

vieler Krystalle nöthig ist, die ihre krystallinische Form durch

Entziehung des Krystallwassers verlieren. An frischen Fruchtkörpern

von Aethalium septicum fand Reinke (II. 32) 71,6% Wasser und 28,4%

bei 100 Grad getrocknete Substanz. 66% Flüssigkeit liess sich durch

Auspressen erhalten.

Im Protoplasma kommen ferner stets eine Anzahl verschiedener

+Salze+ vor und bleiben bei der Verbrennung desselben als Asche

zurück. Bei Aethalium septicum enthält die letztere an Grundstoffen

Chlor, Schwefel, Phosphor, Kalium, Natrium, Magnesium, Calcium, Eisen.

Lebendes Protoplasma gibt eine deutlich +alkalische Reaction+;

rothes Lackmuspapier, sowie ein im Braunkohl vorkommender, von

Schwarz verwandter, rother Farbstoff wird blau. Es ist dies bei

Pflanzen auch dann der Fall, wenn der Zellsaft wie gewöhnlich sauer

reagirt. Die alkalische Reaction rührt nach den Untersuchungen von

Schwarz (II. 37) bei den Pflanzen von Alcali her, welches in dem

lebenden Protoplasma an die Proteinkörper gebunden ist. Aethalium

septicum entwickelt nach Reinke (II. 32) in getrocknetem Zustande

Ammoniak.

Ausserdem lassen sich im Protoplasma stets die verschiedensten

+Stoffwechselproducte+ nachweisen, welche theils der progressiven,

theils der regressiven Metamorphose angehören. Sie zeigen

im thierischen und pflanzlichen Zellenkörper eine grosse

Uebereinstimmung. Hier wie dort sind Pepsin, Diastase, Myosin, Sarkin,

Glycogen, Zucker, Inosit, Dextrin, Cholestearin und Lecithin, Fette,

Milchsäure, Ameisensäure, Essigsäure, Buttersäure etc. gefunden worden.

Als Beispiel für die +quantitative Zusammensetzung einer Zelle+

einschliesslich ihres Kernes theilt +Kossel+ (II. 35) in seinem

Lehrbuch eine von Hoppe-Seyler ausgeführte Analyse der Eiterkörperchen

mit. Nach derselben enthalten 100 Gewichtstheile organischer Substanz:

verschiedene Eiweissstoffe 13,762,

Nucleïn 34,257,

unlösliche Stoffe 20,566,

Lecithin }

Fette } 14,383,

Cholestearin 7,400,

Cerebrin 5,199,

Extractivstoffe 4,433.

In der Asche fand sich Kalium, Natrium, Eisen, Magnesium, Calcium,

Phosphorsäure und Chlor.

In physikalischer Hinsicht liess sich zuweilen an Protoplasmafäden,

in denen die Bewegung vorwiegend in einer Richtung vor sich ging,

Doppelbrechung beobachten und zwar so, dass die optische Axe mit der

Bewegungsrichtung zusammenfiel (Engelmann).

d) Feinere Protoplasmastructur.

Es wurde oben das Protoplasma als ein Stoffgemenge bezeichnet, in

welchem wir uns die kleinsten Theilchen zu einem complicirten Bau mit

einander verbunden vorzustellen haben. In diesen Wunderbau hat die

Forschung noch tiefer einzudringen versucht, theils auf speculativem

Wege, theils mit Hülfe mikroskopischer Beobachtung.

In der ersten Richtung hat Nägeli höchst bedeutsame Gedanken

entwickelt, die in einem besonderen Abschnitt über die

„Molecularstructur organisirter Körper“ ausführlicher dargestellt

werden sollen.

In der zweiten Richtung sind in der Neuzeit zahlreiche Forscher, unter

ihnen vor allen Dingen Frommann, Flemming, Bütschli und Altmann thätig

gewesen. Zum Untersuchungsobject diente sowohl lebendes als auch durch

geeignete Reagentien abgetödtetes Protoplasma, letzteres namentlich,

nachdem durch verschiedene Färbemethoden kleinste Theilchen in ihm

wahrnehmbar gemacht worden waren. So ist schon eine besondere, kleine

Literatur über das Kapitel „+Protoplasmastructur+“ entstanden.

Ausgehend davon, dass das Protoplasma ein Gemisch von einer kleinen

Menge fester Substanzen mit reichlicher Flüssigkeit ist, welchem

Umstand es seinen eigenthümlichen, weichflüssigen Aggregatzustand

verdankt, könnte man die Frage aufwerfen, ob bei Anwendung der

stärksten Vergrösserungen es möglich ist, die festen Substanztheilchen

von dazwischen ihnen enthaltenen Flüssigkeit optisch zu unterscheiden

und in ihrer Anordnungsweise besondere Structuren zu erkennen. A

priori braucht eine solche Unterscheidbarkeit nicht nothwendig zu

sein, sofern die festen Substanztheilchen sehr klein sind oder in

ihrem Lichtbrechungsvermögen von der Flüssigkeit nicht genügend

verschieden sind. So nimmt in der später genauer auseinandergesetzten

+Micellartheorie Nägeli+ (II. 28) +eine gerüstförmige Anordnung der

festen Substanztheilchen an, welche sich aber wegen der geringen Grösse

der hypothetischen Micellen unserer Wahrnehmung entzieht+. Mit einem

Wort, es kann das Protoplasma eine sehr verwickelte Structur haben,

trotzdem es uns optisch als ein homogener Körper erscheint. Mit der

Bezeichnung homogenes Protoplasma ist also nicht nothwendiger Weise das

Urtheil verknüpft, dass das Protoplasma einer besonderen Structur oder

Organisation entbehre.

In der Neuzeit, wo die starken Oel-Immersionssysteme bei den

Untersuchungen ausgiebiger benutzt werden, häufen sich immer mehr

die Angaben, dass dem Protoplasma eine optisch wahrnehmbare Structur

allgemein zukäme; doch weichen die einzelnen Mikroskopiker in ihren

Urtheilen so wesentlich auseinander, dass eine Vermittelung zwischen

ihnen nicht möglich ist.

Auf der Tagesordnung der wissenschaftlichen Discussion stehen

augenblicklich wenigstens vier sich befehdende Lehren, welche als

Gerüsttheorie, als Schaum- oder Wabentheorie, als Filartheorie und als

Granulatheorie charakterisirt werden können.

Die +Gerüsttheorie+ ist von Frommann (II. 14), Heitzmann (II. 17),

Klein (II. 21), Leydig (II. 26), Schmitz (II. 36) u. A. aufgestellt

worden. Nach ihr besteht das Protoplasma aus einem sehr feinen Netzwerk

von Fibrillen oder Fäserchen, in dessen Lücken die Flüssigkeit

enthalten ist. Es gleicht daher im Allgemeinen einem Schwamm, oder

seine Structur ist, wie man sich kurz ausdrückt, eine spongiöse. Die

im Körnerplasma sichtbaren Mikrosomen sind nichts Anderes als die

Knotenpunkte des Netzes.

Bei einem Ueberblick über diese Literatur wird man finden, dass

unter der Bezeichnung „spongiöser Bau des Protoplasma“ zuweilen

ganz heterogene Dinge zusammengeworfen worden sind. Theils beziehen

sich die Beschreibungen auf gröbere Gerüstwerke, welche durch

Einlagerung verschiedenartiger Stoffe in das Protoplasma, wie

später noch ausführlicher besprochen werden wird, bedingt sind

und daher nicht als eine dem Protoplasma als solchem anhaftende

Structur bezeichnet und mit ihr zusammengeworfen werden dürfen.

Dies gilt zum Beispiel für die Beschreibung der Becherzellen von

List (II. 48, s. S. 31 Fig. 17). Theils sind netzförmige Structuren

beschrieben und abgebildet worden, die, offenbar durch Gerinnung

(durch einen Entmischungsvorgang) hervorgerufen, als Kunstproducte

gedeutet werden müssen. Künstliche Gerüststructuren kann man sich

z. B. leicht erzeugen, wenn man Eiweisslösungen oder Leimgallerte

durch Zusatz von Chromsäure, Pikrinsäure oder Alkohol zur Gerinnung

bringt. So zeichnet Heitzmann (II. 17) in sehr schematischer Weise

in die verschiedensten Zellen des thierischen Körpers Netzwerke ein,

welche dem wirklichen Zustand in keiner Weise entsprechen. Auch

Bütschli bemerkt in seiner Literaturübersicht (II. 7b pag. 113),

„es sei überhaupt häufig recht schwierig zu entscheiden, ob die von

früheren Beobachtern beschriebenen Netzstructuren eigentliche feinste

Plasmastructuren seien oder ob sie auf gröberen Vacuolisationen

beruhen. Da sich beide sehr ähnlich sehen, könne man hierüber nur auf

Grund der Grössenverhältnisse ein einigermaassen gesichertes Urtheil

gewinnen.“ +Bütschli+ fand durchgängig, dass die Maschenweite

der eigentlichen Plasmastructuren kaum 1 μ überschreitet.

Wenn somit gegen viele Angaben gerechte Zweifel erhoben werden

können, liegen anderen Beschreibungen (Frommann, Schmitz, Leydig

etc.) wohl wirklich feinere Structuren des Zellkörpers zu Grunde.

In der Deutung der als Netzwerk beschriebenen Bilder nimmt +Bütschli+

einen eigenen, von den genannten Forschern abweichenden Standpunkt

ein, welcher ihn zur Aufstellung einer +Schaum- oder Wabentheorie des

Protoplasma+ (II. 7a, 7b) veranlasst hat.

Durch Vermischung von eingedicktem Olivenöl mit K_{2}CO_{3} oder

mit Kochsalz oder Rohrzucker gelang es ihm, feinste Schäume

herzustellen, deren Grundmasse Oel ist, das von zahllosen, allseitig

abgeschlossenen und von wässeriger Flüssigkeit erfüllten Räumchen

durchsetzt ist (Fig. 3). Der Durchmesser der letzteren bleibt bei

sehr feinen mikroskopischen Schäumen in der Regel unter 0,001 mm.

Die kleinen Räumchen, die sich Bienenwaben vergleichen lassen und

die verschiedenartigsten Polyëder darstellen können, werden durch

feinste, das Licht etwas stärker brechende Oellamellen von einander

getrennt. In der Anordnung der Waben muss nach physikalischen Regeln

stets die Bedingung erfüllt sein, dass immer nur 3 Lamellen in einer

Kante zusammenstossen. +Auf dem optischen Durchschnitt treffen daher

in einem Knotenpunkte immer nur 3 Linien zusammen.+ Waren im Oel vor

der Schaumbildung feine Russpartikelchen vertheilt, so sammeln sich

dieselben in den Knotenpunkten des Wabenwerks an. An feinen Schäumen

lässt sich endlich noch eine oberflächliche Schicht nachweisen, in

welcher die kleinen Waben in besonders eigenthümlicher Weise angeordnet

sind in der Weise, dass ihre an die Oberfläche stossenden Scheidewände

aus Oel senkrecht zu dieser gerichtet und daher auf dem optischen

Durchschnitt parallel zu einander gelagert sind. Bütschli unterscheidet

dieselbe als eine +Alveolarschicht+ (Fig. 3 _alv_).

[Illustration: =Fig. 3. Optischer Durchschnitt der Randpartie eines

aus Olivenöl und Kochsalz hergestellten Oelschaumtropfens mit sehr

deutlicher und relativ hoher Alveolarschicht= (_alv_).

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 78 / 170 题